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Full text of "Correspondenz Blatt Für Schweizer Ärzte 1895 25"

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COßßiSPONDENZ-BLATT 


für 


Schweizer Aerzte. 


Herausgegeben 

von 

Dr. E. Halfter und Dr. 1. Jaquet 

io Fraoonfeld. io Haje). 


Jahrgang XXV. 


1895 . 



BASEL. 

Benno Schwabe, Verlagsbuchhandlung. 

1895. 



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Register. 


I 


I. Sachregister. 

(0 = Original« rbeiten.) 
Abitinenzverein, ärztl. 603. 

. Acropathien 661. 

! Aetinomycoae 471, 661. 

| Aerzte-Krankenkassen 382. 

, Aerzte-Strike 703. 

! Aethernarcose 190. 

J Aerztetag in Lausanne 285, 317, 344. 

• Aerztetag, clin., in Bern 316. 

£ Aerztlicbe Reelame 383. 

Airol 237, 395. 

Alcohol in der Therapie 784, 785. 

Alcoholiamns chron., Beh. 125, Kampf gegen 638. 
, Akanderoperation 0 769. 

Alopecia areata 479. 

ARitnde, höchste 384. 

Angina, Behandlung 96. 

Angiosarcom d. Pankreas 121. 

Antitoxische Sernmflässigkeiten 30. 

Aorta, Communicat. mit Pnlmonalis 84. 
Aortenaneurysma 209. 

Aorteninsnfficienz, Ohrgerausch bei 233. 
Aortenklappen 85. 

Arthritis gonorrhoica 480. 

Aseptik bei der Gebart 177, 0 258. 

Asthma bronch., Behandlung 288. 

Athetose, congenitale 118. 

Atlas der Anatomie 156. 

Atrophien bei Ankylose 698. 

Anerglöhücht 125. 

Attlgesnrungene Hände, Behandlung 704. 
Aogenbewegungen 696. 

Antomaten und mediciniscbe Reclame 95. 


C?" 9 3, 123, 157, 285, 413, 444 
^ Wirkung 660 . 

Wer-Alm»nach 480. 

iÖSTÄf~ 

"B£n Bi 7 ge Ä’ Ther> P ie «7. 

& RjZLV Hämalbnmin. Galina. Nr. 
a Hfatlbnn,^ n”V Tama r'nden-E8aenz. Nr. 
* B^rtnacop®. jj r Nr : 4. Commentar zi 
^emiich-VLr™!' '' J*“**rind»n-E8senz. Nr. 

P rmacentiachesLaboratorimn Tnbii 


gen. Nr. 9. Wasserheilanstalt Bottmingen. Sol- 
veol. Nr. 10. Bad Sehinznach. Jahrbuch der 
pract. Med., Zeitschr. f. sociale Medic. Nr. 11. 
Franz-Josef Bitterwasser. Nr. 12. Wasserheil¬ 
anstalt Bottmingen. Papain Reuss. Nr. 13. Ta- 
marinden-Essenz. Grand Hotel Bex. Nr. 14. Creo* 
sotcarbonat. Nr. 15. Hoffmann, Traub & Cie. 
Nr. 16. Liebreich Encyclop. d. Therapie. Nr. 20. 
Hoffmann, Traub & Cie. Airol. Nr. 23. Diph¬ 
therie-Zählkarte. 

‘Berichtigung 128, 800. 

Berufsgeneimniss des Arztes 732. 

Bibliographie, medicin. 735. 

Blasenanästhesie, locale 524. 

Blattern, Epidemie in Bern 53. 

Blennorrhoea neonat. 588. 

Blinde, Beschäftigung 416. 

Blindenzählung 588. 

Blut, Entfernung von Händen 413. 

Blutdruck, Registr. beim Menschen 655. 
Blutgerinnung 658. 

Botriocephalus u. Mitralinsuffic. 662. 

Bromalin 255. 

Bromidia 608. 

Bronchitis, Behandlung 93, 286. 
Bronchopneumonie bei Kindern 799. 
Brustmarkexstirpation 631. 

Bubonen, Behandlung 254, 525. 

Oaffeeintoxication 560. 

Calomel bei Ascites 736. 

Cardialgie, Behandlung 320. 

Caseinsalbe 446. 

Castration bei Prostatahypertrophie 125. 
Centralverein, 50. Vers. 638, 670, 702, 748, 784. 
Cephalalgie, Behandlung 255. 

Cervicalrisse 663. 

Chlorose, Behandlung 559. 
Choledocho-Dnodenostomie 0 194. 

Cholera, Verschleppung 63, Gift n. Antitoxin 639. 
Cocain, Gefahren 528. 

Coccygodynie 61. 

Congresse: 13 für innere Medicin 124, 222, 276; 
deutscher Verein für öffentliche Gesundheits¬ 
pflege 127, 381. XL internationaler med. in 
Rom 158, 317. V. internst. Otologen-C. 222, 
445. 78. Versammlung d. Schweiz, naturforsch. 

Gesellschaft 381. XII. intern. C. in Moscau 381, 
524. II. internat. de gy necologie 413. Congr. 



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IV 


f. Fürsorge für die Kinder 413. III. internst. 
Physiologen 445, 330, 655. IV. Versammlung 
der deutsch. Otolog.-Gesellsehaft 445. 67. Ver¬ 
sammlung deutscher Naturforscher 478. V. in- 
ternat. C. gegen den Alcoholmissbrauch 523. 
III. intern, f. Psychologie 765, balneol. C. 768. 
Creosotsaft, geschmackloser 224. 

Creosotdämpie bei Bronchitis 640. 

Cystoscopie 26. 

Delirium tremens, Behandlung 96. 
Demonstrationen, clin. 24, 316, 374, 472, 545, 
590, 661. 

Deontologie,. medicin. 318. 

Dermoidcyste der Orbita 545. 

Diabetes, alternirende Behandlung 526. 
Diphtherie, Diagnose, 0 481, 0 673, 0 746. 
Diphtherieheilserum, Behandlung 23, 50, 61, 

0 129,141, 207, 241, 276, 332, 397, 0 579, 583. 

— Wirkung 320. 

— Todesfall nach 525. 

Diphtherierecidiv 470. 

Diphtherie, Sammelforschung 559, 0 737. 
Diuretica bei Herzkranken 0 648. 

Dysenterie, Behandlung 96. 

Einnehmegläschen 124. 

Eisen, Resorbirbarkeit 287. 

Eisentherapie 278. 

Eklampsie, Behandlung 159. 

— ein Fall mit Autopsie 270, 663. 

Ekzem, Behandlung 224, 286, 384. 
Elektrodynamometer 152. 

Enteralgie 93. 

Enteroptose 0 321. 

Epileptische, Anstalten für 764. 

Erbrechen nach Chloroformnarcose, Beh. 192. 
Ernährung der Neugeborenen 124. 

Erysipel, Behandlung 192. 

Erythema nodosum 0 65. 

Exalginvergiftung 126. 

Extensionsverband 672. 

* Farbencontrast 696. 

Favus 480. 

Fibromyom u. Menopause 271. 

Filixextract 416. 

Flimmerepithelcyste 0 680. 

Formaldehyd 159. 

Fracturen des Humerus, des Schenkelhalses, im 
Geh verband 661. 

Frauenkrankheiten, mechan. Behandlung 52. 
Frauenstudium, medic. 639. 

Friedreich’sche Krankheit 0 652. 

Frigotherapie 94. 

Furunculose, Behandlung 223. 

Grallicin, 0 230. 

Gastrische Störungen, Behandlung 448. 
Geburtshilfliche Untersuchung 0 298. 

Gehirn, Homoplasticität 632 
Gesellschaft z. Herstellung bacteriologischer Pro¬ 
ducta 352, 671. 

Gesundheitsbeamten, Stellung 81, 111. 
Gewerbehygienische Sammlung, Zürcher 242. 
Glaucoin 768. 


Globulinbest, im Harn 394. 

Gonorrhoe, Behandlung 288. 

Gorgonia 698. 

Guajacol, Analgetic. 256, 608. 

Gummisache, spröd gewordene 560. 

Haarnadel in der Harnblase 236. 

Hämatokolpos 372. 

Hämatoma, Trepanation bei 121. 
Hämoglobinspectrum 359. 

Hämorrhoiden, Behandlung 253. 
Harnleiterscheidenfistel 0 97. 

Hautsinne 180. 

Heilquellen; Schweiz, im Auslande 29. 

Herpes zoster, Behandlung 64. 

Herz, zur Physiologie des 655. 

Herzgeräusche, diastol. accidentelle 0 33. 
Herzlähmung 655. 

Herzleiden, seltener Fall, 0 542. 

Herzrhythmus, Ursache des 655. 

Herzschwäche, Behandlung 127. 

Herztöne, Spaltung 158. 

Hirnrinde, Hemmungsfunct. 631. 

Hitzschlag 125, 415. 

Hohenclima 176. 

Höllensteinflecken 416. 

Holzschnitte 52, 101, 102, 103, 101, 106, 427, 449. 
Hornhautüberpflanzung 0 451. 

Hülfe, erste 120. 

Hülfscasse für Schweiz. Aerzte. Beilage zu Nr. 2, 
4, 6, 8, 10, 12, 14, 18, 20, 22. 

— Rechnung 215. 

Hydro-balneol. Schule 672. 

Hyperhydrose 768. 

Icterus gravis 663. 

Infection, Verhütung der 0 197. 

Influenza, Chinin als Prophylacticum 798. 
Insectenstiche, Behandlung 415. 

Iris, Innervation 660. 

Ischias, Nitroglycerin bei 255. 

Jubiläen: Skliflösowski 192, Kappeier 440. 

Kaiserschnitt 25. 

Kindbettfieber, Behandlung 753. 

Kinderdiarrhoen 318. 

Kleiderläuse, Behandlung 560. 

Klima, alpines bei Chirurg. Tubereulose 703. 
Koch8alzinjeetionen, subconjunctivale 240. 
Körperliche Uebungen 308, 513. 
Kohlenoxydvergiftung 0 107. 
Kohlensäurebestimmung 659. 

Krätze, Behandlung 127. 

Krankencassen u. ärztl. Honorare 32 und Ausfül¬ 
lung d. Krankenscheine 635, auf d. Lande 716. 
Krankentransport im Hochgebirge 52. 

Krebsserum 447. 

Kreislauf, lymphat 660. 

Lähmung, diphtherit. 662. 

Laparotomie wegen Uterusruptur 25, 

— vaginale 591. 

Lombroso 116. 

Lungenblutungen 254, 512. 

Lungenheilanstalt 123, 766. 

Lungenkranke, Colonie für 523. 


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430. 

^ a genge8ch^r\® e f? 1 na,12ei gen 446. 

^"leiden, chron*£?“"* 320 ' 

Jkgensaft Änaff£ 3 ßq o 

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Ma^^ ilchbr0d 0 W». 

MaSifi ei8enSpl ! tterextraction 547 

SÄ""« electrica» 657. 

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Mesiscitis chron. traamat. 732 
Mesenterium, Axendrehnng 271. 

Mi ch, Einführung grosser Quantitäten 415. 
Mibtarsamtätswesen, Schweiz. Neuerungen 429. 

Milz- und Pankreasentwickelung 182. 

Milzbrand beim Menschen 87, 0 169. 

Missbildungen, Heredität 557. 

Mittelohreiterungen, operat. Behdlg. 175, 0 358. 

Mucin 306. 

Mundschleimhaut, Pflege 96. 

Muskeln, Wachsthumsvorgänge in den 633. 

Muskelfaser, Structur 659. 

Muttermund, Rigidität 64. 

Myopie, operat. Behandlung 546, 0 612. 

Myositis ossificans 431, 471. 

Dfachtschweisse der Phthisiker 767. 

Näh rcly stiere 160. 

Nase, Behandlung der rothen 208. 

Natrium bicarbonicum, Wirkung auf den Magen 
192. 

Necrologe: F. König 28, Dr. Bär 92, Werner 
Dudly 156, Karl Stettier 187, Adolf NüscheJer 
284, Fr. Müller 340, Jos. Stupnicki 380» N. 

Räz u. H. Steinei 412, W. Haffter 439, Bun¬ 
desrath Carl Schenk 450, Jos. Hartmann 475, 

Ant. Schiffmann 520, Wilh. Breiter 552, Th. 

Auchlin 669, Miescher 692, Stitzenberger 700, 
Rütimeyer 782. 

Nephropexie 403. 

Nerven, Dauer d. Excitabilität im durchschnitte¬ 
nen 657. 

Nervenreiz, Fortpflanzung 631. 

Nervensystem, sympath. 632. 

Nervenzellen, neugebildete 632, Structur 632. 

Neuralgie, Behandlung 704. 


Rarachlorphenol 403. 

Pasteur 0 773. 

Pemphigus foliac. 117. 

Perityphlitis 0 561, 619. 

Pernionen, Behandlung 736. . no 

Personalien: Flückiger 29; A. E. Burckhardt J3; 
Rouge 93; Kocher 93; Semmelweiss 96; Ludwig 
381; Thiersch 317; Socin 413; H. v.Wyss, Egger, 
Mefzner 444; Schenk 444; Siebenmann 523; 
v. Sury, Ed. Graf, Hoppe-Seyler, Schimmelbusch, 
Thure-Brandt 557; Miescher 603; Bardeleben 
640; Sonderegger 670; Pasteur 671. 
Pharmacop®, engl. 672. 

Physiologisch-optische Mitteilungen 658. 
Pilocarpin bei Diphtherie 222. 

Pleuritis, Beziehungen z. Tuberculose 0 385, 402. 
Pneumothorax, Operat. de Delorme 0 167. 
Poliklinik, Pariser 443. 

Poliomyelitis cervical. 210. 

Praecipi tatsalbe, gelbe 607. 

Preisaufgabe, Demographische 639. 

Pseudoleukämie 86. 

Publicistik, medic., Monatsschrift f. Geburtshülfe 
und Gynäkologie 63, Zeitschr. f. Ohrenheilk. 798. 
Puerperalfieber ohne Localisation 371. 
Pulmonalstenose, congenit. 210. 

Pyramiden u. Pyramidenstränge 657. 

Quecksilberluftpumpe 696. 

Rachentumor 85. 

Rachitis, Aetiologie 398. 

Rectumprolaps 24. 

Redactionsartikel: Prosit 1895 1. Aerztetag inLau- 
sänne 257, Zur 50. Vers. d. Centralvereins 641. 
Reden: Haffter 49, Haab 203, Haffter 748 790 
ReizschwankuDgen, electr. 659. J 

Respirationsapparat 634. 

Rieselfelder u. Hygiene 607. 

Riegenkind 117. 

Roborirende Pulver 96. 

Rothes Kreuz, Schweiz. Centralverein 221 285 
Rückenmarkswurzeln, hintere, motor. Bedtg. 657. 


Odontol 95. 

Oesophagotomie 335, 0 426. 

Ohren, Missbildung der 151. 

Oligurie, Behandlung 736. 

Ophthalmie, sympathische 0 529. 

Opiate mit Caffee 63. 

bei 222 - 

Ovar.cXmt»“ liChe 117 - 373 ’ 661 - 

W’ V8gina,e 663 ‘ 

Oxyuren, Behandlung 415 . 


Salamanderblut und Curare 696. 

Salycilsaures Natron, Verschreibung von 223. 
Sanitätscorps, Leistungen der deutschen 765. * 
Sanitätsorganisat. in a. Schweiz. Armee 221 429 
Sängethier-Netzhaut 432. ’ 

Schädelform, Vererbung 399. 

Schaukelstuhl bei Magenatonie 64. 
Schenkelhalsbrüche, Behandlung 271. 
Schilddrüsenfunction 0 3, 48 

-,srs »i,ä ° “• a * r *>■ 

Sclerodermie 239. 

Schluckinnervation 696. 

Schnupfen 704. 

Schnüren, Wirkung 310. 

Schussverletzung des Herzens 84. 

^O^öOlf 6 ^ Qre ^ e * ne > Schädlichkeitsgrenze 

Schwäche, allgem., Behandlung 448. 

Schwindel 478. 

Sehwindsuchtsterblichkeit 445. 

Seeluft bei Behandlung der Scrofulose 558. 


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VI 


Sehschärfe 658. 

Selbstmord in der Schweiz 722. 

Sero-therapeut. Institut 413. 

Signirtinte 528. 

Skoliose, Apparate 333. 

Somnambulismus 373. 

Soolbadtherapie 0 161. 

Sprunggelenk 696. 

Sputum, Sedimentirung durch Verdauung 0 225. 
Standes» u. Disciplinarordnung, ärztl. 557. 
Stärkebildung 659. 

Strafgesetzbuch Schweiz., Medicinische Fragen 20. 
Stramonium Vergiftung, 172. 

Stromgeschwinaigkeit des Blutes 656, 657. 
Streptococceninfection, fötale 85. 
Sulfonalvergiftung 303. 

Syphilitische Fürsorge 42. 

Tabes, Behandlung der lancin. Schmerzen 286. 
Tachyphag 242. 

Tafeln: Zu Nr. 1. Schilddrüsenfunction: Nr. 3. 
Erythema nodosum; Nr. 10. Geburtsh. Unter¬ 
suchung: Nr. 18, Bundesrath Schenk. 

Telamon 670. 

Tendovaginitis 0 389. 

Tetanisirung, Wirkung 696. 

Theilung der Arbeit 728, 763. 
Thränendrüsenexstirpation 511, 0 710. 
Thyroidintabletten, Missbrauch 671. 

Thyreoidismus 400, 696, 723. 

Toa durch Electricität 95. 

Tongrenze, untere 656. 

Tonsillarhypertrophie, Behandlung 704. 

Toxinämia cerebrospinalis 0 417, 457. 
Trigeminnsdurchschneidung, trophische Störungen 
nach 736. 

Trigeminusneuralgie 524. 

Trional 63, 287. 

Tripperrheumatismus 672. 

Tripperäbertragung 32. 

Tropfengewicht flüssiger Arzneimittel 603. 
Truppenverbandplätze, ärztl. Dienst 414. 

Typnlitis, Pathologie u. Therapie 280. 

TJlcera cruris, Behandlung 640. 

Ulcus corne®, Behandlung 158. 

Ulcus rotundum ventricul., Behandlung 528. 
Unterkieferresection 118. 

Untersuchung innere in d. Hebammenpraxis 606. 
Urin, Beseitigung der Alcalesc. bei Cystitis 352. 
Urticaria, Behandlung 95. 

Uterusblutungen, Behandlung 604. 

Uteruscarcinom 318. 

Uterusmyom 24. 

Vagus, respirat. Function 697. 

Velo-Sport. Einfluss auf das Herz 671. 

Verdauung, peptische 633, erste Perioden 656. 
Verdünnte Lurt, Wirkung 698. 

Verstopfung, Oelclystiere nei 605. 

Warzen, Behandlung 159. 

Waschmethoden, Desmfection 88. 

Wattetampons, sterile 228. 

Wehenschwäche, Strychnin bei 608. 


Zahnen, schmerzhaftes, Behandlung 415. 
Zuckerbestimmung im Harn 0 508, 560. 
Zwerchfellnaht 118. 

Zwerchfellruptur, chirurg. Behandlung 0 353. 


II. Namenregister. 

Albrecht 598, 599. 

Albrecht, J., 0 583. 

Arloing 657. 

Arthus 658. 

Asher 430, 660. 

Axenfeld 697. 

Bach 408. 

Beck 52. 

Beck 657. 

Beust 124. 

Beuttner, 0 298. 

Billeter 183. 

Blattner 141. 

Blumer 716. 

Bonjour 373. 

Boruttau 631. 

Bourget 246. 

Bowaitch 696. 

Brandenberg 596. 

Bumm, 0 97, 117, 753. 

Burckhardt, A. E., 313, 756. 
Burdon-Sanderson 659. 

Oerenville 374. 

Christ 275, 595. 

Combe 372. 

Cremer 659. 

Cubasch 236. 

Baiber 394. 

Dastre 656. 

Debrunner 755, 794. 

Demoor 632. 

Deucher, 0 481, 746. 

Dind 376. 

Drechsel 305, 698. 

Dubois 152, 785. 

Dumont 335, 0 426, 725, 797. 

Egger 247. 

Eichnorst 209, 0 385. 

Einthoven 656. 

Epstein 658. 

Ernst 439. 

Fahrn 237, 239. 

Fankhauser 381. 

Fano 631. 

Favre 270. 

Feer 50, 214, 275, 378, 436, 668, 0 673, 800. 
Fick 0 451. 

Forel 276, 699. 

Frick 472. 

Fritsche 28. 

Froeiich 52. 

Gramgee 659. 

Gaudard 332. 

Gaule 633. 


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— VII — 


Girard 151, 403. 

Gley 660. 

Goltz 631. 

Gönner 61, 124, 157, 213, 313, 399, 667, 699. 
Gotch 657. 

Goillanme 722. 

Gsell 680. 

Gürber 634. 

Raab 203, 545. 

Hffiberlin 52, 519. 

Haffter 49, 61, 183, 237, 276, 440, 474, 724, 748, 
790, 795, 796. 

Haffter, W. 92. 

Hagen bach 23, 397, 398, 737. 

Hägler, sen. 433. 
flägler 211, 395, 634, 727, 763. 

Hanan 248, 549, 698, 728. 

Hären 732. 

Haycraft 656. 

Hegg 511, 0 710. 

Henne 519. 

Hensen 696. 

Herzen 633. 

Heues 208, 406, 593, 759. 

Hirzel 552. 

Hi» 655. 

Hitzig 87, 169. 
floffmann 241. 

Hosch 432, 757. 
flottinger 26. 

Huber 186, 187, 254, 0 321. 

Hörthle 655. 


Jenny 245, 312. 
Iminermann 117, 431. 

Jaquet 188, 214, 311, 381, 
595, 660, 692, 773, 784. 


.Kahlbaum 89, 696. 

Kaiser 655. 

Kappeier 700. 

Kaufmann 153, 185. 

Keller 0 161. 

Knaus 187. 

Kocher 0 3, 48, 0 193, 661. 
Köhl 635. 

Kollmann 116. 665, 666. 

Kreis 436, 551. 
v. Kries 658. 

Krönlein 119. 

Kronecker 655. 

Kummer 156, 246, 668. 

Küreteiner 81, 111. 

.Ladame 313. 

Langley 632. 

Lanz 0 45, 0 289, 597, 696, 723. 
Lardy 0 167. 

Lehmann 91. 

Lesser 0 42, 590. 

Leuch 0 609. 

Leuzinger 764. 

Lindt 335, 0 358. 

Lotz 340. 

Löscher 696. 


Magnus 656. 

Mann 633. 

Marti 240. 

Meier, H. 177, 0 258. 
Meyer 284. 

Meflinger 0 230, 474. 
Metzner 700. 

Miniat 176, 434, 512. 
Mob8o 698. 

Müller, P. 591, 663. 
Müller 271, 475. 

Muralt, W. 0 129. 

Muret 372. 

Mürset 429. 

3 Ssef 520. 

S ;r 272. 
ans 271. 

JParavicini 349. 

Paulus 0 225, 0 508. 
Perregaux 0 652, 727. 
Pfister 58, 92, 215, 516, 0 
Pflüger 588, 0 642. 
Pbisalix 697. 

de Quervain 389. 


407, 410, 435, 443, 


Rapin 371. 
Rehsteiner 0 705. 
Kevillod 400. 
Ribbert 84, 471. 
Ringier 244. 

Ritter 378. 

Rohre r 668 
Rosentbal 659. 
Rossier 373. 

Roten HO. 

Roth 242, 664. 
Roux 374. 
Rutherford 659. 
Rütimeyer 273, 699. 


Sahli 0 33, 481, 0 561, 619, 
Schenk 660. 

Schenk 333. 

Scherrington 657, 697. 

Schiff 657. 

I Schlatfcer 118, 0 353. 

Schultheg8, H. 0 65. 

I Schulthess, W. 513. 

Seitz 123, 184, 186, 315, 378, 
597, 761, 797. 

Senn 517. 

Siebenmann 274. 

Sigg 592. 

Sonderegger 27, 405, 450. 
Spirig 156, 0 233, 0 705. 
Stähli 412. 

Stehlin 782. 

Stöcker 470, 769. 

Stöhr 182. 

Stooss 20. 

Strasser 759. 

Studer 728. 


529, 593, 668. 


662. 


0 417, 435, 457, 


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VIII 


Tavel 756. 

Tigerstedt 634. 

Torriani 252. 

Treves 697. 

Tschlenoff 475, 521, 554. 

v. TJexküll 660. 

"Vitzou 632. 

Vogt, R. 128. 

Volland 0 197. 

Vuillet 403. 

Walker 548. 

Waller 659, 697. 
Walthard 306, 436, 596. 
Wedenski 696. 

Wehrli 172. 

Wessner 273. 

Wiesmann 557. 

Wild 107. 

Wille 28, 91, 122. 

Wille, W. 0 579. 
Wlassak 180. 

Wyder 24. 

Wyss, H. v. 245, 409. 
Wyas 0 242, 310. 

Wyss 303, 517. 

Zangger 0 648. 

Ziegler 542. 

Zschokke 88, 308. 
Zschokke, Fr. 474. 

Zuntz 656. 

Zürcher 344. 


III. Acten der schweizerischen Aerzte- 
Commission und gesetzliche Erlasse. 

Schweizer. Aerzte-Commission. Protokoll 58, 438. 

-Schreiben an Bundesrath Deucher 155. 

-Schreiben betr. Krankenversicherung 336. 

Hülfskasse f. Schweizer-Aerzte. Rechnung 215. 


IV. Vereins wesen. 

Schweizerische Vereine. 

Aerztl. Central verein, 48. Versamral., Protoeoll 49. 

-50. Vers., Einladung 638, 670, 702. 

-Protoeoll 748, 784. 

Schweizer. Aerztetag in Lausanne 285, 317, 344, 
371, 400. 

Cantonale Vereine. 

Basel. Medicin. Gesellschaft 116, 239, 395, 431. 
Bern. Medicin. - pharmaceut. Bezirks verein 53, 
151, 175, 271, 305, 333, 412, 429, 511, 588, 
722 

Zürich. Gesellschaft d. Aerzte 24, 84, 118, 141, 
177, 180, 207, 471, 545. 

— Gesellschaft f. wiss^aschaftl. Gesundheitspflege 
88, 242, 308, 513. 


Y. Correspondenzen. 

Schweiz. 

Basel 340, 763. 

Bern 316, 380, 728. 

Genf 156. 


1 Glarus 28. 

Graubünden 252, 635. 

Luzern 520. 

St. Gallen 156, 475. 

Thurgau 92, 439, 440, 700. 

X. 248. 

Zürich 187, 284, 552, 669, 764. 

Ausland. 

XIII. Congress f. innere Medicin in München 276. 
Aus dem Institut Pasteur 349. 

Pariser Poliklinik 443. 

Erinnerungen aus meiner Thätigkeit in einer 
Cholera-Ambulance in Süd-Russland 475, 521, 
554. 

Ein Monat in London 599. 

Medicinisches aus Rumänien 729. 

VI. Lltteratur. 

(Referate und Kritiken.) 

Ahlfeld, Geburtshülfe 794. 

Alb recht, Gewerbehygiene 664. 

Alexander, Luetische Augenerkrankungen 474. 
Audeoud et Jacot-Descombes, Alterations de myo- 
carde 410. 

Baginsky, Serumtherapie d. Diphtherie 430. 
Bannwarth, Histologie 666. 

Bayer, Chirurg. Operationstechnik 246, chirurg. 

Operationslehre 668. 

Bebber, Meteorologie 405. 

Bentivegni, Anthropolog. Formel für das Ver¬ 
brecherthum 245. 

Bernstein, Lehrbuch d. Physiologie 700. 

Bezold. Ohrenheilkunde 272. 

Bibliothek d. ges. med. Wissensch. 123, 435, 763. 
Biedert, Kinderkrankheiten 245. 

Birch-Hirschfeld, Patholog. Anatomie 378. 

Boos, Diagnostik d. Magenkrankheiten 699. 

Böhm und Davidoff, Histologie d. Menschen 665. 
Börner’s Jahrb. d. pract. Medicin 186. 

Briefe von Th. Billroth 724. 

Brissaud, Legons sur les maladies nerveuses 727. 
Brosius, Verkennung des Irreseins 408. 

Bum, Therap. Lexicon 186. 

Oamerer, Stoffwechsel d. Kindes 379. 

Chiari, Sectionstechnik 549. 

Cramer, Anatomie d. Med. oblong. 666. 

Deutschmann, Heilverfahren bei Netzhautab- 
lösun^ 594. 

Döderlein, Geburtshülfl. Operationscurs 436. 
v. Düring, Vorlesungen über Syphilis 759. 

Edinger, Theorie über die Ursachen einiger 
Nervenkrankheiten 548. 

Edlefsen, Diagnostik d. innern Krankheiten 185. 
Eichhorst, Spec. Pathol. und Therap. 668. 

Elsner, Praxis des Chemikers 437. 

Escherich, Diphtherie, Croup, Serumtherapie 214, 
Aetiologie und Pathogenese d. Diphtherie 275. 

Eick, Augenheilkunde 58. 

Fiertz, Behandlung d. Keuchhustens 378. 


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Frankel, Gasphlegmone 634. 

Fürst, Hygiene der Menstruation 410. 

Gad, Med. Propädeutik 273. 

Gerdes, Pathol. Anatomie 248. 

Geyl, Oedema acut, cervicis 699. 

Gratzer, Therap. Praxis d. Arztes 519. 

Greff, Gebrauch d. Augenspiegels 594. 

Grossmann, Suggestion als Heilmittel 244. 

Haab, Atlas und Grundriss der Ophthalmoscopie 
92. 

Habart. Kleincaliber u. Beb. d. Schusswunden 185. 
Hajek und Schnitzler, Atlas der Laryngologie 275. 
Halliburton, Physiolog. Chemie 40<. 

Haltenhoff’, Traitement des cataractes traumatiques 
215. 

Hauser, Kinderheilkunde 245. 

Hegar, Geschlechtstrieb 311. 

Heim, 0. Blennorrhcea neonator. 593. 

Heim, Bacteriolog. Untersuchung 212. 

Helmholtz, Physiolog. Optik 757. 

Hess, Hilfeleistung bei plötzl. Unfällen 247. i 
Heabner, Behandl. der Diphtherie 797. | 

Huber, Bibliogr. Helminthologie 474. I 

JTentzer u. Bourcart, Heilgymnastik in der Gynä- ! 
kologie 797. 

Karewski, Chirurg. Krankh. d. Kindesalters 275. 
Käst und Kumpel, Pathol. auatorn. Tafeln 728. 
Klebs, Caugale Behandl. d. Tuberculose 756. 

Kobert, Toxikologie 185. 

— Arbeiten aus d. pharmak. Institut 185, 436. 
Koch, Die Frage nach dem geborenen Verbrecher 
216. 

Köstlin, Nervenendigungen in d. weibl. Geschlechts¬ 
organen 666. 

Kuhnt, Erkrankungen der Stirnhöhlen 433. 

JLandolt, Mouvements des yeux 758. 

Lehmano, Medic. Handatlanten 183, 796. 

Lenhossek, Bau des Nervensystems 666. 

Löhlein, Ovarialtumoren und Ovariotomie in 
Schwangerschaft 596. 

Ludwig, Medicin. Chemie 595. 

Luneburg, Gynaecologie des Soranus v. Ephesus 
213. 

Magnus, Augenärztl. Unterrichtstafeln 516. 

Marti, Subconjunctiv. Kochsalzinjectionen 552. 

MArtius, Tachycardie 435. 

Mauthner, Farbenlehre 758. 

Meyer, Ursprung der Chorea minor 596. 

Möbius, Diagnostik d. Nervenkrankheiten 247. 

Moll, Hypnotismus 276. 

Müller, Unfall-Versicherung 517. 

Oppenheim, Nervenkrankheiten 248. 
v. Ott, Ektopische Schwangerschaft 667. 

Passarge und Krösing, Schwund und Regener. 

d. elast. Gewebes d. Haut 551. 

Pentzolt und Stintzing, Spec. Therapie 184, 315, 

597, 761. 

Pinard, Agrandissement momentan^ du bassin 313. 


Plicque, Cliniaue therapeutique 246. 

Pollatschek, Therap. Leistungen 1893, 187. 
Possaner, Retinitis albumin. und Lebensdauer 668. 
Prausnitz, Hygiene 27. 

Realencvclopadie d. ges. Heilkunde 184, 796. 
Rehmann, Typhus in Pforzheim 796. 

Reibmayr, Die Ehe Tuberculöser 592. 

Ribot, Der Wille 122, Persönlichkeit 313. 
Rosenbach, J., Schimmelerkrankungen d. Haut 593. 
Rosenbach, Krankheiten d. Herzens 123. 
Rosenheim, Krankh. d. Verdauungsapparates 186. 
Rothe, Verpflegung Geisteskranker 28. 

Rüdinger, Tojpogr. Anatomie 667. 

Rütimeyer, Bilharziakrankheit 551. 

Rydigier, Behandl. d. Gelenktuberculose 597. 

Sahli, Perforat. seröser pleurit. Exsudate 273, 
Schill, Jahresber. über die Fortschr. d. Diagnostik 
763. 

Schleich, Schmerzlose Operationen 724. 

Schmidt, Krankh. d. oberen Luftwege 274. 

Schmitz, Massigkeit oder Enthaltsamkeit 408. 
Schmorl, Puerperal. Eklampsie 727. 

Schnyder, Ratngeber für Brustkranke 795. 
Schwalbe, Jahrb. d. pract. Medicin 378. 

Schwechten, Kinderkrankheiten 245. 

Seydel, gerichtl. Medicin 409. 

Silberschmidt, Perforationsperitonitis 211. 

Spirig, Bacteriolog. d. Typhuscomplicationen 274. 
Steiger, Physiologie una Pathol. d. Hornhaut- 
refract. 517. 

Stteeklin, de, Mobilit^ des coli-bacilles 212. 

Stöhr, Lehrbuch d. Histologie 759. 

Stoos, XXIX. Bericht d. Jenner-Spitals 598. 
Strümpell, Lehrb. d. spec. Pathologie 214. 

Sudhoff, Kritik der Paracelsischen Schriften 89. 

Tatzel, Psychotherapie 409. 

Terra, Zahnheilkunde 183. 

Thorner, Behandl. d. Lungenschwindsucht 434. 
Tuekay, Psychotherapie 699. 

TJnna, Histopathologie d. Hautkrankheiten 406. 

Verhandl. d. X. Versamml. d. Ges. f. Kinderheilk. 

312. 

| Vierordt, 0., Diagnostik inn. Krankheiten 213. 

Wegele, Behandl. der Magen- und Darmerkran¬ 
kungen 797. 

Wegmann, Der Staub in den Gewerben 91. 

Weyl, Handb. d. Hygiene 313. 

Wieland, Entstehung d. circumscripten u. diffusen 
Peritonitis 634. 

' Winiwarter, Chirurg. Operat. 797. 

Wolff, Behandlung a. Lungenschwindsucht 411. 
v. Wyss, H., Lehrb. d. Toxicologie 756. 

Zarncke, Krankh. der Nase 335. 

Zellweger, Aus meiner Kinderanstalt 595. 

Ziegenspeck, Massage bei Frauenleiden 519. 

Ziegler, Allg. und spec. pathol. Anatomie 474. 

Zienen, Psychiatrie 91. 

Ziemssen, Annalen d. Krankenh. zu München 411. 
Zweifel, Lehrb. d. Geburtshülfe 755. 


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Erscheint am 1. und 15. fgr Preis des Jahrgangs 

jedes Monats. 9 Fr. 12. — für die Schweiz, 

- X f* n TTTßl r/ßV \ ßV Piß Fr * 14 * 50 für das AD8land * 

Inserate kJ\J.LL Vf \JA.£J\JA. XX-CaL jjle Postbureaux nehmen 

35 Cts. die gesp. Petitzeile. Bestellnngen entgegen. 

—~ Herausgegeben von 

Dr. JE, Haffter und Dr. A* Jaquet 

in Pranenfeld. in Basel. 


F 1. XXV. Jahrg. 1895. 1. Januar. 


Ittfeslfts Prosit 1896.— I) Ori ginala rbelten : Theodor Kocher: Die Scbilddrüsenfunction im Liebte neoerer Bebaadluogg- 
metbodes remchiedeoer Kropfforroen. — Prof. Dr. Stooss: Die medieinisehen Fragen im Entwurfs eines Schweiz. Strafgesetz¬ 
buch«. - 19. Ragenbach: Deletäre Nachwirkung bei Diphtberiesernmbehsndlnng. — 2) Verei nsberi ch te: Geceliachaft der 
Aerzte io Zürich, — 8) Kefernte nnd Kritiken: FraucniU: Grundzöge der Hygiene. — Dr. Alf. Rothe: Die familiale 
Verpflegung Geisteskranker. — 4) Cantonaie Correspondensen; Glarus: + Dr. roed. F. König. — 5) Wooben bericht; 
Die Schweiz. Heilquellen im Auslaode. — Wirkungsweise der antitozisehen SerumflQssigkeiten. — Krankenkassen und ärztliche 
Honorare. — Uebertragbarkeit des Trippers. — 6) Briefkasten. — 7) Bibliographisches. 


Prosit 1895! 

Der Vorhang fiel — das Jabresdrama ging zu Ende! 

Der applandirt gehobenen Sinnes and wünscht Fortsetzung im alten Text. Der 
ist unbefriedigt und brütet über vergangene Erlebnisse, über geschehene Handlungen 
and Gedanken, die ihm als Actor zufielen. 

Die Stimmung am Neujahrsmorgen entspricht beim refiectirenden Menschen, 
dessen Gemüth nicht durch jede Gunst oder Ungunst des Augenblicks bewegt zu 
werden pflegt, so ziemlich der moralischen Bilanz des vergangenen Jahres. »Das Gute 
gewollt zu haben* ist ein Trost, befriedigt aber nicht Jeden; man wünscht sich gerne 
auch die Satisfaction des sichtbaren Erfolges. 

Erfolge des Arztes? Wer hat sie richtig abgewogen? Die Welt oder das eigene 
Gewissen ? 

Sprechen wir in einer festlich ernsten Stunde lieber von den G r u n d 1 a g e n 
unseres Berufes: Wissenschaft und Menschenliebe sind die zwei Hauptpfeiler desselben. 

Auf dem uns einst stolz und vollkommen erscheinenden Fundamente, das wir 
während unserer academischen Studien mit .heissem Bemühn* aufgeführt, sollen wir 
practische Aerzte weiterbauen. Prophylaxe und Therapie — der Kern unserer Lebens¬ 
aufgabe — basiren auf dem Stande der Erkenntniss, den wir von der academischen 
Lernzeit mit auf unser Arbeitsfeld nehmen. — Aber aus diesem wissenschaftlichen 
Fundamente fällt im Laufe der Zeiten mancher Stein heraus und muss ersetzt werden. 
Und manche Säule, die .fest wie der Erde Grund* gestellt schien, geräth ins Wanken. 
Misstrauisch beobachtet die leidende Menschheit diesen Wechsel der Anschauungen und 
verzweifelt an dem Werthe unserer Wissenschaft, weil sie nur die au3gewechselten 
Steine und Säulen, nicht aber den Plan des ganzen Bauwerkes übersieht. — .Was ist 
Wahrheit?* fragen auch wir Aerzte, wenn scheinbar sicher begründete physiologische 
und pathologische Erscheinungen plötzlich sich als unsicher und unerklärt erweisen. 

l 


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2 


Aber wir zweifeln nicht und verzweifeln nicht, sondern wir wissen, dass alle Irrthümer 
nnr Kreuz- und Querwege sind, die schliesslich doch zur Wahrheit führen und wir hören 
nicht auf, an den Fortschritt unserer Wissenschaft zu glauben, wenn auch gerade die 
wissenschaftliche Säule unseres Berufes vom oberflächlich instruirten Publicum. als 
anfechtbar verschrieen sein sollte. — 

Ebern und unverändert aber, seit Jesus von Nazareth die Nächstenliebe pre¬ 
digte, steht der andere Hauptpfeiler unseres Berufes — die Humanität. Wer von 
ganzer Seele Arzt ist, nicht nur sein Wissen, sondern auch sein Fühlen für seine 
Kranken einsetzt, dessen Stellung wird durch keine scheinbare Niederlage der Wissen¬ 
schaft beeinflusst. — Der Freund und Bathgeber der Familie, der Hausarzt alten An¬ 
denkens— dieser Beruf wird nie entbehrlich — seine Qualität und seine sociale 
Stellung nie herabgemindert werden. Der wissenschaftliche Arzt, dessen Hauptmotor die 
wahre Humanität ist, war stets und bleibt auch in der Zukunft der richtige unentbehr¬ 
liche Helfer und Berather der leidenden Menschheit! 

So mögen denn die Leuchten der Wissenschaft und der Humanität auch im 
kommenden Jahre unsern Pfad erhellen! Und das sei der Neujahrswunsch des Cor- 
respondenzblattes für seine Leser! 

Noch eines besonderen Werkes reiner Menschenliebe sei an dieser Stelle gedacht 
und dasselbe den Herren Collegeu warm an’s Herz gelegt! Die von Burckhardt und 
Baader gegründete Hülfskaese für Schweizer Aerzte lindert Jahr ans Jahr ein in aller 
Ställe viel verborgenes Elend. Die Zahl unterstützungsbedürftiger invalider Collegen 
und von verwaisten Doctorfamilien, denen der jäh abberufene Ernährer nichts zurück- 
liess, als die Erinnerung an eine aufreibende aber materiell erfolglose Thätigkeit, ist 
viel grösser, als Derjenige ahnt, cui Galenus dat opes. Die Anforderungen an die 
Kasse — und alles solche, denen die berechtigte Dringlichkeit nicht abgesprochen 
werden kann — werden von Jahr zu Jahr grösser. Die Zuschüsse aber wachsen nicht 
im nämlichen Verhältnisse; — Wenn irgendwo, so gilt hier der Satz, dass , Geben seliger 
ist denn Nehmen“. Wir Alle, die wir in der Fülle unserer Kraft und Gesundheit 
inmitten eines schönen Arbeitsfeldes stehen, wir dürfen es alljährlich nicht vergessen, 
dass die kräftige Alimentation der Hülfskasse zu unsern heiligen Pflichten gehört. Nicht 
ein Almosen wollen wir ihr spenden, sondern einen kräftigen Tribut der Dankbarkeit 
dafür, dass wir noch nicht zu denjenigen gehören, welche ein herbes Geschick auf die 
schmerzliche Wohlthat einer Unterstützung angewiesen hat. 

Möge der Ruf nicht ungehört verhallen, sondern bei allen schweizerischen Col¬ 
leges welche in der glücklichen Lage sind, zu geben, die Herzen und die Kassen 
öffnen, aber nicht erst morgen, sondern heute, damit nicht im Laufe geschäftiger 
Wochen der geweckte gute Wille wieder einschlafe. Fiat! 

Mit diesem frommen Wunsche, dem herzlichen Danke gegen alle getreuen Mit¬ 
arbeiter und der Bitte um weitere thatkräftige Mithilfe eröffnet das Correspondenzblatt 
seinen 25. Jahrgang und ruft hinaus in alle Gauen des lieben Vaterlandes und allen 
seinen Lesern diesseits und jenseits des Ozeans 

Prosit 1 895. 


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Original - Arbeiten. 


höre» Die Schilddrüsenfunction im Lichte neuerer Behandlungsmethoden verschiedener 

Kropfformen. 

Vod Theodor Kocher in Bern. 


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eine 

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An- 

iale 

die 

hr- 


Hierzu eine Tafel init zwei Abbildungen. ‘) 

Io der Müncheoer medicinischen Wochenschrift vom Sl. Juli 1894 veröffentlicht 
Dr. Beinhold aus der psychiatrischen Klinik von Prof. Emminghaus unter dem Titel 
„Heber Schilddrüsentherapie bei kropfleidenden Geisteskranken* eine Reibe von Be¬ 
obachtungen, naeh welchen die Verabfolgung von Schilddrüse nach der für das soge¬ 
nannte Myxosdem, besser Cachexia thyreopriva bekannten Methode, einen ausserordent¬ 
lich günstigen Einfluss auf die gewöhnlichen Strumen ausübt. Er verabfolgte auf 
Veranlassung von Prof. Emminghaus sechs Kranken frische Hammelsehilddrüsen in 
Butterbrot mit Leberwurst eingehüllt und zwar zu 6—7 1 /* Gramm pro dosi in Zwi¬ 
schenräumen von 10—14 Tagen oder länger. 

Der Erfolg dieser Therapie war nicht überzeugend für die Beeinflnssung der 
Geisteskrankheit, dagegen zeigte sich eine erhebliche Einwirkung auf die gleichzeitigen 
Ansehwellungen der Schilddrüse. Dieselben gingen bis auf kleine knopfartige Vor- 
Wölbungen zurück, so dass der Halsumfang bis zu 4 cm abnahm während der Be¬ 
handlung. Der Erfolg war so auffällig, dass sich auch eine Wärterin mit Struma das 
Mittel ausbat, und nach zwei Gaben von 6,5 und 10 Gramm war auch bei ihr der 
Halsumfang um 2,25 cm zurückgegangen. Nur in einem einzigen Falle, einen Cysten¬ 
kropf betreffend, blieb die Wirkung aus. Die Therapie zeigte gar keine üblen Neben¬ 
wirkungen; nur in einem einzigen Falle — bei der Wärterin — fand eine Gewichts¬ 
abnahme statt, nach der ersten Dose um 1 kg, nach der zweiten um 0,5 kg. 

Diese höchst interessante „specifiscbe* Wirkung des innerlichen Genusses von 
Scbilddrüsensubstanz auf die menschliche Struma ist als ein zufälliger Fund erhöhen 
worden bei der Absicht, Psychosen durch Schilddrüsentherapie zu beeinflussen, nachdem 
die als Complication der Cachexia thyreopriva auftretenden Geistesstörungen bei der¬ 
selben günstige Erfolge ergeben haben. 

In der deutschen medicinischen Wochenschrift vom 11. October 1894 veröffent¬ 
licht Bruns in Tübingen seine am 25. September an der Naturforscherversammlung 
in Wien mitgetheilten Erfahrungen über die nämliche Behandlung. Er bestätigt durch¬ 
aus die Ergebnisse von Emminghaus und Beinhold. Auch er hat 5—10 Gramm frische 
Drüse alle 2—8 Tage verabfolgt und unter 12 Fällen 4 — Kinder von 4—12 Jahren 
betreffend — vollkommen gebeilt, indem der Halsumfang binnen 4 Wochen um 2 ’/s 
bis 5 cm abnahm. In einem fünften Fall blieb bloss ein cystischer Best zurück; in 
eioern sechsten ging ein rechtsseitiger kleinfaustgrosser Knoten zurück; ein hühnerei- 
grosser Knoten der andern Seite blieb bestehen. Im siebten, achten und neunten Falle 
fand eine Abnahme des Umfangs des Halses um 8 cm statt; in 3 Fällen war die 
Behandlung wirkungslos und musste die Operation vorgenommen werden. 

Bemerkenswerth ist, dass in 5 Fällen eine Abnahme des Körpergewichts statt¬ 
fand, während der Behandlung um 0,5 bis 1,0 kg, ja einmal nach 14tägiger Ffitte- 


>) Wird Nr. 2 d. Bl. beigelegt. 


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rung sogar um 10 kg. Letzterer Fall zeigte zudem Vergiftungserscheinungen in Form 
von Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit, Uebelkeit, Pulsbeschleunigung. Wir werden weiter 
unten zeigen, warum wir auf die Gewichtsreränderung Gewicht legen. 

Wir haben bis zur Stunde eine regelmässige Schilddrüsentherapie bei Strumen 
durchführen können bei 7 poliklinischen Fällen und bei einer grösseren Anzahl klini¬ 
scher Fälle, von denen aber erst 5 als abgeschlossen betrachtet werden können, und 
wollen im Folgenden die Resultate auseinandersetzen. Wir haben uns nicht begnügt, 
den Halsumfang zu messen, da wir seit Langem wissen, wie trügerisch diese Maasse 
sind. Jede Abmagerung, jede Veränderung im Füllungszustande der Halsvenen kann 
den Umfang sehr erheblich beeinflussen, so dass es nicht angängig ist, eine Umfangs* 
Verminderung als ein adsequates Maass für die Verkleinerung der Struma anzuseben. 
Wir haben die Form der Struma und ihre Ausdehnung ganz genau in nahezu lebens¬ 
grosse Schemata eingezeichnet und für jeden Fall einen genauen Status aufgenommen. 
Die Patienten wurden zugleich gewogen und die tägliche Urinmenge (bei den klini- 
nischen Fällen) gemessen. 

Die ‘7 poliklinisch behandelten Fälle gehörten alle dem jugendlichen Alter an, 
da Bruns — entgegen den Erfahrungen Reinhold's — angibt, dass der Erfolg haupt¬ 
sächlich im kindlichen und jugendlichen Alter sicher sei. Keiner unserer Patienten ist 
über 18 Jahr. Von den 7 Fällen blieben 2 von der Therapie nach 5 Wochen unbeein¬ 
flusst. Der eine der Fälle war ein gänseeigrosser Cystenkropf bei einem 16jährigen Mäd¬ 
chen, bei welchem schon von vorneherein ein Erfolg nicht zu erwarten gewesen war. 
Einen zweiten Misserfolg zeigte ein lOjähriges Mädchen mit einem diffusen Colloidkropf 
beider Schilddrüsenhälften von grobkörniger Oberfläche und derbelastischer Consistenz. 
Die Behandlung hatte bei diesen beiden Patienten, wie bei den andern, über 5 Wochen 
gedauert und es war ein Quantum von 10S Gramm Schilddrüse verabreicht worden, 
zum grossen Theil von frischen Hammelschilddrüsen in Substanz verfüttert in Sand¬ 
wichform (unter 6 Malen je 10 Gramm); zum kleinen Theil waren Pillen, von deren 
Wirksamkeit wir bestimmte Kenntniss durch den bei Cachezia strumipriva erzielten 
Heilerfolg besassen, in Gebrauch gezogen worden. Von diesen Pillen entspricht 
ein Decigramm = 1,6 Gramm Drüsensubstanz. Es wurden jeweilen 6 Pillen ver¬ 
abfolgt. 

Bei den 5 anderen Patienten, alle mit diffusen oder diffustuberösen Formen von 
Colloidstruma ist die Wirkung unverkennbar. Die Kröpfe haben sich verkleinert und 
zwar bei allen hauptsächlich im Dickendurchmesser, darnach im Breitendurchmesser; am 
wenigsten ist der Längsdurchmesser beeinflusst. Im Allgemeinen erschienen die verkleinerten 
Kröpfe derber, aber die einzelnen Knollen in lockerer Verbindung mit einander. Zwei 
der Patienten erklärten ausdrücklich, dass sie selber die Abnahme wahrgenommen 
hättet), und dass sie namentlich besser athmen können. 

Von einem Verschwinden der Struma ist bei keinem Einzigen die Rede; im 
Gegentheil hat im Grossen und Ganzen die Struma dieselbe Form behalten wie früher, 
und wenn auch einzelne Knoten kleiner erscheinen, so hat sich doch die Hauptwirkung 
geltend gemacht an dem die Knoten verbindenden und einbettenden hyperplastischen 
Kropfgewebe, wie man es bei Kropfexcisionen in frühen Stadien und bei jungen Individuen 
so gewöhnlich findet. Die eigentlich colloiden Knoten sind ja in der Regel eingebettet 


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to io blaurotbe, kleinkörnige diffus byperplastische Schilddrüsensubstanz. Dieser rein 
bypoplastische Antheil hat in unsern Fällen die Hauptreduction erfahren, 
ig Ueble Nebenwirkungen hat die Behandlung in keinem einzigen Falle gehabt. 

Eine Gewichtsabnahme bat nicht stattgefunden. Entweder ist das Gewicht gleich ge- 
j blieben oder hat zugenommen und zwar um 200, 700 gr, 1 kg, 1100 und 3200 gr. 
Die letztere bedeutendste Zunahme betrifft das Find, bei welchem eher eine Vergrösse- 
rung als eine Verkleinerung des Kropfes stattgefunden hat. 

Diesen 7 poliklinisch behandelten Fällen (diejenigen, welche nicht regelmässig 
kamen, mussten unberücksichtigt bleiben) stehen die 5 abgeschlossenen Fälle gegenüber, 
welche im Spital anfgenommen und verpflegt worden sind. Bei diesen Patienten sind 
zugleich Bestimmungen der täglichen Urinmenge vorgenommen worden. In Hinsicht 
auf letztere ist gleich hinzuzufügen, dass sich gar kein bestimmter Einfluss auf die 
tägliche Harnmenge erkennen liess. Bald war am Tage und nach dem Tage der Schilddrüsen* 
futterung das Urinquantum vermehrt, bald schien es vermindert. Das specifische Ge¬ 
wicht des Urins zeigt ebensowenig constante Schwankungen. Aber allerdings sind 
diese Messungen desshalb nicht massgebend, weil die Nahrung eine verschiedene war. 

Das Quantum Drüse, welches diese Patienten bekamen, war zum Theil erheblich 
grösser als dasjenige der poliklinischen Patienten, indem 2 Patientinnen 220 gr, eine 
194 gr, eine 202 gr erhielten. Auch hier konnte niemals der allergeringste üble 
Einfluss auf das Allgemeinbefinden constatirt werden, obschon das erwähnte Quantum 
binnen 5 Wochen dem Körper einverleibt worden ist. Nur bei einem der Patienten 
mit einem kleinen Kropf konnte eine deutliche Veränderung zum Bessern nicht con¬ 
statirt werden. Bei den 4 andern trat eine sehr deutliche Verkleinerung ein, auch hier 
hauptsächlich im Dicken- und Querdurchmesser und auch hier in der Form, dass die Strumen 
weniger compact zusammenhängende Massen bildeten, vielmehr die einzelnen Colloidknollen 
sich stärker von einander abhoben und gegeneinander beweglich wurden. Die Consistenz 
der übriggebliebenen Zwischensubstanz erschien derber, zäher als vor der Behandlung. 

Die Patienten wurden selber den Erfolg der Verkleinerung des Kropfes sehr wohl ge¬ 
wahr undgaben an, dass sie sich weniger beengt fühlen und die Athmung freier geworden sei. 

Bei einem 12jährigen Mädchen (Marg. Anderegg), welches mit einem kleinen Kropf, 
der sehr starke Athembeschwerden gemacht hatte, eingetreten war, war die Besserung 
der Athmung ganz auffällig. Eine Gewichtsabnahme war in keinem Falle zu con- 
statiren; entweder war das Gewicht gleich geblieben oder batte zugenommen, bei dem 
letztgenannten Kinde sogar um 5 Pfund. 

Bei keinem einzigen der Patienten ist die Struma verschwunden; sie ist im 
Wesentlichen in ihrer Form geblieben, nur erscheinen die einzelnen Colloidknollen kleiner 
als vor der Behandlung; die Beschwerden aber sind in denjenigen Fällen, wo solche in 
ausgesprochener Weise bestanden, wesentlich zurückgegaugen. Allerdings besteht bei 
den grössten unserer Strumen noch Tracheostenose bei Anstrengung, und bei leichtem 
Druck auf dieselbe tritt stärkeres Stenosengeräusch ein. 1 ) 

Zwei Fälle, bei welchen sich bei sehr grossen colloiden und cysto-colloiden Stru- 
men gar keine Wirkung zeigte, wurden operirt, bevor die Behandlung zu Ende ge- 

*) Die eine dieser Patientinnen ist seither operirt worden. Ihr Kropf zeigte sich noch erheb¬ 
lich grösser, als er der Palpation erschienen war. Anordnung der Colloidknoten und Zwischensubstanz 
bot nichts vom gewöhnlichen Verhalten Abweichendes dar (macroscopisch). 


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führt war, da die Patienten ungeduldig wurden. Bei einer Anzahl anderer Patienten ist 
die Behandlung im Gange, ohne dass sich bis zur Stunde etwas Sicheres über den 
Erfolg sagen Hesse, mit Ausnahme einer Frau mit einem gänseeigrossen, älteren Colloid- 
knoten, wo eine Veränderung in keiner Weise zu ersehen ist. Wir haben übrigens 
nicht den Eindruck gehabt, dass das Alter der Individuen für die Wirkung oder Nicht¬ 
wirkung entscheidend sei, vielmehr scheint uns die Natur des Kropfes massgebend. 
Cystische Kröpfe, wie schon Reinhold und Bruns angeben, scheinen von der Behand¬ 
lung gar nicht beeinflusst zu werden. Auch grosse Colloidknoten längerer Dauer, wo 
in der Regel bei Operationen starke Bindegewebsentwicklung, Blutergüsse und diffuse 
Colloidentartuug von Gefässwänden und interstitiellem Gewebe neben der folliculären 
Hyperplasie und der Colloidansammlung in den Follikeln angetroffen werden, scheinen 
der Behandlung nicht zugänglich zu sein, sondern diese Formen bleiben der operativen 
Behandlung Vorbehalten. 

Was die practische Bedeutung der neuen Behandlungsmethode betrifft, 
welche an einzelnen Orten, wie mir erzählt wurde, schon en gros betrieben wird, dem indu¬ 
striellen Zeitgeist gemäss, so kann über dieselbe nur dann bestimmt geurtheilt wer¬ 
den, wenn man sich gegenwärtig hält, was die interne Kropfbebandlung bis jetzt ge¬ 
leistet hat, resp. unter welchen Umständen Stillstand und Rückbildung von Kröpfen 
im Uebrigen beobachtet ist. In erster Linie drängt sich der Vergleich mit der 
Wirkung des Jods auf, als des eigentlichen Specificums gegen Kropfbildung. 

Es sind jetzt 74 Jahre her, seit Jean Frangois Coindet in der Bibliotheque uni¬ 
verselle 1 ) Mittheilung machte von der Entdeckung eines neuen Mittels gegen Kropf. 

Coindet sagt am Schlüsse seiner Abhandlung: La dose de 8 fois vingt gouttes 
de teinture d’jode (ä 10 °/o, also ca. 0,18 Jod pro die) m’a suffi, pour dissiper les 
goitres les plus volumineux, lorsqu’ils n’ötaient qu’un döveloppement excessif du corps 
thyroide, sans autre lösion organique. Apres 8 jours .... la tumeur se ramollit avant 
de diminuer .... les tumeurs goitreuses deviennent plus söpardes les unes des autres. .., 
le noyau s’isole, devient mobile, plus dure .... Quelques-unes de ces tumeurs ont 
rösistö ä l’action de ce rem öde .... souvent le goitre se dissipe incompldtement. Dans 
un grand nombre de cas il se dissipe dans l’espace de 6 ä 10 semaines de maniöre ä 
ne laisser aucune trace de son existence. 

Wir haben absichtlich aus dem Aufsatz von Coindet diese paar Notizen repro- 
ducirt, um zu zeigen, wie sehr die Art und Weise der Wirkung übereinstimmt bei 
Jodgebrauch mit dem, was wir bei der Schilddrüsentherapie beobachtet haben, sowohl 
was Zeit als Art der Wirkung auf das rein hyperplastiscbe Grundgewebe anlangt. Seit 
der Publication von Coindet haben alle offenen und geheimen Kropfmittel dieses wesent¬ 
liche Ingrediens aufgenommen und seit die Kenntniss der Jodintoiication 2 ) es ermög¬ 
licht hat, die Gefahren der Jodtherapie zu vermeiden, bat das Mittel eine Verwen¬ 
dung gefunden, von deren Bedeutung man sich nur einen Begriff macht, wenn man in 
einem Lande lebt, wo der Kropf endemisch ist. In der poliklinischen Praxis erhält 

l ) T. XIV. p. 190. Wir verdanken der Güte unseres Collegen Prof. d’Esptne in Genf eine 
Reihe exacter Literaturausgaben über dieses speciell genferiscbe Thema der Jodbehandlung bei Kropf 
und ihre Contraindieationen. 

*) Rittiet, Quelques mofcs sur Tintoxieation prodaite par l’jode a petites doses Jongtemps con- 
tinu^es. 1858 et 1859 Bull. acad. de med. t. 24, p. 23; Gaz. hebd. 1800 p. 213 ff. 


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jeder Patient, welcher sich wegen Kropfbeschwerden vorstellt, entweder Jod innerlich 
oder in Salbenform. Dr. Amd, Assistenzarzt der Berner chirurgischen Poliklinik, 
hat uns mitgetheilt, dass nach seiner Schätzung etwa 10% der Kropfihlle dem Spital be¬ 
hufs chirurgischer Behandlung zugewiesen, 90 % aber durch Jodbehandlung soweit 
gebessert oder der Heilung nahegebracht werden, dass an chirurgische Behandlung 
nicht mehr gedacht zu werden braucht. Nach den sehr zahlreichen Beobachtungen 
von Dr. Amd ist der Erfolg der Jodbehandlung in denjenigen Fällen, wo sie über¬ 
haupt anschlägt, gewöhnlich ein bleibender, während bei mangelhafter Wirkung Reci- 
dire Regel sind, speciell in den Fällen, wo sich grössere eystöse oder colloide Knoten 
berausgebildet haben. Als ich Dr. Amd aufforderte, mir alle Kröpfe, die er in Be¬ 
handlung habe, zuzuweisen, zeigten sich mehrere Fälle, bei denen der Kropf bis auf 
kleine knollige Reste verschwunden war, obschon zum Theil beträchtliche Hyperplasien 
bestanden hatten zu Anfang der Jodbehandlung. Auch die Beschwerden waren ganz 
verschwunden. 

In den paar Fällen von Jodbehandlung, deren Resultat ich controlliren konnte, 
war die Rückbildung der Struma eine vollständigere als bei der Schilddrüsenbeband- 
lung; indess ist es möglich, dass bei länger fortgesetztem Gebrauch von Drüse auch 
eine weitere Rückbildung eintritt. Nach Dr. Amd 's Eindruck wird der erste Erfolg 
bei Drüsenbehandlung rascher deutlich als bei Jodbehandlung. Es wäre sehr wün- 
scbenswerth, wenn Aerzte, welche Gelegenheit haben, oft Jod zu verabfolgen und welche 
über den Erfolg genaue Aufzeichnungen besitzen, ihre einschlägigen Beobachtungen 
mittbeilen würden. 

Aber das ist wohl jetzt schon erlaubt zu sagen, dass der innerliche Genuss von 
Scbilddrüsensubstanz resp. Schilddrösensaft eine dem Genuss von Jodpräparaten ähnliche 
Wirkung auf die Struma hyperplastica bat, insofern er die hyperplastische Drüsensubstanz 
zum Schwinden bringt. Colloide Knoten werden viel weniger beeinflusst und zwar 
um so weniger, je länger sie dauern, je stärker regressive Metamorphosen in Folge 
von Blutergüssen, Circulationsstörungen, Degeneration von GeflLssen und Bindegewebe 
in derselben bereits eingetreten sind und soviel wie gar nicht, wenn stärkere Binde- 
gewebsentwicklung oder eystöse Umwandlung stattgefunden hat. 

Wie vorsichtig man mit der Beurtheilung der Wirkung von Medicamenten sein 
muss, sobald ein Patient in andere Ernährungs- und Wohnungsver¬ 
hältnisse kommt, wie durch seinen Eintritt ins Spital, das haben wir so oft er¬ 
fahren, dass wir die Ergebnisse einer Medication in und ausser dem Spital nicht als 
gleichwerthig ansehen können. Es ist in unseren Fällen unverkennbar, dass bei den 
Spitalpatienten der Erfolg ein sehr viel beträchtlicherer ist, als bei den Patienten der 
Poliklinik. Es ist uns aber mehrfach vorgekommen, dass wir Patienten, welche be¬ 
hufs Kropfoperation ins Spital eingetreten waren, aber dringender anderer Fälle wegen 
einige Wochen lang warten mussten ohne jegliche Behandlung, entweder gar nicht 
oder nur ungern operirten, weil die Struma sich fast vollständig zurückgebildet hatte. 
Aehnliche Beobachtungen hat man anderswo gemacht. Unser jetziger Assistenzarzt 
Dr. Clement theilt uns aus dem Berner Kinderspital (von Dr. Stoss) einen Fall mit, 
wo ein Kropf während des Spitalaufenthaltes verschwand. Im Allgemeinen nehmen 
die Patienten während ihres Aufenthaltes im Spital gemäss der bessern Kost und Ruhe 



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an Körpergewicht erheblich zu; aber wenn vollends noch Einflösse auf dieselben wirken, 
welche eine Abmagerung zur Folge haben, so kann die Rückbildung der allergrössten 
Kröpfe eine sehr bedeutende werden. 

Ein Patient (Halbcretin) wurde wegen tuberculöser Gonitis der Amputation unter* 
worfen, weil bei dem Geisteszustand des Patienten und bestehenden Gelenkcontracturen 
eine andere Behandlung wenig Aussicht gab, den Menschen wieder auf die Beine zu 
bringen. Bevor man sich zur Amputation entschloss, d. h. sich von der Erfolglosigkeit 
weiterer Behandlung überzeugt hatte, war der Patient stark abgemagert. Bei seinem 
Eintritt zeigte er einen ganz gewaltigen Kropf, dessen Umfang über den Umfang seines 
Kopfes hinausging. (Vergl. Fig. 1 nach Photogramm.) 

Patient war nicht im Stande, den Kopf vorwärts zu beugen. Es handelte sich um 
einen diffusen Colloidkropf von den gewöhnlichen typischen Characteren. Ohne dass die 
geringste Behandlung für seine Struma stattgefunden und ohne dass ein Mittel Ver¬ 
wendung gefunden hätte, 1 ) welches auf dieselbe eine Einwirkung hätte ausüben können, 
ging die Struma binnen 3 Monaten zu einer relativ unbedeutenden Geschwulst zurück. 
Larynx und Trachea sind durch die Haut hindurch sichtbar geworden und der Kropf besteht 
aus zwei seitlichen und einem medianen kleinen Knollen. (Vergl. das Photogramm Fig. 2.) 

Auf was diese spontanen Rückbildungen von Kröpfen zurückzufübren sind, lässt 
sich mit Sicherbeit nicht sagen. Das die Entziehung des Wassers und der 
Ersatz desselben durch Caffee, Milch und Wein, welche in unserem Spitale den Pa* 
tienten verabfolgt werden, dabei eine Rolle spiele, ist dessbalb sehr wahrscheinlich, 
weil wir über eine gewisse Erfahrung verfügen, Fälle betreffend, welche seit Meidung 
jeglichen Wassergenusses, resp. seit dem Genuss bloss von gekochtem Wasser, ihre 
Struma auch ohne weitere Aenderung in ihrer Lebensweise und Ernährung nicht nur 
im Wachsthum haben stille stehen, sondern sich theilweise zurückbilden sehen. 3 ) 

Wir möchten uns dessbalb nicht zu weitgehenden Hoffnungen betreffs der prac- 
tischen Bedeutung der Schilddrüsentherapie für Beseitigung der Kröpfe hingeben. Was 
sich damit erzielen lässt, lässt sich mittelst Abstinenz von ungekochtem Wasser aus 
Kropfquellen und mittelst zeitweiliger Jodtherapie auch erreichen, und es werden im¬ 
merhin nur diejenigen Leute den Vortheil der neuen Behandlung gemessen, welche 
rechtzeitig und anhaltend die Drüsencur durchzuführen die nöthige Einsicht und Ener¬ 
gie besitzen. Für diejenigen Patienten, welche das Jod nicht vertragen, erscheint die 
Scbilddrüsentherapie allerdings vortheihaft, aber freilich sind es meistens ältere Leute 
mit grösseren comprimirenden Kröpfen oder Individuen mit Fettherz, bei welchen die 
Jodtberapie sich nicht durchführen lässt, bei welchen aber der Grösse und des Alters 
des Kropfes wegen auch die Drüsentherapie öfters im Stiebe lassen dürfte. 

Immerhin erscheint es angezeigt, dass auch hier zu Lande dafür gesorgt werde, 
dass jedem Arzte und auch weniger bemittelten Patienten das neue Mittel zugänglich 
gemacht werde, indem private und öffentliche Apotheken instruirt und verpflichtet 
werden, Schilddrüsenextract ständig und in zuverlässiger Qualität auf Lager zu haben. 

Zur Stunde hängt man noch viel zu sehr von dem Verständnis und guten Willen der 
Schlächter und namentlich der Schlächtergesellen ab, ob man unter dem Titel Schild- 

') Wir heben ausdrücklich hervor, dass der Patient erst 8 Tage vor der Operation eine Jodo- 
forminjection erhielt, als der Kropf bereits die gemeldete Abnahme zeigte. 

*) Dr. Wyttenbach theilte nns mit, dass seiner Zeit als die Schweizerregimenter in Neapel be¬ 
standen, anch junge Leute mit Kropf ohne Weiteres angeworben wurden, weil man wusste, dass ihr 
Kropf in Neapel in Kürze verschwinden werde. 


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drüse das richtige Organ und nicht etwa die Speicheldrüse geliefert bekomme und ob 
man auf regelmässigen Bezug rechnen kann. 

Die practmcben Engländer haben dafür gesorgt, dass zu sehr billigem Preise von 
einzelnen Fabrikanten in Tablettenform Scbilddrüseneztract in zweckmässigen Dosen 
geliefert wird, dessen Wirksamkeit durch die Erfahrung festgestellt ist. Wir haben 
genügende Erfahrung darüber bei unseren Fällen ron Cachexia strumipriva, dass das 
durch Glycerinauszug und Alcoholfällung gewonnene Extract, das in Pillenform von 
Hrn. Staatsapotheker Ducommun verarbeitet wird, ebenso wirksam ist, wie die entsprechende 
* Dose Scbilddrüsensubstanz. Ein Decigramm des hier bereiteten Extractes entspricht 
1,6 Gramm Drüsensubstanz. Das Extract hat jedenfalls den Vortheil, weniger widrig 
zu sein für den Geschmack und die möglichen Nacbtheile des Genusses ungekochter 
thierischer Substanz zu vermeiden. 

Unvergleichlich grösser als die practische ist die theoretische Be¬ 
deutung der Schilddrüsentherapie bei Kropf. Sie scheint darnach angethan, eine 
Reihe von Gesichtspunkten zu eröffnen, deren Besprechung für weitere Forschung er- 
spriesslich sein dürfte: Seit von Hörnte und Murray die Behandlung der 
Cachexia thyreopriva mit Schilddrüsensubstanz vorgeschlagen 
worden ist, sind die Erfolge dieser Therapie so zahlreich bekannt gegeben worden 1 ) 
und haben sich als so. grossartig herausgestellt, dass wohl bei Wenigen noch ein 
Zweifel darüber besteht, dass man die Schilddrüsenfunction vicariirend dadurch 
ersetzen kann, dass man Schilddrüsensaft vom Magen aus dem Stoffwechsel ein¬ 
verleibt. Schon diese Thatsache ist eine höchst unerwartete, da sich kaum Jemand 
a priori hatte denken können, dass in so einfacher, ich möchte fast sagen, roher 
Weise ein Ersatz für eine fehlende Drüsenfunction geleistet werden kann. Allein die 
reine Empirie und der Satz: „Probiren gebt über Studiren“ bewährt sich auch in 
unserer Zeit noch bis zu einem gewissen Grade. Was auf die Wirksamkeit der Resorp¬ 
tion hätte aufmerksam machen können, das sind die ron uns zum Theil gemeinsam 
mit Dr. Lane beobachteten vorübergehenden Erfolge von Schilddrüsen-Implantation 
an Menschen, welche wir schon vom Jahre 1883 ab ausgeführt haben. Wir haben 
noch jetzt einen in Folge ron Totalexcision der Struma kachektisch gewordenen Mann 
in Beobachtung, bei welchem wir eine ganze Serie von Transplantationen, sowohl in die 
Bauchhöhle als unter die Haut und selbst in die grossen Gefässe hinein vorgenommen 
haben. Mehrfach war bei ihm ein sehr rascher Erfolg zu beobachten, aber ebenso 
constant verlor sich die eingetretene Besserung des Zustandes wieder — weil nämlich 
die eingepflanzte Schilddrüse durch Resorption zu Grunde gegangen war. Jetzt geht 
es dem Mann durch anhaltende Schilddrüsenfütterung ganz gut und er hat im Spital 
eine Anstellung als Untergärtner erhalten. 

Dass dieselbe Substanz, welche dem Körper einverleibt die fehlenden Secrete 
der Drüse zu ersetzen vermag, auch auf die Drüse selber in der Weise einzuwirken 
vermag, dass sie dieselbe zur Verkleinerung bringt, wenn sie hyperplastiscb ange¬ 
schwollen ist, mag auf den ersten Blick sehr auffällig erscheinen. Es könnte dadurch 


*) Wir haben schon mehrfach bei Versammlungen der schweizerischen Aeizte Gelegenheit 
genommen, die erfreulichen Wirkungen dieser Therapie bei zahlreichen Kranken mit Cachexia strumi¬ 
priva zn deraonstriren. 


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der Gedanke nahegelegt werden, dass anch die Hyperplasie selber die Felge 
sei mangelhafter Anwesenheit von Scbilddräsensecret im Körper, und dass der 
beginnende Kropf die locale Aeusserung und das erste Stadium der Cachexia thyreo* 
priva sei. 

Diese Anschauungsweise gemahnt mich lebhaft an die Bin wände, welche mir ge¬ 
macht worden sind, als ich im Jahre 1883 am Chirurgencongress in Berlin meine 
ersten Mittheilungen machte über die Cachexia strumipriva. Während wir schon da¬ 
mals nach den genauen, mit meinen Assistenten (Dr. Lardy n. A.) angestellten 
Untersuchungen einer grösseren Anzahl vou Fällen vollkommen überzeugt waren, dass ' 
die totale Entfernung der Schilddrüse die directe Ursache des beschriebenen und 
genau characterisirten Krankheitsbildes sei, wurde von mehreren Seiten geltend ge¬ 
macht, dass nichts der Annahme im Wege stehe, die Cachexia strumipriva einfach 
als ein späteres Stadium des Cretinismus aufzufassen, das sich trotz der Excision 
der Schilddrüse entwickelt habe. 

Die Schilddrüsenhyperplasie wurde von den Verfechtern dieser Annahme in An¬ 
lehnung an die Virchow'sehe Auffassung als erstes Stadium des Cretinismus betrachtet, 
welcher in der Schweiz und einigen andern Lindern endemisch sei und sich trotz aller 
Behandlung aus dem ersten Stadium, demjenigen der Struma, zu demjenigen der 
Cachexia strumipriva und zuletzt zu dem des vollendeten Cretinismus entwickle. Die 
seitherigen Erfahrungen und Thierexperimente haben aber zur Genüge erwiesen, dass die 
Totalentfernung der Schilddrüse die zureichende Ursache der Cachexie ist, 
dass diese bei Thieren oft, beim Menschen selten in acuter Form unter dem Bilde einer 
Intoxication (Tetanie) auftritt (biefür hat namentlich von Eiseisberg sehr wichtige Be¬ 
lege in neuester Zeit geliefert) und dass sie bei Thieren durch vorherige Implantation 
der Schilddrüsse eines andern Thieres (nach Schiff) an verschiedenen Körperstellen ver¬ 
mieden werden kann. 

Es erscheint also nicht zulässig, ohne Weiteres wieder auf die durch Virchow's Auto¬ 
rität gestützte Auffassung zurückzugehen, weil dieselbe Behandlung sowohl die Schild¬ 
drüsenhyperplasie als die Cachexia thyreopriva zu heilen vermag. Dass ein enger ur¬ 
sächlicher Zusammenhang zwischen Kropf und Cretinismus besteht, das lehren die 
Kropfkarten. Die massgebenden Nachweise Virchow’s, dass der Cretinismus stets und 
ausschliesslich auf Kropfterrain erblüht, sind längst zur Thatsache erhoben. .Dass 
dieser Zusammenhang aber zum Theil darauf beruht, dass die Kropfbildung mit Degene¬ 
ration, Hyper- und Atrophie des eigeutlichen functionsfähigen Schilddrüsengewebes sich 
vergesellschaften kann, dafür sind neuestens genügende Beweise von vielen Seiten er¬ 
bracht worden und wir haben in einer ausführlichen Arbeit über Cretinismus 1 ) die 
Belege mitgetheilt und darauf hingewiesen, dass gerade sehr typische und vorgeschrittene 
Fälle von Cretinismus ohne Kropf sowohl sporadisch als endemisch Vorkommen oder 
wenigstens mit starker Atrophie der Schilddrüse vergesellschaftet sind, welche in solchen 
Fällen bloss noch aus einigen derben, verkalkten oder sclerosirten Knoten besteht. 
Wir glauben gezeigt zu haben, dass Gründe vorliegen zu der Annahme, nicht bloss, 
dass ein Kropf die gesunde Schilddrüsensubstanz in ihren Functionen beeinträchtigen 
kann, sondern dass auch eine solche secundäre Hypo- oder Atrophie der Schilddrüse 
*) Deutsche Zeitschrift f. Chir. Bd. 34. 


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durch Heredität auf die Kinder übergehen kann, ohne dass bei diesen irgend etwas von 
Kropf vorhanden zu sein braucht. 

Wir dürfen aber nicht übersehen, dass unter dem Begriffe Kropf zwei Ver¬ 
änderungen zusammengefasst werden, nämlich die einfache Hyperplasie des Drüsenge¬ 
webes im Anfhngsstadium 1 ) und die secundären Umwandlungen der colloiden Knoten, 
welche diese Hyperplasie im Gefolge hat. Wenn die Knoten schädigend auf die Schild- 
drüsenfunction wirken können, so kann die reine primäre Hyperplasie doch noch eine 
andere Bedeutung haben. 

Um zu entscheiden, ob eine Nöthignng vorliegt, angesichts der cnrativen Wirkung 
des Schilddrüsensaftes sowohl bei Kropf als bei Cacbexia thyreopriva den byperplasti- 
schen Kropf bloss als Anfangsstadium aufzufassen eines im Cretinismus gipfelnden 
Krankbeitszustandes, erscheint es zweckmässig, noch eine andere, mit Erkrankung 
der Schilddrüse in enger Beziehung stehende Krankheit in den Kreis der Betrachtung 
zu ziehen und namentlich die Wirkung des Schilddrüsensaftes bei dieser Krankheit zu 
prüfen; wir meinen die Oraves’ sehe oder B asedow* ecke Krankheit. 

Seit man nun ein klares Bild der Cacbexia thyreopriva gewonnen batte, musste 
es jedem Beobachter auffallen, dass das Basedow' sehe Symptomenbild in vieler Hin¬ 
sicht gerade das Gegentheil jener Cachexie darstellt. Während bei der Cacbexia 
thyreopriva das Individuum ein gedunsenes Ansehen darbietet, am auffälligsten an Gesicht, 
Armen und Beinen, sind gewöhnlich die Basedow- Kranken mager. Die Cachexie-Kranken 
leiden an Kälte zur Sommers- wie Winterszeit, die Basedow- Kranken an Hitze und 
Wallungen, namentlich gegen Kopf und Extremitäten, über welche sie oft sehr zu 
kisgen haben. Jene haben eine spröde, trockene Haut und schwitzon bei keinem An¬ 
lass; diese geratben bei jeder Anstrengung, bei gemüthlicher Erregung, bei äusserer Hitze 
in lebhafte Transpiration. Die Cachectischen haben steife, schwer und langsam be¬ 
wegliche Glieder; die Basedow- Kranken machen Alles hastig, zittern in Ruhe und Be¬ 
wegung. Bei den ersteren ist Apathie und Stumpfheit, bei letzteren Aufgeregtheit 
und auffällig leichte Erregbarkeit Regel. Der Caobectiscbe bat kleinen und langsamen 
Puls, der Basedow-Kranke vollen oder wenigstens schnellenden Puls von erhöhter Fre¬ 
quenz. Allerdings gibt es auch Symptome, wo die beiden Krankheiten sich berühren, 
so Haarausfall, Pigmentirungen, Verdauungsstörungen, Unregelmässigkeit der Menses. 

Dem Gedanken, dass die Basedow’ sehe Krankheit auf einer Hyperactivität 
der Schilddrüse, resp. auf Hypersecretion beruhen dürfte, wie die Cacbexia thyreo¬ 
priva auf mangelhafter Thätigkeit und Ausfall des Drüsensecretes, hat Horsley, sowie 
Möbius Ausdruck gegeben. Es bandelt sich aber um Beweise. Dass kurz dauernde 
stärkere Zufuhr von Schilddrüsensaft bei gesunden Individuon die Erscheinungen der. Base¬ 
dowschen Krankheit in der Regel nicht hervorruft, hat Lang gezeigt und beweisen 
zum Theil unsere Beobachtungen und zahlreiche andere. Immerhin haben eine Reihe 
von Beobachtern darauf bingewieseu, dass bei Schilddtüsenfütterung einzelne Symp¬ 
tome auftreten, welche denjenigen der Basedow’sehen Krankheit gleichen. Namentlich 
ist Pulsbeschleunigung hervorgeboben neben Abmagerung, Kopfschmerzen, Verdauungs¬ 
störungen. Es ist aber in einer Reihe der mitgetheilten Fälle gar nicht ausgeschlossen, 
dass die Erscheinungen nicht vielmehr auf einer leichten Infection durch Einbringung 


*) Vgl. die Untersuchungen von Ernst über Kropf bildang. 


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zersetzten Schilddrüsensaftes beruhen, da sie besonders nach den Injectionen beobachtet 
worden sind. 

Massgebend erscheint die Wirkung des Scbilddrüsensaftes auf Individuen, welche 
an Basedow 'scher Krankheit leiden. 

Das Nervensystem dieser Individuen befindet sich in einem abnormen Erregungs- 
zustand und es ist anzunehmen, dass hier die Zufuhr von Scbilddrüsensaft eine wesent¬ 
liche Verschlechterung des Zustandes herbeiführen müsste, zumal dann, wenn spontan 
oder unter dem Einflüsse 'der Behandlung eine momentane Besserung eingetreten ist. 

Dank einem glücklichen Funde des Herrn Dr. v. Trachewsky, der auf meine An¬ 
regung hin während Jahren Experimente über Scbilddrüsenfunction angestellt und sich 
namentlich mit dem Effect der Thyreoidectomie an trächtigen Tbieren für Mutter und 
Junge eingehend beschäftigt bat, besitzen wir gegenwärtig ein Mittel, um eine erheb¬ 
liche Besserung im Zustande einer Basedow -Kranken berbeizuführen. Prof. Sahli hat 
am letzten klinischen Aerztetag in Bern über eine einschlägige günstige Erfahrung 
berichtet. Ich habe in mehreren Fällen Gelegenheit gehabt, den günstigen Effect 
dieses Mittels zu constatiren und habe gegenwärtig zwei Kranke in Behandlung, bei 
denen in sehr auffälliger Weise eine Besserung eingetreten ist, bei Gebrauch des 
Trachewsky'schon Mittels, zunächst in Bezug auf Pulsfrequenz, darnach auf die übrigen 
Symptome, wie es scheint in Folge der Regulirung der Herztbätigkeit. 

Das subjective Wohlbefinden wird ganz erheblich besser; die Schlaflosigkeit 
macht einem normalen und stärkenden Schlaf Platz; die plötzlichen Hitzeanwandlungen 
verschwinden; das Kopfweh gebt zurück. Bei einer Patientin, die wir gegenwärtig im 
Spital haben, ist das Hauptsymptom der Krankbeit bloss hochgradige Tachycardie und 
Tremor, der Exophthalmus fehlt, die vorhandene Struma hat nicht die typischen Cha- 
ractere der Struma bei Basedow , nämlich einer Struma vasculosa, sondern ist einfach 
eine Struma colloides. Wegen Athemnoth durch Druck auf die Trachea ist der Patientin 
die eine Hälfte der Schilddrüse excidirt worden. Allerdings erfolgte schon nach dieser 
Operation nach anfänglicher Steigerung zum ersten Mal ein Abfall von den gewohnten 
120 Schlägen in der Minute (was das Mittel der Frequenz war) auf einige 80 Schläge. 
Aber immerhin ist unter dem Einfluss des Trachewsky’schon Mittels noch eine sofortige 
weitere Verlangsamung der Herztbätigkeit zu Stande gekommen. Patientin erklärte 
schon am ersten Tage des Gebrauches des Mittels, sich wohler zu fühlen. 

Eine andere Patientin, ebenfalls noch in Beobachtung, zeigt alle typischen Cha- 
ractere der Basedow 'sehen Krankheit: Starkes Herzklopfen mit frequentem Puls, 
Zittern, Exophthalmus mit den characteristischen Symptomen bezüglich der Bewegung 
des Bulbus, der Lider,' der Pupille, Struma vasculosa, d. h. Vergrösserung der Schild¬ 
drüse mit starker Erweiterung der Gefässe, Schwirren bei der Palpation und lebhaft 
systolisches Blasen über den Gefässen und der ganzen Schilddrüse, Pulsation dieser 
letzteren. Ferner gestörte Verdauung, Neigung zu Durchfall, Kopfschmerzen, Wal¬ 
lungen des Blutes gegen Gesiebt und Hände, Neigung zu Schweiss, grosse Schwäche, 
Aufgeregtheit, Schlaflosigkeit, Gliederschmerzen. 

Bei dieser Patientin ist auf Gebrauch des oben erwähnten Mittels die Herzfre¬ 
quenz nahezu normal und damit das subjecte Befinden unvergleichlich besser geworden. 
Patientin schläft vollkommen ruhig während 8 Stunden, das Hitzegefühl ist vergangen, 


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ebenso das Kopfweh. Das Zittern ist geringer und auch der Exophthalmus hat etwas 
abgenommen. Immerhin ist die Einwirkung auf den Exophthalmus am geringsten. 
In einem dritten Falle längerer Dauer mit hochgradigem Exophthalmus ist letzterer 
bei Besserung der übrigen Symptome durch die in Frage stehende Medication, völlig 
unverändert geblieben. 

Auf das betreffende Mittel, einfach phosphorsaures Natron in Tages¬ 
dosen von 2—10 gr in Wasser gelöst, ist Dr. Trachewsky nach einer an mich ge¬ 
richteten schriftlichen Mittheilung vom 24. Mai 1894 durch die theoretische An¬ 
schauung geführt worden, dass die Basedow'sche Krankheit ihren Sitz im verlängerten 
Marke habe, dass von hier aus auf nervösem Wege die Erkrankung der Schilddrüse 
erregt werde, die erst secundär im Sinne eines Circulus vitiosus das Nervensystem 
wieder ungünstig beeinflusse. Da nun Prof. Semmola das phospborsaure Natron für 
Diabetes empfohlen hat, so schloss Trachewsky , das3 dasselbe auch gegen andere mit 
Erkrankung des verlängerten Marks zusammenhängende Affectionen günstigen Einfluss 
ausüben möchte. 

Die zweite der noch in Behandlung befindlichen Patientinnen hat uns nun 
Anlass gegeben, die Wirkung des Schilddrüsensaftes (bei innerlichem Gebrauch) auf 
ein Individium mit sehr erregbarem Nervensystem (vielleicht specieller der Medulla oblon- 
gata) zu prüfen und wir konnten uns überzeugen, dass allerdings sofort eine so erheb¬ 
liche Verschlechterung ihres Zustandes herbeigeführt wurde, dass die Patientin ganz 
in Verzweiflung kam, dass sie wieder so starkes Herzklopfen habe, nicht mehr schlafen 
könne, wieder aufgeregt sei und Hitze verspüre. Und doch war hier von einer Ver¬ 
unreinigung des Präparates gar keine Bede, indem das Extract in Pillenform dem 
Körper zugeführt worden war. 

Gegenüber solchen Erfahrungen muss es um so auffälliger erscheinen, dass selbst 
bei Basedow'scher Krankheit über erhebliche Besserungen durch die Scbilddrüsen- 
therapie berichtet wird. Bruns gibt speciell an, dass von seinen 4 Fällen, welche 
vollkommen geheilt wurden, zweimal pulsatorisches Schwirren in der Struma zu fühlen 
war, also nach unserer Ausdrucks weise Struma vasculosa vorlag. Dr. Lms 
hat uns Kenntniss gegeben von einem Briefe, welchen ein englischer College an ihn 
richtete, welcher schon vor 2 Jahren mit Schilddrüsentherapie bei Kropf Versuche 
gemacht hat und einen Fall von Basedow dadurch so bedeutend gebessert hat, dass 
derselbe die Medication gar nicht mehr aufgeben will, da er nach einmaligem Aus¬ 
setzen gleich Becidiv bekommen hatte. 

Wie ist dieser scheinbare Widerspruch zu lösen? Die Antwort darauf geben 
die Erfahrungen über die Rückbildung der Symptome der Basedowschen Krankheit 
durch Mittel, welche den Kropf beseitigen, speciell der operativen Massnahmen gegen 
die für Basedow characteristische Struma vasculosa. 1 ) Buschan hat in einer preis¬ 
gekrönten Monographie über Morbus Basedowii a ) 80 operativ behandelte Fälle von 


*) Wir bemerken hier, dass wir seit vielen Jahren in unsern Kliniken auf die Erscheinungen 
der Struma vasculosa mit Dilatation von Arterien und Venen und characteristischen Grefässgeräuscheu 
aufmerksam gemacht haben und dass Guttmann ganz Recht hat, auf den differentiell-diagnostischen 
Werth in seiner Publication in der Deutschen medic. Wochenschrift, März 1893, aufmerksam zu 
machen. 

*) Leipzig und Wien 1894. 


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Basedowscher Krankheit zusammengestellt und gefunden, dass die guten Resultate 
der Behandlung die geringere Zahl ausmachen, ja zum Theil zweifelhaft seien; er ist 
sogar geneigt, einen Theil der Heilerfolge einfach auf Suggestion zuröckzuführen 
und führt ein Beispiel an, wo durch eine blosse Scheinoperation eine Patientin ge¬ 
heilt wurde. 

Ich hoffe in nächster Zeit dazu zu kommen, meine Beobachtungen über die Base¬ 
dow'sehe Krankheit zu publiciren, so dass ich mich auf Discussion über die abschätzigen 
Urtbeile Buscharis und auch mehrerer Internen an der Naturforscherversammlung in 
Wien hier nicht einlassen will. Ich habe die Krankengeschichten von 39 Fällen von 
Struma vasculosa und Basedow 'scher Krankheit vor mir, die ich in meiner Klinik 
und Privatklinik in Behandlung hatte und entnehme denselben, dass ich 3 4 Mal 
die Operation ausgeführt habe. Von diesen Operirten sind 3 gestorben, aber nur 1 
Fall in unmittelbarer Folge der Operation und zwar eine Frau mit sehr grosser 
Struma, welche hochgradige Athemnoth veranlasste, wo also letztero die dringliche 
Indication zum Einschreiten abgegeben hatte. In den 2 andern Todesfällen er¬ 
folgte der Tod durch Embolie, ist also einem Zufall zuzuschreiben, welcher schliess¬ 
lich als Complication jeder Operation auftreten kann; in einem dieser Fälle wie in dem 
eben erwähnten hat Athemnoth wie bei anderen comprimirenden Strumen die Indi- 
cation zur Operation abgegeben, so dass also bei den bloss wegen des Basedow ope¬ 
rirten Fällen nur einer gestorben ist und zwar in Folge Embolie der Art. fossae Sylvii. 
Drei Fälle sind noch in Behandlung. In allen andern Fällen aber ist — soweit wir Nach¬ 
richt erhalten haben — stets Besserung oder Heilung nach einiger, 
oft längerer Zeit eingetreten. 1 ) 

Wir heben ausdrücklich hervor, dass ein recht grosser Theil unserer Fälle be¬ 
sonders schwere waren, welche sehon alle möglichen Behandlungsmethoden durcbgemacht 
hatten. Dass es aber nicht bloss Suggestion war, welche alle diese Patienten ver¬ 
anlasste, sich bedeutend gebessert oder geheilt zu fühlen, das geht uns hauptsächlich 
aus dem Urtheil von competenten Angehörigen hervor, und wir können es uns wohl 
erlauben, einen Brief eines Arztes zu veröffentlichen, dessen beide Schwestern von uns 
operirt worden sind wegen sehr ausgesprochenem und typischem Basedow . Derselbe 
schreibt uns unterm 10. November 1890 Folgendes: 

„Hochgeehrter Herr Professor! In Erwiderung Ihres geehrten Briefes vom 2. dieses 
Monats spreche ich Ihnen zunächst meinen herzlichsten Dank aus für das Interesse, 
welches Ew. Hoch wohlgeboren auch jetzt noch für meine Schwestern hegen und bin ich 
desshalb gerne auch weiterhin zu jeder Auskunft bereit. 

Was zunächst meine jüngere Schwester anbetrifft, die zuerst von den Beiden er¬ 
krankte and im Sommer 1888 von Ihnen operirt wurde, so befindet diese sich ausser¬ 
ordentlich wohl. War ihre auffallende Besserung schon bald nach der Operation (Ligatur 
der Thyreoidea) eine grosse, so bat dies sich im Verlaufe der 2 Jahre zu einer voll¬ 
ständigen Genesung ausgebildet und ist heute von dem einstigen Basedow glück¬ 
licherweise und thatsächlich nur noch die Operationsnarbe vorhanden. Dieser grossartige 
Erfolg ist um so auffallender, als der Grad der Erkrankung so sehr weit vorgeschritten 
war. Heute ist die damals abgemagerte und kachectiscbe Patientin eine wohlgenährte, 
kräftige — kurz gesunde Person. Von Exophthalmus, der sehr hochgradig war, ist gar 

*) Ganz in Uebereinstimmung mit den von Krönlein gemachten Erfahrungen. Vergl. Corr.- 
ßlatt 1894, pag. 475. 


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keine Bede mehr, desgleichen die Struma zurückgegangen, das Herzklopfen sehr selten, 
auch psychisch nichts Abnormes mehr da! 

Während nun, wie Ihnen bekannt, bei dieser Schwester die Erkrankung Anfangs 
sehr schleichend und langsam begann, traten bei meiner altern Schwester die Erschei¬ 
nungen viel plötzlicher und acuter auf; in wenigen „Monaten“ kannte man sie nicht 
wieder. Selbstredend wurden bei ihr wie auch bei der jüngern Schwester zuerst alle 
denkbaren innerlichen Mittel und Electricität angewendet, indess leider vergeblich. So 
nahm sie denn ihre Zuflucht zu Ihnen und wurde vorigen Sommer (1889) beiderseits unter¬ 
bunden. Auch hier ist das Resultat recht günstig; auch sie besserte sich rapid und ist 
beute frei von allen characteristischen Symptomen. 

Nicht aber will ich verschweigen, dass im Vergleich mit der jüngern Schwester 
ihre Heilung nicht ganz so vollständig ist, woran aber entschieden ihre Lebensweise die 
Schuld trägt, weil sie sich in Folge ihrer Lebensstellung nicht so schonen und ihrer Ge¬ 
sundheit leben konnte, wie es wünschenswert gewesen wäre. Nichtsdestoweniger ist bei 
ihr auch weitgehende Rückbildung und deutlicher Stillstand des Basedow der glänzende 
Erfolg Ihres operativen Einflusses, wofür wir Ihnen, geehrter Herr Professor, ewig Dank 
wissen werden.“ 

In diesen beiden Fällen ist die von Wölfler wieder zur Anerkennung gebrachte 
Ligatnr der Schilddrüsenarterien ausgefübrt worden und wir haben 
uns schon in einer frühem Publication dahin ausgesprochen, dass wir dieses Verfahren 
für die N o r m a 1 m e t h o d e halten zur Behandlung der typischen Struma vasculosa. 
Wir sind von diesem Verfahren nur dann abgewichen, wenn wir dazu genöthigt waren; 
also einmal wenn hochgradige Tracheostenose und Athemnotb bestand; in diesen Fällen ist 
die Operation eine Notwendigkeit aber sie ist dann auch sehr schwierig und blutig und 
das hat auch zu dem einzigen unmittelbar der Operation zur Last zu legenden Todes¬ 
fälle geführt, den wir zu beklagen hatten. Ausserdem haben wir uns genöthigt ge¬ 
sehen die Eicision auszufahren in Fällen, bei denen die Auffindung der Arteria tby- 
reoidea inferior so grosse Schwierigkeiten bot, dass die Excision noch schonender und un¬ 
gefährlicher erschien. Dies ist ganz besonders der Fall bei starken Verwachsungen, wie 
man sie bei der Basedowschen Struma zwischen Kropf and Kapsel gar nicht selten 
findet. Endlich haben wir nicht selten einige Zeit nach Ausführung der Ligatur noch 
die Struma excidirt, weil deren Rückbildung zu langsam vor sich ging, was bei langer 
Dauer der Krankheit Vorkommen kann. 


Es ist für uns also über jeden Zweifel erhaben, dass die künstliche Atrophirung 
der Schilddrüse durch Ligatur der zufübrenden Arterien, sowie die Exeision der Schild¬ 
drüse einen sehr bedeutungsvollen curativen Einfluss auf den Verlauf der BasedowS chen 
Krankheit ausübt und zwar ist die Ligatur der 3 grössten Arterien (wir haben es aus 
Furcht vor der Cachexia tbyreopriva durch völlige Atrophie nur ganz ausnahmsweise 
gewagt, alle 4 Schilddrüsenarterien za ligiren) viel wirksamer als die blosse halb¬ 
seitige Excision des Kropfes. Der Erfolg ist ein sofortiger für alle von der blossen 
Vergrösserung der Drüse abbängenden Symptome, zu denen neben Drnekgefühl und 
Atbem- oder Scbluckbeschwerden auch Schwindel und Kopfschmerzen gehören. Die 
übrigen Basedowschen Symptome bilden sich langsam zurück r um so langsamer, je 
ausgesprochener dieselben waren and je länger die Krankheit gedauert hat; aber die¬ 
selben bilden sich zurück und zwar in einem Grade, dass es nnabweislich ist anzu¬ 
nehmen, dass die Erkrankung der Schilddrüse bei den Symptomen der Basedow'sehen 


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Krankheit eine ursächliche Bolle spielt. Denn die ron dem bloss mecha¬ 
nischen Druck auf Baisorgane und Gefässe abhängenden Symptome gehen nicht gleich¬ 
zeitig und nicht parallel mit den übrigen krankhaften Erscheinungen zurück; daher hat 
man das Recht, die gesteigerte (und vielleicht noch dazu perverse) Drüsenthätigkeit 
für letztere verantwortlich zu machen. 

Damit haben wir die Erklärung gewonnen für die Erfahrungen, dass gelegentlich 
die Zufuhr von Schilddrüsensaft, welche in einzelnen Fällen die Symptome verschlim¬ 
mert hat, in andern Fällen einen heilenden Einfluss ausübt. Wir halten nämlich 
nicht für nüthig anzunehmen, dass die Basedow ’sehe Krankheit stets primär 
ihren Sitz in einer Schilddrüsenerkrankung hat. Es spricht vielmehr Manches dafür, 
dass in gewissen Fällen auch eine Erkrankung des Nervensystems und zwar der Me- 
dulla oblongata und vasomotorischen Apparate den ersten Anstöss zu den Symptomen, 
zu der Struma pulsans acuta (Lücke) und zu der acuten Gefässdilatation der Schild¬ 
drüsenarterien und Venen geben kann. Ausserdem kann auch durch anderweitige 
Primärerkrankungen wahrscheinlich die Veränderung der Schilddrüsenfunction eingeleitet 
werden, flat doch Hürthle experimentell eine Vermehrung der Schilddrüsensecretion 
durch Behinderung der Gallensecretion nachgewiesen. 

Aber so viel scheint sich uns mit aller Sicherheit aus den Erfahrungen über chi¬ 
rurgische Therapie der Basedow 'sehen Krankheit zu ergeben, dass, einmal so oder 
anders zu Stande gekommen, eine Scbilddrüsenhypersecretion (Hypertbyreosis möchten 
wir sie nennen) einen bedeutenden erregenden Einfluss auf das Nervensystem ausübt. 
Vermehrte Schilddrüsensecretion erscheint in der Regel mit Hypertrophie des Organs 
vergesellschaftet. Wenn desshalb die Zufuhr von Schilddrüsenextract vom Magen aus 
die hypertrophische Schilddrüse zur Rückbildung bringt, so muss sie auch unter Um¬ 
ständen die Symptome der Basedowschen Krankheit mildern oder beseitigen. Dies 
wird nur in den Fällen zutreffen, wo die Zufuhr von Schilddrüsensaft die nervösen 
Symptome nicht zunächst so sehr steigert, dass von einem längern und reichlichen 
Gebrauche des Extracts abgesehen werden muss. Denn es bleibt auffällig, dass nicht 
das von der vergrösserten Schilddrüse selber gelieferte Secret reducirend auf die Drü¬ 
senhyperplasie wirkt. Das muss eben annehmen lassen, dass dies deshalb geschieht, 
weil das continuirlich gelieferte Secret das Nervensystem zu sehr und anhaltend in 
Erregung erhält und durch Rückwirkung auf die Scbilddrüsengefässe die günstige 
Wirkung zum Theil paralysirt. 1 ) 

Wir haben für diese Deutung Analogien in der Wirkung des Jod gegen 
die Basedow 'sehe Krankheit. Es ist zweifellos, dass einzelne Fälle des 
Leidens durch Jodgebraucb sehr günstig beeinflusst werden und vor Kurzem erst theilte 
mir ein College eine Beobachtung von an Heilung grenzender Besserung der Krankheit 
durch Jodgebrauch mit. Man beobachtet in diesen Fällen eine Verkleinerung und 
Verhärtung des Kropfes (wie wir sie selber gesehen haben) zur Erklärung des günstigen 
Erfolges. Es gibt aber auch andere Fälle, bei welchen das Jod durchaus nicht ver¬ 
tragen wird, indem es das Hitzegefühl, das Herzklopfen und Kopfweh erheblich steigert. 

*) Es muss aber hervorgehoben werden, dass es öfter auffällt, dass die eigentliche Neubildung 
neben der Gefössausdehnung einen relativ geringen Antheil der Struma bei Basedow -Kranken 
auBmaeht. 


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Die Analogie der giftigen Wirkung von Jod und Schilddrusensaft ist auch darin analog, 
dass in solchen Fällen ausser den nervösen Symptomen eine ganz bedeutende und 
rasche Abmagerung eintreten kann, die zum Aussetzen des Mittels nöthigt. 1 ) 

Zur Bestärkung der Auffassung, dass die gelegentliche günstige Wirkung des 
Schilddrüsensaftes bei Basedow' scher Krankheit durchaus nicht der Auffassung letzterer 
Krankheit als auf Hypersecretion der Schilddrüse beruhend, widerspricht, möchten wir 
noch kurz auf Beobachtungen hinweisen, welche wir gemacht haben und welche auch 
scheinbar der Auffassung der Basedow' sehen Krankheit als einer Schilddrüsenhyper- 
secretion widersprechen. Man hat schon mehrfach hervorgehoben, dass nach Kropf- 
excision erhebliche Aufregungszustände eintreten. 

Wir haben öfter gerade nach Kropfexcision starke Aufregung mit 
Herzklopfen eintreten sehen, zumal bei Excisionen von Basedow- Kropf. In einem exqui¬ 
siten Falle einer gewöhnlichen Struma (Herr N—r) kam für mehrere Tage ein Bild 
zu Stande, welches sehr .grosse Verwandtschaft mit Basedow- Leiden zeigte: Der junge 
Mann wurde in ganz abnormer Weise aufgeregt, zeigte sehr beschleunigte Herzaction, 
eine Veränderung der Augen, welche allen mit ihm Beschäftigten auffiel, weite Lid¬ 
spalten, sehr weite Pupilleu, starkes Schwitzen im Gesicht bei übrigens blasser Haut. 
Natürlich konnte man hier an eine locale Läsion des Halssympathicus denken bei der 
Operation, allein wir sehen, so viel bekannt, etwas Aehnliches bei andern Halsope¬ 
rationen nicht. Es liegt uns deshalb näher daran zu denken, dass bei partiellen Kropf- 
excisionen, wo die Kapsel zum Theil geschont und erhalten wird,, eine momentane 
Deberschwemmung der Umgebung mit den Secreten der Drüse und plötzlich vermehrte 
Resorption auftritt (ähnlich etwa wie nach Transplantation der Drüse). 

Die Gründe für diese Annahme sind folgende: Wir verfügen über Messungen 
des Lympbabflusses beim Hunde, welche zeigen, dass ein ausserordentlich reiches Quantum 
Lymphe aus der hyperplastischen Drüse abfliesst. Ferner hat Jaboulay 2 ) aufmerksam 
gemacht, dass bei dem von diesem Autor und Poncet vorgeschlagenen und geübten 
Verfahren der Exothyreopexie die luxirte Schilddrüse eine ausserordentlich 
starke .Secretion“ an der Oberfläche zeigt in den ersten Tagen. Bei diesem theo¬ 
retisch sehr interessanten, practisch etwas eigenthümlichen Verfahren, welches nicht 
ungefährlich erscheint, wird die Schilddrüse bloss in die Wunde hinein luxirt (wie wir es 
als Zwischenact womöglich bei der Excision stets ausführen und empfohlen haben), aber 
nun nicht abgetragen, sondern hier mit Nähten fixirt, aseptisch bedeckt und der Schrum¬ 
pfung überlassen. Jaboulay constatirte nun, dass in den ersten Tagen die Operirten 


1 ) Wir möchten hier noch einer weiteren Analogie zwischen Wirkung von Schilddrüsensaft 
und Joa gedenken. Wir haben mehrfach von Patienten erfahren, dass eine uns bei der Aufnahme 
des Statu» auffallende Atrophie der Brüste sich während rascher Ausbildung eines Kropfes eingestellt 
habe. Man könnte daran denken, dass die mit der Hyperplasie anfänglich verbundene Hypersecretion 
der Schilddrüse in der erwähnten Weise auf die Brustdrüsen gewirkt habe. Wenn man die erste 
von Coindet selber gegebene Schilderung der üblen Wirkungen des Jod als Kropfmittel liest, so 
ist man von der Analogie mit den Symptomen Basedow’ scher Krankheit in Anfangsstadien betroffen: 
Coindet schildert schon bei empfindlichen Kranken die „rapide ein treten de Beschleunigung des Pulses, 
die Herzpalpitationen, die Schlaflosigkeit, rasche Ablagerung, Zittern, Kräfteverfall, Verkleinerung 
der Brüste“ etc. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Aufnahme der rapide sich zurückbildenden 
Struma an diesen Symptomen einen gewissen Antheil hat, aber doch scheint die Jodwirkung aas 
hier nicht za entwickelnden Gründen aie Hauptursache derselben zu sein. 

*) Province möd. 1894, Nr. 5. 


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von einem thauartig auf der Oberfläche der Schilddrüse ausscbwitzenden, nicht ent¬ 
zündlichen Fluidum „förmlich überschwemmt“ werden und zwar am reichlichsten bei 
den Kröpfen des Morbus Basedomi. Jaboulay konnte sogar in einem letzten Falle 
die erneut eintretende Verschlimmerung der Symptome constatiren, als die Drüse 
wieder durch die umgebenden Gewebe bedeckt wurde und die neuerliche Besserung, 
als sie wiederum freigelegt wurde. Auch hat Jaboulay bei dieser Behandlung ausser¬ 
ordentlich rasche Hebung der Intelligenz und dunkle Pigmentirung der Haare be¬ 
obachtet. 

Wir verdanken ferner brieflicher Mittheilung eines Berliner Collegen, Prof. Dr. 
Sonnenburg, l ) die Kenntniss eines Falles von acuter Cacheiia thyreopriva beim 
Menschen nach Kropfeicision, wo die interessante Thatsache constatirt wurde, 
dass unter Gebrauch des Schilddrüsensaftes die reichliche Wundsecretion sehr rasch 
sistirte. 

Es scheint gestattet, diese Thatsachen alle dahin zu deuten und zu verwerthen, 
dass die Schilddrüse ein sehr reichliches Secret in die Lymphwege abgibt (vielleicht 
auch in die Blutwege), welches im Ueberraass eine Wirkung auf das Nervensystem 
ausübt in einer mit dem Bilde der Basedow 9 sehen Krankheit übereinstimmenden Form. 
Wenn wir dieses Secret nach aussen ableiten, wenn wir es vermindern durch partielle 
Schilddrüsenexcision, durch Beschränkung der Blutzufuhr zu dem Organ mittelst Ligatur 
der zuführenden Arterien, wenn wir die Blutfülle des Organs beschränken durch Mittel, 
welche auf das Nervensystem wirken, wie die Application der Electricität auf den 
Hals, die sog. Galvanisation des Halssympathicus, wenn wir durch das Mittel von 
Trachewsky 1 das Natrium phosphoricum die Erregung des Nervensystems mit ihrem 
Einfluss auf die Schilddrüse berabsetzen oder vielleicht auch durch dieses Mittel direct 
auf die Schilddrüse wirken, wenn wir endlich eine Schilddrüsenhyperplasie zurückbilden 
durch Jod oder Schilddrüsensaft, so constatiren wir eine Besserung der von der Hyper- 
thyreosis abhängigen krankhaften Symptome. 

Wir erwähnen noch beiläufig, dass wir wie von Schilddrüsensaft so auch von 
Jod günstige Beeinflussung von Cachexia thyreopriva gesehen haben. Prof. Tschirch 
hatte die Güte, für uns den Schilddrüsensaft auf das Vorhandensein von Jod und 
Jodverbindungen zu untersuchen, hat aber gefunden, dass von Jod, Jodiden und Jo- 
daten gar nichts sich nachweisen lässt. 3 ) Es kann also die Wirkung des Schilddrüsen¬ 
saftes nicht auf eine einfache chemische Uebereinstimmung zurückgeführt werden, was 
die auffällige Analogie in der Wirkung eines Organsaftes und eines rein chemischen 
Stoffes nicht weniger interessant erscheinen lässt. 

Mit Obigem haben wir den Boden gewonnen, auf welchen sich eine Hypothese 
aufstellen lässt über Wirkung des von aussen zugeführten Schilddrüsensaftes bei Kropf. 
Wenn wir die ganze Serie der von Mangel an Schilddrüse und Schilddrüseqsecret ab¬ 
hängigen Krankheiten, von der leichtesten Myxoademform bis zum schweren Cretinismus 
heilen können durch Zufuhr von Schilddrüsensaft, so scheint uns dies verständlich. 


*) Acute« Myxoedem behandelt mit Schilddrüsenfütterung. (Arch. f. klin. Chir. Bd. XLVIII. 
Heft 4.) 

2 ) Auch von Alealoiden konnte Tschirch beiläufig keine Spur finden, bloss säurelösliehe 
Phosphate. 


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icit eet* Der io das Blut resorbirte Schilddrüsensaft muss hier direct oder io einem andern Organ 

hsten U Umsetzungen bewirken, die gleichwertig sind den in den Zellen des Schilddrüsen- 

«n Me parencbyms vor sich gehenden chemischen Vorgängen. Ob diese Umsetzung im 

? Drüse Nervensystem vor sich gehe oder in einem andern Organ lässt sich noch nicht 

sseroD? entscheiden. 

aosser- In den Fällen von acuter Cachexia thyreopriva, welche wir beobachtet haben, 

ire be- konnten wir constatiren, dass gelegentlich die ersten Erscheinungen, welche in ihrer 
Ausbildung das Bild der Tetanie herbeiführen, in wenigen Stunden, ja fast sofort nach 
of. Dr. dem Erwachen des Patienten aus der Narcose auftreten. Wir haben dies nach Ex¬ 
bein) cisionen (so bei einer Becidivoperation einer Struma maligna, wo wir nahezu die 

wurde, ganze Drüse excidiren mussten), nach Ligatur aller 4 Schilddrüsenarterien (die wir 

raset nur aus besondern Gründen ausnahmsweise ausführten) beobachtet: Lebhafte Glie¬ 
derschmerzen mit Steifigkeit und Spannung, Hitze und starkes auffälliges Schwitzen 
'tbeo, sind schon in einigen Stunden aufs deutlichste ausgesprochen. In dem ersterwähnten 

'eich Falle konnten wir mit dem erstgewonnenen Urin beim Thier Krämpfe auslösen (bei 

steiD Injection unter die Haut), was mit späterni Urin desselben Patienten nicht gelang, 
oim Bei diesem rapiden Auftreten der nervösen Erscheinungen wird der Gedanke nahe 

idle gelegt, dass es sich um eine Autointoxication handelt, welche durch die Re¬ 
iter tention eines im Nervensystem selber oder in einem anderen Organ gebildeten, aber 

tel, auf das Nervensystem schädlich wirkenden Auswurfstoffes zu Stande kommt. Nimmt 

ieu man hinzu, dass unter sofortiger Verabfolgung von Schilddrüsensaft die Symptome 
w rasch zurückgehen, ] ) so kann man sieb, auch ohne den Thatsachen Zwang an- 

d) zuthun vorstellen, dass die Neutralisationsvorgänge des für das Nervensystem giftigen 
ct Stoffes in diesem selber stattfinden. Dass die Rückbildung der Symptome nicht so 

>o rasch stattfindet wie die Ausbildung derselben, spricht nicht gegen diese Annahme, 

immerhin ist nicht ausgeschlossen, dass durch die Function eines andern Organes der 
giftige Stoff dem Nervensystem zugeführt und durch den künstlich eingebrachten Schild- 
i drösensaft auch in jenem Organ zerstört wird. 8 ) Bei der erstem Annahme würden wir 

verstehen, dass eine primäre abnorme Erregung gewisser Theile des Nervensystems Anlass 
zu Schilddrüsenhyperplasie werden kann, indem der giftige Stoff, durch gesteigerte 
Umsetzung in grösserer Quantität gebildet, die normale Schilddrüsenthätigkeit zur 
Lieferung eines neutralisirenden Sccrets stärker anregt. Wird künstlich Schilddrüsen¬ 
saft zugefübrt, so fällt diese Anregung dahin. 

Ob nicht auch für die gewöhnliche Kropfbildung angenommen werden darf, dass 
durch das Trinkwasser ein Stoff dem Körper einverleibt wird, welcher analog dem 
giftigen Umsetzungsproduct, von welchem wir sprachen, die Drüsenzellen der Schild¬ 
drüsen erregt, seinerseits aber durch künstlich zugeführten Schilddrüsensaft neutralisirt 
wird, so dass der Grund für Hyperactivität und Hypertrophie der Schilddrüse dahiu- 
fällt? Ob dieser Stoff als ein rein chemischer (wie etwa nach St Lagier Eisenkies und 
Kupferkies) direct eingeführt oder in Form organischer Bestandtheile zugefübrt sich 
erst im Körper bildet, bleibt dahingestellt. Jedenfalls hätte dann der Kropf in seinen 

*) Wir werden die nähern Einzelheiten anderswo mittheilen. 

*) Vergl. die neueren Untersuchungen über angebliche Unschädlichkeit der Schilddrüsenexcision 
bei gleichzeitiger Splenectomie. 


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Anfangsstadien die Bedeutung eines h e il s a m e n Vorgangs und der Laienverstand, 
welcher in schwerbelasteten Kropfgegenden in dem Fehlen eines Kropfes einen Mangel 
an einem wichtigen Organ erblickt, wäre nicht so übel berichtet. Denn der Kropf, 
welcher bekanntlich bei geistig ausserordentlich begabten Individuen vorkommt, wäre 
dann, so lange er blosse Hyperplasie ist, die Garantie gegen das Auftreten der Cachexia 
thyreopriva, des Myxmdems und des Cretinismus. Erst durch mangelhafte Abfuhr 
des Secrets, Anhäufung von Colloid in den Follikeln und secundäre Umwandlungen, 
Erweichung, Verfettung, Verkalkung, sowie Circulationsstörungen, Blutungen mit Cysten¬ 
bildung und Bindegewebshyperplasie erhielte der Kropf seine pathologische Bedeutung 
und diese Folgen wären auch die einzige Indication, um durch Jod und Schild¬ 
drusensaft die in gewisser Hinsicht nützliche Hyperplasie zu bekämpfen. 

Wir legen nicht zu viel Werth auf alle diese Hypothesen, halten aber deren 
Erwähnung im Interesse weiterer Forschung für nützlich. Was sich daraus, dass man 
durch Zufuhr von Organsäften nicht bloss die mangelhafte Function ersetzen, sondern 
auch die Hypertrophie und ihre eventuell schädlichen Folgen beseitigen kann, für die 
Theorie der Hyperplasien im Allgemeinen, sowie für eine vernünftige Organo- oder 
Substitutionstherapie für Folgerungen ableiten lassen, bedarf hier bloss der Andeutung. 
Hat Brown-Sequard Recht, dass die Uraemie durch Einspritzung von Nierensaft sich 
wenigstens vorübergehend verhüten lässt, 1 ) so dürfte die Uraemie eine ähnliche Be¬ 
ziehung zu Nierenhypertrophie haben, wie die Cachexia thyreopriva zu Kropf. 2 ) 


Die medicinischen Fragen im Entwürfe eines schweizer. Strafgesetzbuches. 

Es dürfte die Herren Aerzte interessiren die Bestimmungen kennen zu lernen, 
die der Entwurf auf den Gebieten aufstellt, mit denen sich der Arzt zu beschäftigen 
hat. Einstweilen sei es gestattet, die Bestimmungen über Zurechnungsfähigkeit, Kinds¬ 
mord und Misshandlung herauszugreifen. Die Regelung der Zurechnungsföhigkeitsfrage 
ist im Einverständniss mit den Schweiz. Psychiatern erfolgt, die den Redactor des Ent¬ 
wurfs in zuvorkommender Weise zu ihren Verhandlungen über den Gegenstand bei¬ 
gezogen haben. Die Bestimmung über Kindsmord beruht auf der Annahme, dass an 
der Privilegirung dieses Vergehens festzuhalten sei, dagegen wurde die Beschränkung 
des Kindsmordes auf Handlungen »in oder gleich nach der Geburt* aufgegeben und 
eine Fassung gewählt, die dem Sachverständigen gestattet, jeden Fall nach seiner In¬ 
dividualität zu würdigen. 

Practisch wohl am wichtigsten sind die Bestimmungen über Misshandlung. Diese 
weichen von den in Europa geltenden Normen wesentlich ab. Als Grundsatz gilt, dass 
Derjenige, der misshandelt, nicht ohne weiteres für alle Folgen zu bestrafen ist, sondern 
nur für die Folgen, die er verursachen wollte oder die er wenigstens voraussehen 
konnte; denn es kann oft durch eine ungefährlich scheinende Handlung ein sehr 


l ) E. Meyer , Compte rendu acad. d. Sciences, Paris, Bd. 117, schliesst sich nach seinen Ver- fl 

suchen der Auffassung der Urämie als durch Mangel einer Secretion interne bedingt, an — wenn 
wir anders ein kurzes Referat von Eberth hierüber recht verstehen. 

1 ) Vergl. die Untersuchungen von Beresotcsky über compensatorische Hypertrophie der Schild¬ 
drüse. (Ziegler ’s Beiträge, Bd. aII.) 


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schwerer Erfolg herbeigeföhrt werden. Andererseits sind die Bestimmungen so gefasst, 
dass Derjenige, der schwer verletzen will, dann wegen Versuchs bestraft wird, wenn 
der Versuch misslingt. Wer also z. B. einen Stein wirft, um einem Menschen das 
Auge damit auszuschlagen, der wurde wegen Versuches schwerer Misshandlung zu be¬ 
strafen sein, ebenso wie Derjenige schon heute wegen Tödtungsversuch bestraft wird, 
der auf Jemanden schiesst um ihn zu tödten, ihn aber nicht trifft. 

Diese Behandlung der Misshandlung bedingt eine sehr allgemein gehaltene Be¬ 
zeichnung der Verletzungsfolgen; denn ein Thäter vermag sich den pathologischen 
Erfolg seines Verhaltens nur in den gröbsten Umrissen vorzustellen. Strafrechtlich 
kommt es weniger darauf an, was für eine Verletzung verursacht wurde, als darauf, 
inwieweit diese Verletzung schuldhaft verursacht worden ist. Dadurch wird die 
Aufgabe des Sachverständigen vereinfacht und seine Verantwortlichkeit vermindert; 
dagegen wird die Thätigkeit des Richters gesteigert. Er muss genau untersuchen, was 
der Thäter beabsichtigte und was er vorausseben konnte. Das wird ihm möglich, 
wenn er die Art der Begehung, die Wahl des Mittels, die Umstände des Falles in 
sorgfältige Erwägung zieht und bei der Lösung dieser Aufgabe wird ihn der 
Sachverständige wirksam unterstützen können, wenn er sein Augenmerk nicht nur 
auf den Status, sondern auch darauf richtet, wie derselbe herbeigefübrt worden sein 
muss. 

Die Aerzte werden es gewiss begrüssen, dass die Berechnung der Arbeitsunfähig¬ 
keit der Verletzten ihnen nicht mehr zugemuthet wird. Die Arbeitsunfähigkeit ist 
strafrechtlich von geringer Bedeutung, da sie für den Thäter meist zufällig ist und 
oft mehr von der Constitution des Verletzten und davon abhängt, ob der Verletzte 
rechtzeitig sachkundige Hülfe in Anspruch genommen hat, als von der Art und Weise 
der verletzenden Handlung. 

Art. 8. 

Unzurechnungsfähigkeit. Wer zur Zeit der That geisteskrank oder blödsinnig oder be¬ 
wusstlos war, ist nicht strafbar. 

Verminderte Zurechnungsfähigkeit. War die geistige Gesundheit oder das Bewusstsein 
des Thäters nur beeinträchtigt oder war er geistig mangelhaft entwickelt, so mildert der 
Richter die Strafe unbeschränkt (Art. 37 a. E.). 

Art. 9. 

Untersuchung des Thäters bei zweifelhaftem Geisteszustand. Gibt der Geisteszustand des 
Thäters zu Zweifeln Anlass, so stellt ihn der untersuchende Richter durch ein Gutachten 
von Sachverständigen fest. Dies gilt insbesondere auch für Taubstumme. 

Art. 10. 


Verwahrung und Versorgung Unzurechnungsfähiger und vermindert Zurechnungsfähiger. Erfordert 
die Öffentliche Sicherheit die Verwahrung eines Unzurechnungsfähigen oder vermindert 
Zurechnungsfähigen in einer Heil- oder Pflegeanstalt, so ordnet sie das Gericht an. Ebenso 
verfügt das Gericht die Entlassung, wenn der Grund der Verwahrung weggefallen ist. 

Erfordert das Wohl eines Unzurechnungsfähigen oder vermindert Zurechnungsfähigen 
seine Behandlung oder Versorgung in einer Heil- oder Pflegeanstalt, so Überweist das 
Gericht den Kranken der Verwaltungsbehörde zur Aufnahme in eine solche Anstalt. 

Ist ein vermindert Zurechnungsfähiger zu Freiheitsstrafe verurtheilt worden, und 
ist seine Strafzeit am Tage der Entlassung aus der Heil- und Pflegeanstalt noeh nicht 
abgelaufen (Art. 43), so hat er den noch übrigen Theil der Strafe zu erstehen. 


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Art. 25. 

Wlrthshausverbot und Heilanstalt för Trinker. Ist ein Verbrechen auf übermässigen Genuss 
geistiger Getränke zurückzuführen, so kann der Richter dem Schuldigen den Besuch der 
Wirthshauser für die Zeit von 1 bis 5 Jahren verbieten. 

Ist der Thäter trunksüchtig und ist seine Aufnahme in eine Trinkerheilanstalt ge¬ 
boten, so kann sie der Richter auf ärztliches Gutachten hin selbst dann anordnen, wenn 
der Thäter wegen Unzurechnungsfähigkeit freigesprocben wird. Das Gericht verfügt die 
Entlassung, sobald der Trunksüchtige geheilt ist. 

Art. 53. 

KlndestOdtung. Eine Gebärende, die ihr Kind vorsätzlich tödtet, während sie noch unter 
dem Einflüsse des Geburtsvorganges steht, wird mit Zuchthaus bis zu 6 Jahren bestraft. 

Art. 60. 

Misshandlung. Wer einen Menschen vorsätzlich an seinem Körper verletzt, an der 
Gesundheit beschädigt oder in anderer Weise misshandelt, wird mit Gefangniss bestraft. 

Hat der Thäter eine Waffe oder ein gefährliches Werkzeug gebraucht, so wird er 
von Amtes wegen bestraft. 

Art. 61. 

Schwere Misshandlung. Wer einen Menschen vorsätzlich an einem Körpertbeile oder 
an einem wichtigen Gliede oder Organe oder an seiner Gesundheit bedeutend schädigt 
oder schwächt, wird mit Zuchthaus bis zu 5 Jahren bestraft. 

Wer eine solche Folge seiner Misshandlung nicht vorsätzlich verursacht, sie aber 
voraussehen konnte, wird mit Gefangniss von 1 bis 3 Jahren bestraft. 

Art. 62. 

Sehr schwere Misshandlung. Wer vorsätzlich die Gesundheit, einen Körpertheil, ein 
wichtiges Glied oder Organ eines Menschen zerstört, oder den Körpertheil, das Glied oder 
Organ zum Gebrauch untauglich macht, oder einen Menschen vorsätzlich lebensgefährlich 
verletzt oder arg entstellt, wird mit Zuchthaus von 3 bis 8 Jahren bestraft. 

Wer eine solche Folge seiner Misshandlung nicht vorsätzlich verursacht, sie aber 
voraussehen konnte, wird mit Zuchthaus bis zu 5 Jahren bestraft. 

Art. 63. 

Misshandlung mit tödlichem Ausgang. Stirbt der Misshandelte an den Folgen der Miss¬ 
handlung, so wird der Thäter, wenn er diesen Ausgang voraussehen konnte, mit Zucht¬ 
haus bis zu 8 Jahren bestraft. 

Art. 64. 

Zurechnung der Folgen der Misshandlung. Hat die Misshandlung eine schwerere Folge, 
als der Thäter wollte oder voraussehen konnte, so wird ihm die Folge zugerechnet, die 
er verursachen wollte oder voraussehen konnte, und es trifft ihn die für diesen Fall be¬ 
stimmte Strafe. 

Art. 65. 

Schlägerei. Wer an einer Schlägerei theilnimmt und nicht bloss abwehrt oder 
scheidet, wird mit Gefangniss bestraft; überdies Anden die Bestimmungen über Miss¬ 
handlung Anwendung. 


Die Herren Collegen werden eingeladen, ihre Meinung über den vorliegenden Ent¬ 
wurf zu äussern, entweder an dieser Stelle oder aber direct gegenüber dem verehrten 
Verfasser, Herrn Prof. Dr. Stooss in Bern. Red. 


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Kleinere Mittheilungen. 
Zur Diphtherieserumbehandlung. 


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Nachdem wir im Kinderspital in Basel in einer Anzahl von ächten Diphtherie¬ 
fallen mit dem Behring 1 sehen Heilserum auffallend günstige Resultate erhalten hatten, 
kam in der letzten Zeit ein schwerer Fall zu unserer Beobachtung, bei dem gewisse 
Symptome während der Krankheit, namentlich aber der Sectionsbefund den Gedanken 
nahe legten, ob nicht ein Zusammenhang dieser auffälligen Erscheinungen mit den Serum- 
einspritzungen bestehe. 

Wir beobachteten nämlich bei einem Mädchen, das mit schwerer Rachendiphtherie 
(bact. Bef.: Löffler , Coccen), secundären Drüsenanschwellungen und Albuminurie einge¬ 
treten war, drei Tage nach der Behring'schen Injection (10 gr Nr. I. v. Höchst) das 
Auftreten von Petechien in der Haut, zuerst am Halse, später über den ganzen Körper 
verbreitet. Die sehr reichlichen Membranen, die über Tonsillen, Uvula, Gaumensegel bis 
weit nach vorne verbreitet waren, stiessen sich schon 24 Stunden nach der Einspritzung 
ab im Zeitraum von wenigen Stunden und zwar mit Zurücklassen von starkblutenden 
Ge8cbwÜrsflächen. Damit completer Fieberabfall; beides, sowohl die auffallend rasche 
Los8tos8ung der Membranen, als der prompte Fieberabfall sind charakteristische Wirkungen 
der Serumtherapie. Nachdem der Verlauf darauf hin ein paar Tage ganz günstig schien, 
trat am 7. Tage des Spitalaufenthaltes profuses Brechen ein, das nicht zu stillen war 
trotz Magenspülung und Ernährung per rectum. Drei Tage später Tod unter zunehmen¬ 
dem Gollaps. 

Auszug aus dem Sectionsprotocoll, den mir Herr College Bubler 
gütigst mitgetheilt hat: „Geringer Ernährungszustand, A n se m i e der Haut und der 
inneren Organe; Petechien der Haut des Halses; subendocardiale Ecchymose des 
linken Conus arteriosus. 

Hochgradige Fettdegeneration der Herzmusculatur (Proben 
aus den Papillarmuskeln und der Wandung des rechten und linken Ventrikels ergeben 
stärkste fettige Metamorphose zahlreicher Muskelfasern; dieselben sind mit mittelgrossen 
und grossen Fetttröpfchen vollständig beladen; an den weniger stark veränderten Fasern 
ist die Querstreifung durch alburoinöse Trübung oder feinkörnige Fettdegeneration un¬ 
deutlich. Das microscopische Bild erinnert an den Befund bei pernieiöser Anmmie oder 
Phosphorvergiftung). — Oedem der rechten Lunge. — Hyperplasie und partielle eitrige 
Infiltration der T o n s i 11 e n. — Bohnengrosse bis auf die Submucosa greifende und 
auf den weichen Gaumen sich ausbreitende zackige Geschwüre der hintern Gau¬ 
menbögen (microscopisch: kleinzellige Infiltration des Geschwürsgrandes). — RÖtbung 
und Schwellung der Rachen- und Kehlkopfschleimhaut. Oberflächliche Erosion des rechten 
wahren Stimmbandes. Fettige Degenoration der Rachenmusculatur. — Hyperplasie 
der Halslymphdrüsen. — Leichte Milzschwellung (Gewicht 62 gr). — 
Parenchymatöse Nephritis (Gewicht beider Nieren = 107 gr; Rindensub¬ 
stanz 4—5 mm breit, schmutzig gelb, opak; Mark grauroth. Microscopischer Befund : 
hochgradige Fettmetamorphose der Epithelien zahlreicher gewundener und einzelner gerader 
Harncanälchen; albuminöse Trübung der nicht verfetteten Epithelien; einige Harncanälchen 
enthalten gelbröthliches bis gelbbräunlicbes körniges und scholliges Pigment; in den 
Sammelröhren stecken da und dort hyaline Cylinder). — Hämorrhagische Gas¬ 
troenteritis: Magen eng; Schleimhaut in hohe Falten gelegt, dunkelgrauroth, ge¬ 
schwollen, mit zerstreuten punktförmigen Haemorrhagien; unmittelbar unterhalb der Cardia 
3 bohnengrosse oberflächliche zackige Substanz Verluste. — Schleimhaut des Duodenums 
und des Dünndarms geschwollen, zum Theil grauroth; Beyer 1 sehe Platten dunkelgrauroth, 
prominent, stellenweise mit punktförmigen Hsemorrhagien versehen. Schleimhaut des 
Dickdarms fast überall grauroth, stark geschwollen und mehrfach mit punktförmigen 
Blutungen durchsetzt. 


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Ira Colon desc. ein ca. 3 cm langes, bloistiftdickes, schwarzrothes Blutklömpchen 
(aus den Geschwüren des Rachens oder des Magens stammend?).“ 

Nachdem schon die verbreiteten Petechien, die ja auch von anderer Seite berichtet 
werden, während des Lebens daran denken Hessen, es möchten dieselben mit der Ein¬ 
spritzung Zusammenhängen, war der Sectionsbefund: Die Hsemorrhagien in der Darmschleim¬ 
haut, der Herz- und Nierenbefund nicht gerade dazu angethan, uns von dieser Annahme 
abzubringen. Jedenfalls ist es in hohem Grade wünschenswert!], bei Sectionen auf diese 
Punkte das Augenmerk zu richten. Ich glaube, solche Mittheilungen, wenn sie auch 
nicht ganz eindeutig sind, sind um so mehr am Platze, als in der neusten Zeit ja von 
vielen Seiten ungünstige Nebenwirkungen des Serums gemeldet werden, gegenüber der bis 
dahin behaupteten Unschädlichkeit. E. Hagenbach. 


Vereinsberieh te. 

Gesellschaft der Aerzte in Zürich. 

IH. Sonmersitzuog den 14. Juli 1894 in der Frauenklinik. 

Präsident: Prof. Stöhr. — Actuar: Dr. Conrad Brunner. 

1. Prof. Wyder: Klinische Demonstrationen, 

1) Vorweisung des in der Klinik seit einigen Wochen in Gebrauch stehenden 
Operationstisches für Beckenhochlagerung nach Schmid (Basel). 

2) Demonstration eines durch supravaginale Amputation gewonne¬ 
nen mannskopfgrossen interstitiellen Uterusmyoms. Die Indication 
zur Myomotomie war gegeben durch Druckerscheinungen und profuse Metrorrhagien. 
Redner benützt die Gelegenheit, um die Vorzüge der intraperi tonealen Stiel - 
behandlung, zu welcher er wieder zurückgekehrt ist, gegenüber der extraperitonealen 
hervorzuheben. 

3) Vorstellung einer Kranken mit über faustgrossem Pro¬ 
lapsus recti, in welchem der descendirte retroflectirte Uterus 
zu fühlen ist. 

Anamnestisch ist hervorzuheben, dass die nun 46jährige Person, früher stets ge¬ 
sund, vor 19 Jahren eine operative Geburt durchgemacht hat. Der bestehende Mast- 
darin Vorfall entwickelte sich vor einem Jahre bei Anlass hartnäckiger, starker 
Diarrhoe. Zu gleicher Zeit soll sich auch ein Scheiden Vorfall etablirt haben. 

Aus dem Anus, der für zwei Finger leicht durchgängig ist und einen schlaffen 
Sphincter aufweist, drängt sich ein wallnussgrosser, von normaler Schleimhaut überzogener, 
mit dicken, prall gefüllten Venen durchsetzter Rectalprolaps, der beim Pressen bis 
zu Faustgrösse anschwillt und in dessen vorderer Wand man einen harten, frei beweg¬ 
lichen, apfelgrossen Tumor von bimförmiger Gestalt fühlt. Theils reponirt sich der Vor¬ 
fall von selbst, theils muss er wieder zurückgeschoben werden, wobei der Sphincter 
klafft. Damm von normaler Ausdehnung, schlaff. Aus der klaffenden Vulva drängt sich 
eine massige Inversion der hinteren Vaginalwand. Direct hinter der prolabirten hinteren 
Vaginal wand findet sich nach Reposition des Rectalprolapsus die kaum verlängerte Portio 
mit quer gespaltenem, stark zerklüftetem Muttermund. Scheide weit, in hohem Grade 
schlaff. Uterus retrovertirt, frei beweglich, nicht vergrössert. Lässt man die Pa t. 
pressen, so wird der Uterus in stark spitzwinklige Retrofle- 
xionstellung gedrängt und mit seinem Corpus tief ins Rectum 
hinab gedrückt, so dass man ihn ohne weiteres mit dem oben 
in der vorderen Rectalwand beschriebenen Tumor identifi- 
ciren kann. Mit geringer Mühe lässt sich der Uterus von der Scheide aus reponiren, 

l ) Eingegangen 12. November 1894. Red. 


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Jumpclies wobei der ßectalprolapsus sich theilweise zurückzieht. Das hintere Scheidenge wölbe 
erscheint dann völlig frei. 

berick Von der Meinung ausgehend, dass der Recialprolapsus zum Theil 

der EiV wenigsten verschuldet und vergrössert werde durch den retro- 
wMan* flectirten, bei starker Action der Bauchpresse in ihn hinein- 
jujiiinif gedrängten Uterus, wurde zunächst am 2 8. Mai die Ventro- 
if dm fixation ausgeführt. 

e mi Zur Zeit der Vorstellung (14. Juli) ist der Uterus gut in der Bauchnarbe fixirt; 

ja tos dagegen besteht der Mastdarm Vorfall in unveränderter Ausdehnung fort.' 
ier bis Die nunmehr zur Beseitigung dieses Leidens geplante Operation besteht in folgen¬ 

dem: Spaltung des Dammes, der hinteren Vaginal- und der vorderen Kectalwand, Re- 
section der beiden letzteren; separate Vernäh ung der Rectal wunde, Scheiden- und 
Damm naht. 

(Am 20. Juli wird diese Operation ausgeführt, Patientin am 24. August entlassen. 
Es wird dabei folgender, hier interessirender Status erhoben. Patientin kann sowohl 
Flatus als auch dünnen Stuhl gut zurückhalten. Der Damm ist ca. 7 cm breit, dick 
und resistent; die Vagina gerade für einen Finger durchgängig. Der Sphincier ani ist 
schön verheilt, lässt den kleinen Finger passiren; in der vorderen Rectalwand fühlt 
man eine lineare Karbe.) 

ja 4)FallvonKaiser8chnitt, ausgeführt wegen starker Ver- 

engerung des Geburtscanales durch Beckentumor, 
p. Die Patientin, welche sich dieser Operation unterziehen musste, ist 40 Jahre alt. 

)0 Die erste Geburt ereignete sich im Kovember 1892. Dieselbe dauerte 2 Vj Tage und wurde 

3 durch Zange beendigt. Das Kiud war todt. Die jetzige Schwangerschaft, datirend vom 

). September 1893, verlief Anfangs gut; in der letzten Zeit verspürte die Frau häufig 

1 Schmerzen in der Syraphysengegend. 

Die Untersuchung (Anfangs Juni) ergibt, dass sich die Patientin im zehnten Monate 
der Schwangerschaft befindet. Spinae 23. Cr. 28. Tr. 31. Conj. ext. 19. 

Unmittelbar hinter dem orific. ext. urethrae stösst man auf 
einen von der Rückseite der Symphyse, etwas nach links von 
der Mittellinie ausgehenden unregelmässiggestalteten böck- 
rigen und derben Tumor. Derselbe ist gut mannsfaustgross 
und füllt die Beckenhöhle mehr als zur Hälfte aus. Dem An- 
fangstheil des Ramus descendens des linken os pubis sitzt er ganz wenig beweglich und 
ziemlich breit auf; die Urethra hat er etwas nach rechts verdrängt. In den übrigen 
Partien lässt er sich völlig von der Beckenwand abgrenzen. Ueberzogen ist er überall 
von der normalen Vaginalschleimhaut. 

Da die Exstirpation des Tumors technisch unmöglich ist und auch eine Geburt 
per vias naturales ausgeschlossen erscheint, wird der Kaiserschnitt in Aussicht genommen 
und 8m 18. Juni, nachdem sich am normalen Ende der Schwangerschaft kräftige Wehen 
# eingestellt haben, ausgefübrt. Die ganze Operation, bei welcher der Uterus 
erhalten bleibt, dauerte knapp 25 Minuten. Nahtmaterial Seide. Der weitere 
Verlauf war ein völlig reaotionsloser und konnte Patientin vom dritten 
Tage nach der Operation ab ihr Kind selbst stillen. — (Die Ent¬ 
lassung aus der Anstalt erfolgte am 16. Juli.) 

5) Weiterer Fall von Laparotomie wegen Uterusruptur mit 
völliger Genesung. 

Nachdem der Vortragende am 2. Juni 1894, bei Anlass des in Zürich tagenden 
ärztlichen Central Vereines, 2 Frauen vorgestellt hatte, bei welchen wegen Uterusruptur 
mit Erfolg die Laparotomie behufs Vernähung des Risses ausgeführt worden war, 
ereignete sich am Morgen des 4. Juni ein weiterer, mit demselben Erfolge operirter 
Fall. 


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Es handelte sich um eine 36jährige Vpara mit normalen Becken Verhältnissen. Die 
drei ersten Geburten verliefen normal; die vierte war durch Placenta praevia complicirt. 
Bei der jetzigen Geburt, die früh, am Morgen des 4. Juni begann, handelte es sich um 
eine Querlage mit Armvorfall. Da der von der Hebamme gerufene Arzt einfach nicht 
erschien (!!) wurde die geburtsh. Poliklinik requirirt. Höchst wahrscheinlich unmittelbar 
vor der Ankunft des poliklin. Assistenzarztes ereignete sich eine Uterusruptur mit fast 
völligem Austritte des Kindes in die Bauchhöhle. — Bei relativ gutem Kräftezustand 
(Puls 80) wird die Frau im Laufe des Vormittags unentbunden in die Klinik 
transferirt und daselbst 11 Uhr Vormittags (ca. 2 1 /* Stunden nach eingetretener Ruptur) 
die Laparotomie ausgeführt. 

Nach Eröffnung der Bauchhöhle wird zunächst das grösstentheils in der Bauchhöhle 
gelegene, selbstverständlich abgestorbene Kind extrahirt (männlich, 2680 Gramm schwer, 
50 cm lang) und die im Riss liegende, bereits gelöste Placenta entfernt. Es befinden 
sich in der Bauchhöhle ca. 300 cm 8 flüssigen Blutes. Nachdem der puerperale Uterus 
vor die Bauchhöhle gewälzt, übersieht man jetzt die Risswunde in ihrer ganzen Aus¬ 
dehnung. Dieselbe beginnt ca. 2 cm unterhalb der Ansatzstelle der linken Tube, geht 
seitlich links an der vorderen Uterus wand direct nach unten, bis zur Stelle, wo das 
Peritoneum sich auf die Blase überschlägt. Hier einen rechtwinkligen Lappen bildend, 
geht der Riss quer durch die Vorderwand des unteren Uterinsegmentes. Die Blase 
ist vollständig vom Uterus abgelöst. Der peritoneale Riss liegt ca. 

2 Vs cm oberhalb der Umschlagstelle des Peritoneums auf die Blase. Links vom uterioen 
Riss ist das Peritoneum weit abgelöst, so dass die ganze vordere Platte 
des Lig. latum einen Peritoneallappen bildet, der seitlich 
bis zum Mesenterium der Flexur reicht. 

Durch tiefe und oberflächliche (sero-seröse) Seidennähte wird der Riss in ganzer 
Ausdehnung vernäht, die Bauchhöhle mit warmer sterilisirter Kochsalzlösung ausgewaschen, 
darauf die Bauchwunde geschlossen. Jodoformgazetamponade der Vagina. — Am 1. Juli 
wird die Patientin völlig geheilt entlassen. Die höchste Temperatur hatte am vierten 
und fünften Tage post operationem 38,0 betragen. — Die Patientin machte vom 4. Tage 
ab den Eindruck einer völlig gesunden Wöchnerin. 

6) Demonstration eines Gefrierdurchschnittes durch eine 
unmittelbar post partum an Atonia uteri verstorbenen 
Wöchnerin, bei welcher der Utero-Vaginalschlauch vergeb¬ 
lich mit Jodoformgaze tamponirt worden war. (Die Beschreibung 
des im anatom. Institut angefertigten Präparates erfolgt in extenso.) 

?) Dr. B. Hottinger: Die moderne Cystoseopie and ihre praetisehe Bedeitiif* 
Indem Vortragender zuerst die Vorgeschichte der Cystoscopie durchgeht, zeigt er, wie 
dieselbe trotz vielfacher Modificationen im Princip doch dieselbe, die Disormeaux-Grünfeld'- 
sche, mit beschränkter Anwendung, blieb : ein endoscopisches Rohr, eine äussere Licht¬ 
quelle und Reflector, bis die geniale Composition Nitee 1 s mit dem neuen Princip der 
directen Beleuchtung durch Einführung der Lichtquelle in die Blase (resp. Urethra) voll- # 

ständige Wandlung, wenigstens für die Cystoscopie, brachte. Für die Endoscopie der 
Harnröhre werden vielfach noch die alten Methoden, als gleich leistungsfähig, vorge¬ 
zogen ; dafür hat sich das eigentliche Cystoscop, anfangs in Folge technischer Compli- 
cationen in seiner Anwendung noch beeinträchtigt, durch Verwendung der leicht ersetz¬ 
baren Mignonlampe und dadurch bedingten Fortfall der Kühlvorrichtung, durch Erweite¬ 
rung des Gesichtsfeldes und möglichste Verringerung des Volumens, zu grösster Hand¬ 
lichkeit und Leistungsfähigkeit ausgebildet. Nach Beschreibung der neuen, scheinbar so 
einfachen Instrumente, namentlich des optischen Vorganges beim Cystoscopiren, erwähnt 
Vortragender noch einiger paralleler Bestrebungen und Modificationen, ohne ihnen den 
Vorzug vor dem Vttee’schen zu geben (z. B. das Cystoscop von Leiter, das Megaloscop von 
ßoisseau du Bocher) und geht dann über zur praktischen Anwendung des Cystoscops. 


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27 


tim. lk Vorbedingungen sind Durchgängigkeit der Harnröhre, eine gewisse Ausdehnungsfähigkeit der 

complicirt Blase, eventuell durch Narcose resp. bloss Cocain zu erreichen und möglichste Klarheit 

98 sich iB des Inhaltes. In vielen Fällen leistet das Irrigationscystoscop gute Dienste, weil es ge- 

foch tiefe stattet, das die Bilder spiegelnde Prisma rein zu spülen, wie auch während der Beob- 

nmittelbif achtung den Inhalt der Blase zu ändern oder Strömungen zu erzeugen. Stärkere Blu- 
r mit ifa tungen werden am besten abgewartet ; gehörige Antisepsis ist wohl selbstverständlich. — 

ftezastid Wenn auch nicht so leicht anwendbar wie Laryngo- und Ophthalmoscop, so ist das 

e KM Cystoscop doch ein ebenso wichtiges diagnostisches Hülfsmittel geworden, berufen, nicht 

• ßaptar) nur die bloss der Diagnose dienenden blutigen Operation aus dem Felde zu schlagen, 

sondern namentlich die vielen „dunkeln Fälle“ aufzuhellen, Frühdiagnosen und dem 
tchhöhJ? Chirurgen eine mehr als durch alle andern Methoden erreichbare umfassende Diagnose 
schrer, zu stellen — bei der denkbar grössten Schonung der Patienten. Schon in der gesunden 
befindet Blase findet man individuell grosse Verschiedenheiten, in Farbe und Zeichnung der 

Fiera Schleimhaut, Form des Introitus, der Ureteren wülste und Oeffhungen und ihrer Function, 

n Ais* bis zu den ausgesprochensten Veränderungen bei Prostatahypertrophie und Balkenblase. 

, geil Grössere Abwechslung bieten die pathologischen Veränderungen, vielfach erst durch 

ro ds das Cystoscop zur Kenntniss gebracht. Alle Grade der Entzündung, Tuberculose, Fremd- 

M. körper, und namentlich Blasentumoren. Für letztere insbesondere gilt das oben von der 

las? Diagnose gesagte. Durch Beobachtung des Nierensecretes und der Function der Ureteren 

t & werden die Nieren in den Bereich der Beurtheilung gezogen. — Von der operativen 

rioet Cystoscopie wie sie Nitze mit seinen Opera tionscystoscopen an bahnt und die auch in 

1 1 ? seinen Händen bereits einige Erfolge aufzuweisen hat, glaubt Vortragender nicht, dass 

ich sie sich grosse Popularität erwerben werde, wegen zu mannigfaltiger Schwierigkeiten, die 

ihr anhaften und sie auf einige geeignete Specialfälle beschränken werden. — Dagegen 
izer hat Nike durch seine cystoscopische Photographie auch dem nicht Cystoscopirenden ein 
ea, in bisher unerreichtem Masse ebenso prägnantes wie wahres Bild der cystoscopischen Welt 

uli eröffnet. — Zum Schluss demonstrirt Vortragender das Wolff* sehe Blasenphantom und 

eu am Lebenden eine leichte Trabekelblase (nach Strictur) mit schön zu beobachtender 
& Punktion der Ureteren. 


Referate und Kritiken« 

Grundzüge der Hygiene. 

Für Studirende, Aerzte und Architekten. Von Prausnüz. II. Auflage. München u. Leipzig. 

Lehmann 1895. M. 7. —. 

Die erste 1892 herausgekommene Auflage hatte den Münchener Privatdocenten zum 
Verfasser, die vorliegende zweite aber den o. ö. Professor der Hygiene in Graz. Mit 
dem Format seines Autors ist auch das des Buches grösser geworden; es erscheint wesent¬ 
lich vermehrt und verbessert, hat aber wohlweislich seinen ursprünglichen Tenor beibe¬ 
halten; es ist anregend und klar und macht den Eindruck, dass der Verfasser ein vor¬ 
trefflicher Docent sein müsse. Diese „Grundzüge“ gehören wohl neben Flügge' s „Grund¬ 
riss der Hygiene“ zum allerbesten, was die deutsche Litteratur in so compendiöser Form 
dem practischen Arzte und dem Studirenden darbietet, der sein Hygiene-Colleg nicht nur 
belegt „sondern auch besucht“ hat. Es thut dem gewöhnlichen Sanitätsmenschen wohl, 
zu sehen, wie die Wahrheit alle intelligenten und redlichen Männer zusammenführt und 
schliesslich versöhnt. Der Localist von München entwickelt Ansichten über den Cholera¬ 
bacillus (pag. 34 u. 437) und über Trinkwasser-Infection (pag. 144, 174, 437 — 39) mit 
denen auch der rechtgläubigste Contagionist zufrieden sein kann. Man lernt hier nicht 
eine bestimmte Schule, sondern Hygiene überhaupt, die sich als vollberechtigte Disciplin 
und akademisches Lehrfach ausweist. Die Gegner sind verstummt; die Freunde haben 
das Wort. Sie müssen es nun redlich gebrauchen und auch die vorliegende, treffliche 


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Anleitung benutzen, von der Erkenn tniss zum Willen, von Worten zu Thaten überzu- 
gehen. 

Pflichtgemässe Nachschrift. Zeichnungen, Druck und sonstige Ausstattung des 
Buches sind sehr schön. Sonderegger . 

Die familiale Verpflegung Geisteskranker (System Gheel) der Irrenanstalt der Stadt 
Berlin zu Dalldorf in den Jahren 1885—1893. 

Von Dr. Alf. Eolhe. S. 154. Berlin. Verlag von Jul. Springer. 1893. 

Die Versorgung chronischer, unheilbarer Irren ist in der Gegenwart zu einer schwer 
wiegenden staats-öconomischen und financiellen Frage geworden, die nicht nur die Irren¬ 
ärzte, sondern auch die Behörden und Staatsmänner lebhaft beschäftigt. 

Jst es die unabänderliche Aufgabe unsrer Zeit, immer neue und grössere Anstalten 
für diese Kranken zu errichten, oder die bestehenden Anstalten zu vergrössern und zu 
erweitern? Gibt es nicht andere Mittel, um die chronischen Irren ihrem Zustande ge¬ 
mäss gerade so gut, eventuell noch besser, als wie in den Anstalten, zu versorgen? Es 
sind also ebensogut flnancielle wie psychiatrische und humanitäre Gesichtspunkte, die einer 
Beleuchtung resp. einer Lösung harren. Auf geschichtlicher Grundlage, also vom Boden 
der Erfahrung aus, die die hundertjährige Entwicklung der belgischen Irrencolonie Ghool 
lieferte, hat die Stadt Berlin den Versuch gemacht, die obigen Fragen practisch ihrer 
Lösung zuzuführen. 

Obige Schrift theilt die Art und das Ergebnis dieses Versuchs in klarer, nüchterner 
Weise mit, wornacb 6°/o der Anstaltskranken der familialen Verpflegung kürzere Zeit 
und dauernd übergeben werden konnten, deren Kosten nur 57—58°/o der Kosten der 
in der Anstalt verpflegten Kranken betragen. Ohne Zweifel darf die Schrift als ein 
interessanter und werthvoller Beitrag zur Lösung obiger Fragen angesehen und ihr 
Studium daher mit Recht allen betheiligten Kreisen empfohlen werden. L . W. 

Cantonale Correspondenzen. 

Glarus, + Dr. ned. F. Kliig, der langjährige Badearzt in Stachelberg, starb 
in der Nacht vom 13. auf den 14. November während des Schlafes, offenbar an einer 
Apoplexia cerebri. Obschon ira Ganzen etwas müde und matt geworden und von chro¬ 
nischer Bronchitis geplagt, hatte er doch bis zum letzten Tag anscheinend gesund in 
regelmässiger Thätigkeit gestanden. So war uns Allen sein Tod eine Ueberraschung. 

K. wurde am 14. August 1829 in La Rochelle geboren, wo sein Vater, Oberst 
König, in französischen Diensten stehend, eine tüchtige und charactervolle Französin aus 
gutem Hause geheirathet hatte. Anfangs der dreissiger Jahre übersiedelte die Familie 
nach Chur, woselbst König seine ganze Jugendzeit verlebte bis zum Abgang an die Uni¬ 
versität. Im Frühjahr 1848 begann er das medicinische Studium in Zürich, wo er bei 
ernster Arbeit, aber daneben im heitern Freundeskreise die Freuden des Studentenlebens 
kostend, bis August 1850 blieb. Dann wandte er sich mit mehreren Kameraden nach 
Prag, ira Frühjahr 1852 Für ein Semester nach Wien und dann für einige Monate 
nach Paris. Den Doctorhut holte er sich in Bern, war dann l /t Jahr Assistent bei 
Dr. Elmiger am Spital in Luzern und begann im October 1853 seine ärztliche Thätig¬ 
keit in Betschwanden, wohnte später in Hätzingen und von 1876 an in Lintthal. Immer 
war er zugleich Arzt im Bad Stacbelberg. 

Volle 41 Jahre wirkte K. unermüdlich in seinem Berufe. Er war einer von denen, 
die beständig auf dem Posten stehen. Ausserge wohn lieh kräftig von Natur und von 
blühender Gesundheit, eifrig und pflichtgetreu, war er im Stande, ein reiches Maass be¬ 
ruflicher Arbeit zu erledigen, getragen vom Vertrauen seiner vielen Patienten, das er 
sich trotz seines energischen, oft barsch erscheinenden Wesens durch sein Wissen und 
Können, aber auch durch die wohlwollende Gesinnung erwarb, die eben doch immer 


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wieder zu Tage trat. Die Fortschritte in unserer Wissenschaft verfolgte er stets mit 
Interesse. Namentlich die Therapie und hier wieder die medicamentöse Therapie war 
es, die er pflegte. In der That konnte man bei ihm jeweilen das Neueste an gharma- 
ceutiscben Producten finden. Noch jüngst z. B. war er der erste unter den Herren Col- 
legen, der den Schreiber dieser Zeilen über die Anschaffung des Diphtherieserums inter- 
pellirte. Wichtiges, und besonders principiell wichtige Errungenschaften auf medicinischen, 
aber auch auf anderen Gebieten, fanden bei ihm rasches Verständniss und oft begeisterte 
Anerkennung. Ueberhaupt war er kein einseitig gebildeter Mann. Für Litteratur und 
Kunst namentlich hatte er ein feines Verständniss. Auch die Entwicklung des Öffent¬ 
lichen Lebens im engeren und weiteren Kreise verfolgte er mit grossem Interesse, ohne 
sich jedoch irgendwie hervowagend activ zu bethätigen. Dagegen war er gewohnt, zu 
Allem Stellung zu nehmen und derselben unverholen und energisch Ausdruck zu ver¬ 
leiben. Durch sein bestimmtes und selbstständiges Auftreten hat er manche gute Sache 
gefordert und ihr zum Durchbruch geholfen. So fand unser trefflicher College Fabrik- 
inspector, damals noch als cantonaler Inspector, im Anfang der 70er Jahre für seine neuen 
ßestrebungen auf dem Gebiete der Fabrikbygiene bei K . das beste Verständniss und die 
kräftigste Stütze. Aehnlicb auf anderem Gebiete! Das an der schweizerischen Landes¬ 
ausstellung in Zürich von Tausenden bewunderte, jetzt in unserem Rathhause aufgestellte 
Relief des Kantons Glarus wäre, so erzählt uns der Verfertiger desselben, ohne K. nicht 
zu Stande gekommen. Er war es, der ihm ermuthigend zur Seite stand, der weitere 
Kreise zu interessiren verstand und dadurch für die Mittel zur Ausführung sorgte. Noch 
manch’ anderer junger Mann — denn zur Jugend fühlte er sich besonders hingezogen 
— fand in K . einen Freund und Berather und in seinem gastlichen Hause im Kreise 
der Familie köstliche Stunden geistiger und gemüthlicher Anregung. Sein Haus, zumal 
im Sommer durch Besuche belebt und von so manchem geistig hervorragenden Badegast 
Stachelbergs angeregt, bot überhaupt das Bild eines echten Doctorhauses, in welchem 
nicht nur der Kranke seinen Helfer, sondern jeder Gebildete seine Heimath findet. 

College König war ein eigenartiger Mann, der wegen mancher Contraste in seinem 
Wesen schwer zu beurtheilen ist. Sicher aber war er eine anerkannte Persönlichkeit, 
die vor allem durch die unermüdliche Thätigkeit, durch ihr ausgesprochenes Bedürfniss 
nach umfassender allgemeiner Bildung und durch die Geradheit ihres Characters ehrende 
Anerkennung und auch unter uns Coliegen ein gutes Andenken verdieut. F. 


W ochenbericht. 

Schweiz. 

— In Bern starb am 11. December 1894 der Senior der Pharmacie, Prof. Dr. 
F. A. Flächiger , ehemals Professor der Pharmacologie an der Universität Strassburg. 

— Die schweizerische! Heilquelle! in Auslande. Der Consum schweizerischer 
Mineralwässer nimmt in allen Ländern der Welt von Jahr zu Jahr zu. Ein grosser 
Theil der uns von der Natur gebotenen Schätze findet im Ausland grössere Anerkennung 
und lebhaftem Absatz, als bei uns, wo das nabe liegende Gute oft durch Fremdlinge 
verdrängt wird. Beispielsweise ist nicht einzuseben, warum statt des nicht weniger wirk¬ 
samen Birmensdorfer Wassers die ungarischen Bitterwässer so colossale Verwendung bei 
uns finden. Mit Neujahr 1895 eröffnet die Firma Rooschüz & Cie. in Bern — durch 
auswärtige Aerzte, Apotheker und Mineralwasserhandlungen veranlasst — eine Central- 
V e r 8 a n d t s t e 11 e für sämmtliche schweizerischen natürlichen 
Mineralwässer (in Verbindung mit dem bisherigen Specialgeschäft für alle natür¬ 
lichen Mineralwässer und Quellenproducte des In- und Auslandes). Vorläufig gelangen 
laut Prospect der Firma kisten- oder waggonweise folgende Quellen zum Versandt: A1- 
vaneu (gypsh. Schwefelquelle), Belvedra (alkal.-erdiger Eisensäuerling), Birmenstorf (Bitter¬ 
wasser), Fideris (eisenh. Natron-Säuerling), Gurnigel, „Stockquelle“ und „Schwarzbrünnli“ 


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(Schwefelquellen), Heustrich (alkal.-salin. Schwefelquelle), Passugg (Ulricusquelle) (Natron- 
Säuerling [natürliches Sodawasser]), (Theophilsquelle) (eisenh. Natron-Säuerling), Ragaz- 
Pfäffers,(Thermalwasser [indifferente Therme]), Rotbenbrunnen (jodh.-alkal. Eisensäuerling), 
Saxon (Jodtherme), Schimberg (Natron-Schwefelquelle), Schinznach (Schwefeltherme), Solis 
(Donatusquelle) (jodhaltiger Eisensäuerling), Stachelberg (alkal. Schwefelquelle), St. Moritz 
„ (Paracelsusquelle und Funtauna Surpunt) (Eisensäuerlinge), Tarasp (Bonifazius) (natronh. 
Eisensäuerling), (Luziusquelle) (alkal.-salin. Glaubersalzquelle), Tiefenkasten (St. Peter) 
(muriat. Eisensäuerling), Val Sinestra (Conradinsquelle) (arsenhaltiger Eisensäuerling), Vals 
(eisenh. Gypstherme), Weissenburg (salin. Gypstherme), Wildegg (jod- und bromhaltige 
Kochsalzquelle). 

Ausland. 

— Unsere Kenntnisse von der Wirkungsweise der antltoxlsehea Serunflllssig- 
keiten sind zur Zeit noch rudimentär. Die spärlichen auf diesem Gebiete feststehenden 
Thatsachen hat Boux in einer Abhandlung zusammengefasst (Annales de l’Institut Pasteur 
Nr. 10), welche wir an dieser Stelle resumiren möchten. Seit der Behring'schm Ent¬ 
deckung hat man die Beobachtung gemacht, dass ausser bei Tetanus und Diphtherie, bei 
verschiedenen ansteckenden Krankheiten (Pneumonie, Cholera, Schweinseuche, etc.) das 
Blutserum der künstlich immunisirten Thiere, immunisirende und therapeutische Eigen¬ 
schaften besitzt. Diese Eigenschaften hat man zunächst als eine rein neutralisirende 
Wirkung des Blutserums auf die durch die Bacterien producirten Toxine angesehen, daher 
auch die Bezeichnung Antitoxine. In der That ist man im Stande Diphtherie- oder 
Tetanusgift durch Zusatz einer kleinen Quantität des entsprechenden antitoxischen Serums 
unschädlich zu machen. Mit Pneumonie- oder Choleragift gelingt dies aber nicht. Das Serum 
der gegen letztere Krankheiten immunisirten Thiere schützt nicht gegen Cholera- resp. Pneu¬ 
monietoxin, sondern nur gegen den entsprechenden Microorganismus. Metchnikoff fuhrt diese 
Schutzwirkung auf eine Stimulirung der Phagocyten zurück, welche die eingewanderten Micro- 
organismen aufnehmen und unschädlich machen. Da diese Wirkung in letzter Instanz 
auf einer Reizung der zelligen Elemente beruht, so ist eh verständlich, dass das Serum 
eines gegen eine Krankheit immunisirten Thieres, gegen eine andere Affection auch wirk¬ 
sam sein kann. So hat man beobachtet, dass das Serum eines gegen Rauschbrand im¬ 
munisirten Thieres, gegen den Bacillus der acuten Septicämie wirksam ist. Ebenfalls 
hat das Serum eines gesunden Menschen und auch in gewissen Fällen das Pferdeserum 
ausgesprochene immunisirende Eigenschaften gegen die intraperitoneale Cholerainfection. 
Von einer specifischen Wirkung kann also in diesen Fällen nicht die Rede sein. 

Anderes ist es aber, ein gesundes Thier gegen die Invasion von Microorganismen, 
als gegen Toxine, d. h. gelöste Gifte zu schützen. In diesen Fällen handelt es sich um 
eine eigentliche antitoxische Wirkung. Bis dato haben wir diese antitoxische 
Wirkung blos im Serum der gegen Tetanus, Diphtherie, Abrin, Ricin und Schlangengift 
immunisirten Thiere kennen gelernt. Besonders bei Tetanus erreicht diese antitoxische 
Wirkung einen Grad, der alle Vorstellungen übertrifft. — Wie entstehen aber diese 
Antitoxine? Sie sind in um so grösseren Mengen im Blute der immunisirten Thiere ent¬ 
halten, als diese grössere Toxindosen erhalten haben, so dass man daraus den Schluss 
gezogen hat, dass die Antitoxine direct aus den Toxinen gebildet werden. Die im Blute 
enthaltene Antitoxinmenge müsste demnach der Menge des injicirten Toxins proportional 
sein. Boux und Vaülard haben aber gezeigt, dass man einem gegen Tetanus immuni¬ 
sirten Kaninchen in kurzer Zeit eine Blutmenge entziehen kann, die dem Gesammtvolum 
des im Körper des Versuchsthiers circulirenden Blutes gleichkommt, ohne dass die anti¬ 
toxische Wirkung des Serums merklich abnimmt. Es muss also nachträglich noch eine 
Antitoxinbildung im Organismus stattfinden. Dass kein Parallelismus zwischen dem ge¬ 
bildeten Antitoxin und der injicirten Toxinmenge besteht, geht ferner aus folgenden Ver¬ 
suchen von Boux und Vaillard hervor. Man immunisirt zwei Kaninchen mit gleich grossen 
Dosen von Tetanotoxin, welche während desselben Zeitraumes injicirt werden, aber mit 


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dem Unterschied, dass das erste Kaninchen jeden Tag eine geringe Dose bekommt, 
wahrend dem anderen nur von Zeit zu Zeit massivere Dosen eingespritzt werden. Am 
£nde der Beobachtung liefert das erste Versuchsthier ein sehr energisches antitoxisches 
Serum, während das Serum des zweiten Kaninchens viel schwächere immunisirende Eigen¬ 
schaften besitzt. 

Die Beziehungen des Toxins zum Antitoxin treten mit grosser Deutlichkeit bei 
folgenden Versuchen hervor: Einer sehr wirksamen Lösung von Tetanotoxin setzt man 
antitoxisches Serum hinzu, und zwar so, dass 1 Theil Serum zur Neutralisirung von 900 
Theilen Toxin genügt. Injicirt man 10 Meerschweinchen mit je x j% ccm dieser Mischung, 
so wird bei acht derselben jede Beaction ausbleiben, zwei dagegen werden die Symptome 
eines mehr oder weniger schweren Tetanus bieten, ein Zeichen, dass in der Flüssigkeit 
noch freies Gift enthalten ist. Setzt man nun die Toxindose herab, so dass auf 1 Theil 
Serum blos 500 Theile Toxin kommen, so wird x j% ccm dieser neuen Mischung keinen 
Tetanus hervorrufen, 3 ccm dagegen genügen, um den Ausbruch des Tetanus zu ver¬ 
anlassen. Aus diesen Versuchen scheint bereits hervorzugehen, dass eine eigentliche 
Neutralisirung des Toxins durch das Antitoxin nicht stattfindet, und dass beide Körper 
in der Flüssigkeit nebeneinander existiren. Diese Vermuthung wird durch folgende Ver¬ 
suche von Roux und Vaillard noch gestärkt: Fünf Meerschweinchen bekommen eine In- 
jection von l jt ccm der Mischung 900 Toxin: 1 Serum; sie bleiben alle gesund. Fünf 
andere, z. Z. gesunde Meerschweinchen, welche aber einige Zeit vorher gegen den Vibrio 
von Mass&uah iromunisirt worden waren, erhalten ebenfalls eine Injection von J /2 ccm 
derselben Mischung. Alle fünf werden vom Tetanus befallen. Selbst mit einer Ein¬ 
spritzung von y$ ccm einer Mischung Yon 500 Toxin und 1 Serum kann man solche 
Meerschweinchen tetanisch machen. Immunisirt man Meerschweinchen durch eine Serum- 
injection von 1 ccm, so ertragen sie eine sonst tödtliche Toxindose ohne die geringste 
Beaction darzubieten. Injicirt man denselben nachträglich noch die Stoffwechselproducte 
des Bacterium coli oder anderer Bacterien, so erkranken mehrere Versuchstiere an 
Tetanus. Das Gift war also nicht vernichtet, da es noch im Stande ist, Tetanus hervor¬ 
zurufen, sobald die Resistenzfähigkeit der Versuchstiere künstlich herabgesetzt wird. Die 
Demonstration würde an Beweiskraft noch erheblich gewinnen, wenn es möglich wäre, 
das Toxin und das Antitoxin aus dem Gemenge beider Körper zu isoliren. Für Diphtherie 
and Tetanus ist dies aber vorläufig nicht möglich. Dagegen lässt sich diese Forderung 
für andere Toxine bewerkstelligen. Calmetie, Phisalixe und Bertranä haben gezeigt, dass 
das Serum von Thieren, welche gegen Schlangengift immunisirt wurden, antitoxische 
Eigenschaften besitzt. Eine Mischung von Schlangengift und antitoxischem Serum ist voll¬ 
ständig ungefährlich; sie erlangt ihre ganze Giftigkeit wieder durch blosses Erhitzen bis auf 
70°. Bei dieser Temperatur wird das Antitoxin zerstört, das Toxin dagegen nicht. 


^ Aus den bisherigen Betrachtungen scheint hervorzugehen, dass die Antitoxine auf 

die Zellen ihre Wirkung entfalten. Bei der Neutralisirung der Gifte treten zellige 
Elemente in Kraft, gerade wie beim Kampf des Organismus gegen die Bacteriefi selbst. 
Es wurde bereits erwähnt, dass das Serum eines gegen einen Microorganismus immuni- 
sirteu Thieres in gewissen Fällen sich auch gegen einen anderen wirksam erweist, also 
nicht specifi8ch wirkt. Die antitoxischen Serumfiüssigkeiten dagegen wurden bis zum 
heutigen Tage als streng specifisch wirkend betrachtet, jede nur gegen ein bestimmtes 
Toxin wirkend. Diese Auffassung ist durch die neuesten Untersuchungen unhaltbar ge¬ 
worden; so scheint z. B. dem antitetanischen Serum eine gewisse Wirksamkeit gegen das 
Schlangengift zuzukommen. Das Serum eines gegen Schlangengift immunisirten Thieres 
dagegen besitzt keine schützende Kraft gegen Tetanusgift. Ebenso ist das Serum der 
gegen die Hundswuth immunisirten Kaninchen sehr wirksam gegen Schlangengiftvergiftung. 
Es ist wenig wahrscheinlich, dass diese merkwürdigen Erscheinungen das Resultat chemischer 
Beactionfen sind; eine Reizwirkung auf die zeitigen Elemente scheint allein im Stande, 
die schützende Kraft der antitoxischen Flüssigkeiten zu erklären. 


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— Krankenkasse* und ärztliche Honerare. Nach dem „Bulletin des Societes 
mutuelles“ gibt es in Frankreich ca. 10,000 Krankenkassen mit etwa 1,600,000 Mit¬ 
gliedern. Die Aerzte werden gewöhnlich im Abonnement engagirt and der Preis des 
Abonnements wechselt zwischen 2 und 4 Franken pro Jahr. Im Jahre 1885 leistete 
Dr. Beraud den Nachweis, dass die Berechtigung von Seiten der Kassen, den Arzt zu 
jeder Tages- und Nachtstunde in Anspruch zu nehmen, mit einem Honorar von 50 Cts. 
pro Jahr und pro Kopf entschädigt wurde. Von einer Kasse wurden 7000 Einzelleistungeu 
(Besuche und Consultationen) mit 3000 Franken honorirt. Die Aerzte der Stadt Chamb&y 
haben sich gegen eine solche Erniedrigung des ärztlichen Standes aufgelehnt und ein¬ 
stimmig folgenden Beschluss gefasst: „Da die Armentaxe für ganz Savoyen Fr. 1.50 für 
den Tagesbesuch beträgt, so wäre es erniedrigend und unwürdig für die Aerzte sowohl 
wie für die Krankenkassen, wenn die Kassentaxe der ärztlichen Honorare nicht zum mindesten 
die Höhe der Armentaxe erreichte.“ Vom 1. Januar 1895 werden die Aerzte Cham- 
bery’s sich weigern, die Mitglieder der Krankenkassen unter folgendem Tarif zu behan¬ 
deln: Consultation in der Wohnung des Arztes oder Tagesbesuch Fr. 1.50; Consultation 
mit einem Collegen oder Nachtbesuch Fr. 5.—; ausserdem für eine kleinchirurgische 
Operation Fr. 3.—; Einrenkung einer Luxation oder Fracturverband Fr. 10.—. Die 
Aerzte betonen weiter, dass wenn sie auch mit Freude den humanitären Zweck der 
Krankenkassen durch ihre persönliche Mitwirkung zu unterstützen gewillt sind, sie jedoch 
dabei die materiellen Interessen und die Würde des ärztlichen Standes nicht ausser Acht 
lassen dürfen. Den aufgestellten Tarif betrachten die Aerzte nur als eine Abschlags¬ 
zahlung zu den Honoraren, welche die Kassen ihnen in Wirklichkeit schuldig sind, und 
sie behalten sich vor, die Integrität des Honorares den Mitgliedern zu verlangen, die selbst 
Arbeitgeber sind oder in einer notorisch günstigen materiellen Situation sich befinden. 

(Mödec. moderne Nr. 84.) 

— Die Frage, ob Jemand den Tripper übertragen kann, ohne ihn selber h 
haben, sucht Morel-LavalUe an der Hand folgenden Falles zu beantworten: (Journal des 
malad, eut. et syph. 1893. S. 681) Ein Mann, der vor 4—5 Monaten einen Tripper 
hatte, und der jetzt noch jeden Morgen einen Tropfen Exsudat aus seiner Harnröhre 
entleert, übt den Coitus einmal mit einer verheiratheten Frau aus. Vom nächsten Morgen 
an wird sein Ausfluss eitrig, reichlicher; einige verdächtige extra-celluläre Kokken. Seine 
Freundin, die zwischendurch auch zweimal mit ihrem Manne Umgang hatte, lässt sich 
acht Tage nach dem verbotenen Genuss untersuchen und wird von M.-L. gonokokken¬ 
frei befunden. Unterdessen wird der getäuschte Ehemann tripperkrank und lässt seine 
Frau von seinem Hausarzt untersuchen, der den Befund von M.-L. bestätigt, d. h. die 

Frau Für gesund erklärt. Dann treten bei der Frau die Regeln ein, und erst nach 

deren Aussetzen, genau 28 Tage nach dem schuldigen Coitus, werden bei ihr Gonokokken 
gefunden und entwickelt sich eine Gonorrhoe. — Nach dieser Beobachtung hält sich 
M.-L, für berechtigt, die von ihm aufgeworfene Frage verneinend zu beantworten. 

Der Gonokokkus hat zu seiner Entwicklung ein günstiges Feld nöthig, und er kann 

lange Zeit latent bleiben, d. h. ein scheinbar gesundes Individuum kann Gonorrhoe haben 

(namentlich ist dies bei Frauen möglich), ohne die klinischen Symptome des Trippers 
aufzuweisen. Eine Uebertragung der Krankheit, ohne dass der Inficirende Gonokokken 
beherbergt, ist dagegen nicht denkbar. (Prager med. Wochenschr. Nr. 46.) 


Briefk asten« 

Herr Prof. Sahli, Bern dankt auf diesem Wege den Herren Collegen, welche die Güte hatten, 
seinen Perityphlitisfragebogen zu beantworten, aufs Beste. Wie er schreibt, sind ca. 450 Antworten 
eingegangen, „sehr werthvolles Material“. 

Corrigendum: Auf pag. 792 der letzten Nummer ist als Geburtstag des „frierenden Neugebor- 
nen“ zu lesen 22. December, nicht 22. October. 


Schweighauserische Buchdruckerei. — B. Schwabe, Verlagsbuchhandlung in Basel. 


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Beilage zum Corre^ondenz-Blatt für Schweiz « 




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Zn Kocher, Die Schilddrfeenfiinction etc. 









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Erscheint am 1. nnd 15. 
jedes Monats. 

Inserate 

35 Cts. die gesp. Petitzeile. 


ffir 

Schweizer Aerzte 

Herausgegeben von 


Preis des Jahrgangs 
Fr. 12. — für die Schweiz, 
Fr. 14.50 für da9 Ausland. 
• Alle Postbureaux nehmen 
Bestellungen entgegen. 


Dr. E. Haflfler und Dr. A* Jaquet 

in Franenfeld. in Basel. 


N! 2. XXV. Jahrg. 1895. 15. Januar. 


Inhalt i I) Ori g innlarb«! ten: Prof. 8akli: Uebnr diaetoliecbe aceidentelle Hertgeriutcbe. — Prof. Dr. B. Lesoer: Zar 
Fürsorge für die nae dem 8piU) entlawenen Syphilitischen. — Dr. Otto Lans: Zar Scbilddrfieeatherapie des Kropfes. — Kochst: 
Nachtrag ta der Orlgioalarbeit in letzter Nummer: Die Scbilddrfieenfanction im Liebte neuerer ßebandlangdtnethoden rereebie* 
deoer Kroplfonnen. — 2) Verei n e beri cii te: 4P. Versammlung des Arttl. Centnlrerelos. — Alediciniach-pharraacentfacber Be* 
lirksvereiu Hern. — 3)' Referate aod Kritiken; Dr. A. Küpen Fick: Lehrbuch der Augenheilkunde. — 4)Cantonale 
Correepondeuten: Aue den Acten der schwelt. Aerttecommjssion. — 5) Wochen bericht: Frequenz der schwelt. Uni¬ 
versitäten. ~ Coccygodynie. - Behandlung der Diphtherie mit Heilserum. — Monatsschrift für 3ebur!*hOJfe und Ojn&cologie. 
— Verschleppung des Cholerainfectionsstoffes durch Fliegen. — Bild von Ignaz Philipp Semmelweis. — Opiate in Verbindung 
mit Kaffee. — Scbilddrfiaenextract gegen Obeeitas. — Magenatonie. — Rigidität des Muttermundes. — Gegen Herpes zoster. ~ 
6) Briefkasten. — 7) HQlfskasse für Sch weiter Aerste. 


Original -Arbeiten. 


Aus der medicinischen Klinik in Bern, 
lieber diastolische aceidentelle Herzgeräusche. 

Von Prof. Sahli. 

Jedermann ist darüber einig, dass systolische Herzgeräuscbe nicht ohne Weiteres, 
sondern bloss unter Mitberücksichtigung anderweitiger diagnostischer Momente für die 
Erkennung von Klappenfehlern benützt werden dürfen, weil nachgewiesener Maassen 
mitunter bei ganz gesunden Menschen, namentlich aber bei gewissen Krankheitszustän¬ 
den (Ansemie, Fieber, Icterus etc.) systolische Geräusche beobachtet werden in Fällen, 
wo die übrigen klinischen Zeichen und namentlich die Sectionsbefunde mit Sicherheit 
die Annahme eines Klappenfehlers ausschliessen lassen. Man nennt bekanntlich der¬ 
artige Geräusche accidentell, womit man ausdrücken will, dass dieselben für die Diagnose 
des betreffenden Krankheitsfalles keine besondere Bedeutung beanspruchen. Von diesen 
im eigentlichen Sinn des Wortes accidentellen Geräuschen, die mit einer gestörten 
Klappenfunction gar nichts zu thun haben, sind zu trennen die sogenannten functio- 
nellen Klappengeräusche, welche durch relative Insufficienzen der Klappen, sei es in 
Folge von Anrnmie, sei es durch irgend welche andere den Herzmuskel schädigende 
nnd dadurch zur Dehnung der Ventrikel führende Affectionen ohne anatomische Läsion 
der Klappen zu Stande kommen. Dadurch, dass solche functionelle Insufficienzen be¬ 
sonders häufig bei schweren Ansemien beobachtet werden, ist in der Nomenclator eine 
zu Missverständnissen führende Ungenauigkeit veranlasst worden, indem von manchen 
Antoren alle bei Anaemiscben ohne anatomische Klappenläsion vorkommenden Herz¬ 
geräusche als anaemisch-aceidentelle Geräusche bezeichnet werden, ohne dass die 

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theoretisch und practisch wichtige Unterscheidung der Geräusche in i t gestörter 
Klappenfunction und derjenigen ohne gestörte Klappenfunction dabei gemacht wird. 
Dem gegenüber habe ich in meinem Lehrbuch der klinischen Untersuchungsmetboden 1 ) 
die Begriffsbestimmung der accidentellen Geräusche etwas schärfer und klarer zu fassen 
gesucht, indem ich nur diejenigen Geräusche als accidentell zu bezeichnen vorscblug, 
welche mit der Klappenfunction gar nichts zu thun haben, und welche also auch nicht 
auf functionellen Insufficienzen beruhen. Ich habe dort gezeigt, dass diese Unter¬ 
scheidung practisch im Allgemeinen leicbt möglich ist, indem functionelle Insufficienzen, 
wie sie bei Ansemischen so häufig sind, sich nach genau denselben Grundsätzen dia- 
gnosticiren lassen, wie die anatomischen Klappenfehler. Wie ich am angeführten Orte 
zeigte, ist diese Unterscheidung keineswegs bloss von theoretischem, sondern auch von 
grossem practischem Interesse, indem functionelle Klappenfehler im Allgemeinen die¬ 
selbe Behandlung erfordern, wie die anatomischen Klappenfehler, während rein acci- 
dentelle Geräusche bei den therapeutischen Indicationen nicht berücksichtigt zu werden 
brauchen. Die Erklärung der rein accidentellen Geräusche ist noch vielfach hypothetisch. 
Es spricht aber, wie ich am angeführten Orte zu zeigen versuchte, Manches dafür, 
dass accidentelle Geräusche überall da zu Stande kommen können, wo die Bedingungen 
für ein abnorm rasches Strömen des Blutes vorhanden sind. Hierbei dürfte ausserdem 
die veränderte physicalische Beschaffenheit des Blutes bei den Anaemien in so fern in 
Betracht kommen, als dadurch das Zustandekommen der die Geräusche hervorrufenden 
Wirbelbewegungen im Innern des Blutstromes begünstigt wird. 

Während in Betreff der systolischen accidentellen Geräusche wenigstens über das 
Thatsächliche Einigkeit besteht, ist in Betreff der diastolischen Geräusche die Frage noch 
nicht entschieden, ob und in wie fern solche accidentell, d. h. nicht bedingt durch 
gestörten Klappenmechanismus Vorkommen. Wir müssen auch hier, wenn die Dis- 
cussion überhaupt eine sichere Basis erhalten soll, uns an die oben gegebene Definition 
des accidentellen Charakters halten. Es darf nämlich auch bei den diastolischen Ge¬ 

räuschen nicht verwechselt werden zwischen accidentell und functionell. Neben der 
Entstehung durch anatomische Klappenläsionen kommt nämlich auch hier die Mög¬ 
lichkeit in Betracht, dass gestörter Klappenmechanismus bei anatomisch intacten 
Klappen diastolische Geräusche bedingt, ähnlich wie nach den obigen Auseinander¬ 
setzungen auf diesem Wege so häufig systolische Geräusche entstehen. So nimmt man 
an, dass unter Umständen bei sehr hohem Blutdruck die Aorta resp. die Arteria pul- 
monalis so stark gedehnt werden kann, dass die Semilunarklappen schlussunfähig wer¬ 
den. Man bat offenbar das Recht, hier von einer relativen Aorten- resp. Pulmonalis- 
insufficienz zu sprechen, so gut wie in anderen Fällen von einer relativen Mitralinsuf- 
ficienz, wobei in der Genese der beiden Affectionen freilich der wesentliche Unterschied 
existirt, dass die relative Mitralinsufücienz eine geschwächte, die relative Aorten- uod 
Pulmonalisinsufficienz dagegen eine kräftige Herzaction zu ihrem Zustandekommen er¬ 
fordert. In ähnlicher Weise hat man auch functionelle Mitralstenosen angenommen, 3 ) — 
ob mit Recht oder Unrecht, will ich hier nicht erörtern, — indem man sich dachte, das9 

*) Wien, Verlag von F. Deuticke 1894. 

*) Flint. The mitral cardiac murmurs. The arneric. Journal of medic. Sciences, January or 
Febrnary 1886. 


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35 


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r bei Existenz einer Aorteninsufficienz es Vorkommen kann, dass das aus der Aorta re- 
gurgitirende Blot die Mitralklappen diastolisch so weit spannt, dass das aas dem Vor-» 
bof kommende Blut gewissermassen ein stenosirtes Ostiam vorfindet. Diese und ähn¬ 
liche Dinge haben wir nicht im Auge, wenn wir von accidentellen diastolischen Ge¬ 
räuschen sprechen, sondern bloss diejenigen Vorkommnisse, wo sich das Geräusch 
nicht durch einen gestörten Klappenmechanismus deuten lässt. 

Gibt es überhaupt solche diastolische Geräusche? Die Autoren drücken sich 
in dieser Beziehung sehr vorsichtig und meist sehr unbestimmt aus, wie die nachfol¬ 
gende Litteraturübersicht zeigen wird. 

Friedreich 1 ) erwähnt einen Fall von accidentellera diastolischem Geräusch über dem 
linken Ventrikel bei perniciöser Ansemie als eine höchst seltene Ausnahme von der Hegel, 
dass accidentelle Geräusche „fast immer* systolisch sind. 

Bamberger 2 ) nimmt an, dass accidentelle Geräusche „stets“ systolisch sind und 
spricht von keinen Ausnahmen. 

Gerhardt 3 ) spricht sich dahin aus, dass die accidentellen Geräusche „fast nur“ bei 
der Systole, nur äusserst selten bei der Diastole Vorkommen. Er rechnet dabei zu den 
accidentellen Geräuschen und hat bei seiner Angabe speciell im Auge gewisse Reibe¬ 
geräusche, welche nach seiner Ansicht durch Sehnenflecke hervorgerufen werden und 
rein diastolisch sein können. 

Guttmann 4 ) behauptet, dass accidentelle Geräusche stets systolisch, niemals 
diastolisch seien und hält einzelne angeblich von dieser Regel beobachtete Ausnahmen 
nicht für ein wandsfrei. 

Scheute 5 ) sagt von den accidentellen Geräuschen ebenfalls, dass sie „fast stets“ 
systolisch sind. Jedoch gibt er an, selbst sicher drei Fälle accidenteller diastolischer 
Geräusche, zwei Mal über dem Pulmonalostium, ein Mal über der Herzspitze beobachtet 
zu haben. 

0. Vierordt 6 ) sagt, in seinem bekannten Lehrbuch der Diagnostik: „Die unorgani¬ 
schen anaemischen Herzgeräusche sind sehr selten diastolisch und kommen über der Aorta 
so gut wie nie vor. Man darf sich schwer entschlossen, ein diastolisches Geräusch als 
ein an8Bmiscbes zu deuten.“ 

H. Vierordt 1 ) macht ebenfalls auf die grosse Seltenheit der diastolischen accidentellen 
Geräusche aufmerksam. 


Eichhorst : 8 ) „Fast immer bekommt man es (sc. bei den accidentellen Geräuschen) 
de mit systolischen Geräuschen zu thun. Doch ist es ganz zweifellos, dass in vereinzelten 

fr Fällen auch diastolische Geräusche Vorkommen, für welche man eine Structurveränderung 

z nicht nachweisen kann. Man begegnet diesen Geräuschen am häufigsten über der 
Mitralis und Pulmonalis, entweder über einer Klappe oder über beiden zugleich. Am 
y seltensten kommen sie über der Aorta vor.“ 


Casuistische Mittheilungen über das Vorkommen von diastolischen accidentellen Ge¬ 
räuschen fand ich bei Duroziez .*) Dieser Autor tritt entschieden für die häufigere An¬ 
nahme diastolischer accidenteller, speciell durch Ancemie bedingter Geräusche ein. Er 


*) Friedrich. Herzkrankheiten. Virchow's Handbuch der spec. Pathologie und Therapie. 1855.s, 
Seite 227. 

*) Bamberger. Lehrbuch der Krankheiten des Herzens. 1857. S. 88. 

*) Gerhardt. Lehrbuch der Auscultation und Percussion. 1890. 5. Auflage. 

4 ) Guttmann. Lehrbuch der klinischen Untersuchungsmethoden. 1889. 7. Anflage. 
ft ) Scheute. Klinische Propädeutik. 1884. 

*) 0 . Vierordt . Diagnostik der inneren Krankheiten. 1894. 4. Auflage. 

7 ) H. Vierordt. Kurzer Abriss der Percussion und Auscultation. 1886. 2. Auflage. 

*) Eichhorst. Lehrbuch der physicalischen Untersuchungsmethoden. 1886. 2. Auflage. 

®) Duroziez . Balletin de la soci^t^ de m£d. de Paris 1883 uod Union m4d. 1885. Nr. 126. 
(Beobachtungen aus der Har dg scheu Klinik.) 


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theilt Fälle mit, wo durch das Vorhandensein von diastolischen accidentellen Geräuschen 
die Verwechslung mit Aorteninsufficienz oder Mitralstenose nahegelegt wurde. Neuer¬ 
dings 1 ) führt er weitere Beispiele hierfür an, ohne eine bestimmte Erklärung zu geben. 

Jm Jahr 1885 publicirte i c h in der vorliegenden Zeitschrift einen Aufsatz, 2 ) in 
welchem ich nachwies, dass unter Umständen der diastolisch verstärkte Antheil starker 
Nonnengeräusche über dem Herzen durch Fortleitung als rein diastolisches Geräusch in 
die Erscheinung treten und Verwechslung mit Aorteninsufficienz hervorrufen kann. Ich 
zeigte dort auch, wie sich diese Verwechslung vermeiden lässt. Die genauere Durchsicht 
der Krankengeschichten von Puroziez ergibt übrigens, dass seine Fälle offenbar in diese 
nämliche Kategorie gehören. 

Auch Litten 8 ) tritt für die Existenz diastolischer Geräusche ein und erwähnt die 
Möglichkeit, dass ein Theil derselben (diejenigen, welche auf dem untern Ende des Ster¬ 
nums zu hören sind) in der Vena cava oder der Pfortader, andere dagegen, wie ich für 
meine Fälle angenommen hatte, in den Jugularvenen, resp. in der Vena cava decendens 
entstehen. 

Im Jahr 1889 acceptirt Sehrwald in seinem Aufsatz über die Ursache der anmmi- 
schen Herzgeräusche 4 ) meine Erklärung, ohne neue casuistische Belege zu bringen. 

Im Jahr 1891 tbeilte von Noorden 5 ) zwei Fälle von peruiciöser Anasmie mit, in 
welchen diastolische Geräusche an der Herzspitze gehört wurden, während die Section 
einen intacten Klappenapparat ergab. In dem einen dieser Fälle wird das Geräusch als 
präsystolisch bezeichnet. 

Einige mir aus Referaten bekannt gewordene Abhandlungen über accidentelle 
Geräusche aus der englischen und americanischen Litteratur, wie diejenige von Garrod,*) 
Prime 1 ) und Mc. Collom*) sind mir nicht im Original zugänglich, so dass ich nicht sagen 
kann, ob sich in denselben Angaben über diastolische Geräusche vorfinden. 

Man sieht aus der gegebenen Litteraturübersicht, dass unsere Kenntnisse von 
den diastolischen accidentellen Geräuschen noch recht unvollkommene sind und bei der 
wohl bei jedem Diagnostiker vorhandenen und auch vollkommen berechtigten Neigung, 
bei der Constatirung diastolischer Geräusche sofort mit grosser Wahrscheinlichkeit 
einen Klappenfehler anzunehmen, dürfte die Mittheilung der beiden folgenden Fälle 
gerechtfertigt erscheinen, welche aufs Neue und zwar an der Hand von Sectionsbe- 
funden den Beweis erbringen, dass es in der That diastolische accidentelle Geräusche 
gibt, die zur irrthümlichen Annahme von Klappenfehlern Veranlassung geben können. 
Diese Fälle bieten übrigens auch in sofern etwas Neues, als es sich hier offenbar um 
einen andern Mechanismus der Entstehung des Geräusches handelt, als in den Fällen 
meiner früheren Arbeit. Ich lasse zunächst im Auszug die Krankengeschichten und 
die Sectionsprptocolle folgen. 

Erster Fall. Elise Jost, Wäscherin, 30 Jahre alt. Bpi talein tritt am 
9. Juli 1894. 

*) Duroziez. Trait4 clinique des maladies du coeor. 1891. 

*) Sahli, Ueber das Vorkommen und die Erklärung diastolischer accidenteller Herzgeräusche. 
Corr.-Blatt f. Schweizer Aerzte 1885. Nr. 11. S. 257. 

*) Litten . Ueber diastolische accidentelle Herzgeräusche. D. med. W.-Schr. 1887. Nr. 8. 
Seite 146. 

4 ) Sehrwald. Die Ursache der anaemischen Herzgeräusche. D. med. W.-Schr. 1889. Nr. 

19—21. 

*) v. Noorden. Untersuchungen über schwere Anämien. Charit^annalen 1891. XVI. p. 253. 

6 ) Garrod. Notes on the common hmmic cardiac murmur. St. Bartholomews hosp. Reports 
1891. XXVII. 

7 ) Prince. The occurrence and mechanisme of physiological heart murmurs (endocardial in 
bealthy individuals). Boston med. journal 31. Jan. 1889. 

8 ) Mc. Collom. Physiological heart murmurs in healthy individuals. Ibidem 31. Jan. 1889. 


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Men GerSuseif! 

wurde. Sm Die Patientin erkrankte im Juli 1893 mit Schmerzen in den Gliedern ohne Schwel¬ 
lung za pk langen der Gelenke, mit Magenschmerzen und Erbrechen. Dieser Zustand dauerte den 

lAofeaö/ij ganzen Winter 1893/94 fort und die Patientin erbrach damals einmal eine Tasse voll 

ntheil starb reinen hellrothen Blutes. Im Frühjahr 1894 stellte sich dann Herzklopfen, Oedem der 

>s Geräusch Füsse und Durchfall ein. Die allgemeine Schwäche nahm zu, die Patientin litt in der 

jn kann. & letzten Zeit immer an Erbrechen; Kopfschmerz stellte sich ein und die Sehschärfe nahm 

?re Dnrckii stark ab. Abmagerung war nicht auffällig. Von hereditären Einflüssen ist nichts zu 

abar in h eruiren. 

Status vom 9. Juli 189 4. Patientin zeigt mittleren Ernährungszustand, 
erwähnt ä Hautfarbe gelblich anmmiscb, leicht bräunlich pigmentirt, besonders am Gesicht. Das 

Je deiSttr- Gesicht etwas gedunsen. Unterschenkel, Füsse und Vorderarme schwach ödematos. Puls 


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98, ziemlich leicht unterdrück bar, regelmässig, Temperatur Abends zwischen 38 und 39, 
Athmung 28, costoabdominal. Etwas' subjective Dypnce. Conjunctiven sehr blass, gelb¬ 
lich aber nicht icterisch. An der sehr blassen Mundschleimhaut keine Pigmentirungen. 
Etwas Struma. Deutlicher negativer Venenpuls. Patientin klagt über allgemeine Schwäche, 
Erbrechen und Diarrhoe. 

Thorax etwas schwächlich gebaut, symmetrisch. Die Untersuchung der Lungen 
ergibt etwas trockene Bronchitis bei normalen Percussionsverhältnissen. Herz: Diffuse 
Erschütterung der Herzgegend. Spitzenstöss im fünften Intercostalraum fühlbar. Oberflächliche 
und tiefe Herzdämpfung etwas nach links verbreitert, bis zur linken Mammillarlinie, im 
Hebrigen. von normaler Ausdehnung. Der zweite Ton hie und da gespalten. Der zweite 
Pulmonalton deutlich verstärkt. Ein ziemlich starkes systolisches Geräusch mit Maximum 
im dritten linken Intercostalraum neben dem Sternum, auch an den übrigen Ostien, 
wenn auch schwächer, hörbar. Der zweite Ton an der Herzspitze ist 
etwas unrein, kein deutliches diastolisches Geräusch. 

An den Halsgefässen Nonnensausen mit systolischer Verstärkung. 

Abdomen in der Magengegend etwas druckempfindlich ; Leber gross, den Rippen¬ 
bogen um 3 cm überragend, Milz fühlbar, den Rippenbogen in linker Seitenlage um 4 
bis 5 cm überragend. 

Urin von ungefähr normaler Menge (1500—2000) und otwas vermindertem specifi- 
schen Gewicht (1006—1010), schwach eiweisshaltig, Indican in geringer Menge, kein 
Zucker, Chloride etwas vermindert. Microscopisch im Urin einige Plattenzellen, keine 
Cylinder (Patientin leidet an Fluor). Der dünne Stuhl zeigt microscopisch nichts beson¬ 
deres, namentlich keine Helmintheneier. Bacteriologisch nichts besonderes. 


0 Ophthalmoscopischer Befund: Starke Anämie, sonst zunächst keine Veränderung; 

]# erst am 19. Juli wurden zahlreiche Netzhautblutungen und ungewöhnlich ausgedehnte 
lßj j weisse Flecke auf der Retina gefunden. Visus auf beiden Seiten 0,7. 

Hämoglobingehalt des Blutes 12—15°/o. Keine schöne Geldrollenbildung. Einige 
Microcyten und Poicilocyten, welche letztem in den nächsten Tagen an Zahl Zunahmen. 
3 Zahl der rothen BlutkÖperchen 720,000. Die weissen Blutkörperchen nicht wesentlich 
vermehrt. 


Die Patientin wurde zunächst symptomatisch wegen ihrer DiarrhcB und ausserdem 
mittelst subcutaner Injectionen von Arsenik behandelt. 

Der Zustand verschlimmerte sich in den nächsten Tagen rapide. Die Patientin 
hatte immer von Zeit zu Zeit abendliche Fiebertemperaturen. Am 19. Juli, am nämlichen 
Tage, an welchem auch der oben erwähnte characteristische Augenspiegelbefund erhoben 
wurde, war der Hämoglobingehalt schon unter 10% gesunken, so dass eine exacte Mes- 
sung gar nicht mehr möglich war. Am nämlichen Tago wurde die Patientin klinisch 
vorgestellt. Am Nachmittage sollte eine Bluttransfusion ausgeführt werden, die Patientin 
starb aber während man mit der Präparation der Armvene beschäftigt war. 

Besonderes Interesse bot der an den zwei letzten Lebenstagen der Patientin erho¬ 
bene Herzbefund, der von dem frühem wesentlich abwich. Das Herz bot wie 


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schon früher die Erscheinungen einer anämischen Mitralinsufficienz dar (systolisches Ge¬ 
räusch im dritten linken Intercostalraum und an der Herzspitze, verstärkter zweiter Pul¬ 
monalton, Dilatation nach links, Stauungserscheinungen, Oedem, negativer Venenpuls). 
Ausserdem wurde aber am 19. un-d noch deutlicher am 2 0. Juli 
an der Herzspitze und links vom untern Ende des Sternums 
ein deutliches diastolisches Geräusch von nicht präsystoli¬ 
schem Character constatirt. Da die Patientin bei Druck auf das untere 
Ende des Sternums Schmerz äusserte, so wurde an die Möglichkeit gedacht, dass es sich 
um ein weiches pericardiales Reiben handelte, jedoch wurde in der klinischen Vorstellung 
noch mehr die Möglichkeit hervorgehoben, dass das Geräusch, welches zeitlich in seinem 
ersten Auftreten genau mit der rapiden Zunahme der Anaemie zusammengefallen war, 
eines jener seltenen diastolischen accidentellen Geräusche sei. Obschon die Pa¬ 
tient i n N o n n e n g e r ä u s c h e d a r b o t, so liess sich doch io diesem 
Falle zeigen, dass das diastolische Geräusch mit demselben 
keinen genetischen Zusammenhang hatte. Das Nonnengeräusch war 
nämlich von dem diastolischen Geräusch durch eine Zone getrennt, in welcher nur das 
systolische Geräusch zu hören war. Wenn sich das Geräusch als ein accidentelles erwies, 
so musste es sich also um ein solches handeln, das nicht zu der von mir 1885 be¬ 
schriebenen sich von Nonnengeräuschen ableitenden Gruppe gehörte, sondern einen andern 
Ursprung hatte. 

Die am 20. Juli vorgenommene klinische Section ergab die Zeichen einer 
sehr hochgradigen Anämie, allgemeinen Hydrops, Dilatation des linken Ventrikels bei 
vollkommen intacten Klappen, starke Verfettung des Herzmuskels, keine Zeichen einer 
Pericarditis, normale Magenschleimhaut (weder Ulcus noch Ulcusnarbe trotz des in der 
Anamnese erwähnten profusen Blutbrechens), Hyperplasie der Milz, Vergrösserung der 
Leber, in der Leber und den Nieren mit Schwefelammonium starke Eisenreaction. 

Zweiter Fall. Frau Lüthi, Hausfrau, 29 Jahre alt. Spitaleintritt 17. Sep¬ 
tember 1894. 

Patientin litt seit ihrer Jugend oft an Herzklopfen und Nasenbluten. Sie ist seit 
4 Jahren verheirathet, hat zwei Kinder. Die Geburten gingen ohne grosse Blutverluste 
von Statten. Seit Frühjahr 1893 traten wiederholt heftige, schwer stillbare Nasenblu¬ 
tungen ein und hier und da bemerkte Patientin auch spontane Hautblutungen. Sechs 
Wochen vor Spitaleintritt trat eine sehr heftige Blutung bei Anlass einer Zahnextraction 
auf, die der Arzt nur schwer und erst nach stundenlangen Bemühungen stillen konnte; 
in Folge dieser Blutungen kam Patientin immer mehr herunter, sie wurde hochgradig 
blass und am 13. September constatirte der Arzt einen Hämoglobingehalt von nur 23°/o* 
Abmagerung war nicht auffallend. Von hereditären Verhältnissen ist zu eruiren, dass 
auch drei Brüder häufigem Nasenbluten unterworfen sind. Von eigentlichen Blutern in 
der Familie ist aber der Frau nichts bekannt. 

Status vom 18. September 189 4. Patientin ist mittelgross. Panni- 
culus und Musculatur ziemlich gut entwickelt. Puls 100, regelmässig, ziemlich leicht 
zu unterdrücken. Athmung costoabdominal, regelmässig, 30. Temperatur normal. Sub- 
jective Klagen: Atbemnoth, Kopfschmerzen, etwas Husten mit leicht blutigem Auswurf, 
Schwindelgefühl. Haut ausserordentlich blass, ebenso die Sohleimhäute. An mehreren 
Stellen (an den Armen und Beinen) sind kleine verwaschene etwa I cm 3 grosse Haut¬ 
blutungen zu sehen. Kleine punetförmige Blutungen auf der Sclera und Unterlippe. 
Keine Drüsenschwellungen, keine Oedeme, leichte Struma. 

Percussion und Auscultation der Lunge normal. Herz leicht nach links dilatirt, 
an allen Ostien systolische Geräusche, am stärksten auf der Mitte des Sternums, von da 
nach allen Ostien etwas abnehmend, ziemlich ausgesprochener an der Pulmonalis. Zweiter 
Pulmonalton leicht verstärkt. Kein diastolisches Geräusch. Nonnensausen. An 
der Arteria cruralis ein systolisches Geräusch (ohne Druck des Stethoscopes zu hören). Abdomen 


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aufgetrieben, ohne Ascites; Leber und Milzgrenzen normal, beide Organe nicht palpabel. 
Urin von normaler Menge und normalem specifischem Gewicht, gibt eine schwache Ei¬ 
weisstrübung, enthält keinen Zucker, kein Indican. Die Untersuchung des Blutes ergibt 
einen Hämoglobingebalt von 20% der Norm. Die rothen Blutkörperchen lagern sich 
noch etwas in Geldrollenform. Keine Leukmmie. Die Zahl der rothen Blutkörperchen 
wurde erst einige Tage später bestimmt. Ophthalmoscopisch: Netzhautblutungen und 
weisse Flecke auf der Ketina. 

In den nächsten Tagen nahmen die Erscheinungen der AnsBmie rasch zu. Am 
20. September ergab die Bestimmung des Hämoglobingehaltes nur noch 10°/o, die Zäh¬ 
lung der rothen Blutkörperchen 796,000. 

Die Behandlung bestand ira Wesentlichen in der subcutanen Darreichung von Arsen. 
Dabei nahm die Schwäche mehr und mehr überhand. Die Patientin konnte schliesslich 
nur noch regungslos in Rückenlage verharren, da bei der geringsten Bewegung sofort 
Schwindel, Herzklopfen und Erbrechen auftrat. Die Urinmenge blieb bis zum Tode an¬ 
nähernd normal, der Krankheitsverlauf fieberlos. 

Am 30. September wurde an der Herzspitze neben einem paukenden ersten 
Ton und bei Fortdauer des oben beschriebenen systolischen Gesäusches auf dem Sternum 
und an der Pulmonalis, ein starkes diastolisches Geräusch von nicht 
präsystolischem Characterconstatirt, von welchem sich n ach- 
weisen liess, dass es nicht mit dem Nonnensausen zusammen- 


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hing. Es ergab sich dies unter anderem schon aus dem Umstande, dass das Nonnensausen 
bloss in sitzender Stellung zu hören war, während das diastolische Geräusch auch in liegen¬ 
der Stellung stark wahrnehmbar blieb. In Betreff der Fortpflanzungsverhältnisse des diasto¬ 
lischen Geräusches ist zu bemerken, dass dasselbe wie die Geräusche bei Mitralstenose an 
der Herzspitze sein Maximum hatte und von da noch eine Strecke nach aufwärts bis gegen 
die Stelle der anatomischen Projection der Mitralklappe sich fortpflänzte. Das Geräusch 
blieb bis zuni Tode der Patientin, welcher am 2. October erfolgte, wahrnehmbar. Das 
diastolische Geräusch wurde, namentlich auch mit Rücksicht auf die kurz vorher bei 
Fall 1 gemachten Erfahrungen, mit Wahrscheinlichkeit als ein accidentelles gedeutet. 
Die Ueberlegungen, welche für die Diagnose nach dieser Richtung hin in diesem wie in 
dem ersten Fall massgebend waren, werden wir nachher anfübren. Der Tod erfolgte 
unter den Erscheinungen der hochgradigsten Schwäche, bei allmälig kleiner werdendem 
Pulse. Blutungen waren in der letzten Zeit keine mehr aufgetreten. 

Die am 2. October vorgenommene S e c t i o n ergab die Erscheinungen der hoch¬ 
gradigsten Ansemie, Dilatation beider Ventrikel, netzförmig angeordnete starke Verfettung 
der Herzmusculatur, besonders der Papillarmuskeln, normalen Klappenapparat, normale 
Nieren, keine Milzvergrösserung, in der Leber und in den Nieren auffällig schwache 
Eisenreaction mit Schwefelammonium. In den Lungen einige ca. nussgrosse, derbe, grau¬ 
liche, ziemlich scharf abgegrenzte, zum Theil keilförmige Knoten, über welchen die Pleura 
narbig eingezogen ist. Dieselben erweisen sich bei der microscopischen Untersuchung 
als Spindelzellensarcome. 


Dies sind die beiden Fälle, deren Mittheilung mit Rücksicht auf die Frage der 
diastolischen accidentellen Geräusche ich für wünschenswerth erachtete. Was die 
Diagnose derselben betrifft, so mussten klinisch beide Fälle zum Krankbeitsbild der perni- 
ciösen Anämie gerechnet werden. Für den ersten Fall ist dies wohl ohne Weiteres 
klar. In dem zweiten Fall konnte mit Rücksicht auf den Beginn der Krankheit mit 
Haut- und Schleimhautblutungen auch an Morbus maculosus Werlbofi gedacht werden. 
Da aber später jene Blutungen ganz in den Hintergrund traten und gleichwohl die 
Anseraie die rapidesten Fortschritte machte, so wurde auch dieser Fall als pernieiöse 
Anaemie diagnosticirt. Es muss dahingestellt bleiben, wie in dem zweiten Fall die 


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Beziehung zwischen dem klinischen Bilde und den spärlichen And wenig ausgedehnten 
Sarcomknoten der Lungen zu deuten ist. 

Das Bemerkenswerthe ist nun, dass in beiden Fällen neben den systolischen 
Herzgeräuschen, die als accidentell, wohl auch zum Theil als Folge relativer durch 
die Anaemie bedingter Mitralinsuföcienz aufzufassen waren, in der Gegend der Herz¬ 
spitze, in dem einen der Fälle auch links vom untern Ende des Sternums ein diasto¬ 
lisches nicht präsystolisch verstärktes Geräusch hörbar war, das sich um so eher als 
ein Mitralstenosengeräusch hätte deuten lassen, als die vorhandene Verstärkung des 
zweiten Pulmonaltons in beiden Fällen an einen Mitralfehler denken liess. Der Um¬ 
stand aber, dass die ausserordentlich hochgradige Anämie, sowie die ganze Anamnese 
in beiden Fällen die Erklärung nahelegte, dass die systolischen Geräusche anämischer 
Natur (sei es accidentell, sei es bedingt durch eine functionelle Mitralinsufficienz) 
waren, musste daran denken lassen, dass auch das diastolische Geräusch durch die 
Anaemie bedingt resp. accidenteller Natur war, um so mehr als die bei Mitralstenosen 
zwar nicht constante, aber doch gewöhnliche präsystolische Verstärkung des diastoli¬ 
schen Geräusches fehlte. Dafür sprach auch der Umstand, dass in beiden Fällen das - 
diastolische Geräusch erst in dem Momente hörbar wurde, als die Anaemie einen 
ganz ungewöhnlich hohen Grad erreicht hatte. Nur in dem einen der Fälle wurde 
mit Rücksicht auf die Druckempfindlichkeit des untern Endes des Sternums an das 
Möglichkeit gedacht, dass eine Pericarditis dem diastolischen Geräusche zu Grunde ■ 
liege. Es mögen diese Ueberlegungen zeigen, wie etwa sich die Differentialdiagnose 
der seltenen und daVum noch so wenig anerkannten diastolischen accidentellen Ge¬ 
räusche gestaltet und wie unter günstigen Umständen ihre Unterscheidung von Klappen- 
feblergeräuschen möglich werden kann. Die Section ergab nun in beiden Fällen, dass 
es sich in der Tbat um accidentelle Geräusche gehandelt haben musste, indem sich 
weder an den Klappen, noch am Pericard irgend welche Veränderungen ergaben, 
welche das diastolische Geräusch hätten erklären können. 

Wie hat man sich nun aber das Zustandekommen dieser diastolischen acciden¬ 
tellen Geräusche vorzustellen? Bevor wir eine Erklärung versuchen, müssen wir die 
Vorfrage erörtern, ob wir wirklich ohne Weiteres das Recht haben, hier, weil wir 
den Klappenapparat anatomisch intact gefunden haben, von accidentellen Geräuschen 
und zwar von accidentellen Geräuschen in unserer in der Einleitung betonten strengen 
Fassung des Begriffes zu sprechen, d. h.: Ist es wirklich sicher, dass es sich um Ge¬ 
räusche handelte, welche nicht van einem gestörten Klappenmechanismus abhängig 
waren und also nicht zu den sogenannten functionellen Klappengeräuschen gehörten. Es 
hat diese Unterscheidung bei den diastolischen Geräuschen practisch denselben Werth, 
wie es für die systolischen in der Einleitung auseinandergesetzt wurde. Ein functionelles 
Klappengeräusch bedeutet eben einen, wenn auch bloss functionellen, Klappenfehler, wäh¬ 
rend ein rein accidentelles Geräusch für die Herztbätigkeit gar nichts bedeutet. Ich 
habe im Eingang dieser Mittheilung darauf hingewiesen, dass bisher nur zwei oder drei 
functionelle Klappenstörungen bekannt sind, welche zu diastolischen Geräuschen Anlass 
geben können. Es sind dies einerseits die sogenannte relative Aorten- und Pulmonalis- 
insufficienz, bedingt durch Ueberdehnung des betreffenden Arterienostiums und dann 
die von Ilint aufgestellte, in ihrer Existenz freilich noch problematische functionelle 


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iosgedebta Mitralstenose in Folge* von Aorteninsufficienz (vgl. oben). Dass in unsern Fällen 

keiner dieser Zustände vorlag, liess sich mit Sicherheit sagen. Die functioneile Aorten- 
sjstofeia oder Pulmonalisinsufficienz erfordert zu ihrem Zustandekommen einen hohen Blutdruck, 
irer hm wie er an den letzten Lebenstagen unserer Patientinnen mit dem erlahmenden Puls 

der Sen- nicht mehr vorhanden war und zu der Annahme einer functionellen Mitralstenose 

ein dias fehlte die bedingende Aorteninsufficienz. So kommen wir also zu der Annahme, dass in 
o eherik der That wirkliche accidentelle Geräusche im strengen Sinne des Wortes Vorlagen, 
rkuugde Wie entstehen solche diastolische accidentelle Geräusche? Ich habe oben ange- 

Der Sn- deutet und es in meinem Lehrbuch der klinischen Untersucbungsmethoden näher be- 

loiM gründet, dass die accidentelleu systolischen Geräusche wie die Klappenfeblerge- 

2 misek räusche Strömungsgeräusche sind und wahrscheinlich entstehen 1) durch vermehrte Ge¬ 

ulte) schwindigkeit der Blutströmnng und 2) durch dünnflüssige Beschaffenheit des Blutes, 
urebiit Beide Momente wirken als Factoren, welche das Zustandekommen, von Wirbelbewegungen 
stimm im Blutstrom begünstigen, und auf diese Wirbelbewegungen sind die Geräusche zurück- 

iiisfoli- zuführen. Ich habe in meinem Lehrbuch auseinandergesetzt, wesshalb diese Factoren so 

In k sehr häufig bei der Systole und so sehr selten bei der Diastole geräuscherzeugend wirken. 

i dm Es rührt dies unter Anderem wahrscheinlich davon her, dass die Geschwindigkeit der 

wardf Blutströmung im Herzen bei der Diastole geringer ist als bei der Systole. Dies gebt 

0 ijü schon daraus hervor, dass die Diastole wesentlich länger dauert als die Systole. Es er- 

raoij( scheint also begreiflich, dass jene beiden Factoren gewöhnlich nur bei der Systole hinläng- 

£ 11 ® lieb mächtig wirken, um Geräusche zu erzeugen. Ausserdem bedingt gewiss auch die ver- 

fia- sebiedene Configuration und Weite der Ostien, welche das Blut in der Systole und der 

p Diastole passiren muss, Unterschiede. Nur bei ganz besonders schweren Ansemien 

im scheinen auch bei der langsameren diastolischen Strömung die Verhältnisse günstig 

;j(i genug zu liegen zur Entstehung eines Geräusches. Solche besonders schwere Fälle 

n von Anaemie waren in der That die beiden hier mitgetbeilten (10 °/o Hämoglobin). Es 

stimmt vollkommen mit meiner Auflassung überein, dass die wenigen in der Litteratur 
a . mitgetbeilten Fälle von diastolischen accidentellen Geräuschen, so weit ich sehe, ganz 

# ausschliesslich solche schwere Fälle von Anaemie betrafen. Es dürfte dieser Punkt 

ir gerade für die Differenzialdiagnose von grosser Wichtigkeit sein. Der Umstand, dass 

, in unseren Fällen die Geräusche erst wenige Tage vor dem Tode bei rapide zuneh¬ 

mender Schwäche und Blutverarmung sich einstellten, spricht dafür, dass vielleicht 
noch wichtiger für die Entstehung accidenteller anaemiseber Geräusche als die ver¬ 
mehrte Strömungsgeschwindigkeit die Verwässerung des Blutes ist. Denn es ist doch 
höchst unwahrscheinlich, dass gerade wenige Tage vor dem Tode, als der Puls unserer 
Patientinnen immer schlechter wurde, die Strömungsgeschwindigkeit des Blutes noch 
zugenommen hat. Diess schliesst aber natürlich nicht aus — ich möchte in dieser Bezie¬ 
hung nicht missverstanden werden — dass nicht unter anderen Verhältnissen (wie 
z. B. bei den systolischen accidentellen Geräuschen im Fieber) gerade der Factor der 
Strömungsgeschwindigkeit der entscheidende ist. 

Schliesslich muss noch darauf aufmerksam gemacht werden, dass die hier raitge- 
theilten Fälle von denjenigen, auf welche sich meine frühere, oben citirte Arbeit be¬ 
zieht, principiell verschieden sind. Bei den letzteren war das diastolische Geräusch 
der diastolisch verstärkte Antheil eines Nonnengeräusches. In den Fällen, welche der 


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vorliegenden Mittbeilnng zu Grunde gelegt sind, liess sieb' .dagegen,' wie in den 
Krankengeschichten speciell angeführt wurde, ein solcher Entstehungsmodus mit Sicher¬ 
heit ausschliessen. Es liess sich zeigen, dass die hier allerdings ebenfalls vorhandenen 
Nonnengeräusche durch eine geräuschlose Zone von dem diastolischen Geräusch getrennt 
waren. Hier musste also die diastolische Strömung im Herzen selbst 
das Geräusch erzeugen. Hierin, in dem exacten Nachweis, dass unter Umständen 
auch die diastolische Blutströmung im Innern des Herzens accidentelle Geräusche er¬ 
zeugen kann, Geräusche, die mit einer gestörten Klappenfunction nichts zu thun haben, 
möchte ich den Schwerpunkt dieser Mittbeilung sehen. 


Zur Fürsorge für die aus dem Spital entlassenen Syphilitischen. 1 ) 

Von Prof. Dr. E. Lesser, Bern. 

Wie der Menschenfreund den entlassenen Strafgefangenen mit Besorgniss wieder 
in das Leben hiuaustreten siebt und sich bemüht, ihm auf den rechten Weg zu hel¬ 
fen, damit er nicht wieder rückfällig wird zu seinem und seiner Mitmenschen Schaden, 
in ähnlicher Weise muss der Arzt besorgt sein über die weiteren Schicksale des aus 
der Behandlung entlassenen Syphilitischen. Diese Besorgniss bezieht sich einmal auf 
das Ergehen des Patienten selbst, denn es ist möglich, ja wahrschein¬ 
lich, dass sich Rückfälle der Krankheit bei diesem zeigen, und dass die Krankheit, 
wenn der Patient nicht das für die Heilung Erforderliche thut, schliesslich zu schwe¬ 
ren Störungen der Gesundheit führt. — Auf der anderen Seite aber ist es vor Allem 
die Gefahr der Uebertragung auf Andere — ich spreche hier nur von 
den frisch mit Syphilis Inficirten, — welche nach Möglichkeit zu verhüten eine 
ausserordentlich wichtige Aufgabe des Arztes ist. 

Es ist klar, dass diese zweite Gefahr mit der ersten in einem nahen Zusammen¬ 
hang steht, denn je öfter Recidive bei einem Syphilitischen auftreten, je mehr be¬ 
sonders dieselben vernachlässigt werden und dadurch lange andauern, um so mehr ist 
der Kranke geeignet, sein Leiden auf andere zu übertragen. 

Von wie hoher Bedeutung für den allgemeinen Gesundheitszustand die Mass¬ 
nahmen sind, welche die Weiterverbreitung der Syphilis, dieser nächst der Tuber- 
culose verbreitetsten Volksseuche der Gegenwart, einzusebränken suchen, das brauche 
ich vor Ihnen nicht ausführlich zu erörtern. Ich erinnere nur daran, dass ganz ab¬ 
gesehen von den ja nicht sehr häufigen Fällen, in welchen die Syphilis selbst zur 
Todesursache wird, diese Krankheit dafür um so häufiger als wichtigstes ätiologisches 
Moment für eine Reihe schwerer Erkrankungen, der Tabes, der Dementia paralytica 
und für eine ganze Anzahl von anderen Organerkrankungen in einer mehr indirecten 
Weise zur Todesursache wird; ich erinnere nur an die Verheerungen, denen die Nach¬ 
kommenschaft der Syphilitischen ausgesetzt ist. 

Ich habe es mir daher von jeher zur Regel gemacht — und gewiss wird dies 
jeder Arzt, der Gelegenheit hat, viele Syphilitische zu behandeln, ebenso machen — 
einem jeden Kranken bei seiner Entlassung eine Anzahl von Rathscblägen mit auf den 

>) Vortrag, gehalten in der Versammlung des ärztlichen Centralvereins in Olten am 3. No: 
vember 1894. 


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Weg zu geben, die sich einmal auf seine weitere Behandlung und zweitens auf die 
Gefahr der (Jebertragung beziehen und ihn vor Allem von zu frühzeitigem Eingehen 
der Ehe abhalten sollen. 

Je länger, je mehr habe ich mich aber von der Unzulänglichkeit dieser münd¬ 
lich ertheilten Rathschläge überzeugen müssen und ganz besonders seit ich in Bern 
über eine grössere Spitalsabtheilung verfüge, empfinde ich die Mangelhaftigkeit dieses 
Vorgebens in lebhafter Weise. 

Die meisten Patienten haben die wohlgemeinten Ermahnungen bereits wieder 
vergessen wenn sie die Schwelle des Spitals überschreiten und nur ausserordentlich 
wenige richten sieb auch später nach dem, was ihnen gesagt ist. 

Ich habe nun seit einiger Zeit versucht, diesem Uebelstande dadurch abzubelfen, 
dass jedem Syphilitischen, der das Spital verlässt, eine Karte übergeben wird, welcher 
auf der einen Seite die entsprechenden Verhaltungsmassregeln aufgedruckt sind, wäh¬ 
rend die andere Seite für Notizen des Arztes freigehalten ist. 

Ich möchte Ihnen nun zunächst den Text der Verhaltungsmassregeln vorlesen r 1 ) 

„Sie leiden an einer venerischen Krankheit (Syphilis). 

Ihre Krankheit ist ansteckend und bleibt es einige Jahre lang. 

' Sie müssen sich desshalb in Acht nehmen, dass Sie Ihre Krankheit nicht auf Andere 
übertragen durch Küssen oder sonstige nähere Berührung, durch Schlafen in dem 
gleichen Bett mit Andern oder durch gleichzeitige Benutzung derselben Ess- und 
Trinkgeschirre mit Anderen. 

Ihre Krankheit ist nicht mit einer einmaligen Kur zu heilen. 

Sie werden voraussichtlich in einiger Zeit wieder etwas von Ihrer Krankheit spüren (z. B. 
offene Stellen oder Schmerzen im Munde oder im Hals oder an den Geschlechts- 
theilen, oder Ausschlag am Körper). 

Sobald Sie solche Erscheinungen spüren, müssen Sie sich sofort wieder in einem Kranken¬ 
haus oder bei einem Arzt behandeln lassen. 

Aber auch wenn Sie nichts spüren, sollten Sie sich etwa alle 4 Monate in einem Kranken¬ 
haus oder bei einem Arzte vorstellen, um vielleicht eine Kur zu machen. 

Diese Kur muss nicht nothwendigerweise in einem Krankenhause gemacht werden, 
sondern Sie werden bei der Kur wahrscheinlich Ihre Arbeit weiter verrichten 
können. 

Nur wenn Sie etwa drei Jahre lang mehrmals im Jahr eine ordentliche Kur durchmachen, 
werden Sie voraussichtlich von späteren, schweren Erscheinungen Ihrer Krankheit 
(z. B. Knochenfrass, frühzeitiger Gehirnschlag) verschont bleiben. 

Erst 4—5 Jahre nach der Ansteckung und nur nach Einholung ärztlicher Erlaubnis 
dürfen Sie sich verheiraten, da sonst die Krankheit auf Ihre Frau (Mann) über¬ 
tragen werden würde und die Kinder dieselbe erben würden. 

Bei entsprechender Behandlung ist Ihre Krankheit sehr wohl heilbar. 

Heben Sie diese Karte auf und zeigen Sie dieselbe Ihrem Arzt, für welche Krankheit 
auch immer Sie ihn um Rath fragen. 

Zeigen Sie diese Karte sonst niemandem.“ 

Zur Erläuterung habe ich nur noch wenige Worte hinzuzufügen. 


*) Derselbe ist im Wesentlichen von meinem früheren Assistenten, Herrn Dr. Zimser , zusam- 
mengestellt. — Ich möchte übrigens bemerken, dass ähnliche gedruckte Vorschriften den Syphiliti¬ 
schen anderwärts ebenfalls mitgegeben werden. So berücksichtigen die in den Polikliniken von 
Lassar und Blaschko in Berlin den Patienten im Beginne der Behandlung gegebenen Vorschriften 
in den wesentlichsten Punkten auch den weiteren Verlauf der Krankheit und das weitere Verhalten 
der Kranken. 


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Die ersten Vorschriften beziehen sich auf die Gefahr der Uebertragung; hier¬ 
über kann eine Verschiedenheit der Meinungen ja nicht bestehen. — Dann folgen die 
Vorschriften für die weitere Behandlung. Ich bin ein überzeugter Anhänger der Lehre 
Foumier's , dass die Syphilis während des secundären Stadiums energisch behandelt 
werden soll, selbst in den Fällen, in welchen sich keine oder nur wenige Recidive 
zeigen. Ich möchte aber eine Discussion über diesen Punkt heute nicht hervorrufen 
und glaube, dass auch diejenigen von Ihnen, welche sich dieser Lehre nicht an- 
schliessen, unter Streichung der Abschnitte, welche die wiederholten Behandlungen 
während der ersten drei Jahre auch ohne Vorhandensein von Symptomen verlangen, 
mit dem übrigen Texte einverstanden sein werden. Ich glaube, dass selbst dann die 
Karten noch von nicht unwesentlichem Nutzen sein werden. 

Dann folgt die Warnung vor dem zu frühzeitigen Eingehen der Ehe, über welche 
eine Meinungsverschiedenheit ebenfalls nicht bestehen kann. — Den Passus, dass die 
Krankheit bei entsprechender Behandlung heilbar ist, halte ich für sehr wichtig, um 
dem übertriebenen, vielfach im Volke verbreiteten und durch allerlei populäre Schriften 
nur zu sehr genährten Pessimismus entgegenzutreten. 

Und auch dem Rathe, bei jeder Krankheit dem Arzte die Karte zu zeigen, 
werden Sie gewiss alle beipflichten, bei der grossen Wichtigkeit, die so oft die Kennt- 
niss einer früheren syphilitischen Infection für Diagnose und Therapie hat, und bei 
der oft so grossen Schwierigkeit, dieselbe anamnestisch festzustellen. — Die letzte Vor¬ 
schrift, die Karte ausser dem Arzte Niemanden zu zeigen, könnte vielleicht überflüssig 
erscheinen, denn ich glaube allerdings, dass so wie so niemand die Karte vor seinen 
Spiegel stecken wird. Aber diese Vorschrift erschien mir doch nöthig, um Unzuträg- 
licbkeiten, die dem Patienten vielleicht durch seine Unerfahrenheit entstehen könnten, 
zu verhüten. 

Soweit die auf der Karte enthaltenen Vorschriften. Ich komme nun zu den No¬ 
tizen, die der Arzt zu machen bat. Eine sehr wichtige Frage war es hier, ob der 
Name des Kranken auf der Karte verzeichnet werden solle oder nicht. Es erschien 
mir unthunlich, den vollen Namen auf die Karte zu schreiben, auf der anderen Seite 
wäre es aber auch gefährlich, die Karten ganz ohne Bezeichnung auszutheilen, da dann 
leicht Unfug damit getrieben werden könnte. So bin ich auf den Ausweg gekommen, 
die Anfangsbuchstaben des Vor- und Zunamens, und Tag, Monat und Jabr der Ge¬ 
burt einzuzeichnen.') So dürfte selbst beim Verlieren der Karte für den Inhaber nicht 
die geringste Gefahr der Entdeckung bestehen, andererseits ist aber der Identitäts¬ 
nachweis der Persönlichkeit gesichert. Im übrigen ist die freie Seite der Karte zur 
Aufnahme der ärztlichen Notizen über die Symptome, die Zeit, Art und Dauer der 
Behandlung bestimmt. 

Ich bitte Sie nun nicht zu glauben, dass ich mich übertriebenen Illusionen über 
die Wirksamkeit dieser Karten hingebe. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Mehrzahl 
der Patienten sich sehr rasch dieses verdächtigen Zettels, der gelegentlich ihre Krank- 


*) Die in der Discussion von Herrn Dr. Kaufmann ausgesprochene Befürchtung, es könne 
auch diese Art der Bezeichnung noch zu leicht zum Verräther der Persönlichkeit werden, ißt nicht 
unbegründet, und ich acceptire gern den Vorschlag des Herrn Collegen, die Karte nur mit der. 
Journalnummer zu bezeichnen. 


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heit verrathen könnte, entledigen wird. Aber selbst wenn der Patient zu Hause an- 
gekommen die Karte nur noch einmal durchliest, ehe er sie ins Feuer wirft, so glaube 
ich werden die darauf enthaltenen Vorschriften immer noch einen um ein wenig 
stärkeren Eindruck auf ihn machen, als wenn sie ihm blos mündlich mitgetheilt wer¬ 
den. Auf der anderen Seite glaube ich doch — und habe mich auch bereits davon 
überzeugen können — dass es einige Vernünftige gibt, welche die Karten aufheben und 
sich nach ihnen richten, und wenn dies selbst nur 10% sind, so ist damit doch immer 
schon etwas erreicht. Ich denke, ein jeder Erfolg, und wenn er auch noch so klein 
ist, in der so schwierigen Bekämpfung dieser so weit verbreiteten und so schweren 
Volkskrankheit ist mit Freuden zu begrüssen und so scheint mir auch dieser Versuch, 
zu einem solcbeo Erfolg zu gelangen, gerechtfertigt zu sein. 

Einen weiteren Gesichtspunkt will ich hier nur andeuten. Sollte sich die Verabfol¬ 
gung dieser Karten als practisch durchführbar erweisen, sollte es sich berausstellen, 
dass eine gewisse Anzahl von Patienten die Karten behalten und sie regelmässig ihrem 
Arzte zeigen, so würde hierdurch später für die Erkenntniss des Verlaufes der Syphilis, 
welcher uns in vieler Hinsicht noch so dunkel ist, eine wichtige Grundlage geschaffen 
werden können. 

Zweck dieser Mittbeilung war es, Ihr Interesse für diese Karten wach zu rufen, 
Sie über dieselben zu informiren, falls vielleicht einmal ein Patient einem von Ihnen 
eine solche Karte präsentirt und ganz besonders würde ich mich freuen, wenn der eine 
oder andere von Ihnen, zumal diejenigen Herren, welcher einer Spitalabtheilung, auf 
der Syphilitische behandelt werden, vorstehen, sich dazu entscbliessen würden, den zu 
entlassenden Patienten diese Karten mit auf den Weg zu geben. 

Zur Schilddrüsentherapie des Kropfes. 

Von Dr. Otto Laoz, Docent der Chirurgie in Bern. 


der Im Anschluss an die Arbeit von Herrn Prof. Kocher in letzter Nummor des Corr.-Bl. 

lim möchte ich die Mittbeilung machen, dass von Dr. Moyan in Sunderland schon im 

)ik Jahre 1893 Kröpfe mit Verabreichung normaler Schilddrüse geheilt oder gebessert 

u worden sind. Da die Sache gerade für uns Schweizer-Aerzte von grösstem practischem 
e, Interesse ist, will ich das Diesbezügliche hier kurz referiren. 

?• Vor der British Medical Association hielt ich 1893 einen Vortrag über einige 

t durch Prof. Horsley angeregte Versuche über den Ursprung der Muskelzuckungen bei 
thyreoidectomirten Hunden. 1 ) Ein englischer College, Dr. Moyan , der sich lebhaft 
für das Thema interessirte, interpellirte mich im Anschlüsse daran über einige Punkte 
eingehender. Dabei kamen wir auch auf den Morbus B asedowii zu sprechen 
und ich äusserte ihm die Ansicht, dass der Morbus Basedowii das Plus von Schild¬ 
drüsenfunction vorstelle, gleich wie die Cachexia tbyreopriva das Minus, den Ausfall 
der Schilddrüsenfuuction illustrire. Als ich bemerkte, durch Schiiddrüsenverabreichung 
bei Basedotc-Krenken würde man vielleicht Aufschluss bekommen in der Weise, dass sich 
eine Zunahme der Krankheitserscheinungen geltend machen würde, fragte mich Dr .Moyan 
unter Anderem, ob man bei gewöhnlichen Strumen schon den Einfluss der Schilddrüsen ver- 


*) British medical jonrnal Ang. 1893. 


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abreichung studirt hätte. Ich verneinte dies und Dr. Moyan stellte mir solche Ver¬ 
suche in Aussicht, da er in einer Gegend lebe, wo Kropf, wenn auch nicht sehr häufig, 
doch endemisch vorkomme. Auf die Hrwns’sche Publication hin fragte ich nun Dr. 
Moyan an, oh und mit welchem Resultat er Kröpfe mit Schilddrfise behandelt habe. 
Seine Antwort war, dass er in mehreren Fällen von Struma, merkwürdiger Weise aber 
auch in einem Falle von Morbus Basedowii durch interne Schilddrüsenmedication auffällig 
günstige Erfolge erzielt habe; bei dem letzteren hatte sich nach zweimonatlichem Aus¬ 
setzen des Mittels ein typisches Recidiv entwickelt, das sich bei Wiederaufnahme der 
Thyreotherapie rasch besserte. Einem weiteren Versuche, das Mittel auszusetzen, be¬ 
gegnete der Patient höchst unwillig, weil er selbst am sichersten von dessen guter 
Wirkung überzeugt war. 

Wenn dieser Erfolg wieder auf einer zufälligen Coincidenz der Besserung unab¬ 
hängig von der Therapie beruhte, — was ja bei dem so wechselvollen, schwankenden 
Symptomenbild des Morbus Basedowii immerhin einmal möglich wäre — so würde 
sich derselbe nur so erklären lassen, dass bei Morbus Basedowii die Schilddrüse nicht 
sowohl übermässig als vielmehr in krankhafter Weise functionirt, d. h. ein pathologisch 
verändertes Secret liefert: es würde sich nicht um eine Hypertbyreosis bandeln, son¬ 
dern um eine Dystbyreosis, deren Folgen verschwinden, sobald dem Körper normales 
Schilddrüsensecret in genügender Menge zugeführt wird. Allerdings wäre damit 
immer noch nicht bewiesen, dass die Veiänderungen der Schilddrüse beim Morbus 
Basedowii das Primäre sind, denn ebensowenig als wir die Ursache der spontanen 
Atrophie oder Cirrhose der Schilddrüse kennen, welche dem „Myxödem* zu Grunde 
liegt, ebenso unbekannt ist uns noch diejenige ihrer spontanen Hyperplasie oder Hetero* 
plasie im weitern Sinne des Wortes; verschiedene Gründe machen es wahrscheinlich, 
dass erst secundär von der Medulla oblongata aus die Secretionsanomalie der 
Schilddrüse zu Stande kommt. Aus dem genaueren Studium der Einwirkung der 
Scbilddrüsentherapie auf den Morbus Basedowii können dann eventuell auch Rück¬ 
schlüsse auf die Diagnose dieser so vieldeutigen Affection gezogen werden, analog 
wie dies bei der Jodkalitherapie für syphilitische Processe, bei der Tuberculininjection 
für die Tuberculose geschieht; es kann sich dann auch herausstellen, dass die Krank¬ 
heit das eine Mal auf pathologisch veränderter, das andere Mal auf übermässig starker 
Schilddrüsenfunction beruht. 

Dafür sprechen ja auch die operativen Erfolge bei Morbus Basedowii , zu denen 
ich ebenfalls in der Lage bin, einen kleinen Beitrag zu geben, und zwar waren die 
.nervösen* Erscheinungen bei dem betroffenen Patienten so bedeutend, dass er bisher 
als Epileptiker behandelt worden war. Die vor einem Jahre ausgeführte Ligator der 
beiden oberen, enorm vergrösserten Schilddrüsenarterien hat bisher genügt, dem Pa¬ 
tienten die grösste Erleichterung zu verschaffen: das Zittern, die Tacbycardie und die 
Scbwindelanfälle haben sich bedeutend zurückgebildet, doch ist der Exophthalmus nicht 
zurückgegangen. 

Wie aber lassen sich die Erfolge der Scbilddrüsentherapie bei gewöhnlichen 
Strumen erklären? Dass colloid oder gar noch weitergehend verändertes Schilddrüsen¬ 
gewebe durch die Schilddrüsenmedication beeinflusst werden könnte, ist a priori un¬ 
wahrscheinlich. Allein nehmen wir an, ein Tbeil der Schilddrüse sei durch kropfige 


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Veränderung fonctionsuntauglich geworden, so wird im Einklang mit allgemein bekannten 
Wf Drusengesetzen der übrige Drüsenlappen eine Hyperplasie erfahren, wodurch der Func- 

ift tionsausfall des kropfig veränderten Drusengewebes gedeckt wird. Föhren wir nun 

dem Körper normales Schilddrüsenseeret zu, so hat diese Hyperplasie ihren physio- 
ik logischen Zweck, denjenigen der Compensation nicht mehr und wird sich zurückbilden; 

IS? die Struma wird dadurch wenigstens während der Dauer der Schilddrusensubstitution 

1* kleiner werden. Auch ist es nicht unmöglich, dass diese Verkleinerung nach Aus- 

setzen der Mediation andauern kann für den Fall, dass unterdessen eingetretene Ver- 
*■ änderungen im Stoffwechsel eine weniger reichliche Schilddrösensecretion verlangen. 
s Im Hinblick auf eine solche specifische Beeinflussung der Schilddrüsenhyperplasie 

liegt es nicht allzu ferne, das gleiche therapeutische Priocip auch auf die Prostata 
zu übertragen. Scheint doch die Prostatahypertrophie namentlich in den Anfangs¬ 
stadien fast nur glandulärer Art zu sein und verbleibt es ja doch sehr oft überhaupt 
bei einer solchen glandulären Hypertrophie. Es würde sich daher wohl der Mühe 
verlohnen, einen Versuch von interner Prostataverabreichung bei Hypertrophie der¬ 
selben zu machen. Das erste Zeichen des Einflusses der Schilddrüsentherapie auf die 
Struma war ja in den Focher'schen Fällen jeweilen die Abnahme der Tracheostenose; 
auch in einem Falle von Struma, den ich gegenwärtig mit Schilddrüse behandle, ist 
dies vorläufig das einzige Symptom und Dr. zum Busch vom German hospital in 
London theilt mir mit, dass ihnen letzthin ein durch Struma bedingter Fall von hoch¬ 
gradiger Tracheostenose zur Tracheotomie zur Aufnahme kam, die durch Schilddrüsen¬ 
verabreichung so rasch und erheblich gebessert wurde, dass die Tracheotomie unter¬ 
bleiben konnte. Vielleicht wird es sich mit der Prostata ähnlich verhalten! 

Bei Gelegenheit dieser Mitteilung möchte ich im Hinblick auf einen von Leichten - 
stem in der letzten Nummer der Deutschen med. Wochenschr. 1 ) veröffent¬ 
lichten Aufsatz darauf verweisen, dass ich schon in einer im Sommer 1893 geschrie¬ 
benen Arbeit 2 ) vorsichtige Versuche mit Schilddrüsenverabreichung speciell bei Adi¬ 
positas und auch bei Rachitis vorgeschlagen habe. Dies also zu einer Zeit, 
wo ausser demjenigen von Byron Bramwell zur Behandlung der Psoriasis, der Vor¬ 
schlag zu einer weitergehenden Beeinflussung des Körpers durch Verabreichung von 
Schilddrüse noch nirgends geäussert worden war. Die Idee, bei verlangsamtem oder 
fehlerhaftem Stoffwechsel und durch solchen bedingten Constitutionskrankheiten Schild¬ 
drüse zu verabfolgen, kam mir bei der Lectüre der MendeVschen Beobachtung, dass 
unter der Schilddrüsenfütterung die Stickstoffausscbeidung im Urin bedeutend zunimmt. 

An Rachitis habe ich wegen der Aehnlichkeit des klinischen Symptomenbildes mit 
Cachexia thyreoidea gedacht und weil es sehr wohl möglich ist, dass wenigstens die 
fcetale Form der Rachitis mit Schilddrüsenstörungen im Zusammenhänge steht: 
macht doch nach den Untersuchungen von Freund die Schilddrüse die Vergrösserung 
der Brustdrüse während der Schwangerschaft constant mit, ist ferner die ausserordent¬ 
liche Hemmung der Skelettentwicklung, die auffällig späte Verknöcherung der Epi- 
pbysenlinien, die späte und langsame Entwicklung der Zähne nach Thyreoidectomie 

*) Otto Leichtenstern: Ueber Myxödem und über Entfettungscuren mit Schilddrüaenfütterung. 

Dtscli. med. Wchschr. 13. Decbr. 1894. 

*) Zur Schilddrüsenfrage ( Volkmann ’s Sammlung klin. Vorträge 1894). 


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im jugendlichen Alter längst bekannt und beruht andererseits auch die infantile Te¬ 
tanie meist auf Rachitis, d. h. — besser gesagt, da wir die Ursache der Rachitis 
nicht kennen — sie geht mit rachitischen Veränderungen einher. Wenn wir nun den 
Ausfall der Schilddrüse durch Verfütterung derselben decken können, so liegt ja bei 
dem enormen Einfluss, den die Schilddrüse auf das Knochenwachsthum ausübt, der 
Gedanke nahe, die Schilddrüsentherapie überhaupt bei Defecten des Knochenwachs¬ 
thums zu verwerthen. 

Vielleicht werden wir auch einmal dazu kommen, die Thatsache, dass unter 
Schilddrüsenfütterung die Urinausscheidung ganz auffällig gesteigert ist, practisch zn 
verwerthen; doch möchte ich mich von vornherein dagegen verwahren, dass ich den 
Schilddrüsensaft, wie dies von Broum-Sequard 's „liquide orchitique“ geschehen ist und 
noch geschieht, nun als Panacee empfohleu habe. Jedes Mittel, das sich als Panacee 
aufgespielt hat, hat bis jetzt mehr oder weniger Fiasco gemacht und so wird auch 
das Schilddrüsensecret nur in seinem eigentlichen Gebiete, der Behandlung der Cachexia 
thyreoidea, seine specifiscben Triumphe feiern. Allein wir wissen eben vorderhand noch 
durchaus nicht, welche physiologische Function der Schilddrüse zukommt, und welche 
pathologischen Folgen ihrem verminderten oder vermehrten oder krankhaft veränderten 
Secrete entsprechen; und so lange wir das nicht wissen, haben vorsichtige Ver¬ 
suche bei verschiedenen Körperveränderungen, denen eine fehlerhafte Function der 
Schilddrüse zum Theil oder vielleicht ausschliesslich zu Grunde liegen kann, ihre Be¬ 
rechtigung. 

Die Substitutionstherapie Broum-Sequard ’s, die Vorstellung, dass man ein Organ, 
das dienstuntauglich geworden ist, dem Organismus durch Einverleibung subcutan oder 
per os ersetzen kann, knüpft an mittelalterliche Traditionen an und man erwartet 
füglich, einen solchen Vorschlag eher in dem Thierbuche des Quacksalbers zu finden, 
so plump erscheint die Vorstellung eines solchen Eingriffes in die Physiologie. Es 
sind denn wohl auch die Behandlungsmethoden mit Nerveneitract, Muskelextract etc. 
sehr gröbliche Verirrungen; allein für die Schilddrüse wenigstens verhält es sich 
doch eben bewiesenermassen anders. 

Da jedoch die Darreichung von Schilddrüse für die Oekonomie des Körpers 
durchaus nicht gleichgültig und da die individuelle Empfindlichkeit gegen das Mittel 
sehr verschieden — allerdings bei Thyreopriven bedeutend grösser ist als bei Gesunden 
— so müssen alle diese Versuche sehr vorsichtig unter Controle des Pulses überwacht 
werden. 

Nachtrag zu der Originalarbeit in letzter Nummer: Die Schilddrüsenfunction 
im Lichte neuerer Behandlungsmethoden verschiedener Kropfformen. 

Erst nach Einsendung meines Manuscripts zum Druck erhielt ich von Professor 
Langhans nachfolgenden Bericht über den pathologisch - anatomischen Befund bei der 
excidirten Struma colloides der Frau S. (Anmerkung aufS. 5) nach mehrwöchentlicber 
Behandlung mit Tbyreoidinpillen. 

„Stroma ziemlich breit, fast überall homogen ohne Differenzirung von Blut- und 
Lympbgefassen; nur in den breitesten Septa sind Blutgefässe und faseriges Bindegewebe 
sichtbar. 


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Die Alveolen von der verschiedensten Grösse, bis zu ganz kleinen herab; ihr Epi¬ 
thel cubisoh oder etwas abgeplattet. Auffallend ist, dass ein gutes Drittel derselben 
nicht vollständig von Colloid ausgefüllt, sondern entweder ganz leer ist — so namentlich 
einzelne recht grosse und Gruppen von 10,20 und mehr mittelgrossen — oder sie ent¬ 
halten nur wenig Colloid, das nur ] /s bis \U des Lumens ausfüllt und entweder einer 
Seite der Wand anliegt, oder auch mitten im Lumen. In einzelnen grossen Alveolen ist 
bläulicher Inhalt (Mucin) mit zahlreichen grossen, kleinen bis kleinsten rothen (Eosin) 
Colloidkugeln, als wenn der colloidelnhalt hier zerfallen und in 
den leeren Bläschen resorbirt wäre.“ 

Der geschilderte Befund von Prof. Langhans scheint uns interessant genug, um 
noch nachträglich mitgetheilt zu werden, da er auf die Wirkungsweise des Schild¬ 
drüsensaftes ein Licht zu werfen scheint. Es wird dadurch bestätigt, dass die Zufuhr 
von Schilddrusensaft durch den Magen die Secretion in der Schilddrüse beeinflusst, 
indem die Alveolen nicht gefüllt erscheinen wie gewöhnlich, sondern nur theilweise das 
gewöhnliche Colloid enthalten, zum Theil ganz leer gefunden werden. Es wird also 
offenbar die Secretion in der Schilddrüse verringert; der vorhandene Alveoleninhalt 
zerfällt und es bleibt bloss die Frage, ob man auch diesen Zerfall zum Theil als 
directe Folge der Schilddrüsensaftzufuhr zu betrachten hat. Es wird von grossem 
Interesse sein, den pathologisch-anatomischen Befund bei unmittelbar vor der Eicision 
mittelst Jodgebrauch verkleinerten Kröpfen zu vergleichen. 

Wir möchten nun zum Schluss unseren schweizerischen Collegen noch die Bitte 
vor legen, über die Fälle von Kropf, welche sie in den nächsten 2—3 Monaten 
mit Scbilddrüsensaft oder -pillen zu behandeln Gelegenheit haben, genaue Notizen zu 
führen, indem sie bestmöglich die Grösse und Art der Schilddrüsen9cbwellung festzu¬ 
stellen suchen, das Gewicht der Patienten und allfällige Störungen im Befinden no- 
tiren. Wir erklären uns bereit, die Resultate zu sammeln und den Collegen zur 
Kenntniss zu bringen und werden s. Z. uns erlauben, die Collegen um gütige Mitthei- 
luug ihrer Beobachtungen zu bitten. 

Bern, 3. Januar 1895. Kocher. 


Vereinsberichte. 

48. Versammlung des ärztl. Centralvereins. 

Samtaf, dea 3. November 1894 in Olten. 1 ) 

Präsident: Dr. E . Haffter , Frauenfeld. — Schriftführer ad hoc: Dr. Murkwalder, Kaiserstuhl. 

1) ErMbangswert des Präsidenten. (Autoreferat.) Nach Bewillkommnung der 
grossen Versammlung*) beschäftigte sich der Sprechende einlässlich mit verschiedenen 
Standesangelegenheiten. — An Hand der aus authentischen Acten geschöpften Entwicklungs¬ 
und Lebensgeschichte des HommeV sehen sog. Hämatogens (Aneignung eines von 
Prof. Bunge für den von ihm aufgefundenen eisenhaltigen Eiweisskörper des Hübnerei¬ 
dotters erfundenen Namens), woraus namentlich festzuhalten ist, dass exacte klinische 
Untersuchungen mit dem HommeV sehen Präparate dessen absolute Wirkungslosigkeit 
selbst bei Chlorose dargethan hatten und zwar unmittelfbar bevor die ungeheuerliche 

J ) Eingegangen 18. Dez. 1894. Red. 

f ) In die Präsenzlisten trugen sich ein: 201 Collegen (Zürich 38, Bern 48, Aargau 32, Basel¬ 
stadt 18, Solothurn 16, Luzern 15, Baselland 8, St. Gallen 7, Unterwalden 4, Neuenourg 3, Genf, 
Graubunden, Thurgau je 2; Schwyz, Waadt, Glarus, Zug, Tessin je 1). 

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Reclame losging, betont der Vortragende die bemühende Thatsache, dass hauptsächlich 
die Aerzte es sind, welche durch zu geringe Vorsicht, durch Einbusse der auf den Uni¬ 
versitäten gepflegten physiologischen Denkweise und Ueberlegung, oft vielleicht durch be¬ 
quemes Nachgeben an ein durch Inserate bearbeitetes Publicum, einem ins Schwindelhafte 
ausgebeuteten Mittel eine Bedeutung verschaffen helfen, die es nie und nimmer verdient, 
was Vortr. durch angeknüpfte physiologische Auseinandersetzungen zu beweisen sucht. 1 ) 

— Als Muster des von vielen deutschen medicin. Zeitschriften kritiklos, allerdings meist 
im Inseratentheile nachgedruckten blühenden Unsinns verliest Vortr. einige Sätze aus 
einer „mit Genehmigung des Herrn Autors“ (!) veröffentlichten Abhandlung: Das Hämo¬ 
globin in der Eisentherapie von Dr. med. Hommel , — und schliesst das „ärgerliche 
Capitel* mit dem Facit, dass der practische Arzt gegenüber all’ diesen mit übertriebener 
Reclame angepriesenen und mit widerlicher Zudringlichkeit Einem gratis und generös ins 
Haus gelieferten Präparate sich nicht ablehnend und skeptisch genug verhalten könne. 

— Im Weitern schilderte Vortr. an Hand amtlicher Actenstücke ein Intriguenspiel, welches 
einen achtbaren Collegen wegen „chirurgischer Fehler“ vor Gericht geschleppt und trotz 
glänzender Freisprechung vor allen Instanzen einer seit 20 Jahren bekleideten Spitalarzt¬ 
stelle verlustig gemacht hatte und rief die anwesenden Collegen zu Richtern in dieser 
betrübenden Angelegenheit auf. — Die Stimmung der Versammlung über die angehörte 
Eröffnungsrede gab sich in lautem und anhaltendem Beifall kund. 

2) Prof. Lesser , Bern: Zur Fürsorge für die aus dem Spital entlassene! Syphi¬ 
litischen. (Vortrag unter den Originalarbeiten dieser Nummer.) 

In der Discussion begrüsst Kaufmann die Anregung des Vortragenden und 
weist hin auf das ähnliche Vorgehen des deutschen Reichs Versicherungsamtes bei den 
Bruchleidenden und den Einäugigen. Statt der Angabe des Geburtsjahres (welche zu 
Missbräuchen führen könnte) empfiehlt er, die Journalnummer des Arztes neben die An¬ 
fangsbuchstaben des Patienten zu setzen, womit Lesser einverstanden ist. 

3) Dr. E. Feer , Basel: lieber ßiutserumtherapie bei Diphtherie. (Autoreferat.) 
Die ausgezeichneten Resultate, welche in letzter Zeit Behring , Boux , Ehrlich und Aronson 
mitgetheilt haben, lenken gegenwärtig die erhöhte Aufmerksamkeit der Aerzte auf diese 
Frage. An Thieren hatten Behring und Kitasato mit der von ihnen entdeckten Heil¬ 
methode schon 1890 positive Resultate erlangt; an eine Behandlung des Menschen konnte 
man aber erst denken, als man gelernt hatte, durch oft wiederholte Impfungen den 
Immunitätswerth des Thierblutes auf einen sehr hohen Grad hinaufzutreiben und als man 
zu Serümlieferanten grosse Thiere (Schafe, Ziegen, am besten Pferde) wählte. Die Bildung 
des wirksamen Princips des Diphtherieheilserums, des Antitoxins, wird im Thierblut durch 
die eingebrachten Toxioe veranlasst. Die einzige bekannte Eigenschaft des Diphtherie¬ 
antitoxins ist seine Wirkung gegen Diphtheriebacillen und -gift im lebenden Organis¬ 
mus. Die Urticaria, die bisweilen einige Tage nach den Seruminjectionen beim Menschen 
auftritt, rübrt vom Blutserum als solchem her. Sonst ist das Diphtherieantitoxin etwas 
durchaus Unschädliches, das sich auch im Blut von Menschen nachweisen lässt, welche 
Diphtherie überstanden haben. Die Eigenthümlichkeit vieler Infectionskrankheiten, den 
Menschen nur einmal zu befallen (auch die bacilläre Diphtherie gehört hierher), erklärt 
sich zum Theil wohl so, dass die Antitoxine nach Ablauf der betreffenden Krankheiten 
fortbestehen, resp. sich weiterbilden und so einen steten Schutz gegen neue Infection 
abgeben. 

Die Heilversuche am Menschen, bis vor kurzem nur in Spitälern angestellt, haben 
ausgezeichnete Resultate ergeben, seitdem man grosse Mengen starkes Heilserum her¬ 
steilen kann. Behring hat in letzter Zeit 200-faches Heilserum erhalten können, von 
dem 1 cm 8 genügt, um die für 20000 kleine Meerschweinchen tödtliche Giftmenge zu 
neutraJisiren. Die erzielten Heilungen belaufen sich auf 77°/o (233 Fälle, Behring ), auf 

l ) Nach der Analyse von Rottmeyer enthält eine Flasche (225 ccm) HommeV sehen Hämatogens 
0,12-0,15 Eisen, also etwa die Menge von 4—5 Bland' sehen Pillen. 


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86,5°/o (89 Fälle, Ehrlich ), auf 84,7°/o (274 Fälle, Aronson ), auf 74°/o (300 Fälle, 
Roux). Womöglich soll microscopisch oder bacteriologisch untersucht werden, ob es sich 
um echte Diphtherie handelt (durch Löffler 1 sehe Bacillen erzeugt), da andere AfTectionen 
vom Heilserum nicht beeinflusst werden (Scharlachdiphtherien, 20—30°/o der als ge¬ 
wöhnliche Diphtherie imponirenden, meist gutartigen RachenafFectionen, eine Anzahl 
Croupfälle). Die Injectionen geschehen mit aseptischer Spritze (gewöhnliche oder Ballon¬ 
spritze, 10 cm 8 fassend) unter die Haut in eine Gegend, wo der Patient nicht aufliegt 
und sich die Haut leicht in Falten abheben lässt (Seite des Thorax, Oberschenkel yorn). 
Bei leichten Fällen lässt Behring am Anfang ein Fläschchen Heilserum Nr. I *) einspritzen; 
bei schweren Fällen, Croup, oder bei Erwachsenen ein Fläschchen Nr. II oder Nr. III. 
Bei schweren oder vorgeschrittenen Fällen wird am 2. eventuell am 3. Tag noch injicirt. 
Die Allgemeinerscheinungen wurden nach den Injectionen oft rasch und auffallend besser. 
Die Membranbildung hörte innerhalb 24 Stunden nach der ersten Injection auf, sich 
weiter zu verbreiten, die Membranen lösten sich nach spätestens 3 Tagen los. In keinem 
Fall kam es mehr zur Erkrankung von Kehlkopf oder Bronchien, wo dieselben im Be¬ 
ginn der Serumwirkung noch frei waren; wo schon mässige Stenose vorhanden war, 
konnte oft ein operativer Eingriff umgangen werden. Es starben aber fast alle Fälle, 
wo schon die Bronchien ergriffen, Pneumonie oder septische Erscheinungen aufgetreten 
waren. Letztere Processe beruhen auf secundärer Infection (meist Streptococcen), gegen 
welche das Heilserum machtlos ist. Je frischer die Fälle sind, um so sicherer ist die 
Heilung und um so weniger Serum erfordert sie. Aber auch die Tracheotomirten er¬ 
gaben die ungewöhnliche Heilziffer von 50—60°/o. Das Mittel kann besonders in der 
Privatpraxis (frühzeitige Diagnose!) segenbringend wirken. Local empfiehlt Roux nur 
sehr schwach antiseptische Spülungen vorzunehmen, da starke Antiseptica während der 
Antitoxinwirkung schlecht tolerirt werden. 

Eminent wichtig ist die prophylactische Impfung der gesunden Familienglieder von 
Diphtheriekranken. Ein Viertel der einfachen Dosis Heilserum Behring Nr. I gewährt 
für einige Wochen Schutz gegen Infection. 

Der Vortragende ist der Ueberzeugung, dass die Diphtherieserumtherapie Ausge¬ 
zeichnetes leistet und noch sehr der Vervollkommnung fähig ist. Er fordert auf, die¬ 
selbe auch in der Schweiz anzuwenden, wo jährlich 1392 Menschen an Diphtherie und 
Croup sterben. Feer hat bis jetzt erst 3 Fälle behandelt, die sehr rasch heilten. E i n 
Fall betraf einen 27 Tage alten Säugling mit Nase n diph- 
tberie; Genesung. (Blutig-wässriger Ausfluss mit massenhaften Löfflerbacillen; 
Membranbildung in der linken Nasenhöhle mit Losstossuug am 4. Tag. Injectionen am 
2., 3. und 4. Tag, im Ganzen 800 I.-E.) 

Feer befürwortet möglichst ausgedehnte Anwendung des Mittels in den Spitälern 
der Schweiz, damit dann eventuell möglichst bald die Erstellung einer schweizerischen 
Centralstation zur Gewinnung von Serum und zu billiger Abgabe desselben an die Aerzte 
veranlasst werden könne. 

Bei der Discussion betont Prof. Hagenbach , Basel, man könne dem Land¬ 
arzt die Mühe einer microscop.-bacteriolog. Diagnose nicht zumuthen und weist auf den 
Vorschlag von Martin hin, man sollte in jeder Stadt und jedem Bezirk eine „Diagnosen¬ 
anstalt 41 errichten, aus welcher der Arzt (nach Einschicken von einer Membran) das Re¬ 
sultat in 24 Stunden haben könnte. Man habe jetzt nicht nöthig, wie beim Tuberculin, 
die Spitäler zuerst probiren zu lassen; sondern direct und in erster Linie soll dies 
Mittel dem Privatarzt zugänglich gemacht werden. 

*) Za beziehen von den Farbwerken vormals Meister, Lucius und Brüning in Höchst am Main 
(auch bei Hausmann in St. Gallen erhältlich). Höchst gibt 3 Sorten aus, die in Einzeldosen von 
ca. 10 gr in Fläschchen abgefällt sind, mit Zusatz von ys°/o Phenol, und die sich im Kühlen einige 
Monate halten. Ein Fläschchen Heilserum Nr. I enthält 600 Immunitätseinheiten, kostet 6 Marx, 
ein Fläschchen Heilserum Nr. II (1000 I.-E.) kostet 11 Mark, ein Fläschchen Serum Nr. III (1500 
I.-E.) 16 Mark. 


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Im Anschluss demonstrirt Beck (Bern) eine „Serum-Spritze“. Dieselbe besteht aus 
einem in Capillarröhren ausgezogenen gläsernen Recipienten, der als Spritzenkörper ge¬ 
formt vom Bereiter des Serums mit der erforderlichen Dosis gefüllt, an beiden Capillar- 
Enden zugeschmolzen uod in diesem Zustande dem Serum*Consumenten zugesandt wird. 
Der Recipient ist nun, wie Figur zeigt, so eingerichtet, dass der Empfänger des 

Heilserums, der im 
Besitze eines ad 
hoc geformten 
Gummiballes und 
dito Pravaz-Nadel 
vorausgesetzt wird, 
nichts zu thun hat, 
als die Capillaren 
an den daselbst an¬ 
gebrachten Feil¬ 
strichen abzu¬ 
brechen und den 
nunmehr zur In- 

jection tauglichen Spritzenkörper mit Gummiball und Pravaz-Nadel zu versehen, um die 
Injection des Heilserums ohne irgend welche weitere Sterilisationsprocedur seiner Spritze 
mit absolutester Gewähr der Reinheit seines Stoffes vornehmen zu können. 

Die den Luftdruck vermittelnde Capillaröffnung, welche den zur Aufnahme des 
Serums bestimmten Hohlraum von dem Canal trennt, der die Verbindung des Recipienten 
mit dem Gummiball herstellt, ist so fein, dass eine Verunreinigung des Gummiballs bei 
eventuellem Umstürzen der Spritze nicht erfolgen kann. Der Gummiball besitzt eine 
halbkuglige Verschalung aus Hartgummi, welche den Stutzpunkt-Fingern eine höchst an¬ 
genehme resistente Unterlage darbietet. Der Boden des Nadelhütchens besteht aus Hart¬ 
gummi, der Mantel desselben aus Weichgummi, wodurch ein luftdichter Anschluss des 
Hütchens an die übrigens angeschliffene Spitzenmündung des Recipienten erzielt wird. 

4) Dr. Häberlin, Zürich: Ueber die mechanische Behandlung der Frauenkrank¬ 
heiten. 

Discussion: Dr. Bim , Zürich, hebt die Wichtigkeit der strengen Befolgung 
der Regeln Brandts hervor und warnt vor zu brüsker Massage. Zwei eigene Fälle mit 
ziemlich ausführlichen Krankengeschichten werden angeführt: 1) ein perimetrit. Exsudat 
und 2) Incontinentia urinae in Folge eines Narbenstranges von der Portio zur Symphyse. 
Beide bis heute geheilt. 

5) Major Dr. Fröhlich, Genf: Ueber Krankentransport im Hochgebirge. Nach 
einigen sehr interessanten Zahlenangaben über Tragleistungen verschiedener Berufslastträger 
und Sportsleute demonstrirt Fröhlich einzelne neuere Tragen für 1 und 2 Verwundete, 
hergerichtet zum Aufschnallen auf ein Saumpferd. Gute Photographien zeigen uns diese 
Apparate in der Anwendung im Gebirge. 

6) Von einer Abstimmung über die Sonderegger’scheo Thesen wird Umgang ge¬ 
nommen, da die eingegangenen Voten der cantonalen Vereine sich einmüthig für 
diese Thesen ausgesprochen haben. Kaufmann , Zürich, wünscht, dass dieses Ab- 
stimmungsergebni88 so rasch als möglich den Bundesbehörden mitgetheilt werde. — 
Präsident Haffter erklärt, im Sinne Kaufmann ’s Vorgehen zu wollen. (Das betreffende 
Schriftstück ist schon im Monat November via Oberinstanz der Aerztekommission — 
als dem zwischen Bundesbehörden und Schweiz. Aerzten vermittelnden Organe — ab- 
gegangen.) 1 ) 

*) Leider hat, wie wir vor Wochen der Tagespresse entnahmen, die Association des medecins 
de Geneve (Präs. Prof. Vaucher ) mit Umgehung der Aerztecommiasion sich direct nach Bern ge¬ 
wendet. Red. 




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7) Die Einladung zum Schweiz* Aerztetog in Lausanne, Frühjahr 1895, wird 
mit Acclamadon entgegengenommen. 

8) Bankett im Bahohefrestanrant* 

Damit schliesst das leider zu lakonisch abgefa98te Protocoll und es bleibt uns übrig, 
oachzutragen, dass das stark besuchte Bankett einen überaus animirten Verlauf nahm. 
Ausser dem obligaten Vaterlands toaste des Präsidenten — dessen Anspielungen auf die 
Bedeutung des 4. November (Beutezugabstimmung) warmen Ankiang fanden — stiegen 
zum Theil vorzügliche und launige Tafelreden von Prof. Lesser , Prof. Bibbert , Dr. Beali 
und Dr. Brunner (Luzern). — Telegramme gingen ein von Sonderegger , Rektor Prof. 
Oscar Wyss „Regens sine regno“, Prof. Fehling (Halle) und Dr. Nägeli , Ermatingen, 
letzterer „handgreiflich verhindert“. 

Jeder der Theilnehmer hat wieder ein Stück Begeisterung und vermehrte Liebe 
zum Berufe mit nach Hause getragen. — Auf Wiedersehen in Lausanne! Red. 


Medicin.-pharmaceut. Bezirksverein Bern. 

VI. SitzHg, Dienstag 24* Jnli 1894, Abends 8 Uhr Im Caf<6 du Pent. 1 ) 

Präsident: Dr. Dumont. — Actuar a. v. Dr. Arnd. 

Tractandum: Schluss des Vortrages von Dr. Ost: Die Blatternepidemie in 
Bern und Discussion. 

Dr. Fueter bemerkt, dass er einen Fall von Variola beobachtet habe, bei dem gar 
kein Suppurationsfieber auftrat und auch während des ganzen Eiterungsstadiums voll¬ 
ständige Euphorie bestand. Ferner bestätigt er, dass er in circa 50 Fällen eine Incu- 
bationszeit von genau 14 Tagen gesehen habe. Was die Prophylaxe anbetrifft, so ist 
in allen Epidemien von Variola sehr wichtig der Nachweis, woher jede neue Infection rührt. Eine 
grosse Ausdehnung einer Epidemie rührt meistens daher, dass man den Faden der In¬ 
fection verliert und desshalb nicht mehr streng genüg Vorgehen kann. Durch energische 
Ma88regeln kann man eine Epidemie eindämmen. Zu diesen Massregeln gehören vor allen 
aus Vaccination und Revaccination. Da wo letztere verweigert wurde, trat sehr häufig 
nachher eine Infection auf. Sie ist auch da noch indicirt. wo eine Familie schon infi- 
cirt ist und kann die Heftigkeit der Erkrankung noch bedeutend vermindern, wenn auch 
häufig nicht mehr ganz verhüten. Das erklärt sich daraus, dass die Incubationszeit der 
Impfung 8 Tage und die der Pocken 14 Tage dauert. Es ist desshalb der Ausspruch 
von Prof. Vogt , dass das Impfen während einer Blatternepidemie dieselbe erschwere, 
nicht recht zu verstehen. 

Dr. Dutoit bestätigt die Bemerkungen des Vorredners in Betreff der Incubationszeit, 
ebenso das klinische Bild der Pocken, wie es Dr. Ost geschildert. Speciell führt er noch 
an, dass das Auftreten eines hämorrhagischen Hofes im pustulösen Stadium nichts mit 
Variola hämorrhagica zu thun habe, sondern viel unschuldigerer Natur sei. 

Was den Zusammenhang der Variola mit Varicellen anbetrifft, so erklärt sich 2>. 
als ein Gegner der Unitarier. Die Unterschiede zwischen den beiden Krankheiten sind 
in die Augen springend. Die Dauer des Prodromalstadiums, die Art des Auftretens der 
Pusteln der Zeit nach sprechen dafür, dass wir es mit zwei verschiedenen Krankheiten 
zu thun haben. Bei der Variola dauert es mehrere Tage, bis alle Pusteln aufgetreten 
sind, bei Varicellen viel kürzere Zeit. Leichter als mit Varicellen ist eine Verwechslung 
der Variola mit Morbillen, weil im Anfangsstadium das Variolaexanthem diesen sehr 
ähnlich sehen kann. Was dann den Schutz der Impfung anbelangt, so hat D. in Hun¬ 
derten von Fällen den Nutzen der Impfung deutlich gesehen, wo geimpfte Kinder mitten 
in erkrankten Familien gesund blieben. 

*) Eingegangen 17. November 1894. Red. 


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Dr. Dubois. Die wichtigste Frage beim Auftreten von Pocken ist die der Verhütung 
oder wenigstens der Einschränkung einer Epidemie. Das beste Mittel hiezu ist die Impf¬ 
ung und Bevaccination. Wenn alle Leute geimpft und revaccinirt wären, würde eine 
Blatternepidemie ganz unmöglich. Da das bei uns nicht durchführbar ist, so ist das 
einzige Mittel sofortige und strenge Isolation in einem Spital. Doch auch hier fehlt 
Vieles bei uns und durch die Behörden werden die Aerzte in ihren Bestrebungen nicht 
unterstützt. Unser Blatternspital ist mittelalterlich und ganz ungenügend eingerichtet. 
Ferner werden Blatternfalle zu Hause gelassen, also ungenügend isolirt. Um so schlimmer 
ist das, wenn das schlechte Beispiel, wie hier in der abgelaufenen Epidemie, von oben 
herab gegeben wird. Es sollten desshalb der Direction des Innern Vorstellungen gemacht 
werden. 

Dr. Dumont unterstützt Dr. Dubois in seinen letzten Ausführungen lebhaft. Sehr 
oft kann man auch Schulkinder aus inficirten Häusern nicht aus der Schule fernhalten, 
weil sie hinterrücks doch ausgehen und die Schule besuchen. In der Matte hat man 
diesen Sommer alle Kinder in der Schule geimpft; nur 13 Kinder wurden nicht vacci- 
nirt in Folge Widerspruchs der Eltern (Bundesbearate!). Diese wurden dem Regierungs¬ 
statthalter angezeigt und wir hoffen nun, dass wir in unserem Vorgehen von der Direc¬ 
tion des Innern unterstützt werden. Hr. Dr. Dutoit möge unsere Ansicht bei Hm. Reg.- 
Bath von Steiger vertreten, da schon so oft Beclamationen von Seiten der Aerzte nicht 
berücksichtigt wurden. 

Dr. Fueter hat ähnliche Erfahrungen gemacht wie Dr. Dumont . Ein Kind in der 
Lorraine wurde von Prof. Vogt zu Hause behandelt. Die anderen Kinder derselben 
Familie sind sämmtlich ungeimpft, haben aber Impfscheine von Prof. Vogt ausgestellt, 
die folgen dermassen lauten: „Der Unterzeichnete bezeugt, dass N. N. wegen erheblicher 
Gründe nicht geimpft werden soll.“ Fueter hat dann die Kinder geimpft und Anzeige 
gemacht mit dem Antrag auf Bestrafung des fehlbaren Arztes. Diese bestand dann in 
einer einfachen Büge, während ein Landarzt mit einer Busse von Fr. 20. — bestraft 
wurde, weil er einen Blatternkranken aus seiner Gemeinde in das Blatternspital nach 
Bern spedirte! So lange wir nicht die obligatorische Bevaccination haben, ist alles un¬ 
genügend. 

Dr. Dutoit wird sein Möglichstes thun, damit die bemerkten Uebelstände gehoben 
werden. Prof. Vogt hat über 60 Zeugnisse ausgestellt, dass Kinder nicht geimpft werden 
sollen. Darüber zur Rechenschaft aufgefordert, hat er mit einem Memorial geantwortet, 
das seither im Druck erschienen ist, worin er eine Gefahr im Impfen während 
einer Pockenepidemie sieht. Dr. Dutoit bereitet eine Arbeit über die gegenwärtige Epi¬ 
demie vor. 

Dr. Dubois weist auf die ungleichmässige Behandlung ähnlicher Fälle hin. Ein 
junger College, der sich in einem auswärtigen Spital mit Variola inficirte und hernach 
nach Bern kam, wurde empfindlich gestraft, während man in der Länggasse eine Familie 
die Blattern durchmachen lässt, ohne Massregeln zu ergreifen. 

Prof. Salili . Ueber den Schutz der Impfung kann kein wissenschaftlich gebildeter 
Arzt im Zweifel sein. Diese Ansicht thoilen wir dem Publikum zu wenig mit. Die 
Gegner stellen die aller frechsten Behauptungen auf. So hiess es. in einem hiesigen Blatte, 
das Baden schütze sicherer gegen die Pocken, als das Impfen. Das muss man als eine 
freche Unwahrheit bezeichnen. Es liegt aber die Gefahr nahe, dass das Publikum, das 
nicht Gelegenheit hat, impffreundlich Gesinnte zu hören, von den Gegnern ganz ein¬ 
genommen wird. Es wäre gut, wenn man drastische Beispiele veröffentlichen würde, 
die immer mehr wirken, als statistische Tabellen. 

Dr. Dutoit, Die Bestrafung des jungen Collegen, der mit Variola nach Bern kam, 
beschränkte sich auf die Bezahlung der Desinfectionskosten. 

Dr. Schärer hat sich selbst als nicht Revaccinirter mit Pocken inficirt in einer 
früheren Epidemie. Die Nothwendigkeit der Bevaccination ist vielen Aerzten nicht be- 


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kann* genug. Wenn Vogt behaupte^, die Epidemie von 1870 habe eine Bevölkerung 
getroffen, die durcbgeimpft war, so ist das nicht wahr. Er hat als Impfarzt in dieser 
Zeit jährlich nur 3—4 ßevaccinationen zu machen gehabt. Prof. Vogt bezieht sich in 
seiner Broschüre nur auf die Bevölkerungen. Den Vergleich zwischen dem deut¬ 
schen und dem französischen Heer macht er nicht. 

Im Zuchthaus hat Dr. Schärer mehrere Epidemien beobachtet. Im December 1864 
traten 8 Fälle im östlichen Flügel auf. Sie wurden isolirt, aber nur ungenügend, indem 
die gemeinschaftliche Treppe und Küche auch von den Pflegern betreten wurde. Ihm 
stand damals nur alte Lymphe zur Verfügung, die nur in 20% der Fälle Pusteln ergab. 
Er kaufte sich nun Kinder zum Impfen, um eine gute Lymphe zu erhalten und als er 
mit dieser alle Insassen durchimpfen konnte, erlosch die Epidemie. 1890 meldeten sich 
an einem Tage 12 krank, die alle im gleichen Websaal beschäftigt waren. Zwei Sträf¬ 
linge hatten sich in Solothurn inficirt. Diesmal wurde die Isolirung nicht horizontal, son¬ 
dern vertical durchgeführt, so dass gar keine Berührung in gemeinschaftlich zu benutzen¬ 
den Räumlichkeiten möglich war. An dem gleichen Vormittag wurden alle Insassen 
geimpft und es traten denn auch keine weiteren Fälle auf. Unter diesen 12 Fällen war 
einer schwer; der Patient war nie geimpft worden. Ein leichter wies eine einzige Pustel 
auf; er war 10 Jahre vorher revaccinirt worden. Die Statistik ist geeignet, dem Publi¬ 
kum die Augen zu öffnen. 

Dr. Seiler verspricht sich viel von der Belehrung des Publikums durch Beispiele. 
Beabsichtigte Kunstfehler, wie sie hier vorgekommen sind, sind gefährlich. Die Impfung 
der Schulkinder wird gar nicht durchgefübrt. 

Prof. Sahli. Der Nutzen der Impfung ist eine der best constatirten Thatsachen, 
die wir in der Medicin haben. Auch in die Insel wurden die Blattern eingeschieppt. 
Ihre Verbreitung wurde durch Impfung vermieden. Man sollte das Publikum in zwei 
Beziehungen aufklären; 1) In Beziehung auf den Unterschied zwischen der früheren und 
der heutigen Impfung. Die Herstellung der Lymphe und ihre Ungefährlichkeit sollte 
bekannt gemacht werden. 2) Sollte man erklären, worauf die Impfung beruht, dass sie 
nicht der Natur zuwider läuft, sondern auf der Anwendung ihrer Gesetze beruht. 
Begreifen die Leute, dass man die Pocken nicht zweimal bekommt, so werden sie 
auch den Nutzen der Impfung, die nur eine abgeschwächte Pockenerkrankung ist, ver¬ 
stehen. 

Dr. Ost hält es für gefährlich, den Leuten die Identität beider Gifte zu erklären. 

Man solle zum mindesten betonen, dass es sich um ein abgeschwäcbtes Gift handle. 

Im Geraeindelazareth lässt er alle Kinder, die eintreten, impfen, seitdem einmal ein Kind 
14 Tage nach der Entlassung an Variola erkrankte. In diesem Jahre hat er 62 Patienten, 
die nicht an Variola litten, aufgenommen, die alle von Variola dank der Revaccination 
und Isolirung verschont blieben. Dass Dr. Jordi auch draussen gewesen ist und nicht 
erkrankt, ist für Laien beweisend.* Darum sollte man auf die Broschüre von Prof. Vogt 
eintreten. Prof. Vogt zieht u. a. die Behauptung von Bardet und Rivier herbei: „es 
sei gefährlich, Neugeborene zu impfen, weil die Impfung nachgewiesener Massen schlimm 
verlaufen könne/ In der hiesigen Entbindungsanstalt nun trat ein Fall auf, der die 
Impfung sämmtlicher Frauen und Neugeborenen veranlasste. Kein einziger Fall ist 
schlimm verlaufen. 

Dr. Jordi hält es für schwierig, diesen Meinungen entgegenzutreten. Aber im 
Laufe der Jahrhunderte sind viele Theorien aufgestellt worden, die von anderen begraben 
wurden. So ist die Impfung Ferraris gegen Cholera vergessen; man hat in Indien 
wie in England eingesehen, dass Reinlichkeit die Krankheit verhütet und hat ganze 
Städte von Baraken lagern mit Abtritteinrichtungen etc. gebaut, um die Unreinlichkeit zu 
vermeiden. So hat man sich vor der Cholera zu schützen gewusst. Aehnlich steht es mit 
den Pocken, dem Typhus, der Pest. Nur sanitarische Massregeln haben die Pest zum Ver- 


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schwinden gebracht, und so werden auch die Pocken ^durch sanitätspolizeiliche Massnahmen 
unterdrückt werden können. Etwas Specifiscbes liegt den Krankheiten nicht zu Grunde. 
Isolation und Impfung genügen nicht. Statt der Impfscheine sollte man noch eher Bad¬ 
scheine von den Leuten verlangen. Und wenn man die Statistik ausdehnen wollte auf 
die Fragen, ob die Leute baden, wie oft sie baden, und was für Kleider sie tragen, so 
würde man werthvolle Aufschlüsse über die Ursachen der Pocken finden. Er würde es 
begrüssen, wenn die Frage in Volksversammlungen leidenschaftlos erörtert werden könnte. 
Er würde auch die erwähnten Zeugnisse an Kinder ausstellen, deren Impfuug von den 
Eltern verweigert wird. 

Dr. Vogt . Die Behauptung von Dr. Seiler , es sei in einigen Fällen ein absicht¬ 
licher Kunstfehler gemacht worden, durch die Stellung der Diagnose * Varicellen“, er¬ 
mangelt des Beweises. Dr. Jordi scheint ihm zu weit zu gehen hinsichtlich der Wirkung 
der Hygiene. Gerade bei seinen Verwandten wird allen Anforderungen der Hygiene 
nachgelebt. Der schwerste Krankheitsfall in dieser Familie trat boi einem Sohn auf, der 
bereits vor 10 Jahren eine Diphtherie durchgemacht hatte. Auf die Erfüllung hygienischer 
Massregeln sind nicht so weitgehende Schlüsse zu bauen. 

Dr. Dubois ist erfreut, von einem Impfgegner die Gründe zu hören, warum er 
seinen Standpunct eingenommen hat. Die Gründe Dr. Jordi' 8 sind theoretisch. Wenn 
die hygienischen Verhältnisse besser sein werden, werden die Leute auch sicherer vor 
jeder Art von Ansteckung sein. Eine genügende Aenderung der socialen Verhältnisse 
ist aber erst in hunderten von Jahren zu erwarten. Während dieser Zeit sterben aber 
noch Tausende an Variola, wenn wir nicht die zuverlässigen Mittel anwenden, die wir 
haben, und diese sind Impfung und Isolation. 

Dr. Seiler . Der erste der in Frage kommenden Falle von „ Varicellen“ in der 
Länggasse datirt vom 4. Mai. Dann folgten 2 weitere Fälle am 22. und 26. Am 2. 
Juni wurde die Diagnose Variola gestellt bei dem jüngsten Sohn. Alle Patienten sind 
erwachsen (der jüngste 15 Jahre). Von dem gleichen Hause gingen verschiedene Fälle 
aus, die als echte Variola erkannt wurden. Die Absicht in der Diagnosestellung 
auf Varicellen hat er betont, weil dem Impfarzt zuerst nicht gestattet worden war, den einen 
Fall zu sehen. 

Prof. Sahli . Die Massregeln gegen Cholera, die Herr Jordi als wirksam hervor¬ 
gehoben hat, sind das Resultat der wissenschaftlichen Forschung. Er steht ganz auf dem 
Standpunct von Dr. Dubois . Hygienische Massregeln sind überall zu begrüssen. Aber 
die Variola ist doch nicht blos eine Schmutzkrankheit, sie ist eben sehr contagiös. Er 
wäre begierig, Beweise zu hören, dass absolut reinliche Leute von Variola verschont 
bleiben. Mit der Hygiene ist nicht alles gemacht, es wird trotz der Hygiene stets Krank¬ 
heiten geben. 

Dr. Mürset macht der Direction des Inneren den Vorwurf, dass sie die Ausführung 
des Impfgesetzes nicht überwacht habe. Der Impfzustand wäre jedenfalls ein besserer 
gewesen, wenn sie ihre Pflicht gethan hätte. 

Dr. Dutoit : Die Schuld liegt bei den Lehrern und Schulcommissionen, die den 
Impfzustand überwachen und berichten sollten. Um Verweise haben sich aber manche 
Schulcommissionen nicht gekümmert. 

Dr. Ost unterstützt das Votum von Dr. Mürset . Er hat 1890 als Impfarzt im 
obereQ Bezirk ca. 800 Anzeigen wegen fehlender Impfung eingereicht und auf diese An¬ 
zeigen ist gar nichts erfolgt. Eine Unterstützung von oben hat der Impfarzt nie er¬ 
halten. 

Dr. Lindt: Es ist ein offenes Geheimniss, dass in Bern seit Jahren nicht mehr 
geimpft wird, wie es geschehen sollte. Die Direction des Inneren wusste das auch. Es 
wäre ihre Pflicht gewesen, Berichte zu verlangen und einzuschreiten. 

Dr. Dubois theilt mit, dass z. B. Dr. Dätiwyler während vielen Jahren Listen ein¬ 
sandte, auf die hin niemals eine Massregel ergriffen worden wäre. 


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57 


Dr. Dutoü: 1890 ward© im Scboosse des Regieruugsrates die Frage der strengeren 
Handhabung des Gesetzes erwogen und es wurde beschlossen, die Durchführung des Ge- 
setzes zu sistiren. 

Dr. Surbeck hat 1879 als Student 24 Variolakranke der Waldau verpflegt. Er und 
der eine Krankenwärter blieben ganz verschont, der andere Wärter (auch geimpft) bekam 
einige Pusteln, ohne Allgemeinerscbeinungen. Gegenwärtig ist im Emmenthal die Hälfte 
der Schulkinder nicht geimpft. Auf seine Reclamation an die Direction des Inneren wurde 
ihm nur der Rath erfcheilt, sein Möglichstes zu thun. Er hat in 14 Jahren als Arzt 
auf dem Lande nicht 10 Revaccinationen ausgefiihrt. Die wenigen Revaccinationen wurden 
ausgeführt bei Gelegenheit der Einschleppung eines Blatternkranken. Damals wurde die 
Verbreitung auch verhindert. 

Dr. Mürsei muss seinen Vorwurf, der sich nur gegen die Direction des Inneren 
richtete, aufrecht halten. Sie hat ihre Aufsichtspflicht nicht ausgeübt. Wenn die Frage 
im Plenum behandelt und erledigt wurde, so hat sich unsere Behörde einer Gesetzesver¬ 
letzung schuldig gemacht. 

Dr. Jordi möchte betonen, dass er auch der Schulmedicin angehöre, aber innerhalb 
derselben einen eigenen Weg gehe. Er zählt Pocken, Typhus, Cholera zu den Schmutz¬ 
krankheiten. Statistiken, welche diosen Zusammenhang von Ursache und Krankheit dar¬ 
stellen, werden leider gar nicht gemacht. Er war selbst auch im Blatternspital, hat dort 
Patienten untersucht, ungeimpft, hat sich gereinigt uod hat die Blattern nicht bekommen. 
Er will durch Hygiene die Schmutzkrankheiten aus der Welt schaffen und verweist noch¬ 
mals auf die in Indien durch Assanirung der Städte der Cholera gegenüber gemachten 
Erfahrungen. 

Prof. Sahli wundert sich über das Zusammenwerfen von Variola und Cholera, die 
doch ganz verschiedene Krankheiten sind. Er beneidet Herrn Jordi um seinen Optimismus. 
Vielleicht beruht derselbe auf der Auffassung, das9 die Pocken eine Hautkrankheit dar¬ 
stellen. Sie sind jedoch eine Allgemeinaffection, deren Erscheinungen sich auch auf der 
Haut localisiren, sie gehören zu den acuten Exanthemen. Ferner möchte er protestiren 
gegen die Moral, welche gestattet, auf Basis des Gesetzes ein Zeugniss zu verabfolgen, 
das nur auf ganz bestimmte Gründe hin verabfolgt werden darf und nun verabfolgt wird, 
nur um Kinder der Impfung zu entziehen. Solche Zeugnisse sind falsche. 

Dr. Lindl: Dr. Jordi hat nicht gesagt, ob er glaube, dass die Impfung schädlich 
sei oder nicht. Wenn er die Frage studirt, muss er zugeben, dass die Impfung unschäd¬ 
lich sei. Ferner muss er sich überzeugen, dass die hygienischen Verhältnisse überhaupt 
nie so sein werden, wie er sie wünscht. Ferner werden durch das Baden keine Keime 
zerstört. Auch die reinlichsten Leute werden oft genug nicht Gelegenheit haben, sich 
zu reinigen. Wonn nun die meisten Menschen nicht oft genug in der Lage sein werden 
sich lege artis von Krankheitsstoffen zu reinigen, so ist es gewissenlos, ein sicheres und 
unschädliches Mittel gegen diese Krankheitsstoffe nicht zu brauchen. Auch wir vergessen 
das Waschen und Baden nicht. Die Behörden geben sich auch Mühe zur Assanirung 
unserer Städte; Wohnungsnoth und Geldnoth werden nicht aus der Welt geschafft, so 
wenig wie schmutzige Menschen und gegon die daraus entspringenden Gefahren hilft 
Impfen mehr als Baden. 

Dr. Fueler: Die Gründe, mit welchen die Impfung der Schulkinder umgangen wird, 
sind nie erheblich. Dass der Schmutz nicht an den Pocken schuld ist, dafür liefert den 
besten Beweis die Familie M. in der Länggasse und der an Variola verstorbene College 
der versäumt hatte, sich zu revacciniren. 

Dr. Vogt hat niemals andere Gründe als erheblich betrachtet, denn bestehende 
Krankheiten. 

Dr. Seiler bemerkt, dass das Gesetz die Impfung nur „vorläufig* aufzusebieben ge¬ 
statte. Von diesem „vorläufig* wird sozusagen nie Notiz genommen. Er frägt, [warum 
denn auch in schmutzigen Familien die Epidemie nach Impfung der Mitglieder erlösche? 


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58 


Dr. Schärer war damals, als er erkrankte, ein sehr fleissiger Bader. Er möchte 
Dr. Jordi ersuchen, die Statistik der Infectionskrankheiten nachzuschlagen und die Assa- 
nirung der Städte mit dem Stand der Infectionskrankheiten zu vergleichen. Der Typhus 
hat abgenommen, aber die Blattern sind geblieben. In der Strafanstalt hat man keinen 
Typhus mehr, aber die Blattern treten noch auf. Er fragt, wie es denn eigentlich mit 
den Blattern bei den indischen Pilgern stehe? 

Da das Wort nicht mehr verlangt wird, schliesst das Präsidium die Discussion. 

Es wird zum Abschluss des Semesters ein Ausflug nach Jegenstorf beschlossen. 


Referate und Kritiken. 


Lehrbuch der Augenheilkunde 

(einschliesslich der Lehre vom Augenspiegel), für Studirende und Aerzte. Von Dr. A. 
Eugen Fick ) Docent für Augenheilkunde an der Universität Zürich. Leipzig, Verlag von 

Veit & Cie. 1894. Preis 10 Mark. 

Das vorliegende Buch steht in der Mitte zwischen den ausführlichen Hand- und 
Lehrbüchern einerseits und den Compendien anderseits. Als Vorzüge des Werkes 
können hervorgehoben werden: Der Stoff ist in sehr übersichtlicher Weise geordnet und 
zusammengestellt. Die Darstellung ist eine leicht fassliche und angenehm zu lesende. 
Das richtige Auffassen und Behalten der terraini technici ist durch kurze etymologische 
Andeutungen in sehr guter Weise unterstützt. Die selten vorkommenden Augenkrank¬ 
heiten sind durch Kleindruck übersichtlich gekennzeichnet. Die 157 Illustrationen 
(darunter auch die wichtigsten typischen Augenhintergrundsbilder mit natürlicher Farben¬ 
wiedergabe nach den Atlanten von Jäger und Liebreich ), erleichtern das Verständniss des 
Textes in vorzüglicher Weise. Ob der Ersatz der eingebürgerten fremdsprachigen Ter¬ 
mini durch deutsche Bezeichnungen (z. B. Einstellemuskel statt Accommodationsmuskel, 
Auskernung statt Enucleatio etc.) ein Vortheil sei, darüber kann man wohl verschiedener 
Ansicht sein. Von eigentlichen Nachtheilen des Werkes kann nicht gesprochen werden. 
Ab und zu ist wohl ein practisch sehr wichtiges Capitel in Folge der im Ganzen knappen 
Anlage des Buches etwas zu kurz gekommen; doch gibt der Verfasser selbst im Vorwort 
hiefür eine sehr zutreffende Rechtfertigung. Er sagt: „Bei der Auswahl des Stoffes Hess 
ich mich leiten von der Ansicht, dass ein Lehrbuch den klinischen Unterricht, den Ope- 
rations- und Augenspiegel-Curs nicht ersetzen, sondern ergänzen will, dass man also bei 
vielen Dingen sich mit Erwähnung des Leitgedankens begnügen darf.“ — Wenn 
man einerseits nicht sagen kann, dass das Werk einem Bedürfhiss entspreche, da vor¬ 
zügliche Lehrbücher der Augenheilkunde in reichlicher Auswahl und in allen möglichen 
Abstufungen der Ausführlichkeit bereits vorhanden sind, so darf anderseits als sicher 
hingestellt werden, dass das Buch seinen Platz neben den vorhandenen Parallel werken 
mit Recht und gewiss auch mit bestem Erfolg behaupten wird. Pfister . 


Caatonale Coi-respondenzen. 

Au s den Acten der schweizerischen Aerztecommission. 
Sitzung:: Samstag:, den 3. November 1894 im Bahnhof Olten. 

Anwesend: Kocher , Präs., Bruggiss er, D’Espitie, Haffter, Krönlein , Lots, Morax, 
NäfBeali, Schmid , von Wyss. 
t Entschuldigt: Sonderegger, Castelia, Hürlimann . 

Vor der Tagesordnung theilt der Präsident mit, dass Prof, de Ctrenville wegen zu 
vieler anderweitiger Geschäfte seinen Austritt aus der Commission genommen und an 
dessen Stelle Herr Dr. Morax von Morges eingetreten sei. Er bedauert lebhaft den Aus- 


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59 


tritt des Herrn de Cerenville , welcher in so vorzüglicher Weise die Interessen seiner 
Wähler mit den allgemein schweizerischen ärztlichen Interessen zu vertreten und zii ver¬ 
einigen wusste und er begrüsst Dr. Morax Namens der Commission und spricht seine Freude 
darüber aus, dass er sich habe bereit finden lassen, an den Arbeiten derselben künftig 
Theil zu nehmen. 

1) Ueber den Stand der Hülfskasse referirt deren Verwalter Dr. Lote. Er con- 
statirt einen etwelchen Rückgang des financiellen Standes der Casse, indem die Beiträge 
sich gleich geblieben, die Zinsen wegen des Sinkens des Zinsfusses zurückgegangen,, die 
Ausgaben dagegen in Folge der Zunahme nicht abweisbarer Hülfsgesuche beträchtlich 
gestiegen sind. Nur noch circa */& der Beiträge fallt auf alte, invalide Collegen, die 
übrigen auf Unterstützungen der Wittwen und Waisen. Nach Erledigung der einge¬ 
laufenen neuen Gesuche und Festsetzung der Beiträge für die bisher Unterstützten be- 
schliesst die Commission zwar den bisherigen Modus des Bezugs der Beiträge beizube- 
halten, aber iu einem Aufruf in der medicinischen Presse die Interessen der Hülfskasse 
den Collegen neuerdings dringend ans Herz zu legen und zu regelmässiger Einsendung 
der Spenden einzuladen. 

2) Erweiterung des eidgen. Epidemiengesetzes, speciell Einbeziehung der Diphtherie 
in dasselbe. Den Mitgliedern der Commission liegt ein Referat vom Director des eidg. 
Gesundheitamtes Dr. Schmid über diese Frage mit angehängtem Frageschema vor, nebst 
seinem gedruckten Bericht über die Verhandlungen betreffend die Diphtheriefrage auf 
dem siebenten internationalen Congress in Budapest. In der Discussion machen sich ge- 
tbeilte Ansichten über die Möglichkeit und Wüaschbarkeit einer sofortigen Einbeziehung 
der Diphtherie in das Epidemiengesetz geltend und es werden folgende Beschlüsse 
gefasst: 

Frage 1 ist folgendermassen zu beantworten: die Eidgenossenschaft möge sich im 
Kampf gegen die Diphtherie nach Kräften bethätigen; 

Frage 3 wird in dem Sinne bejaht, dass Erhebungen stattfinden sollen. 

Der Entscheid über Frage 2 wird bis nach Festsetzung des definitiven Frage¬ 
schemas, die in einer besonderen Wintersitzung stattfinden soll, verschoben. 

4) Serumtherapie der Diphtherie. Aus einer Umfrage ergiebt sich, dass in Basel, 
Genf und Bern bereits mit der Serumtherapie begonnen wurde, sowie auch im Kinder- 
spital Zürich. Ferner hat sich der Kanton Waadt Toxin aus dem Institut Pasteur ver¬ 
schafft und es soll mit der Immunisirung und Serumgewinnung von Pferden dort begon¬ 
nen werden. Auch in Bafn ist das Serum eines immunisirten Hammels bereits zur Ver¬ 
wendung gekommen. In Zürich wird man sich infolge eines von der Regierung er- 
theilten Credites eine grössere Menge Behring 'sches Heilserum verschaffen und es soll 
die Behandlung vorerst in den Spitälern und nur unter Controlle durch die bacterio- 
logische Untersuchung durchgeführt, an Privatärzte nur insofern Serum abgegeben 
werden, als sie diese Controlle entweder selbst vornehmen oder durch das bacteriologische 
Institut vornehmen lassen. Prof. Kri>nlein betont besonders die NothWendigkeit dieses 
Vorgehens, da dadurch allein eine zuverlässige Statistik über die Resultate der Behand¬ 
lung sich gewinnen lässt, die ein sicheres Urtheil über den Werth derselben erlaubt. 

Es wird beschlossen, mit Wünschen, die Gewinhung des Serums von Bundeswegen 
zu unterstützen, erst nach Berathung des Fragebogens in der nächsten Sitzung an die 
Eidgenossenschaft zu gelangen. 

Auf den Antrag von Dr. D'Espine wird beschlossen, ein zur Vertheilung an die Be¬ 
völkerung bestimmtes Tractat ausarbeiten zu lassen, das möglichst kurze und bestimmte 
Anweisungen für die Prophylaxis gegen die Verbreitung der Diphtherie in den Häusern 
geben soll. Mit der Herstellung dieses Tractates werden beauftragt Prof. D’Espine und 
Dr. Haffter . 

5) Zur nächsten Versammlung im Frühjahr, die wieder als allgemeiner schweize¬ 
rischer Aerztetag stattfinden wird, ladet Dr. Morax im Namen der cantonalen waadt- 


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ländischen Aerztegesell schaft nach Lausanne ein, welche Einladung von der Commission 
mit Dank angenommen wird. 

6) Kranken- und Verwundetentransport auf den Eisenbahnen. Da die Commission 
der Ansicht ist, dass durch den Entwurf des neuen Transportreglements ihre Postulate 
kaum berührt worden sind, indem in diesen wesentlich die Fürsorge für den Transport 
bei nicht vorhergeseheuen Ereignissen betont wird, während der Entwurf darüber eigent¬ 
lich nichts enthält, wird beschlossen, im Sinne der eingegangenen Voten eine neue Ein¬ 
gabe zu machen. 

7) Frage des Zündholzmonopols. Nach der einstimmigen Ansicht der Commission 
wird beschlossen, in der Eingabe an den Bundesrath das Verbot des gelben Phosphors 
in erster Linie zu urgiren, daneben aber die Errichtung des Monopols ebenfalls durchaus 
zu befürworten. 

8) Dr. Schmid wünscht als Director des eidgen. Gesundheitsamtes künftig der Com¬ 
mission nur als berathendes Mitglied anzugehören. Die Commission beschliesst, seinen 
Wunsch in Erwägung zu ziehen, ob man ihn in Zukunft ex officio bloss als berathendes 
Mitglied zu den Sitzungen einladen solle, aber jedenfalls erst in der nächsten Sitzung 
einen Entscheid und eioe Neuwahl zu treffen. Bei dieser Gelegenheit wird von Prof. 
Krönlein neuerdings die Aufstellung eines Geschäftsreglements für die Commission als 
dringend wünschbar betont und die Berathung eines solchen ebenfalls auf die Trac- 
tanden der Sitzung genommen. 

Schluss der Sitzung 12 Uhr. Der Schriftführer: Dr. H. v. Wyss. 


W ochenbericht. 
Schweiz. 


Schweiz. Universitäten. Frequenz der medicinischen Facultäten 


im Wintersemester 1894/95. 

Aus dem 
Canton 

M. W. 

Aus andern 
Can tonen 

M. W. 

Ausländer 
M. W. 

Summa 

M. W. 

Total 

Basel 

Winter 

1894/95 

46 

2 

91 

1 

18 

— 

155 

3 

158’) 


Sommer 

1894 

49 

2 

87 

1 

19 

— 

155 

3 

158 


Winter 

1893/94 

46 

2 

90 

1 

21 

—. 

157 

3 

160 


Sommer 

1893 

48 

1 

84 

_ 

19 

_ 

151 

1 

152 

Bern 

Winter 

1894/95 

79 

1 

64 

1 

23 

44 

176 

46 

212*) 


Sommer 

1894 

75 

1 

60 

2 

27 

39 

162 

42 

204 


Winter 

1893/94 

78 

2 

69 

1 

25 

40 

172 

43 

215 


Sommer 

1893 

76 

__ 

75 

1 

27 

45 

178 

46 

224 

Genf 

Winter 

1894/95 

36 

1 

69 

_ 

55 

72 

160 

73 

233®) 


Sommer 

1894 

33 

2 

69 

_ 

71 

41 

173 

43 

216 


Winter 

1893/94 

35 

2 

74 

— 

64 

65 

173 

67 

240 


Sommer 

1893 

30 

2 

64 

_ 

78 

50 

172 

52 

224 

Lausanne Winter 

1894/95 

31 

1 

44 

_ 

11 

10 

86 

11 

97‘) 


Sommer 

1894 

31 • 

— 

39 

,_ 

14 

19 

84 

19 

103 


Winter 

1893/94 

31 

_ 

39 

_ 

13 

21 

83 

21 

104 

Zfirich 

Sommer 

1893 

25 

_ 

33 

_ 

20 

7 

78 

7 

85 

Winter 

1894/95 

63 

4 

121 

2 

52 

74 

236 

80 

316 5 ) 


Sommer 

1894 

54 

3 

111 

2 

70 

75 

236 

80 

315 


Winter 

1893/94 

52 

1 

118 

2 

46 

71 

216 

74 

290 


Sommer 

1893 

53 

2 

121 

2 

55 

64 

229 

68 

297 


Total der Medicinstudirenden in der Schweiz im Wintersemester 1894/96 = 1016) 
davon 657 Schweizer (1893/94 = 1009; davon 643 Schweizer). Ausserdem zählt 
) Basel: 5 Auditoren; 2 ) Bern: 1 Auditor; 3 ) Genf: 8 Auditoren (3 weibliche) und 29 


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Schüler (2 weibliche) der zahnärztlichen Schule; 4 ) Lausanne: 1 Auditor (weiblich); ö ) Zü¬ 
rich: 11 Auditoren (1 weibl.). 

Basel. Der ausserordentliche Professor für Hygiene an der Universität Basel, Dr. 
A. E. Burckhardt , ist vom Regierungsrath zum ordentlichen Professor ernannt worden. 
Wir gratuliren zu dieser ehrenvollen Auszeichnung. 

— Ceccygodynle, wie sie im Anschluss an operativ beendigte Geburten nicht 
selten vorkommt, ist bekanntlich ein ebenso lästiges als auch mitunter hartnäckiges Lei¬ 
den, zu dessen Heilung man hie und da genöthigt ist, das Steissbein zu entfernen, da 
kein Mittel hilft. loh erlaube mir daher die Leser Ihres Blattes auf eine Therapie auf¬ 
merksam zu machen, die vielleicht von anderen schon angewendet, aber meines Wissens 
nicht publicirt worden ist, nämlich die subcutane Injection von Antipyrin. 

Es handelte sich um eine Patientin, die ich im Jahr 1893 mit der Zange ent¬ 
banden hatte. Von dieser Geburt her datirte die Coccygodynie, wurde durch Jodoform- 
collod., Ichthyol, Massage etc. etwas gebessert, verschwand aber nie ganz. In diesem 
Jahre nach einer zweiten Geburt, welche spontan 14 Monate nach der ersten erfolgte, 
wurden die Beschwerden wieder viel hochgradiger. Sitzen, aufstehen, sich setzen, sehr 
schmerzhaft. Als letztes Mittel vor der eventuell in Aussicht genommenen Exstirpation 
des Steissbeins versuchte ich Antipyrininjectionen,. 3:10, eine Pravazspritze voll. Schon 
nach der ersten Einspritzung wurden die Beschwerden bedeutend geringer und ver¬ 
schwanden nach der dritten, so dass weitere nicht mehr nothig waren. 

Diese eine Beobachtung beweist natürlich nicht viel; das gefahrlose Mittel dürfte aber 
wohl doch in ähnlichen Fällen probirt werden, bevor man sich zur Operation entscbliesst. 
Die Schmerzhaftigkeit ist ganz gering, wenn man tief einsticht. Luxation des Steissbeins 
und Periostitis erheischen selbstverständlich andere Behandlung. Dr. A. Gönner . 

Ich habe bei nicht puerperaler Coccygodynie von einem Antipyrinclysma (2—3 gr 
auf 10 Wasser) raschen Erfolg erlebt. E . ff. 

Ausland. 

Behandlung der Diphtherie mit lleilseram. 

Die Hochflut der Mittheilungen über die Wirkung des Diphtberieheilserums macht 
eine Besprechung des gesammten sich anhäufenden statischen Materials unmöglich. Wir 
müssen uns auf die wichtigsten Arbeiten beschränken, aus welchen der Leser bis zu 
einem gewissen Grade doch einen Eindruck von der Wirksamkeit des Mittels wird be¬ 
kommen können. Ein endgültiges Urtheil ist aber zur Zeit noch unmöglich. Sämmtliche 
Statistiken verfügen über eine viel zu kleine Anzahl von Fällen, sie sind viel zu sum¬ 
marisch angestellt, ohne Auseinanderhaltung der bei der Frage mitwirkenden Factoren, als 
dass sich aus denselben etwas Anderes als ein Gesammteindruck gewinnen Hesse, der je nach 
dem Grade der kritischen Auffassung der Leser mehr oder weniger günstig ausfallen wird. 

Sonnenburg (Deutsche med. Wochenschr. Nr. 50) berichtet über 95 mit Heilserum 
behandelte Fälle von Diphtherie. Davon wurden geheilt 79 = 83°/o. Die Tracheo¬ 
tomie musste in 34 Fällen gemacht werden, 26mal d. h. in 76,5°/o der Fälle mit gün¬ 
stigem Erfolge. Vom 1. Juli bis zum 1. December 1893 und vom 1. April bis zum 
31. Juli 1894 wurden wegen Mangel an Serum keine Injectionen gemacht. Von 116 
während diesen beiden Perioden behandelten Fällen genasen 84, d. h. 72,4°/o. Von 47 
tracheotomirten Fällen heilten 29 = 62°/o. Der grösste Theil der behandelten und 
gestorbenen Kinder kam erst am dritten Krankheitstage oder später in Behandlung. Nur 
drei der gestorbenen Kinder waren als sie injicirt wurden, laut Angabe der Eltern, seit 
einem oder zwei Tagen krank. Das erste starb in drei Tagen an septischer Diphtherie, 
die zwei anderen an Bronchopneumonie. Vier der injicirten Kinder starben, nachdem 
sie die Diphtherie Überwunden hatten, an Herzschwäche resp. parenchymatöser Entzün¬ 
dung des Herzens und der Nieren. In verschiedenen Fällen konnte S . das Auftreten 
von urticariaähnlichen Aussschlägen, in zwei fieberhafte Gelenkschwellungen beobachten. 

Die Anwendung des Heilserums hatte in vielen Fällen eine günstige Wirkung auf das 


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62 


Allgemeinbefinden der Patienten. Die Kinder worden munterer, der Puls langsamer, 
die Temperatur sank schneller zur Norm, ebenfalls wurde ein schnelleres Abstossen der 
Beläge beobachtet. Von 16 prophylactisch injicirten Kindern erkrankten zwei an Diph¬ 
therie, eins am Tage nach der Injection, das andere fünf Wochen später; zor Immuni- 
sirung wurden 60 J. E. injicirt. 

Wiederhofer (Wien) behandelte 100 Fälle Ton Diphtherie mit Behring' schein Heil¬ 
serum. Davon starben 24. Diese Fälle waren meist schwer und kamen erst spät in 
Behandlung. Eine erfolgreiche Anwendung des Heilserums ist nach Wiederhofer nur 
in frischen, weniger als drei Tage alten Fällen zu erwarten. Einen schädlichen Einfluss 
konnte er nicht wahrnehmen. Nachkrankheiten, Paresen und Paralysen, kommen bei 
Serumbehandlung auch vor; jedoch nach dem Dafürhalten von W. sind dieselben nicht 
so häufig wie bei anderen Behandlungsmethoden (Centralblatt für die gesammte Therapie. 
Januar 1895.) 

Moipard bat im Hdpital Trousseau 231 Fälle von Diphtherie mit ifcn&r’schem 
Heilserum behandelt und dabei nur 34 = 14,7% Todesfälle gehabt. Diese auffallend 
günstigen Resultate führt Moipard auf die gute Einrichtung seiner Diphtherieabtheilung 
zurück. Während der letzten fünf Jahre überschritt die Diphtheriemortalität im Höpital 
Trousseau in den Monaten October und November constant 50°/o. Von 30 tracheoto- 
mirten Fällen starben 12 = 40%; in früheren Jahren betrug die Mortalität nach 
Tracheotomie in derselben Jahreszeit 73%. Die Intubation wurde in 18 Fällen vorge¬ 
nommen; davon starben 7. Albuminurie tritt nach M. nicht öfter ein bei Serumbehandlung 
als vorher. Dagegen konnte er in einer ziemlich grossen Anzahl von Fällen unange¬ 
nehme Nebenerscheinungen beobachten. Dieselben können früh oder spät üuftreten; 
meist sind es Hautexantheme, in einzelnen Fällen begleitet von Gelenkaffectionen. Unter 
33 Fällen fand er in 14 Fällen Urticaria, in 9 Fällen ein scharlachähnliches Exanthem, 
in 9 anderen Erythema multiforme und in 1 Fall Purpura. Urticaria verläuft gewöhn¬ 
lich ohne Fieber; das polymorphe Erythem kann dagegen von ziemlich intensiven Allge¬ 
meinerscheinungen begleitet sein, Fieber, Gelenk schmerzen, die dem Arzt den Eindruck 
eines acuten Gelenkrheumatismus machen. 

Von 242 Fällen, die Lebreton im Höpital des Enfants malades mit Heilserum be¬ 
handelte, starben 28 = 11,57%. Die Beobachtungen von Lebreton sprechen wie die 
anderer Autoren dafür, dass mit der Heilserumbehandlung die Tracheotomie sowie die 
Intubation viel bessere Aussichten auf Erfolg haben. 

Ein einfacher Vergleich der Resultate der Serumtherapie mit denjenigen aus 
früheren Zeiten scheint beim ersten Anblick die Wirksamkeit der neuen Heilmethode 
ganz ausser Frage zu stellen. Ein solcher Vergleich ist aber aus mehreren Gründen 
nicht zulässig; abgesehen davon, dass zu verschiedenen Zeiten die Diphtheriemortalität 
hochgradigen Schwankungen unterworfen ist, verstehen die Erfinder der Serumtherapie 
unter Diphtherie etwas Anderes als das, was bisher von den Aerzten mit dem Namen 
Diphtherie bezeichnet wurde. Wenn auch die meisten Autoren darin übereinstimmen, 
dass die nicht bacilläre Diphtherie eine geringere Mortalität als die echte Diphtherie mit 
Löffler'Bchen Bacillen aufweist, eine Thatsache, die bei einem Vergleich zwischen den 
früheren und den jetzigen Resultaten nur zu Gunsten der Heilserumtherapie verwerthet 
werden kann, so wird zur Beseitigung des ersterwähnten Factors, nämlich der bedeuten¬ 
den Schwankungen in der Bösartigkeit der verschiedenen Epidemien, eine längere Beob- . 
achtungsperiode nothwendig sein. Ferner haben bereits verschiedene Autoren darauf auf¬ 
merksam gemacht, dass seit der Einführung der Serumtherapie viele Fälle frühzeitig ins 
Spital gebracht werden, zu einer Zeit, wo sie der Behandlung noch zugängig sind, 
während früher die Fälle, welche ins Spital gebracht wurden, meist schwere fortge¬ 
schrittene Fälle waren. Ein sehr wichtiger Einwand endlich, der hauptsächlich den 
Resultaten französischer Autoren gemacht werden kann, ist die Verschiedenheit der Spital- 
verhältnisse vor und während der Serumbehandlung. Aus der Abhandlung von Böux , 


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63 


Martin und Chaillou 1 ) geht hervor, dass zur Zeit vor der Serumperiode die hygienischen 
Verhältnisse der Diphtherieabtheilung des Höpital des Enfants malades geradezu schauder¬ 
haft waren. In einem und demselben Saal befanden sich die tracheotomirten Kinder ge¬ 
meinschaftlich mit einfachen Anginen, mit Scharlach- und Masernanginen, mit Broncbo- 
pneamonien etc. Der Einfluss einer solchen Promiscuität ist nicht schwer einzusehen, 
and die hoben Mortalitätsziffern aus jener Zeit wundern uns auch nicht mehr. 

Als Roux mit seinem Serum zu experimentiren begann, liess er zunächst die Ab- 
theiJung desinficiren und suchte nach Kräften die operirten Fälle von den mit Broncho¬ 
pneumonie behafteten Kranken fern zu halten. Auf der anderen Seite wurden die Ver¬ 
suche im Februar 1894 begonnen und den Sommer hindurch fortgesetzt, zu einer Zeit, 
während welcher wenig oder sogar keine Bronchopneumonie herrschte. „C’est surtout en 
hiver,“ sagt Roux f „quand le pavillon est rempli, que les fenätres restent closes, que la 
broncho-pneumonie devient terrible.“ Somit waren die Bedingungen, unter welchen die 
Versuche angestellt wurden, nicht derart, dass die Resultate ohne weiteres mit denjenigen 
früherer Perioden verglichen werden könnten. Betrachtet man dagegen die Resultate 
der neuen Methode auf gut eingerichteten Abtheilungen ( Körte am Urban, Sonnenburg — 
Moabit) so tritt der Unterschied zu Gunsten der Serumbehandlung lang nicht so stark 
hervor als in den französischen Statistiken. 

— Bei Simon Karger, Berlin, begann soeben zu erscheinen: Monatsschrift für 
fiebarfshfilfe and Gyoikoiogift herausgegeben von Prof. Martin (Berlin) und Prof. Sänger 
(Leipzig). Dieselbe soll in Ergänzung des „Centralblattes für Gynäkologie Ä und der un¬ 
regelmässig erscheinenden „Zeitschrift für Geburtshülfe und Gynäcologie“ ein weiterer 
Sammelpunct für die bisher Qberall zerstreuten Originalarbeiten auf dem Gebiete der ge- 
sammten Qyaäcologie werden und daneben Saramelreferate und Gongressberichte eto. 
bringen und auch das Hebammen wesen berücksichtigen. — Jahresabonnement 30 Mark. 

Die erste, gut ausgestattete Nummer enthält u. a. folgende Arbeiten: Ueber die Operation 
fixirter Blasenscheiden fisteln von Prof. Schautu. Ueber die gegenwärtige Auffassung der 
Hysterie von Prof. Mcebius . Sammelberichte über Arbeiten in Pathologie und Therapie 
der GonorrhcB des Weibes, über Chlorose-Arbeiten, über die neueste polnische, gynä- 
cologische Literatur etc. 

— Verschleppung des UholerainfectionsstolTes durch Fliegen beobachtete Ober¬ 
stabsarzt Dr. R. Macrce im Gaya-Gaol-Gefängnisse (Indien). Ungebrauchte Gefasse mit 
sterilisirter Milch an mehreren Stellen des Gefängnisses offen, ohne Schutz gegen die 
Insecten vertheilt, zeigten nach kurzer Zeit Choleravibrionen. Die Verbreitung der Krank¬ 
heit unter den Gefangenen ist — Mangels anderer Anhaitspuncte — auf die dortigen 
massenhaften Fliegen zurückzuführen. (Brit. Mod. J.) 

— Opiate in Verbindung ult Kaffee. Nach Dr. Mangeot (Sem. med. 1894/71) ver¬ 
hindert gleichzeitige Anwendung von Kaffee und Opiaten die schlafmachende Wirkung der 
letztern ohne deren beruhigenden Einfluss zu stören. Wo es sich darum handelt, 
schmerzbetäubend oder beruhigend zu wirken, ohne dass man gerade Schlaf erzielen 
möchte, wie z. ß. bei Dysmenorrhoe, Asthma, Tenesmus, Colicen, gewissen Neuralgien etc. 

— da sah M . von einer Combination von Morphium mit Kaffee den gewünschten Effect 
in vorzüglicher Weise. 

— Scbilddrüsfuextract gegen Obesitas: Leichtenstem und Wendelstadt (Cöln) 
sahen unter 25 Fällen von Fettleibigkeit bei 22 deutliche Abnahme des Embonpoint 
(1 — 9 Kilo in wenig Wochen) unter innerlichem Gebrauch von frischen Schafsschilddrüsen 
oder von Tabletten mit Scbilddrüsenextract. Die Gewichtsabnahme sei namentlich rapid 
zu Anfang der Behandlung. N. Yorke-Davies (London) publicirte vor einigen Monaten 
ebenfalls ähnliche Resultate. 

— Als Concurreut des Sulfonals ist in neuerer Zeit das TrionaL ein chemischer 
Verwandter desselben, sehr in Aufnahme gekommen. (Vergl. Corr.-Blatt 1893 pag. 839.) 

*) Anoales de l’Institut Pasteur. T. Vni. S. 659 u. 666. 1894. 


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Die schnellere hypnotische Wirkung wird von vielen Beobachtern hervorgehoben, daneben 
die geringere Gefährlichkeit. Indess ist doch auch nach längerm Trionalgebrauch, wie 
nach Sulfonalgebrauch Hämatoporphyrinurie beobachtet, stets eingeleitet durch Obstipation 
und Oligurie. „Um allen Nebenwirkungen des Trionals vorzubeugen und dieses wirklich 
treffliche Heilmittel, eines unserer besten Schlafmittel im Credit zu erhalten“ gibt Gold¬ 
mann (Therap. Monatsh. 1894, Nov.) folgende Rathschläge: 

1 ) Man lässt das Trional niemals in höheren Dosen als 2 gr reichen; überall dort, 
wo nicht Schmerzen die Schlaflosigkeit bedingen, erzielt man fast regelmässig durch Dosen 
von 1,5 gr einen Schlaf von 6 bis 8 Stunden Dauer. Bei der neurastheniscben Schlaf¬ 
losigkeit genügt gewöhnlich eine Gabe von 1 gr, um einen ruhigen Schlaf zu erzeugen. 

2) Das Trional darf niemals trocken genommen oder mit wenig kaltem Wasser 
nachgespült werden, sondern es muss gleichzeitig mit dem Hypnoticnm ein grösseres 
Volumen, etwa eine Tasse (ca. 200 ccm) einer möglichst warmen Flüssigkeit gereicht 
werden. Das kann z. B. durch gleichzeitige Darreichung von Suppe, Thee etc. geschehen. 
Hierdurch gelangt das Trional schnell zur Resorption und prompten Wirkung. 

3) Man beachte, dass beim Trionalgebrauch eine zeitweilige Unterbrechung der 
Medication stattfinde. Kein practischer Arzt wird Wochen hindurch oder — wie die 
Litteratur lehrt — Monate hindurch ununterbrochen ein Schlafmittel reichen. 

4) Um jeder eventuellen Ansammlung nicht resorbirten Trionals vorzubeugen, um 
eine Ausscheidung desselben zu beschleunigen und damit einer Alkalientziehung des Blutes 
aus dem Wege zu gehen, lasse man während des Gebrauchs des Trionals den Tag über 
kohlensäurehaltige Mineralwasser (Selters, Apollinaris) reichen; daneben empfiehlt es sich, 
noch citronensauro oder weinsaure Salze zu nehmen, sei es in Form von Seignettesalz 
oder Brauselimonade. Die Pflanzensäuren verbrennen im Organismus zu kohlensauren 
Salzen und erhöhen dadurch die Alkalescenz des Blutes. 

5 ) Kommt trotz dieser Vorbeugungsmittel Obstipation hinzu, so ist dieselbe durch 
Seidlitzpulver und ähnliche Laxantien rechtzeitig zu heben. 

— Sanfte regelmässige Bewegungen im Schaukelstuhl nach jeder Mahlzeit 
sollen nach Dr. Laine gegen Mmgenatonle sehr gut wirken, durch Anregung der Peri¬ 
staltik etc. 

— In der Obstetr. Society of London (7. Nov. 1894) berichtete Farrar über zwei 
Fälle von Rigidität des Muttermundes bei der Geburt. Beide Kreissende waren Erst¬ 
gebärende, die eine 48 Jahre alt. Narcotica, manuelle Dilatation waren vergeblich an¬ 
gewendet worden. Als nach 2 - bezw. 3-tägigem Kreissen Incisionen gemacht werden sollten, 
wandte F. eine 10 °/oige Cocainlösung als Vorbereitung hiefür an. Es fand sich, als 
4—5 Minuten später untersucht wurde, dass der Muttermund weit eröffnet worden war, 
so dass die Incisionen nicht nöthig wurden. F. schreibt dies in beiden Fällen der Wir¬ 
kung des Cocains zu. (Berl. klin. Wochenschr. 1894/53.) 

— Bei Herpes zoster empfiehlt Kaposi folgende Therapie: Wenn die Bläs* 
chendecken erhalten sind: Aufstreuen von Araylum und Deckverband mit Watte. — Bei 
Herpes zoster hämorrhagicus aber, oder wenn die Bläschen dicht beisammen stehen und 
ihrer Decke verlustig gegangen sind, was die Schmerzen beträchtlich vermehrt, folgende 
Salbe: Acid. borac. 5,0; Glycerini q. s. ad solut.; Unguent. simpl. 150,0; Cocaini, Ex- 
tract. Opii aa 1,5. — Gegen die häufig zurückbleibenden Neuralgien wird die Solut. 
arsenical. Fowleri innerlich mit ganz überraschendem vorzüglichem Erfolge angewendet, 
während Arsen, in anderer Form verabreicht, oft im Stiche lässt. 

(Allg. Wien. Med. Ztg. 1895/1.) 

Briefkasten« 

CoUega Quisque: c. f. pag. 2 der letzten Nummer, Zeile 6—9 von unten! 

Klinischer Aerztetag in Bern: Mittwoch 23. Januar 1895. Das nähere Programm wird demnächst 
bekannt gemacht. 

Schweighanserische Buchdruckerei. — B. Schwabe, Verlagsbuchhandlung in Basel. 


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neben 
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dort 

m 

ilaf- 



Erscheint am 1. nnd 15. 
jedes Monats. 

Inserate 

35 Cts. die gesp. Petitzeile. 


für 

Schweizer Aerzte 

Herausgegeben von 


Preis des Jahrgangs 
Fr. 12. — für die Schweiz, 
Fr. 14.50 für das Ausland. 
9 Alle Postbureaux nehmen 
Bestellungen entgegen. 


Dr. E. Haffter und Dr. A. Jaquet 

m in Frauenfeld. in Basel. 


* N! 3. XXV. Jahrg. 1895. 1. Februar. 


Inhallt 1) Original»rbeilen: Dt. Hermann Schutthess: Statistischer Beitrag zur Kennte!® des Erythema nodoswn.— 
Dr. Kürsteinsr: Znr Stellnog der örtlichen Oesandheitsbeamteo in England. — 2) Verei n s beri ch le: Gesellschaft der Aerzte 
^ in Zürich. — Zörchef Gesellschaft für wissenschaftliche Gesundheitspflege. — 3) Referate and Kritiken: Karl Sudhoff: 

Versuch einer Kritik der Echtheit der Paraoelsischen Schriften. — Prof. Th. Ziehen : Psychiatrie. — Dr. B. Wegmann: Der 
’f Staub in den Gewerben mit besonderer Berücksichtigung seiner Formen und der mechanischen Wirkung auf die Arbeiter. — 

Prof. Dr. 0. Haab: Atlas und Grundriss der Opbthalinoscopie und ophthalmoscopiscben Diagnostik. — 4)Cantonale Cor- 
respondessen: Thurgau: + Dr. Bar von Riebtersweil. — 5) Wochenbericht; f Dr. L Rouge in Lausanne. — Bac- 
l teriologischer Cure in Zürich. — Bild von Prof. Kocher. — Gegen acute Bronchitis. — Enteralrie. — Frigotberapie. — Gegen 

Urticaria. — Mechanismus des Todes durch ElectricitAt. — Automaten und medicinische Reklame. — OdontoL — Angina. — 
Boborirendes Pulver für sch wich liehe Kinder. Dysenterie der Kinder. — Warmwasser gegen Delirium tremens. — Pflege der 
Mundschleimhaut bei Scbwerkrsnken. — Bild ron Ignas Philipp Semmelweis. — 8> Briefkasten. 


Original-Arbei ten. 

Aus der medicioischen Universitätspoliklinik iu Zürich. 

Statistischer Beitrag zur Kenntniss des Erythema nodosum. 

Von Dr. Hermann Schulthess in Zürich, früherem I. Assistenzarzt der Poliklinik. 

(Vortrag, gehalten am 30. Jnni 1894 in der Gesellschaft der Aerzte der Stadt Zürich.) 

Hierzu 1 Beilage mit 4 Tafeln Abbildungen. 

Die Discussion über das Wesen der Erytheme waltet nunmehr beinahe ein Jahr¬ 
hundert und immer noch stehen sich im Ganzen dieselben Ansichten feindlich gegen¬ 
über; nur die Männer, welche sie vertreten, haben gewechselt. Unter den. Krank¬ 
heiten dieser Gruppe gebührt unstreitig dem Erythema nodosum wegen seines verhält- 
nissmässig häufigeren Vorkommens, wegen der schwereren Allgemeinerkrankung und der 
bei ihm am ehesten zu beobachtenden schweren Complicationen das meiste Interesse, 
wesshalb es auch am meisten Bearbeiter gefunden hat. Auf den verschiedensten Wegen 
haben diese seine Natur za ergründen gesucht, um ihm den richtigen Platz im System 
der Krankheiten anznweisen, und sie sind dabei zu den verschiedensten Ansichten ge¬ 
langt. 

Literatur. Schon Willan (1), Trousseau (2), Bebra (3), hielten Ery¬ 
thema nodosum für eine selbstständige Krankheit; von neueren 
Autoren haben Eichhorst (4), Kussmaul (5), Pfeiffer (6), Lesser (7) diese Ansicht 
aufgenommen und plädiren dafür, dass man es mit einer acuten Infections- 
krankheit zu thun habe, wofür das hie nnd da beobachtete epidemische Auftreten, 
der cyklische Verlauf, das oft schwere Ergriffensein des Allgemeinbefindens und das 
fast immer nnr einmalige Befallenwerden sprechen. Im Gegensatz dazu wollen eine 

5 


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Reihe von andern Klinikern und Dermatologen nichts von einer solchen Selbstständig¬ 
keit wissen. Die einen, Lewin (8), Kaposi (9), Baginsky (10), fassen Erythema 
nodosum, Erythema exsudativum multiforme Hebra und 
event. auch Purpura rheumatica, als ein und dieselbe Krank¬ 
heit zusammen, die sich nur verschieden äussere, aber dieselben theils in- 
fectiösen theils vasomotorischen Ursachen habe. Dieser Ansicht liegt die hin und wieder 
einmal zu machende Beobachtung zu Grunde, dass im Verlauf eines Erythema nodo¬ 
sum noch die vielgestaltigen Formen des Erythema exsudativum multiforme, sogar an 
typischer Stelle auf Hand- und Fussrücken, auftreten, oder umgekehrt zu diesem Aus¬ 
schlag später entzündliche Knoten an den Unterschenkeln, wie man sie vom Erythema 
nodosum her kennt, hinzukommen. Auch hat man schon gesehen, „dass bei einem 
Kinde die Affection ursprünglich unter dem Bilde des unter heftigem Fieber einsetzen¬ 
den acuten Erythema nodosum erscheint, während die Efflorescenzen im weitern Ver¬ 
lauf mehr und mehr hämorrhagischen (oder Purpura-) Character annehmen* (11). 
Eine weitere Gruppe von Autoren hat Erythema nodosum für sich allein 
oder in Gesellschaft der übrigen Erytheme in ursächlichen 
Z u sam m e n h a n g m i t andern k r a n k b a f t en Z u s t ä n d e n d e s K ö r- 
pers, bezw. Infectionskrankheiten gebracht. Die fast immer auf¬ 
tretenden Gelenkschmerzen legten es nahe, an einen directen Zusammenhang mit 
Polyarthritis acuta zu denken (Odier (12), der zu gleicher Zeit neben Ery¬ 
thema nodosum viele rheumatische Fieber beobachtete); auch Eichhorst (13) und 
Besser (14) sprechen von innigen Beziehungen beider Krankheiten, während Ilardy 
(15) in dem gleichzeitigen Auftreten derselben nur eine zufällige Combination sah und 
Oubler (16) die Gelenkschmerzen bei Erythema nodosum mit denen bei Scharlach 
parallelisirte. Von französischen Autoren, Basin (17), Besnier (18), ist die arthri- 
tische oder rheumatische Diathese verantwortlich gemacht worden. 
Jürgensen (19) betrachtet unsere Krankheit als Aeusserung seiner kryptogeneti¬ 
schen Septicsemie, Biermer (20) erinnerte an einen möglichen Zusammenhang 
mit Endocarditis ulcerosa, Back (21), der Erythema nodosum nach An¬ 
gina beobachtete, denkt hier an nahe Verwandtschaft. Kühn (22) nimmt an, dass 
Urticaria und Herpes mit den Erythemen eine ätiologische Gruppe ausmachen, 
der sich auch die croupöse Pueumonie ätiologisch sehr nähere. Volquardsen 
(23) hat auf Grund einer Beobachtung Erythema nodosum in Verbindung mit Inter- 
m i 11 e n s gebracht, und Appert (24) berichtet über eine äusserst interessante Fami¬ 
lienepidemie, bei welcher nebeneinander Fälle von reinem Erythema nodosum, E. n. 
mit intermittensartigem Verlauf und E. n. mit Typhus vorkamen. Pölosebnoff (25), 
der den Erythemen eine ausführliche Monographie gewidmet, hält Erythema nodosum 
mit den andern für ein ganz unschuldiges Symptom „der verschiedensten 
typischen und abortiven Formen vonlnfectionskrankheiten*, 
die man sonst schon kennt, z. B. Typhus. XJffdmmn (26) betrachtet die 
scrophulöse und tuberculöse Diathese als prädisponierendes Moment. 
Auch die Chlorose wurde mehrfach beschuldigt, Erythema nodosum im Gefolge 
zu haben. Der knotige Ausschlag an sich wurde von Hebra (27) auf Entzündung 
der Lympbgefässe zurückgeführt, Letoin (28) fand ein hämorrhagisches Exsudat, Kaposi 


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(29) spricht nur von einer serösen Infiltration, Bohn (30) macht Embolien verant¬ 
wortlich, Ziemssen (31) nahm Blutergüsse ins Unterhautzellgewebe an, welche wahr¬ 
scheinlich infolge mechanischer Ursache unter Vermittlung von thrombotischen Vor¬ 
gängen entstehen sollten bei stehend arbeitenden Personen, wie Dienstboten, Arbeitern. 
Bemme (32) endlich fand in einigen aussergewöhnlichen Fällen von Erythema nodo- 
sum (mit Ausgang in Gangrän) in den Beulen, Blasen und Pusteln, die sich gebildet 
hatten, neben einem nicht pathogenen Coccus einen Bacillus, der Thieren, in oder unter 
die Haut gebracht, haselnussgrosse Knötchen erzeugte, die dieselben Veränderungen 
durchmacblen, wie die Erytbemalcnoten seiner Patienten. Da aber nach dem Zeugniss 
aller Autoren Verscbwäruug bei Erythema nodosum äusserst selten ist, wird man den 
gefundenen Bacillus wohl nicht ohne weiteres als Erreger des gewöhnlichen Erythema 
nodosum anffassen dürfen. 

Hiemit glaube ich die über unsere Krankheit in der Literatur niedergelegten 
Ansichten wiedergegeben zu haben; auf eine vollständige Nennung der Autoren kam 
es mir nicht an. 

Wie man sieht, haben weder die klinische Beobachtung der einzelnen Fälle, noch 
die pathologisch-anatomische oder bacteriologiscbe Untersuchung der Krankheitspro- 
ducte Besultate geliefert, welche dem einen oder andern der vielen Autoren zu einem 
siegreichen Durchbruch seiner Meinung verholfen hätten. In diesen Streit einen Spiess 
zu tragen, scheint von vorneherein ein gewagtes Beginnen. Nun ist aber bis jetzt 
meines Wissens die Hülfe einer wichtigen Untersucbungsmethode, der statistischen, 
nicht in Anspruch genommen worden. Diess nachzubolen ist Zweck dieser Arbeit. 
Wenn man nämlich die einfache Thatsache des jeweiligen Auftretens einer Krankheit 
auf einem bestimmt umgrenzten Gebiet während eines bestimmten längern Zeitraums 
zur Grundlage der Untersuchung macht, so wird man aus dem so festgestellten Gang 
der Krankheit durch die einzelnen Jahre, die Jahreszeiten, aus dem Befallen der ver¬ 
schiedenen Altersstufen und Geschlechter gewisse Schlüsse auf die Natur der unter¬ 
suchten Krankheit ziehen können; man wird, wenn mir das Bild gestattet ist, auf 
diese Weise in den Stand gesetzt sein, zu erkennen, wie die Krankheit ihren Namens- 
zog selber schreibt. Natürlich wird Niemand, auf diese Resultate allein gestützt, 
einer Krankheit ihren Platz anweisen wollen, aber sie bilden eine nothwendige Er¬ 
gänzung des auf andern Wegen gewonnenen Bildes und sind geeignet, gewisse An¬ 
sichten zu stützen, andere als unhaltbar zurückzu weisen. In diesem Sinne habe ich, 
seinerzeit angeregt durch Herrn Dr. Hermann Müller , Director der. medicinischen 
Poliklinik in Zürich, dem ich an dieser Stelle auch für die freundliche Ueberlassung 
des Materials und der Jahresberichte meinen Dank aussprecbe, versucht, einen Beitrag 
zur Kenntniss des Erythema nodosum zu liefern. 

Material. Für eine solche Untersuchung eignet sich das Material eines 
Institutes, wie die Zürcher mediciniscbe Poliklinik, sehr gut. Die Klientel, welche zum 
weitaus grössten Theil (1891 z. B. 85%) die Stadt und die alten Ausgemeinden be¬ 
wohnt, sendet per Jahr durchschnittlich 6500 Patienten. Durch Ausdehnung der 
Untersuchung auf die 12 Jahre von 1880—1891 wurde ein genügender Zeitraum ein¬ 
bezogen. Die Aufzeichnungen in den durch die ganze Periode gleichmässig geführten 
Journalen boten alle nöthigen Anhaltspuncte. Die leichte Diagnose unserer Krankheit 


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liefert eine in poliklinischen Verhältnissen willkommene Garantie, die übrigens erhöht 
wird durch die einheitliche Leitung des Instituts während des angeführten Zeitraumes 
und das besondere Interesse, welches dieselbe den Erythemen entgegenbrachte. 

Statistik. Unter den nahezu 80,000 Patienten, welche von 1880—1891 
behandelt wurden, habe ich 121 Fälle von Erythema nodosum gefunden, d. h. 0,15%- 
Erythema exsudativum raultiforme Hebra war mit 59 Fällen (0,07 °/°) und Purpura 
rheumatica (nach Kaposi Purpura simpler mitgerechnet) mit 22 Fällen (0,028°/o) 
vertreten. Die Zählung aller Krankheiten mit typischer Localisation auf der Haut, 
also der Erytheme, Masern, Scharlach, Rötheln, Varicellen, Variola, Erysipelas, Herpes 
acutus, und der sogenaonten Hautkrankheiten (ohne Syphilide) ergibt 8305 Fälle 
(10,4%)- Daran nimmt nach obigem das Erythema nodosum mit ca. 1,5% theil. 

Zweimaliges Befallenwerden wurde nur bei einer Patientin constatirt. Viermal 
wurden kleine Hausepidemien mit 2—3 Patienten beobachtet. So kamen im Jahre 
1889 zwei Schwestern H. aus Aussersihl, die eine 19jährige am 24. Januar, die andere 
16Vijährige, am 3. Februar in Behandlung; im Herbst desselben Jahres beobachtete 
ich im Sonnenbergquartier Hottingen eine kleine Hausepidemie: am 9 . October erkrankte 
die 11 jährige Rosa St., am 26. October im obern Stockwerk die 14jährige Emma M. 
und am 1 . November die 2 jäbrige Schwester der ersten Patientin, Jda St. Im Früh’ 
jahr 1890 behandelte ich, wieder in Aussersihl, den 7jährigen Eugen Z., der am 17. 
Februar, und die 272 jährige Bertha Z., die in den letzten Tagen dieses Monats be¬ 
fallen wurde, und endlich im selben Jahr Ende April und Ende Juni zwei kleine 
Schwesterchen, eine 8 - und eine 4jährige, in der Altstadt. Wollte man hier eine 
Ansteckung von Person zu Person annehmen, so würde sich also eine Incubationszeit 
von 10—20 Tagen, in einem Falle von mehreren Wochen ergeben. Einmal fand ich 
Erythema nodosum bei einem 4jährigen Mädchen an den Oberarmen, dessen Schwester 
an Purpura rheumatica mit (unblutigen) Durchfällen krank lag. Anderseits sah ich 
in mehreren Familien die meist zur Genüge vorhandenen Geschwister der Patienten 
gesund bleiben, auch ein Mädchen, das mit dem erkrankten Schwesterchen im selben 
Bett schlief, was ich experimenti causa nicht hinderte. Diese letztem Beobachtungen 
und das doch spärliche Vorkommen der Krankheit sprechen allerdings nicht für Ver¬ 
breitung durch Contagion, oder dann muss man eine ausgedehnte Immunität annehmen. 
Erwäbnenswerth ist noch, dass im Jahre 1889 und Anfang 1890 die Fälle fast aus¬ 
schliesslich aus den benachbarten Gemeinden Fluntern, Hottingen, flirslanden, die 
unter den gleichen hygienischen Verhältnissen stehen, kamen, wie denn im März 1890 
die im Vorjahre beinahe ganz verschont gebliebene Klientel in Aussersihl 7 Fälle 
lieferte, wie im folgenden Monat die Altstadt an die Reihe kam und endlich im Winter 
wieder das Sonnenbergquatier in Hottingen. Ein Zusammenhang zwischen den einzelnen 
Erkrankungen konnte nie nacbgewiesen werden. Meine Erfahrungen erlauben mir keine 
bestimmte Stellungnahme zu der Frage, ob Contagion oder Miasma hier verantwort¬ 
lich za machen ist; speciell darauf gerichtete Untersuchung der einzelnen Fälle und 
Verwerthung der Ergebnisse in einer Sammelforschung sollte hier die Lücke aus¬ 
füllen. 

Von klinisch interessanten Puncten bietet unser Material nichts, was nicht auch 
anderwärts schon beobachtet worden wäre. Immerhin will ich erwähnen, dass Ery- 


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irtölit 

um« tbema nodosum sich einmal bei einem 6jährigen Knaben an Masern anschloss (Masern 
8.-22. Februar. Beginn des E. nod. 3. März), und bei einem 6jährigen Kinde im 
1891 Verlauf von Pertussis auftrat; dass mehrfach, namentlich in schweren Fällen, Erup- 

5 %. tionen, wie man sie bei Erythema exsudativum multiforme beobachtet an Gesicht, 

dmi Händen oder Füssen auftraten; ferner, dass mehrfach Conjunctivitis und Pharyngitis 

<*•) catarrhalis, Angina follicularis, Endocarditis, Eungencatarrh und Lungenentzündung 

wt, vorkamen. Einmal werden Synovitis rheuraatica, Pleuritis exsudativa, Urticaria, ange- 

pd führt. Von chronischen Krankheiten, in deren Verlauf sich Erythema nodosum zeigte, 

Ile finden sich Anämie, Chlorose und Tuberculose verzeichnet. Zahlen gebe ich hier 

keioe, da die Rubrik, die diese Notizen enthielt, sich keiner gleichmässigen und voll- 
il ständigen Führung erfreute, und so für die eigentliche statistische Verwerthung un- 
rt brauchbar ist. 

t Von den Patienten, welche ich persönlich sah, waren die jüngsten kräftige Kin- 

e der, die im Schulalter stehenden meist zarte, hochaufgeschossene Mädchen, die Er- 
* wacbsenen zart und anaemisch. Die Häuser, in denen sie wohnten, machten, was 
Bauart und Unterhalt anbetrifft, meist einen schlechten Eindruck; die Wohnungen 
wurden mir oft als feucht angegeben. Wir kommen auf diese Verhältnisse zurück. 

Nun die statistische Untersuchung. Um die über Erythema nodosum und die 
zur Vergleichung herangezogenen Krankheiten, bezw. Krankheitsgruppen gewonnenen 
Daten zu veranschaulichen, habe ich sie in Curven gebracht, welche so construirt sind, 
dass die Abscisse die Eintheilung in Jahre, Monate, Altersklassen trägt, und die Ordi¬ 
nalen die Zahl der auf jedes Jahr der Berichtsperiode, auf jeden Monat durch¬ 
schnittlich und auf jede Altersklasse kommenden Fälle in % der Summe derselben 
angebeu. Aus der Verbindung der Ordinatenpuncte resultirte dann die Curve. Um 
den störenden Einfluss von Zufälligkeiten tbunlicbst zu vermeiden, habe ich, wo es 
nöthig und möglich war, nur die aus der ständigen Klientel in der Stadt und den 
alten Ausgemeinden stammenden Patienten berücksichtigt, so bei Erythema nodosum 
nur 113, bei Erythema exs. mult. 49, bei Purpura rheum. 18, bei Psoriasis 80 Fälle 
(Kecidive im selben Jahr hier weggelassen); bei den acuten Infectionskrankbeiten war . 
eine solche Ausscheidung nicht nothwendig, weil sie naturgemäss kaum weiter her 
kommen; bei den grossen Gruppen war sie nicht nothwendig, wegen des Schutzes 
gegen störende Zufälligkeiten, der schon in der grossen Zahl liegt. Die gewonnenen 
Curven sind zu beurtheilen nach ihrer Form an sieb und nach der Lage ihrer Erhe¬ 
bungen und Senkungen, wobei man sich aber vorsichtiger Weise hüten soll, auf kleine 
Schwankungen Werth zu legen. 

Auftreten in den einzelnen Jahren. Ein Blick auf die Curve, 
welche Erythema nodosum zeichnet (Tafel I, C. 1), lehrt, dass die Vertheilung der 
Fälle auf die einzelnen Jahre eine höchst ungleiche war. Woher kommt das? Hängt 
es vielleicht zusammen mit Schwankungen der poliklinischen Klientel und ihrer Mor¬ 
bidität? Bis zu einem gewissen Grade ja. Die Curve der Totalfrequenz (C. 2) gibt 
darüber Auskunft; beide Curven bleiben in den ersten zwei Dritteln des Jabrzwölfts 
unter dem Mittel, um sich im letzten Drittel über dasselbe zu erheben; in der Form 
sind sie aber grundverschieden, denn während die Curve der Totalfrequenz ziemlich 
flach verläuft, macht die andere die abenteuerlichsten Sprünge. Der Grund dieser 


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Verschiedenheit könnte in der verschiedenen Grösse des Materials liegen; die Cnrve 
aas einem sehr grossen Material wird gleichmassiger verlaufen, als diejenige aus einem 
viel kleinern, wo eben an sich unbedeutende Schwankungen grössern Einfluss auf das 
Curvenbild gewinnen können. Dieser Einfluss macht sich gewiss geltend, aber nicht 
in dem Masse, dass dadurch der Character einer Curve verändert würde; man wird 
höchstens die Erhebungen und Senkungen der Curve aus dem grössern Material in 
derjenigen aus dem kleinern accentuirter hervortreten sehen. Das zeigen die Curven 
der Hautkrankheiten (C. 3) und der Psoriasisfalle (C. 4). Ein solches Verhalten ist 
aber nur dann zu erwarten, wenn das Material ein gleichartiges ist, denn nicht die 
Zahl, sondern die Art desselben gibt den Ausschlag, sonst müsste die Psoriasiscurve, 
die aus dem um ein Drittel kleinern Material construirt ist, nicht viel regelmässiger, 
wie es der Fall ist, sondern noch abenteuerlicher verlaufen, als die Erythema nodo- 
sum-Curve, und die Herpes-Curve (C. 13), aus der um Weniges grössern Zahl (183 
Falle) könnte nicht so flach sein, wie sie es ist. Wenn so das Wesen einer Krank¬ 
heit den Character ihrer Curve bestimmt, dann werden wir das Bild, das Erythema 
nodosum hier zeichnet, als dieser Krankheit eigenthömlich auffassen und dazu ver- 
werthen können, den Platz aufzusuchen, wo unsere Krankheit hingehört. In den 
Lehrbüchern wird sie meist bei den Hautkrankheiten abgehandelt. Wenn man die 
beiden Curven (1 und 3) vergleicht, wird man in der Form gar keine, in der Lage 
der Gipfel und Thäler nur die geringe Aehnlichkeit finden, welche auch schon beim 
Vergleich von Erythema nodosum und Totalfrequenz sieb zeigt; halt sich doch die 
Curve der Hautkrankheiten (6224 Fälle) gewissenhaft an diejenige der Totalfrequenz. 
Wir sind hier offenbar nicht auf der richtigen Spur und wenden uns zu den acuten 
Infectionskrankheiten. Da stehts nun ganz anders. Die 6848 Fälle (von Masern, 
Scharlach, Rötheln, Variola, Varicellen, Erysipelas, acuter Herpes, Influenza, Pertussis, 
Parotitis epidemica, Diphtherie, croupöse Pneumonie, Typhus, acut. Gelenkrheumatismus) 
zeichnen eine Curve (C. 5), welche offenbar den allgemeinen Typus darstellt, nach 
dem auch die Curve unseres Erythema nodosum gebaut ist. Dieselben schroffen Zacken 
hier wie dort, die sich wenig um den Gang der Gesammtfrequenz kümmern. Hier 
scheint Erythema nodosum zu Hause zu sein. Die acuten Infectionskrankheiten können 
wir wieder ungezwungen theilen in solche mit typischer Localisation auf der äussern 
Haut und solche mit typischer Localisation in den innern Organen. Die Curve der 
ersten Gruppe (1879 Fälle) (C. 6) zeichnet sich aus durch drei steile Gipfel, einen am 
Anfang, einen in der Mitte und einen gedoppelten am Ende des Jahrzwölfts, während 
die andere Gruppe (4969 Fälle) eine mannigfach gezackte allmählig ansteigende Curve 
(C. 7) liefert. Unsere Erythema nodosum-Curve hat mit beiden gemeinsame Züge, 
aber in dem Umstand, dass auch sie die drei Gipfel der Curve Nr. 6 zeigt, liegt 
gewiss die Aufforderung, die Verwandtschaft bei den acuten Exanthemen zu suchen. 

Vergleichen wir nun, soweit möglich, Erythema nodosum mit den einzelnen 
Krankheiten, mit denen es in Verbindung gebracht worden ist. Ich muss hier weg¬ 
lassen: die kryptogenetische Septicaemie, die sich gar nicht, Endocarditis und Inter- 
mitteus, die sich zu selten in den poliklinischen Büchern verzeichnet finden; Influenza, 
weil dieser Name in den frühem Jahren der Berichtsperiode einen andern Begriff 
deckt, als in den spätem; die Anginen, weil ich nur über die letzten 5 Jahre der 


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71 


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Periode Angaben besitze; ferner Tuberculose und Syphilis, da die betreffenden Patienten 
mehrfach in den Büchern figuriren und eine Ausscheidung nach Individuen die Mühe 
nicht lohnen dürfte. Es ist wohl am Natürlichsten, zuvor das Erythema exsudativum 
multif. Hebra zum Vergleich heranzuziehen. Die Curve dieser Krankheit (C. 8) folgt 
offenbar auch dem Typus der acuten Infectionskrankheiten, aber sie unterscheidet sich 
von der des Erythema nodosum, weun ich diese Ausdrücke der Physik entlehnen darf, 
durch die kürzere Wellenlänge und die kleinern Schwingungsamplituden, woraus man 
wohl den Schluss ziehen kann, dass die Bedingungen für Erythema multif. gleich- 
mässiger vorhanden sind, als für unsere Krankheit. Jenes ist übrigens auch in der 
ersten Hälfte des Jahrzwülfts, wo Erythema nodosum erheblich unter dem Mittel steht, 
reichlich vertreten und macht die erhebliche Steigerung desselben in der zweiten Hälfte 
nicht mit. Die Curve der Purpura rbeumatica (18 Fälle) (C. 9) möchte ich, da hier 
in der That die kleine Zahl gefährlich ist, nur dazu benützen, zu zeigen, wie diese 
Krankheit in denselben Jahren wie Erythema nodosum hoch oder tief stand; nur der 
Anfang der Periode macht eine Ausnahme. Masern (948 Fälle) (C. 10), Erysipel (200 
Fälle) (C. 11) und Varicellen (255 Fälle) (C. 12) zeichnen Curvenbilder, welche nur den 
allgemeinen Typus und die mehr oder weniger scharf ausgeprägten Qipfel der Curve der 
Infectionskrankheiten mit Localisation auf der Haut (C. 6) mit Erythema nodosum 
gemeinsam haben; die acuten Herpesfälle (183 Fälle) (C. 13) zeigen diese Eigen¬ 
schaften, wenn überhaupt, nur noch andeutungsweise und entfernen sich so am meisten 
von Erythema nodosum. Dem gegenüber liefert aber der Scharlach (250 Fälle) eine 
Curve (C. 14), die frappante Aehnlichkeit mit der von Erythema nodosum hat. Beide 
Krankheiten haben also durch die Berichtsjahre hindurch vollständig Schritt gehalten, 
eine Thatsache, die nicht auf blossem Zufall beruhen kann. Von den übrigen acuten 
Infectionskrankheiten ist es der acute Gelenkrheumatismus, mit dem unser Erythem am 
meisten in ursächliche Beziehungen gebracht worden ist. Seine Curve (799 Fälle) 

(C. 15) ist dem nicht günstig, denn wie man sieht, hat sie erstens eine ganz andere 
Form und zweitens weist sie höbe Frequenz in einer Zeit auf, wo Erythema nodosum 
nur spärlich vorkam, und wo dieses sich häufte, da blieb der Rheumatismus zurück. 

Die Typhuscurve (644 Fälle) (C. 16) zeigt gerade umgekehrt wie bei Erythema nodo¬ 
sum die Hauptfrequenz in den ersten Jahren und sinkt dann beträchtlich ab. Auch 
hier ist slso ein Causalnexus unwahrscheinlich. Hingegen lässt sich aus der Curve von 
Pneumonia crouposa (791 Fälle) (C. 17) ersehen, dass, wenn auch die Form eine 
andere, ruhigere ist, doch insofern eine Uebereinstimmung besteht, als Pneumonie und 
Erythems nodosum gegen das Ende der Periode bedeutend zunehmen. 

Auftreten i n d e n v e rs c h i e d e ne n M o n a t e n, durchschnitt¬ 
lich. Hier ist vor Allem aus zu bemerken, dass unser Material uns meist nur er¬ 
möglicht, die Curven auf den Zeitpunkt des Eintrittes in die Behandlung aufzubauen, 
weil der Beginn der Erkrankung nicht notirt ist. Daraus folgt zunächst, dass diese 
Curven für die Beurtheilung der Chancen, die ein bestimmter Monat für die Entwick¬ 
lung einer Krankheit durchschnittlich bietet, nicht ohne Weiteres verwerthbar sind. 

Es kommt eben sehr darauf an, ob und eine wie lange Incubationszeit zu berücksichtigen 
ist, und in welchem Masse die Krankheit in ihren verschiedenen Stadien dem Befalle¬ 
nen imponirt, so dass er bei der einen früher, bei der andern später ärztliche Hülfe 


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72 


sucht. So wird die Curve der croupösen Pneumonie in dieser Beziehung meist brauch¬ 
bar sein, die des Typhus abdominalis nicht oder nur dann, wenn reichliche Be¬ 
obachtungen aus einer grössern Reihe ron Jahren zu Grunde liegen. Für uns bandelt 
es sich hier aber vorläufig nicht um die Erforschung des Einflusses der Jahreszeiten 
auf die Entwicklung einer bestimmten Krankheit, sondern um Vergleichung des Ery¬ 
thema nodosum mit andern Krankheiten, behufs Erkennung verwandtschaftlicher Be¬ 
ziehungen, und wenn man dabei nicht in den Fehler verfällt, kleinen Schwankungen 
Bedeutung beizulegen, so genügen unsere Monatscurven durchaus. Die Curve des 
Erythema nodosum (113 Fälle) (Tafel II, C. 18), welche ich in einer Reihe von Fällen 
durch Festsetzung des Beginnes corrigiren konnte, zeigt, dass die Frequenz in den 
verschiedenen Monaten eine sehr verschiedene ist. Der Grund dieses Verhaltens liegt, 
wie die Curve der Totalfrequenz (71,598 Fälle) (C. 19) lehrt, nicht in Schwankungen 
der allgemeinen Morbidität, denn ihre Curve läuft flach absteigend durch das Jahr. 
(Das Betreffniss des Januar kann aus Gründen, die in der Art der poliklinischen Buch¬ 
führung liegen, hier nicht angegeben werden). Ein Vergleich mit der Frequenz der 
Hautkrankheiten (5566 Fälle) (C. 20) führt zum selben Resultat wie oben. Hingegen 
finden wir den Typus, nach dem Erythema nodosum geht, auch hier wieder in der 
Curve der acuten Infectionskrankheiten, (1491 Fälle aus den Jahren 1880, 1886,1891) 
(C. 21), sowohl was Form als was Lage der Excursionen anlangt, nämlich Hauptfre¬ 
quenz im Frühjahr, Abscbwellen im Sommer, tiefster Stand im Herbst und Wieder¬ 
ansteigen gegen den Winter hin. Eine Theilung der acuten Infectionskrankheiten 
wie oben lässt erkennen, dass unser Erythema auch hier durchaus eher der Curve der 
acuten Infectionskrankheiten mit typischer Localisation auf der Haut folgt (1879 Fälle) 
(C. 22), als der der übrigen (996 Fälle aus den Jahren 1880, 1886, 1891) (C. 23). 
Zu den einzelnen Krankheiten übergehend, sehen wir aus der Curve von Erythema 
exsudativum multiforme (49 Fälle) (C. 24) und derjenigen von Purpura rheumatica 
(18 Fälle) (C. 25), dass diese zwar ebenfalls dem allgemeinen Typus der acuten In¬ 
fectionskrankheiten folgen, aber sieb von Erythema nodosum wesentlich dadurch unter¬ 
scheiden, dass sie an Stelle seiner Erhebung im Spätherbst und Winter ihren niedrig¬ 
sten Stand haben. Die Bedingungen für ihre Entwicklung, soweit sie im Wechsel 
der Jahreszeiten liegen, scheinen nicht dieselben zu sein. Ich mache noch darauf auf¬ 
merksam, dass Erythema multiforme weder deutlich nach der Curve der Infections¬ 
krankheiten mit Localisation auf der Haut, noch deutlich nach der der andern geht, 
und Purpura rheumatica sich durchaus den letztem anschliesst. Masern (948 Fälle) 
(C. 26), Varicellen (255 Fälle) (C. 27) und Herpes (183 Fälle) (C. 28) zeigen immer 
abnehmende Curven-Aehnlichkeit mit Erythema nodosum, während Erysipel (200 Fälle) 
(C. 29), croupöse Pneumonie [390 Fälle der Zürcher mediciniscben Klinik aus den 
Jahren 1880—1887 nach Eugster (33)] (C. 30) und wiederum der Scharlach (C. 31) 
Curven liefern, die, unter sich sehr ähnlich, auch mit Erythema nodosum grosse Ueber- 
einstimmung zeigen in Character und Lage der Gipfel und Thäler, und dadurch er¬ 
kennen lassen, dass alle vier Krankheiten durch die verschiedenen Jahreszeiten nahezu 
gleich beeinflusst werden. Wenn man sich auch, wie schon bemerkt, gerade hier zu 
hüten hat, kleinern Schwankungen Bedeutung beizumessen, so müchte ich doch die 
Aufmerksamkeit auf die allen gemeinsame Remission im April lenken, die eben.dess- 


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73 


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halb kaum zufällig ist.') Auch der Gelenkrheumatismus [491 Fälle der Zfircher medi- 
ciuiscbeu Klinik aus den Jahren 1881—1890 nach Stoü (34)] (C. 32) häuft sich stark 
im Frühjahr und sinkt in der warmen Jahreszeit ab, um gegen den Winter wieder 
anzuschwellen, wogegen der Typhus (2121 aus der Stadt und den alten Ausgemeinden 
in den Jahren 1880—1891 — 1884 mit seiner Massenrergiftung weggelassen — an¬ 
gezeigte Fälle) (C. 33) ganz andere Verhältnisse zeigt: kleiner Gipfel im Frühjahr, 
Hauptfrequenz im Spätsommer und Herbst, da, wo Erythema nodosum am tiefsten 
steht. 

Vertheilung auf das Lebensalter. Ich habe dasselbe in fünf 
Klassen eingetheilt: Kindesalter bis zum 6. Jahr (incl.), Schulalter bis zum 14. Jahr 
(incl.), Pubertätsalter bis zum 22. Jahr (incl.), Alter der Beife bis und mit dem 45. 
Jahr und endlich Alter der Rückbildung bis zum 90. Jahr. Aus der Curve des 
Erythema nodosum (111 Fälle) (Tafel III C. 34) ist ersichtlich, dass die Jugendzeit, 
besonders das Schulalter, weitaus die meisten Fälle lieferte. Ohne weiteres kann dar¬ 
aus noch keine besondere Disposition der jugendlichen Individuen für unsere Krank¬ 
heit abgeleitet werden. Den besten Maassstab würde eine Alterscurve aller poliklini¬ 
schen Patienten des Jabrzwölfts ergeben, woraus die allgemeine Morbidität der ver¬ 
schiedenen Altersstufen der Klientel ersichtlich wäre. Der zeitraubenden Arbeit, alle 
80,000 Fälle nach dem Alter zu ordnen, konnte ich mich nicht unterziehen; ich konnte 
auch die Altersverbältnisse der poliklinischen Bevölkerung nicht ausfindig machen und 
bin so gezwungen, mit der Alterscurve der gesammten Bevölkerung Zürichs und der 
alten Ausgemeinden 90,088 Einwohner nach Bericht über die Volkszählung vom 1. De- 
cember 1888) (C. 35) als Maassstab vorlieb zu nehmen, was aber genügen dürfte. 

Ein Vergleich zeigt, dass in der That die Jugendzeit ausserordentlich stark, das* Alter 
der Reife sehr wenig für nnsere Krankheit disponirt. Auch die Hautkrankheiten 
haben, wie ihre Curve lehrt (6104 Fälle) (C. 36), erhöhte Frequenz in der Jugend, 
während sie die spätem Altersklassen verhältnissmässig weniger befallen, aber der 
Unterschied ist doch lange nicht so gross, wie bei den acuten Infectionskrankheiten 
(2361 Fälle) (C. 37). Unsere Krankheit geht also auch in dieser Richtung viel mehr 
nach den letztem. Anders verhalten sich Erythema multiforme und Purpura rheu- 
matica. Das erstere (49 Fälle) schmiegt sich mit seiner Curve (C. 38) fast genau an 
die Bevölkerungsrurve an, d. h. es befällt ohne Wahl alle Lebensalter gleichmässig. 

Die Purpura rheumatica (18 Fälle) zeigt zwar für die Jugendzeit grosse Uebereinstim- 
mung mit Erythema nodosum, nachher aber hält sie sich gleichmässig an die vor¬ 
handene Bevölkerung. Die Verwandten unserer Krankheit haben wir wiederum bei 
den acuten Exanthemen zu suchen. Die Curven von Masern (929 Fälle) (C. 40), 
Scharlach (249 Fälle) (C. 41), Herpes (178 Fälle) (C. 42) und Erysipel (196 Fälle) 

(C. 43) zeigen, wie nahe Erythema nodosum den aenten Exanthemen steht und wie 
es gleichsam von diesen zu Herpes und Erysipel überleitet. Der acute Gelenk¬ 
rheumatismus und der Typhus suchen, wie bekannt, ihre Patienten mit Vorliebe 
unter den Erwachsenen, besonders zwischen 20 und 30 Jahren; die croupöse Pneu- 

*) Diese Remission im April findet sich auch scharf ausgesprochen in einer Curve, die man 
construirt aus den während der Berichtsperiode in Stadt und Ausgemeinden ärztlich angezeigten 
2264 Scharlachfällen. 


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monie befällt (35) besonders stark die drei ersten Lebensjahre und weist über¬ 
haupt bis zur Pubertät 60% der Fälle auf, dann sinkt sie erheblich, um nach dem 
45. Jahre nieder anzusteigen. Alle drei verhalten sich also anders als unsere 
Krankheit. 

Vertheilung auf die beiden Geschlechter. Bei 109 Angaben 
finden wir 28 männliche (25,6%) und 81 weibliche (74,4%) Patienten. Wenn ich 
auch keine Zahlen darüber besitze, wie viel Personen des einen oder andern Geschlechtes 
während der Berichtsperiode behandelt wurden, oder wie viel Individuen beider Ge¬ 
schlechter die poliklinische Klientel umfasst, so kann ich doch, gestützt auf persönlich 
gewonnenen Eindruck sagen, dass, wenn auch der Unterschied in der Zahl zu Gunsten 
der weiblichen Patienten ausfällt, er doch keinenfalls so gross ist, dass er die auf¬ 
fallende Vertheilung des Erythema nodosum erklären könnte. Erythema multiforme 
hat bei 49 Angaben 21 männliche (42,8%) und 28 weibliche (57,2%), Purpura rheu- 
matica bei 18 Angaben 8 männliche (44,4%) und 10 weibliche (56,6%) Fälle. 
Leider bin ich nicht in der Lage, Zahlen beizubringen darüber, wie sich die Haut¬ 
krankheiten und die acuten Infectionskrankheiten bei der poliklinischen Klientel auf 
die Geschlechter vertheilen; ich muss mich damit begnügen, was in den Lehrbüchern 
über diese Verhältnisse niedergelegt ist, anzuführen (36). Ein Ueberwiegen der weib¬ 
lichen über die männlichen Patienten wird angegeben bei Keuchhusten, bei Typhus 
und Flecktyphus im Kindesalter, bei Scharlach der Erwachsenen, während bei Masern, 
Scharlach der Kinder, Hötbeln, Pocken, Varicellen, Polyartbritis, Intermittens, die beiden 
Geschlechter gleich grosse Contingente stellen und bei Typhus und Flecktyphus der 
Erwachsenen, Parotitis epidemica und croupöser Pneumonie die Männer zahlreicher be¬ 
fallen" werden. 

Wenn man die Fälle von Erythema nodosum sowohl nach dem Geschlecht, als 
nach den verschiedenen Altersklassen auseinanderbält, so sieht man wie im Kindesalter 
(der jüngste Fall war ein Knabe von 1'/» Jahren) Knaben und Mädchen gleich stark 
vertreten waren, während im Schul- und im Pubertätsalter die Knaben nur einen Vier¬ 
theil lieferten und im Alter der Beife die Mänuer beinahe verschwinden, um im spätem 
Alter gar nicht mehr vertreten zu sein (der älteste Fall betraf eine 52jäbrige Frau). 
Zum bequemem Vergleich mit Erythema exsudativum multiforme habe ich diese Ver¬ 
hältnisse graphisch dargestellt (Tafel IV). So, wie das Verhältniss der Geschlechter 
bei beiden Krankheiten im Ganzen ein verschiedenes ist, ist es auch innert der ein¬ 
zelnen Altersklassen erheblich anders. Die geringe Zahl der Fälle von Purpura rheu- 
matica hindert einen Vergleich nach dieser Sichtung. 

Werfen wir einen Rückblick auf die bisherigen Ergebnisse unserer Untersuchung. 
Wir haben gesehen, wie das Erythema nodosum sowohl in 
seinem Gang durch die einzelnen Jahre und Jahreszeiten, 
als auch im v o r z u g s w eise n Befallen eines bestimmten Le¬ 
bensalters, der Jugendzeit, wobei die Geschlechter in ver¬ 
schiedenen Altersklassen verschiedenen Antheil nehmen, 
getreulich sieb nach den acuten allgemeinen Infections- 
krankheiten, namentlich denjenigen mit typischer Locali- 
sation auf der Haut richtet, während es durchaus abweicht 


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von dem durch die sogenannten Hautkrankheiten darge¬ 
stellten Typus. Die verhältnissmässig hohe Frequenz dieser letztem Gruppe 
in der Jugendzeit, offenbar der Hinweis auf eine besondere Vulnerabilität der Haut auf 
dieser Altersstufe, ist das einzige, was sie mit Erythema nodosum gemein hat. Diese 
Kesultate sind gewiss geeignet, die Meinung derjenigen zu stützen, welche ans den 
oben angeführten Gründen in unserer Krankheit eine acute allge¬ 
meine Infectionskrankheit sehen. Die wohl characterisirten Curven- 
bilder, die uns Erythema nodosum lieferte, sprechen überdiess sehr dafür, dass wir 
es mit einer selbstständigen Krankheit zu thun haben. Nicht einmal 
mit Erythema exsudativum multiformo Hebra, sofern man dieses 
überhaupt als selbstständige Krankheit gelten lassen will, steht es in engem verwandt¬ 
schaftlichen Beziehungen, denn der Gang beider durch die Jahre ist ein anderer, die 
Frequenz in den verschiedenen Jahreszeiten eine durchaus verschiedene; die eine Krank¬ 
heit befällt ausgesprochenermassen die Jugend, die andere sucht ihre Fälle nahezu 
gleichmässig in allen Altersklassen, innert welchen die Geschlechter sich bei der einen 
Krankheit so, bei der andern anders betheiligen. Das einzig Gemeinsame ist der 
grössere Antheil, den das weibliche Geschlecht nimmt, aber der Unterschied ist bei 
Erythema exs. mult. nicht so gross, dass er nicht veranlasst sein könnte, durch den 
etwas grössern Zudrang der weiblichen Individuen zur Poliklinik. Das alles spricht 
gewiss gegen die Anuahme einer Identität beider Krankheiten. Und doch hat man 
vielfach auf einem und demselben Patienten die characteristischen Ausschlagsformen 
beider beobachtet. Sollte vielleicht die Ansicht Polotebnoff , dass die Erytheme nur als 
Hautsymptome verschiedener anderer, bereits bekannter Infectionskrankheiten auftreten, 
wenigstens für das Erythema exsudativum multiforme gültig sein, das dann ebensogut 
wie anderswo auch bei der acuten allgemeinen Infectionskrankheit „Erythema nodosum® 
als nebensächliche Erscheinung auftreten würde? Die Purpura rheumatica 
steht nach den von ihr gelieferten Curven dem Erythema nodosum vielleicht etwas 
näher; die Kleinheit des Materials verbietet weitere Schlüsse. Der acute Gelenk¬ 
rheumatismus, dem unsere Krankheit so vielfach angehängt worden ist, ent¬ 
ledigt sich derselben schon durch die Jahrescurve und durch den Umstand, dass er 
seine Patienten meistens in den Reihen der Erwachsenen, beider Geschlechter ziemlich 
gleichmässig, sucht. Wollte man dennoch an einen ätiologischen Zusammenhang beider 
Krankheiten glauben, so müsste man von der gekünstelten Annahme ausgehen, dass 
der acute Gelenkrheumatismus bei jugendlichen Personen, namentlich weiblichen, unter 
gewissen noch unbekannten Bedingungen unter dem Bilde des Erythema nodosum auf¬ 
zutreten pflege, dass aber diese Bedingungen ausserordentlich ungleich vorhanden wären, 
indem sie bei hohem Stande des Gelenkrheumatismus spärlich, bei tiefem reichlich zur 
Wirkung kämen. Vielmehr dürfte es sich so verhalten, dass die Gelenkscomplicationen 
bei Erythema nodosum analog den bei Scharlach „aus unmittelbarer Einwirkung des 
Scharlachgiftes® (37) hervorgegangenen, aufzufassen sind; wenn man hie und da zu 
gleicher Zeit Häufung von Erythema nodosum und Gelenkrheumatismus beobachtet 
hat, so gibt die Monatscurve beider die Erklärung: die Chancen für die Entwicklung 
sind in denselben Jahreszeiten für beide sehr ähnliche. Das genügt aber nicht für die 
Annahme eines ätiologischen Zusammenhangs, sonst könnte man Erythema nodosum 



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ebensogut oder noch besser der croupösen Pneumonie, dem Erysipel oder 
namentlich dem Scharlach anhängen, welcher ja auf so eclatante Weise fast 
denselben Gang durch die Berichtsjahre und durch die Jahreszeiten geht, wie unsere 
Krankheit und der sich seine Fälle ebenfalls unter der Jugend sucht. Beide haben 
auch klinisch so ausserordentlich viel Aehnlicbes — man denke nur an den Ausschlag, 
der mit Vorliebe die Streckseiten der Glieder und die Gelenkgegenden befällt, an die 
Betheiligung der Schleimhäute des Auges, der Nase, des Rachens, seltener der 
Bronchien, ferner der serösen Häute der Brustorgane, die bei beiden mehr oder 
weniger häufig beobachtet wird, endlich an das lytisch abfallende Fieber — dass 
Alles zusammengenommen sich einem die Wahrscheinlichkeit einer 
naben Verwandtschaft von Erythema nodosum und Schar¬ 
lach aufdrängt, unbeschadet ihrer selbstständigen Stellung, die schon 
durch die hohe Contagiosität der einen, die geringe oder fehlende der andern ga- 
rantirt ist. Nähere Beziehungen zwischen unserer Krankheit und Typhus, Ma¬ 
sern, Varicellen, Herpes, Erysipel gehen aus unserer Untersuchung 
nicht hervor. 

Zum Schlüsse sei es mir gestattet, noch auf einige speciellere Puncte der Ae- 
t i o 1 o g i e des Erythema nodosum binzuweisen. Wie oben bemerkt, ist es mir auf¬ 
gefallen, dass von den Patienten, die ich behandelt, eine Roihe in feuchten Wohnungen 
lebten (vergl. auch Appert 38). Es liegt, sobald man das Erythema nodosum als In- 
fectionskrankheit anspricht, nahe, zu denken, dass sich das supponirte Virus gerne in 
feuchten Wohnungen entwickle, oder, dass diese ihre Bewohner empfänglicher machen 
oder beides zusammen. Ohne Zweifel werden zu Feuchtigkeit neigende Wohnungen 
in nassen Jahrgängen feuchter sein, als in trockenen. Wenn wir die Curve der in 
Zürich während der einzelnen Jahre der Berichtsperiode gefallenen atmosphärischen 
Niederschläge (39) (Tafel I, C. 44) mit der entsprechenden Curve des Erythema no¬ 
dosum vergleichen, so finden wir, dass sie ziemlich parallel gehen. Nicht so einfach , 
ist dasselbe Verhältnis bei der Vergleichung der beiden Monatscurven (Tafel II, C. 18 
und C. 45) zu finden. Die Form beider ist ausserordentlich ähnlich, aber da, wo wir 
die meisten Niederschläge haben, steht Erythema nodosum am tiefsten und umgekehrt. 
Gerade desshalb ist ein Zusammenhang wahrscheinlich: Unsere Krankheit wird Nie¬ 
mandem angeregnet; bis das Nass des Himmels zur gesundheitsschädlichen Wand¬ 
feuchtigkeit wird, vergeht geraume Zeit und sind verschiedene Hülfsmomente tbätig. Unter 
Berücksichtigung der für die Feuchtigkeit der Wohnungen als wichtig erkannten Fac- 
toren (40), stelle ich mir die Sache so vor: im Sommer hat man die Fenster offen; 
die Wohnungen trocknen aus, sie sind gesund. Erythema nodosum steht tief. Die 
vielen Niederschläge dieser Zeit dringen nach und nach in den Boden ein, durch¬ 
feuchten den Untergrund der Häuser und die Umgebung der Fundamente; das Wasser 
dringt in die Kellermauern ein und wird nach und nach von den ausgetrockneten 
höher gelegenen Mauern vermöge der Capillarität aufgesogen; die Wände werden wieder 
feucht, was unterstützt wird durch die mangelhafte Ventilation, besonders in den 
Schlafzimmern während der Nacht: die Wohnung wird gesundheitsschädlich. Ery¬ 
thema nodosum steigt. Wenn nun auch die atmosphärischen Niederschläge zurück¬ 
gehen, so bat sich in den Wänden so viel Feuchtigkeit angesammelt und sammelt sich 


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77 


oder 

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immer mehr an durch noch schlechtere Ventilation im Winter, durch die Athmungs- 
feuchtigkeit vieler nahe zusammen wohnender Leute, dass die Wohnungen immer 
feuchter werden. Zu dieser Zeit steht Erythema nodosum hoch. Im Frühjahr, im 
meist trockenen März wird die Ventilation wieder besser gehandhabt; die Wohnungen 
verlieren etwas von ihrer Feuchtigkeit, aber die wieder bedeutend ansteigenden Nieder¬ 
schlage lassen, bei der immer noch mangelhaften Ventilation, die Wohnung nur all- 
mählig trocken werden. Erythema nodosum sinkt allmählig ab. Sollte vielleicht auch 
die scharf einschneidende Remission des Erythema nodosum im April, die wir weniger 
ausgesprochen auch bei Scharlach, Erysipel, croupöser Pneumonie gefunden haben, auf 
diese Verhältnisse zurückgeführt werden können? Jedenfalls ist im Allgemeinen ein 
solcher Zusammenhang zwischen Erythema nodosum und atmosphärischen Nieder¬ 
schlagen bezw. Wandfeuchtigkeit sehr wahrscheinlich; ob es sich dabei bandelt um 
directe Begünstigung des Krankheitsgiftes oder um Schädigung der Widerstandskraft 
des Individuums muss auf andere Weise eruirt werden. 

Wenn eine Krankheit ihre Patienten vorzugsweise unter jugendlichen Personen 
sucht, so hat man endlich daran zu denken, dass möglicherweise der Gang der körper¬ 
lichen Entwicklung auf die Disposition von Einfluss ist. Nun ist durch Mailing-Hansen 
und Camerer (41) bekannt, dass das jugendliche Individuum zu verschiedenen Jahres¬ 
zeiten verschieden stark wachst und zwar fallt die Zeit starker Längenzunahme mit 
der Böhe, die Zeit schwacher Längenzunahme mit dem Tiefstand der acuten Infections- 
krankheiten zusammen (Tafel V, C. 46); bei der Gewichtszunahme (C. 47) verhält es 
sich umgekehrt (beide Curven nach Camerer's Angaben). Die Vermuthung liegt nahe, 
dass diejenigen Stoffwechsel Vorgänge, deren Ausdruck in der Jugend das Wachsthum 
ist und der damit verbundene verschiedene Kräftezustand von Bedeutung für die Dis¬ 
position zu Infectionskrankbeiten ist, und dann wohl besonders zu solchen, die wie 
Erythema nodosum genau diesen Gang einbalten (C. 48). Wenn man in dem allge¬ 
meinen Kräftezustand des Individuums zur Zeit starker Längen- und schwacher Ge¬ 
wichtszunahme eine günstige’ Bedingung für die Entwicklung von Erythema nodosum 
sehen dürfte, so würde sich, zum Theil wenigstens, auch die gleicbmässige Vertheilung 
der beiden Geschlechter auf die Erythema nodosum-Fälle der ersten Altersklassen, wo 
die Wachsthumsverhältnisse bei Knaben und Mädchen dieselben sind, und das Ueber- 
wiegen der Mädchen in der zweiten Altersklasse, wo diese bedeutend stärker an 
Länge zunehmen, als die Knaben, erklären (42). Ich erinnere hier an meine oben 
mitgetheilte Beobachtung, dass mehrere meiner Patientinnen hochaufgeschossene Mädchen 
waren. Vom 14. Jahre an nehmen die Knaben mehr an Länge, aber auch an Gewicht, 
zu, als die Mädchen, d. h. sie werden kräftiger und können so wohl einer Infections- 
krankbeit eher Widerstand leisten als die Mädchen, welche durch die bei ihnen 
mächtiger den Gesammtzustand beeinflussende Pubertätsentwicklung und die in Ver¬ 
bindung damit gerade vom 14.—20. Jahr auftretende Chlorose (43) empfänglicher für 
Erkrankungen gemacht werden. Fälle von Erythema nodosum auf diesem Boden sind 
znr Genüge bekannt und werden wohl am besten so gedeutet. 

Mit diesen Bemerkungen mehr oder weniger hypothetischer Natur bin ich am 
Schlüsse meiner Arbeit angelangt, und glaube, mein Material verwerthet zu haben, soweit 
es statistisch möglich war. 


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78 


Vertheilung auf die Jahre. 


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6 1 


Eryth. nod. 


% 


Totalfrequenz 

% 

Hautkrankhtn. 

°/o 

Psoriasis 


Ac. Inf.-Krkh. 

% 

A. I.-K. m. L. a. 
d. Haut] °/° 


10 

8,8 

4188 

5,2 

4751 


9 

7,9 

6521 

8,1 

612 


7,6 9,8 


5 

6,2 

348 

5,0 

86 

4,5 


8 

10,0 


7,91 


551 

8,8 

6 

7,5 


571; 458 
8,3 j 6,6 

261j 82 

13,8, 4,3 


Eigene 

Erhebung 


Uebrige a. I.-K 

:. 262 

2 310 37< 

i> 266 467) 36 

1 41; 

51 25 

4 55 

7 412 

> 84; 

7 446 


> 5,2 

2 6,2 7,1 

j 5,: 

3! 9,; 
1 7 

B| 7,: 

2 8,; 

3 5, 

1 11, 

2 8,2 

! 17,( 

) 8,9 

Eryth. exs. m.H 


L l 

> 5 

) 1 

3 ( 

3 4 

1 i 

* ; 

3 l 

5 2 

: 1 

r 6 

% 

,* 

) 10,2 

21 4,( 

; io,! 

2 12,‘ 

2 8,1 

l, 6,1 

L 6,: 

l 10,! 

l 4,0 

' 14,2 

f 12,2 

Purpura rh. 

°/o 

i 

i 

i 

- 

• — 

5 

11,1 

> __ 

4 

22,2 

l s 

! 16,6 

i - 

u,i 

\ 3 

1 16,6 

2 

H,1 

2 

11,1 

Masern 

t 

, 18 

182 

2 

26 

; 52 

! 2 

241 

3 

1 

j 

236 

33 

152 

% 

1,8 

19,1 

0,2 

2,7 

5,4 

0,2 

25,4 

0,3 

1 0,1 

24,8 

3,4 

16,0 

Erysipel 

% 

5 

12 

21 

5 

6 

19 

27 

21 

16 

37 

14 

17 

2,5 

6,0 

10,5 

2,5 

3 

9,5 

13,5 

10,5 

8 

18,5 

7,° 

8,5 

Varicellen 

18 

28 

21 

10 

12 

22 

15 

21 

24 

• 31 

25 

28, 

°/o 

1 ^ 

10,9 

8,2 

3,9 

4,7 

8,6 

5,8 

8,2 

9,4 

12,7 

1 9,8 

10,9 

Herpes 

7» 

1 13 

11 

17 

15 

14 

15 

121 

15 

16 

21 

16 

18 

7,1 

6,0 

9,2 

1 8,1 

7,6 

8,1 

I 6,5 

8,1 

8.7 

11,4 

8,7 

9,8 

Scharlach 

28 

28 

21 

13 

1 

7 

5 

_ 

38 

78 

23 

8 

7® 

11,2 

11,2 

8,4 

5,2 

0,4 

2,8 

2,0 


15,2 

3,1 

9,2 

3,2 

Ac. Gelenkrh. 

14 

40 

41 

44 

65 

99 

108 

104 

117 

47 

45 

77 

°/o 

1,7 

5,0 

5,1 

5,5 

8,1 

12,3 

13,5 

13,0 

14,6 

5,1 

5,6 

9,6 

Typhus abd. 

P 7® 

69 

82 

76 

45 

165 1 

71 

31 

19 

30 

34 

12 

10 ( 

10,7 

12,7 

11,7 

6,9 

25,7 

11,0 

4,8 

2,9 

4,6 

5,2 

1,8 

1,5 

Pneum. croup. 

7® 

50 

35 

45 

25 

57 

42 

72 

85 

103 

76 

114 

87 ; 

6,8 

4,4 

5,6 

3,4 

7,2 

5,3 

9,1 

10,7 

13,0 

9,6 

14,4 , 

10,9 

Atmosph. Ndg. 

% 

1182 : 

1159 

1395 

1121 

991 : 

1262 

1326 : 

1054 

1506 ; 

1198 1175 ' 1 

1169 14i 

8,1 

7,9 

9,5 

7,6 

6,1 

8,6 

9,1 

7,1 

10,4 

8,2: 

i 

8,0 1 

8,0 


4969 i 


49 


18 


948 

200 

255 

183 

250 

799 

644 

791 


10 

11 

12 

13 

14 

15 

16 

17 

44 


Eigene 


lt. Jahres¬ 
berichten 

Eigene 

Erhebung 


lt. Jahres¬ 
berichten 


Schw. Bl. 
f. Gesund¬ 
heitspflege 


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79 


Vertheilung auf die Monate. 



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Vertheilung auf die Altersklassen. 



I. 

II. 

III. 

IV. 

! v. 

I 

Total 

Curve 

Nr. 


Erythema nodos. 

23 

44 

1 25 

17 

2 

111 


Eigene Erhebung. 

7» 

20,7 

39,6 

i 22,5 

15,3 

1,8 


34 


Bevölkerung °/° 

11,3 

11,7 

14,8 

37,4 

18,8 


35 

Volkszählung vom l.December 









1888 : 90,088 Einwohner 

Hautk rankheiten 

1687 

1051 

1114 

1638 

614 

6104 


Eigene Erhebung. 

7» 

27,6 

17,2 

1 18,2 

26,8 

10,0 


36 


Acute Inf.-Kr. % 

55,2 

18,6 

7,5 

13,8 

4,2 


37 

rt n 

Eryth. exs. m. 

7 

6 

8 

23 

5 

49 


»i rt 

7» 

14,0 

12,0 

16,1 

46,1 

10,0 


38 


Purp, rheum. 

1 

5 

1 3 

7 

2 

18 


* »» 

7» 

5,8 

29,2 

17,5 

40,6 

11,6 


39 


Masern 

675 

233 ; 

8 

13 1 2 3 4 5 6 

1 — 

929 


v n 

% 

71,5 

25,0 

0,8 

1,4 

! 


40 


Scharlach 

113 

112 

16 

8 

— 

196 


t» n 

7° 

45,3 

44,9 

6,4 

3,2 



41 


Herpes 

18 

36 

46 

52 

26 

178 


m rt 

P 7» 

10,1 

20,2 

25,8 

29,2 

14,5 


42 


Erysipel 

14 

19 

36 

89 

38 

196 


w n 

7« 

7,1 

9,6 1 

18,3 

45,4 

19,3 

1 


43 



Verkeilung nach Geschlecht und Altersklassen. 



An¬ 

gaben 

i 

I. 

H. | 

1 

i ,n - 

iv - 

! *•' 


I ! 

in. 

I w *. | 

i i 

m. 

w. 

in. 

w. 

m. 

w. 

m. 

w. 

m. 

w. 

Erythema nodosum 

109 

28 

25,6 

81 

74,4 

11 

50,0 

11 

50,0 

10 
j 23,2 

33 

76,8 

6 

24,0 

19 

76,0 

1 

5,9 

16 

94,1 

— 

2 

100 

Erythema exs. mulL 

49 

21 

42,8, 

28 

57,2 

2 

28,5 

5 

71,5 

3 

50,0 

3 

50,0 

3 

37,5 

5 

62,5 

11 

47,8! 

12 

52,2 

2 

40,0 

i 

3 

60,0 

Purpura rheum. 

18 

8 

10 

1 

j 


— 

5 

3 

i 

— 

4 

3 


2 


Literatur. 


1. Nach Polotebnoff, Zur Lehre von den Ery¬ 
themen. Monatshefte für pract. Dermatologie, 
1887. Erg. H. II. Aufl. 5. 

2. Med. Klinik des Hotel Dien in Paris. Siehe 
Schmidt 1 s Jahrbücher. 138. Bd. p. 346. 

3. Nach Polotebnoff ' a. a. 0. 

4. Eichhorst , Lehrbuch der spec. Pathologie 
und Therapie. 1891. IV. Aufl. p. 611. 

5. Deutsche med. Wochenschr. 1889. p. 955. 

6. Wiener med. Wochenschr. 1890. p. 45. 


7. Lesser, Lehrbuch der Hautkrankheiten. 1892. 
7. Aufl. p. 135 ff. 

8. Nach Polotebnoff , a. a. 0. 

9. Kaposi, Pathologie und Therapie der Haut¬ 
krankheiten. 1893. IV. Aufl. 

10. Baginsky, Lehrbuch der Kinderkrankheiten. 
1892. IV. Aufl. p. 914. 

11. Ebenda. 

12. Schmidt ’s Jahrb. 133. Bd. p. 53. 

13. Eickhorst, a. a. 0. 


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81 


11 TVfffiAr o a D 

15. ’ Schmidt’* Jahrb. 133. Bd. p. 54. 

16. Ebenda. 

17. S. Haushälter’* Arbeit, referirt in Schmidt 1 * 
Jahrb. 217. Bd. p. 246. 

18. Nach Polotebnoff\ a. a. 0. 

19. Jürgensen, Lehrb. der spec. Pathol. u. Therap. 
H Aufl. p. 471. 

20. Deutsche med. Wochenschr. 1889. p. 955. 

21. Jahrb. 203. Bd. p. 134. 

22. Nach Polotebnoff, a. a. 0. p. 34. 

23. Ebenda, p. 47. 

24. Corr.-Blatt für Schw. Aerzte. 1890. p. 258. 

25. Polotebnoff, a. a. 0. p. 126. 

26. Schmidt’* Jahrb. 179. Bd. p. 242. 

27. Schmidt’* Jahrb. 178. Bd. p. 255. 

28. Nach Polotebnoff, a. a. 0. 

29. Kaposi, a. a. 0. 

30. Bahn in Gerhardt’* Handbuch. 

31. Ziemssen, Schmidt’* Jahrb. 187. Bd. p. 140. 

32. Corr.-Blatt für Schw. Aerete. 1889. p. 57. 

33. Engster . Beitr. zur Aetiologie u. Therapie d. 
prim. Pleuritis. Diss. 1889. 


34. Stoll, Klin. Studien über den Gelenkrheu¬ 
matismus. Diss. 1892. 

35. Jürgensen, a. a. 0. 

36. Veigl. die Lehrbücher von Eichhorst und 
Jürgensen. 

37. Jürgensen, a. a. 0 . p. 311. 

38. Appert, a. a. 0. (Nr. 24). 

39. Nach Beobachtungen des Zürcher Obser¬ 
vatorium. 

40. Vergl. Ascher, Ueber die gesundheitlichen 
Nachtheile des Bewohnens feuchter Woh¬ 
nungen etc. Deutsche Vierteljahrsschr. für 
off. Gesundheitspfl. Bd. 25. Heft 2. 

41. Camerer, Jahrbuch d. Kinderkrankh. Bd. 36. 
Heft 3. p. 270 u. 275. 

42. Vergl. die Arbeiten von Axel Key, Die Pu- 
bertäteentwicklnng etc. Janke, Beginn der 
Schulpflicht, Camerer a. a. 0. 

43. Hoffmann, Lehrb. der Constitutionskrankh. 
1893. p. 39. 


Zur Stellung der örtlichen Gesundheitsbeamten in England, innerhalb des 
Rahmens der Sanitätsverwaltung. 

Das System der Einzelbeamtungen für die Zwecke des örtlichen Sanitätsdienstes 
kam in England, conform den Verwaltungseinrichtungen auf andern Gebieten, wie z. B. 
der Armenpflege, des Strassenwesens etc., mehr als in den übrigen Culturstaaten zur 
Entwicklung. Nachdem anfänglich vorwaltend nur das spontan sich kundgebende Be¬ 
dürfhiss grosserer Ortschaften dazu geführt hatte, ging man schon mit der Public Health 
Act vom Jahre 1872 dazu über, die Anstellung eines örtlichen Gesundheitsbeamten in 
sämmtlichen Bezirken der Provinz — für die Hauptstadt war es bereits 1.855 durch ein 
Specialgesetz, die Metropolis Management Act, geschehen — obligatorisch zu erklären. 
Offenbar ist es von nicht geringem Interesse, die practische Wirksamkeit des Systems zu 
beobachten, nachdem wir vorerst das Nöthige über Qualification und Besoldung, sowie 
den allgemeinen Geschäftskreis der Beamten vorausgeschickt haben. 

Hinsichtlich der Qualification bestand zwar von Anfang an die Bedingung, 
dass der Beamte im Besitz einer ärztlichen Licenz sein soll; doch hatte dies, angesichts 
der Verschiedenartigkeit der ärztlichen Prüfungsausweise, keine grosse Bedeutung. Auch 
die Bestimmung, dass die Bewilligung eines staatlichen Gehaltszuschusses an die Geneh¬ 
migung der Wahl des betreffenden Beamten, sowie der nähern Anstellungsbedingungen 
desselben, Seitens des Centralamts (Local Government Board) geknüpft war, änderte an 
der ganzen Sachlage nur wenig, so lange der durchschnittliche Bildungsgrad der in Frage 
kommenden Candidaten noch zu wünschen übrig liess. Thatsächlich waren gerade die 
bessern Stellen in den grösseren Städten zum Theil ohne diese Mitwirkung von oben be¬ 
setzt ; wie es sich mit den ländlichen Bezirken verhielt, werden wir sogleich sehen. Erst 
als der medicinische Unterricht im Allgemeinen, und speciell nach der hygieinischen Seite, 
im Zusammenhang mit. der eingeleiteten Keformbewegung, erhebliche Fortschritte gemacht 
batte, konnte, nebst den bessern Garantien der seitherigen Berufsbildung, ein besonderes 
Diplom für Hygicine und Öffentliche Medicin gefordert werden, wie dies sowohl für die 
Hauptstadt und die grössern Städte der Provinz, als auch für gewisse ländliche Kreise 
mit über 50,000 Einwohner (gemäss § 18 der Local Government Act, 1888) jetzt ge¬ 
schieht. 

Die grösste Verschiedenheit waltete indessen, wie sich ja wohl nicht anders er¬ 
warten liess, in Bezug auf die Besoldungsverhältnisse ob, in einem Maasse, 

6 


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82 


welches den Werth und die Bedeutung der neugeschaflenen Institution erheblich beein¬ 
trächtigen musste. Eb hieng dies vornehmlich mit der weitgehenden Zersplitterung der 
Localbehörden zusammen, welche sich, bei dem in kleinern Orten und auf dem flachen 
Lande vielfach fehlenden Yerständniss, als ein beinahe unübersteigliches Hinderniss her¬ 
ausstellte. Man reflectirte hier meistentheils für die Wahrnehmung der sanitarischen 
Interessen auf die Armenärzte, die man vermöge ihrer Vertrautheit mit den örtlichen 
Verhältnissen zumal der untern Classen hiezu geeignet hielt, und decretirte einfach eine 
kleine Gehaltszulage, die mit oder ohne Staatszuschuss ausreichend schien, als Anhängsel 
ihrer sonstigen öffentlichen Functionen nun auch diesen neuen Posten ihnen zu über¬ 
binden. An leitender Stelle bemerkte man alsbald den begangenen Irrthum, und suchte 
sich anfänglich dadurch zu helfen, dass die Localbehörden angewiesen wurden, wo immer 
thunlich, zur Wahl eines Gesundheitsbearaten sich mit einander zu verbinden. So lange 
jedoch keine eigentliche Verschmelzung der betreffenden Bezirke stattfand, hatte ein 
solches Verfahren mehr den Erfolg, die formellen Geschäfte des Beamten zu vermehren, 
als dessen Thätigkeit nach ihrem materiellen Inhalt zu fordern. Dem wurde allerdings 
durch § 286 der P. H. A. von 1875 abgebolfen, welcher das Departement ermächtigte, 
in geeigneten Fällen mehrere Bezirke unter einem gemeinsamen Ausschuss der betheiligten 
Lokalbehörden zu vereinigen. Für diese Stellen konnte dann, wie in den grösseren 
Städten, eine angemessene Besoldung ausgesetzt werden, die es dem Beamten ermöglichte, 
seine Zeit ganz den öffentlichen Geschäften zu widmen. Seither wurden auch den neu- 
eingeführten Grafschaftsbehörden (durch die Local Government Act, § 17) gewisse Be¬ 
fugnisse ertheilt, um zweckmässigeren Anstellungen Vorschub zu leisten; doch sind bis¬ 
her derartige combinirte Ernennungen nur in einer kleinen Minderzahl der ländlichen 
Bezirke erfolgt. Dass gerade hier, wo die Gehaltsaufbesserung am nöthigsten ist, ein 
Zurückbleiben in dieser Hinsicht sich beraerklich macht, zeigt die Höhe der staatlichen 
Subventionen (zu Y») a » die Gehalte der Beamten, (mit Einschluss der noch zu erwäh¬ 
nenden Sanitätspolizisten). Dieselbe betrug im Rechnungsjahr 1875/76 46,048 £ für 
die ländlichen und 13,242 £ für die städtischen Bezirke; 1888/89 dagegen 44,131 £ 
für erstere und 31,410 £ für letztere. Einer Zusammenstellung aus letzterem Jahre 
entheben wir folgende Classification in Bezug auf die Gehalte der örtlichen Gesundheits¬ 
beamten, wobei die Metropole nicht inbegriffen ist: 

I. Classe (Minimum 200 £ Gehalt): 85 Beamte von Provinzialstädten und com- 
binirter ländlicher Bezirke mit einer Gesammtbevölkerung von 8,600,000 Einwohnern. 
(Census 1881). Durchschnittsgehalt: 443 £. 

H. Classe (100—200 £ Gehalt): 147 Beamte meist kleinerer Landstädte und von 
Einzelbezirken auf dem Lande; Gesammtbevölkerung 4,150,000 Einwohner. Durchschnitts¬ 
gehalt: 118 £. 

III. Classe (Maximum 100 £ Gehalt): 1,015 Beamte der übrigen städtischen und 
ländlichen Einzelbezirke mit 9,450,000 Einwohnern. Der durchschnittliche Gehalt der¬ 
selben ist jedenfalls weit unter dem obigen Grenzwerthe. 

Während in der ersten Gruppe eine grössere Reihe von Beamtungen figuriren, die 
ihrem Zwecke vollauf entsprechen dürften, werden es umgekehrt in der dritten Gruppe 
nur „rari nantes in gurgite vasto tt sein können. Wenn es auch hier an strebsamen und 
energischen Elementen nicht ganz fehlen wird, so darf man nicht vergessen, dass Un¬ 
wissenheit und Renitenz der Localbehörden, ärmliche Erwerbslage der Bewohner etc., 
ebenso viele Hindernisse darbieten, welche einem actuellen Vorgehen Abbruch thun 
müssen. Die dazwischenliegende Gruppe dürfte eine Art Uebergangsstufe einnehmen, 
wobei es unter günstigen Umständen in Bezug auf topographische Verhältnisse, Beschäf¬ 
tigungsart und Lebensweise der Bewohner u. s. w., an Kurorten z. B., einem tüchtigen 
Beamten immerhin noch gelingen kann, eine nützliche Thätigkeit zu entfalten. Was 
jedoch keiner Frage ausgesetzt scheint, ist das Fortbestehen einer grossen Ungleichartig¬ 
keit dieser ßeamtungen, von deren Einführung man, wenn nicht gerade einen prompten 


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83 


»in- Erfolg, ao doch einen stufen massigen Fortschritt im grossen Ganzen sich versprochen hatte, 

der Um zu beurtheilen, inwiefern die gehegten Erwartungen sich erfüllt haben, ist es vor 

teo Allem nöthig, dass wir auf den Geschäftskreis der örtlichen Gesundheitsbeamten 

?r- noch etwas genauer eingeben. 

eo Letzterer wurde für die staatlich subventionirten Stellen durch Verfügung derCen- 

a tralbehörde vom 11. November 1872 zuerst einheitlich geregelt, worauf bald auch der 

ir übrige Theil der Beamten (gemäss § 191 der P. H. A., 1875) denselben Vorschriften 

*! unterstellt wurde. Es war dies freilich nur eine formale Aufzählung ihrer Obliegen¬ 

heiten, deren materielle Tragweite erst im Zusammenhang mit den eigentlichen Compe- 
?■ tenzen der Localbehörden sich ermessen lässt. Hierin bestand grössere Uebereinstimmung 

nach der repressiven, sanitätspolizeilichen Seite, soweit es sich wenigstens um dem all¬ 
gemeinen Ver8tändniss näherliegende, der Abhülfe verbaltnissmässig zugängliche Schädlich¬ 
keiten handelte: in Bezug auf Salubrität der Wohnungen, Strassen und Höfe, der Ar¬ 
beiterherbergen, Lebensmittelcontrolle, Verhütung ansteckender Krankheiten u. s. w. 
Durch Aufstellung des Rechtsbegriffes „Nuisance“ im Sinne von „mit Gesundheitsschädigung, 
oder auch blosser gesundheitlicher Gefährde verknüpften Uebelständen“, erhielt die Action 
der Behörden speciell nach dieser Richtung eine allgemein gültige Unterlage. In der 
That verpflichtete denn auch § 92 der P. H. A., 1875 jede Localbehörde ohne Unter¬ 
schied, sich durch ihre Beamten vom Vorhandensein derartiger Schädlichkeiten regel¬ 
mässig zu überzeugen, und die nöthige Abhülfe zu treffen, eventuell ein dahinzielendes 
Verfahren einzuleiten. Zur Bewältigung dieses Theils seiner Aufgabe war dem örtlichen 
Gesundheitsbeamten ein entsprechendes Hülfspersonal, sogenannte Sauitätspolizisten oder 
Uebelstandsinspectoren beigegeben. Ganz anders verhielt es sich dagegen nach der prä¬ 
ventiven Seite, welche den Hauptinhalt der positiven Reformarbeit in sich fasst. Hier 
behalf man sich fortgesetzt und beinahe ausnahmslos mit bloss facultativen Competenzen, 
wonach die Einführung der so wohlthätigen öffentlichen Einrichtungen und Werke mehr 
oder weniger ins Belieben der betreffenden Localbehörden gestellt war: Uebernahme von 
Strassenreinigung und Abfuhr, Aufstellung baupolizeilicher Vorschriften, planmässige An¬ 
lage von Canalisation und Wasserversorgung, Controlle und Errichtung von Bade- und 
Waschanstalten, Schlachthäusern, Erstellung gesunder Ar beiter Wohnungen, von Parks etc. 
und „last, not least“, Errichtung von Isolirspitalern und Desinfectionsanlagen. Wenn 
allerdings, einem so weitausgreifenden Programm gegenüber, schrittweises Vorgehen und 
thunliches Anpassen an die örtlichen Bedürfnisse gestattet sein musste, durfte doch nicht 
Alles schlechthin der Willkür anheimgestellt bleiben. In all’ diesen Dingen stand denn 
nun der Beamte als consultatives Organ zur Verfügung der Localbehörde; man kann 
sich aber denken, wie verschiedenartige Factoren hier ausserdem ihren Einfluss geltend 
machen mussten. 

Seine periodisch oder bei besondern Veranlassungen erstatteten Berichte, über den 
allgemeinen Gesundheitszustand des Bezirks, bestehende Mängel und Einrichtungen etc. 
mussten weiterhin auch dem Departement zur Kenntnis» gebracht werden, so dass 
letzteres wenigstens einigermassen Einsicht in die örtliche Verwaltungsthätigkeit nehmen 
konnte. Das Centralamt war obendrein nicht aller und jeder Controllbefugnisse ent- 
blösst, die es jeweilen mittelst Inspection (§ 292—296 der P. H. A., 1875) zur Geltung 
bringen konnte; doch lief es hiebei mehr nur auf moralische Einwirkung und fachmän¬ 
nische Rathertheilung hinaus, als auf eigentliche Zwangsm assrege ln, von denen nur in 
den dringlichsten Fällen sanitarischer Vernachlässigung, auf eingeleitete Beschwerdefüh¬ 
rung Seitens des betheiligten Publicums hin (§ 299) Gebrauch gemacht wurde. In epi¬ 
demienpolizeilicher Hinsicht stand der Beamte in directem Rapport mit dem Departement, 
indem er sowohl dessen Weisungen beim Auftreten gefährlicher Epidemien (§ 134) nach¬ 
zukommen, als auch seinerseits vom Ausbruch einer derartigen Krankheit dasselbe zu 
benachrichtigen hatte. Früher, vor Einführung der zwar auch nur facultativen Anzeige¬ 
pflicht, war er vorzugsweise, sofern er nicht selber diese Stelle bekleidete, auf die Infor- 


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mation Seitens der Armenärzte angewiesen; seither trat auch hierin, bis auf einen kleinen 
Rest der Provinz, zweckmässige Wandlung ein. Die in einigen Punkten, betreffend Ab¬ 
stellung gewisser Nuisances und in Beziehung auf Epidemieenprophylaxe, etwas mehr 
präcisirte Pflichtenordnung vom 23. März 1891 x ) (zufolge der neuen Grafschaftsverwal¬ 


tung gleichlautend für die Metropole unterm 8. December gl. J.) ermöglicht dem Beamten 
ein actuelleres Vorgehen, und setzt ihn überdies in geeigneten Rapport zur Grafschafts¬ 


behörde. 


(Schluss folgt.) 


Vereinsberich te. 

Gesellschaft der Aerzte in Zürich. 

2. Winfersitzaiig, den 24. Nivenker 1894.*) 

Präsident: Prof. Stöhr. — Actuar: Dr. Conrad Brunner. 

I. Prof. Bibbert: Verschiedene Demonstrationen. 

Prof. Bibbert berichtet 1) über einen Fall von Schussverletzung des 
Herzens und der Aorta. Ein Mann hatte sich mit einem Revolver in die Herz¬ 
gegend geschossen und war am neunten Tage nach der Verletzung in dem 
Gantonsspital gestorben. Die Section ergab, dass die Kugel durch die vordere Wand 
des rechten Ventrikels in denselben hineingedrungen war, dann den hintern Theil des 
septum ventriculorum und darauf die Hinterwand des linken Ventrikels durchsetzt hatte, 
auf dessen Rückfläche sie austrat, um nun noch die Aorta descendens zu durchbohren 
und erst in der Musculatur links neben der Wirbelsäule stecken zu bleiben. Von hier 
wurde sie von Prof. Krönlein entfernt. Die Scbusscanäle des Herzmuskels waren durch 
Blutgerinsel verlegt und nicht mehr zu sondiren, die Musculatur in ihrer Umgebung er¬ 
schien blasser, trüber als die übrige und theilweise mit Blutungen durchsetzt. Im 
Herzbeutel fand sich eine mässige Menge geronnenen Blutes. Die einander gegenüber¬ 
liegenden Schu8ßöffnungen der Aorta waren von zackiger Beschaffenheit, indem von einer 
kleinen rundlichen Oeffnung mehrere 7«—1 cm lange Risse in die Umgebung aus¬ 
strahlten, die im Uebrigen macroscopisch keine Veränderungen aufwies. Die Aorta war 
in der Höhe der Schussöffnungen und nach auf- und abwärts in ein dickes, festes Blut- 
coagulum eingehüllt, dessen Gegenwart wohl der Grund war, wesshalb ein Verblutungs¬ 
tod nicht früher eingetreten war. In der Litteratur sind ähnliche Beobachtungen nur 
in sehr geringer Zahl verzeichnet. Was über die Schuss Verletzungen von Herz und 
Aorta bisher gesehen wurde, hat Zemp in seiner den obigen Fall genauer besprechenden 
Dissertation zusammengestellt. Er berichtete auch über die Resultate der histologischen 
Untersuchung der Herz Verletzungen. Die Schusscanäle waren bis auf einen engen, durch 
geronnenes Blut verschlossenen Theil durch Granulationsgewebe angefüllt, welches sich 
hauptsächlich aus schönen, grossen Fibroblasten zusammensetzte. Die Muskelfasern in 
der Umgebung zeigten verschiedene regressive Veränderungen, dagegen nirgendwo Kern¬ 
vermehrung oder Sprossungszustände, wie man sie nach Verletzung von Skeletmuskeln 
sieht. Eine Regeneration der functionellen Elemente war also ausgeblieben. Dies Er¬ 
gebnis stimmt überein mit den Beobachtungen, die auf experimentellem Wege über die 
Heilung von Herzwunden gewonnen wurden. 

2) Der Vortragende demonstrirt ferner das Herz eines 34jährigen Mannes mit 
Communication zwischen Aorta undPulmonalis. Die Oeffnung, für 
einen dicken Katheter durchgängig, sass rechts etwa 1, links l 1 ]* cm über deu Semilunar- 

1 ) Die hiefür massgebenden Special-, resp. Zusatzgesetze sind: die Infectious Disease (Pre¬ 
vention) Act (vgl. Correspondenzblatt 1892, S. 225) und die Public Health Acts Amendment Act, 
beide vom Jahr 1890, sowie für die Hauptstadt das umfassende Localgesetz, die Public Health (Lon¬ 
don) Act, 1891. 

*) Eingegangen 12. Dezember 1894. Red. 


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Ab. klappen, war glatt und scbarfrandig und die angrenzende Ge fass wand zeigte beiderseits 

nebr keine Veränderung. Bemerkenswerth war die enorme Hypertrophie des rechten Ven- 

jraj. trikels, dessen Wand im Conus 16 mm mass und dicker war als die des linken Ven- 

ufgg trikels, bei welchem ca. 12 mm gemessen wurden. Der Mann ging an Miliartuberculose 

za Grunde und hatte während seiner letzten Erkrankung von Seiten des Herzens keine 
characteristischen Erscheinungen dargeboten. Die Untersuchung des hypertrophischen 
rechten Ventrikel stellte nun fest, dass die Vermehrung der Musculatur in erster Linie 
auf Hyperplasie beruhte. Jedoch war gleichzeitig auch eine Verdickung der einzelnen 
Fasern nachweisbar. Manche hatten einen Querdurchmesser von 26 ju. Die besprochene 
Herzmissbildung ist sehr selten, es wurden bisher nur drei Falle mitgetheilt, Eine ge¬ 
nauere Beschreibung des Herzens findet sich in der Dissertation von Girard. 

3) Die dritte Demonstration betrifft drei Herzen mit nur zwei Aorten¬ 
klappen. Diese Abnormität bildet zuweilen einen zufälligen Sectionsbefund, sie braucht 
also keine Erscheinungen zu machen. Ein solches Herz eines 24jährigen Mannes wird 
berumgegeben. Zuweilen aber entstehen Storungen, wie Bdbes ausführlicher auseinander¬ 
setzte. Sie finden ihre Erklärung darin, dass zuweilen die Klappen sich an den Winkel¬ 
stellen nicht berühren und dann einen Spalt freilassen, hauptsächlich aber darin, dass, 
wie eine einfache Ueberlegung zeigt, die Klappenränder zu lang sind, daher sich zu 
weit heruntersenken und eventuell umklappen können. Dann ist Insufficienz die Folge. 

So etwas tritt besonders nach grösseren Anstrengungen ein, wie an einem instructiven 
Fall gezeigt wird. Ein Mann, der bis dahin gesund war, wurde im Militärdienst un¬ 
gewöhnlich angestrengt und erkrankte unter Insufficienz des Herzens. Er wurde vorüber¬ 
gehend im hiesigen Kantonsspital in Behandlung von Prof. Eichhorst gebessert, starb 
aber bald darauf auswärts. Die Section ergab Hypertrophie, Dilatation und fettige Degene¬ 
ration des linken Ventrikels, als Ursache dieser Veränderungen aber nichts anderes, als 
das Vorhandensein zweier Aortenklappen. Eine der beiden war länger als die andere, 
schlaffer, in der Umgebung des Nodulus weich, fast morsch und flach aneurysmatisch 
vorgebuchtet. — Mit der Abnormität der Klappen combinirt sich ferner nach den Mit¬ 
theilungen von Babes häufig ein Aneurysma der Aorta gleich oberhalb der Klappen. 
Auch hierfür bringt Vortragender ein Beispiel: Das Herz eines fünfzigjährigen Mannes, 
welches nur zwei an den Nodulis verdickte Aortenklappen besass. Gleich oberhalb der 
Klappen fand sich an der rechten Wand der Aorta eine beträchtliche aneurysmatische 
Ausbuchtung mit atheromatösen Veränderungen der Intima. Der linke Ventrikel war 
hypertrophisch und fettig entartet. 

4) Den vierten Gegenstand des Vortrages bildet ein Tumor des Rachens 
eines alten Mannes. Das Präparat wurde dem Vortragenden von Herrn Dr. Neukomm 
aus Baden übersandt. Die Diagnose batte auf Oesophaguscarcinom gelautet. Jedoch 
war aufgefallen, dass Patient häufig Erstickungsanfälle bekam, die durch Trinken von 
Wasser beseitigt werden konnten, so dass angenommen wurde, es handle sich um einen 
Tumor, der sich ab und zu auf den Kehlkopfeingang lege, durch den Scbluckact aber 
wieder davon entfernt würde. Eine genauere Untersuchung verweigerte der Kranke. 

Dabei bildete sich dann ferner ein Tumor am Halse aus, der als ein Carcinom des linken 
Schilddrüsenlappens aufgefasst wurde. Bei der Section fand sich hier eine hühnerei¬ 
grosse Neubildung und im Rachen links neben dem Kehlkopfeingang ein nussgrosser, 
kurzgestielter Tumor, der sich leicht auf den aditus laryngis legen liess. Er hatte eine 
glatte schleimhautähnliche Oberfläche, war aber, wie Vortragender feststellte, trotzdem 
und trotz seiner gestielten Form ein typischer Plattenepitbelkrebs. Der' Tumor 
des Halses ging nicht von der Schilddrüse aus, sondern war nur eine mit derselben enge 
zusammenhängende carcinomatöse Lymphdriise. 

ö) Vortragender berichtet ferner über einen Fall von Uebergang von 
Streptococcen von der Mutter auf einen sechsmonatlichen 
F oe t u s. Es handelte sich um eine schwere Diphtherie. Dr. Bicher , II. Assistent des 


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pathologischen Institutes, der auf Veranlassung des Vortragenden die bacteriologische 
Untersuchung vornahm, wird den Fall an anderer Stelle eingehend beschreiben. 

6) Endlich bespricht Vortragender eine interessante Beobachtung von tubercu- 
loser Ly mphosarcomatose, resp. Pseudoleukcemie, die den Gegen¬ 
stand einer von A . Müller verfassten Dissertation bildet. Eine Frau war vor drei Jahren 
von Hm. Dr. Schüler , dirigirendem Arzt des Theodosianums, an Mammasarcom behandelt 
worden. Eine radioale Operation gelang damals schon nicht mehr. Die Neubildung ent¬ 
wickelte sich weiter und führte im laufenden Jahre zum Tode. Dem Vortragenden wurde 
zunächst die Milz zugeschickt, in der sich zahlreiche, meist haselnussgrosse, aus kleinereu 
Theilen zusammengesetzte, markige, grauweisse Geschwulstknoten befanden, denen jede 
regressive Metamorphose fehlte. Die Milz bot durchaus das Bild, wie wir es bei Pseudo- 
leukeßmie sehen. Microscopisch ergab sich nun aber zwischen, nicht an den Knoten eine 
ausgedehnte typische Miliartuberculose. In den nunmehr requirirten Lungen fand sich 
ebenfalls eine ausgeprägte miliare Tuberculose, ausserdem aber sah man an mehreren 
Bezirken linsen- bis erbsengrosse graue, markige Geschwulstknoten, die auch zu grösseren 
Complexen zusammenflossen. Also in Milz und Lunge neben einander Tumoren vom 
Character der Lymphosarkome ohne sonstige Bestandtheile und typische Miliartuberculose. 
Aeltere tuberculöse Herde waren an der Leiche nicht vorhanden. Die Aufklärung dieser 
eigentümlichen Combination lieferte die Mammagescbwulst, von der mehrere grosse Stücke 
übersandt wurden. Dieselben hatten zu einem grossen Theile den Bau von Lympho¬ 
sarkomen, an einigen Abschnitten aber, in denen schon macroscopisch trübe, in kleinerem 
Umfange auch käsige Stellen zu sehen waren, fanden sich microscopisch tuberculöse 
Processe. In der Umgebung der käsig-necrotischen Herde lagen im lymphatischen Ge¬ 
webe zerstreut, ohne deutliche knötchenförmige Begrenzung, Riesenzellen mit randständigen 
Kernen. In ihnen wurden vereinzelte Bacillen nachgewiesen. Der Zusammenhang der 
ganzen Erkrankung ist demnach so aufzufassen, dass eine Tuberculose der Mamma lange 
Zeit unter dem Bilde einer Sarkomatose verlief und dementsprechend Metastasen machte, 
bis dann schliesslich, wohl durch raschere Vermehrung der Bacillen in einem Tbeil des 
primären Tumors, ein Einbruch reichlicher Bacillen stattfand und eine Miliartuberculose 
entstand. Vor Ausbruch dieser letztem, also einige Wochen früher, würde man an 
Tuberculose nicht gedacht haben, zumal die kleinen Käseherde der primären Geschwülste 
leicht übersehen werden konnten. Der Fall mag es desshalb nahelegen, ob nicht häufi¬ 
ger, als man es bisher auf Grund der geringen Zahl verwandter Fälle annimmt, eine 
wenig ausgedehnte Tuberculose die Ursache einer weitverbreiteten pseudoleukämischen 
Geschwulstbildung sein kann. 

Discu&sion: Dr. H. v. Wyss weist auf die forensische Bedeutung des 
Herzschuss-Präparates hin. Der seltene Fall lehrt, dass ein derart getroffenes Individuum 
noch bewusste Handlungen vornehmen, und sich weit von der Stelle, wo es verletzt 
wurde, wegbegeben kann. Er glaube, dass diese Beobachtung wohl einzig bisher 
dastehe. 

Prof. Bibbert erwidert, dass aus der amerikanischen Litteratur ein analoger Fall 
bekannt sei. 

Prof. Eichhorst berichtet über die klinischen Erscheinungen, welche der Patient mit 
Communication zwischen art. pulmonalis und Aorta darbot. Der Mann kam wegen 
Tuberculose der Hamwege und der Lungen auf die med. Klinik. Am Herzen waren nur 
die Erscheinungen des Galopprhythmus erkennbar. Die Diagnose in vivo ist nicht zu 
stellen; in allen derartigen Fällen hat es um zufälligen Sectionsbefund sich gehandelt. 

Dr. W. Schulthess erinnert daran, dass er vor einigen Jahren ein Herz eines Scolio- 
tischen demonstrirt habe, welches ebenfalls eiije sehr hochgradige Hypertrophie darge¬ 
boten habe. 

Prof. Wyder fragt den Vortragenden an, ob diese Communication nicht auf ein 
Bestehenbleiben des Ductus Botalli zurückgeführt werden könnte? 


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Prof. Bibbert erwidert, dass die Lage der Oeffnung gegen eine solche Annahme 
spreche. 

Prof. Stöhr glaubt, dass es hier wahrscheinlich . nicht um eine Bildungshemmung 
sich handle. Bei einzelnen niederen Thieren bestehe zeitlebens an dieser Stelle eine 
Verbiudung. 

Prof. Eichhorst giebt über das klinische Verhalten des Patienten mit den zwei 
Aortenklappen Aufschluss, soweit ihm dieses bekannt. Der Mann bekam in angestrengtem 
Militärdienst starkes Herzklopfen und kam mit Erscheinungen von Insufficienz ins Kantons¬ 
spital Zürich, yon hier nach Winterthur, wo er an diesem Herzleiden starb. Die Familie 
des Verstorbenen wurde vom Bunde entschädigt unter der Annahme, dass bei dem be¬ 
stehenden congenitalen Fehler die starke Anstrengung des Dienstes zweifellos eine Ver¬ 
schlimmerung herbeigeführt habe. 

H. Dr. Hitzig: Ufber einen Fall von Milzbrand beim Menseben. Ein 

Metzger erkrankt 7 Tage, nachdem er eine an Milzbrand verendete Kuh zerstückt 
hat, mit Schüttelfrost und Fieber. Am zweiten Tage darauf Pusteln am linken Vorder¬ 
arm, Schwellung des Armes und der Achseldrüsen, am fünften Tage Auftreten von Coma, 
Nackenstarre, Convulsionen; 20 Stunden später Exitus. Bacteriologische Diagnose i. v. 
gestellt. Bei der Autopsie Meningitis spinalis und cerebralis. Milzbrandcarbunkel in 
Magen und Darm. In der Cerebrospinalflüssigkeit massenhaft Bacillen, direct und durch 
Cultur nachgewiesen. Im Subarachnoidealraum und um die Gefässe der Pia, nicht in 
denselben, auf Schnitten colossale Anhäufung von Milzbrand-Bacillen. Dieselben ferner, 
ziemlich spärlich, auf dem Endocard in Nieren, Leber, Milz und Haut- und Darmcar- 
bunkeln. 

(Demonstration von Culturen aus der Pustelflüssigkeit und aus der Cerebrospinal¬ 
flüssigkeit und von Schnitten durch Darmcarbunkel und Hirnrinde.) 

Discussion: Dr. Armin Huber berichtet im Anschluss an das Vorgetragene 
über einen Fall von tödtlich verlaufendem Laboratoriumsmilz¬ 
brand, den er vor 4 ! /2 Jahren zu beobachten Gelegenheit hatte. Doch wurde hier 
die Diagnose erst bei der Section gestellt. Es handelte sich hier um einen jungen Col- 
legen, der im pathologischen Institut arbeitete. 

Patient war vor 3 Tagten mit Schüttelfrost erkrankt und litt seither an hohem 
Fieber, hochgradigstem Kopfschmerz und starkem Hustenreiz. Der einzige abnorme Or¬ 
ganbefund, der am dritten Tage der Erkrankung erhoben werden konnte, war eine sehr 
bedeutende Milzschwellung. Der Puls war kräftig und beschleunigt. 
Temperatur 39,5. Da zu jener Zeit zahlreiche Erkrankungen an Influenza statt¬ 
fanden, so wurde die Diagnose darauf bin gestellt und dem Patienten 1,0 Phenacetin 
verordnet. 

Am folgenden Morgen fühlte sich der Kranke ganz ordentlich, Fieber und Kopf¬ 
schmerz waren unter der Einwirkung des Phenacetin verschwunden. Geringes Schwäche- 
gefübl. 

Aber noch am Abend desselben Tages (vierter Krankheitstag) plötzliche Ver¬ 
schlimmerung: Am Abend und die ganze darauf folgende Nacht hochgradige Dyspnoe und 
Oppre88ion. Die Extremitäten fühlten sich eiskalt an. Der Puls war nicht mehr fühl¬ 
bar, von den Herztönen war kaum noch eine Andeutung zu hören. Herzdämpfung 
nicht vergrössert, Lttagenbefund normal, keine Druckempfindlichkeit des Abdomen, sehr 
grosse Milz. Livor des Gesichts. Am Nachmittag, bei Anhalten des elenden Zu¬ 
standes trotz stärkster Excitation, Consultation mit Herrn Prof. Eickhorst . Eine sichere 
Diagnose wurde nicht gestellt, dagegen die Möglichkeit einer Laboratoriums¬ 
in f e c t i o n erwogen. 

Unter furchtbarem Oppressions- und Dyspnce-GefÜhl, das mit hohen Morphiumgaben 
nur unvollständig zu bekämpfen war, trat in der Nacht vom fünften auf den sechsten 
Krankheitstag Exitus ein. 


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Bei der Autopsie (Prof. Klebs und Dr. Lubarsch) wurde schwerer Darm-Milz¬ 
brand nachgewiesen. Reichliche Milzbrandbacillen im Herzblut. 

Patient hatte, worüber er merkwürdiger Weise gar nichts hatte verlauten lassen, 
mit Milzbrand im Laboratorium gearbeitet ünd scheint bei der Einnahme seiner Zwischen¬ 
mahlzeiten nicht die nöthige Vorsicht angewandt zu haben. Das Fehlen von jeder, 
auch der geringsten Hauterkrankung weist schon, abgesehen vom anatomischen Be¬ 
funde auf den Verdauungs tractus als die Eingangsstatte des Giftes hin. Auf¬ 
fällig bleibt in dieser Beobachtung das Fehlen von Erbrechen und vor Allem von blutigen 
Diarrhrnn. 

Das eine thut dieser äusserst beklagenswerte Fall jedenfalls dar, dass auch der 
Laboratoriumsmilzbrand gerade so deletär wirken kann, wie derjenige des am 
Milzbrand gefallenen Rindes. 


Zürcher Gesellschaft für wissenschaftliche Gesundheitspflege. 

Slitmg vom 28. Februar 1894 Im Caft Saflraa. 1 ) 

Präsident: Prof. 0 . Wyss. — Actuar: Dr. 0. Roth . 

Nach der Genehmigung der Rechnung pro 1893 wurde Herr Ingenieur Burkhart- 
Streuli an Stelle des verstorbenen Herrn Nationalrath Bürkli in den Vorstand gewählt. 
Hierauf hielt Herr Prof. Zschokke seinen Vortrag: „(Jeber den deslnlelrenden Werth 
der Wasehmethodea“ (siehe Oorrespondenzblatt Nr. 15). 

Herr Dr. Berischinger bemerkt, dass auch die Gesundheitsbehörde der Stadt 
Zürich gegen das von dem Herrn Vortragenden mit Recht verpönte Verfahren der 
sogenannten kalten Wäsche eingeschritten ist, indem sie letztes Frühjahr eine Ver¬ 
ordnung erlassen hat des Inhaltes, es sollen die Besitzer von Gasthöfen und Logir- 
häusern dafür sorgen, dass sämmtliches von ihren Gästen benützte Weisszeug durch 
längeres Auskochen mit Seifenlauge gewaschen werde, bevor es einem anderen Gast 
zugestellt wird. 

Was die im Vortrag berührte Verunreinigung des Seewassers durch das Abwasser 
der Treichler’schen Waschanstalt betrifft, so wurden im Herbst 1892 durch das städtische 
Laboratorium diesbezügliche Untersuchungen angestellt, speciell mit Rücksicht auf die 
Wasserversorgung der Stadt mit filtrirtem Seewasser. Es ergab sich durch Färbungen 
des Abwassers und Bacterienzählungen im Seewasser, dass jenes Abwasser in der Regel 
seinen Weg nicht in der Richtung nach dor Fassungsstelle der Wasserversorgung, welche 
übrigens 2,6 Kilometer von der Waschanstalt und 270 Meter vom linken Seeufer ent¬ 
fernt ist, nimmt. Nichtsdestoweniger erschien es wünschenswerth und wurde beantragt, 
eine Ganalisation des Quartiers von Wollishofen vorzunehmen, in welche das Abwasser 
der Waschanstalt einzubeziehen ist, um diese und andere Quellen der Verunreinigung des 
linken Seeufers abzuleiten. Dieses Frühjahr nun soll mit dieser Canalisation begonnen 
werden. 

Herr Prof. Lunge bestätigt, dass auch der Gesundheitsrath von Zürich von der im 
Vortrage erwähnten, in gewissen Hötels geübten, absolut ungenügenden Waschmethoden 
Notiz genommen habe. Schwierig ist allerdings die Abtödtung von Bacterien in Woll- 
wäsche, da solche das Auskochen nicht erträgt. 

Herr Prof. Wyss betont ebenfalls die Schwierigkeit der WollWäschereinigung. Eine 
sichere Abtödtung von Infectionskeimen wäre am Einfachsten durch Dampfdesinfection zu 
erreichen. 


*) Eingegangen 19. November 1894. Red. 


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z Referate und Kritiken. 

"• Versuch einer Kritik der Echtheit der Paracelsischen Schriften. 

] Von Karl Sudhoff. I. Theil: Die unter Hohenheim ’s Namen erschienenen Druckschriften. 

Berlin, Druck und Verlag von Georg Reimer 1894. XIII und 722 S. 

Ein Buch bewunderungswürdigsten gelehrten Fleisses liegt da vor uns. Um seinem 
Liebling Theophrastus Paracelsus gerecht werden zu können, dessen Lebensbild uns 
zu zeichnen er sich vorgenommen hat, ist Karl Sudhoff zunächst daran gegangen, alle 
Drucke, die je unter Hohenheim ’s Namen erschienen sind, zusammenzustellen. In 121 
Städten, an 144 Bibliotheken Deutschlands, Oesterreichs und der Schweiz, Englands, 
Schwedens, Hollands, wie Frankreichs und Russlands, hat er die sämmtlichen Ausgaben, 
die des Paracelsus Namen tragen, zusammengelesen. Titel, Ort, Jahr des Erscheinens, 
Format und Seitenzahl, Signet, Kolophon, Widmung, Zwischen- und Schlussreden, sowie 
Ort, wo noch vorhanden, werden auf das genaueste angegeben und jedem anfgezahlten 
Werk besondere vergleichende, auf den Herausgeber oder Drucker bezügliche oder sonstige 
bibliographische Bemerkungen beigefügt. Das gibt den Inhalt des Werkes; aber wie ist 
das durchgefiihrt! — 

Keine Bibliothek ist dem Verfasser zu entlegen oder zu gering gewesen, dass er 
sie nicht abgesucbt hätte; er hat die Bibliothek des Prämonstratenserstiftes 
in Te p 1 so gut durchforscht, wie die B o d 1 e i a n Library in Oxford; die 
Seminarbibliothek in Zschoppau hat er so wenig Übergangen, wie die k. 
öffentliche Bibliothek in St. Petersburg, oder die fürstlich 
Pless’sche Majoratsbibliothek auf Schloss Fürstenstein. Und an 
air diesen Orten hat Sudhoff mit subtilster Genauigkeit alles, was nur irgendwie ein 
bibliographisches Interesse zu bieten vermag, angemerkt. Bei dieser Treue der Forscher¬ 
arbeit ist es ihm denn auch gelungen, 5 18 verschiedene Ausgaben zu sammeln, wäh¬ 
rend Friedrich Moök in seiner 1 8 7 6 erschienenen critischen Studie, die mit Recht als 
beste bisherige Leistung über Paracelsus galt, deren nur 2 4 8 kannte. Dabei erstreckt 
sich diese bibliographische Musterleistung über einen Zeitraum von mehr als 360 Jahren, 
denn 1 5 2 9 erschien der ersto, noch im Original vorhandene Druck, während der letzte 
in London 1893 auf den Markt kam. 

Aber nicht nur wegen der geradezu stupenden Vollständigkeit und Exactheit dürfen 
wir Sudhoff 1 » Meisterwerk bewundern. In den schon erwähnten, jeder Nummer beigefügten 
kurzen Bemerkungen, steckt eine so gewaltige Arbeit, aus ihnen leuchtet uns eine solche 
Fülle culturgeschichtlicher Detailkenntnisse entgegen, dass wir nur staunend zu dieser 
eminenten Gelehrsamkeit aufblicken können. 

Dafür nur ein Beispiel, das wir herausgreifen, weil es uns als Basler besonders 
interessirt. Unter 195 wird der, als Unicum in Basel aufbewahrte Tractat „De 
A n t i m o n i o u des Paracelsus , herausgegeben von Jonas Kitzcat, Bürger zu E g e r 
und stud. jur., aufgeführt. In der Bemerkung fügt Sudhoff hinzu, dass der gleiche 
Tractat, der noch unter des Paracelsus Namen zweimal gedruckt ist, auch unter Roger 
Baco’s Namen des öfteren, so 1604, 1611, 1624 in Leipzig, 1646 in 
T o 1 o s a, als Anhang zu des Basilius Valentinus „Triumphwagen Antimon 
nii ö erschien, und dass er sich ebenso unter Baco 1 s Namen in J. Tanck ’s „Promp- 
tuarium A 1 c b e m i a e Ä Eisleben 1608 findet, ja dass er auch handschrift¬ 
lich unter der Flagge Baco 1 s segelt. Sudhoff fügt hinzu: „er gehört aber ihm ebenso¬ 
wenig an, wie dem Paracelsus ; denn 8. s5f wird Rupecissa darin citirt.“ Mit vollem 
Rechte bemerkt das Sudhoff ; denn Johann von Rupecissa oder Roquetaillade lebte um 
die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts, während Roger Baco von 1214 — 1294 zu 
setzen ist. Das Citiren des französischen Minoriten allein würde allerdings dann noch 
nicht gegen die Autorschaft des Paracelsus sprechen. 



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Wenn wir aus solchen Stellen heraus die ausserordentliche Belesenheit Sudhoff 1 s 
bewundern müssen, so sind uns andere wieder Beispiele für die Feinheit seiner Charac- 
terisirung, wie für sein ausgeprägtes Sprachgefühl. 

Unter 155 führt Sudhoff die prächtige Berliner Ausgabe von 1574 der n ipfieveia ä 
des Leonhardt Thumeysser an, die sich ebenfalls neben Kremsmünster und dem 
British Museum bei uns in Basel befindet. 

Hier bietet die kurze Bemerkung Sudhoff 1 s uns gradzu ein Kabinetstück feinster 
Characterisirung. Thumeysser wird da in seiner ganzen gleissenden Talmigelehrsamkeit 
mit ein paar Strichen in einer Treue gezeichnet, wie sie besser auch die langathmigste 
Beschreibung nicht zu geben vermöchte. 

Wie deutlich kennzeichnet es den Basler-Charlatan, wenn Sudhoff von der Erklärung 
Leonhardt Thumeysser 1 s „Uber die frembden und unbekannten Wörter, Caracter und 
„Namen, welche in den schrifften des Tewren Philosophi, und Medici Theophrasii Para - 
n celsi , von Hohenheim gefunden werden,“ schreibt: „Die Mehrzahl aller erklärten Worte 
kommt bei Paracelsus überhaupt nicht vor, trotzdem Thumeysser auch als Seitenüber¬ 
schrift „Thurneysserische erklerung Paracelsischer Wörter“ setzt und trotzdem sich vielfach 
sogar genaue Verweise auf Paracelsische Stellen finden.“ 

Wie sprechend ist weiter, wenn Sudhoff bemerkt: „Mit Vorliebe greift Thumeysser 
Worte aus slayischen und besonders semitischen Sprachen heraus, um mit seiner raren 
Gelehrsamkeit zu prunken“ ; und ein wie feines Sprachgefühl verräth sich in einem Aus¬ 
druck wie „prunken mit rarer Gelehrsamkeit“ oder „stählerne 
Stirn “, den er pag. 338 ebenfalls von Thumeysser anwendet. Wie fein gefühlt ist 
hier das allitterirende s t ählerne S t irn, gegenüber dem sonst gebräuchlichen eherne oder 
erzene Stirn. 

Dass Sudhoff 1 s Werk von massgebender Bedeutung für die Geschichte der Medicin 
ist, liegt auf der Hand, aber aus den vielen abgedruckten Vorworten an die Leser, den 
Widmungsschriften und Versen lässt sich auch eine Geschichte des deutschen Buchhandels 
besonders von der Mitte bis zur Wende des 16. Jahrhunderts herauslesen. Welche Fülle 
von Einzelheiten birgt z. B. die Bemerkung zu der Hwser’schen Quart-Ausgabe von 1599, 
so dass für dieses Stück Culturgeschichte Sudhoff 1 s Schrift vom höchsten Interesse ist. 
Ebenso bietet das Werk dem Sprachforscher ein überaus reichhaltiges Material dar. Bei 
der photographischen Treue, mit der Sudhoff alle seine Citate wiedergibt, ist hier eine 
Sammlung deutscher Sprach- und Schreibproben zusammengetragen, wie sie in gleicher 
Vollständigkeit und über einen so weiten Zeitraum verbreitet, sich sonst nicht leicht finden 
dürfte. Wenn wir Eines bedauern, so ist es nur, dass es nicht möglich war, auch Facsi- 
mile-Drucke zu geben, wie etwa die von G . Hellmann edirten „Neu-Drucke von Schriften 
und Karten über Meteorologie und Erdmagnetismus.“ 

Dass das Buch mit einem vortrefflichen Register versehen ist, braucht kaum be¬ 
sonders bemerkt zu werden und ebensowenig, dass der Verfasser in verschiedenartiger 
Anordnung des riesigen Materials, nach Ausgaben, Herausgebern und Druckorten, dem 
Nachschlagenden in der liebenswürdigsten Weise entgegengekommen ist. 

Mit wahrer und aufrichtiger Freude haben wir das Werk in die Hand genommen 
nnd mit steigender Bewunderung es durchstöbert. Mit Stolz hat uns die Arbeit deut¬ 
schen gelehrten Fleisses erfüllt, die sich mit selbstlosester Begeisterung in den Dienst 
der Idee gestellt hat, einem seit Jahrhunderten verkannten, beschimpften und besudelten 
Mann ein Denkmal in der Erzählung seines Lebens zu setzen. 

In seiner bemerkenswerthen Rede über Johann Wilhelm Ritter hat Herr Wilhelm 
Ostwald letzthin sich über den Werth geschichtlicher Originalstudien ausgesprochen, er 
sagt da: „Hier bin ich sicher, immer wieder neue Gedanken zu finden. Denn jeder 
Pfadfinder in einem neuen Gebiete ist gezwungen, indem er seinen Weg verfolgt, zahl¬ 
lose Dinge, die wohl des Verfolgens werth wären, beiseite zu lassen, um von seinem 
Hauptziel nicht abgelenkt zu werden.“ 


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Diese Ansicht ist eine sehr wohl begründete und das, was da gesagt wird, gilt 
auch in eminentem Masse von Sudhoff % Arbeit, denn unter dem schlichten Titel: 
„Bibliographie Paracelsica a verbirgt sich ein Quellenwerk zur Culturgeschichte allerersten 
Ranges. 

Basel. Prof. Dr. Georg W. A. Kahlbaum. 


Psychiatrie. 

te Für Aerzte und Studirende von Th. Ziehen , a. o. Prof, an der Universität Jena. 

Berlin. Verlag von Fr. Wreden. 1894. S. 470. 

K Das Bach bildet den 17. Band von Wreden T s Sammlung medic. Lehrbücher. Es 

1 zeigt eine hübsche änssere Ausstattung und ist zur Verdeutlichung des Textes mit 10 

Abbildungen in Holzschnitt und 10 physiognomischen, im Ganzen recht characteristischen 
Bildern auf Lichtdruck tafeln ausgestattet. Es zerfällt ferner in einen allgemeinen und 
einen speciellen Theil, wobei dem erstoren der weitaus überwiegende Raum zugewiesen 
ist. Wiederum daran erhält die allgemeine Symptomatologie der Psychosen den Löwen- 
antheil, während die übrigen klinischen Gesichtspunkte in mehr beschränkten Rahmen 
abgehandelt werden. Dabei weist aber die Symptomatologie nur in formaler Richtung, 
d. h. in Bezug auf die Eintheilung der psychischen Elementarsymptome, eigene An¬ 
schauungen des Verfassers auf, während uns inhaltlich überall das Alt- und Allbekannte 
entgegentritt. Der specielle Theil kommt weder räumlich, noch inhaltlich den Ansprüchen 
nahe, die man an ein Lehrbuch stellen muss. Die klinische Psychiatrie bat als wichtigste 
Aufgabe die Durchführung einer den klinischen Thatsachen entsprechenden eingehenden 
Beschreibung der mannigfachen psychischen Krankheitsprocesse und Bilder, nicht aber 
deren Zusammenfassung unter allgemeinen, rein doctrinären Gesichtspunkten, wie es hier 
geschieht. Eine klinische Psychiatrie kann nicht auf den individuellen Erfahrungen und 
Anschauungen eines Autors beruhen, wären dieselben auch noch so reich und durchdacht. 
Ihr Aufbau erheischt als Grundlage die gemeinsame Arbeit und Erfahrung aller berufenen 
Kreise und ihre richtige Verwerthung sichert vor allem den Werth eines Lehrbuchs. 

L. W. 


Oer Staub in den Bewerben mit besonderer Berücksichtigung seiner Formen und der 
mechanischen Wirkung auf die Arbeiter. 

Von Dr. phil. H. Wegmann , Adjunct des eidgenössischen Fabrikinspectors des I. Kreises. 

Auf Anregung des Vaters der schweizerischen Fabrikinspection Dr. Schüler hat sein 
Adjunct Dr. Wegmann in dieser ausführlichen, überaus sorgsamen Arbeit einen werth¬ 
vollen Beitrag zur Fabrikhygiene geliefert. Nach einem eingehenden Ueberblick über die 
Wirkung des Staubs im Allgemeinen stellt der Verfasser alle statistischen Daten zusam¬ 
men, die bisher über die Bedeutung der Staubinhalation auf den Menschen vorhanden 
sind. Leider muss auch er wieder constatiren, wie unbefriedigend die Uebereinstimmung 
dieser Ermittelungen ist, wie wenig bis heute die Statistik ausreicht, uns über die Wir¬ 
kung verschiedener Staubsorten ein exactes Bild zu geben. 

Weitaus am werthvollsten ist aber der dritte Theil der Arbeit, der uns in sehr 
guten von entsprechendem Text begleiteten Bildern 43 Staubsorten nach sorgfältigen 
Zeichnungen des Verfassers vorführt. Diese Tafeln füllen eine Lücke aus, denn die vom 
österreichischen Gewerbeinspectorat vor einigen Jahreu herausgegebenen Staubphotogra¬ 
phien entsprachen nur zum kleinen Theil strengeren Anforderungen. Den Schluss der 
Arbeit macht eine ganz kurze aber treffende Besprechung der Principien bei Staubver¬ 
hütung und Staubbeseitigung. Referent möchte den strebsamen Verfasser ermuthigen, 
seine Mussestunden weiter mit derartigen verdienstvollen Untersuchungen auszufü]len t 

Prof. K. B . Lehmann , Würzburg, 


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92 


Atlas und Grundriss der Ophthalmoscopie und ophthalmoscopischen Diagnostik. 

Von Dr. 0. Haab , Professor an der Universität und Director der Augenklinik in Zürich. 
München 1895. Verlag von J. F. Lehmann. Preis 10 Mark. Mit 5 Text- und 102 
farbigen Abbildungen auf 64 Tafeln. Lehmann’s medic. Handatlanten. Band VII. 

Ein prächtiges Werk. Die vom Autor auf den Tafeln seines ophthalmoscopischen 
Skizzenbuches künstlerisch und mit grosser Naturtreue wiedergegebenen Bilder des kranken 
und gesunden Augenhintergrundes bilden eine vorzügliche Stütze für den ophthalmologi- 
schen Unterricht sowohl, als auch für die ophthalmoscopische Diagnose in der Praxis. 
Neben den lange bekannten typischen Augen hin tergrundaffectionen sind in diesem Werke 
auch die Erkrankungen der Macula lutea, dieser wichtigsten Netzbautparthie, aufs Ein¬ 
gehendste berücksichtigt. War es ja doch der Verfasser, der ganz besonders auf die 
grosse Vulnerabilität des gelben Fleckes aufmerksam machte. Die myopischen traumati¬ 
schen und senilen Maculaaffectionen sind sehr instructiv dargestellt. Krankheiten von 
grosser practischer Wichtigkeit, z. B. die Retinitis albuminurica etc., sind in den ver¬ 
schiedenen Stadien des Processes repräsentirt. Als Einleitung ist eine gedrängte Abhand¬ 
lung über den Augenspiegel, seine Handhabung und über die verschiedenen Methoden 
der objectiven Refractionsbestimmung beigegeben. Auch sind die ophthalmoscopischen 
Bilder mit erläuterndem Text und Angabe der wichtigsten Momente ans den betreffenden 
Krankengeschichten versehen. Alle Bilder sind vom Autor nach der Natur aufgenommen. 
Was die äussere Gestalt betrifft, so ist das Werk nicht in der grossen Atlantenform, 
sondern in Buchform erschienen. Es ist nicht zu gross, um gewünschten Falls sogar in 
der Tasche mitgenommen zu werden. — Auch der Verleger und der Lithograph ver¬ 
dienen rühmende Erwähnung. Die Aufgabe der Reproduction, die sicher mit grossen 
technischen Schwierigkeiten verbunden war, ist aufs Glänzendste gelöst. Alle, die sich 
mit Ophthalmoscopie beschäftigen, sei das Werk aufs Wärmste empfohlen. N.B. Die 
zur Verhinderung von Verklebung eingelegten Seidenpapierblätter haben ihren Zweck er¬ 
füllt und können entfernt werden. Pfister. 


Oantonale Corresponden zen. 

Thurgau, f Dr. Dir von Rlehterswell. Es sei mir vergönnt, betreffend den 
kürzlich in Gündelhart (Thurgau) verstorbenen Collegen Dr. Bär dem Correspondenzblatt 
für Schweizer Aerzte einige Worte der Erinnerung und Anerkennung mitzutheilen. 

Zunächst entnehme ich dem mit grosser Liebe geschriebenen Necrolog Dr. Bär 's 
in der Thurgauer Zeitung Nr. 2, 1895 einige unentbehrliche Daten. 

Dr. Bär wurde den 17. April 1810 zu Richtersweil geboren, besuchte Gymnasium 
und Hochschule Zürich, ging schliesslich nach Paris und erwarb sich die Doktorwürde 
der Medicin. Er liess sich als praktischer Arzt erst in Oberrieden, dann in Thal weil 
und, zum Bezirksarzt ernannt, in Horgen nieder. Seine grosse Gewissenhaftigkeit und 
Berufstreue, sein uneigennütziges menschenfreundliches Wesen, machten ihn zum sehr 
geschätzten, gesuchten und allgemein beliebten Arzt. 

Erst im Jahre 1872 zog er vom schönen Züriohsee nach dem einsamen, hoch und 
abgelegenen Gündelhart, wo er sich das ausgedehnte Schlossgut der Grafen von Berol- 
dingen käuflich erworben hatte. Hier verweilte er noch 22 Jahre, bis ihn der Tod in 
einem für Aerzte ungewöhnlich hohen Alter abrief. 

Diesen geschätzten, hochachtbaren Collegen Dr. Bär habe ich meines Wissens nur 
einmal gesehen, also nicht näher gekannt. Es war gegen Ende der 50er Jahre, als ein 
Freund meines lieben Vaters, selbst Arzt, mich damals als Gast in die kantonalärztliche 
Gesellschaft des Kantons Zürich einführte, die sich in Winterthur versammelte. 

Ein Herr Dr. Bär von Richtersweil oder Horgen, ein intelligent aussehender, rüsti¬ 
ger Mann im schönsten Alter, dem seine Collegen mit ganz ungewöhnlicher Achtung 


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begegneten, hielt einen Vortrag über. Croup. Nun gebe ich von vorneberein zu, dass 
damals die Diagnostik noch nicht so ausgebildet war, wie jetzt; aber die guten Beob¬ 
achter unter den Aerzten (und solche gab es zu allen Zeiten) unterschieden den genuinen 
Croup sehr wohl von dem scheinbaren Croup, d. h. vom acuten Kehlkopf- und Luftröhren- 
Catarrh der Kinder. Dr. Bär war damals Rademacherianer; er unterschied je nach den 
Symptomen zwischen Zink-Croup und Antimon-Croup und stützte sich dabei 
auf zahlreiche Erfahrungen. Seine Mittheilungen interessirten mich im höchsten Grade. 
Nach Hause zurückgekehrt, wo ich als Assistent meines Vaters, eines damals sehr an¬ 
gesehenen und weit bekannten Arztes (Bezirksarzt Elias Haffter in Weinfelden, schon 
1861 gestorben) practicirte, referirte ich über Dr. Bär 1 s Vortrag und wir hatten oft Ge¬ 
legenheit, die auffallend und schnell erleichternde Wirkung des von ihm empfohlenen 
Zinc. acet. (0,5—1,0 auf 100; */2 stündlich tbeelöffelweise) bei acut auftretender 
Athemnoth von Kindern in jedem Lebensalter zu beobachten. 

Aach unser College Dr. J. Bissegger in Weinfelden wandte dos Zinc. acet 
öfter an und wusste in der Regel nur Gutes davon zu berichten. 

Dr. W. Haffter , Bezirksarzt in Weinfelden. 


W ochenbericht. 

Schweiz. 

— In Lausanne starb, 61 Jahre alt, an chron. Lungenleiden Dr. L. Bouge } ehe¬ 
maliger Chirurg des Cantonsspitals, erster Redactor des Bulletin de la Societe med. de la 
Suisse romaride (jetzt Revue medicale), als Arzt und wissenschaftlicher Publicist hoch- 
geschätzt, den Lesern des Corr.-Blattes besonders in Erinnerung durch seine Opposition 
gegen Tracheotomie bei diphth. Croup. (Vergl. Arbeit von Prof. Krönlein , Corr.-Blatt 
1882, pag. 705.) 

Zürich. Bacteriologischer Curs; Beginn am 4. März. Dauer 4 Wochen. 
Anmeldung beim Cursleiter Dr. Silberschmidt im hygieinisohen Institut. 

— Die Kunsthandlung von Goepper & Lehmann in Bern liess soeben eine 
von dem Berner Maler Voll en weider ausgeführte, ausgezeichnete Porträt radirung von 
Bern Prof* Kocher in ihrem Verlage erscheinen. Das Blatt — die gediegene Arbeit 
eines wahren Künstlers — entspricht hochgestellten Anforderungen was künstlerische Auf¬ 
fassung und Porträtähnlichkeit anbetrifft und wird manchem Schüler und Verehrer des 
berühmten Mannes ein willkommenes Geschenk sein. 

— Gegen acute Bronchitis: Ammon, chlorat., Natr. salicylic. aa 5,0, Aq. 190,0, 
Succ. liq. 10,0; D. S.: 1—2 stündlich 1 Esslöffel voll. 

Aus I and. 

— Mit dem Namen Eaforalgie bezeichnet Pötain einen Symptomencomplox, der 
vielfach verkannt wird, indem er für Gallenstein- oder Nierensteinkolik gehalten, 
oder von gewissen Autoren einfach als Darmkolik aufgefasst wird. Die Affection zeichnet 
sich aus durch periodisch wiederkehrende, plötzlich auftretende schmerzhafte paroxystische 
Anfalle, welche ihren Sitz in den mittleren und oberen Regionen des Abdomens, im Epi- 
g&strium und in der regio periumbilicalis haben. Während der Paroxysmen strahlen die 
Schmerzen ins rechte Hypocbondrium aus und können somit eine Gallensteinkolik Vortäuschen, 
oder in die Kreuz- und Lendengegend, zuweilen auch in die unteren Extremitäten, so 
dass man eine Nierensteinkolik vor sich zu haben glaubt. Gegen Gallensteinkolik spricht 
aber das Fehlen von Icterus und die dunkle normale Färbung der Fäces. Der Schmerz 
kann in gewissen Fällen eine solche Intensität erreichen, dass die Kranken bewusstlos 
werden; im Allgemeinen ist er aber nicht so keftig wie bei Gallenstein- oder Nierenstein¬ 
kolik. Dauert der Anfall eine gewisse Zeit, so tritt Nausea und Erbrechen auf; in selte¬ 
nen Fällen hat das Erbrechen einen föcalen Character. Der Bauch ist aufgetrieben, und 


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die Kranken klagen über Schwere im Unterleib, Tenestnus, Stahldrang, auf welchen aber 
meist keine Entleerung folgt. Der Stuhl ist retardirt, hart; die Fäces werden in Form 
von kleinen harten Kugeln, später als lange, dünne, ausgezogene Würste entleert. Hie 
und da werden mit denselben mehr oder weniger grosse Mengen schleimiger Massen her¬ 
ausgefordert Beim Aufhören des Anfalles nehmen die Entleerungen wieder normales 
Aussehen und normale Consistenz an. Während der Anfälle bleibt die Temperatur nor¬ 
mal; der Appetit ist erhalten, sofern die Kranken aus blosser Angst vor dem Schmerz 
die Nahrungsaufnahme nicht verweigern. Auf der andern Seite besteht aber eine grosse 
Abgeschlagenheit; die Kranken fühlen sich matt und können kaum auf den Beinen stehen; 
moralisch sind sie ebenfalls deprimirt und verstimmt. Bei einigen Kranken hört der 
Anfall plötzlich mit einer reichlichen Stuhlentleerung auf, bei anderen nehmen die 
Schmerzen mehr allmählich ab. Die Anfalle dauern im Allgemeinen blos einige Stunden; 
sie können aber auch mehrere Tage fortbestehen. Mit Zwischenpausen von einigen 
Tagen bis mehreren Monaten, während welcher die Kranken vollkommen normal erschei¬ 
nen, kehren die Anfälle periodisch wieder. 

In vielen Fällen sind keine ursächlichen Momente für das Auftreten der Affection 
herauszufinden. In zahlreichen Fällen will dagegen Potain eine ausgesprochene neuro- 
pathische oder arthritische Disposition beobachtet haben. (In zwei Fällen, die wir zu 
beobachten Gelegenheit hatten, führten die Patienten das Auftreten der Anfälle mit aller 
Bestimmtheit auf eine Erkältung zurück.) Die Affection fasst Potain als eine Darmneu¬ 
ralgie mit spastischer Zusammenziehung gewisser Theile des Darmschlauches auf. Sobald 
der Spasmus nachlässt, verschwinden die krankhaften Erscheinungen. 

Nach dieser Auffassung richtet auch Potain seine Behandlung. Abführmittel wäh¬ 
rend des Anfalles sind nutzlos, ja sogar schädlich. Im Gegentheil wird man durch Dar¬ 
reichung von Opium und Belladonna den Spasmus herabsetzen, so dass spontane Stuhl¬ 
entleerung erfolgen kann und gleichzeitig den Schmerz lindern. In gleichem Sinne kann 
man Aether und Valeriana anwenden. Warme Bäder sind auch empfohlen worden. 
(Sehr gute Wirkung haben wir von der japanischen Wärmedose gesehen.) Im Intervall 
zwischen den Anfällen verordnet P. leichte Abführmittel, Ricinusöl, Flor, solfur., Rha¬ 
barber, warnt aber vor der Anwendung von Drastica. Eine milde Hydrotherapie mit 
Massage, sowie Faradisation und Galvanisation des Bauches soll ebenfalls von Nutzen 
sein. Endlich soll die Diät sowie die allgemeine Hygiene des Patienten sorgfältig über¬ 
wacht werden. (Sem. medic. No. 60. 1894.) 

— Mit dem Namen Frlgotheraple bezeichnet Raoul Pictet eine neue von ihm er¬ 
fundene Heilmethode, welche darin beruht, dass die Kranken der Einwirkung hoher Kälte¬ 
grade ausgesetzt werden. Nach P. P. sollen die unterhalb —60° liegenden kalten Strahlen 
schlecht leitende Körper, wie Holz, Wolle, Pelz etc., mit derselben Leichtigkeit passiren, 
wie Lichtstrahlen eine Glasscheibe. Auf der Erdoberfläche überschreiten die inten¬ 
siven Kältegrade selten —45 bis —50°, so dass unter diesen Umständen die Thiere 
durch den natürlichen Pelzmantel genügend geschützt sind. Taucht man aber einen in 
dicken Wolldecken gut eingewickelten Hund in die Kältegrube von R. Pictet , bei einer 
Temperatur von —100° bis —110°, so wird die Körpertemperatur des Thieres sinken, 
ohne dass dasselbe eine Kälteemfindung an der Haut verspürt. Die zwischen +37,5° 
und —65° liegenden Strahlen werden wie gewöhnlich durch die Wolldecken absorbirt 
werden, wodurch die Kälteempfindung der Haut aufgehoben wird. Die unterhalb dieser 
Grenze liegenden Strahlen dringen dagegen durch die Wolldecken in den thierischen 
Körper ein, und bewirken dorthin eine Herabsetzung der Temperatur. P. Pictet stellte 
nun an sich selbst eine Anzahl von Beobachtungen über die Wirkung der Kälte an. 

Er stieg in Pelz und warmen Kleidern gut eingewickelt bei einer Temperatur von—100° 
in die Kältegrube herunter. Nach vier Minuten verspürte er ein lebhaftes Hungergefühl, 
welches während der weiteren vier Minuten sich derart steigerte, dass es zu einer 
schmerzhaften Sensation wurde. Er trat mit einem lebhaften Bedürfniss nach Nahrung 


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aus der Grube heraus. Durch acht derartige Sitzungen in der Kältegrube behauptet 
ora B. Bietet eine alte hartnäckige Dyspeprie an sich selbst radical geheilt zu haben. — 

Ob dabei die Autosuggestion völlig ausser Spiel geblieben ist, ist nicht zu sagen; a priori 
ler> zeigen aber diese Beobachtungen nichts übernatürliches. Jedermann kennt die Appetit 

^ erregende Wirkung niedriger Temperaturen. Durch die Einwirkung einer intensiven 

# Kälte wird der Organismus zu einer vermehrten Wärmeproduction gereizt. Welche Conse- 

v quenzen dieser directe auf jede Zelle wirkende Reiz bei krankhaften Zuständen haben 

* wird, lässt sich von vorneherein nicht sagen. (Med. mod. No. 98. 1894.) 

i — Gegen (Jrtiearfft. Aq. calc., Aq. lauro-ceras., Glycerin ää. Die Haut wird mit 

dieser Mischung gewaschen, und mit einer dünnen Watte-Schicht bedeckt. 

(Rev. de therap. No. 23. 1894.) 

— Ueber den MeehaafsBBS des Tedes dnreh Eleetrieftit hat d'Arsmvul Versuche 
angestellt, aus welchen hervorgeht, dass selbst die stärksten in der Industrie zur Ver¬ 
wendung kommenden Ströme blos einen Zustand von Scheintod durch Herzstillstand her- 
vorrofen können, aus welchem die Versuchstiere durch fortgesetzte künstliche Athmung 
wieder zum Leben gerufen werden können. So wurde z. B. ein Electrotechniker vor 
kurzer Zeit von einem Wechselstrom von 4500 Volts getroffen, ein um beinahe 3000 
Volts stärkerer Strom als der, der bei den Hinrichtungen in Amerika verwendet wurde; 
die Ingenieure der Fabrik, in welcher der Unfall passirte, kannten zufällig die Versuche 
von d'Arsmval und führten sofort die künstliche Athmung ans; nach 7 Minuten fingen 
Herz und Athmung wieder spontan zu functioniren an. Am andern Tage war der 
Betreffende bereits so weit hergestellt, dass er Besuche empfangen konnte. — Vor¬ 
derhand wird es also noch besser sein, von der electrischen Hinrichtung Abstand zu 
nehmen. — Gewöhnlich hält man die Wechselströme für viel gefährlicher als die Gleich¬ 
ströme. Nach den Beobachtungen von d'Arsonval ist der Gegentheil das Richtige. Die 
durch Gleichströme von hohem Potential hervorgerufenen Unfälle sind fast immer tödt- 
lich. Die Todesursache liegt in den electrolytischen Erscheinungen, welche überall in 
den Geweben durch den constanten Strom producirt werden. 

(Med. mod. No. 98. 1894.) 

— Aotonatei and aediefilseie Reelsae« Wie die Pharm. Centralhalle mittheilt, 
werden die Automaten bereits zu medicin. Reclamezwecken benutzt. So wird auf diese 
Weise ein Büchelchen vertrieben: „der Hausdoctor, ein medicinisches Lexikon und zu¬ 
verlässiges Nacbschlagebuch für Kranke und Gesunde. Von einem Mediciner. Als Gratis- 
Zugabe liegt ein Stück Klebpflaster bei.“ Preis 10 Pfennig. Als Muster der darin ent¬ 
haltenen Wissenschaft mag der Artikel „Diphtheritis“ angeführt werden: „Diphtheritis ist 
eine, namentlich dem Kindesalter gefährliche, sehr ansteckende Krankheit, die ärztliche 
Hilfe erheischt. Die Heilmethode des Dr. WalU ist eine der zuverlässigsten und sollte 
eine Flasche seines Diphtheriemittels (Salactollösung) in jedem Hause vorrätbig sein. 

Mit Hilfe eines Rachenpinsels werden die gelblich weissen Diphtheritismembranen und 
deren Umgebung alle vier Stunden mit dem Mittel gepinselt und zwischendurch wird mit 
der zur Hälfte mit Wasser verdünnten Lösung gegurgelt. Auch kann die Salactollösung 
inhalirt werden. Oftmaliges Gurgeln mit einer verdünnten Salactollösung schützt sicher 
gegen diphtheritisebe Ansteckung.“ 

Der Mann wird sicher ein gutes Geschäft mit seinem Mittel machen; die Menschen¬ 
leben, die dadurch zu Grunde geben, dass Eltern, auf diese unsaubere Reclame vertrauend, 
es für unnöthig halten werden, bei Zeiten den Rath eines Arztes zu holen, sind ihm 
wohl vollständig gleichgültig! (Pharm. Centralh. No. 49. 1894.) 

— Unter dem Namen Odeotol bezeichnet man eine neue Praparation, welche bei 
Zahnschmerzen vorzüglich wirken soll. Die Zusammensetzung des Odontols ist: Cocain 
hydrochlor. 1,0, Aq. lauro ceras. 1,0, Tr. Arnic® 1,0, Liq. ammon. acet. 10,0. Rührt 
der Schmerz von einem cariösen Zahn her, so wird das Loch mit einem* in dieser 
Flüssigkeit getauchten Wattetampon gefüllt. Bei Entzündung des Zahnfleisches und 


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Kieferschinerzen werden einige Tropfen der Lösung auf der schmerzhaften Stelle ein¬ 
gerieben. (Rev. de therap. No. 22. 1894.) 

— Behandlung der Algin*. Bei einfacher Angina lässt man dreimal täglich mit 
folgender warmer Lösung gurgeln; Thymol. 0,25, Acid. carbol. 1,0, Tr. eucalypti 10,0, 
Aquee 1000. Bei phlegmonöser Angina lässt man ebenfalls gurgeln und ausserdem wer¬ 
den jede Stunde die Mandeln eingepinselt mit Cocain, hydroch. 0,5, Acid. salicyl 1,0, 
Tr. eucalypti 10,0, Glycerini 50,0. M. D. S. (Rev. de therap. No. 22.) 

— Reborlreides Pnlver Ar schwächliche Kinder. Sacchar. laotis 60,0, Ferri 
lactic. 2,0, Calc. carbonic. prcecip. 30,0, Calc. phosphor. 15,0. M. D. S. 1 Kaffeelöffel 
voll auf 1 Liter Milch. Lutaud . 

— Behandlung der Dysenterie der Kinder nach Escherich. Ol. ricin., Sirup, 
mann® äa 30,0. 1—2 Theelöffel voll zu nehmen. Nach erfolgter Entleerung: Alumin. 

acetic. 1,0, Aqu® 80,0, Sirup, spl. 10,0. M* D. S. Zweistündlich einen Kaffeelöffel voll 
zu nehmen. Gleichzeitig werden Darmauswaschungen mit Silbernitrat l°/o oder Tanninlösung 
l°/o vorgenommen; auf dem Bauch wird ein Priessnitz 'scher Umschlag applicirt. Diät: 
Milch, Fleischbrühe, Eier, Rothwein. (Rev. des malad, de Tenfance. Dec. 94.) 

— Warmwasser gegen Delirlnm tremens. In acht Fällen von Delirium tremens 
beobachtete Burson eine rasche und vollständige Heilung, nach Einverleibung grosser 
Mengen warmen Wassers. Dadurch wurde eine energische Diurese und Diaphorese er¬ 
zielt, auf welche nach der Ansicht von B . die günstige Beeinflussung des krankhaften 
Zustandes zurückzuführen ist. (Nouv. rem ödes No. 22.) 

— fliege der Mudschlefmhait bei Schwerkraaken. Um das übermässige 
Trocken werden der Zunge bei Schwerkranken zu verhindern, genügt selbst eine fast un¬ 
unterbrochene Darreichung von Getränk nicht. Selbst bei fleissigster Befeuchtung des 
Mundes entstehen Schrnnden und Risse der Zunge und der Rachenschleimhaut, wodurch 
das Schlucken sehr schmerzhaft wird. Diese Schrunden können ferner als Eingangs¬ 
pforte für Infectionskeiroe dienen, welche dann in den benachbarten Tbeilen entzündungs¬ 
erregend wirken können. Um diesem Uebelstand vorzubeugen, empfiehlt Aufrecht Ein¬ 
pinselungen mit Glycerin. Sobald bei den Kranken die Zunge trocken zu werden beginnt, 
wird zweistündlich, ja noch häufiger, Glycerinum purissimum mit Hülfe eines Pinsels auf 
die Zunge so reichlich aufgetragen, dass ein Theil davon durch die angeregten Schluck¬ 
bewegungen an die hintersten Partien des Rachens und den Larynxeingang gelangen 
kann. Bei diesem Verfahren wird ein Rissigwerden der Zunge vermieden; unter 1112 
im Magdeburger Krankenhaus behandelten Typhuskranken kam nur zweimal Perichon- 
dritis arytenoidea und nie Parotitis vor. 

(Centralblatt für die ges. Ther. Nov. 1894.) 

—* Ein ganz ausgezeichnetes Bild von Igiaz Philipp Semmelwels (Kupferstich von 
Eugen Doby auf chines. Papier; 45 : 32 cm) ist gegen Einsendung von 5 Fr. bei Dr. 

J. Elischer , Schatzmeister des Semmelweisdenkmal, Budapest, IV Petöfi-ter I, zu be¬ 
ziehen. _ 

Briefkasten. 

Alter Abonnent. Sie schreiben: „Um in nnserm „serösen 11 Zeitalter nicht den Anti- 
vivisectionisten in die Hände za arbeiten, möchte ich Sie und Ihre geschätzten Mitarbeiter höflich 
ersuchen, im Corr.-Blatt ja nicht mehr Menschen oder gar Thiere zu injiciren, sondern dazu lieber 
irgend eine dunkle Flüssigkeit zu verwenden. Ich würde es auch händlicher finden, wenn man 
das mit einer Spritze, statt mit Serum practiciren würde. Wenn Sie meinem Wunsche entsprechen, 
sollen Ihnen alle bisherigen (im Lande Leasings sagt man gegenwärtig „seitherigen“) Sünden 
vergeben sein.“ 

Sie werden Ihr philologisches Gewissen schon beruhigen müssen. Die ärztliche Welt hat nun 
einmal den-abgekürzten Sprachgebrauch angefangen: „Kranke mit Serum zu injiciren“, wenn sie auch 
weiss, dass sie eigentlich: „Kranken das Serum mit einer Spritze injiciren“ sollte. 

Schweighauserische Buchdruckerei. — B. Schwabe, Verlagsbuchhandlung in Basel. 


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Für 


Erscheint am 1. and 15. 
jedes Monats. 

Inserate 

35 Cts. die gesp. Petitzeile. 


för 

Schweizer Aerzte. 

Herausgegeben von 


Preis des Jahrgangs 
Fr. 12. — für die Schweiz, 
Fr. 14.50 für das Ansland. 
Alle Postbureaux nehmen 
Bestellungen entgegen. 


Dr. EJ. Haffler und Dr. A. Jaquet 

in Franenfeld. in Basel. 


I N! 4. XXV, Jahrg. 1895. 15. Februar. 

4 - 

Inhalt: 1) Orif Innlarbnlt«n: Prof. K. Bumm: Heber Harnlei teracheidenlleteln. — Dr. Wildt Zwei FAUe tob Kohlen- 
oijdvergiftoDg. — i. BoUn: One orariotomie double daoe le campo argen tin. — Dr. Kürsieintr: Zar Stellung der örtlichen 
P OMnadbeitebeaiDten in England. (Schlnee.) — 2) Verei n eberieli te: Mediciniecbe Gesellschaft der Stadt Basel. — Gesell¬ 

schaft der Aerste in Zflricb. — 8) Referate und Kritiken: Prof. Th. Ribol: Der Wille. — Prof. Dr. A. Drascht: Biblio¬ 
thek der gesummten medidniscben Wissenschaften. — Prof. Dr. 0. Rosenbach: Die Krankheitendes Herzens und ihre Behand¬ 
lung, — 4) Wochenbericht; BacteriologisoherCnrs in Bern. — Ffirsorge ihr unbemittelte Lungenkranke, — Die Einnahme- 
« glischen. — Verhütung Ton Wirmeverinaten bei Nengebornen. — 18. Congreas für innere Medicin. — Caetralion bei Prostata- 

hypertrophie. — Aqna ehlori bei chronischem Alcohoifsmns. — Gegen Singnitns. — Gutachten Aber das AuerglOhlicht. — Ueber 
den Hitxschlag: — Vergiftung mit Exalgin. — HerzcchwAche im Verlauf des Keuchhustens. — Strychnin. — Behandlung der 
KriUe bei Kindern. — Behandlung dee Lungenödems. — Berichtigung. — 5) Br iefkas ten. — 6) Hülfs kasse für 
Sek weiser A erste. — 7) Bibliographisches. 


Original-Arbeiten. 

Ueber Harnleiterscheidenfisteln. ’) 

Von Prof. E. Bumm in Basel. 

M. H.! Untor den Urinfisteln, die bei der Frau Vorkommen, zählen die Harnleiter¬ 
scheidenfisteln mit Recht zu den am meisten gefürchteten. Sie haben länger als alle 
anderen Fistelarten den Heilbestrebungen der Aerzte Widerstand geleistet und sind auch 
beute noch ein schwieriges Object der Chirurgie der Harnwege. Von 68 Fällen, die ich 
aus der Litteratur habe zusammenstellen können, ist noch nicht die Hälfte (26) geheilt 
worden, 22 sind ungeheilt geblieben und bei 20 ist die Beseitigung der Symptome 
durch eine Verstümmelung (7mal Kolpokleisis, ISmal Nephrektomie) erkauft worden. 
Und wenn auch die einzige, nicht verstümmelnde Heilmethode — der directe Ver¬ 
schluss der Fistel — in den letzten Jahren viel bessere Resultate ergeben hat, so ist 
doch die Technik dieser Operation noch lange nicht abgeschlossen. Bei der Seltenheit 
der Harnleiterscbeidenfisteln wird der Einzelne nur schwer eine grössere Erfahrung auf 
diesem Gebiete erlangen können. Ein Fortschritt ist nur dadurch zu ermöglichen, dass 
man alle Einzelerfahrungen sammelt, mit einander vergleicht und auf diesen dann 
weiterbaut. Das ist der Grund, warum ich mir erlauben möchte, Ihnen einen Fall 
mitzntbeilen, an dem ich mich im vergangenen Jahre 3 Monate abmühen musste, bis 
es endlich gelang, ihn za heilen. 

Bevor ich auf diese Beobachtung eingehe, wird es gnt sein, das kurz auseinander¬ 
zusetzen, was wir heute über die Harnleiterscbeidenfisteln wissen und zu ihrer Beseiti¬ 
gung zu thun vermögen. 

*) Nach einem am 18. October 1894 in der med. Gesellschaft za Basel gehaltenen Vortrag. 

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Bis vor etwa 10 Jahren waren es fast nur schwere Geburten, welche zur Ent» 
stehung von Harnleiterscheidenfisteln Veranlassung gaben. Dabei müssen die Verhält¬ 
nisse schon ganz eigenthümlich liegen, wenn es zur Verletzung der Harnleiter kommen 
soll. Denn die Ureteren, die man am Ende des Schwangerschaft oft sehr deutlich 
vom seitlichen Scheidengewölbe gegen die Blase zu streichen fühlt und als. dicke Stränge 
auf dem vorliegenden Kopf hin- und herrollen kann, weichen während der Eröffnungs¬ 
periode ebenso wie die Blase in die Höhe und liegen, wenn der Muttermund ver¬ 
strichen ist, ausserhalb des kleinen Beckens. Hier sind sie vor Quetschung und directer 
Gewalteinwirkung geschützt. Selbst bei engem Becken, wenn die Blase mit der vorde¬ 
ren Scheidenwand zwischen Kopf und Symphyse eingeklemmt und zerquetscht wird, 
kommen die Ureteren gewöhnlich heil durch, weil sie sieb mehr seitlich, ausserhalb 
der Zone des stärksten Druckes befinden; tritt aber ausnahmsweise eine Verletzung 
ein, so handelt es sich immer um die unteren, dem Trigonum Lieutaudii benach¬ 
barten Partien der Ureter und fehlt eine gleichzeitige Zerstörung der Blasenwand nie. 
Diese .unteren“ Harnleiterscheidenfisteln sind, wie Winckei mit Kecht hervorbebt, 
prognostisch und therapeutisch wesentlich günstiger als die f o b e r e n *, bei 
welchen die Continuitätstrennung die an den Seiten des Cervix vorbeistreichenden 
Theile der Ureteren betrifft und dementsprechend die Fistelöffnung im seitlichen 
Scheidengewölbe und etwas hinter der Portio sitzt. 

Solche obere Fisteln entstehen gewöhnlich durch directe Verletzung des Ureters 
mit eingeführten Instrumenten, unter welchen natürlich die Zange die Hauptrolle 
spielt. Unter 31 Fällen von puerperaler Harnleiterscheidenfistel finde ich 18 schwere 
Zangen. Wird das Instrument bei nicht völlig verstrichenem Muttermund angelegt, 
so kann die Spitze des Löffels, statt in den Cervix, in den Kaum zwischen Mutter¬ 
mundsaum und Scheidengewölbe vorgeschoben werden. Sie stösst hier leicht auf den 
Ureter, der bei stärkerem Druck entweder sogleich durchgestossen oder doch so ge¬ 
quetscht wird, dass ein Theil seiner Wand später necrotisch zerfällt. So war es auch 
in dem Falle, den ich noch näher zu besprechen haben werde. Die Patientin, welche 
ohne Narcose entbunden wurde, gibt mit Bestimmtheit an, dass sie bei der Einfüh¬ 
rung des zweiten Löffels einen starken Schmerz im Becken empfand, der von da ab 
anhielt und sich erst verlor, als der Urin abzulaufen begann. 

Ob obere Harnleiterfisteln auch durch indirecten Druck, durch Zerrung oder bei 
tiefen Einrissen des Cervix und paracervicalen Gewebes entstehen können, erscheint 
zweifelhaft, sichere Beispiele liegen dafür in der Litteratur nicht vor. Dagegen sind 
einige Fälle nach puerperalen Beckenbindegewebsabsessen beobachtet, die in die Scheide 
durcbgebrochen waren. 

Eine neue, und wie es scheint sehr ergiebige Quelle von Harnleiterscheidenfisteln 
geben die modernen Operationen am Uterus und speciell die vaginale Totalexstirpation 
desselben ab. 

Die Ureteren kommen in ihrem Verlaufe durchs Becken der Gebärmutter sehr 
nahe. Sie liegen in der Höhe des Os internum etwa 2,5 cm, in der Höhe des Os 
ext. nur 8 mm vom Uterus entfernt; dem Scheidengewölbe sind sie bis auf 6 mm 
genähert {Luschka). Es kann desshalb nicht Wunder nehmen, wenn die Organe bei 
der Exstirpation des Uterus leicht in Mitleidenschaft gezogen werden. In der That 


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99 


hat sich die Zahl der Ureterenfisteln, seitdem die Totalexstirpation ausgeführt wird, 
^ mit einem Male unverhältnissmässig vermehrt. Ich zähle bis beute bereits 20. Und 

M wie viele mögen unveröffentlicht geblieben sein! 

- Man sncbt die Verletzung der Ureteren bei der Totalexstirpation dadurch zu 

!* vermeiden, dass man alsbald nach der Umscbneidung der Portio und jedenfalls bevor 

man seitliche Abbindungen macht, die Blase und mit ihr die Harnleiter vom Cervix 
’• ab und möglichst in die Höbe schiebt. Indem man den Uterus gleichzeitig stark 

t nach abwärts zieht, gelingt es die breiten Bänder abzubinden, ohne die Harnleiter mit 

in die Ligatur zu fassen. Sind die Ureteren aber durch krebsige Infiltration oder auch 
durch Narbenmassen fixirt, dann werden sie natürlich nicht so leicht aus dem Wege 
geschoben und dann und wann einmal mitgefasst. Dies geschieht um so eher, je mehr 
der Operateur bemüht ist, seitwärts vom Uterus zu unterbinden und die dem krebsig 
entarteten Cervix benachbarten Partien des Lig. lat., welche ja die abführenden Lymph- 
geßsse und desshalb oft genug bereits Krebskeime enthalten, mit wegzunehmen. 
Jeder, der öfter Gelegenheit hat, den Uterus wegen Carcinom zu exstirpiren, wird 
ab und zu vor das Dilemma gestellt, entweder eine verdächtige Partie des Lig. lat. 
zurückzulasseu oder eine Ureterenverletzung zu riskiren. Ich habe mich in zwei der¬ 
artigen Fällen nicht entschliessen können, den Ureter zu opfern, weil die Infiltration 
noch weiter ging und es unmöglich schien, reine Bahn zu machen. Andere haben 
ein Stück des Ureters mitgenommen. Wenn es sich um circumscripte Knoten an 
demselben handelt, ist dies natürlich das richtige Verfahren. 

Gewöhnlich sind die Ureteren bei der Totalexstirpation nicht mit Absicht exci- 
dirt, meist auch nicht direct angeschnitten, sondern mit in die Ligatur resp. Klammer 
gefasst oder durch eine Ligatur, die in der Nähe angelegt wurde, so abgeknickt wor¬ 
den, dass ihr Lumen aufgehoben war. Geschieht der Verschluss auf beiden Seiten, 
dann sind die Symptome sehr allarmirend. Beschleunigter Puls, Erbrechen, Schmerzen 
in der Nierengegend, Kopfweh, Verfall weisen auf eine ernste Complication hin und 
der Catheter bringt keinen Tropfen Urin. Zweifel hat in einem solchen Fall 48 
Stunden p. 0. die Fäden auf der einen Seite, nach 6 Tagen die auf der anderen Seite 
gelöst und die Pat. gerettet, die nicht einmal eine Fistel bekam. Ein ähnlicher, aller¬ 
dings tödtlich verlaufender Fall ist aus der Klinik von Gusserow durch Hochstetter 
veröffentlicht. 

Bei einseitiger Unterbindung wird das Missgeschick gewöhnlich erst offenbar, 
wenn sich am dritten oder vierten Tage die urämischen Symptome zu gefahrdrohender 
Höbe steigern; sie schwinden sehr rasch, sobald die Ligatur durchschneidet und der 
gestaute Urin sich in die Scheide Bahn bricht. 

Ist die Fistel einmal da, so bietet ihre Diagnose gewöhnlich keine Schwierig¬ 
keiten. 

Schon die Anamnese wird darauf hinweisen. Die Kranken verlieren den Urin 
unwillkürlich aus der Scheide, haben dabei aber doch das Bedürfniss, die Blase von 
Zeit zu Zeit zu entleeren. Injectionen von Milch ergeben eine vollständig erhaltene 
Continenz der Blase, es fliesst auch dann kein Tropfen in die Scheide über, wenn das 
untere Stück des Ureters noch durchgängig ist. Eine Art von Klappenverschluss an 
der Ureterausmündung verhindert dss ßegurgitiren des Blaseninbaltes in die Harnleiter. 


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— 100 — 

Die unteren Harnleiterscheidenfisteln, welche an der vorderen Scheidenwand 
sit/.en, sind dem Auge bequem zugänglich zu machen. Viel schwieriger ist dies bei 
den oberen Fisteln, welche im seitlichen Scheidengewölbe und oft etwas hinter der 
Ebene der Vaginalportion ausmünden und erst sichtbar werden, wenn man in Steiss- 
rückenlage durch extreme Beugung der Oberschenkel das Becken soweit als möglich 
elevirt. Etwaige Zweifel über die Natur der Fistel werden durch die Einführung des 
Ureterencatheters beseitigt, welcher sich gewöhnlich leicht bis ins Nierenbecken vor¬ 
schieben lässt. Dagegen gelang die Sondirung des unteren Ureterstückes gegen die 
Blase zu von der Fistel aus in vielen Fällen nicht. 

Ich wende mich nun dazu, Ihnen die verschiedenen Heilungsmethoden vorzu¬ 
führen, welche man bis jetzt bei Harnleiterscheidenfisteln versucht bat. Die Nieren¬ 
exstirpation und den vollständigen Verschluss der Scheide lasse ich bei Seite, da sie 
nur ein Notbbehelf sind, auf den man höchstens zurückkommen wird, wenn alles 
Andere fehlgeschlagen hat. 

In erster Linie wäre die A e t z u n g zu nennen. Sie ist vor Ausbildung der opera¬ 
tiven Methoden mehrfach, so z. B. von Simon, Alquie, Panas angewendet und auch 
später noch von verschiedener Seite versucht worden, aber ohne Erfolg. Erst in neuerer 
Zeit sind einige Heilungen danach gesehen worden. Bedingung des Erfolges ist jeden¬ 
falls, dass es sich nicht um eine vollständige Durchtreunung des Ureters, sondern nur 
um ein kleines Loch in seiner unteren Wand handelt. Mündet der Ureter frei in die 
Fistel aus und besteht keine offene Verbindung mehr mit der Blase, so folgen auf die 
Aetzung und den dadurch herbeigeführten Verschluss des Ureters alsbald die Erschei¬ 
nungen der Harnstauung. 

Der Heilungsverlauf wird durch Aetzungsversuche in solchen Fällen nur ver¬ 
zögert, indem sieb an der Stelle des Schorfes eine Strictur bildet, die erst wieder 
beseitigt werden muss, bevor man weitergebt. Gibt die Sondirung Grund zur An¬ 
nahme, dass das Blasenende des Ureters noch offen ist und eine Aetzung das Loch 
im Ureter noch zum Verschluss bringen könnte, so ist es gewiss zweckmässiger, vor 
der Aetzung durch eine Wachsbougie oder, wio ich es versuchte, durch einen passen¬ 
den Zinnknopf die Fistel probeweise zu verstopfen. Man wird sie dann ohne weiteren 
Schaden wieder öffnen können, wenn Urinstauung eintritt. 

Die Reibe der operativen Heilungsversuche eröffnete Simon, welcher 
1S56 den ersten Fall einer Harnleiterscheidenfistel beschrieb und nach misslungener 
Aetzung folgendes Vorfahren an wandte: 

Die Fistel im Scheidengewölbe wurde in gewöhnlicher Weise quer angefrischt, 
dann von der Blase aus ein Catheter gegen die Fistel zu angedrängt und auf ihn 
eingeschnitten. Nachdem so die Fistel oder richtiger gesagt das Fistelende des Harn¬ 
leiters mit der Blase in Verbindung gesetzt war, wurde die Anfrischung nach der 
Scheide zu mit vier Nähten geschlossen. (Fig. 1.) Nach drei Stunden floss bereits 
wieder Harn ab und die künstlich hergestellte Blasenöffnung war bereits nach drei 
Wochen wieder verwachsen. Bei einem zweiten Versuch sollte Simon zweizeitig ope- 
riren. Zuerst sollte die Verbindung des Ureters mit der Blase wieder hergestellt nnd 
erst, nachdem diese gelungen, die Fistel unterhalb geschlossen werden. Als aber die 
Blasenöffnung rasch wieder verwuchs, trotzdem mehrfach zusammengedrebte Seiden- 


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101 


fäden durch die Fistel in die Blase und zur Harnröhre nieder herausgeführt und 
sechs Tage lang liegen gelassen worden waren, gab Simon weitere Versuche auf. 

Der Heilungspisn Simon' s 
scheiterte somit an dem raschen 
Verschluss des neugebildeten Ver- * 
bindungsganges zwischen Blase und 
Ureter. Der Orund, warum sich * 
dieser so schnell wieder schliesst, 
ist leicht einzusehen. Wenn man s ... 
einen Catbeter von der Blase aus 
gegen die Fistel im seitlichen Schei- * 
dengewölbe andrängt, so bildet man 
eine künstliche Ausstülpung der 
Blase, eine Art von Divertikel. 

Zieht man dann den Catheter, nach* 
dem auf ihn eingeschnitten und 
seine Spitze in der Fistel zu Ge¬ 
sicht gekommen ist, wieder zurück, 
so nimmt die Blase ihre normale 
Form wieder an, aus der Verbin¬ 
dung, welche man zwischen Blase 1 ^ r ' g ' 

und Fistel angelegt hat, wird ein 2. Künstlicher Verbindungsgang zwischen Ureter und Blase, 
mehr oder weniger langer Hohlgang 3. Steile des Fistelverschlnsses. 

(vgl. 2 in Fig. 1), der sich durch 6 

die Verschiebung der zwischenliegenden Gewebe leicht verlegt und zuwftchst. 

Später lehrte Simon, man solle an der Stelle der Fistel die Blasenwand durch¬ 
stechen, danach eine Sonde von der Blase durch diese Oeffnung in den Ureter ein¬ 
führen und auf derselben die Harnleiterblasenwand von der Blase aus auf eine Strecke 
von 1—1'/z cm nach oben schlitzen und die Ränder des Schlitzes mit der Sonde täg¬ 
lich auseinander drängen, bis die Vernarbung erfolgt sei. Nachdem so eine neue 
Ausmündung des Ureters in die Blase hergestellt ist, kann die Scheidenfiste] ange- 
frisebt und vereinigt werden. 

Genau nach dieser Methode ist nicht operirt worden. Dagegen haben Nicoladoni 
und Kaltenbach den Ureter geschlitzt und dann in derselben Sitzung die Fistel ge¬ 
schlossen. Das eine Mal trat Heilung ein, das andere Mal nicht. Die einfache Auf¬ 
schlitzung des Ureters genügt offenbar nicht um mit Sicherheit eine dauernde Aus- 
mündung des Ureters in die Blase herbeiznführen. 

Der chronologischen Reihenfolge nach kommt nun ein Vorschlag von Dudout 
(1869), der wenig beachtet worden ist, im Grossen und Ganzen aber bereits die Grund- 
zfige des späteren Schede 'sehen Verfahrens in sich enthält. Dies gebt aus der folgen¬ 
den, sehr klar gefassten Beschreibung Duclout's hervor: Si nous nous trouvions en 
|>räsence d’une fistule uretero-vaginale, nous essayerions avant tout d’arriver ä Ja 
gulrison radicale en ötabiissant au-devant de l’uretöre lösd une fistule vösico-vaginale 
artificielle, et celle-ci ötant sfirement ötablje, nous proeöderions ä la distance de 2 & 8 



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102 


millimetres des deux fistnies pour ainsi dire rdanies en une fistule urötöro-vösico- 
vaginale, ä l’avivement d’une zone de 5 ä 6 mm de largeur de la cloison vösico- 
vaginale; puis nous röunirions par la suture mdtallique la zone avivde corome s’il 
s’agissait d’une fistule vesico-vaginale circonscrite par le bord interne de l’arivement. 
De cette maniöre la portion intacte de la paroi vdsico-vaginale se trouverait tournde 

vers l’intdrieur de la vessie en m§me temps que la 
fistule urdtdro-vdsico-vaginale. 

Mit weiteren Vorschlägen trat 1876 Landau 
hervor. 

Er empfahl, zunächst zu versuchen, einen lan¬ 
gen elastischen Catheter in das renale Harnleiter- 
stfick einzuführen, dann das untere Ende des Ca- 
theters durch das vesicale Stück des Ureters in die 
Blase und von da durch die Harnröhre nach aussen 
zu führen. Zu beiden Seiten des freiliegenden Ca- 
theterstückes soll dann die Scheidenschleimhaut and 
mit ihr die untere Harnleiterwand im Längsoval an¬ 
gefrischt und über den Catheter vereinigt werden. 
(Vergl. Fig. 2.) 

Dieses Verfahren ist meines Wissens nie aus- 
gefnhrt worden nnd könnte nur da in Betracht kom¬ 



Fig. 2. 


men, wo die Oeffnung in ’ der Harnleiterwand klein und die Communication mit der 
Blase noch vollständig frei ist. Selbst wenn die Heilung gelänge, liegt die Gefahr 

einer nachträglichen Strictur an der Naht¬ 
stelle nahe. 

Im Falle das angegebene Verfahren 
nicht znm Ziele führe, schlägt Landau vor, 
in der Richtung und Ausdehnung des un¬ 
teren Harnleiterstückes in die Blase einzu- 
schneiden. Auf diese Weise wird die Harn¬ 
leiterfistel in eine gewöhnliche Blasenschei¬ 
denfistel verwandelt, an deren oberer Ecke 
der Ureter mündet. Nachdem ein Catheter 
wie früher in das renale Ende des Ureters 
ein- und durch die Blase zur Harnröhre her¬ 
ausgeführt ist, soll die Umgebung durch die 
Abtragung eines ca. 0,5 cm breiten Streifens 
der Scheiden- und Blasenschleimhaut im 
Längsoval angefrischt und durch tiefe, die Blase mittreffende Nähte in der Längs¬ 
richtung geschlossen werden. 

Nach dieser Methode, welche Fig. 3 veranschaulicht, wurde von Band'1, Bahn , 
Solowjeff und Hofmeier operirt. Der Erfolg blieb jedoch aus, offenbar weil beim 
Zuziehen der Nähte die Ureterenöffnung leicht zusammengepresst wird. Erst als matt 
beim zweiten oder dritten Versuch um die Ureter- und Blasenöffnuug einen Streifen 



Fig. 3. 

1. Ureterfistel. 

2. Künstliche Blasenfistel. 


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103 


Scbeidenschleimhaut stehen liess, der die directe Compression der Ureteröffnung ver¬ 
hindert und nach Schluss der Nähte eine Art von Rinne für die Urinableitung in 
die Blase bildete, wurden von Bandl und Solotojeff Erfolge erzielt. Winchel der 
gleich dasr erste Mal um die Ureteröffnung Schleimhaut stehen liess, sah sofort Heilung 
eintreten. 

Das Zurücklassen eines Streifens der Scheidenschleimbaut um die Ureter- und 
Blasenfistel ist auch das Wichtigste an der Modification des Zamfan’schen Ope¬ 
rationsverfahrens, die Schede 1881 angab und als zuverlässig erprobte (Fig. 4): Zu¬ 
nächst wird in der 
Nähe der Harnleiter¬ 
fistel eine für den. 

Finger durchgängige 
Blasenfistel angelegt 
und die Schleimhaut 
der Blase mit der 
Scheidenscbleimhant 
lippenförmig vernäht, 1 " 
um der späteren Ver¬ 
engerung der künst- s ~ 


Fig. 4. 

1. Ureterfistel. 

2. Künstliche BlaseaÖfümng. 


liehen Fistel vorzubeu¬ 
gen. In einer zweiten 
Sitzung erfolgt dann 
der definitive Schluss 
der Fisteln. Dabei wird 
so angefrischt, dass um 
die beiden Fisteln ein 
ca. 4 mm breiter Saum 
von Scheidenschleim¬ 
haut stehen bleibt, 
welcher nach dem Zu¬ 
ziehen der Nähte zu 
einer Rinne umgestaltet 



wird und die Ueberleitung des Harns aus dem Ureter in die Blase mit ziemlicher 
Sicherheit besorgt. 

Je weiter entfernt von den Fisteln man anfrischt, oder mit anderen Worten, je 
mehr Schleimhaut man stehen lässt, desto geräumiger wird der neugebildete Verbin¬ 
dungsgang zwischen Ureter und Blase. Wenn es nöthig erscheint, kann man das 
ganze seitliche Scheidengewölbe abschliessen (partielle Kolpokleise) und zu einer Art 
von Vorblase machen, die auf der einen Seite mit der Blase in Verbindung steht und 
in deren oberer Ecke der Ureter einmündet. 

Nach Schede haben Schate, Arie Oeyl, Gusserow, Hofmeier operirt und Heilung 
erzielt. 

Die bisher genannten Operationsverfahren haben das Gemeinsame, dass zwischen 
Ureteffistel und Blase ein neuer Weg hergestellt und für die Urinableitung ein verschieden 


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104 


langes Zviscbenstück eingeschaltet wird. Abweichend von diesem Princip hat man 
neuerdings versucht, das Problem der Heilung durch directe Einpflanzung des ver¬ 
letzten Ureters in die Blase zu lösen. Dies kann von der Scheide oder von der Bauch¬ 
höhle aus geschehen. scb*M<»i»p I >«i> 




Fig. 5. 


Den ersten Weg hat 
Mc. Arthur mit Qlflck be- 
” | ff o » r ~ schritten, indem er die Harn¬ 
leiterfistel Umschnitt, den 
Harnleiter ein Stück weit 
Bima- aus der Umgebung auslöste 
«raunt un( j j n e j ne künstlich an¬ 
gelegte Blasenscheidenfistel 
einnähte. In anderer Weise 
suchte Mackenrodt dasselbe 
Ziel zu erreichen. Er be¬ 
nützt die Lappenbildung, 
welche schon Winckel und 
Treub versucht hatten, und 
verfuhrt dabei so, wie Fig. 5 
andeutet: Nachdem bis dicht 
an die Fistel heran eine 
Blasenöffnung angelegt ist, 
wird um die Ureterfistel ein 
myrthenblattförmiger 
Schleimhautlappen abgelöst, 
der auf die Blasenöffnung 
geklappt und mit dem Bande 
der vorgezogenen Blasen- 
scbleimhaut vernäht werden 
kann. Ist das geschehen 
/ (Fig. ö),so schaut die Schleim¬ 
hautfläche des Lappens in die 
Blase; mit ihr ist natürlich 
auch die Ureteröffnung ins 
Blasenlumen invertirt. Es 
erübrigt dann nur noch, die 
Bänder der Scheidenwunde 
durch Knopfnäbte zu ver- 
schliessen. Das sinnreich er¬ 
dachte Verfahren hat sich in zwei Fällen als zuverlässig bewährt. 

Deo Weg durch die Bauchhöhle haben Novaro, Baty und Chaput eingeschlagen. 
Der erstere trennte den Ureter nach Exstirpation der linksseitigen erkrankten Adnexa 
und nähte ihn fächerförmig in zwei Schichten in die eröffnete Blase ein. Die Einhei- 
lung gelang. Baty machte die , Ureterocystoneostomie“, d. h. er schnitt den Ureter 


Fig. 6. 


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105 


na; an und nflhte die Ureteröffnung mit der Blasenincision zusammen. Chaput bat den 
ftr Ureter ins Colon eingepflanzt, ein Verfahren, das von seinem Erfinder selbst wegen 

der drohenden Infection der Niere als etwas bedenklich angesehen wird. 

Hieinit, m. H.! habe ich Sie Aber den jetzigen Stand der Therapie bei Harn¬ 
te leiterscheidenfisteln orientirt und gehe nun dazu Aber, meine eigene Beobachtung mit¬ 
te zotheilen: 

n* Frau 0. H., 30 Jahre alt, hat mit 24 Jahren geheirathet und viermal normal 

g geboren. Dazwischen fallen zwei Aborte. 

Die fünfte Geburt begann Nachts 11 Uhr und zog sich nach frühzeitigem Wasser- 
f abgang wegen „Krampfwehen“ bis zum anderen Tage hin. Näheres über die Stellung 

' des vorliegenden Kopfes war nicht zu eruiren. Abends 7 Uhr wurde die Zange ange- « 

legt. Beim Einführen des zweiten Löffels fühlte die Frau plötzlich einen heftigen 
! Schmerz in der rechten Seite, der auch nach der Extraction noch anhielt. Am näch¬ 

sten Tag bildete sich in der rechten Seite ein „harter Knollen“. Als am dritten Tag 
das Wasser zu laufen anfing, „war der Knollen verschwunden“. Im Uebrigen verlief 
das Wochenbett fieberfrei. 

Zehn Wochen p. part. war der Genitalbefund folgender: Die äusseren Theile und 
noch dazu die Innenfläche der Oberschenkel wurden von einem nässenden Eczem ein¬ 
eingenommen, das der Patientin die meisten Beschwerden machte. Aus der Scheide floss 
beim Stehen beständig, beim Liegen schubweise klarer Urin ab. Beim Touchiren fühlen 
sich die Scheidenwände hart und infiltrirt an, der Uterus liegt mit dem Corpus nach 
links, die Portio ist nach rechts gezogen. Das linke Scheidengewölbe ist frei und leicht 
eindröckbar, rechts neben der Portio kommt der Finger dagegen in einen Trichter mit 
rauhen und starren Wänden. 

Die Spiegeluntersuchung ergibt ein Eczem der Scheidenhaut, die stellenweise eben¬ 
so wie die Portio mit grauwoissen Schorfen bedeckt ist. Rechts neben der Portio öffnet 
sich eine Spalte mit Übelaussehenden zerklüfteten Wandungen, aus der Urin abträufelt. 

Die Blase ist continent, wie die wiederholte Anfüllung mit Milch beweist und auch schon 
aus dem Umstande hervorgeht, dass die Kranke 1—2 mal täglich eine Gesammtmenge 
von 4—500 gr Urin durch die Harnröhre entleert. 

Als die Diagnose einer oberen, rechtsseitigen Harnleiterfistel feststand, schienen mir 
die Verhältnisse für eine Heilung von der Scheide aus so ungünstig, dass ich ernstlich 
an die Aufsnchung des Ureters in der Bauchhöhle oder die Nephrektomie dachte. Die 
Patientin lehnte jedoch jeden mit Gefahr verbundenen Eingriff ab und blieb somit nichts 
übrig, als die Behandlung von unten her zu beginnen. 

Da in dem tiefen, starrwandigen Spalt des rechten Scheidengewölbes nichts zu 
operiren war, musste eine Vorbereitungscur vorausgeschickt werden, welcher sich die 
Frau mit grosser Ausdauer und Geduld unterzog. Durch die vereinte Wirkung der 
warmen Injectionen, der Tamponade und der täglich ausgeführten Massage gelang es 
nach drei Wochen die Ausmündung der Fistel zu sehen und zu sondiren. Der Catheter 
ging aufwärts bis zum Nierenbecken, abwärts dagegen nicht ganz bis zur Blase. Nach 
weiteren fünf Wochen war die Umgebung der Fistel so weit gedehnt, dass, sich die 
Portio nach links und auch besser herabziehen liess und das Operationsgebiet, wenn auch 
nicht in ganzer Ausdehnung auf einmal, so doch in einzelnen Partien nacheinander bloss¬ 
gelegt werden konnte. 

Es war nun zu entscheiden, wie man verfahren wollte. Aetzungen waren ausge¬ 
schlossen, da bei einem probeweisen Verschluss der Fistel mit einem Zinnknopf alsbald 
Stauungssymptome sich geltend machten. 

Von der Mackenrodt 'sehen Lappenmethode hätte, auch wenn sie damals schon 
publicirt gewesen wäre, wegen der narbigen Beschaffenheit der Umgebung abgesehen 
werden müssen. Die Lappenmethode setzt eine intacte, weiche und verschiebliche 


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106 


Soheidenschleimhaut und eine Uebersichtlichkeit des Operationsfeldes voraus, wie sie wohl 
bei Fistelbildungen nach der Totalexstirpation vorkommt, aber bei Fisteln durch ein 
Geburtstrauma nicht immer gegeben ist. 



Es wurde also beschlossen, das 
Duclout - Landau - Schede'sehe Ver¬ 
fahren anzu wenden. 

Die Anlegung und Umsäumung 
der Blasenöffnung wurde leicht bewerk¬ 
stelligt, es gelang die Schleimhaut der 
Blase bis dicht an die Fistel heranzu¬ 
nähen. Trotzdem schienen mir nach acht 
Tagen die Verhältnisse für einen defini¬ 
tiven Verschluss noch nicht sehr geeig¬ 
net. Zwischen der Ureterausmüqdung 
und der Blasenöffnung sprang noch ein 
Gewebswulst spornartig hervor. Er 
hätte den freien Abfluss des Urins 
in die Blase sicher verhindert, wenn 
man mit der ‘Anfrischung bis auf 
einige Millimeter an den Band der 
Fisteln herangegangen wäre. Mit der 
Anfrischung aber weiter zurückzublei¬ 
ben und das ganze rechte Scheiden¬ 
gewölbe als Verbindung«- und Leitungs- 
weg für den Urin zu benützen, dies 
schien mir in Rücksicht auf die 


Fig. 7. späteren Folgen nicht räthlich. Die 

Erfahrung zeigt, dass in solchen abgeschlossenen Partien der Scheide, welche zu Urin¬ 
behältern gemacht werden, nicht selten Harnsalzincrustationen, Steinbildung, Entzündungen 



auftreten und den anfänglichen Erfolg wieder 
zu nichte machen. 

Viel richtiger musste es sein, den „Sporn* 
wegzuschaffen. Dann mündete das untere 
Stück des Ureters direct in die Blase und man 
konnte die Fisteln direct am Rande verschlies- 
sen. Dies wurde in einer zweiten Sitzung 
ausgeführt; ich schnitt den Gewebswulst schritt¬ 
weise ab und vernähte die Blasenschleimhaut 
durch fünf Seidenfaden mit der Seitenwand 
des Ureters. Dabei hat eine zwar nicht starke, 
aber in der Tiefe schwer zu beherrschende 
Blutung aus einer kleinen Arterie am meisten 
zu schaffen gemacht. Ich würde desshalb in 
einem neuen Fall, der ebensoschwer zugänglich 
wäre, den Sporn nicht mit der Scheere abtra¬ 
gen, sondern nach Analogie der Dupuytren 'sehen 
Darmscheere in eine passende Klemme fassen. 
Lässt man diese liegen, bis sie von selbst abfallt, 


Fig. 8. so ist gewiss eine Verbindung des Ureters mit 

Aussehen der Fistel nach Wegnahme des Sporns, der Blase hergestellt, die nicht mehr zuwächst. 


Als in unserem Falle nach weiteren acht Tagen die Fistel wieder blossgelegt wurde, 
waren die Verhältnisse noch günstiger geworden, als sie schon bei der Operation schienen. 


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107 


oh! Der Ureter hatte sich mehr nach oben gezogen, von einem Sporn war nichts mehr zu 

;ii gehen, es fand sich nur noch eine Fistelöffnung, die nach links breit in die Blase führte 

und nach rechts hoch oben die Ausmündung des Ureters znr Noth noch erkennen liess. 
ji (Fig. 8.) Sie wurde bis nahe an den Band hin angefrischt und heilte p. pr. Die ganze 

Behandlung hat drei Monate in Ansprnoh genommen, wovon allerdings die grösste Zeit 
auf die Yorbereitnngscur fällt. Die Patientin ist heute naeh einem Jahr vollständig wohl 
and ohne Urinbeschwerden. 

Für solche Harnleiterscheidenfisteln, welche weit oben im seitlichen Gewölbe 
' sitzen und durch narbige Veränderung der Umgebung complicirt sind, glaube 
ich die eben beschriebene Art des Vorgehens empfehlen zu können. Sie ver¬ 
meidet die Nachtheile der partiellen Kolpokleisis und lässt sieb, wie ich mich 
fiberzeugt habe, auch unter den scheinbar ungünstigsten örtlichen Verhältnissen noch 
durchführen. J ) 


Kleinere Mitteilungen. 


Zwei Fälle von Kohlenoxydvergiftung. 

Am 21. März 1894, Nachmittags l f /2 Uhr, wurde ich dringend in ein hiesiges 
Hötel gerufen, da dort zwei Menschen am Sterben lagen. Als ich ins Zimmer trat, bot 
sich mir ein trauriger Anblick. In einem nach Senfol, Campher, Aether und allen 
möglichen Belebungsmitteln duftenden Raume lagen auf zwei Betten zwei röchelnde 
Menschen. 

Die Frau schien verloren; sie bot die deutlichen Zeichen eines sehr starkon 
Lungenödems. Aus der Ferne hörte man bei den schon unregelmässigen Atbem- 
zögen, die den Rhythmus des Cheyne-Stokes 'sehen Phänomens deutlich zeigten, jenes 
unheimliche, grossblasige Rasseln. Der Puls war sehr beschleunigt und kaum zu 
fühlen. Anf Hautreize reagirte Patientin gar nicht mehr. Ebensowenig hatte der 
hie und da gebotene reine Sauerstoff irgend welchen günstigen Einfluss auf Athmung 
oder Herzthätigkeit. 

Auf der linken Mamma hatte sich in Folge einer Aetherinjection eine über 2 Fr.- 
Stück grosse Sugillation gebildet, die jene characteristische hellkirschrothe Färbung zeigte. 
Die Bulbi waren nach oben rotirt. 

Ich ordnete sogleich künstliche Athmung an und liess dazu vier kräftige Packträger 
holen, die ihre Aufgabe bald begriffen. Die Bewegungen wurden so ausgeführt, dass 
ich auf beiden Seiten zugleich von je einem Manne die Arme bis zur vollständigen 
Streckung im Acbselgelenk erheben, dann wieder nicht allzurasch herunterschwingen und 
zu gleicher Zeit von beiden Seiten einen massig kräftigen Druck auf den Thorax ausüben 
liess. Nach 4 Stunden solcher unaufhörlicher Arbeit hatte sich der Puls etwas gehoben; 
das Lungenödem hatte ein wenig abgenommen. Dennoch reagirte Patientin noch nicht 
deutlich auf Hautreize und war auch nicht im Stande, allein zu athmen. Sich selbst 
überlassen verflachte sich die Respiration allmählig, um schliesslich still zu stehen. Die 
Patientin hatte zu dieser Zeit Stuhl und Urin unter sich gehen lassen. 

Nach weiteren 3 Stunden künstlicher Athmung, wobei hie und da reiner Sauerstoff 
gegeben wurde, war die Besserung noch mehr vorgeschritten, so dass das grossblasige 


a ) Ans einer mir kürzlich ingekommenen, im November 1894 ausgegebenen Abhandlung 
Dtihrssen's (Samml klin. Vortr. N. F. Nr. 114) ersehe ich, dass er in ähnlicher Weise verfuhr. 
Die örtlichen Verhältnisse (Fistel nach VaginoÜxation) gestatteten ihm, alle drei Acte der Operation 
in einer Sitzung vorzunehmen. 


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108 


Rasseln nicht mehr zu hören war; doch war Patientin noch nicht im Stande, selbstständig 
zu respiriren. Der Puls wurde bei Einstellen der Athmnng immer wieder schneller und 
schwächer. Wieder war eine Urinentleerung erfolgt; der Harn schien röthlich gefärbt 
zu sein. Patientin wurde rasch in ein anderes Bett gelegt und ich versuchte nun die 
Faradisation des Phrenicus am Halse. Die Athmung stellte sich darauf ein, wurde aber 
nach und nach doch wieder oberflächlicher und unregelmässig, so dass ich mich ent¬ 
schloss, die könstliche Respiration ununterbrochen bis morgens 5 Uhr vom 22. März 
fortführen zu lassen. Um diese Zeit reagirte die Frau schon auf Anrufen. Nach noch¬ 
maliger wiederholter Phrenicusfaradisation blieb die Athmung auch spontan auf gleicher 
Höhe. Die künstliche Respiration konnte nun vollständig ausgesetzt werden, nur hie 
und da musste ich noch den faradischen Pinsel an wenden. Bis gegen 7 Uhr war die 
Besserung so weit vorgeschritten, dass bloss das Geräusch des Ampere ?sehen Hammers 
genügte, um die Athemzüge zu vertiefen. 

Patientin erholte sich sehr rasch, sogar auffallend bald stellte sich vollständige 
Besinnlichkeit wieder ein. Sie erkundigte sich nach ihrem Manne und nach allem Vor¬ 
gefallenen, nahm auch an Allem, was um sie vorging, überraschend regen Antheil. Sie 
Hess spontan Urin, der an Menge und Aussehen nichts Auffallendes bot. Die Symptome 
des Lungenödems waren vollständig geschwunden. Nur noch am rechten untern Lungen¬ 
lappen hinten Hess sich eine deutliche Infiltration nachweisen mit Dämpfung und klein¬ 
blasigen Rasselgeräuschen. Hier bildete sich eine deutliche hypostatische Pneumonie aus, 
die aber nur zweimal leichte abendliche Temperatursteigerungen hervorbrachte, und nach 
sechs Tagen vollständig sich zurückgebildet hatte. In der Folge haben sich auch keinerlei 
Lähmungen eingestellt. Der Injectionsschorf an der linken Mamma plagte sie noch lange 
und als die beinahe handtellergrosse, exeoriirte Stelle nicht mehr eiterte and statt des 
Schorfes gesunde Granulationen sich entwickelt hatten (nach 10 Tagen), reiste Patientin 
ab und liess nichts mehr von sich hören. 

Der Mann, dessen Intoxication nicht so schwer schien, reagirte schon Anfangs auf 
starke Hautreize mit einer Respiration. Er konnte sogar bald nach meinem Eintreffen 
durch lautes Anrufen für Augenblicke aus dem 8chlaf geweckt werden. Der Puls war 
beschleunigt und schwach, die Temperatur war herabgesetzt. Die spontanen Athemzüge 
waren nur ganz oberflächlich. Auf den Lungen waren die Zeichen eines beginnenden 
Oedems vorhanden, Gesicht gedunsen und cyanotisch verfärbt. Auch bei ihm sah man 
an den Stellen der Aetherinjectionen ganz hellkirschrothe Sugillationen. Nachdem Patient 
zwei Stunden lang durch alle möglichen Hautreize und Anrufen zu tiefem Athem- 
zügen gezwungen und ihm hie und da reiner Sauerstoff zur Athmung gereicht wor¬ 
den war, hatte er sich allmählig soweit erholt, dass er auf lautes Anreden richtige 
Antworten gab. Er nahm jetzt auch etwas Flüssigkeit zu sich, etwas Champagner und 
Limonade, Anfangs nur löffelweise, doch erfolgte niemals Verschlucken. Der Puls erholte 
sich sehr langsam und mit Intermissionen. Eine Campherinjection hatte guten Einfluss. 
Von ganz auffallender Wirkung waren jedesmal einige Athemzüge reinen Sauerstoffes; 
der Puls wurde kräftiger, voller und regelmässiger, die Athemzüge tiefer und langsamer. 
Eine grosse Schlafsucht war fortwährend vorhanden; es war schwer den Mann wach zu 
halten. Liess man ihn unbeachtet, so war er augenblicklich fest eingeschlafen; dann 
wurden die Athemzüge rascher und oberflächlicher, der Puls nahm an Schnelligkeit zu, 
an Intensität ab. Das jedesmalige Aufwecken aus einem solchen Schlafanfelle er¬ 
forderte ziemliche Anstrengungen und hie und da mussten ganz starke Reize angewendet 
werden. 

Nach und nach fing er an etwas gesprächiger zu werden ; auf Befragen konnte er 
ganz gut Begebenheiten aus seiner früheren Vergangenheit und aus seiner Heimat er¬ 
zählen. Ueber die letzte Vergangenheit konnte er keinen Bescheid geben, kaum erinnerte 
er sich noch, dass er sich auf der Reise befand. Alles was um ihn vorging, schien ihn 
nicht zu interessiren; er glich mehr einem im Schlaf Redenden und Handelnden. Patient 


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109 


äodi? g&88, wenn man sieb nicht mit ihm unterhielt, Anfangs ganz apathisch mit lächelndem 
Ausdruck da und war nach einigen Secunden eingeschlafen. 

IW: Patient hatte seit 8 Uhr Abends vom 20. keinen Urin mehr gelassen. Auch jetzt 

dt war trotz mehrmaliger Versuche kein Tropfen entleert worden. Die Blase war nicht 

liier gefällt. Gegen Mitternacht wurden seine Athmungen auch spontan regelmässiger und 

ea(. tiefer; er blieb sogar 4 bis 5 Minuten ohne Anrufen wach. Ich Hess ihn um 1 Uhr 

in schlafen, weckte ihn nach einer halben Stunde wieder; da Puls und Athmung sich nicht 

& verschlechtert hatten, Hess ich ihn nun bis Morgens 7 Uhr ohne Störung schlafen. Auf 

ier den Lungen konnte ich keine Spur von Oedem mehr nachweisen. 

iif Als Patient Morgens geweckt wurde, war das Sensorium noch nicht ganz frei; 

; e auch konnte er sich noch nicht allein auf den Beinen halten. Etwa eine Stunde später 

r* entleerte er ca. 100 ebem eines sehr dunkeln trüben Harnes, der viel Eiweiss und reich¬ 

lich Sedimente enthielt. Eine genauere Untersuchung konnte ich nicht machen, da die 
> Probe unglücklicherweise unterwegs ausgeleert wurde. Das Sensorium wurde nach und 
nach besser und bald war wieder vollständige Besinnlichkeit vorhanden. Bei ihm und 
bei seiner Frau war die Zeit von Abends vor der Vergiftung bis auf diesen Morgen 
vollständig aus dem Bewusstsein gestrichen. Gegen Mittags wurde eine reichliche Menge 
normal gefärbten und klaren Harnes entleert, der nur noch Spuren von Eiweiss zeigte. 
Die vollständige Genesung trat ohne Complicationen und ohne irgend welche Nachkrank¬ 
heit sehr rAsch ein. 

Ueber die Entstehung der Vergiftung konnte ich folgendes erfahren. Die beiden 
Patienten batten Nachmittags das Zimmer mit einem der hier gebräuchlichen, eisernen 
Füllöfen mit sehr kurzem Rohr heizen lassen. Das Rohr ist ca. 60—100 cm lang, je 
nach der Dicke der Mauer, durch welche es unter dem Fenster direckt nach aussen ge¬ 
leitet wird. Sie hatten sich diesen Ofen Nachts noch einmal füllen lassen und die zur 
Regulirung dienende Thüre geschlossen. Morgens waren sie nicht erwacht und gegen 
Mittag in dem beschriebenen Zustande gefunden worden. 

Es fallt mir auf, dass bei diesen zwei Personen die unter beinahe gleichen 
Verhältnissen eingeathmete, wahrscheinlich auch annähernd gleich grosse Menge Kohlen¬ 
oxyds zwei von einander so deutlich verschiedene Grade von Intoxication hervorgebracht 
hat. Die Lähmung war bei der Frau doch bei weitem mehr fortgeschritten als bei dem 
Manne, der noch dazu näher an der Gas spendenden Quelle lag. Bei der Frau konnten 
durch Hautreize keinerlei Reflexe erregt werden; nicht einmal stärkste Reizmittel wie z. 

B. Aether subcutan, vermochten weder Respiration noch irgend eine andere Bewegung aus¬ 
zulösen. Auch das Einathmen von reinem Sauerstoff war Anfangs ganz ohne jeden Erfolg. 

Nur die künstliche, lange (über 15 Stunden) fortgesetzte Respiration hat, vermuthe ich, in 
diesem Falle das Leben gerettet. Ich glaube aber doch nicht, dass hier mehr Kohlen- 
oxydhaemoglobin gebildet worden sei, als bei dem Manne, sondern es erscheint mir eher 
annehmbar, dass in diesem Falle die von verschiedenen Autoren angenommene direct 
nervenlähmende Wirkung des Kohlenoxyds in Ersoheinung getreten aei, und dass die 
Verschiedenheit des Krankbeitsbildes durch verschiedene subjective Empfindlichkeit für 
dieses Gift erklärt werden könne. 

Bei dem Manne konnten ja durch Hautreize schon von Anfang an reflectorische 
Athmungen angeregt werden, und hob sich bei ihm schon von Anfang an bei Respiration 
von reinem Sauerstoff Athmung und Herzthätigkeit. Dagegen schienen bei ihm die 
psychischen Centren mindestens gerade so stark afficirt gewesen zu sein, wie bei seiner 
Frau, denn vollständiges Bewusstsein und wirkliche Besinnlichkeit traten bei ihm erst 
nächsten Tages Morgens, lange nachdem schon die Athmung und Herzthätigkeit normal 
geworden waren, auf, sogar ziemlich viel später als bei seiner Frau. 

Dr. Wild (Rom). 


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110 


Une ovariotomie double dans le campo argentin.') 

Relater uno ovariotomie executee dans une salle d’operation de Tun des nombreux 
höpitaux de Buenos Aires ou de Rosario ne serait, certes, pas chose nouveile et n’offrirait 
k coup sür que peu d’interSt pour les lecteurs du Correspondenzblatt; je crois qu’il n’en 
sera pas de m£me de la relation de l’extirpation d’un kyste ovarique du poids de 25 
kilos exäcutee le 29 aoüt dernier dans la colonie de San Carlos, province de Santa F6, 
par le Docteur Michel Trucco et Albert Roten , medeciu, k San Gtäronimo dans la demenre 
de la malade. Cette Operation, de ma oonnaissance, et au dire de tout le monde, 
la premi&re qui se soit ox6cut6e dans nos colonies, offre assez d’interdt pour que je me 
permette d’entrer dans tous les details. 

Rosa B ., 21 ans, fi.Uo de Ptämontais, emigres il y a environ 30 ans dans la R6- 
publique Argentine, a joui d’une parfaite sante dans toute son enfance. Menstruee k 
l’&ge de 14 ans, les rägles restärent normales pendant 3 ans, puis suppression compläte. 
En m£me temps que cessait la menstruation, le Systeme pileux de tout le corps de 
la jeune fille prenait un däveloppement, qui tout d’abord n’effraya pas son entourage, 
mais qui ne tarda pas k prendre des proportions si alarmantes que la jeune Rosa se vit 
obligee de se raser 3 fois par semaine. C’est ce qui l’amena k ma consultation. A 
premicre vue, on se serait cru en presence d’un homme et non d’une jeune fille de 
21 ans, car son corps n’offrait pas ces contours onduleux et gracieux que nous sommes 
habitues k retrouver chez le sexe faible. L’expression des yeux 6tait e trän ge et d’une 
energie toute virile, la demarche, les gestes, la voix, les expressions, la force musculaire, 
tout en un mot etait masculin. Frapp6 de cet ensemble, je me mis k douter, tout d’abord, 
du sexe de la malade, et r6clamai une visite plus intime qui me fut refusee categori- 
quement, mais que je pratiquai quand-m£me quelques jours plus tard. Les Organes 
genitaux ne presentaient, k part un clitoris fortement developpe, aucune anomalie; les 
seins etaient rudimentaires et la poitrine velue comme celle d’un homme. A l’examen 
interne combinä, je decouvris dans le parametrium droit une tumeur, de la grosseur d’une 
orange, tr&s teodue presentant de la fluctuation et träs mobile. J’avais dejä vu, pendant les 
deux annees que j’avais passees comme interne k l’hdpital cantonal d’Aarau un cas k peu 
präs semblable: Systeme pileux fortement developpe chez une femme affligee d’un kyste 
dermoide de l’ovaire. J’admis donc aussitöt un kyste ovarique, de nature probablement 

dermoYde et je lui attribuai la barbe de ma diente. Quand je parlai d’op6ration Rosa 

B. ne voulut pas en entendre parier et je ne la revis qu’une ann6e et demie apräs. 

Pendant ce temps R. B. s’ätait rendue a Buenos Aires pour consulter un medecin italien, 

ancien Chirurgien de l’hdpital italien de cette ville, qui nia l’existence d’un kyste ovarique 
et mit sur le compte de l’anemie l’amenorrhee de la malade. Son traitement ne fut 
par consdquent que symptomatique. Mais pendant ce temps, l’abdomen de notre demoi- 
selle, qui, jusqu’alors n’offrait rien d’anormal, se mit k prendre des proportions toujours 
plus alarmantes; les mauvaises langues qui ne manquent pas plus ici qu’en Europe se 
mirent de la partie, bref, aprds un bal oh notre jeune fille avait danse toute la nuit, eile 
dut s’alliter. Je fus de nouveau appeld k lui donner mes soins; mais quel changement s’dtait 

J ) Die obige Mittheilung ist von folgendem Briefe begleitet: 

San Gäronimo, 22 Septembre 1894. 

Trfcs honore monsienr et coll&gue. 

Accedant & votre däsir tant de fois exprimä dans le „Correspondenzblatt“ dont je snis lectenr 
assidu, de recevoir quelques correspondances ae mädecins suisses expatriäs, je vons envoie, ci-joint, 
une relation sur une ovariotomie double que je viens d’exäcuter en collaboration avec nn de mes 
coll&gues de Santa F4, le Dr. Trucco. Je vons serai reconnaissant de la publier, si toutefois vons 
jngez qn’elle präsente qnelqne intäret pour les lecteurs de votre jonrnal. 

Du fond du Campo argentin, de la colonie San Gärouimo oü je suis ätabli depnis cinq ans, je 
vous envoie, träs honore monsieur et coll&gue, mes patriotiques salutations et k la Suisse, mon inou- 
bliable patrie, mes voenx les plns ardents de grandeur et de prospäritä. 

Votre tont dävonä Albert Roten, mäd. prat. 


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111 


opörödepuis une aunee et demie que je n’avais plus tu ia malade! Rosa B. 6tait amaigrie 
* et p&lie, l’abdomeu etait enorme, tendu et presentant partout une fluctuatiou evidente ; eile se 
plaignait de dysurie, de douleurs de cöte, d’ötouffement, etc. Un examen minutieux et 
uoe poncdon faite avec la seringue de Pravaz cou firmeren t mon premier diagnostic. Je 
demandai aussitöt une consultadon avec un autre de mes confreres, le Dr. Trucco , pour 
corroborer mon dire, et je fis bien comprendre que l’opöration seule pouvait maintenant 
saurer la malade, dont l’etat ötait vraiment trös grave. La consultadon eut lieu le 28 juillet 
et vu l’etat de prostration dans lequel nous trouvämes la malade, nous dümes nous borner 
k faire une ponction. Par oette pedte Operation faite suivant toutes les rögles de l’anti- 
sepsie, nous övacuions dix litres environ d’un liquide jauu&tre qui prit, immediatement apres 
sa sortie, une consistence gelatineuse et que l’analyse nous dömontra ötre de la paralbu- 
mine mdlee k une grande quantite de matiöre colorante biliaire. La malade se sentit allögee 
aussitdt, mais com me quelques jours plus tard la tumeur augmentait de nouveau, 1’Opera¬ 
tion radicale fut decidee pour le 29 aoüt. Nous avions un local tout 4 fait favorable et, 
pour ainsi dire, exceptionnel, car l’habitation de la famille etait neuve et n’arait pas 
memo encore servi. Apres les soins de proprete ordinaires, bains, lavage au saron et 
au sublime, nous firnes sur la linea alba une incision partant de la symphyse pubienne 
et se prolongeant jusqu’ä l’ombilic; pendant l’operation nous fümes contraints par la 
grandeur de la tumeur de la prolonger jusqu’ä deux centimetres au-dessus. Nous arrivämes 
sur une tumeur k surface blanche argentöe, transparente par places, et apres nous etre 
assures qu’il n’y avait pas d’adherences trop fortes, nous en firnes l’incision sur une 
longueur de 10 centimetres. Le liquide s’echappa aussitdt du plus grand *sac, et nous 
vlmes immediatement que nous avions de van t nous un kyste multiloculaire. Nous attirämes 
peu a peu le sac rendu flasque au-debors, et apres avoir detachö du tranchant de la 
main, quelques adherences avec l’epiploon, nous firnes avec de la soie une triple ligature 
du pedoncule; en quelques coups de ciseaux la tumeur fut extirpee. En examinant le 
cdte gauche nous constatämes k notre grand ötonnement que l’autre ovaire etait degönerd 
en une tumeur multiloculaire kysteuse de la grosseur d’un poing. En l’attirant vers 
l’ourerture le liquide qui s’y trouvait s’echappa dans la cavit6 abdominale, car les parois 
en ötaient excessivement minces. Nous enlevämes cette seconde tumeur avec la trompe 
de Follope qui y adh&rait, de la möme maniöre que la preroiöre. Desinfection des tron$ons 
de pedoncules au sublime, toilette du pöritoine et de la cavite abdominale k la gaze iodo- 
formee, puis suture k etages, du peritoine au catgut, des muscles et de Ja peau k la soie. 

L’operation avait dure 1 heure et demie, et vu la mauvaise qualitö du pouls, nous 
n’avions tenu la patiente qu’en demi narcose. Immediatement apres l’operation survint 
un peu de collaps dont quelques excitants eurent bientöt raison. L’etat de la malade, 
sauf un peu de retention d’urine au d&but, resta excellent et au dixidme jour seit le 7 
septembre nous enlevions les points de suture, la plaie s’etant guerie per primam inten- 
tionem. La tempdrature ne s’eleva qu’un seul jour un peu au-dessus de la normale, et 
le quinziöme jour aprds l’operation la malade se levait. A. Boten . 


Zur Stellung der örtlichen Gesundheitsbeamten in England, innerhalb des 
Rahmens der Sanitätsverwaltung. 

(Schluss.) 

Gemäss der allgemeinen Sanitätsgesetzgebung von 1872 und 1875 kam in Bezug 
auf den Umfang der örtlichen Gompetenzen die Verschiedenheit zwischen städti¬ 
schen und ländlichen Sanitätsbezirken vorab in Betracht. Ersteren wurde, 
entsprechend der grösseren Complicirtheit städtischer Verhältnisse, schon in Bezug auf 
Nuisances ein weiterer Spielraum gezogen, sei es, dass solche vorzugsweise nur hier zu 
Tage traten, wie z. B. das Vorhandensein von Kellerwohnungen, oder denselben eine 
grössere Wichtigkeit wegen Belästigung der Nachbarschaft zukam, z. B. in Betreff der 


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112 


Oberflächendrainage, übelriechender Betriebe u. 8. w. Für die ländlichen Bezirke hinwieder 
liess man es bei gewissen primitiven Anforderungen, hinsichtlich Reinhaltung der Woh¬ 
nungen und ihrer nähern Umgebung und Oontrolle der Arbeiterherbergen, bewenden. 
Was die weitergebenden Competenzen facultativer Natur anbelangt, so waren diese eigent¬ 
lich generell für städtische Verhältnisse zutreffend, wenn auch die ländlichen Bezirke 
in Bezug auf die dringlichsten Reformen, der Wasserversorgung und Canalisation, nicht 
ausgeschlossen blieben; letzteres war auch der Fall mit den auf Verhütung anstecken¬ 
der Krankheiten gerichteten Massnahmen. Dabei trug jedoch die Gesetzgebung Vorsorge, 
um, wo es die Umstände erforderten, den ländlichen Bedürfnissen ebenfalls in höherem 
Masse gerecht zu werden. Irgendwelche, städtischen Behörden eingeräumte Befugnisse 
konnten vom Centralamt auch einer ländlichen Behörde, auf deren oder der betreffenden 
Steuerzahler (wenn sie Yio des Grundbesitzes repräsentirten) gestelltes Gesuch, sei es für 
den ganzen Bezirk oder einen bestimmten Theil desselben, übertragen werden ($ 276 
P, H. A. 1875). Um den localen Verhältnissen besser Rechnung tragen zu können, 
war es ländlichen Bezirken gestattet, einen abgesonderten Theil als sogenannten Drainage¬ 
distrikt für sich zu formiren, zur Durchführung von Entwässerungsanlagen oder andern 
Assanirungsarbeiten. Ebenso konnten umgekehrt mehrere städtische und ländliche Be¬ 
zirke zu gewissen Zwecken: Canalisation, Errichtung eines gemeinsamen Isolirspitals 
u. s. w. sich unter einem sogenannten Joint Board zusammenthun. Es waren das, in Anbe¬ 
tracht der oft so complicirten Rechtsverhältnisse hinsichtlich Besteuerung, Expropriation 
u. s. w., keineswegs gering anzuschlagende Auskunftsmitte], einer guten Bache eher 
zum Durchbruch zu verhelfen. Es versteht sich, dass auch für die Umwandlung länd¬ 
licher Bezirke, sei es ganz oder theil weise in städtische, Verschmelzung und Aenderung 
der Bezirksgrenzen ausreichend Fürsorge getroffen war. In all’ diesen Fällen war das 
Departement, nach vorgängiger Untersuchung und mit Beobachtung gewisser Fristen und 
Cautelen behufs Wahrung der Rechte von Privaten, competent, durch provisorische Ver¬ 
fügung, unter Vorbehalt parlamentarischer Genehmigung, das Nöthige anzuordnen. Da¬ 
bei darf nicht übersehen werden, dass ausser den auf die allgemeine Gesetzgebung sich 
stützenden Competenzen der Localbehörden, immerfort auch noch die sogenannte Local - 
gesetzgebung einherging, behufs Erwirkung besonderer Competenzen bei grösseren Unter¬ 
nehmungen in Bezug auf Expropriation, Steuererhebung, AnleihensVollmachten etc.; 
nebenbei diente dieser von früher herdatirende Modus mit Vorliebe auch zur vorläufigen 
Erprobung neuer, legislatorischer Impulse, so z. B. bei Einführung der gesetzlichen An¬ 
zeigepflicht (vgl. Corr.-Bl. 1891, S. 117). 

Beim Blick auf die Mannigfaltigkeit der Befugnisse und Obliegenheiten 
braucht man sich nicht zu verwundern, wenn gerade eine fortschrittlich gesinnte Local¬ 
behörde eines sachkundigen Beamten bedurfte, um zunächst nur darüber sich in’s Klare zu 
setzen, was in loco überhaupt Rechtens war, und welche Competenzen sie etwa weiter¬ 
hin, auf die Ergebnisse seiner bezüglichen Wahrnehmungen gestützt, auszuwirken in den 
Fall kommen konnte. Ganz unentbehrlich war dessen Mitwirkung, um die verschieden¬ 
artigen Competenzen zur practischen Geltung zu bringen. Es handelte sich da zunächst 
um Aufstellung specieller Ausführungsbestimmungen in all’ den Gebieten, welche die 
Controlle Und Regulirung bestehender oder erst zu schaffender Einrichtungen von sanitari- 
schem Belang, Abstellung vorkommender Missbrauche etc. beschlugen, womit entsprechende 
Ahndungsbestimmungen gegen Zuwiderhandlung verbunden sein mussten. Zur Erleichte¬ 
rung dieser Aufgabe wurden vom Departement, mit Berücksichtigung der technischen 
und verwaltungsrechtlichen Beziehungen, Normalien entworfen, die alsdann an den be¬ 
treffenden Orten in Kraft gesetzt, als Regulative zu Jedermanns Richtschnur dienen 
konnten. Es war dies namentlich von Werth hinsichtlich der Nuisances, deren Beseitigung 
ein polizeiliches, unter Umständen auch richterliches Verfahren erforderte, dann ferner 
in Betreff baupolizeilicher und anderer prophylactisch wichtiger Vorschriften; Materien, 
deren sachliche Erledigung nicht bloss Fachkenntnisse voraussetzte, sondern auch eine 


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113 


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rer* 


zusammenhängende Auffassung und Uebereinstimmung von Ort zu Ort wünschenswert, 
ja unerlässlich machte. Noch in einer andern Richtung, um dies hier gleich anzu- 
scbJiessen, kam den lokalen Organen die Unterstützung Seitens der Centralbehörde wesent¬ 
lich zu statten: bei Ausführung öffentlicher Werke, mittelst darauf abzielender Instructio¬ 
nen, die letztere ergehen liess, sowie durch Vornahme von Expertisen und Abhaltung 
von Conferenzen, wobei deren technische und wissenschaftliche HÜlfskräfte bereitwilligst 
in den Dienst der ersteren gestellt wurden. Hand in Hand damit ging die Bewilligung 
von Darleihen aus Staatsmitteln zu rednzirten Bedingungen, um so die correcte Durch¬ 
führung dringlicher Reformprojecte mehr sicherzustellen. 

Vom Erlass der vorhin erwähnten Regulative, sei es für den betreffenden Bezirk 
oder einzelne Oertlichkoiten desselben, wurde während des verflossenen Zeitraumes seit 
1872 in steigendem Masse Seitens der Localbehörden Gebrauch gemacht. Insbesondere 
gilt dies von den Vorschriften betreffend Reinhaltung der Wohnungen und Abstellung 
bezüglicher Missbrauche, Controlle der Arbeiterherbergen, baupolizeilichen Bestimmungen 
über Neubauten, Controlle von Schlachthäusern und für die Umgebung lästigen Betriebs¬ 
arten. In Uebereinstimmung damit ging auch die Verleihung städtischer Befugnisse an 
ländliche Behörden in den letzten Jahren in lebhafterem Tempo vor sieb, wonach je¬ 
weilen für gewisse Theile eines Bezirks, seltener für dessen ganzen Umfang mehrere oder 
auch nur einzelne der obigen Gebiete in entsprechender Weise reglementirt wurden. 
Solche Competenzerweiterungen kamen während der Jahre 

1872—75 1876—80 1881—85 1886 — 90 1891 — 92 

insgesammt 114 232 253 250 142 

ländlichen Behörden zu gute. Notiren wir im Anschluss hieran die Gesammtzahl der 
von Localbehörden überhaupt (mit Ausnahme der hauptstädtischen) auf den nacbbezeich- 
neten Gebieten erlassenen Regulative, so ergingen deren betreffend : 



1876—80 

1881—85 

1886—90 

1891—92 

Reinhaltung der Wohnungen etc. 

161 

150 

126 

64 

Abstellung von Nuisances in deren 





Umgebung 

224 

225 

199 

81 

Arbeiterherbergen 

148 

189 

162 

61 

Neubauten 

286 

301 

271 

154 

Schlachthäuser 

209 

190 

177 

78 

lästige Betriebe 

1 

135 

471 

192 

Es ist hiebei zu bemerken, dass 

mitunter 

auf dem nämlichen Gebiete, 

z. B. betr. 


die Controlle verschiedenartiger lästiger Betriebe, eine Reihe von Specialregulativen 
Seitens derselben Localbebörde erging, und wollen wir zum Vergleich für das letztver- 
flossene Jahr die Anzahl der betheiligten Localbehörden, und zwar städtische und länd¬ 
liche für sich besonders, hier beifügen: 

Im Jahre 1892 erliessen: 

26 städtische und 5 ländliche Behörden Regulative betr. Reinhaltung der Wohnungen, 


Abstellung von Nuisances, 

Arbeiterherbergen, 

Neubauten, 

Schlachthäuser, 
lästige Betriebe. 


« . ,7 

36 » »6 

« „ „25 

39 , „10 

17 , 

Ueber den materiellen Inhalt der Regulative, deren es zumal für städtische Zwecke 
noch auf manch 7 andern Gebieten gab, wie auch über die practische Geltendmachung 
derselben müssen wir hinweggehen. Specielle Erwähnung verdienen noch die seit 1885 
in rascher Aufeinanderfolge erlassenen Regiemente betr. Kontrolle der Milchwirtschaften 
(vgl. Correspondenzblatt, 1892, S. 228; es sind deren von 1887—92 nicht weniger als 
791 ergangen). An dieser Stelle dürfen auch gewisse Gontrollbestimmungen nicht uner¬ 
wähnt bleiben, wie sie an ein entsprechendes Zusammenwirken der Localbehörden und 

8 


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114 


des Centralamts geknüpft sind, hinsichtlich der bo lästigen Flussyerunreinigung durch indu¬ 
strielle Abgänge, ungereinigten Canalinhalt etc. (unter der Rivers Pollution Prevention 
Act, 1876), sowie der nicht minder wichtigen Luftverderbniss durch chemische Fabriken 
(unter den Aicali etc. Works Regulation Acts, 1881 und 1892). Während die hygiei- 
nisdhen Anfofderungen der städtischen Bezirke auf die ländliche Milchindustrie Einfluss 
nehmen, erhebt das Land berechtigten Anspruch auf geeignete Vorkehrungen behufs 
Reinhaltung der Flussläufe von Seiten der Städte. 

Uebergehend zu den eigentlichen Assanirungsmassnahmen, springt sofort der grosse 
Unterschied zwischen Stadt und Land in die Augen. Von allgemeiner sanitarischer Be¬ 
deutung waren begreiflicherweise Werke der Canalisation, Wasserversorgung und Woh- 
nüügSverbösserung für die arbeitenden Classen, abgesehen von verschiedenen andern, 
rftehr blÖ88 städtischen Zwecken dienenden Meliorationsarbeiten. Es wurden zu deren 
Erstellung, ausschliesslich nur vom Departement, folgende Anleihenssummen, für städtische 
und ländliche Bezirke getrennt, bewilligt, wobei auch wieder die Hauptstadt ausser Be¬ 
tracht gelassen ist. 

W a s 8 e r v e r s o r g u n g : 

1872—75 1876 u. 79—80 1881—85 1886-90 1891—92 

städtische Bezirke 692,807 ^ 1,119,532 1,111,374 1,313,939 666,371 

ländliche Bezirke 64,218 167,314 240,709 222,739 95,534 

Canalisation (incl. Verwendung des Canalinhalts): 

1879—80 1881 — 85 1886—90 1891—92 

städtische Bezirke 1,683,732 £, 3,142,073 3,034,192 1,589,133 

ländliche Bezirke 289,828 488,246 485,472 257,125 

dazu combinirte Bezirke 305,694 393,760 289,640 102,560 

27279,254 4,024,079 3^809,304 1,948,818 

Wohnungsverbesserung: 

1876 — 80 1881 — 85 1886 — 90 1891—92 

städtische Bezirke 1,890,979 jß 352,374 104,000 327,035 

ländliche Bezirke — — — 1,700 

Weiteres dürfte füglich übergangen werden, da es sich hier mehr nur um den 
Vergleich städtischer und ländlicher Verhältnisse handelt. Zu bemerken ist allerdings, 
dass die mittelst sogenannter Localgesetze vom Parlament bewilligten Anleihen städtischer 
Corporationen, namentlich zu Zwecken der Wasserversorgung, nicht eingerechnet sind, 
urid noch dazu meist wesentlich höhere Beträge erreichen, so z. B. für 1892 älleip (in 
Verbindung mit einem grossen Wasserversorgungsproject der Stadt Birmingham), 7,365,200 «£. 
Betreffend Wohnungsverbesserung für die Arbeiterbevölkerung, wie sie auf Grund der 
jforrens’fcöhen und Ooss’schen Gesetze ins Werk gesetzt wurde, machte sich, nach Er¬ 
ledigung eines umfassenden Projectos in derselben Stadt (Birmingham), ein relativer 
Stillstand geltend, bis durch die Housing of the Working Classes Act, 1890 ein wirk¬ 
sameres Vorgehen gegen die vorhandenen Nothstände erzielt oder eigentlich vorerst mehr 
in Aussicht gestellt würde. Dass übrigens das Beispiel durchgreifender Reformen je¬ 
weilen auch für weitere Kreise nicht verloren geht, ergibt sich aus der zunehmenden 
Zahl von Fällen, in dbnen das Departement, durch bezügliche Beschwerdeführung ver¬ 
anlasst, säumige Localbehörden zur Erstellung öffentlicher Werke der Wasserversorgung 
und Canalisation vefhiölt: 1876—80 waren es deren 12; 1881—85 29; 1886—90 27 
und 1891—92 gar 20 Fälle. * 

Die Epidemienprophylaxe anlangend, erstreckt sich nunmehr (1892/93) der Gel¬ 
tungsbereich der gesetzlichen Anzeigepflicht auf 6 /7 der Gesammtbevölkerung. Soweit 
die Anlelhensbewilliguhgon darüber Aufschluss geben, was bei der geringem Höhe dieser 
Aufwendungen möglicherweise nicht durchgehende zutrifft, wurden Isofirspitäler 
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für städtische Bezirke 
für ländliche Bezirke 
für combinirte Bezirke 

1876—80 

21 

5 

3 

1881—85 

30 

10 

5 

1886—90 

31 

11 

4 

1891—92 

11 

2 

3 

Fügen wir noch bei: 

29 

45 

46 

16 

Desinfectionsanstalten 

2 

7 

8 

4 

Kehrichtöfen 

— 

4 

8 

11 


Ohne Zweifel legen die mitgetheilten Daten, wenigstens nach einigen Hanptrich- 
tungen, rühmliches Zeugniss ab von dem angebahnten Fortschritt, auch in den mehr 
ländlichen Theilen der Provinz. Anderseits fehlt es freilich nicht an Belegen sani{ari¬ 
scher Vernachlässigung, wie solche vorab durch die ärztlichen Inspectionejn, 
auf Anordnung des Departements, erhoben wurden. Es fanden deren, abgesehen von 
der umfassenderen Cholera-Umschau 1885/86 (vgl. Corr.-BI. 1893, S. 329), in mehr 
oder weniger ausgedehnten Localitäten statt: 

1876 — 77 und 1879—80; 1881 — 85; 1886—90; 1891: 

TlT "TöT 139 14 

Die veranlassenden Momente betrafen das Vorherrschen von Infectionskrank- 
heiten, oder vorhandene Mängel der sanitarischen Einrichtungen, wovon das Departe¬ 
ment jeweilen aus den Berichten der örtlichen Beamten, durch die Mortalitätsstatistik, 
oder auf dem Wege localer BeschWerdeführung, und in neuester Zeit (zufolge der 
Local Government Act, 1888, § 19) durch Anzeige der Grafschaftsbehörde Kunde 
erhielt. Wenige Vorkommnisse dürften genügen, um gewisse immerhin noch weit¬ 
verbreitete Uebelstände und Unzuträglichkeiten von der grössten sanitarischen Tragweite 
zu beleuchten. 

Der ländliche Bezirk Staines war, wegen seiner Lage in unmittelbarer Nähe ober¬ 
halb der Fassungsstellen mehrerer Londoner Wassercompagnien, schon zu wiederholten 
Maien der Gegenstand öffentlicher Aufmerksamkeit. Von dem Dutzend Kirchspiele, die 
der Bezirk umfasst, wurde noch 1890 von Inspector Dr. Blaxull nur ein einziges als 
den technischen Anforderungen gemäss canalisirt befunden; mehrere tausend Senkgruben 
mit all den Übeln Einflüssen auf Boden, Wasser und Luft sind da noch vorhanden; die 
Sodbrunnen begreiflicherweise in weitem Umfange verunreinigt, und, was Für die benach¬ 
barte Metropole sehr wichtig, der Ablauf von alF dem Unrath sickert auf dem in ge¬ 
ringer Tiefe befindlichen undurchlässigen Thon Untergrund nach der Themse zu fort, so 
dass nichts als die Filteranlagen denselben vom Londoner Leitungswasser scheiden. 
Während der Jahre 1884—90 kamen in diesem Bezirke, abgesehen von andern Infec- 
tionskraokheiten, nicht weniger als 49 Todesfälle an Typhus vor! Die Localbehörde 
bemühte sich um keine weitergehenden städtischen Competenzen, insofern wohl mit Recht, 
da sie auch nicht einmal den primitivsten Ansprüchen ländlicher Wohnung9hygieine Rück¬ 
sicht trug; ein, gemeinsam mit dem Fleoken Staines, thatsäohlich begonnenes Absonde¬ 
rungsasyl wurde mitten im Bau aus Sparsamkeitarücksichten wieder aufgegeben! ln 
Betreff der Thätigkeit des örtlichen Gesundheitsbeamten, welcher, bei einer Gesammtzahl 
von 21,400 Einwohnern des Bezirks mit 75 jß entlöhnt wird, schweigt natürlich unter 
sothanen Umständen die Geschichte. 

In typischer Weise führte Dr. Barry den Nachweis betreffend den ursächlichen 
Zusammenhang einer 1890/91 im Flussthale des Tees aufgetretenen Typhusepidemie 
mit den beinahe unglaublichen, im obern Flussgebiete herrschenden Zuständen. Die 
abscheuliche Anhäufung von menschlichen Auswurfstoffen etc. au Orten, wie Barnard 
Castle, unmittelbar am Rande des Flussbettes, macht es erklärlich, wenn Typhus in 
einem gewissen Bereich mehr oder minder einheimisch getroffen wird, and wie es nach 
starken Regengüssen und eingetretener Schneeschmelze thatsäohlich vorkam, in den 


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116 


stromabwärts gelegenen, mit filtrirtem Flusswasser versorgten Städten Darlington, Middles- 
borough, Stockton u. s. w. zu epidemischer Ausbreitung gelangen konnte. 

Von demselben Experten wurde, bei Anlass der Pockenepidemie in Sheffield 1887/88, 
in Übereinstimmung mit den Jbwcr’schen Untersuchungen in der Metropole (vgl. Corr.- 
Blatt 1889, S. 565), neuerdings die Aufmerksamkeit auf die Wichtigkeit der Lage von 
Pockenspitälern gelenkt, wiewohl die Beziehungen der Betriebsoperationen zur Ausbrei¬ 
tung der Epidemie hier nicht mit der erforderlichen Schärfe der Beweisführung ausge¬ 
schlossen werden konnten, um auch im vorliegenden Falle wieder die Theorie eines 
atmosphärischen Einflusses bestätigt zu finden. Uebrigens wurde noch im Verlauf der 
Epidemie, in genügender Entfernung von der Stadt, das neue Isolirspital zu Lodge Moore 
eröffnet. An mehreren anderen Orten kamen geeignete Vorkehrungen in Gebrauch, um 
die Luft der Pockensäle vor dem Entweichen in die umgebende Atmosphäre zu des- 
inficiren. 

Wir müssen es uns versagen, noch weitere Beispiele hier anzuführen, um darzu- 
thun, dass die sanitarische Reformthätigkeit noch keineswegs überall in Fleisch und 
Blut übergegangen ist, und selbst, wo dies geschieht, die Vermittlung wissenschaftlicher 
Impulse niemals ungestraft aufhören darf. Der Weg, den man bei Organisation des 
Sanitätsdienstes in den wichtigeren Hafenplätzen betreten, bietet sich auch für die übrigen 
Bezirke dar, und es ist zumal sehr zu begrüssen , wie die neueingeführte Graf¬ 
schaftsverwaltung an Stelle der bestehenden Zersplitterung mehr Planmässigkeit und 
Concentration in die Leitung der örtlichen Angelegenheiten zu bringen verspricht. 
Aus den Befugnissen dieser administrativen Zwischeninstanz in Bezug auf Ernennung 
und Controlle der örtlichen Gesundheitsbeamten dürfte mit der Zeit eine continuirliche 
Einflussnahme auf deren Geschäftskreis erwachsen und so auch in relativ zurückgebliebe¬ 
nen Gegenden, die sich bisher der doch nur sporadischen Einwirkung des Departements 
entziehen, dem sanitarischen Fortschritt allmählig Bahn gebrochen werden. 

Dr. Kürsteiner , Gais. 


Vereinsberichte. 

Medicinische Gesellschaft der Stadt Basel. 

Sitzung» vom 15. Novellier 1894. 

Präsident: Prof. Siebenmann . — Actuar: Dr. VonderMühll . 

Prof. Kollmann: Lombroso und die Antonie des Verbrechens. Die trostlose und 
pessimistische Lehre, die in dem Verbrecher eine besondere, degenerirte von der unbe¬ 
straften Bevölkerung specifisch verschiedene Menschenklasse erblickt, wird zunächst 
dargelegt. Dann werden zahlreiche „Stigmata“ an Schädeln u. s. w. aus der ana¬ 
tomischen Sammlung vorgezeigt. Die nach einer lehrreichen statistischen Methode her¬ 
gestellte Tafel über die Capacität der Schädel lässt erkennen, dass die Verbrecher kein 
kleineres Gehirn haben, als jene Menschen, denen es besser ergangen ist, weil sie ent¬ 
weder keinen Versuchungen ausgesetzt waren, oder durch die Erziehung mehr Wider¬ 
standskraft gegen die Versuchung besessen, oder sich der — Entdeckung besser ent¬ 
ziehen konnten. L. unterschätzt den Einfluss der Erziehung vollständig. Eine Umschau 
der Resultate bei der Dressur der Thiere und der Erziehung bei Geistesschwachen bei 
den sogenannten Degenerirten, hatte -ihm sonst zeigen müssen, was zu erreichen ist. Der 
Hund, den man durch Peitschenhiebe gelehrt hat, den Braten unberührt zu lassen, hat 
auch keine Vorstellung von Eigenthum, und doch wird Niemand leugnen, dass hier die 
Peitsche einen heilsamen Einfluss erzielt hat. Es ist eine leere Phrase, wenn man be¬ 
hauptet, Strafen helfen nichts. Die Bastonade fürchtet selbst der Muthigste. Wenn sie 

l ) Eingcgangen 21. December 1894. Red. 


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unfruchtbar ist — dann das Schaffot. Man todtet das wilde Thier, das sich nicht zähmen 
lässt. Die Irren and die Epileptiker allein sind unverantwortlich, weil sie unbewussten 
und unwiderstehlichen Eingebungen gehorchen müssen, aber die Verbrecher sind alle ver¬ 
antwortlich. Die Stigmata sind völlig bedeutungslos. Desshalb hat auch der Brüsseler 
Congress für Criminelle Anthropologie diese Irrlehre von dem „delinquente nato tt hoffent¬ 
lich für immer begraben. — Trotz eines neuesten Werkes L.’s, in welchem er unent¬ 
wegt die alte Lehre wiederholt, wird sie selbst verschwinden und nur die Anregung 
fortwirken, welche jeder Irrthum bringt, indem man ihn bekämpft. 

Sitzoig von 13. December 1894. 

Präsident: Prof. Siebenmann . — Actnar: Dr. VonderMühll . 

Zum Präsidenten für 1895 wird Dr. Bider sen. gewählt. Dr. Rumpf und Dr. 
Kündig treten wegen Wegzug von Basel aus der Gesellschaft aus. 

Prof. Bumm demonstrirt ein 4320 gr schweres und 54 cm langes, sehr kräftig 
entwickeltes Kiad Bläuliches Geschlechtes, welches nach Einleitung der künstlichen 
Frühgeburt in der 35. Woche der Schwangerschaft durch die Zange entwickelt wurde. 
Die Mutter, welche selbst eine sehr grosse Frau mit weitem Becken ist, bietet die seltene 
Erscheinung «habitueller Riesenkind-Schwangerschaft“ dar. Das 
erste Kind musste perforirt werden, das zweite kam nach schwerer Geburt todt zur Welt, 
ebenso das dritte nach schwerer Zangenextraction. Alle Kinder waren übermässig gross, 
schon das erste wog ll 1 /» Pfund. Durch die Einleitung der künstlichen Frühgeburt 
wurde es ermöglicht, bei der vierten Gravidität das vorgezeigte lebende Kind zu erhalten, 
das — obwohl es die mittlere Länge und das mittlere Gewicht reifer Neugeborenen 
weit überschreitet — doch noch gewisse Zeichen der Unreife (Wollhaare im Gesicht und 
an den Extremitäten, sowie am ganzen Leib cyanotisch-rothe Hautfarbe, kurze Nägel 
u. 8. w.) aufweist 

Prof. Immermann referirt zuerst über den weitern Verlauf und Ausgang des Falles 
von Peaphlgns foliaceus, den derselbe in der Sitzung vom 10. Mai d. J. der med. 
Gesellschaft vorgestellt batte. Der betreffende Fall, welcher (vgl. Corr.-Bl. 1894, pag. 425) 
iDseressante Besserung gezeigt hatte, ist dennoch schliesslich Ende September d.* J. gestorben. 

Der Exitus erfolgte, nachdem immer wieder vereinzelte Blasennachschübe sich gezeigt hatten, 
an den Folgen eines Decubitus, der im Laufe des Sommers allmälig auftrat und im Weite¬ 


ren pyämische Symptome (Fieber, mehrfache Phlegmone, Durchfälle, Albuminurie) nach 
sich zog. Die Section ergab: beginnende Endocarditis ulcerosa, miliare Abscesse der 
Lungen, Milzinfarote, parenchymatöse Nephritis, ausser den pemphigösen Hautverände¬ 
rungen, die jetzt noch histologisch näher untersucht werden sollen. 

Derselbe stellt ferner einen 41jährigen Seidenwinder aus Reigoldswyl (Basel- 
Land) vor, bei welchem sich seit dem 18. Jahre, langsam zunehmend eine sehr 
hochgradige osteeBftlakfsehe Erkrankung des ganzen Scelettes ausgebildet hat. Die 
Verkrümmungen und Inflexionen kamen unter lebhaften schmerzhaften Sensationen zu 
Stande, von denen der Kranke auch jetzt noch nicht frei ist, wie denn überhaupt auch 
jetzt noch die Affection in langsamem Fortschreiten bei ihm begriffen ist. Die Ver¬ 
unstaltungen sind namentlich an den Knieen, am Becken, an der Wirbelsäule und am 
Sternum, desgleichen auch an beiden Claviculen äusserst intensiv, zugleich typisch osteo- 
malakisch. Das Gesammtgewicht des früher normal entwickelten Individuums, das 
gegenwärtig ausser der Knochenerkrankung auch eine äusserst hochgradige Abmagerung 
der Musculatur darbietet, beträgt nur noch 33 Kilo, und die Gesammtlänge nur noch 
132 cm. Der Schädel ist, wie dieses auch bei gewöhnlicher puerperaler Osteomalakie statt 
hat, von der Affection frei geblieben und contrastiren darum auch seine normalen Maasse 
mit denjenigen der übrigen Körpertheile sehr erheblich. — Hinsichtlich der ätiologischen 
Momente des Falles ist zu bemerken, dass der Kranke aus Basel-Land stammt und in 
einer Gegend des Cantons wohnt, die an den Haupt bezirk der Osteomalakie (das Ergolz- 


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thal) wenigstens nahe angrenzt und dass er in sehr dürftigen Verhältnissen, vermuthlich 
in einer feuchten, dumpfigen Wohnung gelebt hat. Ungewöhnliche Verhältnisse der Geni- 
talspbäre liegen nicht vor; die Hoden zeigen einen leichten Grad von Atrophie. 

Der Vortragende bespricht noch die difterentielle Diagnose zwischen Osteomalakio 
einerseits, Rachitis, Osteoporose mit Osteosarkome tose andererseits, erwähnt die streitigen 
spärlichen Beobachtungen von Osteoma]akie bei Männern ,und glaubt nach Allem, den vor- 
gestellten Fall als ein typisches Beispiel dieser seltenen Erkrankung bezeichnen zu dürfen. 

Endlich stellt der Vortragende noch einen Fall von congenitaler Athetose bei einem 
23jähr. Landarbeiter vor. Die athetotischen Bewegungen zeigen sich bei ihm in typischer 
Weise beiderseits an den Fingern und Zehen, links jedoch erheblich stärker als rechts, 
sowie dann ferner auch linkerseits eine leichte paralystische Contractur des dritten bis 
fünften Fingers und eine leichte Verkürzung der oberen Extremität (von 3 cm) bei ihm 
besteht. Es ist darum wahrscheinlich auch bei ihm eine palpable Veränderung rechter- 
seits im Grosshirn (porencephalischer Herd?) zu supponiren. — Ausser an Fingern und 
Zehen zeigen sich aber in diesem Falle die athetotischen Bewegungen auch noch sehr evident 
im Bereiche der Kau- und Gesichtsmusculatur und endlich auch an der Zunge und bedingen 
hier eine deutliche articulatorische Störung, so dass der übrigens leidlich intelligente 
Patient noch schwieriger sich verständlich machen kann. 

Der Vortragende bespricht im Anschluss an die Demonstration des Falles die ent¬ 
scheidenden Merkmale zwischen der Athetose und der dieser übrigens sehr nabe stehen¬ 
den Chorea und die wirklichen Uebergänge zwischen beidien Krankheitsformen, die ana¬ 
tomischen Veränderungen bei der posthemiplegischen Hemiathetose und Hemichorea und 
endlich noch die nahen Beziehungen, die vielfach zwischen angeborener Athetose und 
Idiotie beobachtet worden sind. 


Gesellschaft der Aerzte in Zürich. 

3. Wlofersltzuog deu 8. Dezember 1894, in Operatioassaal der Chirurg. Klinik. 1 ) 

Präsident: Prof. Roth. — Actuar: Dr. Conrad Brunner . 

I. Dr. Schiatter: Klinische Demonstrationen ans der chirurgischen Klinik. Vor¬ 
tragender stellt einen Fall von wegen myelogenem Sarcom des Unterkiefers von ihm 
ausgefiihrten Resection des grössten Theiles des Unterkiefer¬ 
körpers vor, wo gleich bei der Operation an die Unterkieferstummel ein Ersatz¬ 
stück aus Hartkautschuk von der Grösse des exstirpirten Knochens (die 
Prothöse immediate Martin 1 s) angeschraubt wurde. Es gelang, diese Behandlungsmethode 
mit bestem Erfolge durchzuführen, so dass mit Ausnahme der Hautnarbe weder kos¬ 
metische noch functionelle Störungen — selbst im Kauacte nicht — als Folge des ope¬ 
rativen Eingriffes nachzuweisen sind. (Ausführliches Referat folgt später im Corr.-Blatt.) 

2) Fall von Zwerchfellnaht. Vortragender demonstrirt einen Patienten, 
welcher wegen einer die Pleura- und Abdominalhöhle perforirenden Milz Verletzung mit 
Netzvorfall im neunten linken Intercostalraum ihm zukam. Reposition des Netzes 
durch die Pleurahöhle hindurch in die Abdominalhöhle zurück. Anlegung von sechs 
Zwerchfallnähten mit 8eide. Verschluss der Pleurahöhle' durch die Naht. Reactionslose 
Heilung. 

3) Vorstellung einer Stichverletzung des Abdomens mit 'Vorfall von Netz 
und Colon transversum und tiefer Stichwunde der Leber. 

Reposition der prolabirten Theile, Anlegung von vier Lebersuturen, Verschluss der 
Bauchwunde. Heilung. 

4) Vorstellung einer Schussverletzung der Leber. Projectil im Leberge¬ 
webe nicht auffindbar. Stillung der Leberblutung durch Anlegen tiefer Catgutnähte. 
Heilung. 

Eingegangen 26. Dezember 1894. Red. 


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(Vortrag erscheint in extenso im Corr.-Blatt.) 

Discusgion: Prof. Krönlein stimmt Dr. Schlutter darin bei, dass die Haupt- 
gefabr bei Leberverletzung in der Blutung liege, und dass diese, wenn immer möglich, 
durch die Naht gestillt werden solle. 

If. Prof. Krönlein: Klinische liülielliigei and Demonstrationen. 

Zwei Fälle von penetrire n der Baue hstichwuode mit dop¬ 
pelter Durchbohrung des Darmes i n der Bauchhöhle; Laparo¬ 
tomie und Darmoaht. Heilung. 

1) Daniel EL, 23 J., Handlanger, erhielt am 28. August 1894, Abends HP/a 
Uhr, einen Messerstich in die rechte Iliacalgegend, als er im Wirthshaus war. Er ging 
darauf nach Hause und bemerkte erst jetzt, als er sich ins Bett legen wollte, dass aus 
der Stichwunde des Abdomens eine circa 30 cm lange Dünndarmschlinge heraushing. 
Patient hei in Ohnmacht. Ein sofort herbeigerufener Arzt desinficirte die vorgefallene 
Darmsohlinge, reponirte sie und vernähte die Wunde der Bauchdecken „provisorisch“. 
Darauf wurde der Kranke in derselben Nacht nach der Klinik transportirt, wo er Mor¬ 
gens 7*5 Uhr den 2$. Aqgust ankam. — Patient ist col!abirt r jammert fortwährend, 
hat intensive Schmerzen in der Unterbauchgegend, erbricht mehrfach und i zeigt unregel¬ 
mässigen frequenten Puls. Vorstellung in der Klinik 10 l /s Uhr. — Entfernung der 
Baucbnähte; dabei entleert sich aus der Bauchhöhle eine geringe Menge Dünndarmin¬ 
halts ohne faeculenten Geruch. Es wird die 4 cm lange Stichwunde deswegen mit dem 
Messer auf' 12 cm verlängert und durch Eingehen mit den Fingern in die Bauchhöhle 
nach dem verletzten Darm gefahndet. Schon beim ersten Versuch wird eine doppelt 
durchbohrte Dünndarmschlinge, stark fibrinös - eitrig belegt, hervorgezogen;, die beiden 
vis-ä-vis liegenden quer zur Längsachse des Darmes verlaufenden Stichwunden sind 1 bis 
2 cm lang, klaffend, und lassen die Schleimhaut tulpenförmig heraustreten. — Doppel¬ 
reihige Lembert-Nähte ; sorgfältige Desinfection der Schlinge mit 1 : 2000 warmer Subli¬ 
matlösung. Dann Reposition und vorsichtige Reinigung der Bauchhöhle von einer zieml¬ 
ichen Menge von Darminhalt durch häufig wiederholtes Einführen von trockenen sterilen 
Gazetupfern, so lange, bis dieselben trocken und rein wieder herausgebracht * wurden. 
Bauchnaht. Aseptischer Verband. Glatte Heilung. Entlassung 9. October 1894. 

2) Go 11 fri e d N., 22 J., Schlosser, erhielt am 12. November 1894 von einem 
betrunkenen Kameraden Nachts zwischen 2 und 3 Uhr auf der Landstrasse einen Messer¬ 
stich, in die linke Unterbauqhgegend. Nach einigen Sphritten brach Patient zusammen, 
schrie um Hülfe uqd wurde ohnmächtig in das nächste Haus getragen, wo er wieder zu- 
sich kam. Ein sofort herbejgerufener Arzt constatirte eine kleine Stichwunde in der 
linken Regio iliaca, aus der ein 10 cm langes Stück Netz hing. — Keine Blutung. 
Mehrmaliges Erbrechen; Collaps. Nach einer Campherinjection wird der Kranke, mit 
einem Nothverband versehen, per Wagen in die eine Stunde entfernte Klinik ge¬ 
bracht, wo er gerade zum Beginn der klinischen Vorlesung, lOYz Uhr Vormittags, 
anlangte. . , 

Nach sorgfältiger Desinfection der Bauchdecken und des vorliegenden Netzes wird' 
letzteres doppelt mit Seide unterbunden und im Niveau der Hautwunde abgetragen. Nach 
Reposition des Netzstumpfes zeigt sich ein® 2 cm lange Bauch wunde nach innen von der 
Spina anter. superior sin., aus welcher hei Druck auf die Umgebung, trübes* fmeuient 
riechendes Fluidum sich entleert. Die Diagnose einer Darmwunde in der Bauchhöhle .erscheint, 
dadurch gesichert. Daher Erweiterung der Stichwunde mit dem Messer bis zq 10 cm 
Länge und Blosslegung der Peritonealhphje, aus welcher noch mehr kothiger Inhalt sich 
entleert. Der oächstliegende Darmtheil ist die FJexur; diese wird vorgezogen uqd zeigt 
2 vis-ä-vis liegende, quer zur Längsachse verlaufende, je 1, cm laqge Stichwunden mit 
Prolaps der Darmschleimbant. Zwischen beiden Wunden findet sich eine l */2 cm breite 
Brücke. Sorgfältige Darmnabt in zwei Etagen qaeh Lembert. Strenge Desinfection mit 
Sablimatlösung 1:2000; Reposition der Flexara coli und Aastupfen der Baachhöhle, 


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die bis unter die Leber mit Koth verschmiert ist, mit trockenen sterilen Gazetupfern, 
die in grosser Zahl, jeder Tupfer nur einmal, verwendet werden, bis der letzte ganz 
rein aus der Bauchhöhle hervorgezogen wird. Bauchnaht. — Heilung nach anfänglichen 
localen peritonitischen Erscheinungen. — Patient ist zur Zeit noch in der Klinik als 
Eeconvalescent.*) 

Im Anschluss an diese beiden Demonstrationen bespricht Prof. Krönlein die ver¬ 
schiedene Art der ersten Hülfe, welche die beiden Verletzten dmüssen erfahren 
haben, bebt ferner die Bedeutung der Contact- und der Luftinfection für dergleichen 
Bauchwunden mit Prolaps der Eingeweide hervor, und resumirt seine Ansicht dahin, dass 
er die Hauptgefahr solcher Verletzungen in der Reposition nicht genügend desinficirter 
prolabirter Eingeweide und in einem Uebersehen von gleichzeitig in der Bauchhöhle 
liegenden und verletzten Eingeweiden erblickt, und dass er in Anbetracht der preeären 
äusseren Verhältnisse draussen, am Orte der That oder in dessen Nähe, und in Anbe¬ 
tracht der Unmöglichkeit, dort Alles zu thun, um Diagnose und Therapie naoh allen Anfor¬ 
derungen der Kunst zu sichern, es im Allgemeinen für richtiger hält, solche Verletzte 
möglichst schnell und möglichst unberührt, nur mit einem schützen¬ 
den Nothverband versehen, in das nächste Krankenhaus zu bringen oder wenigstens an 
einen Ort, wo in einem und demselben Acte die ganze chirurgische 
Hülfe, mit a 11 e n H ü 1 f s m i 11 e 1 n d e r h e u t i g e n C h i r u r g i e, sicher 
geleistet werden kann. — Eine Reposition der vorgefallenen Eingeweide wird 
daher besser vor dem Transport unterlassen, vorausgesetzt, dass dieser Transport nicht 
allzulange Zeit in Anspruch nimmt. 

Vier Fälle geheilter Magenresectionen, ausgeführt wegen 
C a r c i n o m. 

In der Sitzung des ärztlichen Central Vereins in Zürich, am 2. Juni 1894, hat be¬ 
kanntlich Kappeier seinen so lehrreichen Vortrag über die operative Behandlung des 
Magencarcinoms gehalten (siehe Corresp.-Blatt für Schweizer Aerzte, Nr. 16, 1894) und 
eine Discussion veranlasst, an welcher sich ausser dem Vortragenden auch Kocher , Krön¬ 
lein, Boux und Eichhorst betheiligten. — Bei jenem Anlass hat Krönlein seine Resultate 
bei Magenresection wegen Carcinom in Kürze mitgetheilt. Seither hat er weitere vier 
Fälle operirt, die alle glatt und reactionslos geheilt sind, und welche nebst den Präpa¬ 
raten vorgestellt werden. 

Im Ganzen hat Krönlein also von 1881 bis 1894 12 Magen¬ 
resectionen wegen Carcinom ausgeführt und davon 9 geheilt, 
während 3 gestorben sind. — Die letzten 8 Operirten sind alle 
hintereinander geheilt. Er befolgt dabei im Ganzen die Methode Billrolh- 
Wölffler , wie in einer ausführlichen Mittheilung demnächst auseinandergesetzt werden 
wird. Die 4 vorgestellten Fälle sind, kurz aufgezäblt, folgende: 

1. Frau Marie B., 34 J., Nähterin. 

Ausgedehntes Gallertcarcinom, fast den ganzen Magen und den Pylorus bis zum 
Duodenum einnehmend. Operation 13. Juni 1894. Heilung und Entlassung 13. Juli 1894. 

Die Operirte ist zur Zeit gesund und hat 24 Pfund an Körpergewicht seit der Operation 
zugenommen. 

2. Herr August D., 55 J., R e n t i e r. 

Ausgedehntes Carcinom des Pylorus. Operation den 31. October 1894. Heilung 
und Entlassung den 30. November 1894. 

3. Herr Huldreich H., Landwirtb, 34 J. 

Ausgedehntes Drüsencarcinom von Magen und Pylorus. Operation den 7. November 
1894. Geheilt und entlassen den 15. December 1894. Zunahme des Körpergewichtes 
in den ersten 3 Wochen nach der Operation um 20 Pfund. 


*) Anmerkung während der Correctur: Ist mittlerweile geheilt. 


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4. Frau Caroline S., 40 J., Hausfrau. 

Drüsencarcinom des Pylorus mit innigen Verwachsungen mit der Umgebung. Ope¬ 
ration 13. November 1894. Heilung; Patientin befindet sich zur besseren Ernährung noeh 
auf der Abtheilung (12. Dezember 1894). *) 

Zwei Fälle geheilter Ni e r e n e x s t i r p a t i o n , ausgeführt 
wegen tuberculöser Eiterniere. 

1. Frau Melanie St. von W., 30 J. 

Operation 17. Juli 1894. Heilung; Entlassung am 12. December 1894. Seit 
der Operation hat Patientin an Körpergewicht um 34 Pfund zugenommen. (Linke Niere.) 

2. Herr Paul Sch. von Z., 47 J. 

Operation 18. October 1894. Heilung; Entlassung 15. December 1894. Ausge¬ 
zeichnetes Allgemeinbefinden. (Hechte Niere.) 

Demonstration eines faustgrossen Angiosarcoms des Pan- 
creaskopfes, durch Exstirpation bei einer 63jährigen Frau 
gewonnen. 

Da der Fall an anderer Stelle ausführlichst mitgetheilt werden wird, so sei hier 
aus der Krankengeschichte nur bervorgehoben, dass der Tumor intra vitam ganz die 
Erscheinungen eines Pyloruscarcinoms gemacht hatte und in dieser Annahme auch die 
Laparotomie zum Zwecke der Exstirpation gemacht worden war (21. November 1894). 
Dabei erwies sich der Tumor als Pancreassarcom. Nach anfänglich günstigem Verlauf 
starb Patientin am 27. November 1894 unter den Erscheinungen einer schleichenden Peri¬ 
tonitis. Die Section ergab als Ursache der letztem eine ausgedehnte Necrose des 
Colon transversum, mit scharfer Demarcation gegen den übrigen gesunden Darm. 

Die Ausdehnung der neurotischen Colonparthie entsprach dem Vascularisationsgebiet der 
A. colica media, welche bei der Exstirpation des Tumors unterbunden und durchschnitten 
werden musste. 


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Demonstration von Schädel and Gehirn eines Patienten, 
bei welchem wegen eines mächtigen Hmraatoma circumscriptum posticum 
A. men in gern media) die Trepanation und partielle Entfernung des Blut- 
coagu!um8 gemacht worden war, der Tod aber in Folge einer Bronchopneumonie am sechsten 
Tage p. op. eintrat. 

Der Fall ist vielleicht bis jetzt ein Unicum, insofern als die Ausdehnung dieses 
circum8cripten arteriellen Hmmatoms zwischen Dura und der geschlossenen Schädelkapsel 
eine ganz enorme war und weit diejenigen Grenzen nach unten und hinten überschritt, 
welche sonst als die gewöhnlichen seit Krönlein's Arbeit über diesen Gegenstand ange¬ 
nommen wurden (s. Deutsche Zeitschr. für Chirurgie, Jahrgang 1885: Ueber die Trepa¬ 
nation bei Blutungen aus der A. meningea media und geschlossener Schädel kapsel). Das 
Htematom hatte die Dura mit der Insertion des Tentorium cerebelii und dem Sinus 
transversus vollständig vom Knochen abgelöst und erstreckte sich in der Occipitalgrube 
bis circa V/% cm vom Foraraen magnum. Dementsprechend zeigte nicht nur der Parie- 
tallappen des Grosshirns, sondern vor Allem die Hemisphäre des Kleinhirns auf der ent¬ 
sprechenden Seite eine starke Impression. (Der Fall wird an anderer Stelle genauer be¬ 
schrieben und abgebildet werden.) 

Discussion: Prof. Bibbert tbeilt das Resultat seiner Untersuchung des Pancreas- 
tumors mit. Es handelt sich um einen sarcomatösen Tumor mit einem reichen Gefass- 
netze, ein sogenanntes Angiosarcom. Er betont die Wichtigkeit, derartige Geschwülste 
möglichst am frischen Präparate zu untersuchen. 

Dr. Felix bemerkt zu dem Fall von Pancreastumor, dass durch das Ausbleiben von 
Anastomosenbildung die eingetretene Colongangrmn nicht erklärt werden könne. 


^Anmerkung während der Correctar: Ist mittlerweile entlassen worden. 


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122 


Prof. Bibbert macht darauf aufmerksam, dass, wenn auch anatomische Anastomosen 
da sind, bei ungenügendem Blutdruck die Oirculation doch nicht zu Stande kommen 
kann. 

Dr. Häberlin frägt den Vortragenden an, ob bei dem letzten Fall von Nieren- 
tuberculose der starke Harndrang durch tuberculöse Erkrankung des Ureters bedingt 
worden sei? 

Prof. Krönlein erwidert, dass der Ureter stark degenerirt war, ob das jedoch 
die einzige Ursache des Harndranges gewesen, sei fraglich, da zugleich auch Cystifcis 
bestanden habe. 

III. Prof. Haab zeigt zum Schluss noch kurz zwei Kranke vor, von denen in beson¬ 
ders deutlicher Weise der eine ein Gliom der Netzhaut, der andere eine grosse Dermoid¬ 
cyste der Orbita aufweist. Erstere Geschwulst, berüchtigt wegen ihrer Bösartigkeit, kann 
in diesem Fall ohne weiteres bei geeignetem Lichteinfall aufs deutlichste wahrgenommen 
werden. Mit dem Augenspiegel ergibt sich das ganz klare Bild eines namentlich nach 
dem Glaskörper hin sich ausbreitendem Glioms. Die gut wallnussgrosse Dermoidcyste, 
welche zwischen Nasenwurzel und Augapfel sich vordrängt, hat den letzteren in ganz 
aussergowöhnlichem Grade susammengedrückt und nach der Schläfenseite verdrängt, was 
auch eine Netzhautablösung nach der Nasonseite hin zur Folge hatte. 


Keierate und Kritiken. 

_ % 

Der Wille. 

Path.-psychologische Studien von Th. Bibot , Prof. d. College de France. Nach der 
8. Auflage übersetzt von Dr. philos. F. Th. Papst. Berlin, im Verlag von 
G. Reimer. 1893. 150 S. 

Das Büchlein verdient voll seine zahlreichen Auflagen. Es sind äusserst feine 
Studien, die uns hier vorgelegt werden, denen der Leser mit ebensoviel Theilnahme als 
Genugthuung folgen wird. Aber nicht nur in dem, was uns mitgetheilt wird, sondern 
vor allem auch in der weisen Beschränkung seiner Aufgabe, im richtigen Masshalten, 
zeigt sich der Verfasser als grosser Meister dieses Forschungsgebietes. Immerhin bin ich 
der Meinung, wenn Einer einmal das Bewusstsein pbysio-psychologisch sich erklärt, muss 
er auch die Untersuchung der Willensfreiheit von diesem Standpunkt aus als nicht 
ausserhalb seiner Aufgabe liegend ansehen. Sie wäre vielmehr nur eine natürliche 
Consequenz. 

Ich möchte sonst den physio-psychologischen Theil der Abhandlung als derart 
gelungen ansehen, dass auch eingehendes Studium nicht viel zu wünschen übrig finden 
wird. Meiner Meinung nach wäre die Nachahmung als Willensquelle mehr zu betonen 
gewesen. Ebenso ist es mir unzweifelhaft, dass auch den „grössten Heroen“ des Willens 
„die 2 Seelen“ nicht mangelten, nur dass sie dieselben anhaltender einheitlich nach 
einem Ziel concentrirt sich erhalten konnten. Wenn auch der Verf. aus der Pathologie 
des Willens den normalen Willen sich zu erklären zur Aufgabe stellte, so hat die Ver- 
werthung der Evolutionstheorie sicher nicht weniger zu ihrer Lösung bpigetragen. 
Uebrigens ist auch der pathologische Tbeil der Abhandlung nicht weniger interessant und 
selbst dem erfahrensten Irrenarzte, besonders bezüglich der Behandlung des Materials, 
werthvoll. Er eröffnet neue Gesichtspunkte, erweckt neue Vorstellungen, denen nacbzu- 
gehen hier nicht der Platz ist. Ich möchte dafür betonen, dass solche Forschungen der 
physiologischen Psychologie soviel Ernst und wissenschaftlichen Gehalt in sich ver¬ 
einigen, wie nur je ein andres wissenschaftliches Werk und desshalb ebenso berechtigt 
ihre Stellung in der Erforschung der für die Menschheit erreichbaren Wahrheit ein¬ 
nehmen. L. W. 


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Bibliothek der gesammfen medicinischen Wissenschaften. 

Für practische Aerzte und Specialärzte. Herausgegeben von Hofrath Prof. Dr. A. Dräsche 
in Wien. Max Merlin. Wien und Leipzig 1893—94. Lieferung 25 bis 37. Preis 

der Lieferung 1 Mark. 

Grosse und wichtige Gruppen von Krankheiten finden in diesen Lieferungen ihre 
Beschreibung; deren Durchmusterung zeigt durch die in der Natur der Anordnung be¬ 
dingten, bunten Mengung der Gegenstände, was für ein ungemein grossartiges Wissen 
den Kopf eines Mediciners füllen sollte und welch gewaltige Anforderungen an den 
practiscben Arzt gestellt sind. Nennen wir nur die Haupttitel der umfangreichen Ab¬ 
handlungen : Rothlauf, Gelbfieber, Gelenkrheumatismus, Gicht, Gehirnkrankheiten, Folie 
raisonnante, Gefangnisspsychosen, Facialislähmung, Halsmuskelkrämpfe, hereditäre Ataxie, 
Geruch- und Geschmackstörungen, Fieber, Fettsucht, Fettherz, Bluthusten, Bluterbrechen, 
Magencatarrh, Magenspiegelung und Durchleuchtung, Galle, Gallensteine, Gallenwege, 
Harn, Stuhl. Homöopathische Arzneimittel — die wohlwollende Beurtheilung legt be¬ 
redtes Zeugniss ab von der Verworrenheit dieser Lehre, — Schlafmittel, Jod, Kreosot und 
Verwandte, Mineralwässer, Pfeilgifte, Phosphor, Quecksilber u. s. w., u. s. w. 

In den Lieferungen 38—41 finden ihre Besprechung: Harnsäuredyskrasie, Hebe- 
phrenie, die Wurmkrankbeiten, halbseitiger Schwund und Vergrösserung des Gesichtes, 
Klappenfehler, Neurose und Thrombose des Herzens, Hitzschlag, Homöopathie, Hydro- 
cepbalus, Hydrops, Hydrotherapie, Hypnotismus. Von den geschilderten Heilmitteln sind 
die wichtigsten: Eatantica. Besorcin, Rheum, Ricinus, Sabadilla, Sabina, Säuren, Salicyl- 
säure, Salpetersäure, Santonin, Schwefel, Scilla, Secale. 

Die Frauenheilkunde ist vertreten mit: Athemstörungen der Neugebornen, Catarrb, 
Binnenentzündung, Atonie, Ausweitung der Gebärmutter, Beckenlehre, Beckenendlagen, 
Beckenergüsse, Bildungsstörungen, Blasenkrankheiten, Blutungen, Krebs, Castration, Con- 
ception, Dammrisse, Eclampsie, Entbindung, Extrauterinschwangerschaft. Seitz. 


erst iw» 

afnue«i Oie Krankheiten des Herzens und ihre Behandlung. 

sonders Von Dr. 0. Rosenbach , a.-o. Professor an der Universität in Breslau. Zweite Hälfte. 
issM» Erste Abtheilung. Wien und Leipzig, Urban & Schwarzenberg, 1894. 

bto* 0 Das Heft enthält eine Reihe von Besprechungen gerade solcher Formen von Herz- 

ri, Störungen, welche weniger durch in die Sinne fallende physicalische Befunde sich aus- 

I« zeichnen, desshalb leicht unrichtiger Deutung anheimfallen und in Folge dessen besonderer 

tfrW feiner Beobachtung und Beurtheilung bedürftig sind: nervöse Schwäche des Herzens, 

Vagusneurosen wie Herzlangsamkeit, Herzraschheit, Einflüsse von Verdauungsstörungen 
dertf auf das Herz, anfallsweise Pulsation der Bauchaorta, Arteriosclerose. Ferner ist der 
Verfasser bestrebt, die Vorgänge nach dem Gesetze von der Erhaltung der Energie ver- 
ei# stündlich zu machen, gewiss ein sehr gerechtfertigter und lehrreicher Versuch. Seitz . 

111 $ 

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top W aohenbericht. 

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ga Schweiz. 

$ Berte. Bacteriol ogischer Curs. Dauer vom 4. bis 30. März 1895. 

^ Anmeldungen sind an Prof. Dr. Tavel zu richten. 

** — Die Frage der Fürsorge für oobemiftfelte Lungenkranke hat wiederum einen 

^ Schritt vorwärts gethan, indem die Errichtung der BaslerHeilstäfcte nun gesichert ist. 

f In einer am Ende letzten Jahres vorgenommenen Sammlung r wurde in kurzer Zeit die 

f schöne Summe von 326,000 Fr; unterzeichnet, so dass die Commissfon sich in der an¬ 

genehmen Lage befindet, ohne die Gesellschaft des Guten und Gemeinnützigen in An¬ 
spruch zu nehmen, an die Errichtung der in Davos projectirten Anstalt schreiten zu kön- 


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124 


nen. Diese für 50—60 Patienten bestimmte Heilstätte soll bei Vermeidung von jedem 
Luxus doch so eingerichtet werden, dass sie allen an solche Anstalten billig zu stellen¬ 
den Ansprüchen genügen wird. Sie soll unter der Oberleitung eines ärztlichen, speciell 
zu diesem Zwecke geschulten Directors gestellt werden, welche Stelle, wie aus dem Inse¬ 
ratenteil des Blattes ersichtlich, bereits ausgeschrieben ist. — Die Commission hofft bis 
Juli 1896 die Anstalt dem Betriebe übergeben zu können. Ebenfalls ist von der Sp^tal- 
behörde die Errichtung eineB Sanatoriums für Lungenkranke in der Nähe der Stadt be¬ 
schlossen worden, in welchem die bis dahin im Spital verpflegten Phthisiker Aufnahme 
Anden werden. Die für das Höhendima geeigneten Fälle werden dann von dort aus 
nach Davos dirigirt, den übrigen sollen an Ort und Stelle die Vortheile der Freiluft- 
Behandlung zu Gute kommen. 

— Die Elnnelraegllsdieii, welche statt der Löffel zum Einnehmen von Arzneien 
dienen, aber auch zum Abmessen von concentrirten Carboilösungen u. s. w. verwendet werden, 
sind, wie ich mich überzeugt habe, zum Theil ungenau. Z. B. habe ich eines nachge¬ 
messen, dessen Theilstück 10 12,5 ccm entsprach, zwischen 15 und 20 ist der Abstand 
zuweilen um 1 ccm zu klein. Da Aerzte und Publikum diese Gläser als absolut zuver¬ 
lässig betrachten, wie ich wenigstens wiederholt gehört habe, dürfte es vielleicht am Platze 
sein, auf diese Ungenauigkeiten aufmerksam zu machen. 

Basel. Dr. A. Gönner . 

— In Nr. 24 des Jahrganges 1894 des Correspondenzblattes bestätigt Herr Dr. 
H. Schulthess in Hottingen die wohl allgemein bekannte Thatsache, dass bei der 
Eraihrinff der Neugeborenen die Verhütnug von Wirme verlosten eine wichtige Rolle 
spielt, und er theilt mit, wie die Ernährungsstörung eines Säuglings durch Erwärmung 
des Aufenthaltsraumes rasch gehoben wurde. Nicht allgemein bekannt dürfte die That¬ 
sache sein, dass seit mehr als einem Jahre in Frankreich Frühgeburten nach diesem 
Princip systematisch behandelt und am Leben erhalten werden. Lion hat eigentliche 
Brutofen mit automatischer Wärmeregulirung construirt, worin die Kinder bewahrt werden. 
Mein Bruder hat im April vorigen Jahres in Nizza eine solche künstliche Kinderbrutan¬ 
stalt besucht und dort sechs solcher „Bruthennen® mit Frühgeburten von sechs bis acht 
Monaten in Function gesehen. Die Resultate sollen ausserordentlich günstige sein. Von 
300 Kindern, von welchen nach allen Erfahrungen der Vergangenheit 270 gestorben 
wären, sind 270 gesund und rosig ihren Eltern zurückgegeben worden. Das Kleinste 
dieser Kleinen wog 2 l /i Pfund. 

Zürich. A. v. Beust, pract. Arzt. 

Ausland. 

— Der 13. Csugress für Innere Medici findet vom 2. bis 5. April 1895 zu 
München statt. Sitzungslocal: Acaderaie der Wissenschaften, Neuhauser Strasse No. 51. 
Das Präsidium übernimmt Herr von Ziemssen (München). Folgende Themata sollen zur 
Verhandlung kommen: Am ersten Sitzungstage, Dienstag den 2. April: Die Eisen¬ 
therapie. Referenten: Herr QuincJce (Kiel) und Herr Bunge (Basel). Am zweiten 
Sitzungstage, Mittwoch den 3. April: Die Erfolge der Heilserumbehand¬ 
lung der Diphtherie. Referat erstattet von Herrn Heubner (Berlin). Am dritten 
Sitzungstage, Donnerstag den 4. April: ' D i e Pathologie und Therapie der 
Typhlitiden. Referenten: Herr Sahli (Bern) und Herr Helferich (Greifswald). — 
Ausserdem sind noch ca. 30 Vorträge angemeldet. Weitere Anmeldungen zu Vorträgen 
nimmt der ständige Secretär des Congresses Herr Emil Pfeiffer (Wiesbaden) entgegen. 
Mit dem Congresse ist eine Ausstellung von neueren ärztlichen Appa¬ 
raten, Instrumenten, Präparaten u. 8. w., soweit sie für die innere Me- 
dicin von Intoresse sind, verbunden. Besondere Gebühren werden dafür den Ausstellern 
nicht berechnet. Hin- und Rückfracht, Aufstellen und Wiedereinpacken, sowie etwa nöthige 
Beaufsichtigung sind üblicher Weise Sache der Herren Aussteller. Anmeldungen und 
Auskunft bei Herrn von Ziemssen (München). 


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— Castration bei Proatatahypertraphfe wurde vorgeschlagen von J. W. White 

(1. Juni 1893; Annals of Americ. Surgery) und von F. Ramm , Christiana (Centralblatt 
für Chir. 1893, pag. 759 und 1894, pag. 387). Die Erwägungen, welche zu dieser 

heroischen Therapie führten, sind folgende, zum Theil experimentell begründete: 

Die Prostata gehört zu den Geschlechtsorganen. Sie erreicht ihre Entwicklung 
nach eingetretener Geschlechtsreife oder gleichzeitig damit. Bei Missbildung in den Ge¬ 
schlechtsorganen behält sie ihre infantile Grösse, wie bei Castration vor dem geschlechts- 
reifen Alter. Bei der Castration von Erwachsenen schrumpft sie ein. Eine hypertrophirte 
Prostata schrumpft ein nach der Castration. Es tritt gleich (wenige Tage !) nach der 

Castration eine Volumverminderung ein, welche mit der Zeit zunimmt. 

Verschiedene Beobachter aus Amerika, England und dem europäischen Continente 
bestätigen den oft geradezu wunderbaren Effect der Castration quoad Erleichterung der 
Urinexcretion bei den sonst jahrelang gequälten alten Herren. 

— Af«a cblorl bei chronischem Alcoholismas. Die unmittelbare Ursache des 
Alcoholbedürfnisses bei chronischen Säufern, welche eine Gastritis aufweisen, sucht und 
findet Prof. Zdekauer (Petersburg) in einer Irritation der Nervenplexus des Magens; er 
fordert, gestützt auf zahlreiche günstige Erfolge, die Collegen auf, Aqua cblori dagegen 
anzQwenden. (Circa 3 — 4 Mal täglich 15 Tropfen in irgend einem schleimigen Decoct, 
z. B. Aqua chlori 10,0, Decoct. AIthseae 175,0, Syr. sacch. 15,0; 3 stündlich 1 Esslöffel.) 
Unter dieser Medication „wurde die Gastritis geheilt; der Appetit kehrte zurück; das 
hypochondrische Stadium verschwand; gleichzeitig zeigte sich der Kranke von dem mäch¬ 
tigen Drange, zu trinken, welcher ihn seit Jahren beherrscht hatte, befreit. 4 

— Gegen hartnäckigen, jeder anderen Behandlung trotzenden Slogoltfls erwies 
sich Griscoold das Nitrolglycerin als sehr wirksam. Bei einem 50jährigen Alkoholiker 
Jiess das Schluchzen schon nach der ersten Pastille (zu 0,0005) bedeutend nach und ver¬ 
schwand nach fünf Einzeldosen, im Verlaufe von* zehn Stunden gegeben, vollständig. 

— fiiteekten Iber das Aaergflblleht. Nach genauer Untersuchung von Professor 
Dr. F. Renk , Director der Centralstelle für öffentliche Gesundheitspflege in Dresden, hat 
das Auerlicbt folgende Vorzüge gegenüber den Schnitt- und Argandgasbrennern: 1) 50°/o 
Gasersparniss. 2) Geringere Luftverderbniss. Temperatursteigerung und Kohlensäure- 
bildung erreicht nicht annähernd den Grad, wie bei den andern Brennern. Zudem fallen 
jene gesundheitsschädlichen unvollkommenen Verbrennungsprodukte der letztem vollständig 
weg. 3) Viermal grössere Helligkeit als Schnitt- und zweimal grössere als Argandbrenner. 

4) Fehlen jeden Qualmens und FJackerns. 5) Den viermal grossem „Glanz“ des Auer- 
lichtes (= Lichtmenge, welche von der Flächeneinheit ausgestrahlt wird) kann man am 
Besten mit Augenschützern aus mattirtem (nicht Milchglas, welches zu viel Licht absorbirt) 

Glas beheben. 

— Ueber den Hitzschlag. In sieben Jahren kamen nach Hiller in der deutschen 
Armee 773 Fälle von Hitzscblag mit 116 Todesfällen vor. Trotz ihrer Häufigkeit sind 
zur Zeit die Ansichten über die Natur und den Mechanismus dieser Affection noch sehr 
getheilL CI. Bemard hatte angenommen, dass die übermässige Temperatarsteigerung 
eine Coagulation des Protoplasma der Muskelfibrillen hervorrufe, welche sich besonders 
auf die Herzmuskulatur geltend mache, was eine Beeinträchtigung der Herzaction und 
endlich einen Herzstillstand zur Folge habe. In der That hat er bei Thieren, welche 
während einiger Zeit einer hohen Temperatur ausgesetzt worden sind, so dass die Tem¬ 
peratur im Rectum 45° erreichte, eine auffallende Starre der Herzmusculatur und des 
Diaphragma und Gerinnung des Myosins beobachtet. Andere Autoren, namentlich Hirsch , 
suchten die Ursache des Hitzschlages in eine Alteration des Blutes, insbesondere in 
eine Verminderung seiner Sauerstoffcapacität, verbunden mit einer Retention von toxischen 
Producten, zu verlegen. Diese letzte Ansicht fand besonders in Obermeier einen wannen 
Vertbeidiger, der den Hitzschlag auf eine Harnstoffretention zurückführen wollte. End¬ 
lich wurde der Hitzschlag als directe Folge der Einwirkung der Hitze auf das Central- 


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nervensystem angesehen. Laveran und Begnard haben nun wiederum die Frage einer 
experimentellen Prüfung unterworfen, und sind dabei zu folgenden Resultaten gekommen: 
Es ist auffallend, dass weitaus die Mehrzahl der Fälle von Hitzschlag bei Infanteristen 
vorkommt, während Cayalleristen viel seltener davon befallen werden. Somit ist der 
Gedanke naheliegend, dass die Ermüdung eine wesentliche Rolle beim Zustandekommen 
der Affection spielt. Diese Annahme wird noch dadurch bestärkt, dass die Unglücksfalle 
gewöhnlich während des Marsches und nicht während der Rast Vorkommen. Um den 
Einfluss der Ermüdung festzustellen, sperrten die Autoren zwei Hunde in einen heizbaren 
Käfig ein; der eine wurde angebunden und bewegte sich während der ganzen Versuchs- 
Zeit nicht, der andere dagegen wurde in ein Tretrad gebracht, in welchem er fortwährend 
Gehbewegungen ausführen musste. Die krankhaften Erscheinungen traten viel schneller 
und viel heftiger beim arbeitenden Thier als beim ruhenden auf. Bei einer Temperatur 
des Käfigs von 48°, die nach und nach auf 58° gebracht wurde, bot nach 35 Minuten 
der arbeitende Hund, obschon man ihn zur Vorsicht einige Male hatte ausruhen lassen, 
bereits die schwersten Erscheinungen: Coma, hochgradige Dyspnoe, 200 Athemzüge in 
der Minute, starke Beschleunigung und Unregelmässigkeit der Herzaotion, Tod nach eini¬ 
gen Minuten bei einer Rectaltemperatur von 46°. Der ruhende Hund schien bei der 
hohen Temperatur des Käfigs nicht zu leiden; nach einer Stunde wurde er herausgenom- 
jnen ; die Temperatur im Rectum war blos auf 39° gestiegen. In einem anderen Ver¬ 
such musste die Temperatur des Käfigs auf 80° gebracht werden, um nach 2 Stunden 
45 Minuten den Tod des ruhenden Hundes hervorzurufen. Der Einfluss der Muskel¬ 
arbeit tritt aus diesen Versuchen mit aller Deutlichkeit hervor ; es frägt sich nur, wie 
diese Wirkung zu Stande kommt? Einerseits kann die Arbeit dadurch schädlich wirken, dass 
die Wärmeproduction durch die Muskelcontractionen erheblich gesteigert wird, andrerseits 
werden durch die Arbeit gewisse Stoffe erzeugt, die sich im Blute anhäufen und toxisch 
wirken können. In der That steigt die Körpertemperatur der arbeitenden Thiere viel 
schneller und viel höher, als die der ruhenden Hunde; sie erreichte sogar in einem 
Falle 41,5°, nachdem der Hund zwei Stunden im ungeheizten Käfig gearbeitet hatte, 
Aefinlicfie hohe Temperaturen sind von Hiller beobachtet worden bei Soldaten nach 
Marschübungen bei Temperaturen von 20°. Die Muskeln der durch die Hitze getödteten 
Hunde waren nicht geronnen und reagirten noch gut auf den electrischen Strom; in 
einem einzigen Falle wurde eine partielle Starrheit der Herzmuskulatur bei einem Hunde 
beobachtet, der bei einer Käfigtemperatur von 60° gearbeitet hatte. 

Die Autoren untersuchten ferner das Blut ihrer Versuchsthiere, um zu entscheiden, 
ob vielleicht der Tod infolge von Hitzschlag durch Asphyxie hervorgerufen sei. Der Ge¬ 
halt des Blutes an Sauerstoff wurde normal gefunden, und die Menge der Blutkohlen¬ 
säure war nicht nur nicht gesteigert, sondern unter der Norm gesunken (wohl infolge der 
starken DyspnoB). Um zu entscheiden, ob der Tod infolge von eiqer Autointoxication 
eingetreten sei, wurde arbeitenden Hunden kurz vor dem Tode zu Ader gelassen und das 
defibrinirte Blqt den ruhenden Thieren injicirt. Dabei traten leichte Erscheinungen von 
Unwohlsein, Frösteln, geringe Tomperatursteigerungen auf, die aber nach kurzer Zeit ver¬ 
schwanden. 

Da die Autoren weder in der Asphyxie noch in einer Autointoxication die Erklä¬ 
rung des schnellen Todes finden konnten, neigen sie zur Annahme, dass die hohen Tem¬ 
peraturen ihre schädliche Wirkung direct auf das Centraineryensystem geltend machen, 
upd dass die Todesursache als eine vorzugsweise nervöse aufzufassen sei. 

(Bullet, acad. med. No. 48. 18?4.) 

— Vergiftung ult fixalgiq* Die Zahl der bis dato veröffentlichten Vergiftungs¬ 
fälle mit Exalgin ist noch eine geringe, sodass wir über die toxicologische Wirkung 
dieses Mpdicaments nur mangelhaft unterrichtet sind. In der Mehrzahl der Fälle waren 
ferner die absorbirten Dosen relativ gering, von rasch vorübergehenden Vergiftungser¬ 
scheinungen gefolgt. Ein neuer, schwerer Vergiftungsfall wird von Weber mitgetheilt: 


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127 


Frage eine 
gekommen: 
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Die 32jährige Patientin hat etwa 16 gr Exalgin in Wasser gelöst za sich genommen. 
Fünf Viertel Stunden später treten die ersten Vergiftungserscheinungen auf. Der Gang 
wird unsicher; die Patientin wird von einem heftigen Rotationsschwindel befallen, bis 
sie plötzlich umfallt. Anderthalb Stunden später findet sie der Arzt in halb comatösem 
Zustande, mit etwas cyanotischer Gesichtsfarbe. Die rechte Pupille erweitert, die linke 
normal. Die Patientin scheint die an sie gerichteten Fragen nicht zu verstehen; es besteht 
eine vollständige Analgesie und eine heftige Contractur der Maxillarmuskeln. In den näch¬ 
sten Stunden nimmt die Cyanose sowie die Contractur der Kiefermuskeln zu; Athmung und 
Herzaction hochgradig abgeschwächt. Trotz Coffein und Aetberinjectionen, Applicationen 
von Senfteigen uud allgemeiner Abreibungen, wird etwa vier Stunden nach der Absorption 
des Mittels die Asphyxie so hochgradig, dass directe Lebensgefahr bevorzustehen scheint. 
Faradisation des N. phrenicus. Bei einem vorgenommenen Aderlass fiiesst eine braune 
wie Zwetschgensaft aussehende Flüssigkeit, characteristisch für Methäraoglobin, heraus. 
Nach einer kurzen Besserung, während welcher die Patientin vorübergehend wieder zu 
sich kommt, stellt sich galliges Erbrechen ein, welches sich nach einer Stunde wieder¬ 
holt. Dann treten abwechselnd mit comätösen Perioden Anfälle von epileptiformen chro¬ 
nischen Convulsionen auf, welche etwa alle zwei Stunden wiederkehren. Nach 16 Stunden 
kommt Patientin wieder zu sich und kann etwas Milch zu sich nehmen. Nach 22 Stun- 
. deu werden die ersten Tropfen Harn gelassen. Dieser sieht aus wie Phenolharn, enthält 
Eiweiss, Zucker, zahlreiche entfärbte Blutkörperchen und viel Gallenfarbstoff. Von nun 
an langsame Besserung, vollständige Heilung in vier Tagen. 

(Nouv. rem ödes No. 22. 1894.) 

— Behandlung der Herzschwäche im Verlauf des Keuchhustens. Oefters sich 
wiederholende, heftige Keuchhustenanfalle haben häufig durch die hochgradige Beein¬ 
trächtigung des intrathoracalen Kreislaufs, Dilatation und Insufficienz des rechten Ven¬ 
trikels zur Folge. Geschwollene Augenlider, Cyanose der Schleimhäute, leichte Albumi¬ 
nurie, Vergrösserung der Herzdämpfung, sind die gewöhnlichsten Zeichen dieser Affection. 
Durch Stase im Lungenkreislauf wird der Hustenreiz gesteigert, so dass der Keuchhusten 
nie zur Heilung kommen kann. Es ist desshalb wichtig, auf den Zustand des Herzens 
bei Keuchhusten zii achten, und, sobald die ersten Zeichen von Herzinsufficienz bemerkbar 
werden, muss dagegen eingeschritten werden. Zu diesem Zweck empfiehlt Koplik Tr. 
Digitalis, wovon er zwei- bis dreimal täglich sovielmal 0,03 giebt, als das Kind Jahre 
zählt. Nach kurzer Zeit bessern sich die Kreislaufstörungen und die Hustenanfalle, 
welche vorher nicht zu unterdrücken waren, werden immer seltener und lassen bald 
vollständig nach. (Sem. medic. No. 68. 1894.) 

— Strychnin in Dosen von 0,0005—0,001 dreimal täglich ist nach Harrism 
Mettler das beste Mittel zur Hebung der Herzaction bei Klappenfehlern in der Compen- 
sationsperiode. Selbst bei vorhandenen Compensationsstorungen ist es ein wirksames Adju¬ 
vans der Digitalis. 

— Behandlung* der Krätze bei Kindern. Der ganze Körper wird mit folgender 
Salbe eingerieben: Axung. porci 50,0, Balsam. Peruv. 5,0, Naphtol ß 1,0. Am nächsten 
Morgen Seifenbad und Puderung mit Amylum. Ist die Haut stark gereizt, so wird darauf 
eine Salbe, Vaselin 40,0, Zinc. oxydat.. 4,0, Aq. lactucar. 10,0, applicirt. 

— Behandlung des Lungenödems. Acid. benzoic. 2,0, Camphor., Stib. sulfurat. 
aa 0,5, Elmosacchar. foenicul. 5,0 M., divid. in part. X. 

(Rev. de therap. No. 24. 1894.) 

— Deutscher Verein fllr öffentliche Gesundheitspflege. Die diesjährige Jahres¬ 
versammlung des Vereins wird Mitte September in Stuttgart stattfinden und sind vorläufig 
folgende Verhandlungsgegenstände in Aussicht genommen: 1. Die Umlegung vpn Grund¬ 
stöcken, Zonenenteiguung und andere Maassregeln zur Beförderung weiträumiger Be¬ 
bauung. 2. Hygienische Beurtheilung von Trink- und Nutzwasser. 3. Die Erbauung 


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von Heilstätten für Lungenkranke durch Invaliditäts- und Altersversorgungsanstalton, 
Krankenkassen und Gemeinden. 4. Gasheizung im Vergleich zu anderen Einzelbeiz¬ 
systemen. 5. Der heutige Stand der Canalwässerklärung, insbesondere in Bezug auf In- 
fectionskrankheiten. Wegen Anmeldung zur Mitgliedschaft (Jahresbeitrag 6 Mark) sowie 
jeder sonstigen Auskunft wolle man sich an den Unterzeichneten wenden. Der ständige 
Secretär Dr. Alexander Spiess , Frankfurt a. Main, Neue Mainzerstr. 24. 


An die Redaction des Correspondenzblattes für Schweizer Aerzte. 

Berichtigung. 

In dem in Nummer 2 veröffentlichten Protokoll über die Verhandlungen des medi- 
cinisch - pharmaceutiseben Bezirksvereines in Bern in seiner Sitzung am 24. Juli 1894 
(Gegenstand: die Blatternepidemie in Bern) findet sich auf Seite 56 in dem Votum des 
Herrn Dr. Seiler die Behauptung, es sei dem Impfarzt zuerst nicht gestattet worden, 
den einen Fall (Variola) in der Familie des Herrn Stadtpräsidenten Müller zu sehen. 
Das ist nicht richtig. Im Gegentheil ist der Impfarzt bei seinem ersten Besuche in zu¬ 
vorkommender Weise ausdrücklich eingeladen worden, sich alle Fälle in der genannten 
Familie anzusehen. 

In dem gleichen Votum heisst es ferner, alle Patienten (der Familie Müller) seien 
erwachsen. Auch das ist nicht richtig. Das Alter der fünf erkrankten Kinder vertheilt 
sich auf die Stufen zwischen 10 —19 Jahren. 

Weiter ist in einem Votum des Herrn Dr. Fueler , 8eite 54, angegeben, es sei 
ein Kind in der Lorraine von Professor Vogt zu Hause behandelt worden; das ist inso¬ 
fern ungenau, als Professor Vogt jenes Kind zwar ein Mal besucht, dasselbe aber nicht 
behandelt, sondern den Fall an den Impfarzt gewiesen hat. 

Endlich steht in einem Votum des Herrn Dr. JDubois , Seite 54, die Behauptung, 
man habe in der Länggasse eine Familie (die schon genannte Familie Müller) die Blattern 
durchmachen lassen, ohne Massregeln zu ergreifen. Das ist wieder nicht richtig. Von 
dem Augenblick an, in welchem die Diagnose Variola unzweifelhaft festgestellt und die 
Anzeige bei der Behörde eingereicht war, ist der Impfarzt in Thätigkeit getreten und 
sind nach seinen Anordnungen von Amtes wegen die vorgeschriebenen Massregeln durch- 
geführt worden. Nur die Evacuation des schwersten Falles in das Blatternspital ist, mit 
Erlaubniss der Behörde und des Impfarztes, um etwa acht Tage hinausgeschoben worden, 
nachdem der Unterzeichnete, als behandelnder Arzt, in einem dahin zielenden schriftlichen 
Gesuch, unter Hinweisung auf die Gofahr eines Transportes für den Schwerkranken und 
auf die gegebene Möglichkeit genügender Absperrung, um diese Bewilligung eingekom¬ 
men war. 

Ich muss diese Berichtigungen nachträglich und hier im Correspondenzblatt an¬ 
bringen, weil ich in der Sitzung, in welcher jenes Protokoll vorgelesen worden war, 
nicht hatte anwesend sein können und dessen Wortlaut erst kürzlich zu sehen bekommen 
habe. — 

Bern, 2. Februar 1895. , Bob . Vogt . 


Briefkasten. 

Dr. C. in B.: Das Bernervolk hat gesprochen und den Impfzwang verworfen. Die grosse 
Minorität (22,431 gegen 24,739) ist immerhin eine SatJsfaction für die ehrlichen ärztlichen Kftth- 
geber in der wichtigen Frage. — Die Nr. 28 des Bieler Express, die Sie einschickten. liefert in dem 
skandalösen Inserate nur einen Beitrag zu der über alle Begriffe gemeinen und unlautern Kampf¬ 
weise gewisser sog. Impfgegner. Wir wollen nns nicht mit Schmutz besudeln und treten desshalb 
nicht darauf ein. 


Schweighauserische Buchdruckerei. — B. Schwabe, Verlagsbuchhandlung in Basel, 


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oorrespomz-blatt 


Erscheint am 1. tfnd 15. 
jedes Monats. 

Inserate 

35 Cts. die gesp. Petitzeile. 


für 


Preis des Jahrgangs 
Fr. 12. — für die Schweiz, 


1177*1 r/PV A Pwtp Fr. 14.50 für das Ausland. 
kJlyll W \j1JU\jL JLXvI $ All. Postburefitix nehmim 


Herausgegeben von 


Alle Postbureanx nehmen 
Bestellungen entgegen. 


Dr. E. Haffler und Dr. A. Jaquet 

in Frauenfeld. in Basel. 


N° 5. XXV. Jahrg. 1895. 1. März. 


(■halft I) Original»rbeitflii: Dr. Wüh. 9. Muralt: Erfahrungen Aber Sernmbehftndlnng bei Diphtherie. — 2) Ver- 
einaberiehte: Geeellechaft der Aerzte in Zürich. — lledicinieeh-pharniaceatiaeber Bozirkarerein Sern. — 8) Referate 
ned Kritiken: Richard Kaan: Erkenntnieee and Beeebeide der im Grande den Geeetzee betreffend die Unfaliveraicherang 
der Arbeiter errichteten Bcbiedegerfchte. — 4) Cantonale Correspondessen: Acten der schweizerischen Aerztecom- 
mission. — St. Gallen: Dr. Werner Dudly f. — Genf: Atlas der Anatomie ron Ltukowekg. — 5) Woeben bericht: Basel: 
II. Verasmmlnog der anatomischen Gesellschaft. — Base): Bacteriologiscber Cars. — Feriencnrse in Bern. — Schilddrttsen- 
eztraettherspie. — Xf. internationaler medicinischer Congress ln Rom. — SchilddrQsentberapie. — Spaltungen der Herttöae. — 
Die Behandlung des Olcas cornae mit Milchsftare. — Gegen mnltiple Warzen. — Behandlung der Kolsmpsie. — Deeinfioirende 
Kraft der Formaldehj'ddftuipf«. — N&brcljstiere mit Leberthrmn. — Corrigendnm. — 6) Briefkasten. — 7) Bibliogra¬ 
phisches. 


Original-Arbei ten. 

Mittheilungen aus dem Kinderspital Zürich. 

Erfahrungen Ober Serumbehandlung bei Diphtherie. 

Von Dr. Wilh. v. Muralt. 

M. H.! Nachdem wir im Kinderspital Gelegenheit gehabt haben, 5 8 Diph¬ 
theriekinder mit Behring 'schem Serum zu behandele und ausserdem 16 andere 
gesundeKinder behufs Immun isirung zu iojiciren, halte ich mich nicht nur 
für berechtigt, sondern geradezu für verpflichtet, den Collegen darüber Bericht zu er¬ 
statten, allerdings nicht in der Absicht, ein endgültiges Urtheil bis in alle Einzelheiten 
der complicirten Krage abzngeben, sondern hauptsächlich, um auf die frappant günstigen 
Erfolge aufmerksam zu machen und die oft an uns gestellte Frage zu beantworten, 
ob es gerechtfertigt sei, die Methode zu der allgemeinen 
Einführung in die Praxis zn empfehlen. Wie Ihnen Allen bekannt 
ist, hat sich namentlich in den letzten Monaten eine sehr ausgedehnte Literatur über 
das Verfahren, dessen Theorie und Praxis entwickelt, haben sich ferner zahlreiche 
ürztlicbe Gesellschaften eingehend damit beschäftigt, and ist auch in der Tagespresse 
eine zom Tbeil recht unerquickliche Discnssion darüber geführt worden. Ich verzichte 
von vornherein darauf, ein irgendwie vollständiges Bild dieses Für und Wider zn 
geben, halte es aber doch für zweckmässig, die Behring’s che Theorie selbst 
in kurzen Zügen darzulegen und die hauptsächlichsten Einwände 
dagegen möglichst objectiv zu besprechen, wobei ich mich gerne an die von Behring 
und von Kossel gegebene Darstellung halte. 

Vorausscbicken mochte ich noch, dass ich mich, nach den früheren mit dem 
Tuberkulin gemachten Erfahrungen, dem Diphtherieserum gegenüber sehr reservirt 

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verhielt, dass ich selbst nach einem Besuch der Berliner Spitäler, in denen das Serum 
Verwendung fand, im Frühjahr 1894 mich noch nicht entschlossen konnte, mit den 
Versuchen zu beginnen, weil mir die Frage damals noch nicht genügend abgeklärt 
schien, ob das Serum neben den nützlichen nicht auch schädliche Eigenschaften im 
Gefolge habe, und dass ich erst nach den Verhandlungen der Naturforschergesellschaft 
in Wien, ganz besonders nach Widerhofer' s überzeugendem Votum mir vorgenommeo 
habe, die Methode zu versuchen. Widerhofer hatte die Mortalität in seinem 
Spital von 5 2,6% auf 23% heruntergebracht, und erklärte sich dahin, 
dass er einen schädlichen Einfluss des Serums auf den Organis¬ 
mus nicht mit Bestimmtheit constatiren könne, und dass er Behring '3 Serum¬ 
therapie für eine Heilmethode gegen Diphtherie halte, welcher wir bis jetzt auch nicht 
annähernd eine ähnliche an die Seite stellen können. Meine damaligen Bemühungen, 
Serum aus den Höchster Farbwerken zu erhalten, waren Anfangs erfolglos, 
so dass ich mich durch meine Freunde an Brown' s Institution in London und 
an das Institht Pasteur in Paris wandte, — ebenfalls damals ohne Erfolg. Erst 
Mitte October konnte mir von Höchst entsprochen werden, so dass ich dann in den 
nächsten Tagen beginnen konnte. (Seither habe ich auch von Paris erhalten, aber 
noch nicht verwendet.) Selbstverständlich konnte unsre Versuchsreihe nur Werth 
haben, wenn sie ba c t e r i ologis c h möglichst genau contro- 
lirt war. Ich batte mich desshalb mit Herrn Prof. Wyss dahin geeinigt, dass das 
hygienische Institut diese Controle übernehme und Herr Dr. Silberschmidt hatte die 
Freundlichkeit, von jedem Falle sofort die nöthigen Proben für directe microscopiscbe 
Proben und Culturen zu entnehmen. 

„Die Blutserumtherapie Behring'3 beruht also auf der von ihm ge¬ 
fundenen Thatsache, dass man durch subcutane Injection des Blutes von Tbieren, 
welche gegen eine bestimmte Bacterienart immunisirt sind, andere Thiere gegen die 
Impfung mit diesen Bacterien unempfindlich machen kann. Und zwar schützte die 
Injection eines derartigen Blutes die Thiere nicht nur gegen die Impfung mit lebenden 
ßacterien, sondern auch gegen deren Gifte. Bisher hatte man Immunität wohl da¬ 
durch erreichen können, dass man den Thieren abgeschwächte Bacterienculturen oder 
auch die von lebenden Organismen befreiten Culturflüssigkeiten beibrachte. ( Pasteur 
gegen Milzbrand und Hundswuth.) Diese Immunisirung wurde also da¬ 
durch erzielt, dass man die Thiere eine abgeschwächte Form der 
Krankheit durchmachen liess, ähnlich wie dies bei der Vaccination gegen 
Menschenpocken geschieht. Das Ueberstehen der abgeschwächten Krankheitsform reichte 
aus, um die Thiere gegen die Impfung mit vollvirulentem Material zu schützen. Bei 
Behring' s Methode der Immunisirung genügt aber die Injection eines an 
sich nicht krankmachenden Stoffes, des Blutserums immunisirter Thiere, 
um andere Individuen derselben oder auch einer andern Thierspecies zu schützen. Er 
brauchte also, um Thiere gegen eine Infection zu festigen, nicht jedes einzelne Thier 
nach Pasteur zu immunisiren, sondern, wenn er nur eines derselben der Behandlung 
nach Pasteur unterwarf, konnte er mit dessen Blut eine ganze Reihe anderer Thiere 
immun machen. Bei der Pasfeur'schen Immunisirung hat der Körper des Thieres 
seine Immunität gleichsam durch eigene Arbeit erlangt, bei der Behring'scbeo dagegen 


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nur den fertigen Immunisirungsstoff resorbirt. Ehrlich bezeichnet desshalb die erstere 
als active, die zweite als passive Immunität. Durch diese Auffassung wird uns eher 
verständlich, warum die eine Immunität (die passive) nur kurz, die andere dagegen 
viel länger, sogar das ganze Leben andauern kann. — Die Gegengifte, oder 
Antitoxine, welche dem Blut immunisirter Thiere diese Eigenschaft verleihen, wirken 
specifisch, so dass Diphtherieantitoxin nur gegen Di p h - 
theriegift, Tetanusantitoxin nur gegen Tetanus,Schutz verleiht. 

Da sich bei den Untersuchungen erwies, dass die zur Heilung erfor¬ 
derliche Dosis weit höher als die Immunisirungsdosis ist, 
so musste man versuchen, möglichst concentrirte Antitoxinlösungen zu gewinnen.“ 

Um einen genauen Massstab zu haben für die Wirksamkeit des Serums, bezeichnen 
Behring und Ehrlich ein durch Tbierversuche genau geprüftes Serum als Normal¬ 
serum und nennen einen Cubikcentimeter von diesem Serum eine Immunisirungseinheit. 
Sie haben ferner durch Versuche festgestellt, dass zur Heilung der Diphtherie bei 
Kindern mindestens 600 Immunisirungseinheiten notwendig sind, d. h. 10 ccm eines 
sechzigfachen oder 5 ccm eines bundertzwanzigfachen Normalserums. 

Dass die ganze Theorie noch eine Menge Lücken enthält, ist leicht 
ersichtlich. Wir wollen kurz auf die wesentlichen hin weisen und die hauptsächlichsten 
Einwürfe, die dagegen erhoben wurden, gedrängt besprechen. Wie verhält sich 
normales Serum der verschiedenen Thiergattungen bei der Injection 
auf andere Thiere und auf den Menschen? Es sind wohl physiologische Ver¬ 
suche da, die ergeben, dass nach solchen Injectionen vermehrte Ausscheidung von 
weissen Blutkörperchen durch die Nieren stattgefunden hat; viel mehr aber wissen 
wir darüber nicht. Dass die beobachteten Exantheme vom Blutserum als 
solchem herrühren und mit dem darin enthaltenen Antitoxin nichts zu thun haben, 
wird wohl vermuthet, aber warum treten sie dann nicht regelmässiger auf? 

Welches Thier eignet sich am besten zur Herstellung 
des Serums? Während bisher das Pferd mit Vorliebe benützt wurde, gibt Behring 
jetzt an, dass er das beste Serum von Hammeln gezogen habe. — Ist der Car bol* 
gehalt des Serums (0,5°/o) für kleine Kinder nicht unter Umständen gefährlich, 
und muss ein Theil der beobachteten Wirkungen nicht vielleicht dieser Beimischung zu¬ 
geschrieben werden? Ueber die chemische Natur der Toxine und der 
Antitoxine wissen wir noch wenig, ebenso steht es mit unserer Kenntniss über die 
Malignität der verschiedenen Arten von Streptococcen, 
und ihr Verbältniss gegen Diphtheriebacillen. — Die Natur'der 
Scharlachdiphtherie ist noch nicht aufgeklärt. — Dass die bacilläre 
Diphtherie den Menschen nur einmal im Leben befalle, wird wohl be¬ 
hauptet, ist aber durch viele zuverlässige Beobachtungen sehr unwahrscheinlich. — 

Ob das Diphtheriegift im Körper von den Zellen aufgenom¬ 
men wird, und wie hinwiederum die Schutzwirkung im Organis¬ 
mus zustande kommt, darüber haben wir wohl Hypothesen, aber keine 
sichere Antwort. — Wovon die Virulenz der Diphtheriebacillen 
beim Menschen abhängt, ist uns unbekannt, da nach den Untersuchungen 
von Bernheim Bacillen, die beim Thier hochgradig virulent sind, beim Menschen ge- 


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ringe Virulenz zeigen können, und umgekehrt. Aus den gleichen Versuchen wissen 
wir, dass zwischen Streptococcen und Diphtheriebacillen in der Nähr- 
bouillon ein Antagonismus besteht, nicht aber, wie ihr gegenseitiges Verhält* 
niss im menschlichen Körper ist. Ob das Serum, intravenös einge¬ 
spritzt, anders wirken würde als subcutan, ist noch nicht zu entscheiden, da nur 
eine solche Beobachtung von Bergmann vorliegt. 

Die H a u p t e i n w ü r f e , die von den Gegnern beigebracht werden, sind fol¬ 
gende: Hansemann hält das ganze Fundament der Theorie für zweifelhaft, weil 
einerseits Diphtheriebacillen bei ganz Gesunden oft nach¬ 
gewiesen sind, anderseits bei klinisch sichersteheuder Diph¬ 
therie und Scharlachdiphtherie Diphtheriebacillen nicht gefunden 
worden sind, weil ferner Thier- und Menscbendiphtberie ganz verschiedene 
Krankheiten seien. Nun ist aber erwiesen, dass, wie eben lange nicht alle Kinder an 
Diphtherie erkranken, die Gelegenheit zur Infection haben (siehe u. a. Fall von Rose), 
offenbar viele Menschen angeboren oder erworben immun sind, und also Diphtherie¬ 
bacillen ohne Schaden beherbergen können. Und dass es ausser der bacil- 
lären Diphtherie eine andere gibt (wahrscheinlich Streptococcen¬ 
diphtherie), die in ihren Erscheinungen und Folgen der ersten ganz 
ähnlich ist, ist durchaus nichts Neues, sondern erst jetzt noch deutlicher geworden. 
— Die Aehnlichkeiten im Auftreten, der Ausbreitung und den Folgen des diphtheri¬ 
schen Processes beim Thier sind doch so ähnlich denjenigen, die wir beim Menschen 
beobachten, dass wir sie als dieselbe Krankheit betrachten müssen. — Ein wichtiger 
Einwand ist der, dass wir die genaue Dosirung des Heilserums noch 
nicht kennen, und speciell, dass uns die Entdecker keine Scala angeben, nach 
der wir das Mittel im Verhältniss zum Körpergewicht des Kindes bemessen könnten. 
In dieser Beziehung kann uns aber die Angabe Behring 's beruhigen, dass alle ihre 
Fläschchen nur Minimaldosen enthalten. Unserm Wunsche, für die Dosirung des 
Serums bezüglich Alter des Kindes, Schwere und Stadium des Falles und allfälliger 
Complicationen genauere Angaben zu erhalten, entspricht übrigens die vom Institut 
Pasteur gegebene Anleitung besser, als die Behring'sehe. Da sie weniger bekannt ist, 
geben wir die betreffenden Stellen derselben wieder. 

Employe, ä la dose de 5 cent. cubes, le Sörum donne une immunite passag4re 
contre la diphterie. Le pouvoir preventif du Serum livre par l’Institut Pasteur est au 
moins de 50,000, c'est 4 dire qu’il suffit d’injecter 4 un cobaye une quantitö de ce 
Sörujn egale 4 '/ 1 , 0,000 * de son poids pour qu’il puisse supporter, sans ötre malade, une 
dose* de culture virulente ou de toxine capable de faire p6rir les cobayes tömoins, en 
moins de 30 heures. Cette activite correspond environ k celte d’un Sürum de 100 4 200 
unites immunisantes de M. Ehrlich. 

Acdion therapeutique. — Injecte en quantite süffisante, le Serum antidiphterique 
guerit la maladie declaree, si toutefois eile n’est pas arrivee k une periode trop avancee. 

La dose a employer varie suivant l’äge du malade, le moment de l’intervention, l’inten- 
sit6 de la maladie. — 5 4 10 centimetres cubes suffisent pour les diphteries benignes 
prises au döbut, 15 k 20 centim. cubes sont nöcessaires si la maladie est severe ou si eile 
dato de plusiours jours. 11 faut, exceptionnellement, jusqu’4 30 centim. cubes et möme 
an del4 dans les cas trös-graves, notamment dans ceux oü l’on est oblige de pratiquer 
la tracheotomie. II est donc impossible de fixer la quantite de Serum qui guerit un cas 


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de diphtberie. Le m6decin devra se guider sur la raarebe de la temperature et da pouls, 
aiosi qae sur P6tat general du malade. Aussi longtemps que la temperature rectale n’est 
pas tombee au dessous de 38°, on ne peut considerer la maladie com me terroinee. En 
general, les fauaaes membranes ae detachent dana lea 24 beurea qui suivent Pinjection du 
Serum, ai la doae injectee mt süffisante. 

Lorsqu’un enfant presente du tirage, on pourra souvent eviter ia tracbeotomie en 
lui injectant une premiäre fois 15 4 20 centim. cubes de Serum et en pratiquant douze 
beurea aprös une nouvelle injection de 10 k 20 centim. cubes ai l’amälioration n'eat paa 
süffisante. 

II eat preferable d’injecter, d£s le debut une dose de Serum un peu forte et capable 
d’arräter la maladie, plutöt que de faire, k plusieurs reprises, des injections de doses 
faibles. Cbez les tont petita enfants, au dessous d’un an, en r£gle generale on injectera 
autaut de centim. cubes de Särum que l’enfant compte de mois. II n’est pas näcessaire, 
k moins d’une gravite exceptionnelle de Paffection, de depasser 15 k 20 centim. cubes 
pour Ja premiäre injection cbez les adultes; car ai leur poids eat plus considerable que 
celui de» enfants, ila resistent beaucoup mieux k la maladie, et par suite n’ont besoin 
que d’une aide moins puissante. II faut injecter aux malades la quantitä utile de Serum, 
mai8 ne pas räiterer les injections sans necessite. 

Injections: folgt zuerst die Vorschrift der aseptischen Maassrogeln (das Serum von 
Roux enthalt behufs Conservirung nicht Carbolsäure, sondern eine kleine Quantität 
Campher), und fahrt dann fort: 

Avant d’injecter le Serum, il est necessaire de s’assurer qu’il est reste limpide; 
un träs-leger precipite rassemble au fond du flacon n’indique pas une alteration. 

Le diagnostic bacteriologique de la diphterie devra toujours etre fait, puisque c’est 
le seul mojen de connaitre, d’une maniäre certaine, si Je cas est justiciable du traitement 
pas le Särum et d’ätre fixe sur les mesures de däsinfection k prescrire; mais comme le 
traitement särothärapique est d’autant plus efficace qu’il est institue plus töt, il ne fau- 
drait pas, sous pretexte d’attendre le räsultat du diagnostic bacteriologique, retarder 
Pinjection de Serum, surtout si le cas se presente comme särieux et avec älävation notable 
de tempärature. On sait en effet que le Serum injecte en temps utile previent l’em- 
poisonnement diphterique, mais qu’il est impuissant contre l’empoisonnement accompli qui 
se traduit par la paralysie, l’irrägularite de la respiration et du pouls. Lorsque ces 
symptämes se manifesteront, malgrä Pinjection du Serum, c’est qu’alors on sera intervenu 
trop tard ou que la dose administree aura ete trop faible. 

Dass jeder Injection 0,5% (nicht 0,5, wie JRosenbach schreibt) Car bo 1 
beigesetzt ist, d. h. die Hälfte dessen, was die PharmacopcB als 
die M a x i m a 1 d o s i s für den Erwachsenen angibt, scheint allerdings etwas viel. 

Es ist aber fär die Conservirung des Mittels absolut nothwendig und ein schädlicher 
Einfluss nie beobachtet worden. Vielfach ist der Anwendung des Mittels entgegen- 
gehalten worden, dass dessen Unschädlichkeit nicht erwiesen sei. 

Dem gegenüber führen wir den Ausspruch Virchotc 's an: die Möglichkeit der 
Schädigung durch Serum ist jedenfalls eine sehr geringe. 
Behring selbst sagt, dass der Thierkörper, aus welchem das Serum stammt, 
an sich der Träger von Infectionsstoffen sein könne, die ins Blut 
übergehen, z. B. Stoffe, die im Futter enthalten sind; er hält es desswegen für rich¬ 
tiger, das Heilserum nicht sofort nach seiner Herstellung zum Gebrauch in der Praxis 
zu versenden, sondern vorher mindestens 14 Tage stehen zu lassen, 
um die Carbolsäure Wirkung etwas länger andauern zu lassen. Die bekannte Schauer- 
mäbr, die von der Berliner „Post* aus durch alle Zeitungen die Bunde machte, dass drei 


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za Schutzzwecken behandelte Kinder erkrankt and gestorben seien, hat Prof. Ehrlieh bis 
auf den Ursprung hin verfolgt — and was ist übrig geblieben, e i n Kind, das mit dem 
Schering' sehen Präparat vor längerer Zeit eingespritzt worden war, bekam später Diph¬ 
therie und wurde in todtkrankem Zustande mit dem Höchster Präparat erfolglos behandelt. 
— Vielfach hört man den Einwand, die Gefahr derDiphtherie ist dieSepsis, 
und wenn diese mit dem Serum nicht sicher bekämpft werden kann, so taugt es nichts. 
Damit sind also die sogenannten Mischinfectionen gemeint, weniger mit den unschäd¬ 
lichen Staphylococcen als den Streptococcen, die jedenfalls viel häufiger Vorkommen, 
als Viele angeben (so will Martin in Paris unter 69 diphtherischen Anginen 52 An- 
gines pures gefunden haben). Allerdings richtet sich das Antitoxin nur gegen die 
Produote der Diphtheriebacillen, aber man muss sich daran erinnern, dass die 
Schädlichkeit der Streptococcen erst einwirkt, weil eine 
Infection mit Diphtheriebacillen voraus gegangen ist. Die 
letztem haben den Streptococcen und den andern Microben den Boden bereiten müssen; 
erst weil der Körper durch das Diphtberiegift geschwächt war (d. h. dessen Schutz¬ 
stoffe im Blut), ist es den andern Bacterien gelungen, in ihn einzndringen, und voraus¬ 
sichtlich wird also der Körper der Streptococcen eher Herr werden, wenn man den 
Diphtheriebacillen ihre Giftigkeit raubt. Ueberdiess haben Funck und Wassermann 
nachgewiesen, dass die gleichzeitige Anwesenheit von Strepto¬ 
coccen in keinerlei Weise die specifische Einwirkung des 
Diphtheriegiftes hindert. Sie kommen zu dem Schluss, dass bei gleich¬ 
zeitiger Injection die Streptococcen auf Diphtheriebacillen allerdings einen Einfluss 
der gesteigerten Giftbildung ausüben, dass dieser Einfluss aber nicht so 
beträchtlich ist, wie man annehmen sollte. — Wenn Gottstein sagt, die erhaltenen 
Ergebnisse liegen im Bereich der auch sonst beobachteten 
Schwankungen, so ist diese Behauptung, wie wir sehen werden, nicht zu halten. 
Dass wir jetzt, wo die Kinder früher gebracht werden, ein besseres Material haben, 
als früher, ist richtig; selbstverständlich lassen wir aber in der Statistik diesen Punkt 
nicht unberücksichtigt. Wie wenig die Angabe berechtigt ist, dass Nephritis, 
Drüsenschwellungen, Exantheme und rheumatische Schmer¬ 
zen unter der Serumbebandlung viel häufiger seien, als früher, werden wir bei der 
Prüfung der eigenen Erfahrungen erkennen. 

Wenn wir auch daraus ersehen, dass die Theorie noch mancherlei Lücken hat 
und manche scheinbar erwiesene Punkte schon desswegen 
noch fraglich sind, weil die Resultate des Thierexperi¬ 
ments sich nie ohne weiteres auf den Menschen einfach 
übertragen lassen, so erkennen wir doch bei unparteiischem Studium der 
Literatur, dass Behring und Ehrlich, Roux und Tersin , und ihre Mitarbeiter Wemike, 
Wassermann, Funck etc. die meisten dieser Schwächen und Lücken sehr wohl selbst 
einsehen, und auf das Eifrigste bemüht sind, dieselben auszufüllen. Es war z. B. 
a priori zu hoffen, dass der bacteriologische Befund beim diphtheri¬ 
schen Kinde uns erlaube, Schlüsse zu ziehen auf den wahr¬ 
scheinlichen Ausgang. Nun ergeben aber die Bernheim's chen Versuche, dass 
derselbe keine sicheren Anhaltspunkte für die Prognose gibt, die Prüfung der 


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Virulenz, wie wir oben gesehen haben, fast eben so wenig, und dass wir 
also annehmen müssen, dass die gleichzeitige Anwesenheit anderer Microben und die 
Disposition, d. h. hier die Anwesenheit der Schutzkörper im Blute, eine hervorragende 
Bolle beim Zustandekommen der verschiedenen Krankheitsbilder spielen muss. 

Escherich gelang es mit Blutserum von Kindern, welche D i p h - 
therie Überstunden hatten, andere Kinder zu immunisiren. Abgesehen 
davon, dass diese Gelegenheit sich selten bieten dürfte, und nicht gerne von Jedem 
benützt würde, so lässt das Besultat immerhin verschiedene Auslegungen zu. 

Dass auf rein theoretischem Wege ein Heilmittel gefunden worden ist, freut uns; 
aber wir erinnern uns dabei, dass von jeher die Arzneimittel ihre Existenz 
und Verwendung hauptsächlich der Empirie, dem häufigen Ver¬ 
suchen am kranken Menschen zu verdanken haben, ohne dass dasselbe ursprünglich 
durch streng wissenschaftliche Methoden geleitet wurde. «Die Geschichte lehrt uns,“ 
sagt unser Cloetta in seiner Einleitung, «dass der Umfang des Arzneischatzes zu den 
Zeiten am meisten anschwoll, wo der kritiklose Empirismus unumschränkt herrschte, 
und zu jenen Zeiten wieder zusammenschmolz, als Beobachtung und Kritik wieder zu 
erwachen begannen und sich auf die Uebersättigung ein gewisser Grad von Nüchtern¬ 
heit als heilsame Beaction einstellte, — wobei dann freilich häufig das Kind mit dem 
Bade ausgescbüttet wurde. Im Gegensatz zu der Empirie, welche das Auftauchen der 
Arzneimittel gleichsam dem Zufall zu verdanken hat, wurde später mehr und mehr 
die Forderung gestellt, dass die Arzneimittellehre auf exacter Basis 
aufgebaut werde, und es war dies nicht nur vollkommen berechtigt, sondern 
man darf auch sagen, dass dieser Weg die Hauptquelle ist, aus welcher wir wissen¬ 
schaftliche Aufklärung über die physiologischen Wirkungen der Arzneimittel auf den 
menschlichen Körper erhalten haben. Dieses Postulat konnte aber für die practische 
Medicin lange Zeit überhaupt nicht (und kann selbst heute noch nicht ganz) stricte 
durchgeführt werden.* — Auch die Heilserumtherapie muss sich bewusst sein, wie 
ungemein schwierig es ist, genaue, wissenschaftlich verwerthbare Beobachtungen am 
kranken Menschen zu machen, da ja nicht einmal die physiologische Wirkung des 
Stoffes bekannt ist. Wie sollen wir denn die Wirkungen desselben beim Durchgehen 
durch den kranken Organismus prüfen können? Bei den vielseitigen Aeusserungen des 
kranken Organismus ist es ungeheuer schwierig, auseinander zu halten, was einerseits 
Effect der Krankheitsursache, Symptom des Krankheitsprocesses, andererseits Heil¬ 
mittelwirkung ist, — von dem Gesammtresultat gar nicht zu reden, indem der Krank- 
heitsaosgang von so vielen Bedingungen abhängig ist. — «Die Entscheidung, 
ob und unter welchen Umständen ein Mittel Heilmittel 
ist, gebührt ausschliesslich der ärztlichen Empirie, den 
Versuchen und Erfahrungen am Kranken. Nicht die frühere rohe Empirie, aber eine 
rationelle Empirie, basirt auf einer rationell geübten Therapie wird für 
die Heilmittellehre massgebend bleiben.* 

Wenn daher die Theorie des Diphtherie-Heilserums noch 
so viele Lücken hat, wenn auch durch w ei t e r e Fo r s ch u ngen 
manche Hypothese fallen, wenn sogar — was wir allerdings nicht 
glauben — das ganze Gebäude sich als theoretisch unrichtig 


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erweisen sollte, andererseits aber sich das Mittel am Kran¬ 
kenbette als entschieden heilsam bewährt, so sind wir 
verpflichtet, dasselbe zur Bekämpfung der mörderischen 
Krankheit in möglichst ausgedehntem Maasse zu verwenden. 

Und wie bewährt sich nun das Mittel am Krankenbett? 

Bevor wir über die eigenen Erfahrungen berichten, wollen wir nur kurz einige 
der zuverlässigsten Zahlenberichte über Serumtherapie vorführen. 1 ) 

Körte (Krankenhaus am Urban) hat unter 121 Kindern, fast ausschliesslich unter 
10 Jahren, 33,1% verloren; vorher, ohne Serum, 53,8% (bemerkenswerth sind die 
Heilungsverhältnisse unter 2 Jahren, da die Chancen bekanntlich für dieses Alter sehr un¬ 
günstig sind. Von 15 wurden 8 geheilt.), von im Ganzen 51 Tracheotomirten starben 
52,4% gegen 77,5% der Vorjahre bei gleicher Indicationsstellung. 

Bökai hatte unter 700 Intubationen in verschiedenen Jahren 25—40% Heilungen, 
seit dem Berum von 13 Intubationen nur einen Todesfall, und von 
35 Diphtheriefällen überhaupt nur 5 Todesfälle. 

Dass Widerhofer seit der Serumbehandlung eine Gesammt-Mortalität von 2 3% 
gegen 5 2,6% in den ersten 9 Monaten des Jahres 1894, und gegen 44,6% im 
Jahre 1893 beobachtete, haben wir z. Th. oben erwähnt. 

Sehr interessant ist der Bericht Virchotc's aus dem Kaiser und Kaiserin Friedrich 
Kinder-Krankenhaus. Zu einer Zeit, wo fast alle Kinder gespritzt wurden, war die 
Mortalität eine sehr geringe, sie stieg wieder an, als das Serum aus¬ 
ging. Die günstigen Zahlen erschienen erst wieder, als das 
Mittel wieder angeschafft wurde. Im Ganzen wurden von 539 Fällen 303 ge¬ 
spritzt; diese hatten eine Mortalität von 13,2%, während von den 236 nicht- 
g e s pritzten 41,8% starben. Gegenüber der Macht dieser 
Zahlen, sagt Vtrchow , müsse jede theoretische Erwägung zurück¬ 
treten. 

Was sind nun unsere Erfahrungen i m K i n d e r s p i tal ? 58 
Fälle, von denen zwei gestorben, 38 geheilt entlassenund 
18 in Genesung begriffen sind. 2 ) 

Wir wollen von vornherein bemerken, dass unser Material im Gan¬ 
zen ein günstiges ist, weil viele Kinder früh gebracht wurden: 11 Fälle 
haben wir am ersten, 18 am zweiten, 17 am dritten, 2 am vierten, 3 am fünf¬ 
ten, 1 am sechsten, 2 am siebten, 1 am achten Krankheitstag erhalten. Tbeilen wir sie 
nach Körte in drei Rubriken nach der Prognose beim Eintritt, so haben wir: 

1) 36 Kinder mit Prognosis vergens ad bonnm, 13 mit 
Prognosis dubia, und 9 mit Prognosis vergens ad malum, 
also 22 schwere und ganz schwere Fälle. Jeder von uns weiss indess, 
dass sehr häufig Fälle, die Anfangs ganz leicht zu sein scheinen, sich zu den aller* 
schwersten entwickeln können. 

Unter den 13 der zweiten Rubrik sind 8 Intubationen, 
unter den 9 der dritten 1 Tracheotomie nnd 6 Intubationen. 

Was das Alter betrifft, so waren von den 58 Kinder 21 zwischen 1 und 3 
Jahren. Sofort nach der Aufnahme wurde an das hygienische Institut telepbonirt, und 

*) Die Redaction des Corresp.-Blattes hat uns ja in dieser Hinsicht bisher immer auf dem 
Laufenden gehalten. M. 

*) Die 18 seither ebenfalls geheilt entlassen. 23. Februar 1895. M. 


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137 


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Dr. Silberschmidt entnahm gleich Proben zur directen microscopischen 
Untersuchung und zuCulturen. Da der Bericht öber letztere erst nach 
12—24 Stunden eintreifen konnte, wurde, wenn die klinische Diagnose auf Diphtherie 
lautete, die Seruminjection möglichst bald vorgenommen. Fünf Fälle, die als Diph¬ 
therie bereingeschickt worden waren, erwiesen sich als nicht diphtherisch, 
wurden auf die Isolirabtbeilung gelegt und sind also bei den obigen 58 nicht mit 
eingerechnet. Das Resultat der Untersuchungen von Dr. Silberschmidt (immer direct 
microscopisch und Culturen) ist folgendes: Nur 4 Fälle reine Diphtherie, 3 8 Mal 
Mi8cbinfection mit Streptococcen, 16 Mal Diphtherie mit Sta¬ 
phylo- und anderen Coccen. Bei der Aufnahme zeigten 18 Kinder hochgra¬ 
dige Stenose mit Cyanose und dem entsprechend mussten 11 sofort, 3 
bald nachher intubirt, 2 tracbeotomirt und 4 einige Stunden nach 
der Intubation noch tracbeotomirt werden. 35 batten beim Eintritt hohe 
Temperaturen. Die Einspritzungen wurden genau nach Behring'scher Vorschrift mit 
Nr. 1 oder 2 gemacht nnd zwar in 47 Fällen nur ein Mal, in 9 Fällen 
zweiMal und in 2 Fällen drei Mal. In den der Injection folgenden 10 
bis 12 Stunden zeigte sich nur 16 Mal ein Temperaturanstieg in fieber¬ 
losen und in schon fiebernden Fällen, 1 0 M a 1 dagegen ein entschiedener A b- 
fall, so dass wir eine Fieber erregende Eigenschaft dem Mittel nicht zuschreiben 
können, da sich das Fieber ja doch in allen Fällen hätte eiostellen müssen. Aehnlich 
stebt es mit dem Verhalten des Pulses: wir haben nie eine ungünstige 
Beeinflussung der Herzthätigkeit gesehen. Das Fieber dauerte 
überhaupt in 29 Fällen nur 1—3 Tage, in 4 Fällen 4—6 Tage, in 3 Fällen 

8—10 Tage, die andern Fälle verliefen sozusagen fieberlos. Die Exantheme, 
von denen so viel geredet wurde und deren Zustandekommen nur dem Serum 
und nicht dem darin enthaltenen Antitoxin zugeschrieben wird, waren alle höchst 
unbedeutender Natur; sie erschienen 1 '/* Stunden, 3 Stunden, 2, 3, 6, 7, 

8 bis 11 Tage nach der Einspritzung, so dass wir nicht wie Andere ein F r ü h - 

und ein Spätexanthem trennen können. Der Form nach waren sie 11 Mal 

urticariaähnlich, zum Theil juckend, einmal masernähnlich, und zwar am Ab¬ 
domen, Oberarm, Bauch, Oberschenkel, und einmal als Herpes am Kinn und 
dauerten von V/t Stunden bis zu einem halben, nie über zwei Tage. Der Herpes 
dauerte allerdings bis zu seiner Abtrocknung zehn Tage. Wir bemerken hiezu, 
dass wir in der Conserwirung und Verwendung des Serums 
allerdings ausserordentlich sorgfältig waren: wir haben das¬ 
selbe stets im Dunkeln auf Eis aufbewabrt, ein geöffnetes Fläschchen immer sofort 
ganz ausgebraucht, oder einen allfälligen Rest nie mehr für ein Kind, allenfalls nur 
zu Controlversuchen am Thiere noch verwendet. 


Albuminurie beobachteten wir in 32 Fällen und dauerte dieselbe 8—19 
Tage, weder nach Zahl des Auftretens, noch nach der Intensität mehr als wir früher 
bei Diphtherie beobachtet hatten. 

Von Complicationen sahen wir 8 Mal Nasendiphtherie, 3 Pneumo¬ 
nien, 4 Halsdrüsenschwellungen, 2 Mal Gaumen- und Accommodationslähmung, 1 
Mal leichte Delirien, und 1 Mal Oedem von Gesicht und Händen. 


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138 


Was war nun der Verlauf der Krankheit während der 
Serumbehandlung im Vergleich zu früher? Ausser den wenigen 
Fällen, die erat am sechsten bis achten Krankbeitstage gebracht wurden, müssen wir 
sagen, dass kein einziger Fall sich nach der Serumeinspritzung 
noch verschlimmert hat. Allerdings blieben einige in trostlosem Zustand 
gebrachte Kinder noch mehrere Tage in ziemlich demselben Zustand, und erst nach 
wiederholten Injectionen besserten sie sich allmählig. Ganz regelmässig trat am 
Tage nach der Injection, war dieselbe am Abend gemacht, oft schon am nächsten 
Morgen eine auffallende Besserung im Aussehen des Kindes ein. 
Wenn Liebreich sagt, dass dieses angegebene Wohlbefinden von einer ezcitirenden Wirkung 
herrühre, die mit einer Heilung nichts zu thun habe, so ist dies eine blosse Vermuthung, 
die dadurch um so unwahrscheinlicher wird, als dieses Wohlbefinden, in der 
Regel mit einer deutlichen Heilungserscheinnng zusammen¬ 
fällt: meistens nämlich haben sich die Belege, wenn sie beim Eintritt noch 
diffus waren, scharf abgegrenzt und sind dick gequollen; wenn sie 
beim Eintritt schon Abgrenzung zeigten, sind sie jetzt schon in Lösung begriffen, mit 
flottirenden Rändern und lösen sich dann im Verlauf der nächsten 
12 — 24 Stunden in einer Weise, wie wir dies früher nur aus¬ 
nahmsweise gesehen haben, fast regelmässig als zusammen¬ 
hängende lederartige Platten ab. Diesen Stillstand der Krank¬ 
heit, zusammen mit dem subjectiven Wohlbefinden, haben wir 
typisch beobachtet in 38 Fällen nach dem ersten Tag, in 1 4 nach 
zwei, und in 2 nach drei Tagen. Dem entsprechend haben wir ein Herab¬ 
steigen des Prozesses nur in den spät aufgenommenen Fällen beobachtet. 
(3 Pneumonien auf 22 ernste Fälle ist ja doch sehr wenig.) Dass der Verlauf 
der operativen Eingriffe, Tracheotomie wie Intubation, durch das Serum in hohem 
Grade günstig beeinflusst wurde, ist aus den obigen Zahlen ohne Weiteres 
ersichtlich. Die Verpflegungsdauer wurde bei unsern Diphtherie-Kindern im 
Vergleich zu früher erheblich abgekürzt (selbstverständlich nur die am Leben gebliebenen 
mit einander verglichen), wurde übrigens durch die bacteriologische Controle immer 
etwas verlängert, weil wir die Kinder erst entliesseo, wenn sie bacillenfrei waren. 
Eine Auswahl haben wir nicht getroffen, sondern alle, auch die 
hoffnungslos eingebrachten mit Serum behandelt. 

Wenn bisweilen die Ansicht geäussert wurde, dass mau, um reine Versuchsreihen 
zu erhalten, nebem dem Serum keinerlei andere Mittel anwenden 
sollte, so halten wir diess für zu doctrinär: wir verlangen kein Thierexperiment, son¬ 
dern halten uns für verpflichtet, zur Erhaltung des Lebens alles anzuwenden, was 
Aussicht auf Erfolg hat. Der Vergleich ist gewiss ein viel richtigerer, wenn wir auf 
der einen Seite die bisherige Behandlung und auf der andern Seite die bisherige Be¬ 
handlung plus Sernmbehandlung haben. 

Demgemäss haben wir unsere bisherige Behandlung, die uns gute Dienste ge¬ 
leistet hat, daneben strenge fortgesetzt, d. h. ausser den durch Stenose notbwendig 
werdenden operativen Eingriffen reichliche Ventilation bei Tag und bei 
Nacht, continuirlichen Dampfspray unter dem Zelt mit eigenem Dampfapparat für 


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139 


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jedes Kind, Gurgeln mit Kal. chloric. und ausserdem symptomatisch Wickel, Erpecto- 
rantien, Wein, Grog etc. 

Die Technik betreffend, haben wir Anfangs die ÜTocft’sche Ballonspritze ge¬ 
braucht, sind aber bald zu der Cylinderspritze mit Asbestkolben fiber¬ 
gegangen, und halten dieselbe nicht nur för praktischer, sondern auch für leichter 
und sicherer desinficirbar. Wir möchten sie auch der von Dr. Beck und der 
im St Annenkinderspital in Wien eingeffihrten Odelga 'sehen Ballonspritze vor¬ 
ziehen. Alle Injectionen haben wir in die seitliche Bauchhaut gemacht, den Stich 
mit Jodoformcollodium oder einem Pflasterstreifchen bedeckt und nie massirt. Nicht 
ein einziges Mal haben wir irgend welche locale Reaction beobachtet. 

Unter unsern Patienten befinden sich 8 Gescbwistergruppen (eine da¬ 
von 7 Kinder einer Erziehungsanstalt.) Dass in einer Familie verschiedene Kinder in 
sehr verschiedenem Grade erkranken können, ist uns Allen bekannt, dass aber, nach¬ 
dem von einer Familie die ersten Kinder schwer erkrankt waren, die nachher gleich 
beim Beginn der Erkrankung ihrer Geschwister gebrachten und eingespritzten alle 
our leicht erkrankten, und dass wir von einer Familie 4 und von der andern 6 an 
Diphtherie erkrankte alle geheilt nach Hause schicken konnten, ist gewiss nicht blosser 
Zufall. 


iDiei- Dies fahrt uns noch auf die wenigen (16) I m m u n i s i r u n g e n, die wir vorge- 

rank* nommen haben. Am 22. December kam Anna V., 10 Jahre alt, mit hochgradiger 

>eo vif Cyanose am vierten Erkrankungstag. Sie musste wegen enormer Verlegung des Pha- 

oid rynx mit Membranen sofort tracheotomirt werden, am nächsten Tag kam ihr neun* 

irat- jähriger Bruder mit schwerer ßachendipbtherie, am 2. Januar eine 3y*jäh- 

ichtH r i g e Schwester mit ebenfalls Rachendiphtberie, worauf sich die Eltern ent- 

Jul schlossen, die übrigen 4 Kinder von 8, 11, 7 und 2Vs Jahren am 3. Januar zur 

goiKi Immunisirung zu bringen. Am 3. Nachmittags wurde dieselbe vorgenommen, und 

itirti am nächsten Morgen erkrankte die 8jährige Emma mit Rachenbelegen. Die 3 andern 

o ii blieben verschont. Wir behielten sie noch zwei Tage zur Beobachtung da, haben vor 

,(ta und nach der Einspritzung genaue Urinuntersuchung, Temperatur-, Puls- und Respi- 

ibd rationsbestimmungen gemacht, aber weder Albuminurie, Durcbtreten von Blutkörper- 

0 chen durch die Nieren, noch Veränderungen an. Temperatur, Puls oder Respiration 

|j! constatiren können. Anch seither ist bei den Immunisirten nichts Neues aufgetreten 

und die andern 4 sind geheilt. Heute sind alle 7 Geschwister wieder gesund zu Hause, 
is Von einer andern Familie hatten wir 6 sämmtlich an Diphtherie erkrankte Kinder zu 
<t gleicher Zeit im Haus, von 2, 3%, 4'/s, 6, 7 und 10 Jahren, alle sind in Heilung 
g. begriffen. 

g Von den 16 Immunisirten ist nur bei 3 eine leichte Urticaria am nächsten Tage 

/ aufgetreten, und nur 1 Mal leichte Albuminurie, Fiebererscheinungen dagegen bei 
keinem Fall. 


Einige interessante Vorkommnisse sind noch folgende: 

Clara B. zeigte am 9. December im Rachenbelag bei der microscopischen Unter¬ 
suchung neben Streptococcen einige plumpe Bacillen (Pseudodiphtherie). Klinisch 
waren typische Diphtheriebelege zu constatiren. Am 20. December, also 
11 Tage nach der ersten Untersuchung, fanden sieb, nachdem die Be- 


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140 


lege gänzlich verschwunden waren, im Rachenschleim ( viele typi¬ 
sche Diphtheriebacillen.* Der Bacteriologe ist nun geneigt, den Fall so 
zu erklären, dass zuerst keine Diphtherie da war, dann aber das Kind während des 
Aufenthaltes unter Diphtheriekranken inficirt wurde, aber, weil eingespritzt, nicht an 
Diphtherie erkrankte. Mir dagegen ist es viel wahrscheinlicher, dass bei der ersten 
Untersuchung Bacillen vorhanden waren, aber nicht gefunden wurden. Damit soll 
ja nicht ein Vorwurf gegen den untersuchenden Collegen ausgesprochen sein, was 
jeder ohne Weiteres einsiebt, der die Schwierigkeiten der Entnahme von Präpa¬ 
raten beim schreienden Kinde kennt, das gewöhnlich schon vorher oft geplagt werden 
musste. 

Ernst-St. wurde am 28. Dezember mit */ 4 Dosis Nr. 1 immunisirt, erkrankte 
dann am 15. Januar, also 18 Tage später zn Hause (offenbar von einem Bruder 
inficirt) an Diphtherie, die aber ohne weitere Injection rasch abheilte. 

Emma H. zeigte am 25. December zu Hause ganz leichte Röthung 
des Rachens, keine Beschwerden, kein Fieber, dagegen wurden bacteriologisch Dipb- 
tberiebacillen nachgewiesen. Erst am 4. Januar wurden dann Belege und 
leichtes Fieber constatirt. 

Stellen wir noch summarisch unsere Serumfälle mit den früheren Ergebnissen 
zusammen, so erhalten wir folgendes: 

1874—1891 alle Diphtherien (690 Fälle) mit 43,8% Mortalität 

Mortalität der Tracheotomien 63,4% 

» der Intubationen 56,7% 

1894 bis 25. October ohne Serum 


alle Diphtherien 71 Fälle mit 17 Todesfällen 


davon Tracheotomien 

6 , . 4 

, Intubationen 

25 , , 8 

Tracheotomien nach Intubationen 

® » » 5 » 

Tracheotomien und Intubationen zus. 
1894 seit 25. October mit Serum 

36 Fälle mit 17 Todesfällen 

alle Diphtherien 

58 Fälle mit 2 Todesfällen 

davon Tracheotomien 

2 , , 1 Todesfall 

„ Intubationen 

14 , , 0 

Tracheotomien nach Intubationen 

4 , . 1 


Tracheotomien und Intubationen zus. 20 Fälle mit 2 Todesfällen. 


Wenn wir uns auch daran erinnern, dass unser Material dadurch ein günstigeres 
als früher war, dass uns die Kinder früher gebracht wurden, so bleibt doch die Differenz 
noch eine sehr grosse, und weil obiger Umstand nur geringen Einfluss hat auf unsere 
schweren Fälle, die ja fast alle sofort beim Eintritt dem operativen Eingriff unterzogen 
werden mussten, so sind wir in der That berechtigt, das viel günstigere Heilresultat 
dem Serum zuzuschreiben. Unsere Zahlen sind allerdings noch sehr klein, ihr Er- 
gebniss steht aber durchaus im Einklang mit dem der oben erwähnten auswärtigen 
Spitäler. 


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Wir fassen unsere Erfahrungen über das Behring'acbe Diphtherieheilserum von 
Höchst dabin zusammen: 

1) Das Serum ist zweifellos gegen Diphtherie wirksam. Je früher es angewendet 
wird, um so sicherer hält es den Prozess auf. 

2) Es ist wirksam auch bei einem Theil der Mischinfectionen und auch noch 
mehrere Tage nach Beginn der Krankheit. Genauere Grenzen können wir noch nicht 
ziehen, würden aber rathen, es in allen Fällen von Diphtherie anzuwenden, da wir 

3) bis jetzt keine schädlichen Nebenwirkungen beobachtet haben. 

Wir stehen daher nicht an, das Mittel zur allgemeinen Einführung in die Praxis 
zu empfehlen, immerhin mit der ausdrücklichen Mahnung, dasselbe nur genau nach 
den angegebenen Vorschriften anzuwenden und die bacteriologische Controle, wenn 
immer möglich, nicht zu unterlassen. 

Deber die Verwendung zur Immunisirung uns auszusprechen, halten wir 
nach den im Ganzen vorliegenden und nach unsern Erfahrungen noch für verfrüht, 
da die Beobachtungszeit zu kurz und der Umfang des Materials ein noch viel zu be¬ 
schränkter ist. Wir werden aber auch in dieser ßichtung unsere Beobachtungen un¬ 
bedenklich fortsetzen. 


Ergebnis» 


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Vereins berich te. 

Gesellschaft der Aerzte in Zürich. 

6. Vhtmltnig, den 26. Jnannr 1895.') 

| Präsident: Prof. Stöhr. — Actuar: Dr. Conrad Brunner . 

1) Dr. W. v . Mur all: Erfahrung*! Iber Seromtberaple bei Diphtherie im 

Kinderspital Zürich. (Der Vortrag steht an der Spitze dieser Nummer.) 

2 ) Bericht Ober die Beobachtung*! der Chirurg. Klinik über die Sernmlberapie 
der Diphtherie, erstattet von Dr. Blattner , Assistenzarzt der Klinik. Vom 28. November 
1894 bis 25. Januar 1895 wurden auf der Diphtherie-Station der cbirurg. Klinik 38 Fälle 
mit dem Behring 'sehen Diphtherieheilserum behandelt, bei denen die Diagnose Diphtherie 
durch die bacteriologische Untersuchung festgestellt war. Es wurden während dieser Zeit 
alle Diphtherie-Patienten mit Serum behandelt, auch die mit absolut schlechter Prognose. 
In jedem Falle wurde zur raschem Orientirung eine directe microscopische Untersuchung 
vorgenommen. Ausserdem wurden Culturen angelegt durch Ausstrich auf erstarrtes 
Rinderblutserum und auf Glycerin-Agar, ferner eine Zuckerbouilloncultnr, um besser das 
neben den Diphtheriebacillen eventuell gleichzeitige Vorkommen von Streptococcen beur¬ 
teilen zu können. Die bacteriologische Untersuchung der 38 Fälle ergab: in 4 Fällen 
reine oder fast reine Diphtherie, in 23 Fällen Diphtheriebacillen und Streptococcen, in 
11 Fällen Diphtheriebacillen, andere Bacillen, Streptococcen in geringer Menge, Staphylo- 
coccen, Micrococcen, Diplococcen und andere Coccen. Wo Diphtheriebacillen und Strep¬ 
tococcen gefunden wurden, handelte es sich fast stets um sehr schwere Erkrankungen, 
theils um solche mit Septiceemie. 

Unter den mit Serum behandelten Patienten befinden sich 5 Erwachsene und 
33 Kinder. Bei sämmtlichen Erwachsenen handelte es sich um Rachendiphtherie. 3 da¬ 
von waren nur leichte Erkrankungen, 1 eine gangränöse Diphtherie beider Tonsillen, 

1 Fall zeigte eine leichte, vorübergebende Albuminurie. 

Von den Kindern waren: Rachendiphtherien 8, Nasen- und Rachendiphtherien 
7, Kehlkopfdiphtherie 2,.Rachen- und Kehlkopfdiphtherien 7, Nasen-, Rachen- und Kehl« 

*) Protokoll der 4. und 5. Winter-Sitzung folgt später. Red. 


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142 


kopfdiphtherien 9. 10 Patienten mit Kehlkopfdiphtherie zeigten Erscheinungen von 

Larynxstenose. 

Von den 38 Patienten kamen nur 3 am 1. Krankheitstage in unsere Behandlung, 
9 am 2. Tage, 8 erst am 3. Krankheitstage, 8 am 4., 7 am 5., 1 am 6., 1 am 8., 
1 am 10. Tage. Es konnte also bei 26 Patienten erst am 3. Tage nach der Erkrankung 
oder noch* später die Serumbebandlung eingeleitet werden. 

Was das Lebensalter der Patienten anbetrifft, so waren von den 33 Kindern: bis 
zu 2 Jahren 8 Kinder, von 2—5 Jahren 4 Kinder, von 5—7 Jahren 5 und von 7 bis 
9 Jahren 3 Kinder u. s. w. 

Die Seruminjection wurde in allen Fällen sofort nach der Spitalaufnahme vorge¬ 
nommen. Für die Dosirung war im Allgemeinen die den einzelnen Serumfläschchen bei¬ 
gegebene Gebrauchsanweisung massgebend. Die sonstige Therapie genügte hauptsächlich 
symptomatischen Indicationen. Als Gurgelwasser wurde nur abgekochtes Wasser ver¬ 
wendet. Larynxdiphtherien mit Stenoseerscheinungen kamen in das Inhalatorium (Wasser¬ 
dampfspray): 11 Fälle. — 7 Fälle mussten operirt werden und zwar: intubirt 1, tracheo- 
tomirt 2, intubirt und secundär tracheotomirt 4 Fälle. 

Resultat: 29 Heilungen und 9 Todesfälle (= 23,6% Todesfälle 
und 76,4% Heilungen). Im Jahre 1894 bis zum Beginn der Serumtherapie betrug die 
Gesammtmortalität aller Diphtheriepatienten 37,57%. 

Von den Gestorbenen lebten 3 nur einige Stunden nach der Ankunft im Spital, 
respective nach der Seruminjection, 2 machten am 2. und 2 am 3. Tage der Behandlung 
Exitus. In einem Fall ergab die Section Diphtherie des Rachens, des Kehlkopfs, der 
Trachea und der Bronchien bis in die feinem Verzweigungen. Bei den andern 6 Fällen 
fand man bei der Autopsie schwere pneumonische Veränderungen. Die Übrigen 2 Todes¬ 
fälle betrafen Patienten, die schon mit schwerster, septischer Allgemeininfection aufge¬ 
nommen worden waren; der eine dieser Patienten starb am 10., der andere am 13. Tage 
der Serumbehandlung, nachdem vorübergehend eine scheinbare Wendung zur Besserung ' 
eingetreten war. 

Von besondern Beobachtungen wahrend der Serumbehandlung fiel namentlich eine 
rasche Besserung des Allgemeinbefindens auf. Die Körpertemperatur war meist am fol¬ 
genden Tage normal geworden; nur in 2 Fällen war sie am folgenden Morgen etwas 
höher als Abends zuvor. Bei nicht schon septisch ins Spital eingelieferten Patienten 
wurde nie eine secundäre septische Allgemeinintoxication beobachtet. Nie fand eine 
Zunahme des localen Krankheitsprocesses statt, z. B. eine weitere Ausdehnung der Be¬ 
läge oder ein Entstehen einer Larynxdiphtherie im Anschluss an eine Pharynxdiphtherio. 
Leichte Larynxdiphtherien arteten nie in schwere Fälle mit Stenoseerscheinungen aus. 
Auch ausgedehnte Beläge im Rachen verschwanden meist viel rascher, als man es sonst 
zu sehen gewohnt ist. In 1 Fall war nach 1 Tag ein ziemlich erheblicher Belag schon 
verschwunden, 8 Patienten zeigten nach 2, 6 nach 3, 8 nach 4 Tagen post injectionem 
keine Beläge mehr. Nur in 2 Fällen war am 4. resp. am 5. Tag noch ein leichter 
Belag vorhanden. Bei Nasendiphtherie verschwand die Secretion durchschnittlich am 
3. Tage. Bei gleichzeitiger Diphtherie der Nase und des Rachens hatte die Secre¬ 
tion aus der Nase fast immer aufgehört, bevor die Beläge im Rachen verschwunden 
waren. 

Schwere Complicationen kamen keine vor, wenn diese nicht schon beim Spitaleintritt 
vorhanden waren. Ein Exanthem wurde nur in einem Falle beobachtet, nämlich 
eine am 11. Tage nach der Injection auftretende, typische Urticaria am ganzen Körper, 
welche 3 Tage dauerte und fieberlos verlief. 

Albuminurie hatten 9 Patienten und zwar war diese meist nur gering. Fm 
Sjähriges Kind zeigte am 10. Tage nach der Injection Anurie, am 12. bis 14. Tage 
leichte Albuminurie und am 17. Tage nach der Injection trat eine starke Salivation 
auf, die erst nach einer Woche etwas abnahm. 5 Patienten zeigten starke Schlund- 


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143 


fnun^eD n Iah mutigen. Io 2 Fällen trat 4 bezw. 6 Woehen nach der Erkrankung eine Accommo- 

dationslähmung auf. 

BehudliK Wae die bacteriologische Nachuntersuchung anbetrifft, konnte 

, lut ein verschieden rasches Verschwinden der Bacillen nach der Seruminjection constatirt 

Erkraahsr werden. Bei einer Bachendiphtherie waren nach 7 Tagen keine Bacillen nachweisbar. 

Bei einer andern fanden sich nach 27 Tagen noch Diphtheriebacillen. Ein fernerer 
oders: h Patient hatte 11 Tage nach der Injection noch zahlreiche, virulente Bacillen. 
m ‘® Discussion: Dr. Silberschmidt berichtet über 125 Untersuchungen auf Diph¬ 

therie, die er von Ende October v. J. bis Mitte Januar d. J. im Hygiene-Institut aus- 
meTöf^ geführt hat. Neben dem erstarrten Rinderblutserum, das sich für die Diagnose der 
ick fe- Diphtherie als vortrefflich erwies, für die Beurtbeilung der Mischinfection aber nicht aus- 

pöÄ reicht, kam noch Zuckerbouillon und Glycerinagar zur Anwendung. Zur besseren Kennt- 

w niss und weiteren Erforschung der Frage der Mischinfection empfiehlt der Vortragende 

(Was» ausser 2 Culturen auf Blutserum eine dritte auf Glycerinagar anzulegen. — In 91 Fällen 

ftd» wurden typische Diphtheriebacillen gefunden und zwar nur einmal ohne weitere Micro- 

orgauismen, bei allen anderen Untersuchungen, wo eine Bouillon- oder eine Agarcultur 
xitifw angelegt wurde, auch wenn die Pseudomembran sofort nach Entnahme aus der frischen 

tni$& Tracheotomie wunde abgeimpft worden war, konnten Coccen in wechselnder Zahl nachge¬ 

wiesen werden. Längere oder kürzere Streptococcen (auch Diplococcen) wurden fast in 
W jedem Falle, Micrococcen und Staphylococcen häufig gefunden. Bei einem Kinde, welches 

jjijlgg in einem Zimmer mit Diphtheriepatienten war, wurden zahlreiche typische vollvirulente 

j je Bacillen nachgewiesen, es traten keine Erscheinungen von Diphtherie ein. 

Fite In keinem einzigen der Fälle, welche sich nach wiederholter Untersuchung als nicht 

foj* diphtherisch erwiesen, war die Erkrankung eine schwere. 

mf* In 12 Fällen konnten meist vereinzelte Colonien von kurzen plumpen Bacillen 

jg (Bacilie court Roux , Pseudodiphtheriebacillus) nachgewiesen werden; darunter zeigten 

einige Kinder keine Erscheinungen, andere hatten Beläge auf den Tonsillen. Auch hier 
war der Verlauf in allen Fällen (es wurden 5 Kinder mit Belägen nicht eingespritzt) 
e g ein günstiger. Bei einem Mädchen, welches im Spital aufgenommen und mit Serum be- 

J§ handelt wurde (es handelte sich um eine Angina und der bacteriologische Befund lautete: 

n Streptococcen und andere Coccen, einige kurze plumpe Bacillen), waren 15 Tage nach 

er der Einspritzung zahlreiche Colonien mit typischen Diphtheriebacillen in der Cultur vor- 

» handen; Wahrscheinlich hat in diesem Falle das Serum immunisirend gewirkt, da zu 

t dieser Zeit die Patientin völlig hergestellt war. 

S. theilt ferner die Resultate der Nachuntersuchungen mit, die er auf 
t Veranlassung von Herrn Prof. Wyss ausgeführt hat bei Patienten, welche mit dem 

i Behring 1 sahen Heilserum behandelt und klinisch als genesen betrachtet wurden. 

Er konnte in zahlreichen Fällen 7, 15, 21, je einmal 31 und 32 Tage nach der 
Injection typische Diphtheriebacillen nachweisen, deren Virulenz in einigen Fällen durch 
den Thierversuch festgestellt wurde. Der Vortragende macht auf die Wichtigkeit dieses 
Befundes für die Prophylaxe der Diphtherie aufmerksam und betont die Notwendigkeit 
dieser Nachuntersuchung in jedem einzelnen Falle. Patienten, welche noch Diphtherie¬ 
bacillen im Rachen haben, dürfen nicht aus dem Spital entlassen werden und in der 
Privatpraxis ist eine gründliche Desinfection erst dann erfolgreich, wenn keine Gelegen¬ 
heit zur Reinfection des betreffenden Raumes vorliegt. 

Dr. Zehnder verliest briefliche Mittheilungen, welche er aus London über dio Erfolge 
der Serumtherapie im „Eastern Hospital“ von seinem frühem Assistenten Neumann er - 
halten hat. 

Nach denselben liefen von 82 Fällen, von welchen indessen durch die bacteriolo¬ 
gische Controlle 21 Fälle ausgeschlossen wurden, nur 13 tödtlich ab — 21,3°/o — 
während bei einer gleich grossen Zahl nicht mit dem Serum behandelter Fälle die Mor¬ 
talität 38—41,3°/o betrug. Vergleicht man die Mortalitätsziffem der nur klinisch dia- 


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gnosticirten Fälle mit einander, so gestaltet sich das Verhältqiss noch günstiger: 19,4°/o 
Todesfälle gegenüber 41,3°/o. 

Yon einem Serum, von welchem 0,0001 cm 8 ein Meerschweinchen gegen eine Dosis 
Diphtherietoxin immunisirte, die das Controllthier tödtete, wurden gleich nach der An¬ 
kunft der Kranken zuerst 20 cm 3 injicirt, im Verlaufe der nächsten 24 Stunden 10 cm 3 
und unter Umständen am 2. Tage noch 5—10 cm 8 . Die Injectionsstelle war die Lenden¬ 
gegend, wo sich nie Spuren von Entzündung zeigten, höchstens leichte Anschwellung. 
In schweren Fällen wurde der Effect nicht vor 2 Mal 24 Stunden sichtbar, in leichtern 
schon am folgenden Tage in Form von Abnahme der Bildung von Membranen und 
rascherm Loslösen derselben, Abnahme der Pulsfrequenz, sowie der Temperatur und 
Besserung im Allgemeinbefinden. 

Ein Einfluss dieser Behandlung auf Complicationen, wie Adenitis, lobuläre Pneu¬ 
monie etc. war nicht zu constatiren; nur kamen bei dem raschen Zurückgehen der pri¬ 
mären Erscheinungen jene überhaupt seltener vor. Auch Lähmungen waren seltener und 
meist leichterer Natur. Yon nachtheiligen Folgen der Serumtherapie wurde von da, wie 
von anderwärts auf ein Erythem hingewiesen, welches in 25°/o der Fälle und zwar erst 
am 7.—25. Tage der ersten Injection folgte, zuerst an Hand- und Fussgelenken — bald 
urticariaähnlich, bald mehr wie Masern oder Scharlach: dann auf Gliederschmerzen, meist 
an Hand-, Hüft- und Fussgelenken. Nie aber zeigte sich eine nachtheilige Beeinflussung 
des Herzens. Yon Albuminurie wurde nichts gemeldet. 

Dr. Leuch , Stadtarzt. Seit Anfangs December vorigen Jahres immunisirt der 
Sprechende im Aufträge des städtischen Gesundheitsamtes in allen denjenigen inficirten 
Familien, von denen es gewünscht wird. Für Unbemittelte sind die Injectionen gratis, 
von Bemittelten dagegen wird pro Person eine Taxe von Fr. 3. — erhoben. Immer 
wurde genau nach Behring 'scher Vorschrift der vierte Theil eines Fläschchens Nr. I des 
Höchster Präparates injicirt. 

Bis anhin wurden in 7 Familien mit bacteriologisch festgestellter Diphtherie im 
Ganzen 41 Personen prophylactisch mit Serum „gespritzt*. Yon diesen erkrankten trotz¬ 
dem an Diphtherie ein 2jähriger Knabe 28 Tage und ein lOjähriges Mädchen 1 Tag 
nach der Injection. Das Mädchen war jedoch höchst wahrscheinlich schon bei, resp. vor 
der Immunisirung inficirt; die Tage vorher hatte eine Angina bestanden, am Tage der 
Injection selbst fand sich nur ganz leichte Rötbung und Schwellung im Pharynx, daneben 
aber bestanden leichte Ohnmachtsanwandlungen. In Folge dessen wird dieser letztere 
Fall nicht wohl gegen das Serum verwerthet werden dürfen, während dagegen der erste 
zeigt, dass der Schutz des Serums zeitlich sehr eng (28 Tage) begrenzt sein kann. 

Anderseits aber glaubt der Sprechende auch deutlichen Erfolg der prophylactischen 
Injectionen gesehen zu haben: Mehrmals lagen die Verhältnisse derart — günstige« 
Alter der „Gespritzten* für Diphtherieerkrankung, enge Wohnung, ja sogar Schlafen der 
Injicirten in einem und demselben Bette mit dem Patienten —, dass eine Infection, 
wenigstens in einem Theil der Fälle, eigentlich mit Sicherheit hätte erwartet werden 
müssen, und doch sind solche von dem bereits erwähnten Falle nicht eingetreten. Dass 
dies nur Wirkung des Zufalls sei, ist nicht wahrscheinlich, viel eher wird doch eine 
günstige Wirkung des Serums anzunehmen sein. So erkrankte beispielsweise in einer 
Familie die nicht immunisirte Mutter zweier an Diphtherie erkrankter Kinder ebenfalls 
an Diphtherie, während das dritte Kind, ein Mädchen von 8 /4 Jahren, das eine Einspri¬ 
tzung bekommen hatte, gesund blieb. Trotzdem aber vermag der Sprechende ein einiger- 
massen sicheres Urtheil über den Werth oder Unwerth des Behring 'sehen Serums als 
Prophylacticum noch nicht abzugeben. 

Bei einer 25jährigen Frau sah der Sprechende 7 Tage nach der Einspritzung an 
der Injectionsstelle einen urticariaähnlichen, stark juckenden Hautausschlag in der Aus¬ 
dehnung von ungefähr einem Handteller. Im Laufe von 3 Tagen blasste das Exanthem 
allmälig ab. Mit Serum aus demselben in diesem Falle benutzten Fläschchen waren 


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tbeils am gleichen Tage, theils erst später noch 3 Kinder „gespritzt* worden, von denen 
auch nicht eines denselben oder auch nur einen ähnlichen Ausschlag bekam, woraus sich 
ergibt, dass die Disposition zu derartigen Exanthemen im Gefolge von Seruminjectionen 
bei den einzelnen Individuen eine ganz verschiedene sein muss. 

Im Vertrauen auf den Carboigehalt des Höchster Präparates wurde auch der In¬ 
halt bereits angebrochener, aber wieder gut verkorkter und vorschriftsgemäss an einem 
kühlen und dunkeln Orte aufbewahrter Fläschchen verwendet. Mehrmals fand die Ver¬ 
wendung des Bestes eines Fläschchens erst nach einigen Tagen, einmal sogar erst nach 
9 Tagen nach dem Eröffnen desselben statt. Nachtheilige Folgen von diesem duroh 
Sparsamkeitsrücksichten gebotenen Verfahren konnten nie beobachtet werden. 

Anschliessend an die Mittheilungen von Dr. Silber Schmidt betont der Sprechende 
die Wichtigkeit und Berechtigung der Forderung des practischen Hygienikers, dass Diph- 
theriereconvalescenten erst dann aus dem Spital zu entlassen sind, wenn die bacteriologi- 
sche Untersuchung bei den Betreffenden keine Diphtheriebacillen mehr ergibt. Wird 
diese Forderung nicht erfüllt, so wird dadurch auch der Nutzen unserer Desinfections- 
massregeln illusorisch. 

Ein günstiger Einfluss des Serums auf die stadtzürcherische Diphtheriesterblichkeit 
lasst sich zur Zeit noch nicht nach weisen: 1893 starben von den Diphtheriekranken 
17,4%, in den ersten 3 Quartalen des Jahres 1894 dagegen 19,8°/o und im letzten 
Quartal, also seit der Anwendung des Serums, noch 17,l°/o. So geringgradige Schwan¬ 
kungen wurden auch schon vor der Serumsera beobachtet. 

Dr. Hermann Müller . Wenn ich mir erlaube, das Wort zur Discussion zu ergreifen, 
so geschieht es nicht in der Meinung, etwas Wesentliches beitragen zu können zu der 
Frage, was für ein Werth dem Diphtherieheilserum zukomme, sondern erstens desshalb, 
weil ich glaube, dass die Kliniker und Spitalärzte nicht ohne die Mithülfe der prac¬ 
tischen Aerzte zu Stadt und zu Land diese Frage lösen können, und zweitens, weil nach 


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meinem Erachten College von Muralt nicht ohne Weiteres die von ihm mit Serum be¬ 
handelten Diphtheriefälle den frühem Erfahrungen am Kinderspital gegenüberstellen kann. 
Dass College von M . im Kinderspital früher ausgesucht schlechte Fälle zur Behandlung 
bekam, ergibt ein Vergleich seiner Statistik mit der Sterblichkeit derjenigen Diphtherie- 
fälle, welche von den Aerzten im Hause behandelt wurden, und dass seine mit Serum 
behandelten Fälle wesentlich günstigere gewesen sind, dürfte sich aus der bis jetzt fast 
unerreicht niederen Mortalitätsziffer ergeben, im Vergleich zu den Statistiken Anderer, 
welche bei der nämlichen Behandlung eine Mortalität von 10, 20, 30 und mehr Procent 
hatten. — Ziehe ich meine eigenen Erfahrungen über Diphtherie zu Bathe, so muss ich 
vorausschicken, dass ich das Material der Poliklinik nicht verwerthen kann, da wir seit 
Jahren alle Diphtberiefalle ins Spital geschickt haben und dass wir seit Einführung der 
Serumtherapie diesen Grundsatz noch strenger durchgeführt haben und beispielsweise 
Fälle, die nur wegen der Aetiologie verdächtig waren, zur Versetzung ins Spital veran- 
lassten. In meiner Privatpraxis habe ich letztes Jahr 20 Fälle behandelt, welche ich 
macroscopisch fiir Diphtheritis angesprocben hatte, und zwar 16 Fälle (darunter zwei 
Familienepidemien von 6 und 4 Fällen) bis Mitte April und 4 Fälle vom 9. bis 15. De- 
cember; nur die letzten 4 Fälle wurden (von Dr. Silberschmidf) bacteriologisch untersucht. 
Ein einziger Fall erwies sich als echte Diphtherie, zwei Fälle waren Pseudodiphtherie 
und bei einem 4. Falle, der klinisch als schwere Diphtherie imponirte, handelte es sich um 
eine nekrotische Angina. Es ist mir nun nicht mehr möglich, festzustellen, wie viele 
Diphtheriefälle ich in den frühem Jahren behandelt habe; ich glaube aber, die Zahl 
nicht zu hoch zu greifen, wenn ich annehme, dass es jährlich etwa 10 Fälle gewesen 
sind. Das würde auf 16 Jahre ungefähr 150 Fälle ausmachen. Ziehen wir davon 
33°/o d. h. die Zahl ab, welche sich nach allgemeiner Schätzung bei der bacterioiogischen 
Untersuchung nicht als Diphtherie herausstellt, so blieben noch rund 100 Fälle. Diese 
Zahl ist allerdings nur eine Schätzung; ganz sicher aber ist, dass ich während der ganzen 


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Zeit nur 6 Todesfälle (den letzten im October 1891) zu beklagen hatte und dass ich 
nur 2 Mal (1 Mal ich und 1 Mal mein Stellvertreter Dr. E.) in die Lage kam, Diph¬ 
theriekranke zur Aufnahme ins Spital empfehlen zu können und zu müssen. (Ich hätte 
hinzufügen müssen, dass ich während meiner 16jährigen Praxis nur einen einzigen Fall zu 
behandeln hatte, der sicher mit Kehlkopfdiphtherie complicirt war und zwar handelte es 
um eine 66jäbrige Frau, welche Collega von Muralt und Prof. Wyss seiner Zeit consi- 
liariter mit mir behandelten.) Das ergibt eine Mortalität von 6°/o. Wir 
wollen aber noch so weit geben und die gewiss unwahrscheinliche Annahme machen, 
dass ich nur 50 Fälle echter Diphtherie behandelt habe, dann käme eine Mortalitätsziffer 
heraus (12°/o), welche laut mündlicher Mittheilung verschiedener Landärzte des Kantons 
Zürich als die höchste und beispielsweise auch als durchschnittliche Sterblichkeit der in 
Berlin im Hause behandelten Fälle angegeben wird. 

Was nun meine eigene Erfahrung über das Behring 'sehe Heilserum betrifft, so habe 
ich bis jetzt drei Fälle behandelt. 

Der 1. Fall, welcher von mir injicirt wurde und der klinisch das Bild einer ziem¬ 
lich schweren Diphtherie darbot, erwies sich bei der nachträglichen bacteriologischen 
Untersuchung nicht als Diphtherie. Bei demselben trat 10 Tage nach der Injection 
nach bereits erfolgter Entlassung aus der Behandlung unter Fieber bis 38,7° und ziem¬ 
lich heftigen Qelenkschmerzen an den obern und untern Extremitäten ein Exanthem 
auf, das nach Sitz und Aussehen eine Mischform von Erythema exsudat. multif. und 
Eryth. nodos, darstellte und nach 3—4tägiger Dauer mit Genesung endete. 

Der 2. Fall — eine schwere Rachen- und Nasendiphtherie — erhielt am 
13. December Abends die erste Injection Nr. I (36 Stunden nach Beginn der ersten 
Krankheitserscheinungen) und eine 2. (Nr. H) am 1^5. früh. Einige Tage danach er¬ 
reichte der Puls eine bedrohliche Höhe; der locale Process verlief aber günstig. Am 
10. Tage nach der Erkrankung wurde zum ersten Mal eine Yelumlähmung constatirt; 
im weitern Verlaufe trat Schwäche der Extremitäten und Schlundlähmung auf, derentwegen 
Pat. gegenwärtig noch in Behandlung ist. Ich verhehle nicht, dass nach dem günstigen 
localen Verlaufe der Eintritt der schweren diphtheritischen Lähmung das Gefühl einer 
gewissen Enttäuschung in mir erweckte, weil wir bei der neuen Behandlung vor den 
mit Recht so sehr gefürchteten Herzlähraungen jedenfalls nicht sicher sind. 

Vom 9./10. Januar erkrankte der 2jährige Bruder, der am 13. December eine 
immunisirende Injection erhalten hatte, mit hohem Fieber und je einem linsengrossen 
Belage auf den Tonsillen, der sich nach der im Laboratorium der medicinischen Poli¬ 
klinik vor genommenen Untersuchung als unzweifelhafte echte Diphtherie ergab. Am 11. 
früh injicirte ich Serum Nr. I. Die Genesung war eine sehr rasche. 

Dr. W. von Muralt: Wenn ich nicht irre, ist Herr Dr. Müller erst später einge¬ 
treten und hat nur meine Zahlen an der Tafel gesehen, nicht aber die Erklärung ge¬ 
hört, die ich dazu gegeben habe. Aus den Zahlen war er berechtigt zu schliessen, dass ich 
die 58 Serumkinder mit zwei Todesfällen direct mit unsern frühem Diphtherien (690 Fälle 
mit 43,8°/o Mortalität) oder mit den operativen Fällen der ersten 9 Monate des Jahres 
1894 (36 Tracheotomien und Intubationen mit 17 Todesfällen) direct verglichen habe. 
Ich hatte aber ausdrücklich gesagt, dass unser Material dadurch ein viel günstigeres im 
Vergleich zu früher geworden sei, dass uns seit der Serumbehandlung viele Kinder sehr 
früh, und die meisten früher wie sonst geschickt worden sind. Ich hatte die Serum¬ 
kinder nach Körte in drei Kategorien getheilt und zählte 36 mit guter, 13 mit zweifel¬ 
hafter und 9 mit schlechter Prognose. Wenn ich nun auch alle Fälle mit guter Pro¬ 
gnose ganz weglasse und nur die mit zweifelhafter und schlechter Prognose vergleiche, 
so habe ich also 22 schwere und ganz schwere Erkrankungen mit 2 Todesfällen (16 da¬ 
von intubirt und tracheotomirt), ein Verhältniss, wie wir es bisher seit 1873 nie an¬ 
nähernd gesehen haben. Wir haben wohl (siehe Dissertation von Dr. G. Bär) einmal 7 
Intubations- und Tracheotomiefalle hinter einander als geheilt, dagegen aber 1882 17 


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hinter einander als gestorben Terzeichnet. Das Resultat ist noch auffallender, wenn wir uns 
die 2 Todesfälle etwas näher ansehen. Der erste Fall war ein vierjähriger Knabe, der, 
nachdem Herr Dr. Giesker schon drei Tage vorher den Eltern dringend Spitalbehandlung 
angerathen hatte, erst am sechsten Erkranknngstage mit hochgradigster Stenose ganz 
cyano tisch, Temperatur 40,9 mit Nephritis and Pneumonie gebracht wurde, sofort intu- 
birt und eine Stunde nachher tracheotomirt werden musste; er starb am gleichen Abend. 
Der zweite, ein zweijähriges Mädchen, das mit Lues congenita und Morbillen mit Pneu¬ 
monie eine Diphtherie acquirirt hatte, am 2. Januar tracheotomirt, am 6. bleibend 
decanülisirt werden konnte. Acht Tage nachher starb es und die Obduction ergab: 
gänzlich abgelaufene Diphtherie in Kehlkopf und Luftwegen, dagegen noch Nasendiphtherie, 
Loes und Herzthrombus. 

Dass Herr Dr. Müller die Stadt- und die Spitalmortalität auseinanderbalten will, 
und dass er zur Entscheidung einer so wichtigen Frage die Mitberücksichtigung der 
Stadtpraxis neben der Spitalpraxis für nöthig erachtet, halten auch wir für durchaus 
richtig, und dass in Zürich und anderswo die Diphtherie-Mortalität im Ganzen in ver¬ 
schiedenen Jahren sehr bedeutend schwankt und dass manche Städte überhaupt immer 
perniciösere Diphtherieepidemien haben als andere, wissen wir wohl alle. Mir ist es 
letztes Frühjahr in Berlin sehr aufgefallen, wie ich im Friedrich-Kinderkrankenhaus etwa 
acht von den allerschwersten Fällen habe neben einander liegen sehen, wie wir sie in 


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Zürich überhaupt nur sehr selten beobachten. Wenn aber Herr Dr. Müller die Stadt¬ 
mortalität für Zürich auf höchstens 11 — 12°/o schätzt und bemerkt, dass er für Berlin 
eine ähnliche Zahl gelesen habe, so ist er damit jedenfalls sehr bedeutend unter der 
Wirklichkeit geblieben. Nach meiner Ansicht sind für den Entscheid solcher Fragen 
nur ganz grosse Zahlen brauchbar. So finden wir in dem höchst lehrreichen Diphtherie¬ 
bericht von Hagen und Rose die Anzahl der Diphtherieerkrankungen in der Stadt Berlin 
in den Jahren 1882 — 91 schwankend zwischen 4000 und 8000 Fällen per Jahr, Total¬ 
erkrankungen in diesen 10 Jahren 63,300 und es schwankte in denselben Jahren die 
Mortalität zwischen 20 und 3ö,2°/o, im Durchschnitt betrug sie 26,03%. *) 

Dr. Wilhelm SchuUhess theilt mit, dass er Gelegenheit gehabt habe, an einem von 
ihm mit Serum behandelten Falle von Rachendiphtherie die eigenthümlichen Verände¬ 
rungen zu constatiren, welche das Serum im Krankheitsbilde hervorruft. Dem dreijähri¬ 
gen Knaben wurde im Beginn des dritten Krankheitstages die Seruminjection Nr. 1 
ganzes Fläschchen gemacht. Die Mandeln waren zu dieser Zeit mit einem croupösen 
nicht sehr dichten Belag vollständig überzogen. Der Belag war vom zweiten auf den 
dritten Krankheitstag ausserordentlich rasch gewachsen und liess eine ungünstige Pro¬ 
gnose stellen. Die bacteriologische Untersuchung (Dr. SilberschmicU) ergab fast reine Diph¬ 
therie. Als auffallendste Veränderung stellte sich schon 6—8 Stunden nach der Injection 
der Rückgang des in Umgebung der Drüsenschwellungen vorhandenen Oedems ein. Dieses 
Oedem war erst in den letzten Stunden vor der Injection entstanden. Am folgenden 
Tage waren die Mandeln deutlich zurückgebildet, während der Belag hutformig an den 
Rändern sich gewulstet zeigte. Die Beläge stiessen sich nunmehr langsam ab in Form 
von Abschilferung, d. h. der Belag wurde dünner und dünner, bis sich am Schluss des 
zweiten Tages nach der Injection der Belag der linken und am Schluss des vierten Tages 
derjenige der rechten Mandel vollständig abgestossen hatte. Auf der linken Mandel blieb 
noch einige Tage ein scharf gerändertes flaches Ulcus. 

Bemerkenswerth an diesem Krankheitsverlaufe ist in erster Linie das frühe Ver¬ 


schwinden des Oedems in Umgebung der geschwellten Lymphdrüsen kurz nach der In- 


*) Iu diesen Zahlen sind allerdings die Spitalfalle mitgerechnef, and wie mir seither Dr. Hagen 
mittheilte, lassen sich für Berlin sichere Zahlen nur für die Stadtfalle nicht erniren. — Nach geil. 
Mittheilungen von Physicus Dr. Lotz in Basel und Stadtarzt Dr. Leuch in Zürich ist auch für diese 
beiden Städte bis jetzt eine Angabe über die Stadtmortalität der Diphtherie (ohne die Spitäler) nicht 
möglich. 


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jection. Ebenso aber die Form der Abstossung der Beläge, welche in so schweren Fällen 
nur in der Art erfolgt, dass sich zuerst dicke lederartige Pelze bilden, welche sich erst 
nach 3—4 Tagen abheben und abstossen. Solche Pelze können • sich, wie die Demon¬ 
strationen dieses Abends lehren, noch bei Serumbehandlung abstossen, aber nur in Fällen, 
die erst spät mit Serum behandelt worden sind. Ganz abgesehen von diesem eigentüm¬ 
lichen unter dem Zwange der Immnnisirung entstandenen Verlauf zeichnete sich die Recon- 
valescenz durch den Mangel jeglicher Complication aus. Keine Albuminurie (täglich unter¬ 
sucht !), keine Erhöhung der Pulsfrequenz, keine Lähmungen (drei Wochen nach der Injection!). 

Unter diesen Umständen war das Allgemeinbefinden vom ersten Tage nach der 
Injection an ein sehr gutes. 

Viel mehr als alle statistischen Angaben sprechen die eben angegebenen Verände¬ 
rungen, der Umschlag in den Erscheinungen nach der Injection, welchen die meisten 
Autoren angeben, zu Gunsten der Sernmtherapie. Gegenüber dem heute Bekannten 
muss auch der verstockteste Skeptiker zugeben, dass wir es mit einem Mittel von un¬ 
geahnter Sicherheit der Wirkung zu thun haben. 

Angesichts der heute Abend von den Diphtherieabtheilungen des Kinderspitals und 
Kantonsspitals mitgetheilten Thatsachen ist es eine dringende Pflicht, die Aerzte so rasch 
wie möglich mit dem neuen Heilverfahren bekannt zu machen, besonders desshalb, damit 
der bisherige Usus, die an Diphtherie leidenden Kinder erst dann in die Spitäler zu 
schicken, wenn sie Athennoth haben, fallen gelassen werde. Jedes diphtherieverdächtige 
Kind sollte sobald wie möglich in eine Diphtberieabtheilung geschickt werden. Nach 
der persönlichen Erfahrung des Votanten ist das nicht überflüssig, denn es gibt in Zürich 
heute noch Aerzte, welche geradezu behaupten, die Serumtherapie sei eine noch ganz 
zweifelhafte Behandlungsmethode und werde binnen Kurzem wieder verschwinden. Von 
einem raschen Bekanntwerden dieser Thatsachen in weitern ärztlichen Kreisen hängt 
das Leben vieler Kinder ab. 

Prof. Krönlein ergreift nur ungern das Wort zur Discussion, weil er der Meinung 
ist, dass heute ein entscheidendes Urtheil über den Werth der Heilserumtherapie bei 
Diphtheritis noch nicht abgegeben werden kann, auch nicht nach den anscheinend sehr 
günstigen Erfahrungen aus dem Kinderspitale, über welche Dr. W. v. Muralt soeben be¬ 
richtet hat, und nach den weniger günstigen, immerhin aber nicht gerade ungünstigen 
Erfahrungen aus der chirurgischen Klinik, weiche Dr. Blattner hier mitgetheilt hat. — 
Er will aber einige Ansichten, welche geäussert worden sind, doch nicht unwidersprochen 
lassen. Zunächst hält er es für ganz unthunlich, wenn bei der Erörterung der Mortali¬ 
tätsverhältnisse der Diphtherie die Erfahrungen aus der Privatpraxis denjenigen aus der 
Spitalpraxis einfach gegenübergestellt werden und er kann daher den statistischen Angaben 
von Dr. Hermann Müller mit ihren so überaus günstigen Mortalitätsziffern einen grösseren 
Werth nicht beilegen. Es ist ja ohne weitere Ausführung klar, dass in die Spitäler zumeist 
die schweren und schwersten Diphtheriefalle gebracht werden, während die leichteren Er- 
kranknng8fälle viel eher in der Privatbehandlung verbleiben. Das Diphtheriematerial aus der 
Spitalpraxis und aus der Privatpraxis ist also ganz ungleichwerthig und es kann nur zu Irr- 
tbümern führen, wenn Mortalitätsziffern so ungleicher Provenienz einander gegenübergestellt 
werden. Welche arge Missgriffe bei Missachtung dieses Grundprincips einer vergleichenden 
Statistik gemacht werden können und schon gemacht worden sind, illustrirt am deutlich¬ 
sten eine frühere Arbeit unseres jüngst verstorbenen Collegen, Herrn Dr. Bouge in 
Lausanne, 1 ) welcher seiner Zeit, als Gegner der Tracheotomie, glaubte den statistischen 
Nachweis erbracht zu haben, dass bei einer Dipbtherieepidemie die Heilresultate bessere 
seien, wenn die Diphtherie »gar nicht oder wenigstens ohne Operation behandelt" würde, 
als wenn sie in der üblichen Weise, d. h. „mit Operation behandelt" wurde, um seine 


*) „Croup et Tracheotomie“ in Feuilles volantes. Premier cahier. Causeries chirurgicales etc. 
par le Dr. Bouge. Lausanne 1882. 


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eigene Ausdrucksweis© zu gebrauchen. Kr . hat damals den argen Trugschluss des sonst 
so verdienten Chirurgen in seiner Entgegnung nachgewiesen. 1 ) 

Des Weitern weist Krönlein vor Allem auf die Kleinheit der Zahlen hin, aus 
welchen W. von Muralt seine Schlüsse gezogen hat. Was bedeuten bei einer Krankheit 
wie die Diphtherie in therapeutischer Beziehung einige fünfzig Fälle und was bedeuten 
sie, wenn am gleichen Orte, allerdings vielleicht unter anderen äusseren Bedingungen, 
anderweitige Erfahrungen gemacht worden sind, die doch viel weniger günstig lauten? 
Krönlein glaubt weder, dass die Erfolge, welche W. von Muralt bisher mit dem Diph¬ 
therieheilserum im Kinderspital erzielt hat, den sicheren Beweis der Heilkraft des neuen 
Mittels erbracht haben, noch, dass die mässigen Resultate, welche im Diphtheriehause 
der chirurgischen Klinik bis jetzt notirt werden konnten, als Gegenbeweis etwa ver¬ 
wertet werden dürfen. — Unsere Erfahrungen müssen noch viel ausgedehntere sein und 
daher möchte Krönlein Vorschlägen, dass wir die Discussion auf eine spätere Zeit ver¬ 
schieben, wo wir über einige Hundert Fälle verfügen können und wo bei abgeklärterer und 
reicherer Erfahrung es weniger gefährlich ist, über den Werth oder Unwerth des Diph¬ 
therieheilserums ein Urtheil zu fällen. — Bis jetzt muss noch das Hauptgewicht auf die 
Einzelbeobachtung gelegt werden, die ja allerdings manche auffallende Erscheinung dar¬ 
bietet oder darzubieten scheint; eine summarische Yerwerthung der bisherigen Beobach¬ 
tungen ist aber noch nicht gerechtfertigt. — Wenn bis jetzt überhaupt etwas für den 
Werth des Dipbtherieheilserums zu sprechen scheint, so ist es nach Krönlein vielleicht 
der Umstand, dass bisher noch von keiner Beite der Nachweis geführt wurde, dass die 
statistischen Mittheilungen aus den verschiedenen Spitälern z. B. von Berlin, Paris, London 
oder die Resultate der Heilserumbehandlung an irgend einem Orte auch zu deren Un¬ 
gunsten ausgelegt werden können. 

Dr. Silberschmidt bemerkt, dass aus dem klinischen Bilde allein die Diagnose Diph¬ 
therie nicht gestellt werden kann und die verdächtigen Fälle von einem jeden Arzte ver¬ 
schieden beurtheilt werden. In Bezug auf die 4 Fälle, welche er für Herrn Dr. Müller 
untersucht hatte, wurde der eiue klinisch als typische schwere Diphtherie bezeichnet. 

Die bacteriologische Untersuchung zeigte nun, und der weitere Verlauf bestätigte den Be¬ 
fund, dass der diagnosticirte Fall keine Diphtherie war, wohl aber einer der drei anderen. 

Dr. H Müller . Die Angabe, dass die Stadtärzte von Berlin eine Mortalität von 
12°/o aufgestellt haben, sei nicht aus der Luft gegriffen, sondern der Discussion über 
den Vortrag von Dr. Hansemann entnommen. (Deutsche rned. Wochenschrift Nr. 2.) 

Gegenüber Prof. Krönlein bemerke er, dass es ihm nicht eingefallen sei, mit seiner 
Erfahrung Statistik zu machen; die Erfahrungen der practischen Aerzte seien eben andere 
als die der Spitalärzte. 

Dr. TP. von Muralt: Die Zahl 15°/o aus der Berliner Discussion ist Herrn Dr. 
Müller wahrscheinlich aus dem Votum Liebreich in Erinnerung geblieben; er machte auf 
die Schwächen der Statistik aufmerksam, bemerkte, dass während der Serumperiode eine 
verstärkte Aufnahme von Kindern in die Krankenhäuser stattfand, und sagte: Denke 
man sich, die Sterblichkeit in den Krankenhäusern sei 50%, in der grossen Stadt lö°/o, 
so wird bei erhöhter Aufnahme die Sterblichkeit in den Krankenhäusern sich vermindern 


müssen; nähme man alle Dipbtheriekranken auf, so würde sie auf 15% sinken müssen. 

Den Standpunkt von Herrn Prof. Krönlein begreife ich, aber ich theile ihn nicht. 
Wie ich Ihnen schon gesagt habe, möchte ich mir nicht anmassen, nur gestützt auf 
meine 58 Beobachtungen in einer so wichtigen Frage ein eigenes entscheidendes Urtheil 
abzugeben, aber ich glaube, wir sind berechtigt, nach dem Studium der Berichte von so 
vielen sorgfältigen Beobachtern über eine Anzahl von Fällen, die doch schon in die 
Hunderte geht, zusammengehalten mit unsern eigenen Beobachtungen, die wir Fall für 
Fall selbst untersucht, selbst wieder und wieder täglich gesehen und kontrolirt haben, 


*) Krönlein , Diphtheritis und Tracheotomie. Eine Erwiderung etc. Corresp.-Blatt für Schw. 
Aerzte 1882. No. 21. 


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uns eine Ansicht zu bilden, die für unser weiteres Handeln massgebend sein darf. 
Bei den Zahlenangaben habe ich mich auf das Nothwendigste beschränkt, von französi¬ 
schen und englischen Beobachtern keine erwähnt, weil sie doch den meisten von uns 
kaum dem Namen nach bekannt sind, und von Beobachtern aus der deutschen Literatur 
auch nur diejenigen herausgehoben, die uns als zuverlässig gelten. 

Noch vorsichtiger, als Herr Prof. Krönlein , hat sich von Bergmann ausgedrückt. 
Er will (nach dem Referat Bock) über die Ergebnisse der Therapie erst dann beriohten, 
wenn er eine so grosse Anzahl von Kindern mit dem Serum behandelt hat, die mit der 
Zahl ohne Serum behandelter Kinder (4054 mit über 2000 Tracheotomien und 50°/o 
Mortalität) verglichen werden kann. Ja, du liebe Zeit, meine Herren, wenn ich mit 
einer Empfehlung der Serumbehandlung an die Coli egen zu warten wollte, bis ich zu 
meinen etwas über 1000 Dipbtheriefällen eine genügend grosse Zahl Serumfalle bei¬ 
sammen hätte, so könnten unterdessen wohl Huuderte von Kindern sterben, von denen 
wenigstens ein Theil mit dem Serum hätte gerettet werden können, und die Verant¬ 
wortung dafür übernehme ich nicht. Das ist mein Standpunkt. 

Im Anschluss an seine Mittheilung schlägt Dr. W. Schulthess vor: 

1) Die ärztliche Gesellschaft soll Schritte thun, um die bacteriologische Untersuchung 
der Diphtherieverdächtigen für den praktischen Arzt zu erleichtern. Bis jetzt besorgt 
das hygienische Institut aus Gefälligkeit diese Untersuchungen. Das Abholen des zu 
einer Abimpfung nöthigen Materiales und die Rücksendung ins hygienische Institut sind 
sogar für die Stadtärzte mit zu vielen Umständlichkeiten verbunden und in der Praxis 
oft schlecht durchführbar. Für die städtischen Verhältnisse Hesse sich vielleicht in Ver¬ 
bindung mit der Sanitätspolizei eine Erleichterung erreichen. 

2) Es sollte ein Depot errichtet werden, von welchem die prakticirenden Aerzte ihren 
Bedarf an Serum beziehen könnten. Es ist nicht zweckmässig, den Bezug und die Aufbe¬ 
wahrung des Serums den Aerzten zu überlassen, denn entweder werde der einzelne ungebühr¬ 
lich grosse Auslagen damit haben, oder das Serum wird nicht gut conservirt werden können. 

3) In Anbetracht der Thatsache, dass noch sehr viele Aerzte der Serumtherapie mit 
grossem Misstrauen gegenüberstehen oder sie gar von der Hand weisen, hält Dr. W. 
Schulthess eine Mittheilung an die Aerzte des Kantons für zweckmässig. Es müsste in erster 
Linie darin hervorgehoben werden, dass die Transferirung in die Spitäler für Diphtheritische 
nicht nach dem bisherigen Usus dann zu erfolgen hätte, wenn eine chirurgische Hülfe un¬ 
umgänglich nothwendig scheint, sondern sobald der Verdacht auf Diphtheritis vorhanden ist. 

Diese Mittheilung könnte durch die Sanitätsdirection erfolgen. 

Dr. Leuch . Das Städtische Gesundheitsamt hat vor mehr als einem Jahr die Frage 
erörtert, ob den Aerzten das Material zur Abimpfung geliefert werden solle. Man fand 
es für besser, dies nicht zu thun, denn die Sache wäre im Vergleich zum Nutzen zu 
kostspielig. Dagegen erkläre sich das Gesundheitsamt gerne dazu bereit, durch das Sani¬ 
tätspersonal jeweils die von den Aerzten geimpften Serumröhrchen an die Untersuchungs¬ 
stelle schaffen zu lassen. Eine Centralstelle für die bacteriologische Untersuchung müsse 
geschaffen werden, denn das hygienische Institut könne diess nicht immer besorgen. 

Dr. Näf hält es für ein dringendes Postulat, dass ein Depdt errichtet werde, wo 
man sicher sei, frische Lymphe zu erhalten. 

Dr. Frick beantragt, den von Dr. Schulthess vorgeschlagenen Schritt bei der Sani¬ 
tätsdirection nicht zu thun. Da eine definitive Beurtheilung des Werthes der Serumtherapie 
noch nicht möglich sei, so würde er es für bedenklich halten, wenn die Aerzte in dieser 
Sache sich von den Behörden aus dictiren lassen würden. 

Zehnder macht gegenüber den Schulthess' sehen Vorschlägen auf den schlimmen, 
demoralisirenden Einfluss aufmerksam, welchen ein staatliches Eingreifen in die ärztliche 
Behandlung einer ohnehin Furcht und Schrecken erregenden Krankheit auch auf das 
Publikum hätte, das allzuleicht geneigt wäre, den Arzt in seiner Thätigkeit in ungünstigster 
und den ärztlichen Stand entwürdigender Weise zu beeinflussen und zu controliren. 


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Dr. Armin Huber möchte den. Vorstand ein laden, dafür zu sorgen, dass eine der 
hiesigen Apotheken die Beschaffung frischen Serums auf sich nehme. Bereits sei von 
Apotheker Hausmann in St. Gallen ein Circular erlassen mit der Ankündigung, dass er 
immer frisches Serum vorräthig halte. 

Prof. Krönlein . Gegenüber dem Vorschläge von Dr. Wilhelm Schulthess , mit einer 
Eingabe an die Sanitätsdirection zu gelangen, möchte Kr. doch ernstlich davor warnen, 
einen übereilten Schritt von solcher Tragweite zu thun. Ist denn wirklich in Zürich 
nun durch die heute gebrachten neuen Mittheilungen aus dem Kinderspital und aus der 
chirurgischen Diphtheriestatistik der Beweis für die Vortrefflichkeit des Heilserums ge¬ 
liefert ? Und können wir jetzt schon jeden ärztlichen Collegen sozusagen moralisch 
zwingen, eine Heilmethode anzuwenden, deren Werth doch noch ganz und gar in der 
Discussion liegt? Müssen wir denn nicht offen gestehen, dass die jetzigen Vorschriften, 
welche Behring gegeben, zum Theil doch noch recht schablonenhaft klingen? Dass jede 
genauere Dosirung und Individualisirung nach Alter, Complicationen u. s. w. so gut wie 
gaoz noch aussteht? — Kr. ersucht die Gesellschaft dringend, die Diphtheriefrage noch 
nicht aus ihren Händen, d. h. aus den Händen der medicinischen Kreise zu geben, 
und sie nicht als eine irgendwie abgeklärte Heilserrungenschaft jetzt schon den staat¬ 
lichen Behörden zu übermitteln. Ein solcher Schritt könnte leicht gefährlich sein. — 

Dr. Bäfmger weist darauf hin, dass nicht einmal in Bezug auf den Impfzwang, 
über dessen Nutzen eine ganz andere Erfahrung vorliege, Vorschriften erlassen seien, 
um wie viel weniger könne man in dieser Angelegenheit von den Behörden solche ver¬ 
langen. 

Dr. W. Schulthess will die Verantwortung für diesen Schritt vollständig tragen. 

Er sei überzeugt, dass man dadurch vielen Kindern das Leben errette und bleibe des¬ 
halb bei seinem Antrag. 

Die Gesellschaft beschliesst durch Abstimmung die weitere Berathung über diesen 
Antrag zu verschieben auf nächste Sitzung. 


Medicinisch-pharmaceutischer Bezirksverein Bern. 

II. Sitzmg Im Wintersemester 1894, Abends 8 Uhr im Casino.') 

Präsident: Dr. Humont. — Actuar: Dr. Amd. 

Anwesend 20 Mitglieder und 1 Gast. 

1) Vortrag von Prof. Dr. Girard: Ueber eine efgenthOmliclie Xlssklldoig der 
Ohren. Der Vortragende stellt ein Mädchen von fünf Jahren vor, welches mit einer 
eigentümlichen Missbildung beider Ohrmuscheln geboren wurde. Der obere Theil der 
Muschel ist sehr verlängert und fallt wie ein hängender Läppen herunter, so dass der 
Meatus verdeckt wird. Es ist eine Aehnlichkeit mit dem von Schwarze (.Klebs , Handbuch 
der pathologischen Anatomie, Lieferung 6) beschriebenen und abgebildeten sogenannten 
Katzenohr vorhanden. Letzteres ist aber eher als Hemmungsbildung, rudimentärer Zu¬ 
stand, aufzufassen, während bei dem vorgestellten Falle im Gegentheil eine abnorm 
starke Entwicklung des oberen Theils der Ohrmuschel, freilich mit Abschwächung des 
Knorpels, sich findet. 

Der Saum ist gut gebildet, Meatus, Tragus und Antitragus ebenfalls, nur an einem 
Ohr ist das Läppchen rudimentär. Die Missbildung ist in der Familie der Patientin 
hereditär. Der Vater und ein Bruder waren mit derselben an beiden Ohren behaftet. 
Läppchen, Saum, Tragus, Antitragus, Meatus waren bei denselben durchaus normal be¬ 
schaffen. Gehör ohne Veränderung. Ueberhaupt fanden sich bei den zwei Kindern wie 
beim Vater gar keine sonstigen, weder körperlichen noch psychischen Anomalien. 
Man könnte diesen Zustand als Jagdhundohren bezeichnen. 

l ) Eingegangen am 23. Januar 1895. Red. 


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G . hatte den stärker afficirten Bruder früher operirt. Der Vater, hocherfreut über 
das günstige cosmetische Resultat, brachte dann auch das Mädchen in das Spital behufs 
Vornahme der gleichen Operation; er selbst verweigerte den Eingriff. 

Das jetzt vorgestellte Mädchen wurde vor 14 Tagen vom Vortragenden an einem 
Ohr operirt und das recht günstige Ergebniss im Vergleich zum anderen noch nicht be¬ 
handelten Ohr demonstrirt. 

Die Operation bestand zuerst in der Exstirpation eines Theils der Hautfalte hinter 
der Muschel behufs Annähen der Letztem am Kopfe, um das Hängen zu corrigiren; 
ferner Verkleinerung des zu stark entwickelten oberen Muscheltheils mittelst einer sichel¬ 
förmigen Excision aus der ganzen Muscheldicke bei Erhaltung des gutgebildeten Saumes; 
endlich Herunterziehen des Saumes und Naht. 

Anknüpfend an diese Fälle bespricht G. die häufig vorkommende unschöne Ab¬ 
normität der Ohrmuschel, welche ata abstehende Ohren bekannt und nicht selten mit 
einer Vergrösserung der Muschel verbunden ist. 

Er glaubt, dass eine ähnliche Operation, wie die eben beschriebene, bei nicht ganz 
jungen Kindern in solchen Fällen vielfach angezeigt sein kann. 

Es wird manchmal behauptet, dass jene Abnormität gegenwärtig häufiger vorkomme 
ata früher. G. ist nicht abgeneigt zu glauben, das die Abschaffung der bei Neugeborenen 
’ und Säuglingen früher üblichen Kinderhaube daran Schuld sein könnte. 

Durch die Haube wurden nämlich die noch wenig resistenten Ohren gegen den Schädel 
angedrückt und festgehalten und auf diese Weise gewissermassen einer orthopädischen 
Behandlung unterzogen. 

Es wäre jedenfalls indicirt, die Haube bei denjenigen kleinen Kindern wieder ein- 
zuföhren, welche eine hereditäre Anlage oder eine sichtbare Neigung zu sogenannten 
abstehenden Ohren darbieten. 

Mancher alte Usus in der Pflege der kleinen Kinder, welcher in neuerer Zeit abge¬ 
schafft wurde, mag, wie die Haube, einer gewissen Berechtigung nicht gänzlich entbehrt 
haben. 

Dr. IHmont erinnert, dass die Amerikaner behaupten, stets mit einem federnden 
Apparat auskommen zu können. 

Prof. Valentin macht darauf aufmerksam, dass die vorgewiesene Missbildung zum 
Theil sich durch das Fehlen des mittelsten der drei Höcker des Helix erklären lasse. 
Hängende Ohren kommen nur bei domesticirten Thieren vor. Der Mensch macht vielleicht 
mit der Zeit auch diese Wandlung durch. 

Prof. Strasser nimmt als Ursache der missbildeten Ohren Raummangel in utero an, 
was von Prof. Girard nicht anerkannt wird. Er will die Frage nach der Ursache nicht 
beantworten. 

Prof. Strasser weist darauf hin, dass combinirte Missbildungen doch sich manchmal 
sehr gut auf Druck zurückführen lassen. 

Dr. Dumont glaubt, dass man selten Kinder zur Operation bekommen werde wegen 
einer solchen Missbildung. 

2) Dr. Dubois demonstrirt an Hand schematischer Zeichnungen und unter Vorweisung 
einer Photographie ein von ihm angegebenes ElectrodyaAmometer zor Messing 1 der 
InteisiUU der ladictieisstrffne. 

Dieses Instrument, in vorzüglicher Weise von der „Fabrique d’öbauches (branche 
Electricite) in Sonceboz (bern. Jura) construirt, besteht aus zwei Rollen eines feinen 
Kupferdrahtes. Eine dieser Rollen ist beweglich und ist an einer bifilaren Suspension 
aus feinem Silberdraht aufgehängt. Die zweite Rolle ist fix und steht im Innern der 
beweglichen und zwar kreuzen sich die Axen beider Spuhlen. Der zu messende Induc- 
tionsstrom durchläuft beide Spuhlen und bewirkt somit Ablenkungen, welche mittelst 
Fernrohr und Scala auf 2—3 Meter abgelesen werden. Das Instrument ist so empfind¬ 
lich, dass es die minimalen Ströme misst, welche beim Menschen die erste sichtbare Con- 


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traction geben. Hineinrufen in ein Siemenstelephon gibt Aasschläge bis za 45 Scalen« 
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Die beobachteten Scalenaasschläge sind dem Quadrat der Stromstärke proportional, 
I* = taog. a. Zar bequemeren Ablesung ist das System sowohl mit Luftdämpfung wie 
mit Kupferdämpfung versehen, so dass das Instrument rasch seine Indicationen gibt und 
sehr leicht auf 0 zu bringen ist. 

Durch Anwendung eines Richtmagnets kann das Instrument astatisch gemacht werden. 
In diesem Falle ist auch für constante Ströme I* = tang. a und somit können die In- 
ductionsströme, mit Strömen bekannter Intensität in Milliamperes gemessen, verglichen 
werden. 

In dieser Form kann diese practische Modifikation des JTcöcr’schen Electrodynamo- 
meters zur Losung einer Reibe von Problemen dienen, welche sowohl den Physiker, den 
Electrotechniker wie den Physiologen interessiren. 

Prof. Valentin hält das Instrument für ausserordentlich wichtig.* Seine Zartheit ist 
sein einziger Fehler. Es werden jedenfalls viele Fragen der Nervenpathologie durch das¬ 
selbe gelöst werden. 

Dr. Dubois will auch ein einfacheres Instrument zu construiren suchen, das allge¬ 
meiner gebraucht werden könne. 

3) Dr. Tschlenoff wird als Mitglied begrüsst. 

4) Dr. Dumont berichtet über die Theilnahme des Vereins an der Wohnungsenquöte, 
die der Verein „Freiland“ angeregt hat. 

In der Discussion hebt Dr. Schärer hervor, dass von Seiten der Sanitätscommission 
die Wohnungsverhältnisse von Fall zu Fall gebessert werden. Prof. Valentin warnt vor 
einer allzu grossen Ausdehnung der Enquete, die unnöthige Kosten verursache. 

5) Dr. Dumont berichtet über den Erfolg des Schreibens in Betreff der Wasserver¬ 
sorgung. 

6) Dr. Dumont theilt ferner mit, dass die Bestrebungen der Frauen vereine, Kranken¬ 
pflegerinnen ausbilden zu lassen, einstweilen zu nichts geführt haben, und die Delegirten 
des Bezirksvereins auf eine weitere Betheiligung an den Arbeiten verzichten. 


, Referate und Kritiken. 

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Erkenntnisse und Bescheide der im Grunde des Gesetzes betreffend die Unfallversicherung 
t der Arbeiter errichteten Schiedsgerichte. 

Für den Handgebrauch geordnet und herausgegeben von Richard Kaan , Secretär der 

Arbeiter-Unf.-Vers.-Anst. für Niederösterreich. Wien 1895. Verlag der Manz’schen 
gi Buchhandlung. 1034 Seiten. Preis fl. 4. —. 

Schon öfters wurde ich von Collegen angefragt, welcher Art die Veröffentlichungen 
n der Unfallbehörden von Deutschland und Oesterreich seien, und wie man die den Arzt 
interessirenden Theile der Unfallpraxis der beiden Staaten sich am besten erhältlich 
? mache. Das vorliegende Werk veranlasst mich zu einer kurzen Darlegung dieser Ver- 
| hältnisse. 

Das Reichsversicherungsamt, die oberste Instanz in Unfallsachen in Deutsch¬ 
land gibt die allmonatlich erscheinenden „Amtlichen Nachrichten des 
Reichs versicherungsamts “ (Berlin, Verlag von A. Asher & Co.) heraus, 
welche bloss in pleno gefasste Entscheidungen von besonderer Wichtigkeit enthalten. Sie 
fassen nicht selten die Spruchpraxis über einen einzelnen Gegenstand zusammen. Die be¬ 
kannten Entscheide über die Entschädigung bei Leistenbrüchen, bei traumatischen Neu¬ 
rosen, Verlusten des Auges, ferner die den Arzt interessirenden Definitionen des Unfalles 
u. s. w. wurden z. B. an der genannten Stelle publicirt. Das Wesentliche dieser Ent¬ 
scheidungen ist in dem von Mitgliedern des Reichsversicherungsamtes bearbeiteten Hand- 


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buch der Unfallversicherung (Leipzig 1892, Verlag von Breitkopf & Härtel) 
zusammengestellt. 

Eine fortlaufende amtliche Veröffentlichung der Rekursentscheidungen des Reichs¬ 
versicherungsamtes fehlt bis heute. Dagegen lässt die Knappschafts-Berufsgenossenschaft 
als Beilage zu ihrem Publications-Organ „Der Kompass“ die Rekursentschei¬ 
dungen des Reichs-Versicherungsamtes als Spruchcollegium in Unfall¬ 
versicherungs-Angelegenheiten erscheinen. 7 Bände derselben liegen bis heute vor. Jeder 
Band enthält am Schlüsse eine tabellarische Zusammenstellung der bezüglich der Ent¬ 
schädigungen der Unfälle getroffenen Entscheide. 

Der von den deutschen Unfallärzten so sehr empfundene Uebelstand, dass in 
Deutschland ausschliesslich Juristen und Vorwaltungsbeamte die medicinische Seite der 
Unfalljudicatur behandeln, spiegelt sich auch in der genannten Ausgabe der Rekursent¬ 
scheidungen deutlich ab. Allgemeine Ausdrücke wie Fuss-, Knie-, Bein-Verletzungen 
sind sehr häufig; manche Beschreibungen von Unfall Verletzungen sind unklar, unverständ¬ 
lich oder unvollständig. Trotz diesen, gerade dem Arzt besonders fühlbaren Mängeln, ist 
die Sammlung doch von grossem Werth. Wer in Sachen arbeiten will, muss sie ver¬ 
folgen. 

Die unter der vorzüglichen Redaction von Blasius , Schütz und Thiem seit letztem 
Jahr erscheinende „Monatsschrift für Unfallheilkunde“ berücksichtigt 
die Entscheidungen des Reichsversicherungsamtes ebenfalls und versieht sie nicht selten 
mit kritischen Randbemerkungen. 

In Oesterreich bilden die Schiedsgerichte der Arbeiter-Unf.-Vers.-Anstalten 
die einzige Rekursinstanz. Ihre Entscheide erschienen bis Ende des Vorjahres in chrono¬ 
logischer Reihenfolge in den „Amtlichen Nachrichten des k. k. Mini¬ 
steriums des Innern betreffend die Unfallversicherung und 
die Krankenversicherung der Arbeiter“. Das überaus reichhaltige 
Material Hess sich darin kaum übersehen, da das jedem Jahrgange beigegebene Register 
nur sehr kurz gehalten war. 

Das vorliegende Sammelwerk stellt die gesammte österreichische Unfall-Casuistik, 
soweit sich die Schiedsgerichte damit zu befassen hatten, in sehr zweckmässiger und über¬ 
sichtlicher Anordnung zusammen. Die von grosser Liebe zur Sache getragene ausser¬ 
ordentliche Arbeitslust des Verf. und sein besonderes Geschick in der nutzbringenden Be¬ 
arbeitung können nicht genug bewundert werden, um so mehr, als er ganz selbstständig 
und nicht nach Vorbildern arbeiten musste. 

Für die Aerzte sind die österreichischen Erkenntnisse desswegen besonders wichtig, 
weil bei den Schiedsgerichten stets 2 sachverständige Aerzte an der mündlichen Verhand¬ 
lung Theil nehmen. Bei dieser sachgemässen Mitwirkung der Aerzte ist es ohne Weiteres 
begreiflich, dass die medicinischen Verhältnisse der Unfall Verletzungen sowohl als der 
Unfallfolgen stets klargestellt sind. Aerzte, welche sich um das Unfallwesan interessiren, 
finden aus diesen Gründen in der österreichischen Unfall-Casuistik besonders reiche Be¬ 
lehrung. 

Sie werden dem Verfasser des vorliegenden Werkes dankbar sein, dass er das grosse 
Material in so übersichtlicher Weise der Benützung und dem Studium zugänglich ge¬ 
macht hat. In einem besonderen Anhänge sind die Streitfälle betreffend percentuelle 
Erhöhung der Rente tabellarisch zusammengestellt. Voran stehen die Verletzungen 
des Kopfes, des Rückens, der Wirbelsäule und des Rückenmarkes; dann folgen die 
Verletzungen am Brustkörbe, am Unterleib, der Augen und der Extremitäten. Diese 
Casuistik umfasst 250 Entscheidungen über alle möglichen Verletzungen. Wie mir 
das Buch in die Hände kam, sah ich zufällig nach wegen einer mir gerade zur Be¬ 
gutachtung überwiesenen Haftpflichtverletzung. Sofort traf ich dieselbe Verletzung, sogar 
mit derselben Ursache von dem linksseitigen Körpertheile, während mein Fall die rechte 
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Das Werk ist zunächst für die österreichischen Unfallorgane bestimmt, aber ich bin 
sicher, dass es überall, wo die Unfallmaterio in Frage steht, grosse Beachtung finden 
wird. Es verdient dieselbe namentlich auch von Seite der Aerzte, denen die Unter« 
suchung und Begutachtung von Unfallverletzungen obliegt. Kaufmann . 


Cantonale Correspondenzen. 


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Aas den Acten der sehwelzerlseben Aersteeommission. 

Bern, 16. August 1894. 

An den Chef des eidg. Industrie-Departements Herrn Bundesrath Dr. Deucher in 
Bern, zu Händen des hohen Bundesrathes. 

Hochgeehrter Herr. Angesichts der Aussicht, dass die hohe Bundesversammlung 
auf ihren Beschluss, das Zündhölzchenmonopol resp. dessen Verwerfung betreffend, noch¬ 
mals zurückkommen wird, gestattet sich die schweizerische Aerztecommission, bei der 
’ grossen Wichtigkeit der Sache für die Gesundheit eines Theiles unserer Fabrikbevölkerung, 
nochmals ihre Ansichten Ihnen ehrerbietigst zu unterbreiten. 

Es hiesse Wasser in’s Meer tragen, wenn wir auf die schweren Nachtbeile, welche 
die Fabrication von Zündhölzchen aus gelbem Phosphor im Gefolge hat, nochmals ein- 
gehen wollten. Es wird kaum mehr ein Mitglied der h. Bundesversammlung sein, welches 
sich der schweren Verantwortung nicht bewusst wäre, welche eine Behörde auf sich ladet, 
die irgend ein Mittel zur Verhütung der schrecklichen Phosphornekrose unbenützt lässt. 
Es scheint aber doch noch nicht genügend bekannt, was die Erfahrung nach dieser 
Richtung für Wege gewiesen hat; desshalb erlauben wir uns, auf diese nochmals hinzu¬ 
weisen. 

Die Phosphornekrose ist zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten in 
sehr wechselnder Häufigkeit aufgetreten. Einzelne Fabriken blieben fast ganz verschont; 
in andern kommen mehr Fälle vor, als vielleicht bekannt geworden ist. Zur Zeit, als 
die Zündhölzchenfabrication aus gelbem Phosphor in der Schweiz verboten war, sind sehr 
viel mehr Fälle von Phosphornekrose aufgetreten, als vor und nachher, weil ira Geheimen 
fabricirt wurde unter ungünstigen Verhältnissen. Endlich wissen wir, dass gegenüber 
den ersten Zeiten der Fabrication die Erkrankung der Arbeiter ganz erheblich abgenommen, 
aber leider bis in die allerneueste Zeit weder bei uns noch an andern Orten (z. B. 
Deutschland) ganz aufgehört hat. 

Die Phosphornekrose ist also keine nothwendige Beigabe der Verarbeitung des 
gelben Phosphors, aber es bedarf ganz bestimmter und genau durchgeführter Massnahmen, 
um dieselbe völlig auszumerzen. Diese Massnahmen in vollkommener Weise durchzu¬ 
führen, sind einzelne Fabrikanten und Arbeitgeber erfahrungsgemäss, trotz sehr lobens¬ 
werter Bestrebungen, nicht im Stande. Denn selbst in den bis jetzt besteingerichteten 
Fabriken kommen von Zeit zu Zeit Fälle von Erkrankung vor. Es bedarf vielmehr die 
Verarbeitung des gelben Phosphors zum Behufe der Zündhölzchenfabrication einer Ein¬ 
richtung der Fabrikanstalten und einer Ueberwachung, welche bloss ein mit reichlichen 
Mitteln und voller Autorität ausgestatteter Arbeitgeber zu seiner Verfügung hat. Wir 
meinen den Staat. 

Entschliesst sich der Bund, das Monopol einzuführen, die mit den modernen An¬ 
forderungen an Reinlichkeit und Ventilation ausgestatteten Fabrikgebäude selbst zu er¬ 
stellen, so dürfte es don berufenen Organen, nämlich den Herren Fabrikinspectoren ein 
Leichtes sein, auch den s. Zt. erlassenen Vorschriften, die ihren Zweck nur unvollständig 
erreicht haben, volle Nachachtung zu verschaffen und bei gleichzeitiger officieller Mit¬ 
wirkung der Aerzte der betreffenden Landestheile die Phosphor-Erkrankungen ganz zu 
verhüten. 


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Wir erlauben uns desshalb, Sie ehrerbietigst aufzufordern, der hohen Bundesver¬ 
sammlung das Zündhölzchen-Monopol als das beste und vielleicht einzige Mittel zur Ver¬ 
hütung der Phosphornekrose zu empfehlen. Mit Hochachtung: 

Namens der schweizerischen Aerztecommission: 
d. d. Z. Präsident: sig. Prof. Dr. Kocher . Der Secretar: sig. Dr. Hans v. Wyss. 

Nachtrag. Nach der in der Sitzung vom letzten October in der schweizerischen 
Aerztecommission gewalteten Discussion soll gegenüber den hohen Landesbehörden noch 
ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht werden, dass die Aerztecommission im Namen 
der schweizerischen Aerzte zu handeln glaubt, wenn sie betont, dass sie noch zur Stunde, 
wie in einer frühem Eingabe, das Verbot des gelben Phosphors für das geeignetste, ja 
für das einzig volle Sicherheit bietende Mittel hält, die Phosphoraekrose zu verhüten. 

Bern, 9. December 1894. 

Namens der Aerztecommission: 

Der Präsident: sig. Prof. Dr. Kocher, Der Secretär: sig. Dr. Hans v, Wyss. 

St« Gallen. Dr. Werner Dudly f. Mitte Dezember verschied in Eorschach 
im jugendlichen Alter von 28 Jahren Dr. med. Werner Budly. Er hatte von seinen 
Eltern eine herkulische Körpergestalt, hohen Fleiss und Ausdauer mit auf den Lebensweg 
bekommen und wer vor Jahren den blondlookigen kraftvollen Jüngling sah, konnte kaum 
ein so frühes Ende seiner Laufbahn ahnen. 

In den Schulen seines Geburtsortes Rorschach und am Gymnasium in St. Gallen 
berechtigte er zu den schönsten Hoffnungen. In Basel und Zürich, dann in München 
und wieder in Zürich lag er mit grossem Fleiss und Erfolg seinen medicinischen Studien 
ob, die er durch seine im Deutschen Arch. f. kl. Medicin abgedruckte Dissertation „lieber 
Leberabscesse“, eine casnistische Arbeit über die an der Zürcher Klinik beobachteten Fälle, 
abschloss. 

Unterdessen war seine Rückkehr ins väterliche Haus nothwendig geworden. Dr. 
Budly sen. hatte, um dem heran wachsenden Sohne auch eine Anstaltsthätigkeit zu sichern, 
das Hotel Badhof in Rorschach mit dem Badhaus angekauft und nach modernen Princi- 
pien für Hydrotherapie zweckmässig einrichten lassen. 

Hier sollte der junge Arzt sein Arbeitsfeld finden. Nur zu früh war er so aus 
dem theoretischen Theil seiner beruflichen Ausbildung heraus in die selbstständige prak¬ 
tische Thätigkeit hineingestellt. Von jeher gewohnt, an die Leistungen Anderer und 
seiner selbst die höchsten Anforderungen zu stellen, konnte er sich — wenigstens schien 
es dem ehemaligen Jugendfreunde so — in seinem Wirkungskreise nicht diejenige Be¬ 
friedigung verschaffen, die zu frohem Lebensgenuss gehört. Er schloss sich leider vom 
Verkehr mit alten Freunden und mit Collegen ab und entbehrte so mancher Aufmunterung. 
Temporär oft sehr erhebliche Verdauungsstörungen, Diarrhoeen, Icterus zeigten schon seit 
geraumer Zeit ein Leberleiden an, dessen Opfer er wurde. Wer den hoffnungsvollen 
jungen Mann erst in den letzten Jahren kennen lernte, konnte ein richtiges Urtheil über 
ihn nicht gewinnen, der durch äussere Verhältnisse sich hindern liess, einen seinem Kön¬ 
nen, seinem Fleiss und seinem Ehrgeiz mehr entsprechenden Weg einzuschlagen. 

Die grosse Betheiligung der Bevölkerung an seinem letzten Gange war der spre¬ 
chende Ausdruck der Achtung, welche der junge Arzt genoss und zugleich ein Zeichen 
des Beileids für den alten trauernden Vater, der an dem Tage seinen hoffnungsvollen 
Sohn und Nachfolger ins frühe Grab bettete. Dem Freunde bleibt der Verstorbene in 
freundlicher Erinnerung. Sp. 

Genf. Die Genfer medicinische Gesellschaft erhielt in der Januarsitzung dieses 
Jahres von dem hochgeschätzten Professor der Anatomie, Laskowsky , seinen eben er¬ 
schienenen Atlas der Anatomie zum Geschenk, und vernahm im Anschluss daran einige 
erläuternde Erklärungen Über die höchst interessante Entstehung dieses Kunstwerkes. 

Fünf volle Jahre angestrengter Arbeit wurden auf die Herstellung anatomischer 
Originalpräparate und deren naturgetreue bildliche Darstellung verwandt. 


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Laskowsky'a Gewissenhaftigkeit und künstlerische Vollendung in der anatomischen 
Technik haben den Genfer Präparirsaal zu dem bevölkertsten schweizerischer Facultäten 
gemacht. Die bekannte Vorzüglichkeit der französischen systematischen Anatomie, wie 
sie in dem Meister Sappey in Tage tritt, findet sich bei seinem Schüler Laskowsky 
wieder, und hat in dem vorliegenden Atlas ihren vollen Ausdruck gefunden. 

Die technischen Schwierigkeiten in der Ausführung waren solche, dass nur die 
zähe Energie und der Enthusiasmus Laskowsky 1 s für sein Fach im Stande waren, die¬ 
selben endlich glücklich zu überwinden. 

Das Resultat all’ dieser Arbeit hat aber auch die aufgewandte Mühe reichlich be¬ 
lohnt. Jede einzelne der 16 Tafeln ist so vollendet, dass man nicht recht weiss, welcher 
der Vorzug zu geben ist; uns imponiren ganz besonders die topographischen Tafeln des 
Nervensystems, der Circulations- und Verdauungsorgane. 

Ein kleines Nachsch lagebuch mit erläuterndem Text wurde vom Verfasser mit be¬ 
sonderer Sorgfalt abgefasst und die Nomenclatur sowohl lateinisch (wie sie 1 speciell in 
Deutschland geläufig ist) als französisch eingetragen. 

Die bis ins Detail naturgetreuen Abbildungen machen den Atlas sowohl für Stu- 
dirende als für practische Aerzte und Chirurgen höchst werthvoll, und derselbe ist, 
dank seines Formates (60 — 80 cm) für Demonstrationen geeignet. 

Dank der Uneigennützigkeit des Verfassers ist der Atlas zu sehr zugänglichem 
Preise erhältlich (65 Fr. für Subscribenten). 

Wir glauben manchem Collegen der deutschen Schweiz eineu Dienst zu erweisen, 
indem wir ihn auf diese gediegene Publication aufmerksam machen. 

Dr. E. Kummer (Genf). 

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Schweiz. 

— In Basel wird vom 17. bis 20. April d. J. die IX. Versammlung dor 
anatomischen Gesellschaft stattfinden. 

Basel. Bacteriologischer Curs vom 11. März bis 6. April. Beginn: 
11. März Vormittags 9 Uhr im pathologisch-anatomischen Institut. 

— Ferlencarse Io Bero. Der Erfolg, den die seit mehreren Jahren an verschie¬ 
denen Universitäten Deutschlands bestehenden Feriencurse gehabt haben, hat eine Anzahl 
von Docenten und Assistenzärzten der Berner medicinischen Facultät veranlasst, ähnliche 
Curse in Bern zu organisiren. Der erste Curs wird während der Osterferien abgehalten 
werden, und soll am 11. März beginnen; Dauer 5 Wochen. Auskunft wird durch die 
Universitätsquästur ertheilt. Die grosse Zahl unserer Landsleute, welche jedes Jahr zu 
den Feriencursen nach Würzburg oder München reisen mussten, wird sicher die Initiative 
der Berner Col legen mit Freude begrüssen, und wir zweifeln nicht daran, dass diese Curse 
den besten Erfolg haben werden. 

— Zar SehflddrSseoextracttheropie. Die von der Hausmann'sehen Apotheke in 
St. Gallen nach Vorschrift von Prof. Kocher fabricirten Pillen von Schilddrüsenextract 
haben bei einer Patientin starke Urticaria verursacht. Da solche Mittbeilungen 
mir in der Litteratur nicht begegnet sind, hat die Beobachtung vielleicht einiges 
Interesse. 

Es handelt sich um eine 25jährige Frau mit Basedow' scher Krankheit, welche 
schon mehrere Wochen Natr. phosphor. mit gutem Erfolg genommen hatte. Da die 
Struma sich unter Anwendung dieses Mittels nicht weiter zu verkleinern schien, wurden 
die Pillen mit thyreoidea versucht und zwar 3 per Tag. Am Abend des zweiten Tages 
nach Beginn dieser Medication trat eine über den Rumpf und die Beine verbreitete Urti¬ 
caria auf, welche durch das heftige Brennen eine schlaflose Nacht verursachte. 


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Das Mittel wurde natürlich ausgesetzt und der Ausschlag war nach ca. 12 Stunden 
verschwunden. 

Ein fünf Tage darauf unternommener zweiter Versuch mit den Pillen hatte wieder 
den gleichen Effect, so dass auf die Anwendung des Mittels verzichtet werden musste. 

Bei der Patientin ist früher nie Urticaria beobachtet worden, sie hat überhaupt 
keine Neigung zu Hautkrankheiten, so dass es sich wohl ohne Zweifel um ein Arznei¬ 
exanthem handelt, ähnlich denjenigen, wie sie bei Diphtherieseruminjectionen beobachtet 
werden. 

Basel. Alfred Gönner. 

Ausland. 

— XL loteriatiialer medieinlsdier Caagresa In Born. Der erste der 5 Bände 
der Congressverhandlungen ist fertig gestellt und wird jedem Congresstheilnehraer nach 
vorheriger Einsendung von 1 Fr. 15 Cts. und seiner genauen Adresse an die Firma: 
Bosenberg & Sellier , librairie internationale, Turin, durch dieselbe zugeschickt werden. 

— Zar Schilddrflsentheraple. Trotz der zahlreichen Vortheile, welche die Schild- 
drüsenmedication nach den bisherigen Erfahrungen bei den verschiedensten Krankheitszu¬ 
ständen, wie Myxoedem, Morbus Basedowii, Lipomatosis etc. zu bieten vermag, hält 
Btclbre es für angebracht, die Aufmerksamkeit darauf zu richten, dass die Gefahren 
dieser Therapie nicht zu übersehen sind. Der Schilddrüsensaft stellt in hohen Dosen 
ein Gift für das Herz dar, was die Fälle von plötzlichem Tod durch Herzlähmung nach 
Darreichung von Schilddrüse des Schafes beweisen. Man könne* deshalb nicht eindring¬ 
lich genug auf grosser Vorsicht bei der Schilddrüsentherapie bestehen. Der Puls ist in 
diesen Fällen der beste Führer und er muss Gegenstand täglicher Controle sein. Eine 
nützliche Vorsichtsmassregel besteht darin, den Patienten im Bett oder wenigstens im 
Zimmer zu halten und ihm jede Anstrengung zu verbieten, welche die Herzarbeit erhöhen 
könnte. Diese Maassregeln sind auch nach beendetem Heilverfahren noch einzuhalten, 
denn der Schilddrüsensaft scheint dieselbe cumulative Wirkung zu besitzen wie die Digi¬ 
talis. (Soc. med.; Jan. 95. Medico.) 

— Stabsarzt Landgraf (Dtsch. Milit. ärztl. Zeitschrift 1895/1) untersuchte 594 
kerngesunde Leute seines Bataillons während mehrerer Jahre betreffs der immer noch 
nicht endgültig erledigten Frage der diagnostischen Bedeutung der Spaltungen der 
Herztöne und kommt zu folgenden Ergebnissen: 

1) Eine Spaltung des zweiten Tons kommt bei gesunden Leuten im Anfang der 
20ger Jahre nicht vor. 2) Die Spaltung des ersten Tones ist eine sehr häufige Erschei¬ 
nung. 3) Letztere hat keine diagnostische Bedeutung, während Spaltung des zweiten 
Tones bei anscheinend gesunden Leuten zur Vorsicht mahnen muss. 4) Es ist am 
wahrscheinlichsten, dass die Spaltung des ersten Tones auf einer zeitlichen Differenz be¬ 
ruht zwischen den Klappentönen der Mitralis und Tricuspidalis und den ersten Tonen 
der Aorta und Pulmonalis. 

Die Erscheinungen sind am deutlichsten wahrzunehrnen bei langsamer Herzaction. 
(Unter dem Einfloss einer körperlichen Anstrengung kann die vorher deutliche Spaltung 
verschwinden); ferner während der Athempausen und im Beginn der Einathmung. 

— (Jeher die leliidlug des Utens esrise mit Milebslare. Von Dr. Beheben- 
hoff. ( Wratsch , D. M. Z. 31. Januar 1895.) Auf Grund der Beobachtungen von Mose- 
tig v. Moorhof die, von anderen Autoren bestätigt, gezeigt haben, dass die Milchsäure er¬ 
krankte Gewebe zerstört, ohne gleichzeitig die gesunde Umgebung zu schädigen, zog 
Verfasser die Milchsäure zur Behandlung der Hornhautgeschwüre heran. Der Erfolg fiel 
sehr gut aus. Es konnten z. B. bei langsam fortschreitenden, verschleppten trachoma- 
tösen Hornhautgeschwüren, welche von starker Lichtscheu wie bedeutender Hyperämie 
der Gefösse in der Umgebung der Cornea begleitet waren, die Kranken bereits nach 
einer einmaligen Aetzung mit Milchsäure die Wirkung des Lichtes vertragen; sie empfanden 
keine Schmerzen mehr im Auge, die Röthung in der Umgebung der Cornea schwand fast 


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vollständig. Die Milchsäure erwies sich ausserordentlich nützlich bei den ringförmigen 
Geschwüren der Hornhaut, welche für diese bekanntlich am gefährlichsten sind. In 6 
derartigen Fällen genügte eine einmalige Aetzung, um der weitern Verbreitung der 
Krankheit Einhalt zu thun. Bei diffusen inficirten Geschwüren der Hornhaut, welche 
fast bereits die Hälfte derselben ergriffen hatten, blieb aber die Milchsäure ohne Wirkung. 
Immer indessen gelang es, die Weiterausdehnung des Krankheitsprocesses zu ver¬ 
hindern, wenn die Geschwüre noch nicht die Grösse eines Hanfkornes überschritten hatten. 
Die Aetzung wurde in der Weise vorgenommen, dass die Milchsäure in 50°/o Lösung 
mittels scharf zugespitzten hölzernen Stäbchens auf die Wunde aufgetragen wurde. Die 
dabei entstehende Borke beschränkt sich für gewöhnlich nur auf die Geschwürsfläche. War 
aber die Säure zufällig auf die gesunden Theile der Hornhaut gerathen, so litt darunter 
bloss das Epithel, welches jedoch schon am folgenden Tage wiederum regenerirt war. 
In 3—4 Tagen pflegt die Borke abzufallen, und es findet sich unter ihr eine bereits in 
Heilung begriffene Geschwürsfläche vor. 

— Bel multiplen Warzen: Flor, sulfur. 10,0, Glycerin 25,0, Acid. acetic. pur. 
5,0; D. 8. Täglich aufzupinseln. Kaposi. 

— Behandlung der Gelampsle nach Prof. Gubaroff in Dorpat. Morphium in mitt¬ 
leren, aber häufigen Dosen (0,015 subcutan ca. sechs Mal in 24 Stunden, je nach der 
Menge des Harns), Chloralclystiere und nur während operativer Eingriffe (incl. Catheteri- 
siren) leichte Chloroformnarkose. Daneben alle äiisserlichen Mittel, welche die Haut- 
thätigkeit stimuliren oder vicariirend ersetzen: feuchte, warme Ein Wicklungen; täglich 
mehrmals Abreibungen mit warmer Essig-Salz-Alkohollösung und einfache Zufuhr erhitzter 
Luft. In allen Fällen wurde so früh als irgend möglich für eine gründliche Entleerung 
des Darmtractus durch Salinen (Natrium, Magnes. sulphur äa) Sorge getragen. Ausserdem 
wurde bei allen Fällen grosses Gewicht auf die Nierenfunction gelegt. Dieselbe wurde 
angeregt durch Verabfolgung von Milch und einigen Mineralwassern und durch Anwen¬ 
dung localer Hitze in der Nierengegend vermittelst eines 
grossen viereckigen, mit warmem Wasser gefüllten Gummi- 
beutels, was immer einen ungemein günstigen Einfluss auf 
die Entleerung des Harns ausübte. Insbesondere in den drei schwersten 
Fällen, bei welchen vollkommene Bewusstlosigkeit, vollständig comatöse Zustände bei 
hoher Temperatur (39 —40,°) und sehr verminderte Harnsecretion bestanden, hatte bei 
dieser Behandlung die Harnmenge bedeutend zugenommen und der Eiweissgehalt ver¬ 
minderte sich sehr; gleichzeitig trat eine Besserung des Allgemeinzustandes ein, die 
schliesslich nach einigen Tagen in Genesung überging. Diese Wirkung war so auffallend, 
dass Verfasser die andauernde locale Application von Hitze an die 
Lendengegend warm empfehlen zu sollen glaubt, insbesondere in solchen Fällen, 
wo der Eiweissgehalt des Harns ein sehr grosser und die Harnsecretion eine sehr herab¬ 
gesetzte ist. (Centralbl. f. Gyn. 1895/5.) 


— Desinflcfreode Kraft der Formaldehyddimpfe, Formel. Die ausgesprochenen 
antiseptischen Eigenschaften des Formaldehyds sind in letzter Zeit von verschiedenen 
Autoren hervorgehoben worden. Ganz besonders wurde die Ungiftigkeit und die leichte 
Anwendbarkeit des Präparates betont. Trillat stellte neuerdings Versuche an, um die 
Verwendbarkeit dieser Substanz zur Desinfection der Wohnräume zu prüfen. Zu diesem 
Zwecke benutzte er eine Eigenschaft des Methylalkohols sich direct in Aldehyd zu oxy- 
diren, sobald er bei Gegenwart von Sauerstoff in Contact mit einem zur Rothgluth er¬ 
hitzten Platindrahtgeflecht kommt. Mit Hülfe einer einfachen und sehr zweckmässigen 
Formollampe gelang es ihm 25°/o des angewandten Methylalkohols in Formol umzu¬ 
wandeln. Um die desinflcirende Kraft des Formols zu prüfen, benutzte Trillat Spital¬ 
kehricht, den er auf eiuem Teller verbreitet in Räumen von verschiedenem Cubikinhalt 
der Einwirkung der Formoldämpfe aussetzte. In einem Raum von 20 Cubikmeter wurden 
alle Keime in acht Stunden getödtet; dazu wurden 200 gr Methylalkohol verbraucht. 


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In einem Raum von 300 Cubikmeter und bei einem Verbrauch von 1,8 Kilo Methylalkohol 
wurde dasselbe Resultat in 24 Stunden erreicht. Die Gegenwart von Wasser verlang¬ 
samte die keimtödtende Wirkung des Formol. In einer anderen Reihe von Versuchen 
wurden Stoffe, Möbel, Wände mit bacterienreichen Gemischen bestrichen und in ver¬ 
schiedenen grossen Räumen der Einwirkung der Formoldämpfe ausgesetzt. In einem 
Zimmer von 45 Cubikmeter Inhalt, vollständig möblirt, liess Trillat die Formollampe 4 
Stunden brennen. Mit dem an den Wänden und an den Möbeln anhaftenden Staub, 
wurden dann Bouillonculturen angesetzt und in Brutofen gestellt. Nach 14 Tagen waren 
alle Culturen noch klar und nach 25 Tagen zeigten einige eine leichte Trübung. Stucke 
von Papier oder Stoff, die vorher mit tuberculösem Sputum oder Milzbrandculturen infi- 
cirt worden waren, und an verschiedenen Stellen des Zimmers den Formoldämpfen ausge¬ 
setzt wurden, ergaben bei nachträglicher Untersuchung vollständig negative Resultate in 
Bezug auf überlebende Keime. Was den eventuell schädlichen Einfluss der Formoldämpfe 
auf Möbel, Stoffe und andere Gegenstände anbelangt, so konote Trillat nach einer acht¬ 
tägigen ununterbrochenen Einwirkung der Formoldämpfe nicht den geringsten Schaden 
beobachten. Allein die mit Fuchsin oder Safranin gefärbten Stoffe bekommen eine leichte 
bläuliche und die mit Azoderivaten gefärbten eine gelbliche Färbung. 

(Nouv. remödes No. 20. 1894.) 

— Nihrclystiere mH Leberthran nach Bevilliod. Ol. jecor. 600, Vitell. ovi No. 2, 
Aq. calcis 600. M. f. emuls. S. Nährclystier. Bei sehr empfindlicher Darmschleimhaut 
kann man der Emulsion 7°/oo Kochsalz zusetzen. Folgende Formel hat sich z. B. gut 
bewährt: Ol. jecor. 1000, Vitell. ovi No. 4, Natr. chlorat 7,0, Aq. 35,0 oder: Ol. jecor. 
600, Gummi tragac. 2,5,. Gummi arabic. 0,5, Calc. hypophosphoros 2,5, Aq. calc. q. b. 
ut. f. emulsio ad 1000,0. In dieser Emulsion kann das Ol. jecor. mit Vortheil durch 
Ol. amygdalar. dulc. ersetzt werden. 

Diese Nährclystiere sind womöglich Abends, nachdem der Patient Stuhlgang gehabt 
hat und bevor er zu Bette geht, zu appliciren. Anfänglich injicirt man 60—70 Gramm 
möglichst hoch in das Rectum, später kann man bis zu 100, 150 und 200 gr steigen. 
Gewöhnlich werden diese Clystiere gut ertragen, im gegentheiligen Falle setzt man den¬ 
selben etwas Opium hinzu. Das Clystier muss der Patient die ganze Nacht behalten, 
am andern Morgen ist der grösste Theil des Oels resorbirt. 

(Möd. mod. No. 3. 1895.) 


Corrlgeodim. Auf pag. 118 der letzten Nummer, Zeile 12 von unten ist in dem 
Referate über die Demonstration von Dr. SchlcUter zu lesen: „wegen einer die Pleura- 
und Abdominalhöhle perforirenden S t i c h Verletzung* (nicht „MilzVerletzung“). 


Briefkasten« 

Das Aerztealbum dankt für die Photographie von + Collega König , Lintthal und bittet 
um Einsendung der noch ausstehenden Bilder. 

Dr. G. in Basel: Herr Russenberger, Zürich, schreibt uns: In letzter Nummer dieser 
Blätter werden die Einnehmegläschen zum Theil als ungenau bezeichnet. Es bezieht sich dies aber 
wahrscheinlich nur auf die billige Sorte, bei welcher die Markirung gleich bei der Herstellung der 
Gläschen in der Form hervorgebracht wird und sich als erhabene Schrift und Zeichen präsentirt. 
Diese Sorte kann nicht genau sein, denn die äussere Form bleibt sich gleich, weil das Eisenmodell, 
in welchem die Gläschen geblasen werden, immer dasselbe ist, während je nach der Quantität des 
flüssigen Glases, welche dem Glasbläser an seinem Blasrohr hängen bleibt, Boden und Wandung des 
Gläschens verschieden dick ausfallen. Kauft man dagegen mit eingebrannter rother, weisser oder 
schwarzer Farbe eingetbeilte Gläschen, so wird eine unzulässige Ungenauigkeit kaum zu constatiren 
sein. Solche Gläschen sind natürlich etwas theurer, aber auch entsprechend mehr werth. Ich mei¬ 
nerseits mache die Käufer stets auf die Ungenauigkeit der mit Eintheilung geblasenen Gläschen 
aufmerksam, aber sie werden trotzdem gekauft. 

An verschiedene Abonnenten, Mitarbeiter etc.: Für allerlei # Rückstände und Unterlassungssünden 
bittet um Absolution die z. Z. ganz übermässig in Anspruch genommene Redaction. _ 

Schweighauserische Buchdruckerei. — B. Schwabe, Verlagsbuchhandlung in Basel. 

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Erscheint am 1. und 15. 
jedes Monats. 

Inserate 

35 Cts. die gesp. Petitzeile. 


für 

Schweizer Aerzte 

Herausgegeben von 


Preis des Jahrgangs 
Fr. 12. — für die Schweiz, 
Fr. 14.50 für das Ausland. 
• Alle Postbureaux nehmen 
Bestellungen entgegen. 


Dr. E. Haffler und Dr. A. Jaquet 

in Franenfeld. in Basel. 


jV! 6. XXV. Jahrg. 1895. 15. März. 

Iihalt: )) Orl g iosla rbeiten: Dr. B. Edler: Wandelungen in der Soolbadtherapie. — Dr. lexrdy: Pyopneumolborex 
aneien opdrd par le procddd de Belorme, — Dr. Th. Hitsig: Ueber einen Fall von Milzbrand beim Menschen. — S. Wekrli: 
Vergiftung mit Samen der Datara Stramoniam. — 2) Verei n « beri ch te: Ifediefnieeh-pharmacentiacher Bezirkeverein Bern. — 
Gee« liech »ft der Aerzte in Zürich. — 8) Referate and Kritiken: Paul de Terra: Repetitorium der Zahnheilkunde. — 
Prof. Dr. 0,Belferich: Lehmann"v medicin. Handatlanten.— Prof. Dr. Albert Eulenburg: Real-EncyclopAdle dergeeammten Heilkunde. 
— Proff. DDr. F. Penteoldl nnd R. Stintsing: Handbacb der npeciellea Therapie innerer Krankheiten. — Prof. Dr. Rudolf Robert: 
Compendinm der practiecben Toxicologie, — Prof. Dr. R. Robert: Arbeiten des pbarmacologiacben Institutes zu Dorpat. — 
Dr. Gustav Edlefsen: Lehrbuch der Diagnostik der Innern Krankheiten. — Dr. Johann Habart: Das Kieinoaliber and die Be~ 
handlang der Schusswunden im Felde. — Dr. J. Schwalbe: Jahrbuch der practischen Medicin. — Dr. Bum: Therapeutisches 
Lexikon für practisehe Aerzte. — Rosenheien: Pathologie und Therapie der Kraokbeiten des Verdanungsapparates. — Pollatschek: 
Die therapeutischen Leistungen des Jahres 1893. ->4)Cantonale CorrespondenzemDr. Karl Stettier f. — 5) Wochen¬ 
bericht: Heber den klinischen Werth der chemischen Analyse des Magensaftes. — Zur Aethemarcose. — Erfahrungen Ober 
die Kropfbehandlung mit SchjJddrfisenfttterung. — Behandlung des Erisypels. — Essig znr Unterdrückung des Erbrechens nach 
Chioroformnarcose.— Wirkung des Natrium bicarbonicum auf die Magenth&tigkeit. —Rk/{foso«rskt-JubiiAumsfeier. — 6) Ufilfs- 
kasse für Schweizer Aerzte. — 7) Bibliographisches. 


Original-Arbei ten. 

Wandelungen in der Soolbadtherapie. 

Von Dr. H. Keller, Rheinfelden. ') 

In den Lehrbüchern der Balneotherapie vom Ende des vorigen Jahrhunderts an 
bis in die letzten Jahrzehnte hinein fehlen Angaben über die Anwendungsweise der 
Soolbäder," im Speciellen was deren Salzgehalt anbetrifft. Erst Niebergall weist auf 
die Bedeutung der Concentration der Soolbäder hin. In Valentiner's Handbuch der 
allgemeinen und speciellen Balneotherapie (Berlin 1873), in welchem Niebergall (Arn¬ 
stadt) das Capitel über die kochsalzhaltigen Bäder bearbeitete, bat dieser Autor die 
in den 60iger Jahren herrschenden Ansichten über die zu verwendenden Concentrationen 
niedergelegt. Er sagt pag. 273 dieses Buches hierüber Folgendes: »Der allgemeinen 
Annahme gemäss verdient erst das aus wenigstens 2°/obaltiger Soole bereitete Bad 
den Namen eines Soolbades; ein Soolbad bis zu 3% gilt nach den gewöhnlichen Be¬ 
griffen und gangbaren Anschauungen nur für ein mittelstarkes, alle stärkeren Sool¬ 
bäder halten über 3°/o.‘ 

Im Verlaufe seiner Abhandlung weist er bereits auf die Bedeutung der ver¬ 
schieden hohen Concentrationen hin. Er sagt pag. 277: n Wenn ich 
es auch durchaus nicht für unwahrscheinlich halte, ja nach meinen eigenen Beobach¬ 
tungen sehr zu einer Affirmation neige, dass verschieden constituirte Soolbäder je nach 
ihren verschiedenen Bestandteilen, ob viel NaCl, CaC 1*, MgCls, Jod- und Brom- 

l ) Vortrag. gehalten an der Versammlung des Schwarzwaldbädertages in Badenweiler im 
Herbst 1894. 

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Verbindungen etc. in ihnen enthalten sind, auch eine verschiedene Wirkung entfalten* 
etc. Und im Hinweis auf die Untersuchungen von Beneke und den Ausspruch von 
Röhrig und Zunte : «Es ist ferner nicht zweifelhaft, dass wir diesen letzteren Umsatz 
— Umsatz der stickstofffreien Verbindungen — zu massigen oder zu steigern ver¬ 
mögen, je nachdem das Bad einen geringem oder starkem Salzgehalt 
hat*, schreibt Niebergall (pag. 277): „Hiemit ist zugleich gesagt, dass der Ef¬ 
fect des Soolbades von seiner Concentration abhängig ist; 
für die Bestimmung der letztem ist aber, wie nachher weiter auseinandergesetzt 
werden soll, scrupulOse Rücksicht zu nehmen, nicht nur auf die Reizbarkeit des Haut¬ 
organes, sondern ganz besonders auch auf den Stand der allgemeinen Erregbarkeit.* 
Aengstlich vor der Anwendung höherer Concentrationsgrade warnt er sehr vor 
diesen, vermuthlich aus rein theoretischen Gründen, indem er schreibt: „so ist doch 
darauf zu achten, dass nicht durch eine zu hohe Concentration der Reiz ein zu starker 
wird, damit einmal nicht Hauteruptionen, Furunkel und dergleichen kommen, wie man 
sie nicht selten beim Gebrauche sehr cdncentrirter Soolbäder sieht, und damit ferner 
nicht hochgesteigerte allgemeine Irritationen die Folgen sind. — Desshalb, je reizbarer 
die Individuen sind, desto weniger concentrirt vertragen -sie die Soolbäder.* 

Diese und ähnliche Anschauungen und Befürchtungen bei Anwendung höherer 
Concentrationsgrade als der üblichen 3—4°/# wiederholt Fromm (Norderney) in Braun's 
Balneotherapie. Er schreibt pag. 205: „Im Allgemeinen ist ein Gehalt von 2—3°/« 
als ein mittleres Mass zu bezeichnen, welches in den meisten Fällen die Wirkung 
trägt; ein Gehalt von 10°/o wirkt oft schon ätzend“; ferner pag. 212: „Ein Soolbad 
von mittlerer Stärke ist dasjenige, dessen Wasser 2—4% Chlorverbindungen enthält.* 
Flechsig gibt in seinem Handbuch der Balneotherapie (II. Auflage 1893) gar keine 
Angaben über die zu verwendenden Concentrationen der Soolbäder; ebenso andere Autoren. 

Inzwischen hat sich gleichwohl ein Wandel vollzogen und haben ganz andere 
Anschauungen Platz gegriffen, welche auch bereits mehrfach in Abhandlungen, experi¬ 
mentellen Arbeiten und Badeschriften niedergelegt sind. 

Bereits bei meinen Versuchen (Herbst 1889) über den Einfluss von 6% Sool- 
bädern auf den Stoffwechsel des gesunden Menschen habe ich den Eindruck gewonnen, 
dass diese Concentration, die an der obern Grenze der in Deutschland, Oesterreich und 
der Schweiz üblichen Verordnungsweise steht, unter normalen Verhältnissen weder auf¬ 
regend noch sonst irgendwie nachtheilig einwirkt. Nach Vergleich der Resultate der 
drei Versuche mit Süsswasserbädern, 3%» und 6% Soolbädern konnte ich ferner den 
Schluss ziehen, dass sowohl 3% als 6% Soolbäder von 35° C. und 30 Minuten Dauer 
einen ganz bestimmten und nach ihrer chemischen Beschaffenheit resp. Concen¬ 
tration verschiedenen Einfluss auf den Stoffwechsel des gesunden Menschen 
ausüben. 

Vereinzelte Versuche mit 6% Bädern an Kranken bestätigten die physiologischen 
Beobachtungen. 

Im Sommer 1890 liess Professor Albert Robin durch seinen Assistenten Oauly 
in Salies-de-Bdarn experimentelle Versuche über den Einfluss von 6%, 12% und 24°/» 
Soolbädern auf den Stoffwechsel des gesunden Menschen anstellen. Robin zieht aus den 
Ergebnissen dieser physiologischen Versuche folgende Schlüsse: Die Soolbadbehandlung 


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(6—24°/o) ist indicirt in denjenigen Krankbeitszuständen, wo 1) die Stickstoffumsetzung 
resp. Ausscheidung rermindert ist, 2) die Stickstoffoxydation vermindert ist, 3) wo es 
sich darum handelt, den Zerfall derjenigen Gewebe, welche reich an P oder an P und 
M sind, durch Schonung (action d’dpargne) aufzubalten, resp. zu vermindern. 

Er weist ferner auf die so verschiedenartige Wirkung der drei 
Concentrationen: 6°/o, 12% und 25% hin, welche, sagt er, jede in ihrer Art und 
in characteristischer Weise den Stoffwechsel beeinflussen. An Hand 
dieser Resultate stellt er dann für jede dieser drei Hauptconcentrationen die entsprechen¬ 
den Indicationen auf. 

Er weist zum Schluss darauf hin, dass die Klinik längst gezeigt habe, dass die 
Soolbäder verschieden ein wirken, je nach ihrem Salzgehalt, dass es aber der Chemie 
in den experimentellen physiologischen Stoffwechselversuchen Vorbehalten gewesen sei, 
die geradezu specifische Einwirkung der verschiedenen Concentrationsgrade, im Speciellen 
der 6, 12 und 25% Soolbäder, zu beweisen und dass durch sie sogar neue Indicatio¬ 
nen gefunden werden können. 

Nachdem ich auf einer Reise, welche ich im Frühjahr 1890 nach dem in den 
Westpyrenäen gelegenen französischen Soolbade Salies-de-Bdarn gemacht habe, die da¬ 
selbst üblichen Verwendungen von sehr starken Soolbädern (6—25% Kochsalzgehalt) 
kennen gelernt habe und sehen konnte, dass diese hohen Concentrationen, — welche 
seit mehr als 20 Jahren verwendet werden, — im Allgemeinen nicht nur ohne irgend 
welche schädliche Einwirkung vertragen werden, sondern dass damit oft unzweifelhaft 
günstige Effecte erzielt werden, die mit schwachen Bädern gar nicht zu erreichen sind, 
habe ich mit dieser Methode hier Anfangs vereinzelte Versuche an Patienten mit Bä¬ 
dern von 6—12% angestellt. 

Hierauf habe ich in einem experimentellen physiologischen 
Versuch ') mit 25% Soolbädern den Beweis geleistet, dass Bäder vou hohem Salz¬ 
gehalt gut vertragen und damit ganz bestimmte Einwirkungen auf den Stoffwechsel 
des gesunden Menschen erzielt werden. 

In der Klinik von Professor Albert Bobin in Paris machte ich sodann das erste 
Eiperiment*) über den Einfluss concentrirter Soolbäder auf den pathologischen 
Organismus und verfolgte im Besondern in einem Falle während 42 Tagen jeneStoff- 
wechselerscbeinungen, welche durch den Urin zu erkennen sind. 


Es handelte sich dabei um eine hochgradig chlorotische, an AmenorrhcB 
leidende Patientin, die schon seit einiger Zeit im Spital erfolglos behandelt wurde. 

Nach einer Vorperiode von zwölf Tagen, während welcher sich Patientin an 
das Regime gewöhnen konnte, erhielt dieselbe im Verlauf von 30 Tagen 14 Soolbäder 
von 7—13% Salzgehalt. Im Verlaufe dieser Behandlung kräftigte sich Patientin zu¬ 
sehend, die Oedeme verschwanden, das Körpergewicht stieg vorübergehend von 52 auf 
54 Kilogramm, um dann auf 52,5 stehen zu bleiben, und die Periode stellte sich bereits 
nach dem neunten Bade kräftig ein. 

Der Oxydationscoefficient des Stickstoffs nach Albert Robin 
wurde infolge der erheblichen Verminderung der stickstoffhaltigen Extractivstoffe bis 


*) Die Verwendung von Soolbädern mit hohem Salzgehalt (12—25 0 /o) und deren Eindnss auf 
den Stoffwechsel des gesunden Menschen. Berlin 1833. 

*) Du traitement de l’andmie (Chlorose) par les bains salins de hante mindralisation et de lenr 
influence snr la nntrition. Congres de Rome 1894. 


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164 


auf 14°/o, die Harnsäure bis auf 19 2°/o vermehrt. Der Gesammt- 
stickstoff war während der Badeperiode bis auf 21°/o vermindert, stieg dann aber 
rasch nach Ablauf derselben. Die an Erden gebundene Phosphorsäure war bis 
auf 51°/o vermindert, die an Alkalien gebundene dagegen bis. 25°/o vermehrt. Die 
Schwefelsäure (gesaromte) nahm bis zu 33°/o zu, die Chloride und die 
Harnmenge dagegen verminderten sich bis zu 40%. 

Die io diesem Versuche gewonnenen Resultate stimmen demnach in fast allen 
Punkten mit dem von Albert Robin aus seinen physiologischen Experimenten gezogenen 
Schlössen überein und bestätigen den von ihm aufgestellten Satz, dass die starken 
Soolbäder denjenigen Chlorotischen conveniren, bei welchen 
der Stickstoffoxydationscoefficient vermindert ist, d. h. bei 
solchen Patienten, welche in Folge mangelhafter Assimilation und verlangsamten Stoff¬ 
wechsels chlorotisch geworden sind. 

Mehr noch als diese experimentellen Untersuchungen haben die jahrzehntelangen 
klinischen Erfahrungen von Salies-de-Böarn und die neuern von Dax, Besanfon 
und Biarritz, wo nur Soolbäder von 6—24 resp. 30°/o genommen werden, ferner die 
langjährigen Beobachtungen in Salso maggiore in Italien, in den starksalzhaltigen 
Schlammbädern des Lacul Serrat in Rumänien oder Limanen des schwarzen Meeres 
den Beweis dafür geleistet, dass hohe Concentrationen (über 6%) von Kochsalz¬ 
lösungen als Bäder — auch als Abwaschungen, Umschläge, vaginale Injectionen 
— verwendet, weder die „Haut anätzen“ noch so gefährlich sind für das Allgemein¬ 
befinden, dass »hochgesteigerte allgemeine Irritationen“ die nothwendigen Folgen sein 
müssen. 

Meine eigenen Erfahrungen haben mir vielmehr gezeigt, dass die schwachem 
(3—8%) Bäder weit häufiger das Hautorgan reizen als die ganz starken (12—31%)! 
die auf die Haut geradezu einen zusammenziehenden, austrocknenden, gleichsam ger¬ 
benden Einfluss ausüben. Auch habe ich in mehr als 300 Fällen, wo ich Bäder über 
6% verordnete, nur ganz vereinzelt nervöse Aufregungszustände beobachten können, 
wie ich sie übrigens, wenn auch in etwas anderer Form, selbst nach ganz schwachen 
Bädern sehen konnte. Meist zeigten sich jene lieactionserscheinungen in Form von 
allgemeiner Depression und pflegten nach Sistiren der Bäder sehr bald zu ver¬ 
schwinden. 

Da es mich sehr interessirte zu erfahren, ob an andern deutschen und 
österreichischen Stationen auch schon Versuche mit starken Soolbädern 
gemacht worden und ob die damit gemachten Erfahrungen mit den meinigen überein¬ 
stimmen, entschloss ich mich, eine Umfrage an solchen Soolbadstationen zu halten, wo 
starke Soolen (6—31%) Vorkommen. 

Dr. Küre in Wolfach, ehemals Badearzt in Dürrheim, theilte mir mit, dass 
er 8. Z. in Dürrheim Bäder bis zu 15% verordnet habe und dass oft ohne seine Vor¬ 
schrift bis 20% gebadet wurde. Diese Erfahrungen legte er bereits in seinem Bericht 
über das Amdlie-Bad in Dürrheira im Jahre 1888 nieder und wiederholte sie in dem 
Buche: Der Schwarzwald und seine Kurorte, Baden-Baden 1891, wo er schreibt: .sehr 
starke Bäder sind indicirt bei chron. Muskel- und Gelenkrheumatismus, bei Gicht und 
Scrofulose ohne zerstörende oder schwächende Complicationen. Hier werden häufig 
deutliche Erfolge nur dann erzielt, wenn sehr hohe Concentrationsgrade (8—10 selbst 


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14 Grade) verwendet werden. Gleiche Beobachtungen tbeilten mir dessen Nachfolger 
in Dürrheim, Dr. Huber, und Dr. Geiger in Rappenau mit. Dr. Küre und Dr. Huber 
bestätigten mir auch den überaus günstigen Erfolg, den sie mit Douchen von reiner 
(27%) Soole erzielen, obsebon dieselben in Form von Brause oder Strahl von nur 
wenig mehr als 1 Meter Hübe auf den erkrankten Theil Anfangs nur wenige Secunden 
später bis zu 3 Minuten lang gegeben werden. 

Dr. Warschauer im Soolbad Inowrazlaw in Posen tbeilte mir Folgendes mit: 
.Wir besitzen in Inowrazlaw eine gesättigte Soole von über 30% (3 1 7, 887 Salze), mit 
der wir für g e w ö h n 1 i c h 6 —10% Bäder herstellen. In vielen Fällen, nament¬ 
lich bei veralteter Scrofulose, Gelenkrheumatismus etc. gehen wir zu noch stärkern 
Concentrationsgraden bis 15% Aber und setzen ausserdem dem fertigen Bade unsere 
Mutterlauge hinzu, welche namentlich viel Chlormagnesium enthält. Wo wir die Soole 
kalt verwenden, lassen wir nur sehr geringe Verdünnungen mit Wasser bersteilen und 
in einem bis vor Kurzem hier vorhanden gewesenen Badeschwimmbassin dem sog. 
Soolquellenbad haben Kinder und Erwachsene während der Sommermonate m i t 
grossem Behagen in durchaus unverdünnter fliessender Soole 
gebadet.* 

Mit diesen Erfahrungen stimmen meine Beobachtungen vollkommen überein; denn 
ich habe 165 Soolbäder und 463 Sooledouchen von reiner unver¬ 
dünnter, also gesättigter Soole nehmen sehen, ohne dass nennenswerthe 
Störungen des Allgemeinbefindens oder localer Natur, ausgenommen in wenigen 
Fällen, wo meist bald vorübergehende Aufregung zu constatiren war, zu sehen 
gewesen wären. In einzelnen Fällen — darunter ein 6 Jahre altes Mädchen, das 
ich 3 Sommer nacheinander wegen einer abgelaufenen Knochenaffection behandelte 
— habe ich nacheinander bis 18 reine unverdünnte warme Soolbäder Vormittags 
und in einigen Fällen daneben noch Nachmittags warme allgemeine Sooledouchen 
nehmen sehen, ohne eine andere Beeinflussung als leichtes Mfidigkeitsgefühl constatiren 
zu können. 

Dr. Graf in Frankenhausen (26% Soole) schreibt: .Lange Jahre ist hier mit 
8% gebadet worden. Seit mehreren Jahren sind wir jedoch auf 6% zurückgegangen. 
Einerseits wurden die Fälle, wegen derer wir die grössere Stärke für nothwendig 
hielten — Uterusfibroide — seltener, anderseits waren doch öfters bei Badegästen, 
welche ohne ärztlichen Rath badeten, durch die starke Soole Reizzustände eingetreten, 
so dass es für zweckmässig erachtet wurde, mit der Stärke der Soole berabzugehen. 
Werden höhere Procentsätze in einzelnen Fällen für nöthig erachtet, so werden sie 
durch Zusatz von Mutterlauge erreicht/ 

In Arnstadt, Hall im Tyrol, Ischl, Aussee, Reichenhall wurden bis jetzt noch 


keine starken Bäder gegeben. Von andern Orten habe ich keine persönlichen Nach¬ 


richten. 


Aus diesen Mittheilungen ersieht man demnach, dass auch in Deutschland Sool¬ 
bäder verordnet werden, die weit über das in den Lehrbüchern der Balneotherapie an¬ 
gegebene Mass von 3—4% binausgeben. Die gemachten Erfahrungen sind dazu an- 
gethan, uns aufzumuntern, in der beschrittenen Bahn weiterzufahren — natürlich 
mit möglichst grösster Vorsicht bei Auswahl der Fälle — 


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wenn schon eine letztes Jahr von Köstlin 1 ) in Halle veröffentlichte experimentelle 
physiologische Arbeit anf die Nutzlosigkeit starker Bäder hinweist. 

Der Autor kommt, ohne in irgend welcher Weise auf allfällige Gefahren hoher 
Concentrationen hinzuweisen, zu folgenden, gewiss jedem in dieser Materie erfahrenen 
Practiker ganz unerwarteten Schlüssen die Soolbäder betreffend: 

2) 4% Bäder von Stassfurter Badesalz, welches 10,5% NaCl, 24,1% KaCI, 
38,3% NlgCU und 16,6% Mg SO« enthält, setzen die Stickstoffausscheidung um 1 
bis iy» gr herab. 

3) 20% Bäder von Stassfurtersalz wirken ebenso wie 4%. 

4) Eochsalzbäder, sowohl 4% als auch 20%, sind ohne Einwirkung auf den 
Stoffwechsel. 

Bereits ist von C. Wegele s ) eine Antwort auf diese paradox klingenden Sätze, 
welche alle und jegliche Soolbadwirkung in Frage stellen, in verneinendem und zurück* 
weisendem Sinne erfolgt. Auch in seinem Buche: „Die Wirkungsweise derSool- und 
Seebäder etc.“ 8 ) widerlegt der auf diesem Gebiete erfahrene Verfasser diese Ansichten 
hinreichend, so dass es unnöthig wäre, nochmals darauf einzugehen. 

Meine oben erwähnten Angaben über eigene Erfahrung mit starken und concen- 
trirten Soolbädern zusammenfassend, habe ich seit 1890 in mehr als 300 Fällen Bäder 
über 6% gegeben, darunter in 33 Fällen warme Vollbäder und in 42 Fällen kalte, 
warme und schottische Douchen 4 ) von reiner unverdünnter Soole, und ich hatte allen 
Grund mit den Erfolgen der neuen Curmetbode im Allgemeinen zufrieden zu sein. 

Seit Jahren habe ich ferner Compressen und Abwaschungen mit 
unverdünnter Soole mit grossem Nutzen nehmen lassen — selbst bei Ekzemen 
auf scrofulöser Basis und bei grosser Ausbreitung derselben — und in einigen Fällen 
habe ich nach dem Vorgänge von Salies-de-Bdarn vaginale Injectionen mit 
Soolemischungen bis zu 2 5% Salzgehalt mit gutem Erfolge angewandt, ohne 
irgend welche Reizerscheinungen zu sehen. Dabei fiel mir die austrocknende Wirkung 
dieser Irrigationen auf; ein abschliessendes Urtheil kann ich noch nicht geben. 

Ich komme zu folgenden Schlusssätzen: 

Gegenüber den zahllosen günstigen Erfahrungen mit Soolbädern von 
hohem Salzgehalt (6—31%) können weder die theoretischen, rein speculativen 
Deductionen in verneinendem Sinne, noch die an den meisten Soolbadstationen herr¬ 
schenden Ansichten, die auf Jahrzehnte alten stets gleichbleibenden Verordnungsformeln 
von ausschliesslich ganz schwachen Bädern (*/*—3%) fussen, nicht mehr Stand halten. 

Auch in der S o o 1 b a d t h e r a p i e kann und muss es Fort- 
s'ch ritte geben. Freilich ist noch Vieles abzuklären; die Indicationen für 
schwache und starke Bäder sind noch nicht hinreichend festgestellt, theilweise noch 

*) Köstlin, Ueber den Einfluss von Salzbädern auf die Stickstoifausscheidung des Menschen. 
(Ans der medicin. Poliklinik in Halle.) 

*) C. Wegele , Ueber die Wirkungsweise der Soolbäder in Rücksicht auf deren Chlorkalium¬ 
gehalt, Allg. medizin. Centralzeitung, Nr. 19, 1894. 

•) C. Wegele , Die Wirkungsweise der Sool- und Seebäder, ihre Indicationen und Anwendungs- 
weise, Leipzig 1894. 

4 ) Die Abgabe von reinen Soolbädern und Sooledouchen, die einen Druck von 12 Meter haben, 
machte ganz specielle Einrichtungen nöthig, welche bis jetzt erst im Salinenhötel (Rheinfelden) ge¬ 
troffen worden sind. 


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experimesteüi ganz unbekannt.' Sicher ist, dass neben den schwachen Soolbädern, 
die ich selber bis jetzt in der grossen Mehrzahl der Fälle verwendet habe, auch die 
Je&hreo Mt hohen Concentrationen (6—31 %) eine Existenzberechtigung sich erworben 
m erfiiuw haben. Desshalb darf auch weniger wie je Routine und Schablone dem behandelnden 
Curarzte den Weg weisen- und immer mehr und mehr wird eine streng i n d i v i - 
24,I # oM dualisirende Behandlungsmethode auch in derSoolbadtherapie 
eiduog ibJ allein im Stande seio, einen möglichst grossen Nutzeffect zu garantiren. 


Pyopneumothorax ancien opärö par le procädä de Deforme. 

Par le Dr. Lardy, Chirurgien de l’HÖpital Franfais de Constantinople. 

En 1893 ä la sdance du 3 avril du congres franfais de Chirurgie, Mr. Delorme 

(de Paris) ddcrivait un nouveau procddd de volet thoracique destind ä permettre une 

trSod- ai meilleure exploration de la cavitd pleurale tout en dvitant de sacrifier des cötes par 

> Ansicila une large rdsection osseuse. Mr. Delorme incise verticalement la peau et les parties 

molles de la 3 n<> ä la 6"* cöte un peu en dedans de la ligne mammaire et forme un 

öd mc» lambeau k base postdro-supdrieure par deux incisions l’une parallele ä la 3°* l’autre 
Hen ßidtr k la 6 m ' cöte. Les parties molles dissdqudes au ras des cötes et le lambeau rabattu 

len hlic. en arriere, on sectionne los cötes et Pespace intercostal ä la limite antdrieure de la 

atte ilh plaie, en arriere les cötes sont sectionndes (ou rdsdqudes dans une faible dtendue) avec 

sein. Conservation des espaces intercostaux. Cela fait, on libere le volet en haut et en bas 

;e« d au ras des bords supdrieurs des cötes correspondantes, puis on le fait basculer en 

Sbna dehors. L’intdrieur de la cavitd thoracique se trouve ainsi largement ddcouvert. 1 ) 
o pilla tJn procddd analogue a dtd proposd dgalement par Mr. Michaux (de Paris) mais 

it g. Jä n’est pas le point qui nous intdresse. 

t, on* Dans la sdance de l’Acaddmie de Mddecine du 23 Janvier 1894,*) Mr. Delorme 

firhiä communique une nouvelle mdthode de traitement de Pempyöme chronique, par le pro* 
cddd du volet thoracique et qui consiste aprds l’ouverture de ce volet ä faire l’ablation 
de la fausse membrane qui encapsule le poumon et le fixe dans la gouttiöre vertdbrale. 
f u Dans le cas opdrd par Mr. Delorme , la plövre paridtale et le poumon dtaient 

jtifs recouverts d’une membrane fibrolde dpaisse de l 1 /* Cent, et tapissde de fongositds. 

Iterr- Apres avoir mis k nu cette membrane, l’avoir curde et frottde au moyen de 

% ii compresses, Mr. Delorme Pincisa sur le poumon, I’dbarba coucbe par coucbe avec des 

iltit ciseaux, puis l’dcartant de quelques coups de sonde cannelde bientöt remplacde par 

fl- l’index il ddgagea la fausse membrane. Le poumon apparut sain et une fois ddgagd 
fr de sä coque il se ddplissa brusquement et sous l’influence de trds ldgdres quintes de 

ji toux, il se gonfla et vint faire hernie en dehors de la paroi thoracique. 

Le volet fut refermd et un gros drain passd par la fistule dbarbde de l’empyeme. 

Le 4"* jour le malade se portait k merveilld. 

Je dois avouer que lisant cela au lendemain d’une large tboracoplastie pour 
empydme chronique, je ne pus m’empöcher de sourire, quoique bien ddcidd k tenter 
cette opdration au premier cas qui se prdsenterait. L’occasion se fit attendre jusqu’au 

*) Voir Reva« de Chirorgie 1893, pag. 399. 

*) Semaine Medicoie 1894, Nr. 5. 


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mois d’octobre 1894 et je dois avouer que le rösultat trompa mon *attente consid^- 
rablement en bien. 

Gabriel P., armenien, 30 ans, m’est adresse par le Dr. Nazaretian de Macrikeny 
prös Constantinople le 6 Octobre 1894. 

Huit mois auparavant k la suite d’une attaque d’influenza formation d’un empyeme 
droit ayec Perforation dans le poumon. vomique intarissable et six semaines apres thora- 
cotomie entre la 8*°* et la 9 me cöte, drainage. Trois mois apres, la secretion devenue 
nulle, on laisse fermer la fistule et le malade qui etait alors k Smyrne rentre ä Constan¬ 
tinople toujours porteur d’un pneumothorax, toussant et crachant fort peu mais incapable 
de tout travail. 

Son 6tat restant absolument stationnaire le malade se decide k nne nouvelle Ope¬ 
ration. Le 6 octobre nous constatons sur un individu de forte Constitution mais amaigri 
et anemiö, un pneumothorax du cöte droit avec souffle amphorique et forts gargouille- 
ments k la base en arriöre a la hauteur du 8 m * espace interoostal. Dans le 9 mÄ espace 
intercostal en dehors du bruit de souffie, une cicatrice. Le coeur parait quelque peu 
devie k gauche. 

Le poumon gauche donne tous les signes d’un emphysöme marque avec legere 
bronchite. 

Operation en narcose au chloroforme le 8 octobre. Incision courbe allant de la 8“ d 
cöte k droite en arriere jusqu’au mamelon et resection de cette cöte sur 15 cent. de 
longueur environ, la 7 me de 10 cent. la 6 me , 5“ e et 4 me de 6 k 8 cent. Cela fait sec- 
tion des espaces intercostaux entre deux ligatures et ouverture large de la cavitö pleurale. 
Le poumon est entiörement retracte dans la gouttiöre vertöbrale. Vers l’angle posterieur 
de notre incision se trouve une large fistule pulmonaire que nous avivons et que nous 
debarrassons des fongosites qui l’entourent. Pas une goutte de liquide dans la cavite 
pleurale qui est seulement humide. 

Nous incisons alors longitudinalement avec beaucoup de precautions la fausse mem- 
brane qui recouyre le poumon et le fixe dans sa gouttiere et arrivons sans peine sur la 
surface pulmonaire qui parait saine. La membrane a environ 3 mm d’epaisseur et est 
fort rösistante. 

A peine notre incision est-elle faite que nous voyons ses levres s’öcarter et en 
moins de 3 k 4 minutes eile atteint environ 10 cent. de large, le poumon se degage 
k vue d’oeil au point que nous devons quelque peu nous h4ter pour pouvoir resequer 
quelques parties de cette membrane. En moins de 10 minutes les */# 4e la cavitö pleu¬ 
rale etaient remplis par le poumon deplisse. Notre malade commen^ant k donner des 
signes de faiblesse cardiaque et la narcose etant mal supportee nous ne pümes entiere- 
ment debarrasser le poumon de ses fausses membranes ce qui retarda quelque peu la 
guöri8on. 

Suture de la plaie avec drainage et legöre tamponnade en arriöre et en bas. Pan¬ 
sement sterilisö. Le malade est trös oppresse le soir. Injections de cafeine. Le 9 octobre 
le malade est mieux. Passablement de sang dans le pansement et dans la cavite pleurale. 
Le poumon presse sensiblement Je doigt contre la paroi thoracique k chaque expiration. 
E^les humides sur tout le poumon droit qui respire nettement. La fistule pulmonaire ne 
souffle plus que faiblement. 38,8 le soir. Le poumon gauche est un peu congestionne. 
Pansement aseptique. 

Le 10. 37,5 le matin, 37,2 le soir. Le malade se sent bien. Lögöre irrigation 

de la cavitö pleurale avec une solution salöe 7°/oo sterilisee. Pansement aseptique. 

Le 11. 37,2. 36,8. Tres peu de secrötion. 

Le 12 pas de pansement 37,4. 37,3. 

Le 13. Le malade est bien. 36,9. 37,4. Peu de secrötion. Le poumon ne se 
dilate plus que trös lentement, il est cependant accole k la plövre parietale en avant sur 
une forte etendue. 


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15 octobre. ‘ 36,4. 36,9. La fistole pulmonaire est fermee et le poumon continue 
& s’accoler 1 entement en avant et en haut 4 la paroi thoracique. 

Le 17. 38,2 le soir, puis plus de temperature anormale, l’appetit revient et les 

forces avee lui, 4 partir du 20 le malade commence 4 se lever et il quitte l’höpital le 
31 en bonne voie de guerison le poumon presque entierement revenu dans ses limites 
normales. 

Le 15 decembre le Dr. Naeareticm nous a dit que la plaie etait fermee et que le 
malade se portait fort bien n’ayant plus trace de pneumothorax mais souffirant encore de 
son emphys4me. 

N’ayant pas trouvä dans la littärature mädicale 4 ma portde, d’antres observations 
que celle de Deforme et ayant pu constater qne son procddö ätait un rdel et heureux 
perfectionnement apportd au traitement du pyopneumothorax, je me permet d’engager 
mes honorables confreres 4 tenter cette mdtbode, persuadd que ce proc^dd deviendra le 
proc&lä de cboix pour le traitement de cette affection et remplacera avantageusement 
la thoracoplastie qui tendait 4 combler la cavitd en supprimant le poumon alors que 
la m&hode de Deforme permet de lui rendre toute sa vitalitd. 

Si dans ce cas j’ai encore sacrifid nu certain nombre de cötes c’est qne, peu 
k\m6 encore sur le rdsultat 4 attendre de l’incision ou de l’excision des fausses mem- 
branes recouvrant le poumon, je voulais par une meine Operation rdunir les deux 
procddäs. 

L’examen microscopique des fragments excisds de la membrane n’a montrd que 
du tissu conjonctif de Deformation avec une couche superficielle de granulations. 
L’examen des cracbats n’a pas i6v616 la präsence de bacilles tuberculeux. 


Aus der medicinischen Klinik in Zürich. 


Ueber einen Fall von Milzbrand beim Menschen. 

Von Dr. Tb. Hitzig, Assistenzarzt. 

Anfangs November 1894 kam aaf der Zürcher medicinischen Klinik ein Fall von 
k Milzbrand zur Beobachtung, der sowohl in Beziehung auf den klinischen Verlauf als 

# auch auf den anatomischen und bacteriologischen Befund mancherlei Interessantes dar- 

■ bot; die Untersuchung und Publication desselben wurde mir von Hrn. Prof. Eichhorst 

* götigst überlassen. 

Es handelte sich um einen 34jährigen Schlächter, der am 26. October eine an 
sicher constatirtem Milzbrand verendete Kuh ausgehäutet und zorstückt hatte. Weder 
vor noch nach dieser Verrichtung hatte er an Armen und Händen irgendwelche Ver¬ 
letzung constatirt. Nach 7 Tagen vollständigen Wohlbefindens erkrankte er plötzlich 
mit Schüttelfrost, hohem Fieber und Delirien, Anfangs ohne locale Symptome. Am dritten 
Krankheitstage wurden vom Arzte am linken Vorderarm mehrere Pusteln mit schwarzem 
Centrom und rothem Hof bemerkt, um welche herum eine Anzahl kleiner wasserheller 
Bläschen standen. Beinahe gleichzeitig schwoll der Arm stark an und ebenso die links¬ 
seitigen Achseldrüsen; auch auf dem Rücken der rechten Hand bildete sich eine ähnliche 
Pustel, doch kam es nur zu leichter Schwellung des rechten Vorderarmes. Am vierten 
Krankheitstage erfolgte die Aufnahme in die Klinik. 

Der Patient fieberte hoch, war aber bei völlig klarem Sensorium und hatte keine 
subjectiven Beschwerden ausser einem Gefühl von Schwere und Spannung im linken Arm 
und der linken Schulter, weniger auch im rechten Arm. Auf dem Rücken des linken 


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Vorderarmes standen 5 Pusteln in ziemlicher Entfernung von einander, von 1 Centime- 
bis 1 Fr.-Stückgrösse. Dieselben zeigten einen schwarzrothen, etwas zerklüfteten und an 
den Rändern stellenweise abgehobenen Schorf als Centrum und einen rothen, wallartigen 
etwas unregelmässig begrenzten Hof. Unter dem Schorf hervor trat in minimaler Menge 
eine klare, farblose Flüssigkeit. Ebenso verhielt sich eine einzelne auf dem rechten 
Handrücken stehende Pustel. Der ganze linke Arm war stark gerothet und geschwellt, 
ohne deutliche lymphangitische Streifung; die linksseitigen Achseldrüsen waren zu einem 
faustgrossen Paquet angeschwollen. Rechts bestand geringe Schwellung und Röthung des 
Vorderarmes. 

Es wurde ferner eine leichte Milzvergrösserung nachgewiesen, sonst an den innern 
Organen nichts Abnormes, Harn normal, keine Leibschmerzen oder Durchfalle. 

Von der am Schorfe austretenden Pustelflüssigkeit wurden Deckglaspräparate und 
Agarculturen angelegt, ferner wurden auf sterilem Wege mit Schröpfkropf aus der Milz¬ 
gegend ca. 10 ccm Blut entnommen und mit Bouillon gemischt zu Thierimpfungen ver¬ 
wendet. 

Sowohl in den Deckglaspräparaten als durch die Cultur wurden noben Staphylo- 
coccen (aureus und albus) Milzbrandbacillen in geringer Anzahl nachgewiesen. Eine mit 
dem Blut geimpfte Maus blieb dagegen gesund. 

In der Nacht schlief Patient ruhig. Am nächsten Morgen Temperatur 40,1 heftige 
Kopfschmerzen, aber freies Sensorium. Dann trat ganz rapide eine zunehmende Trübung 
des Sensoriums ein, nach zwei Stunden bereits tiefes Coma und Nackenstarre. Der Harn 
zeigte einen intensiven Acetongeruch, und es wurde von Dr. von Moraczetoski im chemi¬ 
schen Laboratorium der Klinik eine Vermehrung des Acetongehaltes um das 40fache 
des normalen durch Wägung nachgewiesen. Zucker enthielt der Harn nicht. Im Laufe 
des Nachmittags trat einmal Erbrechen auf, es stellten sich dann sehr heftige Anfälle 
von allgemeinen clonischen Zuckungen ein, Patient zerbiss sich die Zunge; dann trat 
Trismus auf, stertoröse Athmung, schliesslich Cheyne-Stokes *sches Athmen und gegen 
Morgen des sechsten Krankheitstages Tod im Collaps. 

Therapeutisch waren Sublimatnmschläge, Alcobol und Campher innerlich, eine Infu¬ 
sion von 1 J /2 Liter steriler Kochsalzlösung subcutan in Anwendung gekommen. 

Die von Herrn Prof. Bibbert drei Stunden nach dem Tode vorgenommene Section 
ergab folgendes, kurz zusammengefasst: 

Pia des Rückenmarks und Gehirns stark injicirt, etwas sulzig, über den hintern 
Hirnpartien stark Ödematös. An den Gefässen zahlreiche kleine Ekchymosen. In den 
Seitenventrikeln wenig klare Flüssigkeit. In der linken Grosshirnhälfte eine erbsengrosse, 
scharf begrenzte, mit Blut gefüllte Höhle, in den Centralganglien Gruppen kleiner Ekchy¬ 
mosen. Am hintern Umfang der linken Kleinhirnhälfte ein etwa kirschgrosser Herd hämor¬ 
rhagisch durchsetzten Hirngewebes. 

Am Herzen fand sich nichts Abnormes, die Lungen zeigten an der Basis eine 

kleine Anzahl Ekchymosen. Milz erheblich vergrössert. 16/9/4 von weicher Consi- 

stenz. Nieren normal. Im Magen in der Nähe der Cardia eine linsengrosse, hämor¬ 

rhagisch defecte, etwas prominente Stelle, eine ebensolche in der Nähe des Pylorus, 
eine bohnengrosse hinter dem Pylorus. Aehnliche prominente Herde, theils von braun- 
rother Farbe, theils mit necrotisch gelber Oberfläche auch im Jejunum, Ileum, Ccecum 
und Colon. 

Mesenterialdrüsen zum Tbeil geschwellt, auf Durchschnitten hämorrhagisch, der 

grösste Theil unverändert. Lymphdrüssen der linken Achselhöhle zu einem grossen 
Paquet zusammengeschmolzen, hämorrhagisch. 

Es wurden sofort kleine Mengen von Cerebrospinalflüssigkeit und Herzblut auf 
sterilem Wege mit Pasteur 1 sehen Pipetten entnommen und zu Herstellung von Deckglas¬ 
präparaten und Culturen, theils auch zu Thierimpfungen verwendet, ferner wurden von 
der Milzpulpa Gelatineplatten angelegt. 


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Im Blute konnten weder direct noch durch Cultur Milzbrandbacillen nach¬ 
gewiesen werden; ein mit einer Blut-Bouiiloncultur geimpftes Meerschweinchen blieb ge¬ 
sund. 

Aus der Milz wuchsen auf Gelatine spärliche aber vollkommen typische Milz- 
brandcolonien. Die mit der Cerebrospinalflüssigkeit beschickten Deckgläser 
zeigten Milzbrandbacillen in grosser Anzahl (bei Gmw’scher Färbung), die entsprechenden 
Agarröhrchen eine reichliche Entwicklung von Milzbrandbacillen in Reincultur. 

Es wurden ferner auf Schnitten untersucht: Hirnrinde (die hämorrhagische 
Stelle im Kleinhirn), Herz, Lunge, Leber, Nieren, Darmcarbunkel, 
Hautcarbunkel, Lymphdrüsen. 

In den nach Günther-Gram gefärbten Schnitten fanden sich ausser der Lunge und 
den Lymphdrüsen die MilzbrandbaciJlen in allen Organen, allerdings in ungemein wechseln¬ 
der Anzahl. 

Weitaus am zahlreichsten waren sie im Gehirn vorhanden. 
Der Subarachnoidealraum fand sich mehr oder weniger dicht gefüllt mit Milzbrandbacillen, 
die hier in einem Leucocytenreichen Exsudat frei lagen. Dann sah man um die Gefasse 
der Pia herum reichliche Anhäufungen von Leucocyten, zwischen denen die Bacillen in 
colossaler Menge hervortraten. Die Bacillen folgten ferner in dichten Zügen den Gefässen, 
die von der Pia in die Hirnrinde eintreten; nirgends sah man die Bacillen 
im Lumen der Gefässe selbst liegen, sondern immer dicht um die Wand 
derselben herum, offenbar in den Lymphscheiden. Stellenweise fanden sich um die Ge¬ 
lasse der Pia Blutungen; zwischen den rothen Blutkörperchen selbst sah man keine 
Bacillen, dagegen lagen dieselben sehr zahlreich unter den die eigentliche Blutung um¬ 
gebenden Leucocyten. Bei diffuser Färbung mit Methylenblau ergaben sich die nämlichen 
Resultate.*) 

Herz. Auf dem Endocard fanden sich spärliche Milzbrandbacillen, frei unter den 
demselben anhaftenden rothen Blutkörperchen liegend. 

In der Leber waren die Bacillen sehr spärlich vorhanden; sie lagen hier aus¬ 
schliesslich in den Bindegewebsinterstitien, in der Nähe der Gefässe zwischen nicht sehr 
zahlreichen Lqucocyten, theilweise in dieselben eingeschlossen. In den Leberläppchen 
selbst fanden sie sich nicht. 

In der Niere traf man vereinzelte Bacillen frei zwischen den rothen Blut¬ 
körperchen der Gefasse. Ira eigentlichen Nierengewebe selbst wurden sie vermisst. 

Im Dünndarmcarbunkel fanden sich die Bacillen in ziemlicher Anzahl 
einmal in einer necrotischen Zone, die die geschwürig zerstörte Mucosa von der Submu- 
cosa trennte. Ferner sah man in der Submucosa selbst Blutungen und Leucocytenhaufen; 
in einigen der letzteren lagen in die Rundzellen eingeschlossen und so zu Häufchen grup- 
pirt ziemlich zahlreiche M.-Bacillen. 

In einem Carbunkel der äussern Haut sah man sehr spärliche 
M.-Bacillen neben Staphylococcen frei in der oberflächlichsten Schicht des Geschwüres 
liegen. In der Tiefe, wo Blutaustritte, Leucocytenanhäufungen und ödematöse Durch¬ 
tränkung sich zeigten, fehlten die Bacillen. Staphylococcen wurden in den innern Organen 
nirgends nachgewiesen. 

Es ist nun auffallend, wie sehr in diesem Falle gerade das Centralnervensystern 
betroffen ist, sowohl in Bezug auf den Krankbeitsverlauf, als auf den Bacillenbefund, 
und es muss wohl angenommen werden, dass die Milzbrandbacillen, nachdem sie ein¬ 
mal, wahrscheinlich mit dem Blutstrom, in die Gefässe des Gehirns und von da in 
die Lymphräume desselben gelangt waren, hier einen besonders günstigen Nährboden 


*) Goldschmidt (Münchener ined. Wochenschr. Nr. XL 39, 1893) fand nur bei dieser Färbung 
die Bacillen auch extravasculär, bei Gram-Weigert' scher Färbung dieselben bloss in den tiefasseu 
des Hirnes. 


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für ihre Entwicklung fanden. Diese Bevorzugung des Centralnervensystems seitens 

der Milzbrandbacillen ist uns durch das Thierexperiment schon seit einigen Jahren 
bekannt. Mariinotti und Tedescki') fanden nämlich, dass Thiere, die für Milzbrand wenig 
empfänglich waren, dann empfänglich wurden und starben, wenn man ihnen die Cal* 
turen direct in das Centralnervensystem inoculirte. Ebenso erweisen sich Tbiere, die 
sonst schon für Milzbrand empfänglich waren, bei dieser Art der Impfung um so 
weniger widerstandsfähig. Die genannten Autoren sprechen auf Grund dieser Erfah¬ 
rungen die Ansicht aus, dass „die Milzbrandbacillen in der Cerebrospinalflüssigkeit der 
für gewöhnlich widerstandsfähigen Tbiere einen günstigen und bei den empfänglichen 
Thieren einen ausserordentlich günstigen Boden für ihre Vermehrung finden. Dnrch 
ihre stürmische Vermehrung veranlassen sie in den Nervencentren die Entstehung und 
Anhäufung von Substaazen, welche als Gifte auf die wichtigsten Organe wirken und 
so die Entwicklung der allgemeinen Infection möglich machen nnd beschleunigen.* 
Unser Fall scheint dafür zu sprechen, dass auch beim Menschen ähnliche Ver¬ 
hältnisse bestehen. Worin allerdings dieses Verhalten des Centralnervensystems, resp. 
der Cerebrospinalflüssigkeit seinen Grund hat, darüber wissen wir zur Zeit noch nichts 
Sicheres. 


Vergiftung mit Samen der Datura Stramonium. 

Von E. Wehrli, cand. med. aus Frauenfeld. 

Während meiner Vertretung des Bezirksarztes IV der Basler allgemeinen Poli¬ 
klinik unter Herrn Prof. Dr, Massini ereigneten sich folgende Fälle von Stechapfel- 
Vergiftung: 

Martha H., 6 Jahre, Reinacherstrasse Basel, erkrankte Sonntag den 21. October 
ohne eruirbare Antecedentien in eigentümlicher Weise, nachdem sie, wie dite Geschwister 
aussagten, kurze Zeit vorher noch munter gespielt hatte. Etwa um 7 Uhr Abends fiel 
der Mutter das ungewohnt scheue Wesen, Unsicherheit im Gehen und in den Bewegungen, 
Muskelzuckungen, die hervorquellenden Augen, das blaurothe Gesicht und Sprechen von 
ungereimten Dingen des Kindes auf, das über starken Durst und Brennen im Halse 
klagte. Im Glauben, dass dasselbe irgendwo Spirituosen erhalten habe, schickte sie es, 
den genannten Symptomen keine weitere Beachtung schenkend, ins Bett, wo es sich bis 
10 Uhr ruhig verhalten haben soll. Dann griff es das neben ihm liegende Schwester¬ 
chen thätlich an, riss es an den Haaren und begann nun zu toben, das Bettzeug zu 
zerreissen, aus dem Bett zu springen. Hiebei liess es mit Zeichen von Schmerz zuweilen 
Harn unter sich. So fand ich Pat. bei seiner Ankunft 10 Uhr Morgens den 22. Oct., 
zu welcher Zeit sich folgender Status darbot: 

Kind in heftiger motorischer Unruhe mit schwerer Bewusstseinsstörung; hat lebhafte 
Illusionen und Hallucinationen des Gesichts, Gehörs und Geschmacks heiterer Art, spricht, 
lacht, singt unaufhörlich in wirrem Durcheinander. Es hascht nach bunten Schmetter¬ 
lingen, pflückt schöne Blumen, hört liebkosende Stimmen, isst süsse Dinge. Bemerkens- 
werth ist die auch zur Diagnose verwerthbare, stets wiederkehrende Bewegung des Her¬ 
ausklaubens (von Samen) aus der geschlossenen linken Hand mit der rechten und das 
zum Munde Führen derselben unter mimischen Aeusserungen des Wohlgeschmacks. 
Pupillen maximal erweitert, reactionslos; Conjunctiva palpebrar. gerothet, trocken; leichter 
Exophthalmus, Augen rollend; Schleimhaut des Mundes und Rachens gerothet, wenig 

») Centralblatt für Bakteriologie X. Nr. 17. 1891. 


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feucht. Puls ziemlich klein, regelmässig, 130. Temperatur 37,2. Athmung 38. (Auf 
die Augenspiegeluntersuchung musste wegen zu heftiger Jactation verzichtet werden.) 

Der ganze Symptomencomplex deutete auf eine Vergiftung mit einem Repräsen¬ 
tanten der Atropingruppe; aber die Anamnese lieferte trotz des besammelten Familien- 
rathes keinen Aufschluss über das Zustandekommen der Intoxication. Es ergab sich je¬ 
doch, dass im Nebenhause ein zweites Mädchen unter gleichen Erscheinungen gleichzeitig 
erkrankt war. Sofort hingeeilt fand ich: 

Lina J., 14 Jahre, in demselben Zustande wie das andere Mädchen, nur dass Hai- 
lucinationen und Illusionen einen deutlichen Anstrich des Erotischen zeigten. Puls nur 88, 
voll, hart. Temperatur 36,9. Patientin gibt bisweilen, energisch angerufen, klare Ant¬ 
worten, wodurch es möglich wird, aus ihr durch Kreuz- und Querfragen herauszubringen, 
dass sie den Inhalt zweier grüner mit Stacheln besetzter „Nüsse“ (Daturafrüchte) zu sich 
genommen habe. Wie sich später herausstellte, genoss Martha H. Samen und Frucht¬ 
fleisch, da$ süsslich schmecken soll, von drei ganzen Früchten, die von Sträuchern her¬ 
stammten, welche auf einem Schutthaufen in der Nähe wild wuchsen. Dies geschah etwa 
um 5 Uhr des 21. October. 


feto fr Therapie. Da 17 Stunden seit Genuss der Samen verflossen, wurde keine 

Magenausspühlung vorgenommen. Martha H. erhält Morph, mur. 0,004 subcutan und, da 
keine Wirkung, nach drei Stunden 0,01 innerlich in Lösung. Acid. tannic. 1:100 stünd¬ 
lich 1 Theelöffel; schwarzen Caffee. Kalte Abwaschungen, Bäder. — Lina J. Morph, 
mur. 0,01 mit Acid. tann. 0,05 in Pulverform, sofort und Abends 5 Uhr 1 P. Schwarzen 
Caffee, Bäder, Abwaschungen. 

22. October, Abends 6 Uhr. Martha H. noch unorientirt. Motorische Unruhe 
kaum verringert, erkennt noch Niemanden, Puls 102, Temperatur 36,7. Pat. schluckt 
ganz ordentlich. Morph, mur. 0,01, Tannin, ein kaltes Bad, Clystier. 

Lina J. Motorische Unruhe hat beträchtlich abgenommen, das Mädchen ist völlig 
bei Bewusstsein. Hallucinationen fehlen; Brennen im Halse. Temperatur 37,2, Puls 78, 
ft* sehr voll. Acid. tann., Bad, schwarzer Caffee. 

23. October, Morgens 10 Uhr. M. H. wurde nach der letzten Morphiumgabe des 
vorigen Abends ruhiger, schlief nach dem Bade zwei Stunden, erhielt nach dem Erwachen 

0 7*2 Liter Milch, worauf Erbrechen erfolgte. Im Erbrochenen an 8—10 Daturasamen (volle 

I 28 Stunden nach Genuss der Früchte). Es war also mit Unrecht die Magenausspühlung 

$ unterlassen worden. Dann fiel das Kind in tiefen Schlaf, der ununterbrochen bis Morgens 

1 9 Uhr dauerte und allen Störungen des Bewusstseins ein Ende machte. Patientin fühlt 

s sich zwar etwas schwach, hat aber ausser geringem Brennen im Halse keine Beschwerden, 

t Zwei Stühle. Blasenfunctionen dem Willen wieder unterstellt. Temperatur 36,2. Puls 

92, voller. Am linken Fussrücken zwei fünfrankstückgrosse scarlatinös geröthete auf 
Druck schmerzhafte Steilen. Acid. tann. Schwarzen Caffee. Kalte Abwaschungen. 

L. J. hat ebenfalls die ganze Nacht geschlafen, fühlt sich subjectiv wohl, zeigt 
gar keine Sinnesstörungen mehr. Pupillen noch erweitert, reagiren auf Licht. Puls 80, 
Temperatur 36,8. 

23. October, 6 Uhr Abends. M. H. Mnskelunruhe wieder etwas verstärkt; Be¬ 
wusstsein den ganzen Tag ungetrübt. Sie weiss nichts, was seit dem Genüsse des Gifts 
vorgegangen. Convergirt und accommodirt gut. (Erkennt kleine Gegenstände des Bilder¬ 
buches auf 40 cm.) Pupille weit, reagirt auf Licht Schwäche, Kopfschmerzen. Ein 
Stuhl ohne Samen. Brennen im Halse. Puls 96. — Acid. tann. Bäder, Ol. Ricin. 

L. J. accommodirt gut, liest auf 30 cm gewöhnlichen Druck fliessend. Schleimhäute 
des Mundes und Rachens feucht, noch schwach gerothet. Epigastrium druckempfindlich, 
leichte Diarrhö^ im Stuhl noch keine Samen. — Acid. tann, Ol. Ricin. 

24. October. M. H. keine Störungen der Motilität und Sensibilität; Pupillen enger. 
Appetit gut. Keine Klagen. Schlief ebenso wie L. J. die ganze vorige Nacht. Zwei 
Stühle mit massenhaften Daturasamen. Puls 92. Acid. tann. 


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L. J. Pupillen reagiren prompt auf Licht. Im diarrhoischen Stuhle zahlreiche 
Samen. Appetit gut. Keine Klagen. 

27. October. Beide Mädchen bieten in allen Beziehungen normale Befunde dar. 

Den Anstoss zur Publication dieser Fälle gab mir ein von Herrn Dr. Streit in 
Teufenthal in Heft 2 Jahrgang 1S94 des Correspondenzblattes für Schweizer Aerzte ver¬ 
öffentlichte Abhandlung über eine Vergiftung durch Samen von Datura Stramonium, auf 
die ich hiemit verweise. Herr Dr. Streit gründet auf den von ihm in seinem Falle be¬ 
obachteten vollen, starken Puls, das Feuchtbleiben der Mund- und Rachenschleimhaut 
und das Fortbestehen der Speichelsecretion, die heftigen tonischen Krämpfe mit Ueber- 
wiegen der Extensoren, sowie den ausgesprochenen Opisthotonus bei starker Datura-In- 
toxication, den Schluss, dass die Wirkungen des Daturin und des Atropin nicht nur quanti¬ 
tativ sondern auch qualitativ verschieden seien. 

Eine solche Schlussfolgerung is^ schon aus dem Grunde nicht zulässig, weil ein 
Theil der genannten Symptome auch der reinen Atropin Vergiftung zukommt, der übrige 
im Widerspruch mit den Beobachtungen anderer Forscher steht. Voller, harter Puls zeigt 
sich nämlich auch bei wenig schwerer reiner Atropinvergiftung 1 ) und erst bei starker 
Intoxication wird er klein und unzählbar. Als ziemlich leichter Fall muss gewiss der¬ 
jenige Herrn Dr. Streit ’s aufgefasst werden, wenn man in Betracht zieht, wie sehr der 
kindliche Organismus besonders gegen Atropin als widerstandsfähig sich erweist, und wenn 
man dem Verlauf der Vergiftung folgt. 

Ebenso wurden tetaniforme Krämpfe auch bei Atropin Vergiftung beobachtet.*) 

Eine ganze Anzahl glaubwürdiger Beobachter 3 ) geben mit Bestimmtheit Läh¬ 
mung der secretorischen Nerven bei Datura-Vergiftung an; es darf desshalb dieses 
vereinzelte Vorkommnis gewiss nicht als Regel, sondern eher als Ausnahme betrachtet 
werden. 

Erschöpfende Angaben der Literatur über Stramoniumvergiftungen erschienen mir 
aus nachfolgenden Gründen überflüssig: 

Durchgeht man die Arbeiten derjenigen Chemiker, welche speciell das genaue 
Studium der Aicaloide zur Aufgabe sich gemacht haben, findet sich oft das Daturin als 
Gegenstand lebhafter Auseinandersetzungen. Anfangs als Alcaloid für sich, als chemisches 
Individuum gehalten, machten sich Stimmen geltend, die dasselbe als ein Gemisch von 
Atropin und Hyoscyamin erklärten. Neuerdings stehen sich die Meinungen von zweien 
der berufensten Forscher auf diesem Gebiet gegenüber, indem der eine, Fr. Schmidt , 
auf »Grund genauester Untersuchungen den streitigen Körper mit dem Atropin identisch 
hält, der andere jedoch, A. Ladenburg , für die Identität der Aicaloide Hyoscyamin Da¬ 
turin und Duboisin sich ausspricht. 

In einer vergleichenden Analyse eines reinen cristallinischen Daturin- und eines 
Atropinpräparates erhielt E. Schmidt 4 ) für beide Substanzen genau gleiche Resultate: 
gleichen Schmelzpunkt, gleiche Cristallform und gleiche Eigenschaften; die Doppelsalze 
der beiden Aicaloide verhielten sich identisch, und bei Spaltungsversuchen ergaben beide 
Körper gleiche Producte. Die Ergebnisse der Schmidt' sehen Analysen, welche nachträg¬ 
lich durch die Untersuchungen von A. v . Planton* ), Lüdecke, Hartmann*), Regnauld und 
Valmout 7 ) bestätigt wurden, bedürfen wohl keiner weiteren Commentare. Ebenso spricht 
für die Identität des Atropins und des Daturins die beiden Körpern gemeinsame Vitali’sche 
Reaction. Wird eine atropin- resp. daturinhaltige Flüssigkeit mit rauchender Salpeter- 

*) CloUta, Arzneimittellehre 1893. S. 61. 

*) Binz, Vorlesungen über Pharmacologie. Berlin 1884. S. 364. 

•) Ich erwähne hier nur A. Baader , Correspondenzblatt f. Schw. Aerzte No. 19, Jahrg. 1881 
und C. Binz , Vorlesungen. S. 255. 

4 ) Bericht der deutsch, chem. Ges. 13. Jahrg. S. 370. 1880. 

8 ) Ann. Chem. Pharm. 1874. p. 252. 

•) Vergl. Vers, mit Atropin, Daturin etc. Nordhausen 1879. 

7 ) Etuae pharmacol. sur les alcaloi'des mydriatiques. Paris 1881. 


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saure auf dem Dampfbade zur Trockne eingedampfl; und mit einem Tropfen Kalilauge 
versetzt, so erhält man eine violette Färbung, die bald ins Roth übergeht. 

Ladenburg 1 ) hielt auf Grund seiner Analysen das Daturin für identisch mit Hyos- 
cyamin undDuboisin, ein Resultat, welches sich vielleicht durch die verschiedene Herkunft 
der zur Darstellung der Daturinpräparate angewendeten Daturapflanzen erklären Hesse. 
Wir wissen, dass bei einer ganzen Anzahl von giftigen Pflanzen (Tabak, Digitalis etc.) 
für dieselbe Art bedeutende Schwankungen in den relativen Verhältnissen der darin 
enthaltenen activen Stoffe, je nach dem Fundort, der Jahreszeit, dem Alter der Pflanze 
etc. beobachtet werden. Ferner haben die neuesten Untersuchungen von Schimoyama 
und Koschima*) gezeigt, dass die japanische Datura alba der Hauptsache nach Hyoscyamin 
nebst einem geringen Procentsatz Atropin enthält, während in unserer einheimischen 
Datura nach den oben erwähnten Untersuchungen hauptsächlich Atropin enthalten ist. 
Wenn auch die Identität des Daturins und des Atropins zur Zeit für einige Forscher 
noch fraglich sein mag, so geht aus den bisherigen Untersuchungen deutlich hervor, dass 
das Daturin kein chemisches Individuum ist, und dass diese Bezeichnung aus der Nomen- 
clatur ausgemerzt zu werden verdient. 

Vollkommen in Uebereinstimmung mit den Resultaten der Arbeiten E. Schmidt ’s 
u. A. stehen auch die Beobachtungen über die physiologische und toxicologische Wirkung 
des Daturin verglichen mit der des Atropins. Das klinische Bild der Vergiftung mit 
Datura zeigt in keiner Hinsicht Abweichungen von dem der ßelladonnaintoxication gleichen 
Grades, wie eine grössere Anzahl bis jetzt beobachteter Fälle zweifellos beweisen. Und 
wenn auch in einzelnen Fällen geringe quantitative Unterschiede im Hervortreten der 
einzelnen Symptome beobachtet werden, so muss man bei der Beurtbeilung der Resultate 
vorsichtig sein und nicht ohne Weiteres die nach Genuss der giftigen Pflanze auftreten¬ 
den Symptome auf die Wirkung des darin enthaltenen Grundalcaloids zurückführen. 
Neben demselben sind in der Belladonna sowie in der Datura noch andere wirksame 
Körper enthalten, welche die reine Alcaloidwirkung mehr oder weniger zu beeinflussen 
im Stande sind und somit das Vergiftungsbild compliciren. Immerhin möge die Aufmerk¬ 
samkeit auf diese Intoxication gelenkt und zu weiterer genauerer Beobachtung der Fälle 
angeregt sein I 

Es bleibt mir noch die angenehme Pflicht, den Herren Prof. Dr. A. Burckhardt 
und Prof. Dr. Massini für freundlichste Unterstützung mit Literatur meinen besten Dank 
auszusprechen. 

Basel, 19. November 1894. 


Vereinsberiohte. 


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tiMedicinisch-pharmaceutischer Bezirksverein Bern, 

^ IV. Sitaif Dienstag, 15. Jannar 1895, Abends 8 Uhr ia Casino. 3 ) 

... Präsident: Dr. Dumont . — Actuar: Dr. Arnd. 

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Anwesend 16 Mitglieder und als Gast Herr Dr. Neukomm aus Baden. 

1) Dr. Lindt jun.: Ueber die operative Behandlung chronischer Mittelohreite- 

rangen. (Der Vortrag erscheint in diesem Blatte.) 

® Dr. Jonquibre hat auch schon mit Erfolg die Paukenhöhle ausgekratzt. Er ist 

aber Überzeugt, dass die Starke’ sehe Operation den einzigen Weg zum Atticus und dem 
Antrum freilegt. Dass chronische Eiterungen durch Spülung allein geheilt werden, hat 
i er nicht gesehen. Die Patienten werden gewöhnlich durch die Reizung, die das Röhr- 


l ) Ber. d. deutsch, chem. Ges. 1880. 

*) Apotheker-Zeitung 1892. S. 458. 

*) Eingegangen 18. Februar 1895. Red. 


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chen in der Membrana Shrapnelli bei der geringsten Bewegung verursacht, sehr aufgeregt. 
Die Indication für die Operation wird sich wahrscheinlich erweitern lassen. 

Dr. Lindt fügt bei, dass bei Cholesteatom sich das Gehör schonen lasse, wenn 
man die Gehörknöchelchen in ihrer Lage belassen kann. 

Dr. Dumontf der diese Eingriffe mit dem Vortragenden ausgeführt hat, betrachtet 
die Operation als sehr rationell. 

2) Dr. Miniat: lieber das solare und das Höhenklima und Ober die klimatlsehe 
Behandlung verschiedener Erkrankungen der Respirationsorgane' Solange wir weder 
Tuberculoseheilserum noch ein anderes sicher wirkendes Medicament gegen Lungen¬ 
schwindsucht besitzen, muss unsere Aufmerksamkeit auf den Grundsatz gerichtet 
werden, dass Lungenkranke nur mit demjenigen Mittel wirksam behandelt werden 
können, welches mit der Lunge in beständigem Contact sich befindet, nämlich mit der 
Luft. Es ist nicht zu leugnen, dass die klimatische Behandlung der Lungenkrankheiten 
weit bessere Resultate aufzuweisen vermag, als die medicamentöse. Die Luft aber ist 
leider oft selbst Träger ansteckender Miasmen, sollte jedoch, um auf die Lungen günstig 
einwirken zu können, vor allem aus den strengsten Anforderungen in Bezug auf Rein¬ 
heit genügen — sie soll nämlich ozonreich sein. Referent bespricht die von Labbt und 
Oudin , wie auch neulich von Dr. Gessler in Stuttgart angewendete Methode der Behand¬ 
lung der Lungen tu berculose mittelst durch hochgespannten electrischen Strom erzeugten 
Ozons. Gessler sah in Fällen, wo nicht continuirliches Fieber vorhanden war, einegleich- 
mässige und sichtbare Besserung in den gesammten Symptomen der Lungenphthisis. Die 
Application ist einfach und durchaus unschädlich, das nöthige Instrumentarium allerdings 
kostspielig. Auf das solare Klima übergehend, wurden dann die Bedingungen stärkerer 
Insolation besprochen. Dieselbe hängt ab vom Einfallswinkel der Sonnenstrahlen, von 
der Dauer der Insolation, ferner vom Abstande der Erde von der Sonne und endlich von 
den Vorgängen auf der Sonne selbst (fleckenfreie oder fleckenreiche Periode). Dabei 
muss nicht vergessen werden, dass die Erde nicht die ganze Menge der Sonnenstrahlung 
empfängt, sondern dass ein grosser Theil derselben durch die Atmosphäre absorbirt wird, 
in unseren Breiten z. B. nahezu die Hälfte. Die Erwärmung der Atmosphäre geschieht 
durch directe Strahlung von der Sonne, durch Rückstrahlung von der Erde und endlich 
durch Luftströmung, welche letztere der Hauptfactor in Wärmevertheilung ist. Ueber 
die Wirkung der Wärme hat Dr. M. die Grundsätze der Pflüger ''sehen Theorien, welche 
in seinem Buche „Ueber Wärme und Oxydation der lebendigen Materie“ beschrieben 
sind, berührt und kommt zum Schlüsse, dass das solare Klima bei schwächlichen Per¬ 
sonen, Kindern und Greisen, bei denen die Haut- und Lungenthätigkeit eine ge¬ 
schwächte ist, bei chronischem Bronchialentarrh mit verminderter Secretion, Larynx- 
und Lungenphthisis im erethischen Stadium und Neigung zur Hämoptm indicirt ist. 
Die europäische Zone der warmen Klimate umfasst Gebiete von Spanien, Mittelmeer¬ 
küste, Frankreich, Corsika und die ins Meer sich erstreckenden Theile Italiens und 
Griechenlands. 

Die scharf ausgesprochenen Eigenthümlichkeiten des Höhen-Klima, die es wesent¬ 
lich von Klimaten der Ebene unterscheiden, bestehen erstens in der Abnahme des 
Luftdruckes, Zunahme der Insolation und der Lichtintensität, geringeren täglichen 
Wärmeschwankungen, Abnahme der Wasserdampfmenge und endlich in Reinheit der 
Luft. Die physiologischen Eigenschaften des Bergklimas bestehen in einer anregenden, 
berauschenden und heilsamen Wirkung desselben auf Magen, Lungen und Hirnfunctionen. 

Die hohen Berge erweitern den Brustkorb; die Athmungsfrequenz ist in hohen Bergen 
beschleunigt, Vortheil einer wirksamen Lungengymnastik. 

Indicationen des Bergklima sind: bronchiales Asthma, Anmmie, Verdauungsschwäche, 
Nervosität, Neigung zur Schwindsucht, wie auch torpide Formen der Lungentuberculose 
mit abundanter Secretion der Lungen. Als Contraindicationen gelten die organischen Herz¬ 
krankheiten. 


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Dr. Neukomm: Das Höhenklima ist gerade im eminenten Sinne ein solares. Aller¬ 
dings ist die Luft kühl, aber die Insolation ist desshalb doch so intensiv, dass ein Ther¬ 
mometer an geschützten Orten ganz bedeutende Hohen erreichen kann. Es ist ferner 
die Zahl der hellen Tage in der Niederung viel geringer als in einer gewissen Höhe und 
es fallt eine viel grössere Zahl derselben in der Gobirgszone auf den Winter. So hat 
Davos 99 helle Tage im Winter, während man am Vierwaldstättersee nur 15 im Winter 
zählen konnte. In diesem Sinne kommt die Sonnenwirkung sehr zur Geltung. Der 
Hauptgrand für die Wahl des Höhenklima ist, dass die Verhältnisse in der Höhe dem 
Kranken erlauben, viel längeren Gebrauch von der freien Luft zu machen, als in der 
Tiefe. Es sind Abstractionen, wenn man der verdünnten Luft das Austrocknen von Ca- 
verncn und Aehnliches zuschreibt. Er ist nicht damit einverstanden, dass Asthma und 
Emphysem Indicationen für die Benutzung des Höhenklima abgeben. Gerade Asthma¬ 
tiker fühlen sich manchmal in der Höhe gar nicht wohl. Doch ist das Asthma eine 
sehr capriciöse Affection. 

Dr. Miniat findet, dass das Emphysem nach chronischer Bronchitis, wie auch das 
bronchiale Asthma durch Aufenthalt in den unteren Gebirgsregionen bis 1000 m günstig 
beeinflusst werde. Er versteht unter Asthma eine Verstopfung der Bronchien durch 
Secrete, durch welche die Athmung behindert ist. 

Dr. Lindt will nur die Affection der Athmungsorgane als Asthma bezeichnet wissen, 
bei welcher durch eine Art Krampfzustand auf Grund von nervöser Fernwirkung die 
Luft am Eintritt in die Lungen gehindert wird. Eine die Bronchi verstopfende Secretion 
kann secundär auch eintreten. Solche Affectionen sind entschieden launisch. Ihr Auf¬ 
treten hängt von dem Zustand des Organes ab, von dem die Anfälle ausgelöst werden, 
und dieser kann, je nach dem Sitz, auch verschieden beeinflusst werden. 


Gesellschaft der Aerzte in Zürich. 


4. Wfntersltzang, den 22L Dezember 1894. 1 ) 

; Präsident: Prof. Stöhr. — Actuar: Dr. Conrad Brunner . 

Dr. Hans Meier: Zur Aseptik bei der Gebart. Die Wochenbettssterblichkeit hat 
£ in den Gebäranstalten durch Einführung der Antisepsis und Asepsis bedeutend abgenom- 

■i men, während sie in der Privatpraxis noch gleich hoch steht wie in den 60er Jahren, 

? ja nach einer grossen englischen Statistik sogar gestiegen ist. — Gewöhnlich wird als 

‘ Grund dieser Erscheinung die mangelhafte Antisepsis in der Privatpraxis angeführt. 

i Allein die strenge Durchführung der Antisepsis ist im Privathause nicht möglich; des¬ 

halb soll unser Bestreben dahin gehen, den für die Geburt von der Natur selbst asep¬ 
tisch hergerichteten und mit zahlreichen Schutzeinrichtungen gegen septische Infection 
ausgerüsteten Genitalschlauch möglichst wenig zu berühren. Wir erreichen dies durch 
grossere Pflege der äussern Untersuchung und durch Verbreitung der Ueberzeugung ira 
Publikum, dass innere Untersuchungen und Manipulationen nur ausserst selten nöthig 
und immer mit einer gewissen unberechenbaren Infectionsgefahr verbunden seien. — 
Dass im Weitern hiefür erforderlich ist, dass die seit Einführung der Antisepsis ins 
Uebermässige gesteigerte Operationslust und Vielgeschäftigkeit der Aerzte ein Ende nehme, 
soll eine Fortsetzung des Vortrages zeigen. 

(Die ausführliche Publication des Vortrages erfolgt in diesem Blatte.) 

Discussion: Prof. Wyder erklärt sich mit den Ausführungen des Vortragen¬ 
den vollständig einverstanden. Auch er ist der Ansicht, dass die innere Untersuchung 
Kreissender möglichst zu Gunsten der äusseren eingeschränkt werde. 

Was die in der ihm unterstellten Klinik zur Verhütung des Kindbettfiebers ge¬ 
troffenen Maassnahmen betrifft, so hat er alle Ursache mit denselben zufrieden zu sein; 


*) Eingegangen 15. Januar 1895. Ked. 


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beträgt doch die Mortalität der der Klinik zur Last fallenden Todesfälle an Puerperal¬ 
fieber nur 1 pro Mille! 

Bezüglich der Wahl der Desinfectionsmethoden hat der Sprechende seit Uebernabme 
der Klinik im Jahre 1888 verschiedene Phasen durchgemacht. Nachdem er zunächst das 
Carbol zur Desinfection der Anstalts-Aerzte und Hebammen, der Studierenden und Kreis¬ 
senden durch Sublimat ersetzt hatte, ist er auch von diesem zur Desinfection der letzte¬ 
ren zurückgekommen, nicht nur weil sich die Sublimatdesinfection des Geburtsschlauches 
in vielen Fällen illusorisch erweist, sondern auch deshalb, weil er in der Anstalt im 
Laufe einiger Jahre drei Todesfälle, bedingt durch Sublimatintoxication, erlebt und auch 
in der consultativen Privatpraxis einen Fall gesehen hat, wo in Folge von vaginalen 
Spülungen mit ganz schwacher Sublimatlösung (angeblich 7&%°!), welche der behan¬ 
delnde Arzt wegen eines Dammrisses verordnet hatte, eine tödtlich verlaufende Nephritis 
sich entwickelt hatte. 

Die früher üblichen Ausspülungen ante et post partum sind in allen Fällen, wo 
keine intrauterinen Manipulationen stattfinden, völlig aufgegeben worden und dio Resultate 
deshalb keine schlechteren. Da, wo intrauterine Injectionen indicirt erscheinen, kommt 
Lysol zur Anwendung, mit dem auch die regelmässig vorgenommene Desinfection der 
äussern Genitalien und deren Umgebung geschieht. 

Sobald die Anstalt im Besitze eines genügende Quantitäten Wassers producirenden 
Warmwassersterilisationsapparates ist, sollen Ausspülungen des Genitalschlauches nur noch 
mit sterilisirtem Wasser vorgenommen werden, da doch in solchen Fällen wohl die 
„mechanische“, nicht die „chemische“ Desinfection die Hauptsache ist. 

Das geburtshülfliche Instrumentarium etc. wird durch Auskochen sterilisirt. 

Bei der „Sterilisation“ des untersuchenden Personals legt der Redner das Haupt¬ 
gewicht auf eine gründliche Waschung mit möglichst warmem 
Seifenwasser. Nach Abspülung der Seife geschieht die Desinfection, wie schon 
oben angedeutet, mit Sublimat. Die Hebammenschülerinnen haben sich dabei des in der 
Zürcher Pflichtordnung vorgeschriebenen Carbois zu bedienen: sie sollen sich 
schon in der Anstalt an das Mittel gewöhnen, das sie nachher in der Praxis 
ausschliesslich an wenden dürfen. 

Was die Wahl des Desinfectionsmittels für Hebammen anbetrifft, so befindet sich 
Redner momentan in einiger Verlegenheit. Er gibt ohne Weiteres zu, dass die Carbol- 
säure kein zweckmässiges Waschmittel ist und dass die Desinfection der Hebamme am 
besten durch Sublimat zu geschehen hätte. Wenn er trotzdem auch heute noch der An¬ 
sicht ist, den Hebammen die Desinfection mit Carbolsäure vorzuschreiben, so bestimmen 
ihn dazu folgende Gründe: 

1) Da man die Beobachtung tagtäglich machen kann, dass schon die richtige 
Anwendung eines einzigen Desinfectionsmittels vielen Hebammen grosse 
Mühe macht, wird man von vorneherein darauf verzichten müssen, denselben ver¬ 
schiedene Desinficientien, die einen für die Desinfection ihrer eigenen Person und 
ihrer Utensilien, dio andern der Pflegebefohlenen in die Hände geben. 

2) Von diesem Standpuncte aus erscheint das Sublimat als Hebammendesinfections- 
mittel nicht nur unzweckmässig, weil es zur Desinfection der Utensilien nichts taugt, 
sondern auch äusserst gefährlich, weil sämmtliche Hebammenlehrbücher und die darauf 
basirenden Pflichtordnungen vaginale Spülungen in gewissen Fällen vorschreiben. 

3) Die Desinfection der Hände mit Sublimat will verstanden und gelernt sein. So 
lange die Hebammen das schlechte Beispiel vieler Aerzte vor Augen haben, die vergessen, 
dass Seifenhände und Seifenwasser das Sublimat zersetzen und seine desinfectorischen 
Eigenschaften zerstören, erscheint die Ueberantwortung dieses Mittels an Hebammen 
illusorisch. 

4) Die Vorschreibung anderer Desinfectionsmittel, wie Creolin, Lysol etc. ist des¬ 
wegen nicht opportun, weil sie alle, abgesehen davon, dass ihre Herstellung in defr 


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t Kegel Gegenstand von Privatspeculationen ist, nicht absolut sicher desinficiren und in 
Folge dessen in neuester Zeit in kaleidoscopischer Abwechslung durch andere verdrängt 
werden. Man kann doch nicht heute den Hebammen ein als untrüglich gepriesenes 
Desinficiens empfehlen und dasselbe, weil bereits veraltet, nach einigen Monaten durch 
ein anderes ersetzen lassen, das wahrscheinlich nach kurzer Frist dasselbe Schicksal er¬ 
reicht wie sein Vorgänger. 

Hoffentlich liegt die Zeit nicht mehr ferne, wo ein Desinfectionsmittel entdeckt 
wird, das absolut sicher desinficirt und dessen Anwendung an Kreissenden etc. als un- 
gefährlich sich erweist. Dann fort mit dem Carbol! 

Noch ein Wort bezüglich der anti- und aseptischen Erziehung der Hebammen in 
den Anstalten. Weil viele jüngere Hebammen kurze Zeit nach Verlassen des Unter¬ 
richtes in der Praxis wider Anti- und Asepsis sündigen, wird den betreffenden Lehran¬ 
stalten die Schuld dafür zugeschoben, wie ich glaube, ganz mit Unrecht. Einen äusserst 
schädlichen Einfluss übt auf junge Hebammen in der Praxis das Beispiel vieler älterer 
Hebammen, die für Anti- und Aseptik keinen Sinn und kein Verständnis haben und, es 
darf bei diesem Anlasse nicht verschwiegen werden, auch vieler Aerzte: Wenn es man¬ 
chem Arzte schwer fallt, sich in den modernen Ideenkreis der Anti- und Aseptik hinein- 
zuarbeiten und zurecht zu finden, kann man das von den Hebammen noch viel weniger 
verlangen, besonders wenn sie gelegentlich sehen müssen, dass hie und da ein Arzt sich 
von den Vorschriften dispensirt, welche den ersteren strenge vorgescbrieben sind. Die 
Hebammenrepetitionskurse, wie sie im Kanton Zürich vorgeschrieben sind, haben ge¬ 
wiss ihr Gutes; es darf aber wegen des Bildungsniveau^ der Hebammen deren Be¬ 
deutung nicht überschätzt werden. Welche Erfahrungen man gelegentlich bei solchen 
Cursen machen kann, dafür nur zum Schlüsse ein frappantes Beispiel. Nachdem Redner in 
einem der letzten Repetitionscurse, dessen Theilnehmerinnen sich aus den ältesten Jahrgängen 
rekrutirten, in eindringlicher Weise die Aetiologie und Prophylaxe des Puerperalfiebers 
besprochen hatte und die Cursistinnen genau mit den Vorschriften der Zürcher Pflicht¬ 
ordnung bekannt gemacht worden waren, nachdem sie auch Gelegenheit gehabt hatten, 
grosse gynmcologische Operationen mit anzusehen, damit sie sich überzeugen sollten, 
welche Erfolge man mit peinlicher Anti- uud Aseptik erzielen kann, liess eine Hebamme 
dem Leiter des Curses nach Schluss desselben sagen, die ganze „Desinficirerei“ sei dum¬ 
mes Zeug; denn sie könnte ja Grossmutter des jungen Lehrers sein (sic)! — 

Prof. Krönlein gereicht es zur Genugthuung, dass er seiner Zeit in der Sitzung des 
Sanitätsrathes bei der Discussion über die antiseptische Ausrüstung der Hebammen der 
einzige war, der sich gegen das Carbol und für das Sublimat aussprach. 

Prof. Wyder erwidert, dass er dem Carbol das Wort geredet habe, weil zu jener 
Zeit das Urtheil der meisten Gynaecologen demselben günstig gewesen sei. Der Werth der 
Sublimatdesinfection sei bei der meist unrichtigen Anwendung derselben oft ein illu¬ 
sorischer. 

Dr. Carl Meier-Wirz gibt eine Zusammenstellung der Wochenbettsmortalität im 
Kanton Zürich, wie sie sich aus den amtlichen Medicinalberichten der letzten 20 Jahre 
ergibt. 

Die Zahlen sind folgende: 

Totalmortalität Mortalität durch 

Geburtenzahl im Wochenbett °/o infectiöse Erkrankungen °/ 0 
1870—80 91,956 1013 1,1 666 0,72 

1880—90 90,903 716 0,78 434 0,47 

Obgleich diese statistischen Erhebungen keinen Anspruch auf Genauigkeit machen 
können, da gewiss eine ganze Reihe von Todesfällen in Folge puerperaler Processe in 
den Berichten unter anderem Namen aufgeführt sind, geben sie uns doch ein annähernd 
richtiges Bild der Fortschritte in dem betreffenden Zeitraum. Es ist. nach demselben 
seit der antiseptischen Aera eine entschiedene Besserung zu verzeichnen, doch ist die 



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Zahl der Todesfälle in Folge von Wochenbettserkrankungen noch immer eine recht er¬ 
hebliche. Die bedeutend grossem Procentzahlen, welche diese Zusammenstellung ergibt, 
als die vom Herrn Vortragenden angeführten erklären sich daraus, dass der englische 
Autor für seine Statistik nur die Todesfälle der ersten Woche des Puerperiums in Be¬ 
rücksichtigung gezogen hat. 

Dr. Conrad Brunner. Es wird, wie der Vortragende referirt hat, von den Ge¬ 
burtshelfern angenommen, dass die Secrete des Genitalapparates, speciell der saure Va¬ 
ginalschleim die Virulenz der Infectionserreger herabsetzen, wodurch die Infectionsgefahr 
bei der Geburt beseitigt oder vermindert würde. 

Brunner zweifelt nicht an der Richtigkeit dieser Beobachtung, doch glaubt er, dass 
hiobei dem wohl wesentlichen Factor Rechnung getragen werden müsse, dass es 
bei diesen Scheidenbacterien unter gewöhnlichen Verhältnissen gewiss 
meistens um pathogene Microbien sich handle, die an sich schon, sowie sie von der 
Aussenwelt in den Genitalapparat gelangen, einen geringen Virulenzgrad besitzen. Es 
handelt sich hier wohl um analoge Verhältnisse, wie sie bei Wunden der äusseren Kör¬ 
perbedeckung vorliegen. Wenn irgendwo auf dem nicht desinficirten Körper eine Wunde 
entsteht, so gelangen von der Oberfläche der Haut viele Keime, sehr oft die weissen 
9 Staphylococcen in die Wunde, doch besitzen diese glücklicherweise meistens einen 
geringen Grad der Virulenz. 

Brunner hat seiner Zeit sechs Stunden nach der Geburt von einem klaffenden 
Dammriss aus mit dem Blute Culturen angelegt. Es gelangten dabei auf den Nährböden 
sehr zahlreiche Colonien, darunter auch Streptococcen, zur Entwicklung. Die Wunde 
wurde genäht und heilte wie die meisten Dammrisse, obschon durch die Desinfection 
gewiss nicht alle Keime zu Grunde gingen, per primam intentionem ohne jede Spur von 
Infection. 

Prof. Wyder bemerkt, dass nach den Untersuchungen JDöderleins dem sauren Vagi¬ 
nalschleim starke bactericode Eigenschaften zukommen. JDöderlein habe bei seinen Unter¬ 
suchungen in 40°/o der Fälle Streptococcen gefunden. 1 ) 

Dr. Hans Meier bestätigt die Erfahrung, dass Dammrisse im Ganzen auffallend 
glatt heilen; auch er ist der Meinung, dass ausser dem sauren Vaginalsecrete wohl noch 
andere Schutzmassregeln in Betracht kommen müssen. Was die antiseptische Wirkung 
des Vaginalsecretes betrifft, so soll nach den neuesten Untersuchungen nicht die Saure 
das wesentliche Moment sein, sondern die je nach der Reaction verschiedene Scheiden¬ 
flore. 

Fräulein Dr. A. Heer unterstützt den vom Vortragenden geäusserten Wunsch, es 
möge bei der Hebamraenpraxis immer mehr Gewicht auf die äussere Untersuchung ge¬ 
legt werden, da die Hebammen die im Unterrichte docirte antiseptische Schulung zu 
wenig richtig erfassen und anwenden. 

5. Wfutersitzung den 12. Jaauar 1895. a ) 

Präsident: Prof. Stöhr. — Actuar: Dr. Conrad Brunner. 

I. Dr. Wlassak: Nene Untersuchungen Aber die Baut-Slnne. Seit den Unter¬ 
suchungen von S. H. Weber hat die Physiologie des Haut-Sinns bis in die neueste Zeit 
keine nennenswerthen Fortschritte gemacht. Eine scheinbar unbedeutende Aenderung 
in der Methodik, die Anwendung „punktförmiger“ Reize, hat aber völlig neue Aufklä¬ 
rungen gebracht. 

Den ersten Schritt in dieser Richtung machten Beix und Goldscheider durch ihre 
Entdeckung der Wärme-, Kälte- und Druck-Puncte. Die vorher noch unentschiedene 
Frage, ob die Temperatur- und Tast-Empfindungen auf verschiedene Sinnes-Organe zu 
beziehen seien, fand damit ihre Erledigung. Unterstützt wird diese Ansicht durch das 

i) Vergl. Referat im Corr.-Blatt 1892, pag. 150. Red. 

9 j Eingegangen 30. Januar 1895. Red. 


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eine weil* Bestehen von Hautstellen, die bloss tast- und nicht temperaturempfindlich sind. Es sind 

stellDD^ dies die Glans p(mis (bei nicht circumcidirten) und die Cornea. 

der etyfa Der Vortragende macht weiter Angaben über die Methoden zum Nachweise der 

jerioms iai Wärme- und Kalte*Puncte, sowie der Topographie des Temperatursinns. 

Goldscheider hat weiter gefunden, dass die Temperaturpuncte analgetisch sind, 
roo&i^ Dieser Befund lässt die Frage berechtigt erscheinen, ob nicht auch für den Schmerz spe- 
er sann Tj- cifische Endorgane in der Haut existiren. 

fectiompte Goldscheider glaubte diese Frage verneinen zu müssen. Nach den Untersuchungen 

von Prof, v . Frey in Leipzig ist dies aber doch sehr wahrscheinlich geworden, 
sabt er, ^ Die gangbare Ansicht über den Schmerz geht dahin, dass die Reizung jedes sen- 

e, siblen Nerven, sofern sie intensiv genug ist, Schmerz zu erregen vermag. Sollte diese 

ien gm Ansicht für die Haut widerlegt werden, so war der Beweis zu liefern, dass nicht alle 

sie ros« Sinnespuncte der Haut der Schmerzempfindung fähig sind, sondern nur bestimmte. Be¬ 
rn c sonders auf den ersten Theil dieses Satzes wird man Gewicht zu legen haben. Bei 

iseresf" Beizung der eventuellen „Schmerzpuncte“ kann ja immer der Einwand erhoben werden, 

ioe Ww dass neben dem Schmerz die andere Sinnesempfindung, etwa Druckempfindung, nicht be- 

rei**« merkt wird. 

temäB Prof. v. Frey fand nun ein Verfahren, das quantitativ leicht abstufbare Hautreize 

anzuwenden gestattete. Er benützte Haare von verschiedener Steifigkeit. Mit jedem Haar 
Infam ist man im Stande, einen gewissen maximalen Druck auszuüben, der auf einer Waage gemessen 

lirböds werden kann. Misst man noch den Querschnitt des betreffenden Haars, so lässt sich der 

HW auf die Flächeneinheit ausgeübte Druck bestimmen. Mit diesen „Reizhaaren“ konnte 

in/ecfet nun v. Frey ermitteln, dass zwei Systeme von Sinnespuncten (ausser den Temperatur- 

pur rc puncten) in der Haut existiren. Das eine löst Druckempfindungen, das zweite Schmerz¬ 

empfindungen aus. Für ein und dieselbe Hautstelle ist die Reizschwelle für die „Schmerz- 
puncte“ eine weit höhere wie für die Druckpuncte, die beiden Zahlen sind durch ein 
[> grosses Intervall getrennt. Niemals ergibt eine auch noch so intensive Reizung eines 

„Druckpuncte«“ Schmerz. (Der Vortragende weist eine Collection von graduirten Reiz- 
|t haaren vor.) 

m Druck- und Scbmerzpuncte zeigen eine Reihe von Differenzen. Die Druckpuncte 

it stehen an allen behaarten Körperstellen in Verbindung mit den Haaren. Die Haare 

3r sind wahre Tastorgane. Für die Schmerzpuncte fehlt ein äusseres Kennzeichen, 

ist- Eine fernere Differenz ergibt sich bei Reizung der Puncte mit Inductionsströmen. 

Die Schmerzpuncte geben schon bei 20 Stromstössen in der Secunde eine continuirliche 
i Empfindung, die Druckpuncte erst bei einer viel höheren Frequenz des Unterbrechers. 

* Alle diese Erfahrungen lassen den Schluss zulässig erscheinen, dass die Druck- und 

: Schmerzpuncte physiologisch vollständig differente Apparate sind. Für eine umfassende 

Theorie des Schmerzes und der Gefühle wird es dagegen noch weiterer Untersuchungen 
und der Berücksichtigung der neuropathologischen Erfahrungen bedürfen. 

Discussion: Dr. Frick fragt an, was der Vortragende unter Wärme- und 
Kältereizen verstehe. Physicalisch gibt es zwischen Kälte und Wärme keine Grenze. Ist 
diese Grenze physiologisch vielleicht die jeweilige Hauttemperatur? Jedenfalls erhält 
man durch diese Unterscheidung der Kälte- und Wärmepuncte noch keine einheitliche 
Empfindung für jeden Punct, da wir bei Kälte und Wärme im Stande sind, ziemlich 
feine Temperaturunterschiede direct zu empfinden. 

Dr. Wlassak erwidert: Für die Ermittlung der Wärme und Kältepuncte musste 
man immer mit ziemlich hohen und ziemlich tiefen Temperaturen experimentiren, da der 
Temperatursinn „adaptionsfähig“ ist. Ueber die Grenzen dieser Adaption musste hinaus- 
gegangen werden. 

Dr. Ueuss. Dass Tast- und Temperatursinn an specifisch verschiedene Nervenend- 
organe gebunden sind, machen neben der regionär verschiedenen Topographie dieser Sinne 
auf der Körperoberfiäche auch klinische Befunde wahrscheinlich. So kann man an in 


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Heilung begriffenen Hautwunden constatiren (z. B. durch mit Watte umwickelte Sonden), 
dass bei Berührung der Körnerschicht (des grauweissen Häutchens, das sich am Bande der 
granulirenden Wunde zungenförmig gegen das Centrum vorschiebt) zuerst Tast-, erst 
später Temperaturempfindling eintritt. An einem Patienten, den U. vor J /a Jahr wegen 
hochgradiger Phimosis circumcidirte, liess sich an der Schleimhaut der Glans) deutliches 
Eintreten der Temperaturempfindung nachweisen. 

Es wäre interessant, zu erfahren, ob vergleichend anatomische Untersuchungen in 
Bezug auf Nervenendigungen bei temperaturempfindenden und -nichtempfindenden Schleim¬ 
häuten, z. B. Schleimhaut der Mundhöhle und der Glans, angestellt worden und wenn, 
zu welcheu Resultaten dieselben geführt haben. 

Prof. Stöhr bemerkt, dass genauere Aufschlüsse über diese Puncte nicht existiren, 
doch seien von Dr. R . Geigel in Würzburg Mittheilungen vorhanden, nach welchen 
Kinder gegen Temperaturdifferenzen weniger empfindlich seien als Erwachsene. 

Dr. Wlassak. Anatomische Untersuchungen, die etwas Sicheres und Yerwerthbares 
über die Organisation der verschiedenen Sinnespuncte ergeben hätten, sind dem Referenten 
nicht bekannt. 

II. Prof. Stöhr. Ueber die Entwicklung der Hilz nnd des Pankreas. Stöhr er¬ 
örtert die Entwicklung der an der dorsalen Darmwand von Frosch embryonen entstehenden 
Gebilde. 

Dort entwickelt sich zuerst die H y p o c h o r d a, die als eine fast in der ganzen 
dorsalen Medianlinie der Darmwand sich erhebende Leiste erscheint und dann sich all- 
mählig von dieser Wand abschnürt. Die Abschnürung ist Anfangs keine vollständige, es 
bleiben vielmehr noch einige Verbindungsbrücken bestehen, die Spuren einer segmentalen 
Anordnung zeigen. Während sich diese Brücken von der Darmwand lösen, wird die 
Hypochorda hohl. Damit ist der Höheponct ihrer Entwicklung erreicht; von da ab 
atrophiren ihre Zellen und verschwinden, ohne zum Aufbau eines anderen Organes bei¬ 
zutragen. Besonders kann nicht von einer Betheiligung ihrer Zellen an der Milzbildung 
gesprochen werden. 

Während der Entwicklung der Hypochorda entsteht die Anlage des (vorderen) dor¬ 
salen Pankreas, die auf Querschnitten in Form eines plumpen dorsalwärts gerichte¬ 
ten Zapfens erscheint. Einen ähnlichen Zapfen findet man weiter caudalwärts, der für 
ein hinteres dorsales Pankreas gehalten werden könnte. Dasselbe ist jedoch nichts Ande¬ 
res, als der Durchschnitt der Wurzel des allmählig auf die dorsale Darm wand herauf¬ 
gerückten soliden Schwanzdarms, der bei Fröschen kein Pankreasgewebe liefert und auch 
am Aufbau der Milz unbetheiligt ist. Diese letztere entsteht vielmehr weit ab davon in 
der Umgebung der Arteria mesenteriea. 

III. Prof. Krönlein möchte die Aufmerksamkeit der Gesellschaft der Aerzte von 
Zürich auf „den Schweizerischen Centralverein vom rothen Kreuz“ 
lenken, dessen Organisation und Aufgabe, wie er meint, nicht allen Aerzten genügend 
bekannt sein dürfte. Wenigstens glaubt er die relativ geringe Zahl der Aerzte, welche 
Mitglieder des Vereins sind, mehr diesem Umstande als gerade dem Mangel an Interesse 
zuschreiben zu sollen. Kr. schildert dann ganz kurz, was bis jetzt in der Schweiz überhaupt und 
specieJI in Zürich in Sachen des rothen Kreuzes geleistet worden ist und betont, wie die 
Schweiz, die Wiege der „Genfer Convention“, auf dem Gebiete des rothen Kreuzes von 
fast allen Culturstaaten sich hat überflügeln lassen, so dass wir uns gegenwärtig erst io 
den Anfängen dieser humanitären Bestrebungen befinden. Er bittet die Herren Col- 
legen, persönlich der Localsection Zürich als Mitglieder beizutreten, so weit 
dies noch nicht von den Einzelnen geschehen sein sollte und stellt ferner den Antrag, 
dass d i e G e s e 11 s c b a f t der Aerzte von Zürich als Corporation 
mit einem bestimmten Jahresbeitrag, nach § 7 b der Sta¬ 
tuten des schweizerischen Centralvereins vom rothen Kreuz, 
dem Verein beitrete. Er hofft, dass ein solches Vorgehen von Zürich auch 


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anderwärts Aerzte und ärztliche Vereine aufmuntern werde, dem gegebenen Beispiele 
zu folgen. 

Dieser Antrag wird von der Gesellschaft einstimmig angenommen und es wird zu¬ 
gleich ein jährlicher Beitrag von 100 Fr. beschlossen. Es soll diese Summe bis auf 
Weiteres abgegeben werden, vorausgesetzt, dass nicht später dieser Beschluss aufgehoben 
und durch einen andern ersetzt werde. 


Referate und Kritiken. 


Repetitorium der Zahnheilkunde. 

Zugleich ein Examinatorium über sämmtliche Hilfswissenschaften für die zahnärztliche 
Staatsprüfung, in Fragen und Antworten geordnet von Paul de Terra , practischer Zahnarzt 
in Zürich. Stuttgart, Verlag von Ferdinand Enke. Preis Fr. 12. —. 

Unter diesem Titel präsentirt sich uns ein stattliches und relativ doch handliches 
Buch an 500 Seiten Text nebst orientirendem und alphabetischem Register, das der Ver¬ 
fasser in erster Linie den Studirenden der Zahnheilkunde bieten will. 

Ganz richtig bemerkt Herr de Terra in der Vorrede des vorliegenden Werkes, dass 
die Zahnheilkunde in neuerer Zeit einen mächtigen Aufschwung genommen hat. Dem 
entsprechend sind natürlich in gleichem Mass die Anforderungen an die Studirenden dieser 
Disciplin der Heilkunde gestiegen. 

Gleich wie der Mediciner muss der jetzige Caudidat der Zahnheilkuude sich mit 
den Naturwissenschaften als nothwendigen Hülfsmitteln mehr oder weniger vertraut 
machen. Die Grundlehren der Heilkunde (Anatomie, Histologie, Physiologie, Pathologie, 
Therapie und Chirurgie) muss er studiren, und schliesslich sich die speciellen Fachwissen¬ 
schaften gründlich aneignen. 

Um nun dem Studirenden die Arbeit zu erleichtern und zu vereinfachen, hat Herr 
de Terra mit grosser Mühe und Sorgfalt sein Buch zusammengestellt. Es ist gleichsam 
ein Conversationslexicon der Zahnheilkunde und soll dem Candidaten, nachdem derselbe 
die nöthigen Vorlesungen angehört hat, als bequemes Nachschlagobuch bei seiner Vor¬ 
bereitung zum Staatsexamen dienen, um die ihm nöthigen Einzelnheiten nicht auf um¬ 
ständliche Weise in den verschiedenen Compendien zusamraensuchen zu müssen. 

Es existiren zwar schon ähnliche Werke. So das Nr. 25 der Breitensteiri' sehen 
Repetitorien, und der Cursus der Zahnheilkunde von Dr. med. Konrad Cohn. 

Allein das erstere Buch ist für den Studirenden viel zu kurz und knapp, und beide 
berücksichtigen Physik und Chemie gar nicht. 

Herr de Terra hat es verstanden, das ganze Material concis und doch das Wichtige 
klar heraushebend zu behandeln. Man merkt es ihm an, dass er als Examinator für 
Zahnheilkunde in Schaffhausen in der Lage war, in dieser Hinsicht die Bedürfnisse der 
Studirenden genau kennen zu lernen. 

Aber das Buch ist so vielseitig, dass es auch dem in der Praxis stehenden Zahn¬ 
arzt eine willkommene Bereicherung seiner Bibliothek sein dürfte, und so sei das Werk 
Studirenden und Practikern bestens empfohlen. Prof. Dr. Billeier. 


Lehmann’8 Medizin. Handatlanten. 

Band VIII. Atlas und Grundriss der traumatischen Fracturen und Luxationen. Mit 
64 Tafeln nach Originalzeichnungen von Dr. J. Trumpp von Prof. Dr. 0 . Helferich 
in Greifswald. Preis 8 Mark. 

Die Krone der bisher erschienenen Lehmann’schen Handatlanten gebührt unbedingt 
dem ophthalmoscop. Atlas von Prof. Eaah. (Vergl. das Ref. auf pag. 92 dieses Jahr¬ 
ganges des Corr.-Bl.) Aber auch der vorliegende Atlas ist sehr hübsch ausgestattet und 
ausserordentlich preiswürdig, denn er ist kein blosses „ Bilderbuch a , sondern für den 


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practischen Arzt oin nützlicher und brauchbarer Rathgeber. Die Zeichnungen, durchwegs 
nach Präparaten angefertigt, sind sehr characteristisch und instructiv; beispielsweise 
orientirt ein Blick auf Tafel 61 (typischer Malleolenbruch) richtiger und besser, als eine 
lange Beschreibung und deutet auch sofort auf die nothwendige und einzig richtige Art 
der Correction bin. — Die intensiv farbigen Bilder sind viel plastischer und prägen sich 
viel lebendiger und rascher ein, als blosse, wenn auch noch so vorzügliche Zeichnungen. 
— Der in Abschnitten beigegebene Text ist ein ganz guter abgerundeter Grundriss der 
Fracturen und Luxationen. E. Eaffter . 

Real-Encyclopädie der gesammten Heilkunde. 

Medicin.-chirurgisches Handwörterbuch für practische Aerzte. Dritte, gänzlich umgearbeitete 
Auflage. Unter Mitwirkung von 150 Facbgenossen herausgegeben von Prof. Dr. Albert 
Eulenburg in Berlin. Mit zahlreichen Illustrationen in Holzschnitt und Farbendruck tafeln. 
4. Band: (Brenzcatechin—Cnicin; Lex. 8. 680 Seiten mit 52 Holzschnitten) und 5. Band: 

(Cnidosis—Digestion); 668 Seiten mit 38 Holzschnitten. Preis 15 Mk. per Band, 

brochirt. Urban & Schwarzenberg, Wien und Leipzig 1895. 

Mit der 50. Lieferung (ca. 3400 Seiten) ist diese Riesen-Encyclopadie ungefähr in 
der Mitte des 4. Buchstabens unseres Alphabets angelangt. Das gibt einen Begriff von 
der Grösse und Reichhaltigkeit des Werkes. Innert weniger Monate sind Band 4 und 
5 erschienen (Lieferung 31—50). Erschöpfend darüber zu referirtfn ist unmöglich. Es 
sei neuerdings hervorgehoben, dass es sich um ein bewunderungswürdiges Unternehmen 
handelt, das — wenn einmal vollständig — dem literarisch bedürftigen Arzte alle ge¬ 
wünschte Auskunft und Belehrung ertheilen wird. Einzelne wichtige Abschnitte sind mit 
einer Breite und Gründlichkeit ausgeführt, die weit über den Rahmen von Lexiconartikeln 
hinausgeht, z. B. Chinarinden (28 Seiten, Prof. Binz), Cholera (47 Seiten, Prof. Eickhorst ), 
Delirium (30 Seiten, Prof. Mendel), Desinfection (58 Seiten, Prof. Wemich ), Diabetes 
(54 Seiten, Prof. Ewald) u. s. w. Manche Bearbeitungen sind von erstaunlicher Voll¬ 
ständigkeit, oft sogar betr. Literaturangaben. Das Capitel Desinfection z. B. behandelt 
1) Theorie, 2) Desinfections-Mittel, -Mechanismen und -Apparate, 3) Desinfectionsobjecte 
in der Praxis, specifische Desinfection bei verschiedenen Krankheiten, 4) gesetzliche und 
behördliche Regelung der Desinfectionsaufgaben und hat schliesslich ein Literaturver- 
zeichniss von 365 Nummern (vom Jahr 1860 —1894). — Die Ausstattung des Werkes 
ist eine sehr feine. E. Eaffter, 

Handbuch der speciellen Therapie innerer Krankheiten in sechs Bänden. 

Herausgegeben von Dr. F. Pentzoldt } o. Professor in Erlangen und Dr. R . Stintzing , Prof, 
in Jena. Erste bis achte Lieferung. Jena, G. Fischer 1894. 

Ohne unbescheiden zu sein, wird man wohl sagen dürfen, dass das Ergebniss an 
wichtiger neuer Erkenntniss aus den gesammten Ausführungen in dem sehr gross ange¬ 
legten Werke sich auf wenige Bogen möchte zusammendrängen lassen. Aber eben in 
der Art der Ausführung wird der Werth des neuen Unternehmens liegen. Und die 
Ausführung wird wesentlich einerseits Ausräurnungsarbeit, anderseits mühsamer Neubau 
sein müssen, und von diesem wird sich ein sehr wichtiger Theil mehr und mehr als die 
Förderung der Vorbereitung unserer Fälle für den Chirurgen erweisen. 

Vielleicht stehen wir an der Schwelle einer neuen glorreichen Zeit. Und es gereicht 
dem Werke zur Empfehlung, dass cs gleich am Anfänge von dieser frohen Aussicht 
Zeugniss ablegen kann. In der Verhütung der Uebertragung und Verbreitung anstecken¬ 
der Krankheiten, in der Schutzimpfung, Heilimpfung und anderen entsprechenden Schutz- 
massregeln gegen die durch Kleinstwesen erzeugten Krankheiten werden wir unsern Ruhm 
zu suchen haben. Wie es auf diesem Gebiete jetzt steht, in vollständiger Darstellung zu 
hören, muss Jedem angelegen sein, und er wird in den vorliegenden Lieferungen darüber 
sehr reiche Belehrung finden. 


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Die Behandlung der Vergiftungen ist naturgemäss zu einer fast vollständigen Gift¬ 
lehre ausgewachsen. Wie bei der Diphtherie nothwendiger Weise Luftröhrenschnitt und 
Tubage eingehende Besprechung fanden, ist auch ein Capitel „allgemeine Orthopädie* aus 
der Chirurgie herübergenommen und mahnt uns „Innere* zu zeitgemässem Einschreiten. 

Die Behandlung der Erkrankungen der Athmungsorgane beginnt mit einer Auf¬ 
stellung allgemeiner Grundsätze; dem folgt Inhalations- und pneumatische Therapie und 
im Einzelnen die Behandlung von Nase, Rachen, Kehlkopf, Luftröhre. Die Therapie der 
Hautkrankheiten hat ebenfalls einen allgemeinen Theil und es finden ihre Besprechung 
im Besondern die Störungen des Kreislaufs, der Ausscheidungen, der Entzündungen der 
allgemeinen Decke. 

Alle Abhandlungen sind sehr eingehend, berücksichtigen immer Erscheinungen und 
Diagnose als Grundlage der therapeutischen Lehren und geben sehr ausführliche Literatur- 
Verzeichnisse. Bildliche Darstellungen kommen nach Bedürfniss dem Verständnis zu 
Hülfe. Seitz. 


Compendium der praktischen Toxikologie zum Gebrauch flir praktische Aerzte und Studierende. 

Von Prof. Dr, Rudolf Robert , Director des pharmakologischen Institutes zu Dorpat. 
Dritte gänzlich umgearbeitete Auflage. Mit 32 Tabellen. Stuttgart. F. Enke. 1894. 

Den gleichen Ruhm, wie des Verfassers Lebrbuche der Intoxicationen muss man 
dem kurzen Auszuge zollen. Es ist eine ungemeine Fülle von Thatsachen in lichtvollster 
Weise, zum Theil in sehr übersichtlichen Tabellen, zusammengedrängt und damit der 
Rath eines gewiegtesten Kenners jeder Zeit zur Verfügung gestellt. Seitz. 

Arbeiten des pharmakologischen Institutes zu Dorpat. 

Herausgegeben von Prof. Dr. R. Robert , kais. russ. Staatsrath. X. Mit fünf farbigen 
Tafeln. Stuttgart. Fr. Enke. 1894. 

Sehr eingehende Untersuchungen über die Auswanderung der rothen und weissen 
Blutkörperchen. — Die Prüfung der meisten angeblich harntreibenden Mittel der Volks- 
medicin ergab Wirksamkeit derselben. — Argyrie kann künstlich in 1—2 Tagen hervorge¬ 
rufen werden. Das Silber, in frischen Fällen in Leucocyten eingeschlossen und weiter ge¬ 
tragen, wird später frei; seine Ausscheidung findet durch den Darm statt. Seitz. 

Lehrbuch der Diagnostik der innern Krankheiten. 

Für Studierende und Aerzte. Von Dr. Gustav Edlefsen in Hamburg, vormals a.-o. Prof, 
der Medicin und Director der medicin. Poliklinik in Kiel. II. Abtheilung. I. Theil mit 
10 Abbildungen im Text. Leipzig und Wien, Franz Deuticke. 1894. 

Durch et was lange Pause vom ersten Theile getrennt, erscheint die Fortsetzung 
des Werkes in gleicher Gediegenheit und behandelt ausführlich Percussion und Aus- 
cultation. Seitz . 


Das Kleincaliber und die Behandlung der Schusswunden im Felde. 

Von Dr. Johann Habart. Wien, Safar’s Verlag. 55 Seiten. 

In recht übersichtlicher und conciser Form stellt der durch eine Reihe kriegs¬ 
chirurgischer Arbeiten bekannte Verfasser das Wichtigste über die Behandlung der Schuss¬ 
wunden des Kleincalibers zusammen. 

Zunächst ist Heilung unter aseptischem Schorf anzustreben. Der erste Wundver¬ 
band wird voraussichtlich im Kriege auf den Verbandplätzen angelegt und soll ein steri- 
lisirter Occlusionsverband sein, aus entfettetem Mull mit oder ohne Einlage von Bruns 1 scher 
Watte und Mull- oder Calicotbinden bestehend. Auch verunreinigte Verletzungen sind 
nach gehöriger Reinigung in derselben Weise zu verbinden. Nur bei Verblutungs- oder 
Erstickungsgefahr sollen auf den Verbandplätzen Operationen vorgenommen werden. Be- 


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hufs schneller Besorgung der Verwundeten würden die Feldlazarethe in Fühlung mit 
den Ambulancen bleiben. In den Feldspitälern ist unter dem Schutze der Aseptik und 
Antiseptik conservative Chirurgie in weitem Umfange zu üben. Bloss Bauchschüsse 
und Kopfverletzungen mit Hirndruck-Symptomen erfordern ein actives Eingreifen. Als 
Verbände empfehlen sich dann aseptische Dauerver bände. Kaufmann . 

Jahrbuch der praktischen Medicin. 

Begründet von Dr. Paul Börner . Herausgegeben von Dr. J. Schwalbe . Jahrgang 1894. 

Stuttgart, F. Enke, 1894. 

Als „guten“ alten Bekannten darf man das Buch begrüssen. Leider ist der ver¬ 
diente bisherige Redactor S. Guttmann mitten in der Vorbereitung des Bandes dahinge¬ 
rafft worden. Sein Nachfolger bietet alle Gewähr, dass die vortrefflichen Eigenschaften 
des Berichtes erhalten bleiben, und er verspricht, Verbesserungen in der Weise einzu¬ 
führen, dass in noch mehr gedrängter Form der Inhalt soll geboten werden. Es ist ja 
richtig, dass der practische Arzt, stets zu kurz an Zeit, auf Hülle und Schalen gern ver¬ 
zichtet, und dankbar ist, wenn ihm nur der Kern der Frucht geboten wird. Seite. 

Therapeutisches Lexikon für praktische Aerzte. 

Von Dr. Bum (Wien). 2. Aufl. Urban & Schwarzenberg, 1893. Preis Fr. 32. —. 

Das therapeutische Lexikon soll, wie der Herausgeber sagt, dem Leser keine Krücke, 
sondern lediglich einen Wegweiser bieten auf dem Pfade der Therapie, und nur so 
lässt es sich verstehen, dass das gewaltige Gebiet der gesammten Therapie in einem 
einzigen Bande — von beiläufig allerdings über 2000 Seiten Stärke, und annähernd 
700 Illustrationen! — untergebracht werden konnte. Dabei ist erst noch die chirurgische 
Polytechnik (Operations- und Verbandlehre), sowie Electro-, Hydro- und Mechanotherapie, 
die Zahnheilkunde, Hygiene, ein kürzerer Artikel über Diät etc. etc. aufgenomroen. Ge¬ 
rade in Folge dieser Beigaben ist gelegentlich dem Lexikon der Vorwurf nicht erspart 
geblieben, dass es zu viel und zu wenig biete. Doch darf nicht übersehen werden, dass 
in Folge dieser besonderen Abhandlungen Über bestimmte Heilmethoden viele Wieder¬ 
holungen vermieden werden können. 

Dass die einzelnen Schlagwörter nicht immer ganz gleichmässig — das eine zu 
knapp, das andere zu breit — bearbeitet erscheinen, liegt eigentlich schon im Begriff 
eines von einem grosseren Mitarbeiterstab (15) bearbeiteten Lexikons.’ 

Jedenfalls pflichten wir dem Herausgeber in vollem Maasse bei, der von dem 
Werke erhofft, dass es rasch und mühelos über die Aufgaben de; 
Therapie orientire. Huber . 

Pathologie und Therapie der Krankheiten des Verdauungsapparates. 

Von Bosenheim (Berlin). II. Theil: Krankheiten des Darms. Wien und Leipzig, 

Urban & Schwarzenberg. 1893. 631 Seiten. 

Dem 1. Theil (Speiseröhre und Magen), über den wir im Jahrgang 1891 des Corr.- 
Blattes referirten, ist nunmehr der 2. und Schlusstheil gefolgt, und damit ist B . 'seinem 
Concurrenten Ewald um ein gutes Stück vorausgekommen, von dessen Klinik der Ver¬ 
dauungskrankheiten bis jetzt erst die Lehre der Verdauung und die Krankheiten des 
Magens erschienen sind. 

Wie bei dem ersten, so lautet unser Urtheil auch über diesen 2. Theil nur günstig. 
Das Buch zeigt uns in allen seinen Abschnitten eine so gründliche Vertiefung des Autors 
in seine Arbeit, eine so klare und gewandte Darstellung, dass es eine Freude ist das¬ 
selbe zu Rathe zu ziehen. 

Zahlreiche macro- und microscopische Abbildungen erhöhen den Werth des Buches. 

Wir empfehlen das ganze Werk, welches das neueste vollständige deutsche seiner 
Art ist, den Collegen aufs Beste. Huber . 


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Die therapeutischen Leistungen des Jahres 1893. 

Von Follatscheh (Karlsbad). Bergmann, Wiesbaden, 1894. 

Auf den nunmehr 5. Jahrgang dieses therapeutischen Jahrbuches braucht man nur 
kurz hinzuweisen, weil über dasselbe früher hier auch schon referirt wurde. 

Es gibt, alphabetisch geordnet, Aufschluss über die therapeutischen Jahresleistungen, 
soweit sie den practischen Arzt (und nicht den Specialisten!) interessiren. Heilmittel, 
Heilmethoden and Krankheitsformen werden als Schlagwörter in der alphabetischen Reihen¬ 
folge benutzt. (Im Ganzen 246 Themata!) Am Schlüsse jeden Artikels findet Bich ein 
genaues Litteraturverzeichniss. Die Bearbeitung des ganzen Gebietes ist eine sehr ein¬ 
gehende, und vor Allem scheint die Auswahl des Gebotenen eine sehr glückliche zu 
sein. Bei dem gewaltigen Anschwellen gerade der therapeutischen Litteratur muss dem 
zuletzt erwähnten Punkte keine geringe Bedeutung zugemessen werden. Htiber. 


Gantonale Correspondeuzen. 


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Dr. Karl Stettier f» Hoch vor Schluss des letzten Jahres verschied in 
Zürich ein College, der es wohl verdient hat, dass ihm auch an dieser Stelle einer seiner 
Freunde noch einige Worte der Anerkennung und des Andenkens widmet. Karl Stettler, 
Assistenzarzt am Theodosianum in Zürich, erlag nach 10—12tägiger, anfänglich leichter 
Erkrankung am 12. December 1894 einem heftigen Typhus, der die Kräfte des Patienten 
in rapider Weise verzehrt hatte. 

Stettler wurde am 10. Mai 1868 in Wasen im Emmenthal geboren, wo sein Vater 
Geistlicher war. Hier verlebte er seine fünf ersten Lebensjahre. Im Winter 1873 sie¬ 
delte seine Familie nach Frutigen über, dessen Primär- und Secundarschule er besuchte. 
Der Aufenthalt in der schönen Alpenwelt, die ihn sein Vater auf vielen Bergbesteigungen 
frühe kennen und lieben lehrte, stärkte seine Constitution und bereicherte sein Gemüth. 
Mit 10 Jahren wurde er ins städtische Waisenhaus in Bern versetzt, von wo aus er 
Progymnasium und Gymnasium der damaligen Lerberschule besuchte. Im Frühjahr 1888 
machte er das Maturitätsexamen, um dann das medicinische Studium in Bern zu begin¬ 
nen, das er bis zum Schlüsse mit grösstem Eifer und mit wahrer Liebe betrieb. Die 
Recrutenschule, die er in dieser Zeit in Zürich durchmachte, war ihm stets eine ange¬ 
nehme Erinnerung. Sein propeedeutischen Examen hatte er nach fünf Semestern abge¬ 
legt und machte sich nun mit Freuden an das klinische Studium. Das Wintersemester 
1890/91 verbrachte er in Berlin, zum Theil in fröhlicher Gesellschaft anderer Schweizer. 

. Im Frühling 1891 kehrte er nach Bern zurück, wo er seine academischen Studien auch 
vollendete. Ein Feriencurs in Würzburg, im Herbst 1891, brachte ihm viele Anregung 
und Belehrung. Nachdem S. in Bern im Sommer 1893 das medicinische Staatsexamen 
in ehrenvoller Weise abgelegt hatte, begab er sich nach Paris, wo er in den dortigen 
Spitalern und Kliniken seine Kenntnisse möglichst zu erweitern trachtete. Leider inficirte 
er sich dort am Schlüsse seines Aufenthalts mit Variola, deren Diagnose erst nach seiner 
Rückkehr nach Bern möglich, und auch vom Specialisten in Paris nicht gestellt war. 

So wurde denn der eben Heimgekehrte ins Absonderungshaus der Gemeinde auf dem 
Steigerhubel bei Bern verbracht, das er aber schon nach 14tägigem Aufenthalt ziemlich 
geschwächt verlassen konnte. 

Im Frühling 1894 machte S. in Basel die Aspirantenschule für Sanitätsoffiziere 
durch, um hierauf in Zürich am Theodosianum seine erste und letzte selbstständige ärzt¬ 
liche Thätigkeit auszuüben. Während dieser strengen Assistenzzeit fand er noch Zeit, 
seine Dissertation über die Prüfung der Sehschärfe auzuarbeiten, die von der Facultät 
genehmigt war und deren Drucklegung er bereits angeordnet hatte, als der unerbittliche 
Tod den strebsamen Freund leider viel zu früh dahinraffte. 


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188 


Stettier war ein von Grund aus ehrlicher und biederer Character, durch und durch 
nobel in seiner Gesinnung. Er verstand es, fröhliche Geselligkeit und berufliche Arbeit 
im richtigen Masse zu vereinigen. An seinen Eltern und Geschwistern, die ein so herbes 
Schicksal getroffen, hing er mit rührender Liebe, die er auch bei Gelegenheit in männ¬ 
licher und unerschrockener Weise mit der That bewies. 

Die so grosse Trauer Versammlung, die am Tage seines Begräbnisses in Bern in der 
Kapelle des Bürgerspitals sich einfand, um dem Trauergottesdienst beizuwohnen, war ein Be¬ 
weis dafür, wie beliebt der Verstorbene auch in weitern Kreisen seiner Bekanntschaft war. 
Was aber seine nähern Freunde in Stettier verloren haben, das wissen nur diese. 2T. 

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Schweiz. 

Basel. Sonntag, den 10. März, Nachmittags starb an den Folgen einer 4 Tage zuvor 
erlittenen Apoplexie Dr. Fritz Müller , langjähriger Präsident des eidg. medic. Prüfungsaus- 
«chasses. — Das Corr.-Bl. wird baldigst einen Nachruf an den hochverdienten Mann bringen. 

Ausland. 

— (Jeher den klinischen Werth der chemischen Analyse des Magensaftes. 

Die Competenz unseres Landsmannes Prof. Bourget in Lausanne in allen den Magen¬ 
chemismus betreffenden Fragen hatte das Organisationscomitö des ersten französischen 
Congresses für interne Medicin in Lyon bestimmt, ihn zum Berichterstatter in dieser Frage 
zu ernennen. Seine bei diesem Anlasse mitgetheilten Erfahrungen, die er im Laufe der 
Jahre an 354 Patienten sammeln konnte, weichen in manchen Beziehungen von den bei 
vielen Aerzten noch heute geltenden Ansichten ab, so dass eine Wiedergabe der Schluss¬ 
folgerungen des Referenten für manche unserer Leser von Interesse sein dürfte. Bourget 
untersucht den Mageninhalt seiner Patienten im nüphternen Zustande und nachdem er 
ihnen eine Probemahlzeit, bestehend aus 200 ccm Fleischbrühe, 80 gr. gehackten Fleisches 
und 40 gr. Brod, gegeben hat. Nach einer Verdauungszeit von 2 J /2 Stunden wird der 
Magen entleert durch Einfuhren der Magensonde, ohne Aspiration, einzig durch die Con- 
traction der Magenmusculatur, welche unter Umständen durch Einblasen einer geringen 
Menge Luft angeregt werden kann. Nachdem auf diese Weise der grösste Theil des 
Mageninhaltes entleert worden ist, giesst man 100 ccm Wasser in den Magen hinein, 
welche sofort nachher wieder entleert werden. Die Analyse der verdünnten und der 
unverdünnten Flüssigkeit gestattet dann, mit grosser Genauigkeit die Menge des Magen¬ 
inhalts im Moment des Versuchs zu bestimmen. Ausserdem wird noch die Gesammt- 
acidität, der Gehalt an freier und an gebundener Salzsäure, an organischen Säuren etc. 
bestimmt. Bei der Bestimmung der Gesammtacidität mit zehntel-normaler Natronlauge 
zieht Bourget das Azolithmin dem gewöhnlich benutzten Phenolphtalein als Indicator vor, 
da dieses in Gegenwart von Peptonen zu hohe Resultate gibt. Aus dem Verhältnisse 
der Acidität im unverdünnten und im verdünnten Magensaft kann die im Mageninhalt vor¬ 
handene absolute Säuremenge bestimmt werden. — Zum qualitativen Nachweis der freien 
Salzsäure benutzt Bourget das Phloroglucin-Vanillin oder die Boas 1 sehe Resorcinprobe. Zur 
quantitativen ClH-Bestimmung bedient er sich gewöhnlich der Methode von Uayevn und 
Winter . Bei jungen Individuen mit gesundem Magen ist freie Salzsäure stets vorhanden. 
Seihst nach einer Mahlzeit von 300 gr. Fleisch findet man noch 0,03—0,05°/o frei® r 
C1H, die Menge der locker gebundenen C1H schwankt zwischen 0,20—0,25°/o. Man hat 
den Eindruck, dass der gesunden Magenschleimhaut die Eigenschaft zukommt, eine der absor- 
birten Nahrungsmenge proportionale CI H-Menge zu secerniren, so dass die Basen und Eiweiss- 
stoffe der Nahrung gesättigt werden und ein gewisser Ueberschuss freier Säure zurückbleibt. 

Bei allen Affectionen mit herabgesetztem Stoffwechsel wie Chlorose, Anämie, 
chron. Nephritis ist die Menge der Salzsäure vermindert; bei Chlorose und Anämie 
fehlt sogar die freie Salzsäure oft vollständig; bei Neurasthenie dagegen beob- 


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achtet man grosse Schwankungen im Salzsäuregehalt des Magensaftes; derselbe Patient 
kann Hyperchlorhydrie an einem Tage zeigen und am anderen Tage einen ausgesprochenen 
hypochlorhydrischen Magensaft secerniren, je nach seinem momentanen Gemütbszustande. 
Während der Depressionsperioden ist in der Regel der Salzsäuregehalt vermindert. In 
den Fällen von Gastrectasie und Gastroptose scheint die Salzsäuresecretion in einem ge¬ 
wissen Verhältnisse mit der Motilität des Magens zu stehen. So lange der Magen 
sich in normaler Weise entleert, findet man eine annähernd normale Beschaffenheit 
des Magensaftes, selbst bei hochgradigen Verlagerungen. Ist aber die Motilität des 
Organs mangelhaft, so alterirt sich nach und nach auch der Magensaft, die freie Salz¬ 
säure verschwindet zunächst, und der Procentsatz der locker gebundenen nimmt später 
ebenfalls ab. — Früher hatte man bei malignen Geschwülsten des Magens, namentlich 
bei Magencarcinom, das Fehlen der freien Salzsäure als ein quasi patbognomonisches 
Symptom der Affection hingestellt. Dass dies in Wirklichkeit nicht der Fall ist, geht 
aus den Beobachtungen von Bourget hervor, der in 25 Fällen von Magencarcinom 9 Mal 
freie Salzsäure vorfand. 

Hyperchlorhydrie findet man bei einer ganzen Reihe von Verdauungsstörungen, 
welche man mit dem allgemeinen Namen Gastritis zu bezeichnen pflegt. Die Menge der 
freien, sowie der locker gebundenen Salzsäure ist vermehrt; man findet nicht selten bis 
0,18°/o freier und 0,26°/o locker gebundener Salzsäure. Beim continuirlichen Magen¬ 
saftfluss (Reichmann 'sehe Krankheit) kann der relative Salzsäuregehalt des secernirten 
Saftes normal sein, in anderen Fällen besteht Hyperchlorhydrie. In allen Fällen aber 
ist die im Magen enthaltene Gesammtsalzsäuremenge eine recht hohe. In einem Falle fand z. B. 
Bourget bei einem Patienten mit continuirlichem Magensaftfluss nach der Probern ah lzeit eine 
Salzsäuremenge fon 18 gr. concentrirter Salzsäure von 1,16 specifischem Gewicht, gelöst 
in 2 Liter Magensaft, die nach der Proberaahlzeit im Magen sich angesammelt hatten. 

Pepsin ist im Magensaft stets in genügender Menge vorhanden, selbst bei vorge¬ 
schrittenem Magencarcinom ist die peptische Kraft des Magensaftes immer noch genügend. Bios 
in zwei Fällen von Atrophie der Magenschleimhaut konnte Bourget die Abwesenheit von Pepsin 
im Magensaft beobachten. Das käufliche Pepsin entwickelt im Reagenzglase eine erhebliche 
verdauende Kraft; setzt man aber normalem Magensaft Pepsin hinzu, so nimmt die ver¬ 
dauende Kraft desselben erheblich ab, etwa um die Hälfte durch Zusatz von 0,5°/o Pepsin. 

Milchsäure findet man in den Fällen, in welchen der Mageninhalt lange Zeit im 
Magen liegen bleibt, besonders wenn gleichzeitig noch Hypochlorhydrie besteht, wie dies 
gerade häufig bei Magencarcinom der Fall ist. Buttersäure und Essigsäure bilden sich unter 
ähnlichen Umständen, letztere findet man häufig bei der Reichmann 'sehen Krankheit, da 
verschiedene Gährungspilze bei einem Salzsäuregehalt von 0,2°/o sehr gut bestehen können. 


Welche klinische Bedeutung hat nun die chemische Untersuchung des Mageninhalts? 
Wenn sie uns auch einige werthvolle Aufschlüsse giebt, so kann jedoch aus derselben 
ein Schluss über die Magentbätigkeit beim Verdauungsact nicht gezogen werden, denn 
sie beleuchtet nur eine Seite der Frage und drei für den Verdauungsact wichtige Factoren 
werden durch diese Untersuchung gar nicht berücksichtigt: 1) die permanente Secretion 
des Magensaftes während der ganzen Verdauungszeit, 2) die Absorption durch die Magen¬ 
schleimhaut, 3) die Entleerung des Magens in den Darm. Ferner darf man aus dem 
Grade der Magen Verdauung nicht die Verdauung im Allgemeinen beurtbeilen. Die 
Magen Verdauung stellt einigermassen nur eine Vorbereitung zur Darmverdauung dar, und 
selbst bei mangelhafter Magenthätigkeit kann die Darmverdauung noch vollständig ausreichend 
sein. Die im Magen gebildeten Peptono sind sogar nach der Ansicht von Bourget nicht 
direct assimilirbar; spritzt man einem Thiere subcutan oder intravenös Magenpeptone ein, 
so werden dieselben durch den Harn ausgeschieden, während deutliche Zeichen von In- 
toxication hervortreten. Setzt man aber diese Magenpeptone während einiger Zeit der 
Einwirkung des Darmsaftes aus, so ruft ihre Injection keine Vergiftungssymptome hervor 
und im Urin lassen sich keine Peptone nach weisen. 



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Ebenfalls darf man aus der chemischen Untersuchung des Magensaftes keinen zu 
weiten diagnostischen Schluss ziehen. Durch die chemische Analyse des Magensaftes 
allein kann nur die Reichmann 1 Bche Krankheit diagnosticirt werden. Bei den anderen 
Affectionen, ganz besonders bei den Gastritiden ist der Magenchemismus ein so wechseln' 
der, dass aus dem chemischen Befunde ein einigerraassen sicheres diagnostisches Urtheil 
nicht gezogen werden darf. Bei einer und derselben Krankheit beobachtet man einmal 
Hyperacidität, ein anders Mal Hypoacidität, in einem dritten Falle findet man normale 
Verhältnisse. In anderen Fällen wechselt im Verlauf derselben Erkrankung der chemi¬ 
sche Befund ganz und gar, so dass aus einer ursprünglichen Hyperchlorhydrie eine Hypo- 
chlorbydrie werden kaun. Mit Hülfe der chemischen Analyse allein ist also eine sichere 
Diagnose der Magenkrankheiten nicht möglich. Die Untersuchung der motorischen Tbätig- 
keit des Magens sollte nie unterlassen werden, denn es lassen sich aus derselben noch 
wichtigere Schlussfolgerungen ziehen in Bezug auf die allgemeinen Verdauungserscheinun¬ 
gen, als aus dem Magenchemismus allein. Die daraus folgende Consequenz ist, dass eine 
ausschliesslich auf dem chemischen Befunde beruhende Classification der Magenkrankheiten 
unzulässig ist. Um so bedeutungsvoller ist aber die chemische Untersuchung des Magen¬ 
saftes in therapeutischer Beziehung; auf sie gestützt werden wir unsere diätetische und 
medicamentöse Behandlung richten und bestimmen, ob Salzsäure oder Alkalien im be¬ 
treffenden Falle am Platze sind. 

Neben der Bestimmung der chemischen und motorischen Thätigkeit des Magens 
darf die Bestimmung der Lage und des Cubikinhalts des Organs nicht unterlassen werden. 
Dazu empfiehlt Bourget die Aufblähung des Magens. Dieselbe wird mit Hülfe der Magen¬ 
sonde und eines geaichten Kolbens vorgenommen. Es wird Luft in d|n Magen hinein¬ 
getrieben bis der Patient eine bestimmte Schmerzempfindung angibt, welche verspürt 
wird, sobald der Magen die normale Grenze seiner Ausdehnbarkeit erreicht hat. Bei 
schlaffen Bauchdecken kann man die Magengrenzen ohne Weiteres sehen und mit dem 
blauen Stift aufzeichnen, bei straffen und dicken Bauchdecken geschieht die Abgrenzung 
duroh Percussion. Die Menge der eingepumpten Luft ergibt den Cubikinhalt des Organs; 
ein gesunder Magen reagirt gewöhnlich nach einer Einblasung von 15—1800 ccm Luft, 
bei gewissen Magenkranken kann man bis zu 5 Liter einblasen, bevor die Grenze der 
Ausdehnungsfähigkeit erreicht wird. Auf diese Weise lässt sich die gewöhnliche Dila¬ 
tation mit Leichtigkeit von der Gastroptose, der verticalen Dislocation, etc. unterscheiden. 

Jaquet. 

— Zur Aethernarcose. Die Neben- und Nachwirkungen der Aethernarcose haben 
in letzter Zeit einige Chirurgen, wie Czerny und Mikulicz , veranlasst, nach einer kurzen Ver¬ 
suchszeit, die Aethernarcose wiederum durch die Chloroformnarcose bei chirurgischen Ope¬ 
rationen zu ersetzen. Diö Ursache dieser Nebenwirkungen des Aethers, welche haupt¬ 
sächlich in Reizung der Luftwege mit consecutiver Bronchitis und Bronchopneumonie 
bestehen, findet Bruns (Tübingen) zum grossen Theil in der Beschaffenheit des ange¬ 
wandten Aethers. Der Aether zersetzt sich sehr leicht. Ursprünglich reiner Aether, 
während einiger Zeit der Einwirkung der Luft und des Lichtes ausgesetzt, wird zum 
Theil oxydirt. Neben den bereits bekannten Oxydationsproducten, Aldehyd und Essig¬ 
säure, findet man ausserdem nach Bruns in einem solchen Aether Vinylalkohol und 
Wasserstoffsuperoxyd. Um eine Zersetzung des Aethers zu vermeiden, muss derselbe in 
kleinen, 2—300 ccm fassenden, vollständig gefüllten und gut verkorkten Flaschen 
an einem kühlen und dunklen Orte aufbewabrt werden. Mit so behandeltem reinem 
Aether (Aether pro narcosi) hat Bruns keine schädlichen Nachwirkungen beobachtet. 
Wird diese Vorsichtsraassregel nicht beobachtet, so werden die üblen Consequenzen auch 
nicht ausbleiben. So ereigneten sich im Beginn des letzten Sommersemesters auf der 
Nrwws’schen Klinik mehrere Fälle von schwerer Bronchitis, sowie ein Fall von Broncho¬ 
pneumonie im Anschluss an Aethernarcosen. Die Nachforschung ergab, dass zur selben 
Zeit ein Wechsel der Apotheke stattgefunden hatte und jene Vorsichtsmassregel nicht 


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mehr eingehalten worden war. Sobald der in ganz gefüllten Flaschen aofbewahrte 
Aether wieder zur Verwendung kam, traten die schlimmen Nebenwirkungen nicht mehr 
auf. Beim Gebrauch ist darauf zu achten, dass der etwa in einer Flasche zurückge¬ 
bliebene Best nicht wieder zu einer späteren Narcose, sondern nur noch zum äusserlichen 
Gebrauche verwendet wird. (Beitr. z. klin. Chirurg. Bd. XIII. Hft. 1.) 

— Weitere Erfthroigei Uber die Kropfbehaadlung mit SchllddrttsenflKtteriing. 
Bruns (Tübingen) veröffentlicht in den Beiträgen zur klin. Chirurgie Bd. XIII Heft 1 
die Resultate seiner Beobachtungen mit der von ihm eingeführten Methode der Schild¬ 
drüsen futterung bei Kropfbehandlung. (Vgl. Corr.-Blatt 1894 pag. 774.) Die Gesammt- 
zahl seiner Beobachtungen beträgt gegenwärtig 60 Fälle. Alle Strumen, welche klinisch 
oder poliklinisch zur Behandlung kamen, erhielten Schilddrüse, ausgeschlossen wurden 
nur die Fälle von Cystenkropf, von maligner Struma, sowie die von Basedotv 1 scher 
Krankheit. Die Behandlung bestand anfänglich in der Darreichung von frischer, roher 
Schilddrüse vom Hammel oder Kalb, in Dosen von etwa 10 gr innerhalb 8 Tagen; 
Kinder erhielten 5 gr. Die Schilddrüse wurde fein zerschnitten in Oblaten, oder mit 
Schinken auf Butterbrot gestrichen genossen. Später wurden Schilddrüsen-Tabletten ver¬ 
ordnet („Tabloids of compressed dry thyroid gland“ Burrough, Wellcome et Cie. London) 
und zwar mit ebenso gutem Erfolge. Eine Tablette enthält 0,3 Schilddrüsensubstanz, 
davon erhielten Erwachsene täglich 2, Kinder täglich 1 Stück. Vergiftungserscheinungen, 
sogenannter Thyreoidismus, sind bei dieser Dosirung kaum zu befürchten. Sollte man 
aber bei einem Patienten Herzklopfen, Pulsbeschleunigung, Zittern, Kopfschmerzen, ner¬ 
vöse Aufregung beobachten, so ist das Mittel für einige Zeit auszusetzen. 

Von den ßO behandelten Fällen sind 14 vollständig geheilt, 20 von ihrer Struma 
grösstentheils und von ihren Beschwerden ganz geheilt, 9 erheblich gebessert und 17 
ohne Erfolg aus der Behandlung entlassen worden. Weitaus am günstigsten sind die 
Resultate bei jugendlichen Individuen. Sämmtliche Patienten im ersten Jahrzehnt (7 Fälle) 
wurden vollständig geheilt. Im zweiten Jahrzehnt sind von 28 Kranken 7 vollständig, 

14 grösstentheils geheilt, 4 gebessert und 3 ohne Erfolg behandelt worden. Im dritten 
Jahrzehnt sind keine vollständige Heilungen mehr beobachtet worden; von 14 Kranken 
wurden 4 mit gutem, 3 mit mässigem und 7 ohne Erfolg behandelt. Von 11 Kranken 
im vierten bis sechsten Jahrzehnt sind 2 mit gutem, 2 mit mässigem und 7 ohne Er¬ 
folg behandelt. Von 11 Kranken im vierten bis sechsten Jahrzehnt sind 2 mit gutem, 

2 mit mässigem und 7 ohne Erfolg behandelt. Bei jugendlichen Individuen ist die 
Schilddrüse meist gleichmässigin all ihren Tbeilen vergrössert. Die Consistenz ist gleichmässig 
weich oder prall. In diesen Fällen beobachtete man schon 8 —14 Tage nach dem Beginn der 
Schilddrüsenbehandlung eine rapide Abnahme der Schwellung. Die Drüse fühlte sich weich und 
schlaff an, und nach 3—4 Wochen war sie bis zu ihrem normalen Umfang zurückgegangen. 

In den Fällen, wo die Rückbildung der Struma keine vollständige war, sah man, wie die 
anfänglich ziemlich gleichmässig pralle Geschwulst bald schlaffer wurde und wie in der¬ 
selben ein oder mehrere umschriebene, gegen einander verschiebliche Knoten sich durch¬ 
tasten Hessen; schliesslich verschwand die Zwischenmasse grösstentheils und es blieben 
nur die Knoten zurück. Dadurch wurden aber die Athembeschwerden beseitigt. In 
zwei Fällen gelang es sogar, die anscheinend kaum aufschiebbare Tracheotomie zu ver¬ 
meiden. Ein weiterer Vortheil der Schilddrüsenfütterung bei Fällen mit unvollständiger 
Rückbildung der Struma besteht darin, dass die nachträgliche Enucleation der einzelnen 
Knoten sehr erleichtert wird. Was die der Schilddrüsenbehandlung am meisten zugäng¬ 
liche Strumaform anbelangt, so ist die einfach byperplastische Struma das erfolgreiche 
Gebiet der Fütterung, während dagegen die eigentlich degenerativen Formen, die cystische, 
colloide und fibröse Struma dieser Behandlung nicht zugänglich sind. Was die Gefahr 
der Recidive betrifft, so hat Bruns nur dreimal nach Ablauf einiger Monate ein leichtes 
Recidiv beobachtet. Die ganze Beobachtungszeit ist aber noch zu kurz, um über diesen 
Punkt ein bestimmtes Urtheil abgeben zu können. 


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— Von der Behandlung des Erysipels mit Umschlägen ven absolutem Alethtl 

sah Ochsner (Chicago) vorzügliche Resultate. Dieselben werden bestätigt durch v. Längs - 
dorff in Baden-Baden (Centralbl. f. Chir. 1895/8), welcher 32 leichtere und schwere 
Fälle ausschliesslich so behandelte. Er lässt die Alcoholumschläge mit weichen, dicken 
Leinwandcompressen (im Gesicht mit Watte, weil die Leinwand sich schlecht anlegt) 
machen, die alle 15—20 Minuten erneut werden. Zur Behinderung der Verdunstung 
bedeckt man dieselben mit einem trockenen Tuch und darüber Guttaperchataffet. In allen 
Fällen gingen die vorher oft recht bedrohlich aussehenden Erscheinungen auffallend rasch 
zurück. Das Fieber wich innerhalb 24, in der Regel schon nach 12 Stunden. Das 
spannende Gefühl und das Brennen der Haut verschwand schon nach 1—2 Stunden. 
Nach 8 —10 Stunden der Anwendung zeigt sich die vorher geröthete und prall gespannte 
Haut abgeblasst und überall mit feinen Fältchen bedeckt (als Ausdruck der zurück¬ 
gegangenen Geschwulst). Die Umschläge werden dann in verlängerten Pausen bis zum 
vollständigen Verschwinden der entzündlichen Erscheinungen (2 — 3 Tage) fortgesetzt. 
Verwendet wurde stets der officinelle Alcohol absolut. Gegen die nachherige Trockenheit 
und Abschilferung der Haut ist Lanolin am wirksamsten. 

— Essig zur Unterdrückung des Erbrechens nach Chlorofermnarcose wurde 
von Warholm empfohlen (vergl. Corresp.-Blatt 1894 pag. 424). Auch Lewin rühmt 
(Sem. m6d. 94/61) diesen Effect der Inhalationen von Essigdämpfen. Eine mit gewöhn¬ 
lichem Tafelessig irabibirte Coinpresse wird auf das Gesicht des Patienten gelegt, so dass 
Mund und Nase bedeckt werden, damit die eingeathmete Luft vollständig mit Essigdämpfen 
gesättigt wird. Sobald die Compresse eintrocknet, soll sie erneuert werden. Die Essig¬ 
inhalationen sollen längere Zeit, mindestens drei Stunden, fortgesetzt werden. Dadurch 
kräftigen sich nach Lewin Puls und Athmung und die gewöhnlich im Anschluss an eine 
Chloroformnarcose bestehende Uebelkeit wird beseitigt; ebenso soll das Erbrechen ver¬ 
hindert oder bei bereits bestehendem Erbrechen dasselbe rasch coupirt werden. 

— Ueber die Wirkung des Natrium bicarbenicuui auf die Magenthitigkeit. 
Nach Linossier und Lemoine muss man die unmittelbare Wirkung von der erst nach 
längerer Darreichung von kohlensaurem Natron auftretenden auseinanderhalten. Unmittel¬ 
bar wirkt das Mittel reizend auf die Magenschleimhaut, so dass eine vermehrte Secretion 
eintritt. In grossen Dosen gegeben, setzt es nach erfolgter Resorption die Blutalkalescenz 
herab, und somit indirect die Acidität des seccrnirten Magensaftes. Nach Mathieu bleibt 
eine Dose von 0,5—3,0 Natr. bic., */* Stunde bis 1 Stunde vor der Mahlzeit absorbirt, 
ohne wesentliche Wirkung auf den Magenchemismus; dagegen lässt sich eine Erhöhung 
der motorischen Thätigkeit beobachten. Dosen von 3,0—5,0 wirken erregend sowohl auf 
die secretorische, wie auf die motorische Magenthätigkeit. Diese reizende Wirkung scheint 
deutlicher in hypochlorhydrischen als in hyperchlorhydrischen Zuständen zu sein. Im Gegensatz 
zu den Angaben von Linossier und Lemoine hat Mathieu durch eine fortgesetzte Medication mit 
Natrium bicarbonicum eine anhaltende Zunahme der Salzsäuresecretion im Magensaft beob¬ 
achtet. Da das Natr. bic. ebenso auf die Motilität wie auf den Magenchemismus wirkt, so ist 
seine Anwendung ebensogut bei motorischer Atonie wie bei mangelhafter secretorischer Thätig¬ 
keit indicirt. (Franz. Congr. f. int. Medic. in Lyon. Sem. m6d. No. 60. 1894.) 

— Petersburg. Am 18. März feiern die russischen Aerzte eine Skllfosowskl- 
Jublläu insfeier. Nikolai Wasiliewitsch Sklifosowski , Pirogoiv's Schüler und Freund und 
zur Zeit der grösste russische Chirurg, begann seine glänzende Lehrer thätigkeit am 18. Marz 
1870 und steht als chirurgischer Lehrer und Forscher, wie als Operateur, als Arzt, wie 
als Mensch gleich gross da. Weltbekannt sind seine Leistungen als leitender Samariter 
im türkisch-russischen Krieg, wo er „ein wahrer Held der ärztlichen Pflichttreue und 
altruistischer Selbstaufopferung“ in allen Hauptschlachten auf den exponirtesten Punkten 
arbeitete. Eine Biographie mit Bild erscheint soeben in Englaud und Frankreich. Die 
Aerzte aller Nationen — auch die schweizerischen — werden sich durch Glückwunscb- 
adressen etc. an der Feier betheiligen. 

Schweighauserische Buchdruckerei. — B. Schwabe, Verlagsbuchhandlung in Basel. 


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Erscheint am 1. und 15. 
jedes Monats. 

Inserate 

35 Cts. die gesp. Petitzeile. 


för 

Schweizer Aerzte 

Herausgegeben von 


Preis des Jahrgangs 
Fr. 12. — für die Schweiz, 
Fr. 14.50 für das Ausland. 
• Alle Po8tbureaux nehmen 
Bestellungen entgegen. 


Dr. E. Haflfter und Dr. A. Jaquet 

in Frauenfeld. in Basel. 


N! 7. XXV. Jahrg. 1895. 1. April 


lafcaltt )) Origiaalarbeilen: Theodor Kocher: Ein Fall ron Cboledoefao-Dnodenoatomia Interna wegen Gallenstein.— 
Dr. VoUmd: Verhütung der Infectionsgelegenheit der ersten Lebensjahre. — 0. Saab: Rede gehalten bei der Enthüllung der 
fi&ste ron Prof. Dr Frudrich Berner. — 2) Vereineberiehte: Gesellschaft der Aerste in Zürich. — 8) Referate and 
Kritiken: Dr. W. 8ilbereckmidi : Experimentelle Untersuchungen über die bei Entstehung der Perforationsperitonitis wirk¬ 
samen Factoren des Danninhalts. — B. de SteeckUn: Recherchen sur la mobilitd et les cils de quelques repräsentant* du groupe 
des coli-bacllles. — Dr. Ludwig Beim: Lehrbuch der bacteriologischen Untersuchung und Diagnostik. — DDr. 3. Lüneburg 
und J. Ck. Huber: Die Gyn»cologie des Soranuo ron Ephesus. — Prof. 0. Yierordi: Diagnostik der inneren Krankheiten. — 
Prof. Ä. Strümp eil: Lehrbuch der spedellen Pathologie und Therapie. — Prot Dr. Th, Btcherich: Diphtherie, Croup, Serum- 
tbemple. — Prof. Baltenhqff: Du traitement des cataractee traomatiques. — 4) Wochenbericht: Rechnung der Hül&kasee 
für Schweizer Aerste. — SanitAtsorganisation in der schweizer. Armee. — Schweizer. Centralrerein vom Rothen Kreus. — IUI. 
Congress für innere Mediein. — V. internationaler Otologen-Congress. — Deutsche Otologische Gesellschaft. — Kalium hyper- 
manganioom als Antidot bei Opiumrergiftungen. — Pilocarpinum hydrochloricnm. — Extractum colchid gegen Furunculose. — 
Sterile Wattetampons. — Natron bei Gelenkrheumatismus. — Geschmackloser Creosotsaft. — 5) Briefkasten. 


Original ten. 


Ein Fall von Choledocho-Duodenostomia interna wegen Gallenstein. 

Von Theodor Kocher in Bern. 

Wahrend die operativen Massnahmen bei Gallensteinen, welche in der Gallenblase 
oder im Cysticus sitzen, ja such noch bei solchen, welche im Cboledochus sitzen, wenn 
dabei die Gallenblase durch Rückstanong ausgedehnt ist, zu relativ einfachen und 
sicheren geworden sind, bieten sich selbst geübten Chirurgen Schwierigkeiten dar, wenn 
ein Stein im Choledochus sitzt, zn permanentem Ikterus mit seinen Folgen Anlass gibt, 
aber gleichzeitig — wie dies leider in der Mehrzahl der Fälle vorkommt — die Gallen¬ 
blase geschrumpft ist. Da sind sogar die den Operationen abholdesten Aerzte geneigt, 
den Chirurgen den Fall zuzuweisen, weil die Resultate der internen Therapie .schlecht 
genug* sind, um znm ultimum refugium zu greifen. 

Es bleibt in solchen Fallen nichts Anderes übrig, als den Stein im Cboledochus 
zn zertrümmern, ihn berausznschneiden oder in das Duodenum hereinzubefördern. In 
der Mehrzahl der Fälle muss man sich zur Choledochotomie entschliessen, weil die 
beiden andern Methoden nicht znm Ziele führen. In Folge von Adhäsionen kann aber 
der Choledochns so schwer zugänglich sein, dass sich nach dem Aufsebneiden des Ganges 
und dem Herausheben des Steines eine exacte Naht nnr mit grosser Schwierigkeit an- 
legen lässt. Dadurch wird Bie unsicher und der Erfolg ist in Frage gestellt. Ja es 
kann anmöglich werden, den Gang soweit freizulegen, dass man ohne Gefahr den¬ 
selben anfschneiden kann, wenn im Bereich des üilns der Leber und abwärts gegen 
das Duodenum starke Verwachsungen mit den Lebergefössen bestehen. Was ist in 
einem solchen Falle zu thun, wenn man nicht nach dem Grundsatz „Probiren geht 

13 


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über Studiren*, sich damit trösten will, doch eine ,Probe-Laparotomie* gemacht und 
damit die Berechtigung gewonnen zu haben, den Patienten seinem Schicksal za 
Ober lassen? 

Es ist unnöthig, hier alle Methoden zu discutiren, welche erfunden worden sind, 
da die vorzüglichen Arbeiten von Courvoisier und Martig die Leistungen auf dem Ge¬ 
biete der Gallensteinchirurgie in so vollständiger Weise zusammengestellt haben. Da¬ 
gegen scheint es mir gestattet, durch Mittheilung eines einschlägigen Falles zu zeigen, 
wie sich auch da, wo die üblichen Mittel versagen, ein günstiges Resultat er¬ 
zielen lässt. 

Herr M. D. aus B., 36*/« Jahre alt, zeigt ausgesprochenen Icterus. Die Con¬ 
junctivae st. injicirt. Zunge wenig belegt. Puls sehr langsam, 52. Füsse 
und Unterschenkel mager. Herz überragt den linken Sternalrand nicht, obere 
Grenze normal. Lungen- und Lebergrenze normal in der Mamillarlinie. Herz- 
t Ö n e rein. Auch hinten der Stand der Leber nicht hoch. Yesiculärathmen in den 
hintern untern Partien. Abdomen leicht aufgetrieben. Unterer Leberrand ist nament* 
lieh bei tiefem Inspirium in der horizontalen Nabellinie deutlich fühlbar, geht dann 
daumenbreit über den Nabel schräg nach dem linken Rippenrand empor. Leber sehr 
resistent. Von einer umschriebenen Vorragung ist nichts zu fühlen. Crncum contrahirt, 
etwas druckempfindlich. Im übrigen Abdomen nichts Besonderes. 

Es soll bei Pat. ein Versuch mit Karlsbad-Wasser gemacht werden. 1 Kaffeelöffel 
pnlverisirtes natürliches Salz auf 1 Liter Wasser, davon Morgens nüchtern 3 Glas zu 
trinken (heiss). 

20. Mai. Starkes Nasenbluten; gestern Leberschmerzen, welche auf heisse Um¬ 
schläge nachlassen. 

2. Juni. Pat. hatte mehrfach kleinere Kolikanfalle, die aber bald wieder zuröck- 
gingen. Urin permanent etwas gallenhaltig. Stuhl grau, starker Icterus. Heute 
starker Anfall mit heftigem Schüttelfrost. Temperatur auf 40° ansteigend. Leber 
geschwollen, namentlich nach oben hin vergrössert, Gallenblase nicht zu fühlen. Icterus 
stärker. Urin schwarzbraun. Nachlass der Schmerzen gegen Abend, ebenso Herunter- 
gehen der Temperatur. (Morph. 0,01, 2 X. Warme Umschläge.) 

Anamnese. Als Kind viel kränklich; sämmtliche Kinderkrankheiten. Im 
16. Jahre Typhus. Nachher war Pat. gesund und wohl bis vor 8 Jahren. Verdauung 
vollkommen normal. Stuhl und Urin in Ordnung, keine Leibschmerzen, kein Icterus. 

Sein gegenwärtiges Leiden datirt seit 8 Jahren und fing an mit Magenkrämpfen, 
die zu unregelmässigen Zeiträumen (2—8—10 Wochen) eintraten. Sie zeigten sich ge¬ 
wöhnlich des Nachts, nie nach dem Essen, brachen plötzlich sehr stark herein, Pat* 
musste aus dem Bett springen und umhergehen, nahm 1 Pulver Morph, mit Natr. bic., 
daraufhin verschwanden die Schmerzen jeweilen wieder sofort ganz und kehrten erst 
nach längeren Zeiträumen wieder. Stuhl, Urin waren unverändert. Seit 4 Jahren än¬ 
derten sich die Krämpfe in soweit, dass sie von nun an periodenweise auftrateü. Es gab 

Perioden von einigen Wochen Dauer, in welchen die Schmerzen in ganz kurzen Inter¬ 
vallen sich wiederholten und dann Tage lang in verschiedener Intensität anhielten. 
Directe Ursache war oft nicht zu eruiren; die Schmerzen traton regellos ein, nüchtern, 
nach dem Essen, Tags und Nachts, bei Anstrengung, in der Ruhe; gewöhnlich traten sie 

allmählig auf, erst schwach dann stärker werdend. Das Morphium musste subcutan ge¬ 

geben werden, oft 2 Mal täglich, oft war der Schmerz durch das Essen günstig beein¬ 
flusst. Gewöhnlich aber konnte Pat. nicht essen. Beim Anfall hie und da Erbrechen 
oder Brechneigung. Nach diesen Schmerzensperioden traten wieder freie Zeiten von 
mehreren Monaten ein. Nie Icterus oder Symptome von Gallenretention — Pat. litt in 
all diesen Jahren an hartnäckiger Verstopfung. 


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Im October 1893 bekam Pat. Appetitlosigkeit mit Brechreiz; allgemeines Unwohl¬ 
sein ; dann bemerkte er, dass der Urin dunkelroth wurde und der Stuhl weiss war. 
Magenkrämpfe oder sonstige Schmerzen hatte er nicht. Nach wenig Tagen worden Haut 
und Conjunctiveu stark icterisch. Pat. musste sich zu Bett legen und nun erst nach einigen 
Tagen traten heftige Schmerzen auf in der Magen- und Lebergegend nach dem Rücken 
ausstrahlend. Nach 4 Wochen konnte Pat. wieder aufstehen, die Gelbsacht verschwand 
langsam. Pat. hatte 6 Wochen Ruhe. Nach Neujahr bekam Pat. einen Fieberfrost, 
Schüttelfrost, Kopfschmerzen, in der Nacht starkes Fieber, keine Magenkrämpfe. In 
den nächsten Tagen Gelbsucht, dann traten wieder Krämpfe auf, sehr heftig, in die 
rechte Schulter ausstrahlend. Das Fieber hatte nur 1 Tag gedauert. Nach 8—10 Tagen 
konnte Pat. wieder aufstehen. Seither haben sich die Krämpfe alle 2—3 Wochen 
wiederholt und auch in der Zwischenzeit hat Pat. leichtere Schmerzen, so dass er gar 
keine freien Intervalle hat. Der Icterus ist nie mehr vollkommen verschwunden, beim 
Anfang der Anfalle gewöhnlich Schüttelfrost und Fieber während 1 Tag. Stuhl und 
Urin jedes Mal 8—10 Tage lang nach den Anfällen entsprechend verändert. Carlsbader- 
wasser wurde wegen nicht zweckmässiger Verordnung schlecht vertragen. 

Pat. ist während dieser Zeit bedeutend abgemagert und schwach geworden, er 
wog vor einigen Jahren noch 138—140 Pfund, jetzt weniger als 50 Kilo. Pat. hat 
keinen Husten,^ kein Herzklopfen, keine Oedeme, keine Hautausscbläge, dagegen permanent 
starkes Hautjucken, Appetit gering, zu Zeiten der Anfälle Brechreiz, sonst nicht; leidet 
nicht an Kopfschmerzen, kein Fieber, der Urin gewöhnlich dunkelrothbraun, brennt 
etwas beim Lassen, hartnäckige Stuhl Verstopfung, Pat. muss täglich Clysmen oder Laxan¬ 
tien nehmen. Die Mutter lebt, hatte Gelbsucht vor 4—5 Jahren, litt aber nie an 
Koliken, hatte auch nie Gelbsucht. Vater an Pneumonie gestorben. Keine Gallensteine 
in der Familie. Urin: Gallenfarbstoflreaction, kein Albumin, kein. Zucker. 

4. Juni 1894. Operation. Der Schnitt fängt mit einem medianen senkrechten 
Schenkel an und biegt nach aussen in den nach unten concaven schrägen Querschnitt 
um. Rectus wird getrennt, ebenso müssen die queren Abdöminal-Muskeln theilweise in- 
cidirt werden. Die Leber ist nur wenig vergrössert, derb, sie wird nach oben gezogen, 
so dass die Unterseite frei liegt. Die Gallenblase klein mit wenig Galle. Das Duodenum 
wird durch Herabziehen der übrigen Gedärme sichtbar gemacht. Ein Finger, hinter das 
Duodenum geführt, constatirt einen ca. taubeneigrossen Stein im Choledochus nach rück¬ 
wärts vom Duodenum. Eine Zertrümmerung des Steines mittelst Zange misslingt, der 
Stein ist sehr hart und weicht aus. Das Duodenum bei Beite zu schieben und an dessen 
Rückwand zu kommen ist ebenfalls unmöglich; beim Versuch einer Lösung tritt eine 
Blutung des Pankreaskopfes ein; eine Ligatur hier anzulegen misslingt mehrfach und 
muss Tamponnade angewendet werden. 

Es wird nun beschlossen, den Stein durch das Duodenum hindurch frei zu legen. 

Der Mittelfinger der linken Hand des Operateurs hält das Duodenum von unten empor 
und mit demselben den Stein; der Assistent hält mit einem Finger von oben her das 
Duodenum an den darunterliegenden Finger angedrückt. Der Stein kann nicht aus- 
weichen. Nun wird die Vorderwand des Duodenum quer gespalten in ganzer Breite, 
danach auf dem die Hinterwand emporwölbenden Stein die hintere Wand längs gespalten, 
so dass der Stein herausgehoben werden kann. Die Wand des gespaltenen Choledochus 
wird mit der Darmwunde rings vernäht und die vordere quere Incision des Duodenums 
durch Doppelnaht geschlossen. 

Nach Reinigung der Wunde Einführen einer zusammengedrehten Carbolgaze hinter 
das Duodenum und einer zweiten gegen den Pankreaskopf, obschon die Blutung steht. 
Neben jeder Gaze wird ein Drain eingeführt. 

Einzelne Knopfnähte schliessen die Winkel, sowie die Mitte der Wunde, fassen 
jedoch nnr Peritoneum und Fascien und Muskeln. 

Einlegen von Jodoformgaze oberflächlich in der Wuude, Verband. 


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Der excidirte Stein von Grösse und Form eines Taubeneies, ohne Facetten. 
Oberfläche gelblich weiss, körnig, der eine Pol schwarzbraun. Länge 27 mm. Um¬ 
fang 6 cm. 

Gleich nach der Operation Ysstündlich warme Salicylumschläge. Gegen die Schmerzen 
mehrfach Opium. Für den Durst Wasserclystiere und 2 Mal täglich 5—700 Wasser 
subcutan. 

7. Juni. Pat. hat noch starke Schmerzen, ist schwach. Abdomen gespannt, 
druckempfindlich, nicht stark aufgetrieben. Tiefe Athmung etwas schmerzhaft. Zunge 
belegt, trocken. Kein Erbrechen. Durst. Wunde gut aussehend. Aus den Drainrohren 
kein Ausfluss. Drin stark dunkelroth. Pat. bekommt wie bisher Wasser subcutan und 
per Clysma, Ernährungsclystiere, innerlich 1—2stündlich 1 Löffel Wasser, Thee, Pep¬ 
tonlösung. 

14. Juni. Normaltemperatur. Befinden gut. Wenig Schmerzen, gestern vorüber¬ 
gehend starke Schmerzen. Kein Ausfluss von Galle aus der Drainröhre, Jodoformgaze 
entfernt. Pat. beginnt zu essen. Tiefe Drain gelassen. Gestern und auch heute ein Stahl, 
braun wie gewöhnlich bei Pat., welche mit Peptonclystieren ernährt werden. 

25. Juni. Normaler fieberloser Verlauf. Die Wunde sehr leicht blutend bei 
jeder Berührung; hie und da auch noch etwas Nasenbluten. Die Wunde übrigens gut 
granulirend, Abdomen nicht stark gespannt, kein Aufstossen. Der Urin weniger dunkel. 
Die Gesichtsfarbe entschieden weniger icterisch. Auf Ricinusöl g a 1 1 i g e Stühle. 

Die Salicylumschläge immer fortgesetzt. 

5. Juli. Wunde rein, wenig secernirend, gut granulirend und sich zusammen¬ 
ziehend. Pat. ist seit einigen Tagen etwas anfgestanden. 

19. Juli. Pat. wird heute entlassen. Pat. hat ein sehr gutes Aussehen, die 
icterische Hautfarbe ist fast vollkommen verschwunden, der Allgemein-Zustand sehr gut. 
Pat. ist bedeutend fetter geworden, hat keine Schmerzen mehr. Puls viel kräftiger 
70, 72. Athmung gut. Temperatur normal. Urin von normaler Farbe, kein Icterus. 
Stuhl von normaler Farbe. Wunde bis auf einen schmalen ganz oberflächlichen Streifen 
geheilt. Abdomen nicht druckempfindlich. Leber nicht vergrössert. Bauchwand resi¬ 
stent. Keine Vorwölbung beim Husten. Bei tiefer Athmung noch etwas Schmerzen an 
der Operationsstelle. 

Martig erwähnt in seinem Nachtrage zu dem Werke Courvoisier 's 3 Fälle, in 
welchen ein dem unsrigen analoges Verfahren eingeschlagen worden ist, immerhin mit 
erheblichen Abweichungen. Riedel hat zuerst mit unglücklichem Ausgang den Ver¬ 
such gemacht, eine Communication zwischen Cboledochus und Duodenum herzustellen, 
aber so, dass er den Choledochus seitlich eröffnete, also von aussen, und mit einer 
Oeffnung im Duodenum in ganz analoger Weise vernähte, wie dies bei der Cbolecyst- 
enterostomie geschieht. Sprengel hat dann mit gutem Erfolg die gleiche Operation 
gemacht, als er nach Exstirpation der Gallenblase einen Stein im Hepaticns fand, den¬ 
selben in den Choledochus weiter befördert batte, ihn aber von hier aus nicht ent¬ 
fernen konnte. Mc . Bumey endlich bat diejenige Operation gemacht, welche der 
unsrigen am ähnlichsten ist. Die Original-Beschreibung steht uns leider nicht zur 
Verfügung. Nach Martig eröffnete er das Duodenum, erweiterte das orificium 
intestinale choledocbi und extrabirte den Stein. Martig hält dafür, dass dies nicht 
die normale Oeffnung gewesen sei, sondern eine frühere Perforationsöffnung. Von 
diesem Vorgehen weicht das unsrige in der Hinsicht ab, dass wir nicht daran denken 
konnten, bei der Grösse des Steines mit einer Dilatation des engen Orificium auszu- 
kommen, sondern nach vorheriger breiter querer Spaltung der vordem Wand das 
Duodenum in seiner Pars verticalis von hinten her den Stein gegen die Rückwand 


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des Duodenum anpressten nnd in der Längsrichtung auf denselben einschnitten. So 
wurde die Ilinterwand des Darmes and die vordere des Choledochus durchgeschnitten 
und mussten dieselben durch Naht vereinigt werden, also eine regelrechte Choledocho- 
Duodenostomie ausgeführt werden, die wir im Gegensatz zu der von Riedel and 
Sprengel als interne bezeichnen möchten. 

Für eventuelle Wiederholung dieser Operation in geeigneten Fällen möchten wir 
aufmerksam machen, dass uns die quere Incision der vorderen Wand des Duodenum 
empfeblenswerther erscheint, als die Längsincision, wie wir schon bei der Gastro-En- 
terostomie eingestanden sind für quere Eröffnung des Dünndarms. Dieselbe erscheint 
angesichts des circulären Verlaufes der Darmgeßlsse in der Darmwand viel rationeller 
.als die Längsincision überhaupt; dazu gibt sie einen sehr guten und reichlichen Zu¬ 
gang und diesen hat man wegen der Naht an der Hinterwand sehr nöthig. In Bezug 
auf letztere fanden wir das Andrängen des Steins durch Druck von hinten her sehr 
nützlich. Man fixirt durch dasselbe die Darmwand, so dass man leichter correkt ein¬ 
schneiden kann, aber namentlich bildet dann der Stein eine Unterlage für die Anlage 
der fixirenden Nähte durch die Darm- und Choledochuswand. Es wird wohl nur schwierig 
durchführbar sein, hier eine Doppelnaht anzulegen, sondern man wird sich mit einer ein¬ 
zigen, die ganze Dicke der Wand sowohl des Duodenums als des Choledochus fassenden 
Nahtreihe begnügen müssen. Man wird auch gut thun, einige die Wand des Chole- 
dochus und Duodenum in richtiger Lage zusammenhaltende Nähte gleich anzulegen, 
wenn man auf den Stein eingeschnitten bat, bevor man denselben herausbefördert, 
da derselbe eine erwünschte feste Unterlage bildet. Der Erfolg lehrt, dass dieselbe 
genügende Sicherheit gibt, denn obschon wir zur Sicherheit tamponnirten und drainir- 
ten, so floss zu keiner Zeit Galle aus und der Patient hat sich stetig bis zur völligen 
Herstellung erholt. 

Zur Verhütung der Infectionsgelegenheit der ersten Lebensjahre. 

Von Dr. Volland in Davos-Dorf. 

Es war mir eine grosse Freude bei meinen Bestrebungen, das ärztliche und 
Laienpublicum für den wirksamen Schutz der kleinen Kinder gegen die Ansteckungs¬ 
gefahr zu interessiren, in Feer 1 ) einen tüchtigen Bundesgenossen gefunden zu haben. 

Es ist das um so erfreulicher für mich, als ich mich seit meinem Vortrag auf der 
Naturforscberversammlung in Halle a./S. 1891 immer noch sehr vereinsamt fühlte. 
Zwar ist mir mancherlei Anerkennung literarisch und brieflich zu Tbeil geworden, 
aber vom practischen Eingehen auf meine Ideen ist es still geblieben. Darum musste 
ich mich einstweilen mit dem Bewusstsein trösten, etwas Zukunftsmusik gemacht 
zu haben. 

Wie lebhaft ich deshalb den Feer 'sehen Satz begrüsse: .Die Aerzte haben die 
Pflicht, dem althergebrachten Mangel an Reinlichkeit in der Kinderpflege zu steuern/ 
kann sich jeder denken, der meine Ausführungen .Ueber den Weg der Tuberculose 
zu den Lungenspitzen und über die Nothwendigkeit der Errichtung von Kinder¬ 
pflegerinnenschulen zur Verhütung der Infection“*) gelesen hat. 

') Corregpondenzbl. f. Schw. Aerzte, J. 1894, Nr. 22. 

*) Zeitachrift f. klin. Medicin, Band XXIII, Heft 1 n. 2. 


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Der von Feer angegebene Scbutzpfercb für kleine Kinder bringt 
uns der Lösung dieser Frage ganz entschieden um einen grossen Schritt näher und er 
kann als eine der vorzüglichsten hygienischen Einrichtungen allen Aerzten und filtern 
nicht angelegentlich genug empfohlen werden. Besonders ist es die Einfachheit und 
verhältnissmässige Billigkeit, die bald eine ausgebreitete Verwendung des Schutzpferchs 
hoffen lassen, wenn die Aerzte sich der Sache energisch annehmen. 

Auf den Einwand von weiblicher Seite, dass vom Standpunkt der Frau und 
Mutter mein Vorschlag: es dürfe das Kind beim Laufenlernen nie am Boden herum- 
kriechen, — nicht nur undurchführbar sei, sondern durch ihn sogar die natürliche und 
gesunde Entwickelung des kindlichen Körpers beeinträchtigt werde, — habe ich 1 ) den 
Frauen vorgeschlagen, sie möchten dann wenigstens für eine japanische Reinlichkeit, 
der Fussböden der Kinderzimmer sorgen. Freilich können so etwas, wie ich recht gut 
einsehe, bis jetzt nur die Japaner fertig bringen. Für unsere Verhältnisse bleibt eben 
nichts übrig, als mittelst des Feer'schen Pferchs wenigstens den kleinen Theil des 
Bodens sauber zu halten, der zum Aufenthalt des Kindes bestimmt ist. Diese Vor¬ 
richtung wird also den Forderungen unserer Frauen und Mütter besser gerecht werden 
und die Mühe mit den Kindern ganz erheblich verringern. 

Feer bat nun bei seinem Kinderschutzapparat besonders die Diphtheritis und das 
Scharlach im Auge. Ich bin völlig Feer 's Meinung, dass durch seine Anwendung den 
kleinen Kindern eine ganz erhebliche Sicherheit gegen die Ansteckung mit diesen 
Krankheiten gewährleistet werden kann. Meine Vorschläge, die ja ganz auf das Gleiche 
binauslaufen, waren in erster Linie zur Sicherung gegen die Ansteckung der Kinder 
mit Scrophulose und weiterhin mit Tuberculose gemacht. Sicher ist jedenfalls, dass 
das Fernbalten der kindlichen Hände vom Bodenschmutz gegen eine ganze Reihe von 
ansteckenden Krankheiten schützen würde. 

Feer lässt zwar die Schutzkraft seines Pferchs auch gegenüber der Tuberculose 
bis zu einem gewissen Grade gelten. Leider aber erscheint ihm die von mir als ganz 
vorwiegend angegebene Infectionsart bei Tuberculose in ihrer Bedeutung andern In- 
fectionsarten gegenüber als sehr zweifelhaft. Nach ihm sprächen, ausser vielen For¬ 
schungen (Comet etc.) über die Tuberkelbacillen, sehr viele klinische Erfahrungen für die 
grosse Wichtigkeit der Infection durch die Luftwege. Namentlich Hesse sich die er¬ 
schreckende Frequenz der Bronchialdrüsentuborculose im Kindesalter ohne Zwang nnr 
so erklären, dass die Tuberculose durch die Luftwege eingedrungen sei. Zudem sei 
gerade im ersten Kindesalter die Tuberculose der Lungen oft in den unteren Partien 
derselben vorhanden, bei Freisein oder erst späterer Erkrankung der Spitzen. 

Diesem gegenüber sehe ich mich veranlasst, meine Ueberzeugung nnd meinen 
Standpunkt nochmals darzulegen und nach Kräften zu vertreten. 

Feer sagt selbst, dass die Luft nur in seltenen Ausnabmefällen den «schweren* 
Diphtheriebacillus den kleinen Kindern zufübren könnte und dass er deshalb kaum 
anders als durch den Schmutz der Händchen direct an den Mund des Kindes gebracht 
würde und so die Ansteckung zu Stande komme. 

Dass der Bacillus an sich zu schwer sein sollte, um als Staub in der Luft 
herumfiiegen zu können, ist wohl kaum anzunehmen. Für sich ist er ganz gewiss 

Schweizer Frauenzeitung 1893, Nr. 46 o. 47. 


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Bdirbif noch viel kleiner, als die im Sonnenstrahl sichtbaren kleinsten Sonnenstäubchen und 

oihnaii ohne das ihn bindende Medium würde er mit diesem Schwarm gewiss leicht in der 

mmi Ek Loft herumfliegen können nnd leicht eingeathmet werden. Aber ohne den Schleim, 
ihdikiti in dem er sich befindet, ist er überhaupt nicht denkbar. Dieser Schleim ist es, der 

ihn erst »schwer* macht und ihn überall an Stoffen und Gegenständen fest haften 
lässt. Auch eingetrocknet wird dieser Schleim stets ein grobes krümliches Pulrer 
'rfiui bleiben, von dem sich die Bacillen nie selbstständig machen können. Seine einzelnen 

deniero Partikel sind viel zn hygroscopisch und schwer, um frei in der Luft hernmfliegen nnd 

;firlicka eingeathmet in die oberen Luftwege dringen zn können. 

: iti'ih Alle diese Eigentümlichkeiten des Dipbtberiebacillus kommen ganz gewiss 

ieüliü mindestens in gleichem Masse anch dem Tuberkelbacillus zu. Auch er kommt 

redilji ausserhalb des Körpers nnr im Sputum vor, das ganz gewiss ebenso mucinhaltig 
labt di ist, wie der den Dipbtberiebacillus enthaltende Rachenschleim. Dadurch ist ganz 

M i die gleiche Schwere für den Tuberkelbacillus bedingt wie für den der Diphtherie, 

je* Fr Auch er bängt überall fest an den Unterlagen und eingetrocknet kann er nur als 

tmt schweres Körnchen grob mechanisch in die Luft geschleudert werden. Er kann aber 

ebenso wenig wie der Diphtberiebacillns sich schwebend längere Zeit in der Loft 
mli halten. Und doch wäre nur bei solchen Eigenschaften die Einathembarkeit dieser 

\i[k Bacillen möglich. 

im Diphtheriebacillus und Tuberkelbacillus verhalten sich also grobphysikalisch voll* 

Jlas kommen gleich. Und wer die Verbreitung der Diphtherie fast nur durch rein 

[iti mechanisches Uebertragen des Giftes mittelst der beschmutzten Händchen des Kindes 
it zum Munde — und meiner Ueberzeugung nach mit vollem Rechte — annimmt, der 

>n muss auch' ganz die gleiche Uebertragungsweise des Tuberkelbacillus für die aller¬ 

meisten Fälle gelten lassen. 

H Umsomehr als noch eine weitere Analogie zwischen Diphtherie und der erwor- 

jjt benen Scrophulose der Kinder besteht, auf deren Boden die Tnberculose in den kind- 

j> lieben Organismus gelangen kann. Die Diphtherie verschont auffallend häufig das 

t Säuglingsalter und offenbar aus den von Feer angegebenen sehr triftigen Gründen. 

i Die Scrophnlose, die mit Schrunden und Rhagaden an Mund und Nase, dicker Ober- 

> lippe, Augenentzündungen, Halsdrüsenschwellungen u. s. w. einhergeht, zeigt ganz das 

i gleiche Verhalten. Es sind genau dieselben Ursachen, denen zufolge das Säuglings¬ 

alter verschont bleibt, wie bei der Diphtherie. 

Darum sind die Mittheilnngen Feer 's über die Diphtherie nur geeignet, noch 
mehr Beweise für die Richtigkeit meiner Annahmen und meiner Ueberzeugung beizu¬ 
bringen : Die erworbene Tnberculose stammt aus der Zeit der 
kindlichen Scrophulose. Sie ist auf dem Wege der scro- 
phulösen Erscheinungen in den kindlichen Organismus 
eingedrungen und zunächst in den Halsdrüsen latent ge¬ 
worden. Von da bedroht sie die Lungenspitzen direct, oder 
sie befällt die in hohem Grade disponirten Bronchial- 
drfi8en, sei es von den Spitzen aus durch die Lungen hin¬ 
durch direct, sei es auf dem Umwege durch den Lymph- 
und Blutstrom. 


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— 200 


Wie es mit den Cometf’schen Schlussfolgerungen aus seinen als exact anzuer¬ 
kennenden Untersuchungen steht, habe ich wiederholt dargethan. 1 ) Comet fand keine 
Tuberkelbacillen im Berliner Strassenstaub, Marpmann fand solche in dem von Leipzig. 
Sich Ober dieses verschiedene Verhalten dieser beiden Staubarten auseinander zu setzen, 
aberlassen wir einstweilen diesen beiden Forschern. (Siehe Nachtrag.) 

Nur über die sehr vielen klinischen Erfahrungen, die nach Feer für die grosse 
Wichtigkeit der Infection mit Tuberculose durch die Luftwege sprechen, muss ich noch 
Einiges sagen. 

Die Lehre von der Disposition, die von den Bacteriologen und besonders von den 
Infectionisten unter denselben vor noch nicht gar langer Zeit so verächtlich behandelt 
worden war, dass man sie «einen bequemen Sündenbock* (Comet) und «eine Krücke 
der Faulheit nannte* (Heller), musste wohl oder übel auch bei den krassesten Infec¬ 
tionisten wieder Geltung gewinnen. Das reichliche Vorkommen von Cholerakeimen im 
Darm ohne Cholera, das Vorhandensein von Diphtberiebacillen im Munde ohne Diph¬ 
therie und Aehnliches liess sich beim besten Willen nicht anders erklären als durch 
die verschiedene Disposition oder, wie man es nun nannte, durch die Immunität dos 
zwar Angesteckten und doch gesund Gebliebenen. 

Ja man ist jetzt gezwungen, nicht nur die Disposition zur Erkrankung eines Or¬ 
ganismus als Ganzes anzuerkennen, sondern man muss, wenigstens bei den chronischen 
Infectionskrankheiten, auch noch eine verschiedene Disposition der einzelnen Organe 
und Organgewebe annehmen. 

So vieles Geheimnissvolle nun auch darin liegt, dass der Eine an einer Infec- 
tionskrankheit erkrankt und sogar stirbt, während ein Anderer, der der Ansteckung 
ebenso ausgesetzt war und unter denselben Verhältnissen lebte, völlig gesund bleibt, 
— so können wir uns, wenigstens bei den chronischen ansteckenden Krankheiten, doch 
eine Vorstellung machen, was der Grund wohl sei, weshalb das eine Organ z. B. ao 
Tuberculose erkranke, und ein anderes nicht. Die localen Ernährungs¬ 
störungen in den verschiedenen Geweben scheinen doch dabei die grösste Bolle 
zu spielen. Mögen sie durch rein mechanische Insulte, durch Zerreissungen und Er¬ 
schütterungen mit oder ohne weseutliche Blutergüsse zustande kommen oder durch 
Entzündungserreger anderer Art bedingt sein. Dort erweitern sich und wuchern die 
Capillaren, der Blutstrom in ihnen verlangsamt sich. Die Leucocyten treten in grösserer 
Anzahl durch die Capillarwände ins Gewebe und sammeln sich als Infiltrat an. Finden 
sich nun unter ihnen eine hinreichende Zahl, die mit Tuberkelbacillen beladen sind, 
so ist das Gift der Tuberculose in genügender Menge beieinander, um den tuberculösen 
Process zur Entwickelung zu bringen. Der Tuberkelbacillus mag nun in den Körper 
irgendwo eingedrungen sein, oder schon irgendwo im Körper sich latent finden, immer 
wird er da zuerst zur Krankheit fahren, wo sich Ernährungsstörungen irgend welcher 
Art im Gewebe finden. 

Es gibt nun im kindlichen Organismus gewiss kein Gewebe, worin es so leicht 
nnd so frühzeitig zu Ernährungsstörungen und Schwellungen kommt, wie in den bron¬ 
chialen Lymphdrüsen. Acute Schwellungen der Bronchialdrüsen kommen nach H 

i) Zur Prophylaxis der Tuberculose, Aerztl. Practiker 20 und 21, Jg. 1890 und üeber den 
Weg der Tuberculose zu den Lungenspitzen loc. citat. 


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201 


Neumann bei folgenden Krankheiten vor: Influenza, aenter Catarrh der Luftwege, 
Cond Mi acute Angina, Group, croupöse Pneumonie, Keuchhusten, Masern, catarrhalische Pneu* 

wir monie. Dass bei den einfachen Catarrhen der Luftwege, wie sie z. B. im Gefolge der 

inandersi Bacbitis aofzutreten pflegen, aber auch sonst schon das früheste Kindesalter ausser- 

I ordentlich häufig befallen, die Broncbialdrüsen chronisch ansch wellen, ist ebenso 

rfSrfrj! sicher, wie die Mesenterialdrüsen in Folge von Darmcatarrhen chronische Schwellung 

, müi zeigen. 

Unter ungünstigen hygienischen Verhältnissen, namentlich beim Aufenthalt in 
mkim schlechter Luft, bei mangelhafter Ernährung, geboren solche Catarrhe gewiss zu den 

tliet Uw allerbäufigsten Leiden, die das Säuglingsalter befallen. Entsprechend häufig sind dann 

,wü die Bronchialdrüsen in ihrer Ernährung gestört und geschwellt. Dem gemäss bieten 

isststelD sie den frühesten und verbreitetsten Boden für die Entwickelung des irgend woher 

«ihm eingeschleppten Tuberkelbacillus und deshalb findet sich im Säuglingsalter die Tuber- 

> obth culose in den allermeisten Fällen zuerst im Gewebe der bronchialen Drüsen. 

«d shh Alle Kinder, die im frühen Säuglingsalter mit Bronchialdrüsentuberculose zur 

wioii Section kommen, haben offenbar die Tuberculose direct von den Eltern geerbt. Sie 
haben das Gift in sich, wenn sie zur Welt kommen, und unter den genannten Um- 
f är ständen localisirt es sich zuerst in den Bronchialdrüsen. 

tom Dass das Gift im Mutterleibe nicht häufig wuchern kann und deshalb Neuge- 

eofe borene mit congenitaler manifester Tuberculose so verhältnissmässig selten beobachtet 
wurden, hat doch wohl einen sehr einfachen Grund. Die Kinder in utero erfreuen sich, 
iffjf selbst- bei schwachen und phthisischen Müttern, immer noch einer grossen Sicherheit 
uKs und leben unter weit günstigeren Bedingungen als nach der Geburt. Die einzelnen 

jä Organgewebe des FOtus befinden sich unter so gleich massigen Verhältnissen, dass eine 

besondere Disposition gewisser Organe nicht vorbanden ist. Wenn ein tuberculöser 
l Fötus gefunden wird, so zeigt er Tuberculose ohne Praedilectionsstellen in verschiedenen 
,, Organen. Namentlich sind es die bronchialen Drüsen, die im fötalen Leben noch 

i, keinerlei Insulten ausgesetzt sind, als dass der Bacillus da zu der Zeit schon einen 

I ; besonders günstigen Boden für sich finden könnte. 

fc Das ändert sich mit dem Beginn des extrauterinen Lebens wie mit einem Schlage 

i und mit Beginn der Athmung werden die Bronchialdrüsen alsbald das vulnerabelste Ge- 
, webe des ganzen kindlichen Körpers. Denn alles, was von Catarrherregern io schlechter 

i Luft als feinster Staub sich suspendirt halten kann, muss eingeathmet die Bronchial* 

Schleimhaut passiren, sie reizen und mittelbar die Bronchialdrüsen zur Schwellung 
bringen. Die Tuberculose kann sich da alsbald festsetzen. Deshalb konnte auch B. 
Neumann *) kein einheitliches Princip in der Localisation der congenitalen Tuberculose 
finden und deshalb konnte er auch nicht bei der mehrere Monate nach der Geburt 
auftretenden Tuberculose, die doch hereditär ist, eine ähnliche Localisation erwarten, 
wie bei der zweifellos fötal entstandenen. Es ist eben unmöglich, dass die Fötal- 
tuberculose mit Vorliebe von den Bronchialdrüsen ausgehen kann, während wir diese 
Drüsen nach Ablauf der ersten Lebensmonate ausschliesslich oder zuerst erkrankt an¬ 
treffen müssen. 

*) Ueber die Bronchialdrüsentnbercnlose and ihre Beziehungen zur Tuberculose im Eindes¬ 
alter. D. M. W., Jg. 1893, Nr. 10, S. 227, Anm. 5. 


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202 


Aas diesen Gründen ist die enorme Häufigkeit der 
Bronchialdrüsentuberculose im frühen Kindesalter durch¬ 
aus kein Beweis dafür, dass das tuberculöse Gift durch 
Einathmung dahin gelange, sondern sie beweist nur die 
ausserordentlich grosse Disposition dieses Drüsengewebes 
zur tuberculösen Erkrankung, besonders in den ersten Le- 
bensmonaten. 

Dass die Tuberculose direct und nicht etwa bloss die 
Disposition dazu vererbt wird, darüber sollte eigentlich kein Streit 
mehr herrschen. Ein einziger Fall von sicher beobachteter manifester congenitaler 
Tuberculose bei einem Fötus muss sofort die Frage entscheiden. Und man sollte nur 
ganz ruhig zugestehen, dass, die latente Tuberculose im Fötus nachzuweisen, unsere 
Methoden noch keineswegs ausreichen. Der bekannte Fall Johne'a von einem tuber¬ 
culösen Kalbsfötus ist auch durchaus nicht so vereinzelt. Jeder Landwirth, der sich 
in einer mit Perlsucbt behafteten Gegend der Rindviehzucht befleissigt, hat davon 
genug erlebt. Für ihn steht die directe Vererbung der Tuberculose unzweifelhaft fest. 
Thierärzte werden solche Kalbstuberculosen allerdings nicht häufig zu Gesiebt be¬ 
kommen. Denn es liegt durchaus nicht im Interesse des Züchters, dass das Vor¬ 
kommen von Perlsucbt unter seiner Zucht bekannt werde. 

Dass gerade im ersten Kindesalter die Tuberculose der Lungen oft in den unteren 
Partien derselben vorhanden ist, bei Freisein oder erst späterer Erkrankung der Spitzen, 
erklärt sich ebenfalls sehr einfach und leicht verständlich durch die verschiedene Dis¬ 
position der einzelnen Lungentheile zu verschiedenen Zeiten. 

Der Säugling verbringt die allergrösste Zeit seines Daseins in nahezu horizontaler 
Lage. Eine besondere Disposition der Lungenspitzen kann aus dem Grunde nicht zu 
Stande kommen. Die kann erst eintreten, wenn das Kind, grösser geworden, aufrecht 
sitzt und geht. Wird dann das Kind schlecht genährt und blutarm, so entwickelt 
sich aus hydrostatischen Gründen, die ich wiederholt dargelegt habe 1 ) und worauf ich 
hier nicht eingehen kann, eine chronische Blutarmuth der Lungenspitzen. Die dadurch 
dort verursachten Ernährungsstörungen disponiren zur tuberculösen Erkrankung derselben. 
Dagegen haben catarrhalische Zustände und die damit einhergehenden entzündlichen 
Erscheinungen bei kleinen Kindern für gewöhnlich ihren Sitz in den Unterlappen und 
sorgen dort zuerst für den Boden der Tuberculose. Die kann dann da alsbald zur 
Entwickelung kommen, wenn sich das Gift der Tuberculose, ererbt, irgendwo latent im 
Körper findet, oder die Bronchialdrüsen schon davon ergriffen sind. 

Man siebt: alle Erscheinungen, die von den Inhalations-Infectionisten auf die 
Einathmung des tuberculösen Giftes bezogen werden, lassen sich ohne jeden Zwang, 
ganz allein auf Grund der verschiedenen Disposition der Gewebe zu den verschiedenen 
Zeiten, auf das Natürlichste erklären. 

Zum Schluss möchte ich nochmals betonen, dass der Feer 'sehe Schutz- 
pferch für kleine Kinder ganz wesentlich auch gegen die Erwerbung der Scrophuloee 

*) Die Behandlnng der Lungenschwindsucht im Hochgebirge und über das Zustandekommen 
von Ernährungsstörungen in den Lungenspitzen etc. Leipzig, b. Vogel 1889. Und Weiteres über 
die Entstehung der Lungenspitzenanämie. Deutsche Medicinal-Zeitung 1889, Nr. 61. 


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208 


teil k and die Ansteckung mit Tnbercalose and nicht nur gegen Diphtherie und Scharlach 

r dar«- in Anspruch genommen werden muss. Er gewinnt dadurch nur um so mehr an Werth, 

t dirri Und ich begrfisse ihn als einen wesentlichen Fortschritt und als eine erhebliche Er- 

wii! leichterung in der Kinderpflege. 

;t>tli! Für den Aufenthalt der kleinen Kinder im Freien bleiben meine Forderungen 

teilt' betreffend die Beinhaltung der Händchen und der Gesichter und Oberhaupt die Er¬ 

richtung von Kinderpflegerinnenschulen unberührt, 
osi I Nachtrag bei der Correctur. Dass es mit dem Tuberkelbacillengehalt 

tii SU des sich frei aus der Luft ablagernden Staubes in der That nichts ist, dafür hat 

igakk Martin Kirchner neuerdings Beweise beigebracht, indem er den Comet 'sehen Staub- 

ollitB Untersuchungen analoge Versuche anstellte. 1 ) Seine Ergebnisse waren negativ. Er 

, um find auch keine Bacillen in der Wohnung des an Tuberculose gestorbenen Feldwebels, 

oiiir der mit seinem Auswurf unreinlich umging und durch den ein Schreiber, der in der 

jttsi Wohnung desselben zu tbun gehabt hatte, an der gleichen Krankheit angesteckt zu 

ta sein im Verdacht stand. Trotzdem schreibt Kirchner die Abwesenheit von Tuberkel- 

ji js bacillen im Staub von fünf verschiedenen Krankenzimmern der Tuberculosenstation des 

)t I«. Garnisonlazaretbs nur der rationellen Beseitigung des Auswurfs und der wirksamen 

Desinfection der Speigläser zu. Eine Annahme, die um so kühner ist, als er gleich¬ 
zeitig trotz aller Reinlichkeit das Vorhandensein von Tuberkelbacillen auf dem Nächt¬ 
ig sebrank eines Phthisikers, am Gesicht, an den Händen und in der nächsten Umgebung 

jjg des Kranken, auch am Taschentuch, womit er sich nach Benutzung des Speiglases den 

[rj Mund abwischt und also auch am Bettzeug zugibt. 

Wenn es überhaupt möglich wäre, dass die Tuberkel bacillen so fein verstäubt 
jj f werden könnten, dass sie frei in der Luft herumzufliegen vermöchten, so würde auch 

„ die allergrösste Reinlichkeit nichts nützen. Jeder, auch der reihlicbste Phthisiker, 

U würde eine so grosse Gefahr sein, dass sich auch die Aerzte ihm nur mit einer Luft- 

s; filtermaske ohne eigene Ansteckungsgefahr naben könnten. 

j Das wirkliche Resultat auch der Kirchner 'sehen Untersuchungen, wie ich das 

, schon für die Comet 'sehen nachgewiesen habe, ist die abermalige Erhärtung der er¬ 
freulichen Thatsache, dass das tuberculöse Gift sich überhaupt nicht in der Luft staub¬ 
förmig und einathembar halten kann. Zu dem Schluss muss Jeder kommen, dessen 
freie Urteilskraft nicht unter dem Druck der Autorität Noth gelitten bat. 

Rede gehalten bei der Enthüllung der BUste von Prof. Dr. Friedrich Horner 

am 8. November 1894 in der Aula der Universität Zürich und in dankbarer Erinnerung 
gewidmet dem unvergesslichen Lehrer und Freunde 

von 0. Haab. 

Bald werden fallende, todte Blätter und kalte Schneeflocken zum achten Mal das 
Grab decken, in welchem einer der grossen Sohne Zürichs, viel zu früh zur letzten 
Rohe gebettet, liegt, zu früh entrissen seiner Familie, seinen Freunden und Schülern, 
seinen hilfesuchenden Kranken. 

„Der 23. December des Jahres 1886 war ein trauriger Tag für Zürich. Schnee 
erfüllte die Thäler, verhüllte die Berge, lag in der Luft, lag auf dem Lande und über 

*) Einige Untersuchungen von Staub auf Tuberkelbacillen. Zeitschrift für Hygiene und In- 
fectionskrankheiteu. Koch und Flügge B. 19, lieft 1, Leipzig 1895. 


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204 


der Stadt. Grau stand der See, trübe floss die Limmat und in den Strassen der Stadt 
verstummte das Geräusch. — Da ertönten vom alten Fraumünster die Glocken und 
durch die weissen Strassen bewegte sich langsam ein langer, schwarzer Leichenzug. 
Ganz Zürich wallte mit, die ganze Schweiz war darin vertreten und aus allen Nachbar¬ 
ländern waren Theilnehmer hergeeilt.“ 

„Ein wahres, tiefes Weh lag auf allen Gesichtern. In der Kirche setzten sie den 
Sarg nieder. Die weiten Räume füllten sich und umfassten kaum die Menge der 
Trauernden. — Wem galten die Gesänge zum Orgelschäli, wen feierten die Reden, 
wem dankte die Stadt, der Staat, die Akademie? Und von wem konnten sie sich 
auch da noch nicht trennen, und folgten ihm noch weit hinaus auf den einsamen 
Friedhof, trotz des niederwirbelndeu Schnees, der des Himmels Decke über das frische 
Grab breitete ? 

„Es war ein ausgezeichneter Bürger, den sie da bestatteten, ein vortrefflicher Arzt, 
ein Rather, ein Lehrer, ein wahrer Menschenfreund. Es war der Doctor und Professor 
Friedrich Horner . — Er hatte unendlich viel Gutes gewirkt während seines Lebens und 
Thränen getrocknet, die jetzt um ihn erst wieder flössen.“ 

„Von einem solchen Todten trennt man sich schwer. Sind auch seine Werke un¬ 
vergänglich und sein Name unvergesslich, so möchten wir doch dem Grabe noch etwas 
mehr Persönliches, Intimeres entreissen. Wir möchten den Verstorbenen in unserer Er¬ 
innerung wieder aufleben lassen, ihn vor uns zaubern wie er leibte und lebte, in allen 
seinen Eigentümlichkeiten. Wir unterhalten uns von ihm und ergänzen sein Bild, zu 
dem ein Jeder einen characteristischen Zug liefert. Die, die ihn näher gekannt, möchten 
ihn den Fenierstehenden zeigen, von allen Seiten, grossen und kleinen, lieblichen, interes¬ 
santen, nachahmungswQrdigen.“ 

Mit diesen Worten versetzt uns der Biograph 1 ) von Friedrich Homer zurüok in 
jene traurigen Tage, zurück in jene Zeit, wo der herbe Verlust, den wir erlitten, den 
Wunsch geboren hat, den theuren Verstorbenen auch im Bilde von Künstlerhand in 
unserer Erinnerung immer wieder frisch aufleben zu lassen, ihn vor uns zu zaubern wie 
er leibte und lebte,, ihn auch den Fernerstehenden zu zeigen. 

Wohl hatte er selbst mit seiner ausdrucksvollen Feder sich prächtig gezeichnet in 
seinem Lebensbild und die Hand des treuen Freundes und Schülers hat das Bild pietät¬ 
voll und wahr ergänzt. — Aber das Marmor-Bild, welchem die Kunst Leben einge¬ 
haucht, hat difr hohe Bestimmung, das vom Verstorbenen selbst und von seinen Mit¬ 
menschen über ihn geschriebene und gesprochene Wort zu ergänzen und vor dem Ver¬ 
gessen zu bewahren. Dem Anverwandten und Freund ruft es so manche persönliche, 
liebe Erinnerung, so manche freundliche Beziehung wieder wach, den Fernerstehenden 
und den späteren Geschlechtern aber bietet es mühelos und unmittelbar den sprechenden 
Ausdruck des Antlitzes, die Züge eines bedeutenden Menschen und gibt Kunde zugleich 
von der Verehrung, welche die Mitwelt dem grossen Todten gezollt. Dank also dem 
Künstler, der es verstanden, die uns tbeuern Züge des Verewigten würdig und aus¬ 
drucksvoll wieder aufleben und sie von jenem Geiste leuchten zu lassen, mit dem Friedrich 
Horner seine Mitmenschen bezauberte. 

Rasch trägt uns der Strom des Lebens dahin, rasch verschwinden hinter uns die 
bekannten Ufer und mit ihnen die Lieben, welche dort blieben. Neues taucht vor uns 
auf, um wieder hinter uns zu versinken und eine kurze Spanne Zeit ändert uns und unsere 
Umgebung. 

Schon ist denn Manchem von Ihnen, hochgeehrte Anwesende, Friedrich Homer 
nicht mehr persönlich bekannt oder es erinnern sich Manche von den Jüngern unter 
Ihnen vielleicht nur noch dunkel seiner hohen, imponirenden Gestalt, wie er elastischen 
Schrittes durch die Strassen Zürichs wanderte, nach allen Seiten freundlich grösste und 

J ) Dr. J. F. Horner. Ein Lebensbild geschrieben von ihm selbst, ergänzt von Dr. E. Landolt. 
Franenfeld 1887. 


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205 


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mH fernhin blitzendem Ange die Menschen and Dinge betrachtete, mit Augen betrachtete, 
denen nichts entging, weder die Tagenden noch die Lächerlichkeiten seiner Mitmenschen, 
mit Augen, aus denen das herzlichste Wohlwollen strahlen konnte, aas denen es aber 
auch zuckte wie Wetterleuchten, wenn Thorheit, Faulheit oder unlauteres Wesen rasch 
von ihm durchschaut wurden. 

Mit gewinnenden Worten, die von Herzen kamen, verstand Friedrich Homer sein 
Mitgefühl, seine Freude and Anerkennung kand zu geben, aber schlagfertig, treffend und 
witzig geisselte sein lebhaftes Urtheil Alles, was ihm nicht gefiel. Denn er war ein 
grosser Meister der Rede. Nie fehlte ihm das richtige Wort, weder bei der rasch hin¬ 
zuckenden Bemerkung des Unwillens, noch bei der kritischen Besprechung wissenschaft¬ 
licher, ärztlicher oder allgemein menschlicher Fragen und ebensowenig fehlte es ihm 
bei der Belehrung und dem guten Rathe, welche er dem hilfesuchenden Kranken oder 
dem in Nöthen befindlichen Freunde spendete. 

Schritt er dann hinauf zu der Lieblingsstätte seines Wirkens, zur Universität, um 
im Lehrvortrag sein grosses Wissen und Können mit Begeisterung seinen zahlreichen 
Schülern zu übermitteln, so stand ihm vollends eine Kraft und eine Klarheit dos Aus¬ 
druckes und eine Beredsamkeit zu Gebot, wie sie Wenigen nur gegeben ist. 

Schuf ihn seine Gabe der scharfen, gewissenhaften Beobachtung, der grosse um¬ 
fassende Blick der Beobachtung und seine edle Menschenliebe zu einem Arzte ersten 
Ranges, so verdankte er anderseits seiner meisterhaften Beredsamkeit und seiner grossen 
Gewissenhaftigkeit, mit der er das Lehramt verwaltete, das Attribut eines ebenso be¬ 
deutenden Lehrers. — Als Arzt und als Lehrer aber errang er sich die Palme 
vollends dadurch, dass er die wahre wissenschaftliche Forschung, die unablässige wissen¬ 
schaftliche Kritik, die emsige, unermüdliche Arbeit überall zur Grundlage seines Handelns 
und Lehrens machte. Zur richtigen Kritik befähigte ihn in hohem Maasse ein scharfer 
Verstand, die Gabe rascher Auffassung und die stets nach dem Wahren suchende Klar¬ 
heit und Aufrichtigkeit seines Wesens. 

Aber gerade in seinem engeren Vaterlande wurde Friedrich Homer in seiner wissen¬ 
schaftlichen Bedeutung als Arzt und als Lehrer von Manchen desshalb unterschätzt, weil 
er das Glück gehabt hat, der Schüler eines der grössten Aerzte unseres Jahrhunderts zu 
sein und weil sein Wirken zufällig einer Epoche angehört, in der die von ihm erkorene 
Augenheilkunde in raschem Siegeslauf zu einer der best durchforschten und schönsten 
Disciplinen der Medicin sich emporschwang. Haben ja doch kleine Geister sogar seinen 
grossen Lehrer Alhrecht von Gräfe zu sich herunter zu ziehen versucht, indem sie seine 
ganze wunderbare Lebensarbeit lediglich von der Erfindung des Augenspiegels durch 
Hermann von Helmholtz herleiten wollten. 

Nicht beweisen, wohl aber fühlen kann es der Wissende, dass Gräfe wie Homer 
als Arzt und Lehrer zu den Besten ihrer Zeit gehört hätten, ob sie nun das eine oder 
das andere Gebiet der Heilkunde zu ihrer Lebensaufgabe gemacht hätten und Homer 
wäre ein grosser Arzt und wohl auch Lehrer geworden, wenn er auch nicht zu Füssen 
Gräfe 's gesessen hätte. 

Falsch ist es zu glauben, es sei zur Zeit Gräfe 1 s leichter gewesen, Ungeahntes, 
Neues zu entdecken und neues Leben den alten Formen einzuhaueben, als später es war. 

Wir alle, die wir in der Heilkunde thätig sind, können mit ebensoviel Neuem den Schatz 
der Wissenschaft weiter bereichern und der leidenden Menschheit mit ebenso vielen segens¬ 
reichen Entdeckungen Heil spenden, wie unsere Vorfahren. Es ist gerade so leicht und 
gerade so schwer wie damals. — Man muss es eben können. 

Endlos ist die Wissenschaft und wer da glaubt, man sei am Ziel, man habe es 
schon wunderbar weit gebracht und weiter zu kommen sei nicht möglich und auch nicht 
nöthig, dem wird unversehens von einem Grossem ein Licht aufgesteckt, das ihn unan¬ 
genehm blendet, den Andern aber wieder weit hinaus leuchtet auf neue Bahnen, auf 
neue Wege der Forschung und des Fortschreitens. 


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206 


Homer gehörte nicht zu denen, welche mit den Lorbeeren von Gräfe sich in 
würdevolle Ruhe zurückzogen, sondern er hat unablässig an dem weiter gearbeitet und 
weiter gebaut, wozu sein Meister, den er über alles liebte und verehrte, ihn begeistert 
hatte. 

So blieb er denn als Arzt und als Forscher immer an der Spitze nnd es darf auch 
heute nicht ungesagt bleiben, dass er zu den Vorkämpfern der Antisepsis gehörte, dass auch 
er schon frühzeitig erkannte, wie sehr die peinlichste Sauberkeit, die allergrösste Rein¬ 
lichkeit Grundbedingung ist für eine gute Wundheilung. Ebenso früh erkannte er auch, 
wie sehr Unsauberkeit und Schmutz aller Art Krankheit hervorruft und unterhält und 
der Heilung Eintrag thut. So kam es, dass die Operationsresultate von Friedrich Horner 
die besten waren, die zu seiner Zeit erzielt wurden und von ebenso grossem Erfolg war 
auch seine nicht operative Thätigkeit gekrönt. — Wie er selbst war: von tadelloser 
Exactität und Sauberkeit, so wollte er es auch um sich herum und in den Kranken¬ 
räumen haben. 

Wäre aber Homer nicht zugleich ein so ausgezeichneter Lehrer gewesen, er wäre 
wohl auch nicht der weltberühmte Arzt geworden. Denn die Hälfte des wahren ärzt¬ 
lichen Wirkens ist Belehrung des Kranken, überzeugende Beweisführung, klare Dar¬ 
legung von Dingen, die der Kranke verstehen lernen muss, wenn er den oft unangeneh¬ 

men Pfad, der zur Heilung führt, finden und festhalten soll. 

Wie treffend konnte er z. B. einem Kranken, der an Trübung der Linse des Auges, 
also an Staar litt, die Nutzlosigkeit einer Brille klar machen, indem er ihm sagte: 

„Nicht wahr, wenn Ihr ein trübes Fenster habt in der Stube, so könnt Ihr doch nicht 

besser durch dasselbe hinaus sehen, wenn Ihr schon noch ein zweites Fenster davor setzt 

Wohl hat er hie und da auch einen Kranken oder dessen Angehörige scharf apo- 
strophirt, wenn er gegen Unverstand anzukämpfen hatte, welcher den Heilplan gefährdete. 
Immer meinte er es aber dabei aufrichtig gut mit dem Kranken. Mancher dankte ihm 
nachher doch für die Ermahnung, offen oder im stillen Herzen. Er aber konnte nicht 
anders: er musste seiner Entrüstung Raum geben, wenn sein mitfühlendes Herz den 
ganzen Jammer der leidenden Menschen um ihn her mitempfand und sein klarer, kriti¬ 
scher Verstand, sein grosses Beobachtungstalent das Uebel in seiner ganzen Herkunft 
und in seiner ganzen bedrohlichen Grösse rasch und sicher erfasste und nun die grösste 
Schwierigkeit — ja die einzige Schwierigkeit für den Arzt — bloss noch in dem 
stumpfen Widerstand lag, den mangelhafte Einsicht, Misstrauen oder Uebel wollen ihm be¬ 
reiteten. 

Es war ein edler Zorn, der dann aufflammte, ein Zorn der flammen wird, so lange 
es gewissenhafte Aerzte gibt, in denen zugleich jenes innere Feuer lodert, das sie selbst 
verzehrt, indem sie ruhelos und selbstlos sich ihrem Beruf und ihren Kranken zum 
Opfer bringen. — Das that auch in vollstem Masse unser unvergessliche Friedrich 
Homer . — 

Es war seine grosse unerschöpfliche Menschenliebe, die ihn zum unübertrefflichen 
Arzte machte. Sie war es auch, die ihn zwang, ein vollendeter Lehrer zu sein sein 
Leben lang, nicht nur academischer Lehrer, nein! Lehrer überall, bei jeder Gelegenheit, 
grosser oder kleiner. — Zu den kleinen Gelegenheiten derart zähle ich die Begegnung, 
die mich zum ersten Mal im Leben mit meinem spätem Lehrer in Berührung brachte, 
und die ich hier erwähne, weil sie sehr bezeichnend ist: Ich sass als angehender Gym¬ 
nasiast an einer lateinischen Uebersetzung, als Homer , der in unserem Hause gerade 
einen Krankenbesuch machte, lächelnd zu mir trat, rasch das Pensum durchging und — 
— corrigirte, obschon ich ihm im übrigen ganz fremd war. 

Schule und Schüler interessirten Homer sein Leben lang, nicht einseitig, sondern 
vielseitig, in der Richtung des Wesens der Schule und ihrer mannigfachen Pflichten und 
Aufgaben, wie in der Richtung der Schulgesundheitspflege, die ja den Augenärzten ganz 
besonders am Herzen liegt. 


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207 


* » Dass Homer gerade in letzterer Hinsicht. keinen einseitigen Blick batte wie so 

ie i <etD ^ Viele, ergiebt sich aus folgenden Worten, die ich aus einem Briefe an einen seiner 

begeistert Freunde aus dem Jahre 1880 entnehme: „Alle diese Propositionen, wie gute Tische, 

grosse Fenster, guter Druck etc. sind gewiss verdienstlich und nöthig; mir scheint aber 
iarfaä wesentlicher, dass der ganze Unterricht besonders in den untern Schulen mir ganz zur 

itisad Handarbeit (Schreiben) und Augenarbeit (Lesen) geworden zu sein scheint und viel zu 

ite&io' Wenig Kopfarbeit ist. So konnte das Rechnen fast ausschliesslich ohne Bücher gelehrt 

erwd werden, aber dann müsste sich der Lehrer präpariren!“ 

islt ui Den zahlreichen werthvollen Bemerkungen über die Schule, welche sich in dem 

Hm<r von ihm selbst geschriebenen Lebensbild finden, möchte ich hier nur noch eine anreihen, 

>lgw die ich in einem Briefe aus dem Jahr 1873, ebenfalls an seinen Freund von Zeihender 

delloKf gerichtet, fand, und die uns darüber belehrt, wie Homer damals über die Gymnasial¬ 
es- Bildung der Mediciner dachte. Er sagt dort: „Meine innigste Ueberzeugung ist es, dass 

zwar vor allem für die Mediciner, aber auch für andere Studien die mathematisch-physi- 

• ws kalische Richtung mehr entwickelt, ja für die Mediciner das Realgymnasium gewählt 

ii®* werden muss. a Homer nimmt damit den Standpunkt ein, auf dem eine grosse Zahl 

) Dfr Augenärzte sich befinden. Ja man kann sagen, er habe auch hier gut in die Zukunft 

renei* gesehen, denn die Zahl derer unter den Aerzten, speciell Augenärzten, die der gleichen 

Meinung sind, wie er, wird grösser, nicht kleiner. 

jp* Schon im Jahr 1873 spricht er sich in einem anderen Brief über das Frauenstudium 

gie in der Medicin folgendennassen aus; „Ich bin der Meinung, dass für jetzt und wohl 

niek noch lange das productiv wissenschaftliche Element ein rein männliches sein und bleiben 

werde und stimme Bischoff bei, der für die Wissenschaft nichts vom Frauenstudium er- 
ip wartet. Doch gilt dies auch nur für die reine Theorie. Ich stelle mich auf den prac- 

je* tischen Standpunkt und frage : können wir gute Aerzte erwarten, von denen ich auch 

verlange, dass sie wissenschaftlich denken und Erfahrungen richtig auffassen und sammeln 
14 können. Da muss ich mit „Ja“ antworten.“ 

ja So sehen wir denn, dass Homer ein Schulmann war im besten Sinne des Wortes, 

jp. ein Lehrer im umfassendsten Sinne des Begriffes. 

$ Zu früh raubte ihn der Tod nicht nur seinen zahllosen Kranken, sondern zu früh 

s euch seinen vielen ihn verehrenden Schülern von nah und fern! 

g Sein Andenken aber, das wir heute feiern, wird ein gesegnetes bleiben und wenn 

i die besten Söhne Zürichs und die grössten Augenärzte genannt werden, so wird Friedrich 

Homer unter ihnen sein. 


Die wohlgelungene Marmorbüste, ausgeführt von Richard Kissling, findet sich im 
Vestibüle der Hochschule aufgestellt, zugleich mit derjenigen von Alex. Schweizer, aus¬ 
geführt von Hörbst. 


Yereinsberich te. 

Gesellschaft der Aerzte in Zürich. 

7. VintersitzDiig des 9. Februar 1895. *) 

Präsident: Prof. Both (in Abwesenheit von Prof. Stöhr). — Actuar: Dr. Conrad Brunner . 

L Dr. Herrn . Müller gibt in Ergänzung seines Votums an der DJphtherJe-Keil- 
senundebatte von letzter Sitzung einen Nachtrag. Vortragender bemerkt, dass er voll¬ 
kommen richtig citirt habe, wenn er in seinem Votum darauf aufmerksam machte, dass 
die Privatärzte von Berlin eine Diphtheriemortalität von 12°/o haben. In der Discussion 
über den Hansemann ’schen Vortrag (Votum Liebreich , Berlin, medic. Gesellschaft, 19. Dec. 
1894) sei wörtlich zu lesen: „Die durchschnittliche Sterblichkeit an Diphtherie betrage 

l ) Eingegangen 26. Februar 1895. Red. 


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208 


bei den in der Stadt im Hause behandelten Patienten 12°/o, bei den bisher in den Kran¬ 
kenhäusern behandelten (fast lauter schwere Fälle) 50%. a Dass ihm des Weitern bei 
seiner Angabe, in 16 Jahren nur 6 Fälle an Diphtherie verloren zu haben, Schönfärberei 
vollständig ferne lag, gehe daraus hervor, dass er bei diesen 6 Fällen mitgezählt habe 
den einzigen Fall, welchen er seiner Zeit ins Spital schickte und der dort letal verlief, 
ebenso einen zweiten Fall, den er nicht selbst bis zum Schlüsse behandelt hatte. — 
Ebenso sei die Schätzung, dass die Privatärzte von Zürich höchstens eine DiphtheriÖ- 
mortalität von 10—12°/o hätten, durchaus nicht übertrieben. Das ergebe sich ganz un¬ 
zweideutig aus der stadtzürcherischen Diphtheriemortalität, (in welcher NB. die 
Spitalfälle inbegriffen sind,) welche im letzten Jahre circa 18°/o betrug, 
währonddem die Mortalität in den beiden Diphtheriespitälern 30 bis 40% erreichte. 
Uebrigens würde man seinem Votum einen ganz andern Sinn unterschieben , wenn Je¬ 
mand glauben sollte, dass er ein Gegner der neuen Behandlung sei; darüber erlaube er 
sich vorläufig noch gar kein Urtheil; er glaube nur, dass es einstweilen noch verfrüht 
sei, ein definitives Urtheil abzugeben. 

II. Dr. Fick: Ueber Hernhauttransplantatien. (Der Vortrag erscheint ausführ¬ 
lich in diesem Blatte.) 

III. Dr. Heuss: 1. Vorstellung eines Falles von Keratodermia heredltaria symme¬ 
trica plantaris et palmarls. 

2) Referat über einige in letzter Zeit beobachtete interessante Fälle von Alopecia 

areata: a) Mit ringförmiger Regeneration der Haare auf der alopecischen Stelle, 

b) Eine Alopecia vitiligoides. c) Eine Alopecia totalis mit Nagelveränderungen (Demon¬ 
stration einiger Photographien). 

3) Vortrag: Znr Behandlung der rothen Nase. (Erscheint ausführlich im Cor- 
responden/.blatt.) 

Discussion: Dr. Kreis. Was den Fall von Ke ratodermie betrifft, so 
kann puncto Diagnose wohl kein Zweifel herrschen. Differentialdiagnostisch käme höch¬ 
stens eine locale Ichthyosis in Betracht. Gegen die letztere spricht der Mangel an Schuppen¬ 
bildung. Weiter könnte eine Berufsdermatose in Betracht fallen, gegen eine solche spricht 
aber das Befallensein der Fusssohle. 

In Bezug auf die Acne rosacea möchte er bemerken, dass die Heredität hier 
nicht genug gewürdigt werden könne. Die Allgemeinbehandlung müsse in den Vorder¬ 
grund treten, die örtliche soll eine nebensächliche sein. Differentialdiagnostisch kämen 
hier kleinknotige Syphilide in Betracht. 

Dr. Haberlin vermisste im Vortrag von Dr. Heuss die Erwähnung der Massage als 
Behandlungsmethode. In Schweden werde diese vielfach angewendet. 

Dr. Heuss. Im Gegensatz zu Herrn College Kreis möchte H. das hereditäre Moment 
bei Rosacea nicht zu sehr betonen. Wie bei andern Erkrankungen, so wird auch bei 
Rosacea die erbliche Belastung vielfach überschätzt. Gewiss findet man hie und da einen 
Fall, dessen Vater schon Besitzer einer rothen Nase war. Das beweist aber nur, dass 
die Nachkommen eines Rothnasigen nicht gegen dieses Uebel immun sind. Das G e gen¬ 
theil wäre wunderbar. 

Von der von Herrn College Häberlin erwähnten Anwendung der Massage bei Rosacea 
sah und horte H. wenig Gutes. Einige bei geeignet scheinenden Fällen damit gemachte 
Versuche mussten wegen Verschlimmerung aufgesetzt werden. Vielleicht dürften die auf 
angioneurotischer Basis beruhenden Erfrierungsnasen eine Ausnahme machen. Gegen die 
allgemeine Anwendung der Massage bei diesen mit Gefassdilatation, Hypertrophie, 
Wucherung, Entzündung einhergehenden Processen sprechen schon theoretische Gründe. 

Die auf das Sitzungsprogramm gesetzte Berathung über die Anträge von Dr. TT. 
SchuUhess über Diphtherie - Serumtherapie wird wegen vorgerückter Zeit auf die nächste 
Sitzung verschoben. 


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8. Wiiteraitziiit dea 23. Fekriar 1895 im Birsaal der aed. Klinik. 1 ; 

Präsident in Vertretung: Dr. Conrad Brunner. — Actuar: Derselbe. 


I. Fortsetzung der Discussion über die Anträge von Dr. W. Schulthess betreffend 
Serumtherapie. (Vergl. Protokoll der 6. Wintersitzung in Nr. 5 des Corr.-Blattcs 1895.) 

Discussion: In Bezug auf den 1. Antrag theilt Dr. Brunner mit, dass nach 
Apfrago vom Vorstand, Herr Krahforst , Vertreter der Höchster Farbwerke in Zürich, die 
Mittheilung gemacht habe, dass er beständig frisches Serum in genügender Menge vor- 
rätbig haben könne. 

Prof. Eichhorst schlägt vor, man solle es vorläufig bei dieser Offerte bewenden 
lassen und keine weiteren Schritte tbun. Dagegen würde er es für opportun halten, 
Herrn Krahforst zu ersuchen, eine diesbezügliche Einsendung ins Correspondenzblatt zu 
machen. 

Dieser Vorschlag wird von Prof. Krönlein unterstützt und von der Gesellschaft gut¬ 
geheissen. 

An der Discussion über den II. Antrag Schulthess (Creirung einer Stelle zur bac- 
teriologischen Untersuchung auf Diphtherie) betheiligen sich die Herren Krönlein, Eich¬ 
horst, Huber, Haberlin, Conrad Brunner, W. Schulthess. 

Dr. H. v. Wyss stellt den Antrag, es sollen die in diesem Anträge enthaltenen 
Vorschläge einer Commission zugewiesen werden, welche das Ergebniss einer genauen 
Prüfung alsdann der Gesellschaft vorzulegen habe. Dieser Antrag wird von der Gesell¬ 
schaft nach Abstimmung angenommen. 

In die Commission werden vorgeschlagen und gewählt die Herren Prof. Wyss , O. 
Roth , Dr. W. Schulthess. 

H. Prof. Eichhorst stellt vor: 1) Einen 41jährigen Bautechniker, welchem seit 
8 Wochen eine Vorwölbung am rechten Schlüsselbein aufgefallon ist; zugleich stellten 
sich bei ihm sehr heftige Schmerzen am rechten Arm, Nacken und Hinterhaupt ein. Man 
sieht über dem rechten Schlüsselbein eine apfelgrosse, lebhaft pulsirende Geschwulst und 
kann durch die Percussion nachweisen, dass dieselbe sich im gleichen Umfang unterhalb 
des rechten Schlüsselbeins hinzieht und im Ganzen ein länglich-rundliches Gebilde darstellt, 
welches der Grösse der Faust des Kranken gleichkommt. Die Geschwulst pulsirt allseitig 
und ist wohl ohne Zweifel ein Aneurysma. Man hört über der Geschwulst einen kräftigen 
systolischen und diastolischen Ton, aber keine Geräusche. Das Sphygmogramm lässt 2 
Elasticitätselevationen und eine Rückstosselevation erkennen, doch ist das Pulsbild unge¬ 
wöhnlich, so dass man sich erst gewissermassen in dasselbe einiesen muss. Die Ge¬ 
schwulst fühlt sich auf ihrer Oberfläche glatt und elastisch an und ist schon auf geringen 
Druck empfindlich. Rechte Pupille verengt (Sympathicuslähmung). Keine Pulse in den 
Carotiden und Armarterien. Dagegen in den Cruralarterien der Puls kräftig und mit dem 
ersten Herzton fast coincidirend. Bei Druck auf die Carotiden Schwarzsehen und Ohn¬ 
machtsanwandlung. Herzdämpfung nicht vergrössert und ihre obere Grenze von dem 
Aneurysma durch eine 4 cm breite Zone lauten Schalles begrenzt. Der Vortragende er¬ 
klärt das Fehlen eines Geräusches durch Anfüllung des Aneurysmas mit Thromben, die 
eine wirkliche Verbreiterung des Strombettes verhindert haben. Eine Verzerrung und 
theilweise Verlegung der Gefässmündungen durch das Aneurysma hat zu einem Fehlen 
der Pulse in den Kopf- und Armschlagadern geführt. Der Sitz des Aneurysmas ist am 
Beginn des Arcus aortse zu suchen mit Betheiligung der Arteria anonyma. Die heftigen 
Schmerzen im Arm, Nacken und Hinterhaupt sind Folgen von Druck auf den Cervico- 
Bracbealplexu8. Diese Beobachtung bestätigt die Angabe, dass ein Aortenaneurysma an 
sich nicht Dilatation und Hypertrophie des linken Ventrikels zur Folge haben muss. 
Ursache ist wahrscheinlich Syphilis, welche Patient vor 13 Jahren acquirirte und lange 
Zeit nicht behandeln' liess. Die Angabe von Rosenbach , dass nicht Syphilis, sondern der 

x ) Eingegangeu 12. März 1895. Red. 

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Gebrauch von Jod- und Quecksilberpräparaten zu Aneurysma führe, hält der Vortragende 
für nicht bewiesen und unwahrscheinlich. 

Anhaltende Bettruhe, Eisblase auf das Aneurysma, Bepinselung mit Jodoformcollo- 
dium, innerlicher Gebrauch von Jodkali haben schon in 4 Wochen wesentliche Besserung 
herbeigeführt. Die Schmerzen sind ganz geschwunden. Patient hat an Körpergewicht 
um l'/s Kg. zugenommen. Die Pulsationen des Aneurysmas haben abgenommen und 
die Wand scheint dicker. Eine operative Behandlung durch Gefässunterbindung wird 
kaum rätlich sein, weil Patient schon durch Druck auf eine Carotis Ohnmachtsanwand¬ 
lungen bekommt. 

2) Ein 42jähriger Maurer leidet seit 6 Monaten an Heiserkeit, welche nach Er¬ 
kältung entstanden sein soll. Mitunter Schmerzen im linken Arm. Die laryngoscopische 
Untersuchung ergibt eine vollkommene linksseitige Recurrenslähmung. Patient spricht mit 
hoher heiserer Stimme und grosser Luftverschwendung. Die Lähmung ist durch ein 
Aneurysma aortse bedingt, denn man findet das Manubrium sterni stark gedämpft, wobei 
die Dämpfung beide Sternairänder um 2—3 cm überragt. Ueber der Dämpfung ein 
lautes systolisches Geräusch. Kein Puls in der linken Carotis und Brachialis. Linke 
Pupille verengt. Die Herzdämpfung nicht vergrössert und durch eine schmale Zone von 
der aneurysraatischen Dämpfung geschieden. Also auch hier ein Aortenaneurysma ohne 
Dilatation und Hypertrophie des linken Ventrikels, mit Druck auf die linke Carotis und 
Brachialis und mit Druck und Lähmung auf den Nervus recurrens. Behandlung wie im 
vorhergehenden Fall, bisher ohne Erfolg. 

3) Ein 12jähriger Knabe ist wiederholentlich auf der medicinischen Klinik wegen 
angeborner Pulmonalstenose behandelt worden. Dieselbe sitzt vielleicht am Conus pul- 
monalis, weil der 2. Ton über der Pulmonalis verstärkt war. Seit 6 Wochen beschleu¬ 
nigte, unregelmässige Herzbewegung, Athmungsnoth, Cyanose. Erneuerte Aufnahme auf 
die Klinik vor wenigen Tagen. Bemerkenswerth ist noch, dass der Junge an angeborener 
Taubstummheit leidet und eine Schwester verloren hat, die ebenfalls die Erscheinungen 
eines angeborenen Herzfehlers darbot. Merkwürdigerweise kann man jetzt von dem 
langen systolischen Geräusche nichts finden. Auffällig ist, dass sich in den letzten 
Wochen eine haselnussgrosse Anschwellung an der Theilungsstelle der Carotis ge¬ 
bildet hat, welche lebhaft pulsirt und als ein Aneurysma der Carotis communis bezeichnet 
werden muss. 

4) Ein 27jähriger Arbeiter hat sich am 3. Januar 1895 sehr stark angestrengt, 
indem er Tages über schwere Felle theils aus einem Gerbergraben ziehen, theils auf 
seiner Schulter forttragen musste. Am Abend leichtes Fieber, in der Nacht im Schlafe 
das Gefühl von Vertotung des linken Armes, am Morgen Lähmung desselben. Zur Zeit 
sind gelähmt: alle Schulterblattmuskeln, alle Oberarmmuskeln; stark paretisch: latissimus 
dorsi und cucullaris, desgleichen pectoralis major. Die Unterarmmuskeln führen alle 
Bewegungen aus, aber mit geringer Kraft. Dynamometerdruck rechts 35 kg., links 10 kg. 
Die gelähmten Muskeln stark atrophisch, die paretischen Muskeln deutlich, aber weniger 
stark atrophisch. Hie und da fasciculäre Zuckungen in den gelähmten Muskeln. Bei 
electrischer Prüfung partielle Entartungsreaction mit trägen Zuckungen. Sebnenreflexe 
fehlen, Periostreflexe leicht angedeutet. Keine Parästhesien, keine sensiblen, trophischen 
und vasomotorischen Storungen. Die Differentialdiagnoso schwankt zwischen Brachial¬ 
plexuslähmung und Poliomyelitis cervicalis ant. sin. Wegen des fieberhaften Anfanges, 
des Mangels von sensiblen Störungen, des Vorhandenseins fasciculärer Muskelzuckungen 
entscheidet sich Vortragender für Poliomyelitis, die ihren Sitz in den obern Partien der 
grauen Substanz des Halsmarkes hat. 

Von der Diagnose hängt die Prognose ab, denn man wird bei Poliomyelitis keine 
Besserung erhalten, die bei Plexuslähmung wohl zu erwarten wäre. 

5) Eine 54jährige Seidenweberin leidet seit October 1894 an einer Paraplegia 
beider Beine. Die Krankheit stellte sich nach einem 15wöchentlichen Krankenlager wegen 


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Lungencatarrhs ein und begann mit Schwächeempfindung in den Armen , die nach 
einigen Monaten zuriickging. Gegenwärtig Paraplegie der Beine, Atrophie der Musculatur. 
’ormcolJo- Vollkommene Entartungsreaction. Fehlen der Sehnenreflexe, keine trophischen und sen- 

siblen, keine Mastdarm- und Blasenstörungen. Dagegen heftige Schmerzen in den Beinen, 
‘rgewiehi besonders in der Nacht. Vortragender erklärt dies als multiple Neuritis, entstanden in 

>eQ djk! Folge von Marasmus; Prognose nicht ungünstig, da eine allgemeine Regeneration der 

ng wird Nerven und damit ein Schwinden der Lähmung möglich ist. 

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Referate und Kritiken. 

Mittheilungen aus Kliniken und medicinischen Instituten der Schweiz. 

I. Reihe. Heft 5. Experimentelle Untersuchungen Uber die bei Entstehung der 
Perforationsperitonitis wirksamen Factoren des Darminhalts. 

Von Dr. W. Silberschmidt. Carl Sallmann. 1894. 32 S. 


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Unter den experimentellen Arbeiten über das Zustandekommen der Peritonitis stehen 
sich in den Resultaten hauptsächlich 2 gegenüber: die von Grawiiz , welche zeigte, dass 
das gesunde Peritoneum pathogene Microorganismen in nicht allzu grossen Mengen ohne 
Schädigung ertragen könne — und die von Pawlowsky , wo nachgewiesen wurde, dass 
selbst kleine Mengen virulenter Keime genügen, um eine Peritonitis zu erzeugen, besonders 
aber, wenn das Peritoneum durch chemische Substanzen gereizt war. 

Zahlreiche seither erschienene Arbeiten stellen sich grösstentheils auf die Seite von 
Grawiiz und die Gewissheit, dass das Peritoneum durch seine enorme Resorptionsfabigkeit 
relativ grosse Mengen von Flüssigkeit und Bacterien ertragen kann, ohne entzündlich zu 
reagiren, hat sich bei den Meisten jetzt eingebürgert. Die Hauptsache ist das Intactsein 
des Epithels (Walthard und Andere) und der Umstand, dass die Bacterien in rasch re- 
sorbirbaren Vehikeln in das Peritoneum gelangen. Sobald sie Zeit zur Entwicklung 
haben (in Kotb, Blut, festen Laboratoriumsnährböden) werden sie local oder allgemein 
entzündliche Erscheinungen bervorrufen. 

S. sucht nun nachzuweisen, welchen Bestandteilen des Darminhalts das Entstehen 
einer Peritonitis zugeschrieben werden muss, und auf Grund zahlreicher Experimente 
kommt er zu dem Schluss, dass bei Thieren weder mit pathogenen Bacterien allein, noch 
mit StofFwechselproducten derselben allein, noch mit Darmfermenten und mit festen steri- 
liöirten Bestandteilen des Darminhalts allein eine Peritonitis erzeugt werden kann. Die 
drei letztgenannten Factoren können den Tod durch allgemeine Intoxication bedingen, sie 
können aber eine tödtlicbe Peritonitis hervorrufen bei gleichzeitiger Anwesenheit von pa¬ 
thogenen Microorganismen; am meisten praedisponiren dabei die festen Foecesbestandtheile. 

In jedem Fall von tödtlicher Peritonitis wurden Microorganismen in der Peritonealhöhle 
naebge wiesen. 

Die Frage, warum der Inhalt des Dünndarms eher im Stande ist, Peritonitis her¬ 
vorzurufen als der des Dickdarms, konnte leider nicht beantwortet werden. 

S. unterscheidet 2 Gruppen der bei Peritonitis beobachteten Symptome: 

1) die allgemeinen bestehend in einer Intoxication durch die Resorption der toxi¬ 
schen Substanzen des Darminhalts, 

2) die localen, deren Pathogenese in 2 Momente zerfallt 

a) Praßdisposition des Peritoneums durch die festen Bestandtheile des Darminhalts 
und dessen lösliche Stoffe, 

b) Entwicklung einer bacteriellen Entzündung auf diesem aseptisch entzündeten 
Boden. 


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I. Reihe. Heft 6. Recherches $u r la mobilitä et les cils de quelques reprfeentants 

du groupe des coli-bacilles. 

Von B. de Stcecklin . Carl Sallmann. 1894. 43 8. 

Wenn es relativ leicht ist, den Typbusbacillus ( Eberth ) mit seinen bestimmten Merk¬ 
malen in cultureller und chemischer Hinsicht zu characterisiren, so ist dies mit dem 
Bacterium coli ( Escherich) fast unmöglich; bei demselben wechseln Form, culturelle Merk¬ 
male und chemische Reactionen je nach Provenienz, Züchtungsverfahren und andern 
Factoren. Es gehört daher zu den schwierigsten, ja — wie von einzelnen Autoren be¬ 
hauptet wird — unmöglich auszuführenden Aufgaben des Bacteriologen Typhusbacillus 
und Bact. coli zu unterscheiden. S. erklärt diess dadurch, dass (wie Tavel u. A. früher 
schon zeigten) Bacterium coli ein Sammelnamen für eine Anzahl nahe verwandter Darm¬ 
bacillen ist. Es handelt sich dabei nicht um Varietäten ein und desselben Keims, son¬ 
dern um Arten, die genau von einander getrennt werden können. Alle haben im Ganzen 
die von Escherich beschriebene Form, verflüssigen die Gelatine nicht und entfärben sich 
bei Anwendung der Gram* sehen Methode. 

Die dieser Gruppe angehörigen Bacillen sind mobil und immobil, doch konnte S '. 
nie die trägen Bewegungen erkennen, die Escherich für seinen Bacillus beschrieb; ent¬ 
weder waren sie lebhaft beweglich oder ganz unbeweglich. 

Der interessanteste Theil in der anregend geschriebenen Arbeit sind wohl die Be¬ 
obachtungen, die S. mit der Geisselfärbung (streng nach Löffler'a Vorschrift) machte. Die 
hiebei stets constatirte Thatsache, dass die Cilien von einer Kapsel ansgingen und mit 
dem Bacterienleib selbst ohne Zusammenhang waren, ist für die Forschung nach der Be¬ 
deutung der Geissein von grosser Wichtigkeit. Ob nun die Erklärung von 5., der mit 
Bütschli den Bacterienleib nur als Zellkern und die Kapsel als Zellleib anspricht, richtig 
ist, lässt sich durch diese Beobachtungen kaum endgiltig entscheiden, ebenso wenig die 
interessante Beobachtung, warum die Anzahl der Geissein umgekehrt proportional der 
Beweglichkeit der Bacterien war. — S. sieht in der Geisselfärbung ein wichtiges Unter¬ 
scheidungsmittel zwischen Typhusbacillus und Bacterium coli. 

Der Arbeit sind 4 gute Photogramme beigegeben. Carl S. Hcegler. 


Lehrbuch der bacteriologischen Untersuchung und Diagnostik. 

Von Dr. Ludwig Heim . Stuttgart, Ferdinand Enke, 1894. 528 S. Preis Fr. 21. 35. 

„Ein Lehrer und ein Führer soll dies Buch sein. Wem es nicht möglich war, 
vorher in einem practischen Curse die Handgriffe und Methoden kennen zu lernen, selbst 
der soll an Hand dieser Anleitungen zum Ziele kommen, wenn er nur Schritt für Schritt 
so verfahrt, wie drin steht.“ Als Ref. dies in der Vorrede las, kam es ihm vor, es sei 
doch etwas viel versprochen, denn practische Fertigkeit und Sicherheit lassen sich wohl 
nicht aus Büchern lernen. Und doch hat Verf. Recht! Von den vielen bacteriologischen 
Lehrbüchern hat Ref. keines mit einem solchen Genüsse durcbgelesen. 

Der stattliche Band erschien in der „Bibliothek des Arztes“ (Ferd. Enke—Stuttgart) 
und hatte a priori wohl einen schweren Stand, denn an bacteriologischen Lehrbüchern 
(Frankel, Günther etc.) hat es den Wissensdurstigen nicht gefehlt. — Das Buch hat aber 
seine besondern Vorzüge. Verf. hat seine reichen Erfahrungen mit einem Geschick hier 
niedergelegt, das fast raffinirt genannt werden muss. Den kleinsten Details wird eine 
Aufmerksamkeit gewidmet, die, ohne in Pedanterie zu verfallen, die vielen Fehlerquellen 
in der bacteriologischen Forschung zu vermeiden sucht. Bis in die Neuzeit sind alle 
technischen und wissenschaftlichen Errungenschaften mit grosser Sorgfalt wiedergegeben 
und daneben der Litteratur — zum ersten Mal in einem bacteriologischen Lehrbuch — 
durch klare Citate (in Abkürzungen) ausgiebig Rechnung getragen, so dass die wissen¬ 
schaftliche Forschung sofort einen Halt hat. 


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Das Buch zerfallt in 3 Theile. Im I. Theil werden „die Ausführung der bac- 
teriologischen Untersuchungen und ihre Hilfsmittel u besprochen (wobei hauptsächlich auch 
der Thierversuch mit grosser Sorgfalt behandelt wird). Der II. Theil behandelt die 
Morphologie und Biologie der Bacterien (mit Berücksichtigung der niedem Pilze, Spross- 
pilze und Algen). Im III. Theil folgt die bacteriologische Diagnostik (Vorkommen und 
Nachweis der Bacterien im menschlichen Körper und dessen Umgebung, in der Leiche, 
in den einzelnen KÖrpertheilen und ihren Ausscheidungsstoffen). Als Anhang enthält der 
IV. Abschnitt noch Käthe zur Einrichtung von bacteriologischen Arbeitsstätten einfachster 
und complicirtester Art mit Preisberechnung. 

Zahlreiche nach photographischen Aufnahmen hergestellte Abbildungen sind im Buch 
zerstreut, welche jeweilen die zu einem Verfahren nöthigen Geräthe und Chemikalien 
ausserordentlich anschaulich darstellen. S Lichtdrucke und 50 Photogramme vervoll¬ 
ständigen die gute Ausstattung des Buches. 

Der hohe Preis wird Manchen abschrecken. Wer aber bacteriologisch arbeiten will, 
wird in diesem Buch einen Führer finden, wie er ihn sich besser nicht wünschen kann. 

Carl S. Hcegler. 


Die Gynascologie des Soranus von Ephesus. Geburtshilfe, Frauen- und Kinderkrankheiten, 

Diätetik der Neugeborenen. 

Uebersetzt von Dr. phil. H. Lüneburg , commentirt und mit Beilagen versehen von Dr. 
v tT. Ch. Huber . München. Lehmann 1894. Preis 4 Mk. 

Es ist selten und verdienstlich, dass ein Arzt sich mit einem alten medicinischen 
Autor befasst und aus diesem Grund schon ist eine Besprechung des Huber' sehen Buches 
am Platze. Natürlich findet aich unter den wiedergegebenen Ansichten des Soranus 
manches falsche, aber auch allerlei durch spätere Beobachtung bestätigtes. Dahin gehört 
die richtige anatomische Beschreibung des menschlichen Uterus, der mit einem ScbrÖpfkopf 
verglichen wird. Der Unterschied zwischen Thier und Mensch bei diesem Organ scheint 
ihm also bekannt zu sein, obwohl es unwahrscheinlich ist, dass er Sectionen gemacht hat. 
Virginität ist für beide Geschlechter zuträglich, jedenfalls soll' kein Coitus vor Beginn 
der Menses stattfinden. Auf die Gefahren, denen ältere Erstgebärende ausgesetzt sind, 
wird aufmerksam gemacht. Bei der Wahl einer Frau ist es vor allem wichtig, dass sie 
gesund sei, dann wird sie auch wahrscheinlich concipiren. Die sogenannten Zeichen der 
Fruchtbarkeit, breite fleischige Hüften, Sonnensprossen sind unzuverlässig. Diese kurze 
Auswahl von Aussprüchen des Autors genügt, um zu zeigen, dass der kleine Band allerlei 
Beachtenswertes enthält. Die klare, einfache Schreibweise empfiehlt ihn als angenehme 
Lectüre für jeden Arzt, der sich für die Geschichte seiner Wissenschaft interessirt. 

Gönner. 


Diagnostik der inneren Krankheiten. 

Von Prof. 0 . Vierordt. 4. Auflage. F. C. W. Vogel, Leipzig 1894. Preis 10 Mk. 

Die rasche Reihenfolge der Auflagen des VierordV sehen Buches ist das beste Zeugniss 
der Anerkennung, welche dieses Werk in ärztlichen Kreisen gefunden hat. Die klare 
einfache Schreibweise, die gründliche Besprechung der wichtigen Punkte, bei Weglassung 
jeden Ballastes und jeder unnötigen theoretischen Discussion, verleiht der Vierordt' sehen 
Diagnostik einen ausgesprochenen practischen Charakter, der wohl nicht zum geringen 
Theil zum Erfolg des Werkes beigetragen hat. Besonders gelungen sind in dieser Hin¬ 
sicht die Capitel über physikalische Diagnostik der Athmungs- und Kreislaufsorgane; 
durch einfache aber gut gewählte schematische Zeichnungen ist das Verständniss der 
Darstellung wesentlich erleichtert, was besonders für den Anfänger von grossem Werte 
ist. Ebenfalls sind die Abschnitte über Untersuchung des Mageninhalts und des Urins 
so bearbeitet, dass der practische Arzt darin gerade das findet, was er zur Stellung einer 


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genauen Diagnose notbwendig hat; die angeführten Methoden sind im Allgemeinen gut 
und so gewählt, dass ihre Anwendung selbst in den meist bescheidenen Verhältnissen der 
ärztlichen Praxis möglich ist. Neu bearbeitet nach den neuesten Ergebnissen der For¬ 
schung auf diesem Gebiete ist das Capitel der Blutuntersuchung. Im Gapitel über die 
Untersuchung des Nervensystems gibt der Autor nur einen Umriss des Wichtigsten und 
verweist im Uebrigen auf die Lehrbücher der Nervenkrankheiten. Jaquet. 


Lehrbuch der speciellen Pathologie und Therapie. 

Von Prof. A. Strümpell . Achte Auflage. F. C. W. Vogel, Leipzig 1894. 

Preis 36 Mk. 

Eine eingebende Besprechung des Strümpelf sehen Lehrbuchs dürfte nun wohl über¬ 
flüssig geworden sein. Seit dem berühmten Lehrbuch von Niemeyer hat kein Werk über 
specielle Pathologie und Therapie auch nur annähernd den Erfolg des Strümpelf sehen 
gehabt. Die junge medicinische Generation ist so zu sagen mit diesem Buche in der 
Hand aufgewachsen und in ihrem Denken und Handeln von den darin enthaltenen 
Lehren wesentlich beeinflusst worden. Die vorliegende achte Auflage unterscheidet sich von 
den vorigen hauptsächlich durch die andere Anordnung des Stoffes. Vom ersten Bande 
sind die Krankheiten' der Digestionsorgane abgetrennt und bilden mit den Krankheiten 
des Uro-Genital-Apparates und den Constitutionskrankheiten den zweiten Band. Der 
dritte, Schlussband, ist den Krankheiten des Nervensystems reservirt. Abgesehen von De¬ 
tailänderungen, welche die Ergebnisse der letztjährigen Forschungen nothwendig gemacht 
hatten, hat hauptsächlich das Capitel der musculären Erkrankungen des Herzens eine 
wesentliche Umarbeitung erfahren. Jaquet. 


Diphtherie, Croup, Serumtherapie. 

Von Prot Dr. Th. Escherich . Wien, Leipzig^ Teschen 1895. gr. 8°. 155 S. 

Preis geb. 4 Fr. 

Die ersten zwei Theile des Buches sind die in erweiterter Form ausgearbeiteten 
Artikel des Verfassers: Croup und Diphtherie aus der DrascÄe’sehen Bibliothek der ge- 
sammten medicin. Wissenschaften. Die ausgezeichnete Schilderung durch den auf diesem 
Gebiet als Bacteriologe und Kliniker höchst verdienten Paediaters, der hier eingehend 
(90 Seiten) Actiologie, Pathologie und Therapie abhandelt, wird manchem Arzte sehr 
willkommen erscheinen, dem sich in letzter Zeit mehr und mehr das Bedürfniss aufge¬ 
drängt hat, die früher so unklaren Krankheitsbegriffe Croup und Diphtherie im Lichte 
der bacteriologischen Forschung genauer kennen zu lernen. Der dritte Theil (65 Seiten) 
beschlägt die Serumtherapie bei Diphtherie im Allgemeinen und die von Escherich auf 
der Grazer Kinderklinik damit erhaltenen sehr guten Resultate im Besondern (bei 51 
Kindern 9,5% Mortalität, resp. bei Abzug von 3 moribund Eingebrachten nur 3,8%)- 
Aus der sehr sorgfältigen Beobachtung und Prüfung seiner Fälle kommt E. zu den 
Schlüssen, dass die Hauptwirkung des Serums in der Beeinflussung des örtlichen Krank- 
heitsprocesses besteht, in der raschen Abstossung und der Behin¬ 
derung der weiteren Ausbreitung der Membranen; viel ge¬ 
ringer ist der Einfluss auf di9 toxischen Erscheinungen. 
So erklärt es sich, dass die einzelnen (von Escherich sehr passend unterschiedenen) 
klinischen Formen der Diphtherie durch das Heilserum sehr verschieden beeinflusst werden. 
Die localisirte Form der Rachendiphtherie heilt bei der gewöhnlichen Behandlung 
ebenso gut als bei der Serumtherapie; die septische Form (Mischinfection) wird 
nur in leichteren Fällen durch das Serum günstig beeinflusst, die schweren septischen 
Fälle sterben auch bei der Serumtherapie. Dagegen bietet die progrediente 
Form (Betheiligung des Kehlkopfs etc.) gegen früher ausgezeichnete Resultate, eine 
Verminderung der Mortalität um fast 100 Procent, wobei noch zu bemerken ist, dass 


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oeioen gn frühzeitige Anwendung von Serum den Uebergang von der localisirten Form in die pro- 

nissen der grediente oder in die septische Form oft zu hindern vermag. Neben der Serumtherapie 

derFor- wendet E . örtlich Sublimat (l°/oo) an, zur Unterstützung der Heilung und zur Vernichtung 

üiffliji der nach dem Verschwinden der Membranen zurückbleibenden Bacillen. Die Serumtherapie 

ptand vermindert besonders die Mortalität der ersten Lebensjahre, da septische Formen in den 

net, ersten 4 Jahren selten sind. Schädliche Einflüsse der Serumtherapie traten nie auf, ab¬ 

gesehen von einem grossfleckigen Exanthem in 3 Fällen, einmal mit Fieber und Gelenk¬ 
schmerzen verbunden. Postdiphtherische Lähmungen wurden durch das Serum nicht ver¬ 
hindert, vielleicht aber abgeschwächt. Feer. 


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Du traitement des cataractes traumatiques. 

Rapport presente 4 la societe fran$aise d’ophthalmologie Congres de 1894 par G. Balten- 
hoff\ professeur d’ophthalmologie 4 l’Universitö de Geneve. Paris, Stoinheil, 1894. 

Die vorliegende Monographie behandelt ihren Gegenstand mit grosser Einlässlichkeit. 
Alle bei der Behandlung des Wundstaars in Frage kommenden Methoden werden berück¬ 
sichtigt und kritisirt. Ueber die Erfolge, welche mittelst Aspiration der gequollenen Linsen- 
massen erreicht werden können, hat Verfasser keine eigene Erfahrung. Es wird diese 
Methode von einigen französischen Operateuren, namentlich von Coppez , ausgeübt und 
empfohlen. Es ist in der Abhandlung gebührend hervorgehoben, dass ein von Wundstaar 
gut geheiltes Auge immerhin nur ein Reserveauge ist, da es wegen seiner Aphakie am 
binoculären Sebact keinen Anthei) nehmen kann. Erst wenn dem andern Auge etwas 
passirt, tritt der ganze Werth des aphakischen Auges hervor, da es dann mittelst starkem 
Convexglas dienstfähig gemacht werden kann. Daher empfiehlt Verfasser namentlich 
jugendlichen Individuen, solche Augen nicht brach liegen zu lassen, sondern dieselben 
stetsfort zu üben (Lesen mit Staarglas bei Exlusion des gesunden normalen Auges), damit 
nicht Amblyopie wegen Nichtgebrauch eintritt. — Von bemerkenswerthem Interesse sind 
auch die der Arbeit beigegebenen Discussionsvoten, in denen hervorragende Fachmänner 
wie de Wecker und andere, ihre Erfahrungen mittheilen. Mehrere weisen darauf hin, 
dass man nicht allzuoft zu operativen Eingriffen Zuflucht nehmen soll, wozu der lang¬ 
wierige Heilungsverlauf wohl leicht Veranlassung geben könne, da die meist aus der ar¬ 
beitenden Klasse sich recrutirenden Patienten oft nicht wohl während mehrerer Monate 
von der Arbeit fern gehalten werden können. — Die Abhandlung, die in der französi¬ 
schen ophthal. Gesellschaft mit grossem Beifall aufgenommen wurde, sei zur Lectüre 
bestens empfohlen. Pfister . 


W ochenbericht. 

• Schweiz. 

Hfilfzkazze für Schweizer Aerzte und Burekhardt-Baader- 

Stlftung. 

Indem wir den schweizerischen Collegen die zwölfte Rechnung der Hülfskasse vor¬ 
legen, möchten wir ihre Aufmerksamkeit auf die Hauptergebnisse lenken. Die Ausgaben 
sind, wie wir schon bei der vorigen Rechnung Voraussagen konnten, gestiegen und be¬ 
tragen im Berichtsjahre Fr. 7364. 71, wovon Fr. 6850 Unterstützungen. Die freiwilligen 
Beiträge von Aerzten haben mit Fr. 7098 nur wenig die Höhe des vorigen Jahres über¬ 
schritten, so dass nur Dank zwei ausserordentlichen Vergabungen aus Trauerhäusern die 
Vermögenszunahme Fr. Ö000 beträgt; ohne diese Vergabungen würde sie nur Fr. 3000 
betragen, das Minimum seit dem Bestände der Kasse. 

Die schweizerische Aerztecommission, welche den Gang der Kasse, die Sammlung 
und Verwendung der Mittel, sorgfältig prüft, ist nach reiflicher Erörterung der Lage zum 


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216 


Beschlüsse gelangt, beim bisherigen Modus der freiwilligen Beiträge zu bleiben in der 
Hoffnung, dass mit den Leistangen der Kasse auch die werkthätige Theilnahme der 
Collegen steigen werde. Die HQlfskasse kann und soll ja nicht eine Lebensversicherung 
ersetzen. Es sollte nicht Vorkommen, dass ein sonst gesünder, versicherungsfähiger College, 
wenn er durch Unfall oder acute Krankheit hinweggerafft wird, seine Familie ganz 
mittellos oder gar noch mit Schulden aus der Studienzeit hinterlässt mit dem einzigen 
Tröste: Wendet Euch an die Hülfskasse. Solchen Anforderungen kann eine freiwillige 
Hiilfskasse niemals entsprechen; sie würde ihnen rasch erliegen. 

Aber auch ohne solche unberechtigte Ansprüche bleibt genug zum Unterstützen 
übrig: greise, erwerbsunfähige Collegen; invalide, alte Wittwen, welche oft nur kümmer¬ 
lich sich einen Theil ihres Unterhaltes verdienen; kinderreiche Familien, welchen der 
zu früh verstorbene Ernährer trotz aller Thätigkeit und Fürsorge keine genügenden 
Miitel hinterlassen konnte. 

Die Hülfskasse betritt das neue Jahr mit der Unterstützung von 3 alten, invaliden 
Collegen, 6 durch Kränklichkeit oder Alter mehr oder weniger erwerbsunfähigen Wittwen, 
10 Wittwen mit 1 bis 5 unerzogenen Kindern. Solche Hülfsbedürftige nicht der öffent¬ 
lichen Mildthätigkeit anheimfallen zu lassen, ist collegiale Ehrensache, an der sich Alle, 
die es können, betheiligen sollten. 

Helfen Sie Alle mit, das von Arnold Baader und Albert Burckhardt begonnene 
segensreiche Werk kräftig weiterzuführen. 

Bern und Basel, März 1895. 

Der Präsident der schweizerischen Aerztecommission: 

Prof. Dr. Th . Kocher . 


Der Verwalter der Hülfskasse : 

Dr. Th. Lote-Lander er, Basel, Steinengraben 20. 

Ioi Anschlüsse &n den obigen Aufruf mögen noch einige practische Bemerkungen gestattet 
sein. Alle schweizerischen Collegen, soweit sie aus dem Medicinalkalender bekannt sind, erhalten 
jeweilen einen Separatabdruck der Rechnung und, falls sie nicht schon einen Beitrag für das lau¬ 
fende Jahr geleistet haben, eine Subscriptionskarte. Falls auch solche, welche schon beigetragen 
haben, eine Karte erhallen, mögen sie den Irrthum entschuldigen. 

Sehen wir von gänzlicher Reactionslosigkeit ab, so pflegt die Reaction auf die Zusendung der 
Subscriptionskarte verschiedenartig zu sein. Zahlreiche Collegen senden ohne Weiteres durch Brief 
oder Mandat ihren Beitrag; das ist das einfachste. Ein grosser Theil sendet die Subscriptionskarte 
ausgefüllt zurück, worauf der Beitrag eingezogen wird; hiezu ist nur zu bemerken, dass diese aus¬ 
gefüllten Karten als Briefe frankirt werden müssen; bei Frankatur als Drucksache erwächst 
aer Kasse Strafporto. Einzelne Collegen thun beides, sie senden die ausgefüllte Karte und den Be¬ 
trag per Mandat; solche sind gebeten auf der Karte zu bemerken: „Betrag folgt per Mandat“, damit 
nicht mit ihrer Sendung sich ein Einzugsmandat kreuze. 


Zwllfte Rechnung vom 1. Jamr bis 91. December 1894. 

Einnahmen. Fr. Ct. 

Saldo alter Rechnung 



Beiträge für die 

Hülfskasse: 

Anzahl 


AU8 

dem Canton 

Aargau 

1 4 51 
l ) 1 4 100j 

18 

250. — 

n 

n r> 

Appenzell 

\ 2 

105. — 

n 

rt » 

Basels tadt 

26 

855. — 


»» j » 

Baselland 

7 zus. 1251 
') 1 4 lOOj 

1 8 

225. — 




Transport 

54 

1435. — 


*) Beiträge von Vereinen. 





Fr. Ct. 
955. 82 


955. 82 


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217 


b io der 
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lüden 

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ffent* 

Ile, 

oene 




Anzahl 

Fr. Ct. Fr. 


Transport 

54 

1435. — 955. 

Aas dem Canton Bern 


67 

1180. — 

. » , Freiburg 

3 zus. 30' 
') 1 4 30j 

! * 

60. — 

. . . St. Gallen 

20 zus. 520] 
*) 1 4 30) 

\ 21 

550. — 

„ » „ Genf 

10 

215. — 

. , „ Glarus 


3 

70. — 

. „ „ Granbänden 


19 

277. — 

» „ . Luzern 


12 

270. — 

, „ , Neuenburg 


14 

395. — 

, „ „ Schaffbaasen 

3 zus. 25) 
’) 4 100/ 

4 

125. — 

» » n Schwyz 

2 

30. — 

* „ „ Solothurn 


8 

150. — 

, „ jf Tessin 


28 

161. — 

, „ „ Thurgau 

11 zus. 365) 

>) 4 100/ 

12 

465. — 

» » » üri 

2 

15. — 

. . „ Waadt 


18 

345. — 

» .Zug 


6 

70. — 

» „ . Zürich 


54 

1005. — 6818. - 


338 


Von Diversen: 




Von Herrn Dr. Eduard Hess in Cairo 


1 

25. — 

. , „ Zürcher in Nizza 


1 

30. — 

Aus dem Trauerhause G. in Basel 


1 

1000. — 

Von Fräulein H. S. durch Herrn Dr. E. Heues in Zürich 

1 

30. — 

Zum Andenken an Herrn Dr. J. J. Kunz 

sei., Spitalarzt 



in Liestal, durch dessen Erben 

1 

1000. — 2085. — 

Beiträge für die Burckhardt- 

5 


Baader-Stiftung: 

Aus dem Canton Appenzell 

■) 

1 

50. — 

» » n Bern 

1 4 1 Ol 

2 

40. — 

n » v St. Gallen 

1 l * 

1 4 20/ ' 

l 

30. — 

ff » « Genf 

1 

25. - 

d „ „ Graubünden 

1 

25. — 

n „ „ Luzern 

1 


10. — 

s, » ff Tessin 

■) i 

100. — 280. - 


Ct. 

82 


9 

C a p i t a 1 i e n : 

Verkauf von 3 Obligationen der Eidgenossenschaft 4 Fr. 1000 
Rückzahlung von 1 Obligation des Cantons Zürich 


3000. — 
1000 . — 


4000. — 


Transport 14138. 


l ) Beiträge von Vereinen. 


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218 


Capitalzinse 
wovon Zinsen der Hülfskasse 

„ „ „ Burckhardt-Baader-Stiftung von Fr. 15,441 

k 3 9 /4% 

Transport 

2349. 19 

579. 04 

14138. 82 
2928. 23 


2928. 23 


Cursgewinn8t 


254. — 



17321. 05 

Ausgaben: 

1. Capitalanlagen 

2. Bezahlte Marchzinsen auf angekanften Obligationen der 
Berner Jurabahn und des Cantons Freiburg 

3. Depositengebühr. Incassoprovision etc. an die Bank in Basel 

4. Frankaturen und Posttaxen 

5. Druckkosten und dergleichen 

6. Verwaltungskosten 

7. Unterstützungen an 4 Collegen in 11 Spenden 

„ „16 Wittwen von Collegen in 66 Spenden 

1200. — 
5650. — 

8279. 68 

85. 15 
67. 40 
77. 99 
137. 17 
147. — 

Zusammen an 20 Personen in 77 Spenden 
und zwar aus der Hülfskasse 
aus der Burckhardt-Baader-Stiftung deren Zinsen 

6270. 96 
579. 04 

6850. - 


6850. — 


8. Baar-Saldo auf neue Rechnung 


1676. 66 



17321. 05 

Die eigentlichen Einnahmen sind: 

Freiwillige Beiträge von Aerzten für die Hülfskasse 

Diverse „ » » » 

Freiwillige „ „ * „ „ Burckhardt-Baader- 

Stiftung 

Eingegangene Capitalzinse 

Cursgewinnst 

6818. — 
2085. — 

280. — 
2928. 23 
254. — 

9 

12365. 23 

Die eigentlichen Ausgaben sind: 

Die Posten 2.—7. wie vorstehend 


7364. 71 

Also Mehreinnahme gleich dem Betrag der Vermögenszunahme 

5000. 52 

Status. 

Verzinsliche Rechnung der Bank in Basel 

87 bei der Bank in Basel deponirte Schuldtitel 

Baar-Saldo 


3560. 94 
75000. — 
1676. 66 

Summe des Vermögens am 31. December 1894 

80237. 60 

Dasselbe besteht aus 

dem Fond ohne besondere Bestimmung (Hülfskasse) 
der Burckhardt-Baader-Stiftung 

Fr. Ct. 
64516. 60 
15721. — 

80237. 60 

Am 31. December 1893 betrug das Vermögen: 

Fond ohne besondere Bestimmung 

Burckhard t-Baader-Stiftung 

59796. 08 
15441. — 

75237. 08 

Zunahme im Jahi* 1894 


5000. 52 


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219 


14138. 8 
2928. M 


254. - 
'321.03 

279.08 

85. li 
61 iO 
11 . $3 
37.17 
17.- 


J 

J 


? 


tfämlioh Zunahme des Ponds ohne besondere Bestimmung 

Zonah^di'Buickhftrdt-Baader.Stiftung 


Jahr 


Freiwillige 
Beiträge 
von Aerzten 
Fr. Ct. 


Diverse 

Beiträge 

Fr. Ct. 


Legate 

Fr. 


Unter¬ 

stützungen 

Fr. Ct. 


Fr. Ct. 
4720. 52 
280. — 

5000. 52 

Bestand der 
Kasse Ende 
des Jahres 
Fr. Ct. 


Vermögens¬ 

zunahme 

Fr. Ct. 


1883 

7,042. 

, — 

530. 

, — 

— 

-. 

— 

7,396. 

95 

7,396. 

1884 

3,607. 

—■ 

100. 

— 

— 

-. 

— 

11,391. 

91 

3,994. 

1885 

7,371. 

— 

105. 

— 

2,500 

200. 

— 

21,387. 

06 

9,995. 

1886 

7,242. 

— 

25. 

— 

2,000 

1,530. 

— 

29,725. 

48 

8,338. 

1887 

7,183. 

— 

140. 

— 

1,000 

2,365. 

— 

36,551. 

94 

6,826. 

1888 

5,509. 

50 

285. 

— 

1,000 

3,153. 

35 

41,439. 

91 

4,887. 

1889 

6,976. 

— 

156. 

85 

— 

3,575. 

35 

46,367. 

47 

4,927. 

1890 

11,541. 

— 

375. 

— 

2,300 

3,685. 

— 

58,587. 

31 

12,219. 

1891 

6,345. 

— 

103. 

75 

2,000 

3,440. 

— 

65,671. 

30 

7,083. 

1892 

6,737. 

— 

485. 

— 

1,000 

5,180. 

— 

70,850. 

81 

5,179. 

1893 

6,982. 

— 

1,136. 

60 

100 

6,090. 

— 

75,237. 

08 

4,386. 

1894 

7,098. 

— 

85. 

— 

2,000 

6,850. 

— 

80,237. 

60 

5,000. 


83,633. 

50 

3,527. 

20 

13,900 

36,068. 

70 



80,237. 1 


Fr. 

101,060. 

, 70 







Basel, Januar 1895. 


Der Verwalter: 

Dr. Th. Lotz-Länderer. 







Basel, 

den 15. März 

1895. 




Herrn Prof. 

Dr. Th. 

Kocher in Bern. 




Hochgeachteter Herr! 

Sie haben uns, die Unterzeichneten, ersucht, die Rechnung der Hülfskasse für 
Schweizerärzte pro 1894 zu prüfen. Die Vergleichung aller einzelnen Posten mit den 
Einträgen in den Büchern und mit den Belegen hat die vollständige Richtigkeit der 
Rechnung ergeben; auch haben wir uns durch Vergleichung der im Vermögensstatus 
aufgeführten Titel mit den im Bankdepositenschein verzeichneten von deren Vorhandensein 
überzeugt. 

Wir beantragen daher, es möge die Rechnung pro 1894 genehmigt und dem Ver¬ 
walter, Herrn Dr. Theoph. Lots-Länderer , für die pünktliche Rechnungsführung sowie die 
ganze übrige Verwaltung der wärmste Dank ausgesprochen werden. 

Das Vermögen der Kasse hat sich im Jahre 1894 um Fr. 5000 vermehrt, wozu 
besonders einige Geschenke aus Trauerhäusern wesentlich beigetragen haben. So erfreulich 
diese Vermögenszunahme ist, darf doch die Situation der Kasse keineswegs überschätzt 
werden; denn die Ansprüche wachsen, wie die beigefügte Tabelle beweist, in rascherem 
Verhältnisse als die vorhandenen Mittel, und es wird sich das Gleichgewicht nur dann 
herstellen, wenn nicht nur die bisherigen Geber in ihrem bewährten Beistände nicht 
ermüden, sondern wenn noch die vielen Collegen, die bis heute zurückgeblieben sind und 
von denen wohl viele in der Lage wären beizusteuern, ihr Interesse an der Anstalt that- 
sächlich beweisen. Nur durch eine möglichst allseitige Beteiligung wird die Zukunft 
der Kasse sicher gestellt. 

Es empfehlen sich Ihnen hochachtungsvoll 

Die Rechnungsrevisoren: 

Prof. Fr. Burckhardt. B. Iselin. Dr. Und. Massini. 


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- 220 — 



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221 


— Sanilltsorgaoisation ia der sehwelz. Armee. Mit der definitiven Einrührung 
der Armeecorps in unsere Armeeorganisation ist es für jeden Schweiz. Sanitätsoffizier von 
Wichtigkeit, sich über alle damit verbundenen Aenderungen vollkommen zu orientieren. 
In der Idee, den Collegen dienlich zu sein, hat Oberstl. Dr. Fröhlich eine sehr nützliche 
übersichtliche Zusammenstellung gemacht, welche rasch über alle neueintretenden Modifi- 
cationen belehrt. Das hektographirte Heftchen ist zu 30 Cts. bei dem Autor erhältlich. 

— Der Schweiz. Centralverein vom Rothen Krens ist dank einer Neu-Organisation 
seiner Centraldirection (Centralpräsident Herr Dr. med. A. Stähelin, Aarau) in eine Phase 
regerer Thätigkeit eingetreten. Die Gesammtdirection zerfällt in einen Präsidial- 
Ausschuss (allgemeine Geschäftsleitung, Propaganda), ein Departement für die 
Instruction, eines für das Materielle und eines für das F i n a n c i e 11 e 
(Central-Quästor). Alle 4 Abtheilungen haben im abgelaufenen Jahre 1894 eine lebhafte 
Thätigkeit entwickelt; in verschiedenen Landestheilen der Schweiz, welche bisher den 
Zwecken des Kothen Kreuzes absolut unzugänglich waren, sind Sectionen gegründet worden 
oder im Entstehen begriffen. Das Departement für das Materielle, dem u. A. die Herren 
Prof. Dr. Krönlein , Zürich, Prof. Dr. Socin, Basel, angehören, hat kürzlich einen umfas¬ 
senden Bericht über das bisher von den Sectionen des Schweiz. Vereins vom Kothen Kreuz 
angeschaffte Material erstattet. Dieser Bericht wird durch eine Uebersicht über Stand 
und Entwicklung des Kothen Kreuzes in der Schweiz und in den 4 angrenzenden grossen 
Nachbarländern eingeleitet. Die Uebersicht über die einzelnen Cantonal- und Localsectionen, 
welche in Verbindung mit sogenannten Einzelmitgliedern den Schweiz. Verein vom Kothen 
Kreuz zusammensetzen, liefert den Beweis, dass in verschiedenen Centren eine geradezu 
erstaunliche willige Hülfsthätigkeit für die Opfer eines zukünftigen Krieges zu ver¬ 
zeichnen ist. So hat z. B. Basel so energisch gearbeitet, dass in weniger als 24 Stunden 
ein complet eingerichtetes Nothlazaret von 200 Betten betriebsfähig installirt und durch 
Vermittlung der Centralleitung des Rothen Kreuzes den Organen der officiellen Militär¬ 
sanität zur Verfügung gestellt werden kann. Winterthur hat mit der internationalen 
Verbandstofffabrik Scbaffhausen einen Vertrag abgeschlossen, welcher ihm gegen eine 
jährliche Zinsvergütung ein grösseres Quantum Verbandmaterial bester und frischester 
Qualität sichert. St. Gallen (erst im November 1894 gegründet) plant die Beschaffung 
einer vollständig ausgerüsteten transportablen Lazaretbaracke. Die Sectionen der franzö¬ 
sischen Schweiz zeichnen sich durch gewaltige Mitgliederziffern aus und befassen sich, wie 
übrigens auch die meisten übrigen Sectionen, mit Material-Beschaffung, Gründung und 
Unterhaltung von Krankenmobilienmagazinen und mit der Durchführung von Samariter- 
cursen. Das Departement für die Instruction, von der Anschauung ausgehend, dass für 
den Kriegsfall in den zahlreichen Samaritern ein ausreichendes Hülfscorps für den Trans¬ 
portdienst vorhanden sein dürfte, nicht aber eine genügende Ergänzung des Krankenpflege- 
personals, befasst sich neben der planmässigen Förderung des Samariterwesens mit der 
Einführung von Krankenpflegecursen für geeignete Personen beiderlei Geschlechts, welche 
in Spitälern nach Analogie der Militärkrankenwärtercurse abgehalten und 6—8 Wochen 
je nach der Eignung der betreffenden Aspiranten dauern sollen. Die derart und mit 
financieller Unterstützung durcb das Rothe Kreuz ausgebildeten Personen verpflichten sich, 
für den Kriegsfall in die Dienste des Rothen Kreuzes zu treten. Io Friedenszeiten üben 
und erweitern sie die erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten als Privat-, Spital- oder 
Gemeinde-Krankenwärter und -Wärterinnen. Das ganze Institut, welches hoffentlich in 
nächster Zeit ins Leben tritt, ist lebhaft zu begrüssen und verdient in allererster Linie 
Unterstützung durch die practischen Aerzte. 

Eine namhafte Zahl von Collegen steht in den vordersten Reihen der Schaaren des 
Kothen Kreuzes; sehr viele schweizerische Aerzte aber wussten bis in neueste Zeit noch 
sehr wenig von dem schweizerischen Kothen Kreuz und blieben deshalb bis dahin 
im Hintergrund; durch diese Zeilen mögen sie einen freundschaftlich-collegialen „Stupf“ 
empfangen, der sie veranlasst, aus der bisherigen Zurückhaltung herauszutreten. Handelt es 


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222 


sich doch um ein eminent patriotisches Werk, um die Ausführung des: „Si vis pacera, 
para bellum!“, welche angesichts der in militärischen Kreisen herrschenden Tendenz, die 
Sanitätstruppe zu Gunsten der Gefechts truppen numerisch möglichst herunterzudrücken, 
so dringend nothwenig ist. Material und Personal können im Ernstfälle nicht aus dem 
Boden gestampft, Beides muss im Frieden sorgfältig vorbereitet werden. Für die Beschaffung 
der Finanzen ist uns weniger bang; da wird der altbewährte Opfersinn des Schweizer Volkes 
nicht kargen wollen. Doch werden gleichwohl an dieser Stelle die vielen Aerztegesell- 
schaften aufgemuntert, bei der Verfügung über allfällige Jahres-Rechnungs-Ueberscbüsse 
auch des Schweizerischen Rothen Kreuzes zu gedenken! 

Ausland. 

— XIII. Congress für Innere Medlcln, 2.—5. April in München. Eröffnung im 
grossen Saale des „Bayrischen Hofes“, Promenadeplatz 19, woselbst sich auch das 
Empfangsbureau befindet. Betr. Verhandlungen vide pag. 124 dieses Jahrganges des 
Correspondenz-Blattes. 

Theilnehmer für einen einzelnen Congress kann jeder Arzt werden. Die Theilnehmer- 
karte kostet 15 Mark. Die Theilnehmer können sich an Vorträgen, Demonstrationen und 
Discussionen betheiligen und erhalten ein im Buchhandel ca. 11 Mark kostendes Exemplar 
der Verhandlungen gratis. 

— Der V. Internationale Otologen-Congress wird vom 23.—26. Sept. 1895 in 
Florenz stattfinden. Gleichzeitig wird in Florenz auch die „Italienische Ge¬ 
sellschaft für Laryngologie, Otologie und Rhinologie tagen 
und ihren Mitgliedern Gelegenheit geben, sich an den Verhandlungen des „internationalen 
Otologen-Congresses“ zu betheiligen. Für diesen sind folgende officieHe Discussions- 
Theroata aufgestellt worden: 1) Die Behandlung der otitischen Gehirnabscesse, Referent 
Dr. Thomas Barr, Glasgow; 2) Die Allgemeinbehandlung bei Ohraffectionen, Referent 
Dr. Gelle, Paris; 3) Die Allgemeinbehandlung bei Otitis interna, Referent Dr. Prof. 
Gradenigo , Turin; 4) Der gegenwärtige Stand der pathologischen Anatomie des Laby¬ 
rinthes; Referent Dr. Prof. Politzer , Wien; 5) Ueber die Physiologie des Mittelohres, 
Referent Dr. Charles Secchi, Bologna. 

Vorträge sind bis zum 15. Juni an den Congresspräsidenten Prof. V. Grazzi in 
Florenz anzumelden. OfficieHe Sprachen am Congress sind das Italienische, Französische, 
Deutsche und Englische. 

Trotzdem erst ein Jahr seit dem internationalen medicinischen Congress in Rom 
verstrichen ist, dürfte die Arnostadt bei obigem Anlass nicht nur aus wissenschaftlichen, 
sondern auch aus künstlerischen Rücksichten manchen schweizerischen Collegen veranlassen, 
die Fahrt ins „Land wo die Citronen blühn“ zu wagen. Die Einladungscirculare kommen 
nächstens zur Versendung. Collegen, denen aus Versehen kein Circular zukommt, sind 
gebeten, sich an den Unterzeichneten zu wenden. Docent Dr. Bohrer , Zürich. 

— Die Deutsche Otologlsche Gesellschaft wird ihre diesjährige Versammlung am 
1. und 2. Juni in Jena abhalten. Anmeldungen zur Aufnahme in die Gesellschaft 
nimmt deren ständiger Secretär, Prof. Dr. K. Bürkner in Göttingen, entgegen, an welchen 
auch die Themata der zu haltenden Vorträge und Demonstrationen bis zum 30. April 
einzusenden sind. 

— Dr. W . Moor in New-York empfahl vor einiger Zeit Kalium hypermuugaulcuii 
als Antidot bd OpiumVergiftungen, Da Laudanumtropfen in Amerika als Hausmittel 
vielfach Gebrauch finden, erklärt sich der Umstand, dass Dr. Moor schon von 71 Ver¬ 
giftungs-Fällen weiss, bei denen diese Therapie erfolgreich und manchmal lebensrettend 
wirkte. Im Medical Record (2. März 1895) publicirt er 4 Fälle, von denen zwei kurz 
geschildert seien. 

1) 19jähr. Pat. schluckt aus Versehen 43 gr. Laudanum (Tinct. Opii crocat.), 
Maximaldosis 1,0, pro die 5,0 Ph, H. Nach 1 Stunde minimal contrahirte Pupillen, 
glanzlose Augen, Somnolenz, schwacher, intermittirender Puls, Respiration verlangsamt. 


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228 


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Verschlimmerung nach Atropininjection. Nach 3 8tunden werden 2 Mal (innert 15 Min.) 
10 Tropfen folgender Lösung subcutan injicirt: Kal. hypermang. 0,4:30,0. Nach 
V« Stunde Besserung, nach 6 Stunden vollständige Erholung. 

2) Pat., der 85 gr Laudanum schluckte, wurde nach 3 Stunden in moribundem Zu¬ 
stand in das Spital gekracht. Keine Behexe. Respiration 4. Als jedes andere Mittel erfolglos 
war, wurden innert 3 Stunden im Ganzen 1,2 gr Kal. hypermang. subcutan injicirt. 
4 Stunden nach der ersten Injection war Pat. bei sich und erholte sich rasch. Z . 

— Plloearplnam hydrochloricn« in subcutanen Injectionen wird von Benesch gegen 
Diphtherie empfohlen. Von einer 2°/oigen Lösung des Salzes spritzt er Kindern 
V* cc., Erwachsenen 1 cc. ein. Daneben lasst er mit einer Lösung von Kali cbloricum gurgeln. 
Das Pilocarpin soll eine starke Secretion der Bachen- und Bronchialscbleimhaut bewirken, 
wodurch die Membranen leichter abgestossen werden. Die Wirkung ist schon 10 Minuten 
nach der Injection bemerkbar. In 18 Fällen will der Verf. regelmässig diese günstige 
Wirkung beobachtet haben. — Bei der grossen Empfindlichkeit des Herzens gegen Pilo¬ 
carpin wird dieses Mittel nur mit grosser Vorsicht angewendet werden dürfen. Red. 

(Oester. Aerzt. Ver. Ztg. — Lyon medical. Nr. 7.) 

— Extrsdaa colcbfci gegen Furnneilose. Brocq hat bei einem Gichtkranken frei 
von Diabetes und Nephritis, der seit Monaten an einer hartnäckigen Furunculose litt, 
gegen welche alle angewandten Mittel unwirksam geblieben waren, durch Darreichung 
von Extr. colchici in täglichen Dosen von 0,03—0,04 eine auffallend prompte Heilung 
der Furunculose beobachtet. Nach fünf Tagen hörten die bereits existirenden Furunkeln 
auf zu wachsen und es erschienen keine neuen mehr. Als der Pat. die Medication aus¬ 
setzte, erschienen bald neue Furunkel wieder. Dieselben verschwanden aber nach kurzer 
Zeit, als Colchicum wieder genommen wurde. Durch fortgesetzte Medication mit diesem Mittel 
gelang es, den Pat. dauernd von seinen Furunkeln zu befreien. (Lyon mödic. Nr. 9). 

— Zur Herstellung steriler Wattetampons schlagen Lermoyez und Helme folgendes 
Verfahren vor: Die auf einem Tamponträger oder auf einem Holzstiel befestigte Watte 
wird in einer gesättigten Lösung von Borsäure in Alcohol getaucht und angezündet. Durch 
die Verbrennung des AlcohoJs wird die Watte sterilisirt, die Borsäure verhindert die Ver¬ 
kohlung der Watte. Es genügt, die Flamme kurze Zeit brennen zu lassen, üm die Watte 
sicher zu sterilisiren. Sobald die zunächst farblose Flamme eine lebhafte grüne Färbung 
bekommt, kann sie ausgelöscht werden. In 5 Secunden kann die Watte auf diese Weise 
sterilisirt werden; Controlversuche mit Impfung steriler Nährböden haben die gänzliche 
Keimlosigkeit derartig sterilisirter Tampons erwiesen. (Lyon Medical. Nr. 9.) . 

— Wie soll salJcyJsanres Natron bei Gelenkrheumatismus verschrieben werden ? 

Nach Huchard soll man im Anfang gleich 6 gr. Natr. salic. geben, manchmal sogar 8 gr., 
wenn das Fieber hoch, der Schmerz in den Gelenken stark und sehr verbreitet ist. Man 
giebt die Mitteldose von 6 gr. durch 2 Tage ungefähr; dann giebt man alle zwei oder 
drei Tage ein Gramm weniger, je nach dem Falle, bis man 4 gr. erreicht; bei Erwachsenen 
sind Dosen von 2—3 gr. nicht hinreichend. Die Dosis von 8 gr. zu überschreiten ist 
unnütz, meistens auch schädlich. Das Mittel wirkt um so besser, je acuter und recenter 
der Gelenkrheumatismus ist; die frühzeitige Behandlung verhindert das Auftreten von 
von Herzcomplicationen. Bei Kindern unter einem Jahre giebt man 0,5—1,0; 2 gr. zwischen 
2 und 5 Jahren, 3 gr. gegen 6 Jahre, 3 — 4 gr. zwischen 6 und 10 Jahren, 4—5 gr. 
über dieses Alter. Man darf das Medicament nicht etwa so verschreiben, dass man 3 gr. 
Morgens und 3 gr. Abends giebt, sondern man verordnet 1,0 alle 2—3 Stunden. 

Das Mittel muss nach dem Auf hören der Schmerzen wenigstens durch 12 Tage 
verschrieben werden, und zwar in einer kleineren Dosis, 3—4 gr., um Rückfälle zu ver¬ 
meiden. Man verabreicht das Medicament entweder in Lösung oder in Pulverform; man 
lässt jedoch die Pulver mit einer gewissen Menge Flüssigkeit (am besten mit einem halben 
Glase eines alkalischen Wassers) nehmen, weil das salicylsaure Natron die Schleimhäute, 
mit welchen es in Berührung kommt, doch etwas reizt. 


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Albuminurie, welche im Gefolge von Gelenkrheumatismus auftritt, ist keine Gegen¬ 
anzeige für das salicylsaure Natron; nur wenn die Nephritis vor dem Gelenkrheumatismus 
bestanden hat, ist das Medicament manchmal contraindicirt; doch meint 2Z., dass man die 
Gefahren in solchen Fällen sehr übertrieben hat. 

(Journ. des pratic. 41, 1894. Centrbl. f. d. ges. Ther. Nr. II.) 

— Geschmackloser Creosotsaft Von einer guten Arzneiform für Creosot verlangt 
man möglichste Geschmacklosigkeit, leichte Resorbirbarkeit, bequeme Form für üas Ein¬ 
nehmen und Billigkeit. Die jetzt so verbreiteten Creosotcapseln werden zwar von den 
meisten Patienten ohne Anstand genommen; vielen ist es aber unmöglich, Pillen oder 
Capsein zu verschlucken. Ueberdies ist bei längerem Gebrauche der Preis der Capsein 
ein ziemlich hoher. Was die ebenfalls vielfach im Gebrauche' stehenden Pillen anbelangt, 
so zeichnen sie sich häufig durch ihre Unlöslichkeit aus, so dass für die Resorption des 
Medicaments keine Garantie existirt. Schweissinger hat nun versucht, ein geschmackloses 
Creosotpräparat herzustellen, indem er sich auf eine Eigenschaft des Creosots stützte, mit 
Alcalien resp. alcalischen Erden Verbindungen einzugehen, in welchen der widerliche 
Creosotgeschmack wesentlich verdeckt ist. Die Magnesiaverbindung des Creosots ist in 
Wasser unlöslich und hat die Eigenschaft sich pulverförmig zerreiben zu lassen. Durch 
Wasser wird diese Verbindung nicht zerlegt, sehr leicht dagegen durch Säuren und Alcalien. 
In Contact mit Magen- oder Darmsaft wird sie sofort gespalten und Creosot in feinster 
Zertheilung wird frei. Dieses Pulver wird nun mit einer Flüssigkeit, am zweckmässigsten 
mit einem Sirup zu einer leicht abzumessenden Arzneiform vereinigt; man wählt eine 
solche Concentration, dass 100 Theile Creosotsaft 10 Tbeile Creosot enthalten. 1 gr. 
entspricht in diesem Falle genau 0,1 Creosot. Die Anwendungsweise ist folgonde: Man 
tröpfelt die verordnete Menge (z. B. 20 Tropfen = 0,1 Creosot) in ein Viertel Trinkglas 
Wasser, trinkt es aus und nimmt einen Schluck Wasser hinterher. Das Nachtrinken von 
Wasser ist nicht unbedingt nöthig, doch wird ein kleiner, später auftretender Nachgeschmack 
dadurch völlig verhindert. Dagegen empfiehlt es sich, den Creosotsaft nicht unverdünnt 
nehmen zu lassen. Was den Preis des Präparates anbelangt, so kosten 10 gr. Creosot 
in Sir. Creosoti sine Bapore 0,68 M. (Dresdener Arzneitaxe 1895), 10 gr. Creosot in 
Capsein k 0,1 kosten 1,50 M., 10 gr. Creosot in Pillen k 0,1 1,30 M., 10 gr. Creosot- 
carbonat Heyden 1,65 M., 10 gr. Guajacolcarbonat als Schachtelpulver 2,90 M. 

(Pharm. Centralh. Nr. 50. 1894.) 

— Ein neues Mittel gegen Ekzeme, acute und chronische, nässende und schuppende 
empfiehlt Prof. Winternilz, nämlich das Bepinseln der erkrankten Haut mit dem während 
6 — 7 Stunden zu Sirup-Consistenz eingekochten Heidelbeersaft. Diese Masse hat 
die Eigenschaft, alle epidermoidalen Gebilde braunschwarz zu färben; namentlich die kranken 
Epidermiszellen irabibiren sich sofort mit diesem Farbstoff. Es sei ganz überraschend, 
„wie nässende oder Schuppenekzeme — solche die Wochen lang der Behandlung erfahrener 
Specialisten widerstunden — in unglaublich kurzer Zeit, oft nach 24 bis 48 Stunden, zur 
Heilung kommen.“ Zum Abwaschen des Farbstoffes wird 6 pro-milliges, 20° warmes 
Wasser empfohlen. 

Der schweizerische Aerztetag 

(für den Centralverein die 49. Versammlung) findet vom 3.—5. Mai in Lausanne statt Unsere rOhrigen 
und gastfreundlichen waadtlfindlschen Collegen haben das Fest bereits in alle Details vorbereitet und ver¬ 
schicken soeben vorläufige Einladungskarten mit Fragecoupon. Wir bitten alle Collegen, dessen Ausfüllung 
und rasche Rücksendung als unerlässliches Gebot der Höflichkeit und collegifllen Pflicht zu betrachten. 


Briefkasten. 

Dr. K. in Bern: Das Aerztealbaih dankt für die Photographie von + College Stettier. — Dr. 
L. y Kufstein: Besten Dank für Zusendung und Mahnruf. — Der tiberschickte Zeddel entstammt aber 
nicht etwa ärztlichen Kreiseu, sondern einer der vielen Quacksalber-« Heilanstalten“ des Cantons Appen¬ 
zell A.-Rh., dem Eldorado der wilden Medicin. Aerzte haben mit diesem Schwindel nichts zu thun. 

Schweighauserische Buchdruckerei. — B. Schwabe, Verlagsbuchhandlung in Basel. 


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COMESPONDENZ-BLATT 


Erscheint am 1. und 15. 
jedes Monats. 

Inserate 

35 Cts. die gesp. Petitzeile. 


Schweizer Aerzte. 


Preis des Jahrgangs 
Fr. 12. — für die Schweiz, 
Fr. 14.50 für das Ausland. 
Alle Postbureaux nehmen 
Bestellungen entgegen. 


- Herausgegeben von — 

Dr. E. Haffler und Dr. A. Jaquet 


in Franenfeld. 


in Basel. 



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N! 8. XXV. Jahrg. 1895. 15. April. 

lakalti 1| Original»rbeiten: Dr. R. Paula*: Homogenisimng und Sedlmmtirang des Spntnm durch Verdauung. — 
Dr. Carl Mellinger: Gallicln und seine Anwendung in der Augenheilkunde. — Dr. Wilhelm Spirig: Einseitiges objectir hör¬ 
bares Ohrgeriusch bei Aorteninsufflciens. — Dr. Oubasch: „Wendung und Extraction“ einer in die Harnblase gerathenen Haar¬ 
nadel. — Dr. Fahrn: Ueber Airol. — 2) Verei n «beriet) te: Medicinlsche Gesellschaft der Stadt Base). — Zürcher Gesell¬ 
schaft für wissenschaftliche Gesundheitspflege. — 8) Beferate and Kritiken: Dr. J. Oro**mann: Bedehtang der hyp¬ 
notischen Suggeetion als Heilinittel. — Dr. 0. Mauser: Grundriss der Kinderheilkunde. — Dr. R. Schlechten: Die Kinderkrankheiten. 

— Dr. Philipp Biedert: Lehrbuch der Kinderkrankheiten. — Dr. A. v. Bentivegni: Anthropologische Fonnein f&r das Ver- 
brecherthum. —Dr. J.L. A.Koch: Die Frage nach dem geborenen Verbrecher.— Dr. F. A. Plicgue : Prdcisde clinique thärapeutique. 

— C. Bayer: Grundriss der chirurgischen Operationstechnik. — Dr. Hehler und Joseph Hess: Anleitung sur ersten Hilfeleistung 
bei plötslichen OnAllen. — P. J. Höhius: Diagnostik der Nervenkrankheiten. — Prof. Dr. L. Oppenheim: Lehrbuch der Nerven¬ 
krankheiten. — Oerdes: Grundriss der pathologischen Anatomie. — 4)Cantonaie Correspondenssn; Carcinoma uteri. — 
Graubünden: Diphthorieheilserum. — 5) Wochenbericht: Behandlung der Hämorrhoiden nach amerikanischer Methode.— 
Kleine Lungenblutnngen. — Behandlung der Bubonen mit Jodoformvaaeün. - Bromelin. — Cepbalalgfe der Nierenkranken. — 
Nitroglycerin gegen Ischias.— Gujacol als Analgeticum. —Nachtrag tu Istcter Nummer. — Intracranielle Trigeminusreeection. 

— Ae rate tag in Lausanne. — 0) B r ief k as te n. — 7) Hülfskasae für Schweizer Aerate. — 8) Biblio- 

g raphis cbes. 


Original -Arbeiten. 

lieber Homogenisirung und Sedimentirung des Sputum durch Verdauung. 

Von Dr. med. R. Paulus in Davos-Platz. 

In der Zeitschrift für Hygiene und Infectionskrankbeiten 1894 Bd. XVIII Hft. 2 
erwähnt Carl Spengler in seiner Arbeit „Ueber Lungentuberculose und bei ihr vor- 
kommende Mischinfectionen“ ein Verfahren der Homogenisirung und Sedimentirung 
des Sputum durch Verdauung mit Pancreatin zum Zweck des Nachweises von Tuberkel- 
bacilleo, das er in den Fällen an wendet, in denen, wie z. B. bei Influenzasputum, das 
sehr copiös ist, oder bei Verarbeitung der Tagesportionen die gewöhnlichen Methoden 
der Homogenisirung von Biedert , Ketel u. A. nicht ausreichen. Da dies Verfahren 
von dem genannten Autor nur andeutungsweise angeführt ist und ferner die Zeitschrift 
für Hygiene und Infectionskrankbeiten den meisten practischen Aerzten nicht zugäng¬ 
lich sein dürfte, so soll an dieser Stelle dieses Verfahren etwas eingehender besprochen 
werden, besonders da es nach Versuchen, die ich in meinem hiesigen ! Laboratorium 
damit angestellt habe, sich als überaus geeignet erwiesen hat, Gemeingut gerade der 
practischen Aerzte zu werden, die neben ausgedehnter Praxis sich mit Sputamunter¬ 
suchungen beschäftigen wollen und die diese Untersuchungen mit einigermassen Sicher¬ 
heit auf Erfolg und Zuverlässigkeit ausführen wollen. 

Zunächst einige Bemerkungen über die Eigenschaften des Pancreatin. 

Das Pancreatin oder Trypsin ist bekanntlich das hydrolytische Ferment des pan- 
creatischen Saftes nnd vermag als solches die in Wasser unlöslichen Aibuminate überzu- 
fiihren in die wasserlöslichen Peptone, vorausgesetzt alkalische ßeaction und Körperwärme. 

15 


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Das Pancreatin des Handels stellt ein etwas gelblich gefärbtes leichtes Pulver dar, das 
in Wasser und Glycerin löslich ist. Sein Preis beträgt in den Apotheken für 10 Gramm 
75 Cts., mit welchem Quantum eine grössere Anzahl Sedimentirungen ausgeführt werden 
kann. 

Sämmtliche bisher im Gebrauch stehenden Homogenisirnngs- und Sedimentirungs- 
verfahren, wie die von Biedert, von Ketel, Stroschein, Mühlhäuser, Böhmen, zielen anf 
eine möglichst feine Zertheilung und Auflösung der körperlichen Bestandtheile des 
Sputums ab, worauf dann das Sedimentiren dieser homogenen Massen erfolgen soll. 
Diese Zertheilung und gleichmässige Vertheilung der körperlichen Sputnmbestandtheile 
wird bei den verschiedenen Verfahren in verschiedener Weise angestrebt, bei Biedert 
durch Versetzen mit Kalilauge und destillirtem Wasser mit darauffolgendem Kochen der 
Masse; bei von Ketel durch Zusatz von Wasser und Carbolsäure zum Sputum in einem 
gewissen Verhältnis und starkes Schütteln; bei Stroschein durch Zusatz von Borborax¬ 
lösung und kräftiges Schütteln; bei Mühlhäuser durch Zusatz von Natron- oder Kali¬ 
lauge von 0,2°/o in 6—8facher Menge des Sputum, darauffolgendem Schütteln und 
Aufkochen; bei Böhmen durch einfaches Aufkochen und Schütteln nach dem Erkalten. 
Allen den Verfahren gemeinsam ist das nun folgende Sedimentiren, bei dem der 
practische Arzt auf das spontane, langsame Absetzen der Partikelchen angewiesen ist, 
während in Laboratorien zu diesem Zweck eine Centrifuge zur Verfügung steht. Jeder, 
der einmal mit einer dieser Methoden gearbeitet hat, wird gefunden haben, dass die 
Homogenisirung bei manchen Sputen sehr schwer, bei den Scbüttelmethoden mit grossem 
Aufwand von Kraft und Zeit, bei manchen Sputen aber überhaupt nicht gelingt; 
ferner, dass die Sedimentirung oft sehr lange, manchmal Tage lang dauert. Dieser 
letztere Umstand schliesst noch eine Gefahr ein, weil bei Laugen- oder Säurezusätzen 
e3 nicht ausgeschlossen ist, dass Tuberkelbacillen in ihrem färberischen Verhalten ge¬ 
schädigt werden und für die Untersuchung verloren gehen, was bei nur wenigen vor¬ 
handenen Exemplaren die Diagnose folgenschwer beeinflussen kann. 

Die Methode der Homogenisirung und Sedimentirnng durch Verdauung mit Pan¬ 
creatin zielt nun natürlich auch zunächst auf Auflösung und feine Zertheilung der 
körperlichen Bestandtheile des Sputum ab, erreicht dies aber in einer weit weniger 
stürmischen und eingreifenden Art und Weise, wie die oben geschilderten Methoden. 
Sie bewirkt die Homogenisirung des Sputum durch Nachahmung des physiologischen 
Vorgangs der Pancreasverdauung im Reagensglas, wobei nach Umwandlung der un¬ 
löslichen Albuminate in lösliche Peptone diese letzteren in eventuell beigegebenem 
Wasser gelöst werden und die körperlichen Bestandtheile durch die Verdauung des 
Zellprotoplasmas getrennt und in eine feine Zertheilung gebracht werden. Da nun 
während des Actes der Verdauung diese löslichen Peptone sofort in Lösung geben, 
die übrigbleibenden und zunächst noch nicht verdauten Bestandtheile, die Kerne und 
Bacterien aber gemäss ihrer Schwere successive zu Boden sinken, so ergibt sich daraus, 
dass bei dieser Methode im Verlauf des Homogenisirungsvorgangs auch die Sedimen¬ 
tirung erfolgen muss, dass also Homogenisirung und Sedimentirung in einen Act zu- 
sammengezogen wird. 

Die Vortheile dieser Methode liegen auf der Hand und lassen sich in folgenden 
Puncten zusammenfassen: An Steile der umständlichen und manchmal auch höchst 


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227 


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unappetitlichen Manipulationen der alten Verfahren, tritt ein einfaches und absolut 
reinliches Verfahren, woraus nicht nur allein die Homogenisirung, sondern auch die Sedi- 
mentirung in einer, wie wir später sehen werden, sehr kurzen Zeit resultirt. Da der 
Verdauung keine, wenn auch noch so grosse Zellanhäufung widerstehen kann, fällt der 
Vorwurf, der anderen Methoden gemacht werden muss, dass einzelne Sputa sich nur 
schwer oder gar nicht homogenisiren lassen, vollständig fort; der Homogenisirung durch 
Verdauung sind alle Sputa gleichmässig leicht zugänglich; es ergeben sich nur bei 
zellreichen Sputen grössere Rückstände, d. h. mit anderen Worten: das Sediment wird 
in diesen Fällen massiger. 

Nachdem hiemit die Grundidee der Homogenisirung und Sedimentirung des Spu¬ 
tum durch Verdauung mit Pancreatin erläutert ist, soll auf die Technik der Methode 
eingegangen werden. Ich verfahre nun in allen Fällen und bei allen zu sedimentiren- 
den Sputen zweckmässig folgendermassen: 

Das zu sedimentirende Sputum kommt in seiner Gesammtheit in ein Spitzglas, wie 
solche zur Sedimentirung von Harn verwandt werden, wird mit etwas destillirtem Wasser 
übergossen (die Menge richtet sich nach Menge und vermuthlichem Zellreichthum des Sputum) 
und wird nun mit einem Glasstab tüchtig umgerührt, so dass etwa dickere Ballen sich 
etwas zertheilen. Nun wird durch Zusatz von einigen Tropfen concentrirter Natrium¬ 
carbonatlösung die Masse alkalisch gemacht, eine kleine Messerspitze Pancreatinpulver 
zugesetzt und dasselbe in der Sputumaufschwemmung vermittelst Glasstab tüchtig ver¬ 
theilt, wobei besonders darauf zu achten ist, dass eventuell sich bildende Klumpen des 
Pulvers an der Glaswand zerrieben werden. Die so fertiggestellte Mischung muss nun 
mit einer Glasplatte zugedeckt an einen Ort gestellt werden, der während 16—18 Stun¬ 
den annähernd Körpertemperatur resp. eine Temperatur zwischen 85 und 40° Celsius 
hat. Dies letztere bildet für den practischen Art vielleicht den einzig schwierigen Puncfc 
der ganzen Manipulation, da für gewöhnlich ein Brutschrank nicht zur Verfügung steht. 
Doch wird man an oder auf dem Ofen oder Herd einen Punct finden, der dem ge¬ 
wünschten Temperaturgrad einigermassen entspricht; wer aber in der Lage ist, öfters 
solche Untersuchungen zu machen, für den ist wohl zu empfehlen, sich von einem 
Flaschner aus Weissblech einen doppelwandigen Kasten machen zu lassen, dessen Zwi¬ 
schenraum mit Wasser gefüllt wird und der nun leicht durch eine untergestellte Petro¬ 
leum- oder Benzinflamme auf die geeignete Temperatur gebracht und erhalten wird. 
Sind alle diese Bedingungen erfüllt, so ist das Sputum nach Ablauf von 16 —18 Stunden 
ohne weitere Massnahmen zur Untersuchung fertig. Es findet sich dann nach dieser Zeit 
am Boden des Spitzglases ein mehr oder weniger starkes Sediment je nach dem Zell- 
re;ehthum des vorliegenden Sputum, darüber steht eine leicht gelblich gefärbte, opales- 
cirende, trübe Flüssigkeit, die die gelösten Eiweisskörper enthält und eine kräftige Biuret- 
reaction giebt. Es hat sich also während dieser Zeit, die man zweckmässig auf die 
Nacht verlegt, so dass also das Sputum Abends zurecht gemacht wird, die Homogeni¬ 
sirung und Sedimentirung des Sputum vollzogen. Bei manchen wenigen Sputa kommt 
es vor, dass zu der angegebenen Zeit der Verdauungsact noch nicht vollständig beendigt und 
das Sputum in eine zäh - gallertige Masse verwandelt ist. Man kann dann gleichwohl 
schon Deckglaspräparate anfertigen oder aber man wartet noch 6—8 Stunden, in welcher 
Zeit dann der gewünschte Grad der Verdauung erreicht sein wird. 

Zur Untersuchung entnimmt man dann dem Sediment vermittelst Pipette ein Tröpf¬ 
chen, bringt es auf ein Deckglas, wo es ausgebreitet und über der Spiritusflamme bei 
leichter Wärme angetrocknet wird. Es folgt nun in üblicher Weise die Fixirung durch 
dreimaliges Ziehen durch die Flamme und die Färbung auf Tuberkelbacillen nach irgend 
einer Methode. Manchmal, doch selten, kommt es vor, dass das Material auf dem Deck¬ 
glas nicht fest haftet und sich bei den verschiedenen Proceduren der Färbung, Entfar- 


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bung und Nachfärbung einzelne Fetzchen loslösen. Dem kann man entweder dadurch 
begegnen, dass man bei der Antrocknung und Fixirung mit ganz besonderer Sorgfalt 
vorgeht, oder dass man dem flüssigen Tröpfchen auf dem Deckglas eine Spur von Eier- 
eiweiss zusetzt und dann erst in der gewöhnlichen Weise trocknet und fixirt. Das Eier- 
eiweiss kann man sich vorräthig halten, wenn man es zu gleichen Theilen mit kaltge¬ 
sättigter Borsäurelösung versetzt und dann filtrirt. Auf diese Weise zubereitet, hält sich 
die Lösung fast unbegrenzt, lässt aber manchmal etwas Bodensatz fallen, der dann ein¬ 
fach abfiltrirt wird. 

Untersucht man ein derartig angefertigtes auf Tuberkelbacillen mit Contrastfär- 
bung gefärbtes Deckglaspräparat mit Immersion, so findet man massenhaft Bacterien 
der verschiedensten Art, Zellkerne und dazwischen, wenn überhaupt vorhanden, die 
distinct gefärbten Tuberkelbacillen; alles andere hat Contrastfärbung angenommen. 

Man kann nun der Methode vielleicht den Vorwurf machen, wie er übrigens auch 
schon anderen Sedimentirungsverfahren gemacht wurde, dass sich während der Ver- 
daungsperiode bei Brutwärme die im Sputum enthaltenen accidentellen Microorganismen 
stark vermehren, und dass ferner ähnlich wie bei den Verfahren mit Zusätzen von 
Laugen oder Säuren auch hier durch das Pancreatin und seine verdauende Wirkung 
Tuberkelbacillen angegriffen werden und dann für die Färbung verloren gehen. 

Dazu ist zunächst zu bemerken, dass die Vermehrung der accidentellen Bacterien 
für den Nachweis von Tuberkelbacillen vollständig belanglos ist, und dass sogar das 
scharfe Hervortreten der in ihrer Farbe gefärbten Tuberkelbacillen in dem Gewimmel 
der Bacterien, die die Contrastfärbung angenommen haben, den Präparaten etwas un- 
gemein Characteristisches verleiht und das Uebersehen sogar einzelner Tuberkelbacillen 
fast zur Unmöglichkeit macht. Natürlich darf aus der Anwesenheit so vieler Bacterien 
kein Rückschluss auf einen ähnlichen Bacterienreichthum des Lungensputums gemacht 
werden. Zum Nachweis der Mischinfectionen hervorrufenden Bacterien gehören ja über¬ 
haupt ganz andere speciell bacteriologische Untersuchungsmethoden (Carl Spengler 1. c.) 

Um dem zweiten eventuellen Vorwurf zu begegnen, so ist zu sagen, dass nach 
meinen Untersuchungen und wie es auch Carl Spengler in seiner citirten Arbeit an¬ 
gibt, ein 16—24stündiges Zusammensein mit Pancreatin die Tuberkelbacillen ganz 
sicher nicht schädigt; dass eine längere Dauer der Verdauung eine Schädigung ausöbt, 
ist vielleicht anzunehmen, doch habe ich bei einem nur mässig viel Tuberkelbacillen 
enthaltenden Sputum nach 66stündiger Verdauung keine merkliche Abnahme im Tuber¬ 
kelbacillengehalt constatiren können. Wie dem aber auch sein mag, so ist jedenfalls 
ein längeres als 24stündiges Verdauen zu vermeiden, um allen Eventualitäten aus dem 
Wege zu gehen, besonders da nach längstens dieser Zeit die Verdauung in allen Fällen 
beendigt und das Sputnm zur Untersuchung fertig sein wird. 

Welche Sputa nun sollen durch Verdauung sedimentirt werden? Der Autor 
dieser Methode, Carl Spengler , sagt, dass er Sputa durch diese seine Methode sedi- 
mentirte, wenn die andern Methoden nicht ausreichten. Ich möchte nun aber viel 
weiter gehen. Ich möchte anrathen, diese Methode der Sedimentirung durch Verdau¬ 
ung überhaupt als einzige Sedimentirungsmethode in allen Fällen anzuwenden, und da 
dieselbe so überaus einfach und sicher ist, die Sedimentirung auf eine bedeutend 
grössere Anzahl von Fällen auszudehnen, als dies bisher bei den alten Methoden der 
Fall war. 


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229 


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Die Grundsätze, nach denen ich in meinem Laboratorium vorgehe, sind 
folgende: 

Sofort, ohne überhaupt ein Deckglaspräparat angelegt zu haben, werden sedimen- 
tirt alle die Sputa, die, wie es so häufig vorkommt, ein wahres Chaos von Mund*, 
Bachen- und Nasenschleim, vermischt vielleicht mit einigen wenigen Lungensputum¬ 
partikelchen aufweisen. Bei solchen Sputa wird erfahrungsgemäss am meisten Zeit 
und Geduld aufgewendet, einmal um ein sicheres Lungensputumpartikelchen zu isoliren, 
was manchmal gar keine leichte Aufgabe ist und dem minder Geübten oft nur ganz 
unsicher gelingt, sodann um das isolirte Partikelchen auf dem Deckglas auszubreiten, 
was ebenfalls bei diesen Sputa sehr schwierig werden kann, nur durch besondere kleine 
Kniffe erreicht wird und wobei auch dann noch ungleiche und dicke Präparate resul- 
tiren, die besonders bei der Entfärbung zu Fehlern Anlass geben und den Nachweis 
eventuell vorhandener weniger Tuberkelbacillen in Frage stellen können. 

. Sedimentirt man aber derartige Sputa sofort durch Verdauung, so fallen alle 
diese Schwierigkeiten weg; das Sedimentpräparat fällt schön und gleichmässig aus, 
alle Theile liegen ziemlich in einer Ebene und die Gewissheit, vorhandene Tuberkel- 
bacillen nicht zu übersehen, ist eine fast absolute; ein nicht gering anzuschlagender 
Vortheil ist aber auch, dass bedeutend Zeit gespart wird. 

Ferner werden grundsätzlich alle Sputa der Verdauung unterworfen, bei denen 
spätestens im zweiten Präparate Tuberkelbacillen nicht gefunden werden. Jedem, der 
sich viel mit Sputumuntersuchungen zwecks Nachweis von Tuberkelbacillen beschäftigt, 
ist der Zustand peinlicher Unsicherheit wohl bekannt, der jeden befällt, wenn in einer 
Reihe von Präparaten Tuberkelbacillen nicht gefunden werden. Beim wie vielten Prä¬ 
parat darf die Untersuchung als abgeschlossen betrachtet und der unter Um¬ 
ständen folgenschwere Satz ausgesprochen werden: „Tuberkelbacillen sind nicht vor¬ 
handen*? Jeder, der sich der Verantwortlichkeit bei Ausführung einer Sputumunter¬ 
suchung voll bewusst ist, und mag er auch noch so viel Uebung und Erfahrung auf 
diesem Gebiete haben, wie sie sich der practische Arzt neben grosser Praxis wohl kaum 
aneignen kann, wird von diesen Zweifeln bei negativem Befunde befallen. Aus diesem 
Gefühl heraus ist von verschiedenen Autoren eine bestimmte Zahl von Präparaten an¬ 
gegeben worden, nach deren Durchmusterung das Fehlen von Tuberkelbacillen ausge¬ 
sprochen werden soll und kann. Eine solche Zahl ist die Zahl sieben. Nach sieben durch¬ 
suchten Präparaten soll geschlossen werden können, dass in dem Sputum Tuberkel¬ 
bacillen nicht vorhanden seien. Hält man sich nun auch daran und unterzieht sich 
der grossen Mühe, eine solche Anzahl von Präparaten anzufertigen und durcbzusehen, 
so ist desshalb doch nicht jeder Zweifel beseitigt, ob nicht vielleicht in irgend einem 
Theil des Sputums doch noch Tuberkelbacillen stecken. 

Ganz anders aber gestalten sich die Verhältnisse, wenn nach den oben gegebenen 
Regeln jedes Sputum sofort in einem solchen Falle der Verdauung' unterworfen wird. 

Das dadurch resultirende Sediment enthält alle für die Tuberkelbacillenuntersuchung 
wichtigen Theile, und man kann nach Anlegung von zwei Präparaten und Durchsuchen 
derselben schon mit nahezu vollständiger Sicherheit die Diagnose machen. Legt man 
noch mehr Präparate aus dem Sediment an, so wird die Sicherheit natürlich eine 
immer grössere. 


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Es könnte nun noch vielleicht interessiren, zu erfahren, in wie viel Procent der 
sedimentirten Sputa erst durch das Sedimentirungsverfahren Tuberkelbacillen nachge¬ 
wiesen wurden. Ich unterlasse aber mit Absicht eine derartige Aufstellung, weil natur- 
gemäss der Procentsatz, in dem Tuberkelbacillen erst durch Sedimentirung nachgewiesen 
werden, je nach der Uebung und Erfahrung des einzelnen Untersuchen in weiten 
Grenzen schwanken muss; derselbe wird um so niedriger sein, je grösser die Uebung 
ist, um so höher, je geringer dieselbe ist, ohne jedoch im ersteren Fall den Nullpunct 
zu erreichen. 

Nur das eine will ich anführen, dass es mir bei Anwendung der bisher ge¬ 
bräuchlichen Homogenisirungs- und Sedimentirungsverfahren früher nie gelungen ist, 
Tuberkelbacillen im Sediment nachzuweisen, wenn sich nicht schon vorher solche ge¬ 
funden hatten, so dass ich in letzter Zeit überhaupt vollständig von einer Sedimenti¬ 
rung abgesehen habe und lieber eine grössere Anzahl von Präparaten anfertigte, weil 
der Erfolg der Sedimentirung die Zeit und Mühe nicht aufwog. 

Bei Anwendung des Carl Spengler 'sehen Verdauungsverfahrens dagegen ist mir 
der Nachweis von Tuberkelbacillen in Sedimentpräparaten einigemal gelungen, so dass 
ich nunmehr nach den oben angegebenen Grundsätzen alle Sputa nach der Verdauungs¬ 
methode sedimentire. 

Alles zusammengenommen haben wir also in der Homogenisirung und Sedimen¬ 
tirung durch Verdauung ein überaus werthvolles, weil einfaches und sicheres, Unter¬ 
stützungsmittel bei Sputumuntersuchungen, das mit hoher Gewährleistung der Zuver¬ 
lässigkeit der einzelnen Untersuchung eine bedeutende Ersparniss an Zeit und Arbeits¬ 
kraft verbindet. 

Dass aus diesen Gründen die Methode besonders für den practischen Arzt und den 
Spitalarzt von grösster Wichtigkeit ist, leuchtet sofort ein und es ist nur zu wünschen, 
dass sich dieselbe in weitesten Kreisen einbürgern möge, als eine Erleichterung bei 
der Untersuchung und als ein Mittel, tuberculöse Lungenerkrankungen in frühester 
Zeit festzustellen. 


Gallicin ein neues Präparat der Gallussäure und seine Anwendung In der 

Augenheilkunde. 

Mittheilungaus der ophthalmologischen Klinik des Herrn Prof. Schiess-Oemuseus in Basel. 
Von Dr. Carl Mellinger, Privatdocent an der Universität. 

Gallicin ist der Methyläther der Gallussäure und besitzt als solcher die chemische 
Constitution: 


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Dieser Methyläther wird nach dem deutschen Reichspatent Nr. 45786 der Firma 
Sandoz & Cie. in Basel dargestellt durch Erwärmen einer methylalcoholischenLösung 
von Gallussäure oder Tannin mit Salzsäuregas oder concentrirter Schwefelsäure. Ans 
Methylalcohol umcrystallisirt erhält man ihn in wasserfreien rhombischen Prismen, aus 


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heissem Wasser beim Erkalten in schneeweissen, fein verfilzten Nädelchen. Dieses 
letztere znm medicinischen Gebrauch am besten geeignete Product schmilzt, wie 
die vorerwähnten rhombischen Crystalle bei 200—202° und löst sich leicht und 
farblos ausser in heissem Wasser auch in warmem Methyl* und Aetbylalcobol sowie 
in Aether. 

Dieser Methyläther der Gallussäure wurde mir von der Firma Sandoz & Cie. 
in Basel Anfang des Jahres 1894 zu therapeutischen Versuchen übergeben. Seiner 
chemischen Constitution nach erinnert das Mittel an Resorcin und Pyrogallol, zwei 
Mittel, denen hauptsächlich eine günstige Wirkung auf Catarrhe und Hautkrankheiten 
zugeschrieben wird. Das Gallicin soll vor Allem vor dem Pyrogallol den Vorzug der 
Ungiftigkeit besitzen. In der Anwendung des Mittels liessen wir uns durch die thera¬ 
peutischen Eigenschaften seiner oben angeführten Verwandten leiten. Hauptsächlich 
Catarrhe der Conjunctiva und mit den Hautkrankheiten identische Erkrankungen des 
Auges worden mit demselben behandelt. Das Gallicin kam bisher bei uns nur in 
Pulverform zur Anwendung und wurde dasselbe, 1—2mal täglich, ähnlich wie man 
Calomel einzustreuen pflegt, mit einem Haarpinsel in den Conjunctivalsack des erkrankten 
Auges eingestäubt. Als unangenehme Nebenwirkung beobachteten wir nur bei manchem 
Patienten ein brennendes Gefühl nach der Einstreuung, das unter kühlenden Umschlägen 
nach wenigen Minuten verschwindet, dem aber auch durch einige Tropfen einer 2°/o 
Cocainlösung vorgebeugt werden kann. 

Der günstige Erfolg, den wir bei über 200 so behandelten Fällen von Catarrhen, 
phlyctänulären Entzündungen und superficiellen Keratitiden gesehen haben, veranlasst 
uns, das Mittel öffentlich zu empfehlen. Betrachten wir unsere Erfolge mit Anwendung 
des Gallicin bei den drei oben angeführten Krankheitsformen des Auges, so können wir 
es speciell für gewisse Formen von Conjunctivitis catarrhalis empfehlen. 

Es sind die Fälle, die mit chronischer Schwellung der Schleimhäute, geringer oder zäher 
schmieriger Secretion verlaufen und sich mit Ekzemen der Lidränder compliciren. Hier 
kommt in der That die Doppeleigenschaft des Mittels, die wir vorausgesetzt, Catarrhe 
und Hautkrankheiten günstig zu beeinflussen, zur Geltung. Als Beleg möge folgender 
Fall dienen: 

H., Elise, 42 Jahre. Nach Lidabscess und Chalazion Zurückbleiben eines chronischen 
Schwellungszustandes der Conjunctiva palpebrae, besonders der Uebergangsfalte. Vermehrte 
dickflüssige Secretion. Eczema angularis et marginalis palpebrae. Während 14 Tagen 
wurde alle 2 Tage touchirt mit 2°/o argentum nitricum Lösung, Blei Umschläge und weisse 
Procipitatsalbe verordnet, ohne Heilung zu erreichen. Vorübergehende Besserung trat 
ein, doch stets von einem Rückfall gefolgt. Hierauf Aufgeben obiger Therapie und An¬ 
wendung von Einstreuung in den Conjunctivalsack und Aufstreuung auf die eczematösen 
Lidränder von Gallicin lOmal innert weiteren 14 Tagen. Darauf Heilung. 

Aber auch bei catarrhalischen Zuständen wie sie nach eitriger Infection, schweren 
Entzündungen z. B. in Rückgang begriffener Panophthalmitis oder Hypopyonkeratitis 
zuweilen längere Zeit Zurückbleiben, hat sich uns das Mittel in vielen Fällen bewährt. 

Z. B. B., Giovanni, 18 Jahre. Ruptura bulbi. Beginnende Panophthalmitis. Sofortige 
Exenteratio bulbi. Am 3. Tag nach der Operation: schmieriger Catarrh mit starker 
Schwellung der Conjunctiva. Normalisirung des Schleimhautsecretes nach 2maligem Ein¬ 
streuen täglich von Gallicin innert 12 Tagen. 


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Ausserdem wird der Follicnlarcatarrh, sowohl die acute als auch die 
chronische Form, durch den gallussauren Methyläther günstig beeinflusst, was wir 
an 10 so behandelten Fällen beobachten konnten. Ferner finden wir in deu Kranken¬ 
journalen bei 8 Fällen von zurückbleibendem Catarrh nach Cataractextraction sehr günstige 
Wirkung unseres Mittels notirt. Nach 4—ümaliger Einstreuung hörte die lästige 
Secretion, mit der meist Lidödem verbunden ist, auf und wurde dadurch der Spital¬ 
aufenthalt dieser Patienten bedeutend abgekürzt. 

Unserer Voraussetzung entsprechend, dass Gallicin Hautkrankheiten günstig 
beeinflussen müsse, versuchten wir dasselbe bei dem Eczem der Conjunctiva 
der sog. phlyctänulären Augenentzündung und bei Keratitis 
superficialis. Bei 30 Fällen, die wir dieser Behandlung unterzogen, konnten wir 
uns von der Richtigkeit unserer Voraussetzung überzeugen. Besonders Randphlyctänen 
zeigten nach wenigen Einstreuungen ein rasches Abblassen und Zurückgehen. Neben 
der dem Galomel gleichkommenden guten Wirkung hat das Gallicin noch den Vorzug, 
dass es auch bei phlyctänulären Entzündungen mit vermehrter Secretion zur Anwendung 
kommen kann, da es beides günstig beeinflusst. Bei der Anwendung des Calomels 
gilt für uns vermehrte Secretion als Contraindication, da es nach unseren Beobach¬ 
tungen hier den Reizzustand erhöht. Als Beispiel möge folgender Fall dienen: 

H., Georgine, 16 Jahre. Pat. kam zur ersten Vorstellung, nachdem sie bereits 
14 Tage erkrankt war. Linkes Auge am nasalen und temporalen Hornhautrand mehrere 
breite auf die Hornhaut Ubergreifende Phlyctänen. Vermehrte Secretion und Schwellung 
der unteren Uebergangsfalte. Während 4 Tagen wurde Pat. 2mal mit 2°/o argentum 
nitricom Lösung touchirt, durch Atropintropfen Mydriasis unterhalten und laue Bleiumschläge 
verordnet. Der Schwellungszustand der Conjunctiva ging darauf etwas zurück, die ver¬ 
mehrte Secretion und die Phlyctänen blieben jedoch unverändert. Deshalb an Stelle obiger 
Therapie Einstreuungen von Gallicin. Schon nach einmaliger Anwendung war die ver¬ 
mehrte Secretion fast verschwunden, die Phlyctänen blasser und kleiner, und nach 4maligem 
weiterem Einstreuen, innert einer Woche, konnte Pat. geheilt aus der poliklinischen Be¬ 
handlung entlassen werden. 

Ebenso günstige Wirkung sahen wir bei der oft so langsam sich rückbildenden 
Keratitis superficialis, sowohl bei der selbständigen Form, als auch bei der¬ 
jenigen, welche sich auf mit Maculae behafteten Hornhäuten häufig einzustellen pflegt. 

Wir haben in dem Gallicin ein neues Mittel erhalten, dos nach unserer Erfahrung 
Berücksichtigung der Fachleute verdient. Während Dermatol und Gallanol an der 
hiesigen Klinik und Poliklinik langsam, man kann sagen durch sich selbst, ausser 
Anwendung gekommen sind, da sie keine besonderen Vortheile vor anderen Mitteln 
geboten haben, hält sich das Gallicin seit über einem Jahr in täglichem Gebrauch. 

Resumiren wir die oben kurz angegebenen therapeutischen Vorzüge des Gallicins, 
so können wir dasselbe besonders für Catarrhe der Bindehaut mit consecutivem Ekzem 
und Follikelbildung, ferner bei phlyctänulärer Entzündung und Keratitis superficialis 
empfehlen. 

Nach unseren Erfahrungen am Auge würde es sich lohnen, weitere Studien mit dem 
Mittel an Schleimhauterkrankungen anderer Organe und bei Hautkrankheiten zu machen. 

Bei dem geringen Gewicht der Substanz genügt die Verordnung von 1,0 gr. als 
Augenpulver. 


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lieber ein einseitiges objectiv hörbares Ohrgeräusch bei Aorteninsufficienz. 

Von Dr. Wilhelm Spirig in St. Gallen. 

Karl Gerhardt, bat uns seiner Zeit eine Aorteninsufficienz mit pulsirendem Penis 
demonstrirt und darauf hingewiesen, dass bei diesem Aortenfehler die Beobachtungen 
pulsirender Organe beliebig sich vermehren lassen. Es brauchen nur begünstigende 
Umstünde, wie Fieber, Tumorbildung etc. zum celeren Pulse binzuzukommen, um die 
rasche Dehnung der Arterienwand auf ein ganzes Organ sich ausbreiten und dieses 
für Auge und Gefühl pulsirend erscheinen zu lassen. Die pulsirende Milz ist öfter, 
die pulsirende Leber von Rosenbach beobachtet worden; die Niere konnte Gerhardt 
pulsirend fühlen, am Gaumenbogen ist das Pulsiron von F. Müller beschrieben 
worden. 

Die Aorteninsufficienz schafft aber erfahrungsgemäss auch günstige Bedingungen 
für spontane Ton- und Geräuschbildung in den peripheren Arterien. Kommen zu diesen 
noch besondere Umstände, wie Verengerung oder Erweiterung eines Arterienrohres, so 
werden a priori örtliche Geräusche eher entstehen als bei normaler Herzbeschaffenheit. 

Wie also dort die Celerität des Pulses das Zustandekommen einer Organpulsation 
ermöglicht, so wird sie hier das Auftreten abnormer acustischer Phänomene be¬ 
günstigen. 

Ich batte Gelegenheit, eine Beobachtung zu machen, welche diese Annahme 
illustrirt; da dieselbe gleichzeitig ein otiatrisches Interesse bietet, so möge sie kurz 
mitgetheilt sein. 

Herr 8., 33 J. alt, suchte unsere Hülfe wegen Verschleimung im Hals, Abnahme 
des Gehörs, besonders rechts, fortwährendem Ohrensausen und Schwindelgefühl nach. 

Die Schwerhörigkeit hatte seit 4—5 Jahren allmälig zugenommen und war ebenso lange 
mit Sausen verbunden. Links blieben die Erscheinungen stets erheblich geringer als 
rechts. Das Ohrrauschen war früher nach heftigen Körperanstrengungen intermittirend, 
etwa dem Puls entsprechend; seit Langem ist es nun ununterbrochen. 

Objectiv zeigt das rechte Ohr ein stark verdicktes, getrübtes Trommelfell ohne 
Lichtkegel, ohne auffallende Gefässe, ohne Pulsation; es besteht keine wesentliche Ein¬ 
ziehung, keine Narben. Links dasselbe in wesentlich geringerem Grade. Die Nase ist 
beiderseits eng, die Schleimhaut geröthet und geschwellt. Im Nasenrachen starke Schwel¬ 
lung und Röthung; zäher Schleim tritt aus einzelnen Spalten der Rachentonsillenreste 
hervor. Die Tubenöffnungen sind ohne Schwellung und Röthung, die Eustachischen Röhren 
gut durchgängig. 

Hörprüfung: Flüstersprache rechts 10 cm (Heinrich), links 40 cm, Conver- 
sationssprache rechts 1,5 m, links 4 m. Weber r> 1 Rinne beiderseits positiv, Knochen¬ 
leitung für Stimmgabel a 1 rechts 10", links 15" (normal 25"). 

Es handelte sich also um eine sclerosirende chron. Otitis und eine Rhino-Pharyn- 
gitis. Letztere heilte unter Arg. nitr.-Bebandlung. Gegen erstere wurde die übliche 
Therapie ohne besonderen Erfolg eingeleitet. 

Beim Cathetrisiren nun hörte ich einst durch das ins rechte Ohr eingeführte Otoscop 
ein schwaches blasendes Geräusch intermittirend, in seinem 
Rhythmus dem Puls entsprechend. Das Decrescendo-Geräusch setzte mit der Systole (Ar¬ 
terien diastolisch) am lautesten ein und nahm langsam ab, so dass es relativ lange 
dauerte und nur durch eine kurze Pause vom Anfang des nächstfolgenden Geräusches 
getrennt war. Ganz leichter Druck auf die rechte Carotis brachte das Geräusch zum 
Verschwinden noch ehe ein Druckgeräusch durch das Otoscop hörbar wurde. Erst bei 


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stärkerem Druck stellte sich ein scharfes blasendes Geräusch von kürzerer Dauer und 
höherer Tonlage als jenes Spontangeräusch ein. 

Seit der ersten Untersuchung habe ich das Ohrgeräusch oft wieder gehört, stets 
in denselben Characteren; andere Male konnte ich es nicht zu Gehör bekommen, trotzdem 
die an den grossen Gefässen wahrnehmbaren Töne und Geräusche nicht merkbar sich 
verändert hatten. 

Am linken Ohr gelang es mir nie, trotz gesteigerter Aufmerksamkeit, irgend ein 
Geräusch zu vernehmen. 

Aufsetzen des Stethoscops auf das rechte Ohr, auf den proc. mastoides, auf den 
Scheitel brachte das Ohrgeräusch nicht zur Wahrnehmung; auch durch den in die Eu¬ 
stachische Röhre eingeführten Catheter war es nicht hörbar. 

Die acustischen Phänomene über den Arterien verhielten sich folgendermassen: 
Rechte Carotis am Kieferwinkel: systolisches Geräusch kürzer und höher als das 
Ohrgeräusch, diastolisch weder Ton noch Geräusch. Rechte Carotis am Sternoclaviculargel.: 
Systolisches Geräusch und lauter diastolischer Ton. Rechte Subclavia: Systolisches Ge¬ 
räusch und lauter diastolischer Ton. Ttechte Brachialis bis Ellbeuge: Systolischer Ton, 
kein diastolischer Ton. Rechte Radialis: Tonlos. 

Auf der linken Seite verhalten sich die entsprechenden Gefasse wie rechts. Ueber 
den Crurales systolischer Ton, kein diastolischer. Durosiez ist in wenigen Versuchen 
nicht zu bekommen. 

Im Uebrigen besteht deutlicher Capillarpuls an der Haut der Stirne und dem Nagel¬ 
glied der Finger. Ophthalmoscopisch ist keine Pulsation sichtbar. 

Das Herz hat seinen hebenden Spitzenstoss nach unten und aussen verlegt, erzeugt 
eine Oberflächendämpfung von 12 cm Breite. An der Spitze wird ein schwacher systo¬ 
lischer Ton, kein Geräusch gehört, an der Aorta ein schwaches systolisches, nach den 
grossen Geiässen hin sich fortleitendes Geräusch und ein characteristisches diastolisches 
Blasen mit dem Orte der grössten Intensität am linken untern Sternalrand. 

Die übrigen Organe zeigen keine erkennbaren Abweichungen. 

Unser Interesse beansprucht das rechtsseitige Ohrgeräusch. 

Als ich dasselbe zum erstenmal hörte und von dem Herzleiden des Patienten, 
wie dieser selbst, noch keine Kenntniss hatte, suchte ich mir seine Erklärung in der 
Annahme eines localen Aneurysmas oder einer Aorteninsufficienz. Einmal aufmerk¬ 
sam gemacht, überzeugten mich die stark pulsirenden Carotiden von der hohen Wahr¬ 
scheinlichkeit letzterer Ursache. Alsdann konnte es sich auf den ersten Blick nur um 
ein fortgeleitetes Aortengeräusch handeln. 

An der Aorta bestand ein systolisches Geräusch, das sich continuirlich in die 
grossen Gefässe nach rechts und links hin gut hörbar erhielt; das Ohrgeräusch gleich¬ 
wertig aufzufassen, lag also sehr nahe. Gegen diese Annahme sprach aber die lange 
Dauer des Geräusches, welche diejenige des Carotisgeräusches am Kieferwinkel über- 
traf und die tiefere Tonlage. Sein Verschwinden bei einem so leichten Druck auf die 
Carotis, dass das fortgeleitete Geräusch am Kieferwinkel sich nicht änderte, Hess 
ebenfalls eine locale Entstehungsursache annehmen. 

Die Carotis interna, denn nur um diese kann es sich handeln, konnte durch Er¬ 
weiterung, durch Verengung, vielleicht durch ihren gewundenen Verlauf das Geräusch 
erzeugen. Von einer Erweiterung der Arterie lagen keine ferneren Zeichen vor. Ihr 
geschlängelter Verlauf ist wohl von zu geringer Ausdehnung, als dass dadurch ein 
Auscultationsbefund, ähnlich dem Uterin- oder Strumengeräusch geschaffen wor¬ 
den wäre. 


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Dagegen wird eine relative Stenosirung der Carotis am Eingang in den KnoChon- 
canal am ehesten das Phänomen erklären. Es hat bekanntlich Jur ose in seiner klinisch- 
anatomischen Abhandlung über das systolische Hirngeräusch der Kinder schon im 
Jahre 1877 jenes Fontanellengeränsch auf ein Missverhältnis zwischen Carotis und 
knöchernem Canal im Felsenbein zurückgefübrt. Die Weite des Carotiscanals ist eine 
Function der Arterie, entsprechend dem Kampf der Theile im Organismus. Bei der 
Aorteninsufficienz nun kann temporär die systolische Dehnung der Arterienwand die 
mittlere Weite des Rohres, die für die Lichtung des Knochencanals massgebend ist, 
erheblich übertreffen, so dass alsdann ein Missverhältnis zwischen Arterie und ihrer 
knöchernen Durchgangspforte auf der Höhe der Arteriendiastole entstehen und zur Ge¬ 
räuschbildung Veranlassung geben wird. 

Ist dieser Erklärungsversuch richtig, so wird zu andern Zeiten, wenn die Höhe 
des Pulses der Knochenlicbtung besser entspricht, das Geräusch verschwinden. Das 
ist auch bei dem Patienten eingetreten, denn ich suchte das Ohrgeräusch mehrmals 
vergebens, trotzdem die Geräusche an den grossen Halsgefässen sich nicht merkbar 
geändert hatten. 

Wesshalb linkerseits das Geräusch nicht zu Stande kam, liegt wohl in der Diffe¬ 
renz des Drucks und der Stromgeschwindigkeit zwischen beiden Seiten begründet. 
Kommen ihre Werthe links in diejenige Höbe wie sie jetzt rechts bestehen, so muss 
das Geräusch auch im linken Ohr eintreten. 

Man könnte strenge genommen für eine solche Erklärung einen anatomischen 
Beweis verlangen, wie Jurase ihn für den Kinderscbädel zu geben vermochte. Solche 
Erhebungen bei Aorteninsufficienz sind mir durch die verfügbare Literatur nicht bekannt 
geworden. Bedenkt man die Schwierigkeiten, welche es bieten muss, am Cadaver in 
der Füllung der Arterie die Verhältnisse herzustellen, wie sie bei der Aorteninsufficienz 
physiologisch liegen, so wird man wohl auf einen anatomischen Beweis verzichten 
müssen. Das Fehlen eines rein anatomischen Missverhältnisses zwischen Arterie und 
ihrem Canal ist noch kein Grund, ein physiologisches auszuschliessen. 

Es ist also das beschriebene Ohrgeränsch als eines 
der seltenen Stenosengeräusche peripherer Arterien auf¬ 
zufassen, zu Stande gekommen unter den für Ton- und Geräuschbildung sehr 
günstigen Verhältnissen der Aorteninsufficienz. 

Die Analogie mit dem beim Hirngeräusch der Kinder von Jurase gehörten Ca¬ 
rotisblasen drängt sich auf, nur wäre hier das Geräusch mehr in den vom Herzfehler 
abhängigen Druck- und Stromverhältnissen, dort in der Enge des Knochencanals bei 
normaler Circulation begründet. Wir besitzen meines Wissens keine Angaben über 
den Einfluss der Pulsqualität auf das Zustandekommen des systolischen Hirngeräuscbes. 
Methodische derartige Untersuchungen, verbunden mit der otoscopischen Behorchung 
der Carotis an ihrem Canal könnten, wie ich glaube, auf die noch nicht genau bekannte 
Ursache des Hirnblasens Licht werfen. 

Wie man in manchen Fällen von Aorteninsufficienz dem Kranken seinen Herz¬ 
fehler auf Distanz ansieht, so kann man — unser Fall zeigt dies — gelegentlich, ge¬ 
stützt auf ein systolisches Ohrgeräusch, den ungenügenden Klappenschluss an der 
Aorta vermuthen. 


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Den Otiater lehrt die Beobachtung, dass selbst objectiv hörbare Ohrgeräusche 
keine Beschwerden auszulösen' brauchen. Ob die Abnahme des Gehörs allein das er¬ 
klärt, erscheint zweifelhaft; wahrscheinlich übertönen die durch den sclerotischen Pro- 
cess verursachten subjectiven Gehörsempfindungen das systolische Blasen. 


Kleinere Mittheilungen. 

„Wendung und Extraction“ einer in die Harnblase gerathenen Haarnadel. 

Dass sich Fremdkörper in die Harnblase verirren, ist im Ganzen kein seltenes Ereigniss 
und jeder nur einigermassen beschäftigte Arzt wird schon hin und wieder in die Lage 
gekommen sein, Gegenstände auf diese oder jene Weise wieder herauszuholen. In dem 
vorliegenden Falle will ich auch nicht über die Thatsache sprechen, dass eine Haarnadel in 
solche verdächtige Regionen gelangen konnte, sondern nur über die Art und Weise, wie 
dieselbe auf unblutigem und auch sehr einfachem Wege wieder entfernt werden konnte. 

Jungfrau Kath. T., 30 Jahre alt, in Engelberg, klagte seit mehreren Wochen über 
heftige Schmerzen beim Uriniren; besonders gegen das Ende des Wasserlösens nahmen die 
Schmerzen oft eine solche Heftigkeit an, dass Pat. dabei ohnmächtig wurde; der Urin 
war stets mit viel Schleim und Eiter, in letzter Zeit beinahe immer mit Blut vermischt. 
Die Sondenuntersuchung der Blase liess ohne Schwierigkeit einen harten Fremdkörper von 
rauher Oberfläche erkennen, welcher Anfangs, da die Anamnese nichts Näheres ergeben 
wollte, für einen Blasenstein gehalten wurde. Die operative Entfernung desselben wurde 
auf einige Tage zurückversetzt. 

Am nächsten Tage kam schon etwas mehr Licht in die Sache, indem Pat. dem Herrn 
Dr. E. Cattani , welcher bisher behandelnder Arzt war, gestand, vor zwei Monaten (!) 
einmal mit einer Haarnadel an den Genitalien manipulirt zu haben; die Nadel sei 
dabei auf einmal spurlos verschwunden, und trotz eifrigstem Suchen in und unter dem 
Bette, bis auf den heutigen Tag (d. 29. Febr. 1892) noch nicht zum Vorschein gekommen; 
deshalb liege die Möglichkeit nahe, dass sie in der Harnblase stecke und an all den 
Beschwerden und Schmerzen Schuld sei. 

Nachdem Collega Cattani die Kranke tief chloroformirt hatte, begann ich die Harn¬ 
röhre zu dilatiren, und zwar Anfangs mit dem jRaJwer’schen Uterusdilatator, später mit 
dem Hegar'sehen Glasdilatatorium; nach ca. 15 Minuten war die Harnröhre so weit, dass 
ich mit dem kleinen Finger in die Blase dringen konnte; hier fühlte ich im orificium 
vesic®, frei in die Urethra hineinragend die eine Spitze der Haarnadel, während der andere 
Schenkel sich rechts davon in die Blasenwand einbohrte. Die Nadel war in dieser Stellung 
kaum beweglich. Den ersteren Schenkel konnte ich ohne Schwierigkeit mittelst einer 
amerikan. Kugelzange ergreifen; durch sanftes Empordrängen konnte auch die Nadel 
beweglicher gemacht werden, aber bei jedem Zug nach unten bohrte sich der andere 
Schenkel in die Blasenwand ein und hielt wie ein Widerhaken fest. Es gelang auch 
ohne Schwierigkeit den zweiten Schenkel für sich zu fassen, aber auch hier war das 
Resultat kein besseres, und beide Schenkel zugleich zu ergreifen und sie so herauszu¬ 
ziehen, war nicht möglich, weil der Durchmesser der Harnröhre eine genügend weite 
Oeffnung der Zange nicht gestattete. Ein blutiges Secret aus der Urethra mahnte ausser¬ 
dem von weiteren Versuchen in dieser Weise abzusehen. 

Während nun der Collega und ich beriethen, was im concreten Falle besser zu thun 
sei, entweder die Nadel in der Blase zu zertheilen und stückweise heraus zu befördern, 
oder aber die blutige Oeffnung der Blase, resp. den Steinschnitt vorzunehmen, kam mir 
der Gedanke, noch vorher einmal den Versuch zu machen, die Nadel auf den Kopf zu 
wenden, worauf dann, wenn einmal das runde Ende voraus liegt, eine Extraction in toto 
keine Schwierigkeiten mehr machen sollte. 


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Zu diesem Zwecke ging ich mit einer gewöhnlichen Uterussonde in die Blase ein, 
so zwar, dass die Sonde zwischen die Schenkel der Nadel zu liegen kam; in dieser Richtung 
schob ich sie soweit wie möglich vor. Die rauhe Oberfläche der Incrustationen erleich¬ 
terten dem Gefühle in ganz bedeutendem Maasse, sich richtig zu orieutiren. Am Ende 
zwischen den Schenkeln angelangt, drückte ich die Sonde gegen die obere und vordere 
Blasenwand, und drehte sie, mit letzterer immer Fühlnng behaltend, so weit nach rechts 
als es der Raum gestattete. Hierauf zog ich die Sonde — ihren Kopf immer gegen die 
vordere Blasenwand drückend — wieder heraus, und hatte die Freude, die auf ihr 
sitzende Haarnadel in toto herausspazieren zu sehen. 

Am obern Ende derselben waren die Incrustationen durch die Berührung mit der 
Sonde abgestossen worden; dieselben erscheinen überhaupt für einen zweimonat¬ 
lichen Aufenthalt in der Blase nicht sehr bedeutend. Der Extraction folgte sofort 
eine ergiebige Ausspülung mit Ac. salicyl in aq., innerlich Natr. salicyl. Am nächsten 
Tage bestand Incontinenz, welche am 3. Tage wieder verschwand. Der Schmerz und der 
Tenesmus nahmen ebenfalls rasch ab, so dass die Patientin schon nach Verlauf einer Woche 
frei ?on allen Harnbeschwerden war. 

Ein schonenderes Verfahren — bei solch’ vereinzelten Fällen wird man wohl kaum 
von einer „Methode“ sprechen dürfen — als das geschilderte lässt sich wohlfcaum denken; 
Verletzungen können dabei nicht wohl stattfinden, es sei denn, dass die Nadelspitzen während 
der Wendung die Blasenschleimhaut ritzten. Da aber während der ganzen Zeit der Druck 
in der den Spitzen entgegengesetzten Richtung stattfindet, werden diese auch nicht viel 
Unheil anzurichten im Stande sein, besonders wenn man sofort nach der Extraction die 
Blase mit antiseptischen Flüssigkeiten ausspült. Eine ausgiebige Spülung ist ja nach 
solchen Operationen schon aus dem Grunde nothwendig, um alle von dem Fremdkörper 
abgebröckelten Partikel der Incrustationen, welche einer spätem Concrementbildung Vorschub 
leisten könnten, herauszuschwemmen. 

Stansstad. Dr. Gubasch. 

Zusatz der Redaction: Folgenden Fall erlebte ich anno 1891/92. Die 
20jährige Halbidiotin Luise Str. von Langdorf-Frauenfeld war November und December 
1891 wegen Blutharnen und starkem Blasen tenesmus in ärztliche Behandlung getreten. 
Chemische und microscopiscbe Untersuchung des Urins vermochten keine vollkommene 
Klarheit in die Diagnose zu bringen; deshalb — und als auf mehr symptomatische Be¬ 
handlung der Zustand sich von Woche zu Woche eher verschlimmerte — unternahm ich 
am 20. Januar eine Untersuchung in Narkose. Der bei der tief chloroformirten Patientin 
eingefiihrte Silberkatheter entleerte stinkenden blutigen Urin und kam für einen Moment 
in Berührung mit einem harten Fremdkörper. Der in die Vagina eingefiihrte Finger 
ritzte sich im vordem Scheidengewölbe an einer Metallspitze. Dieselbe wurde unter 
Führung des Fingers mit Roser ’schein Nadelhalter gefasst und durch Ziehen und Drehen 
eine «rostige aber noch wenig incrustirte Haarnadel entwickelt, wobei ziemliche Gewalt 
angewendet werden musste. Dieses etwas rohe Verfahren (dem das oben geschilderte 
allerdings vorzuziehen gewesen wäre) hatte eine kleine Blasenscheidenfistel zur Folge, 
welche ambulant, unter Cocainanaesthesie angefrischt und mit Silberdraht vernäht wurde 
und anstandslos heilte. Alle Beschwerden hörten vom Momente an auf. Patientin gestand, 
aber erst nachdem das corpus delicti vorlag, sich 3 Monate zuvor eine Haarnadel in die 
Geschlechtstheile geschoben zu haben, E. Haffter . 


lieber Airol. 

Seit einiger Zeit bringt die Firma Hoflmann, Traub & Cie. in Basel ein neues 
Mittel auf den Markt, das verdient, die allgemeine Aufmerksamkeit der Aerzte auf sich 
zu ziehen und der Prüfung werth ist. Es ist dies das Airol, ein basisch gallussaures 
Bismuthoxyd — Dermatol — mit, an Stelle einer Hydroxylgruppe, eingeführtem Jod. 


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Schon wieder ein neues Mittel, mag Mancher denken; wird ihm auch gehen wie 
den meisten: erst warm empfohlen, als unschädlich und ungiftig gepriesen, für alle mög¬ 
lichen Krankheiten gut; der hinkende Bote wird in Gestalt von Warnungen vor unan¬ 
genehmen Nebenwirkungen schon hintendrein kommen. 

Ich glaube, man darf diesem neuen Mittel mit ruhigem Gewissen eine Zukunft Vor¬ 
aussagen. Der Wunsch nach einem Ersatz des, für Viele sehr unangenehm riechenden 
Jodofonnes hat das Dermatol, ebenfalls ein gallussaures Wismuthsalz, auf den Markt ge¬ 
bracht; das Bestreben, in dieses noch ein leicht abspaltbares Jodmolekül einzuführen, 
um ihm auch antiseptische Eigenschaften zu verleihen, hat das Airol entstehen lassen. 
Ob das Ziel, in diesem einen vollkommenen Ersatz für das Jodoform, besonders zur Be¬ 
handlung tuberculöser Affectionen zu schaffen, vollkommen erreicht worden, wird erst 
die Zukunft lehren. 

Das Airol ist ein graugrünes, sehr feines Pulver, geruch- und geschmacklos und 
lichtbeständig. An der Feuchtigkeit zersetzt es sich langsam, rascher in Wasser, zu 
einem rothen, noch basischeren Wismuthoxyjodidgallat; mit wenig Wasser und Glycerin 
gibt es eine ziemlich haltbare Emulsion, mit Vaseline und wasserfreiem Fett haltbare 
Salben. 

Was vor Allem zu einer Empfehlung des Airols berechtigt, ist seine sehr ausge¬ 
sprochene Eigenschaft, auf Wunden austrocknend zu wirken. Ich benütze nun das Airol 
seit circa einem halben Jahre und habe in dieser Zeit eine Anzahl frischer und älterer 
Verletzungen, besonders Verbrennungen, sowie vor Allem varicöse Unterschenkelgeschwüre 
damit behandelt und bis jetzt noch kein Mittel kennen gelernt, das die Secretion so sehr 
beschränkt und auch die umgebende Haut absolut nicht reizt. 

Ich verzichte darauf, die Fälle einzeln aufzuzählen und will nur einige anführen 
zur Illustration der erwähnten Eigenschaften. 

Einer der ersten Fälle, die ich mit Airol behandelte, war ein Mädchen mit Tumor 
albus des rechten Kniees, das mit Wasserglasverband aus dem Kinderspital entlassen 
worden war. Bei der Entfernung des Verbandes in der Poliklinik des Kinderspitals fand 
sich über der Patella ein stark 5-Mark grosser tiefer Decubitus, der nach der Reinigung 
mit Airol verbunden wurde. In drei Wochen war derselbe fast ohne Eiterung fast voll¬ 
ständig fest vernarbt. 

Eine frische Verletzung, bestehend in einer 10-Centimes grossen Abreissung der 
ganzen Dicke der Epidermis, so dass die Cutis bloss lag, überhäutete sich in fünf Tagen 
ohne einen Tropfen Eiter. 

Am auffallendsten trat die stark secretionsbeschränkende Wirkung des Mittels zu 
Tage bei einem 10 Centimeter langen, 5 Centimeter breiten und tiefen varicösen Unter¬ 
schenkelgeschwür. Nachdem durch 3—4tägiges Liegen die Hautentzündung zurückgegangen, 
wurde ein'Theil des Geschwürs mit Jodoform, ein anderer Theil mit Airol bestreut, um 
erst die Toleranz gegen letzteres kennen zu lernen. Da es gut ertragen wurde — ge¬ 
klagt wurde von keinem Patienten über unerträgliches Brennen — wurde dann das 
ganze Geschwür damit dick bestreut und ein Zinkleimverband angelegt, mit wel¬ 
chem Patientin wieder Gehversuche anstellte. Dieser erste Airolverband konnte volle 
8 Tage liegen bleiben und machte die Heilung unter dieser Behandlung bei sehr 
geringer Secretion rapide Fortschritte, so dass das grosse Geschwür nach circa 6 
Wochen geheilt war, ohne dass Patientin, mit Ausnahme der ersten Tage, an das Bett 
gebunden blieb. 

Dies möge genügen. Darüber, ob das Airol auf tuberculöse Affectionen ähnlich 
dem Jodoform eine specifische Wirkung besitze, habe ich keine Erfahrung, Denn man 
entschliesst sich nur ungern, von einem erprobten Mittel abzugehen und mit Anwendung 
eines neuen eventuell Zeit zu verlieren, und dann konnte der penetrante Geruch des 
Jodoforms kein Grund sein, davon Umgang zu nehmen, da er bei der Anwendung iu 
Einspritzungen nicht sehr stört. 


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In letzter Zeit habe ich das Airol auch intern angewendet in einem Falle von 
tuberculösen Darmgeschwüren bei einem 10jährigen Mädchen, das neben Diarrhoen oft 
über Leibschmerzen klagte. 0,1 zweimal täglich blieben ohne deutlichen Einfluss, während 
sowohl die Diarrhoen als die Leibschmerzen auf 0,2 pro dosi, zweimal täglich, erhebliche 
Besserung erfuhren. 

Unangenehme oder gar schädliche Nebenwirkungen habe ich bis jetzt keine beob¬ 
achten können. 

Basel. Dr. J. Fahrn. 


Vereinsberich te. 

Medicinische Gesellschaft der Stadt Basel. 

SifziMff von 17. Jannar 1895.') 

Präsident: Dr. Ho ff mann. — Actuar: Dr. VonderMühll. 

Dr. Bider lehnt die auf ihn gefallene Wahl zum Präsidenten endgültig ab. Prä¬ 
sident wird Dr. Hoff mann, Oassier Dr. Carl Hagenbach. 

Dr. Coming wird als ordentliches Mitglied aufgenommen. 

Der Actuar verliest einen Nekrolog über den verstorbenen Nestor der Gesellschaft, 
Dr. August Burckhardt. Die Gesellschaft erhebt sich in ehrendem Andenken an den 
Verstorbenen von den Sitzen. 

Dr. Fdhm stellt einen Fall von Sclerodernfe (Sclerodaktylie, cicatrisirendes Haut- 
sclerom, Panaritium nervosum) vor. Pat., 33 Jahre alt, hereditär nicht belastet, vom 
14. Jahre an für mehrere Jahre an Chlorose leidend, sonst nie krank. Entwicklung der 
jetzigen Krankheit vor ca. 10 Jahren unter Erscheinungen von Akroparmsthesien, Ein¬ 
schlafen der Fingerbeeren, dann nach und nach der ganzen Finger; zunehmende Ver¬ 
dickung der Haut, vor 3—4 Jahren auf Handrücken, Handgelenke, Vorderarme und 
Gesicht (Stirne) übergreifend. Seit 4 Jahren öfters Panaritien. — Auffallend vor Allem 
der eigentümlich starre Gesichtsausdruck. Haut der Stirne derb, unelastisch, Finger¬ 
eindrücke längere Zeit zurückbleibend. Stirne kann activ noch wenig gerunzelt, von 
der Unterlage nicht abgehoben werden. Schwund des retrobulbären Fettgewebes; 
Haut der Wangen wie die der Stirne. Lippen dünn. Am Hals dunkle Pigmentirung bis 
gegen Brust hin. Rechter Oberarm deutlich atrophisch; Haut ebenfalls derb. Je weiter 
peripher man geht, desto dichter liegt die Haut der Unterlage an; Finger wie holzig. 
Rechtes Handgelenk theilweise versteift; besonders gehemmt ist Dorsal- und Volarflexion, 
auch Öfters Schmerzen im rechten Handgelenk. Auch die Metacarpophalangeal- und die 
Interphalangealgelenke partiell versteift in Folge der Rigidität der Haut. Die Nägel 
krallenartig, sehr spröde. Die Finger sind in der Kälte wachsartig, hypersesthetisch, 
schmerzen heftig, schwitzen im Sommer meist sehr stark. Zahlreiche Narben von über¬ 
standenen Panaritien; diese beginnen meist mit subcutanem Blutaustritt, der sehr lang¬ 
sam in Eiterung und ebenso langsam in Heilung übergeht. Diese Panaritien auffal¬ 
lend wenig schmerzhaft. Einzig objectiv nachweisbare Veränderung der Sensibilität ist 
neben einer sehr deutlich verlangsamten Leitung, eine Hyperästhesie auf Aussenseite 
beider Oberarme, und eine deutliche Hyperästhesie gegen den faradischen Strom, in Folge 
von Erhöhung des Leitungswiderstandes der verdickten Haut. Herz, Lungen und Nieren 
intact. Von Seiten der Digestionsorgane ist nur öfteres Magenbrennen vorhanden. Diese 
progressiven Beschwerden übten auch auf Psyche einen depressorischen Einfluss aus. — 
Dieser Fall ist ein ziemlich reiner der immerhin nicht gerade häufigen Erkrankung. Es 
werden dann noch nach der in der Deutschen med. Wochenschrift publicirten Arbeit von 
Eulenburg über dieses Thema, die pathologische Anatomie, Aetiologie, Vorkommen, Pro¬ 
gnose und Therapie kurz besprochen. 

l ) Eingegangen 26. Februar 1895. RedL 


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Sitzung vom 7. Februar 1895. 

Präsident: Dr. Hoff mann. — Actuar: Dr. VonderMühll. 

Dr. Marti: (Jeher sobcoqjanctlvale Kochsmlzinjeetionen nnd ihre therapeutische 

Wirkung in der Augenheilkunde. Der Vortrag bildet ein zusammenfassendes Referat 
über die beiden jüngsten Publicationen aus der Basler Augenklinik von Herrn Prof. Schiess , 
welche sich mit der Umgestaltung und principiell veränderten Auffassung der seit einigen 
Jahren in die Augenheilkunde eingeführten Methode der subconjunctivalen Injectionen be¬ 
fassen. Eb sind dies die Arbeit von Dr. C . Mellinger : „Klinische und experimentelle 
Untersuchungen über subconjunctivale Injectionen und ihre therapeutische Bedeutung“ 
(als Separatabdruck aus dem Archiv für Augenheilkunde von Knapp und Schweigger er- 
schiepen), sowie die Inauguraldissertation des Referirenden (Basel, Verlag von C. Sali- 
mann): „Ueber subconjunctivale Kochsalzinjectionen und ihre therapeutische Wirkung bei 
destructiven Hornhautproce ssen “. 

Die von Prof. Regmond und Dr. Secondi in Turin im Jahre 1889 empfohlenen, auf 
Galenga 's Impfversuche sich stützenden subconjunctivalen Injectionen von Sublimat bei ver¬ 
schiedenen Augenaffectionen, die besonders von französischer Seite mit Enthusiasmus auf¬ 
genommen wurden, in der Folge bei Ophthalmologen aller Länder Eingang fanden, sind 
auch auf der Basler opbthalmologischen Klinik seit dem Jahre 1892 in Anwendung ge¬ 
bracht worden. 

Man hat sich an die von Regmond empfohlene Sublimatlösung von 1 : 2000,0 mit 
l /io°Jo Kochsalz gehalten, von der Injection der übrigen, von anderer Seite empfohlenen, 
desinficirenden Flüssigkeiten, wie Jodtrichlorid, Natr. salicyl. etc. abgesehen, sich stets nur 
der subconj unctivalen Injection bedient und von der Injection in die Tenori sehe 
Kapsel und in den Glaskörper Umstand genommen und bald sich bei der Application auf 
die destructiven Hornhautprocesse beschränkt, da man hierbei die sichersten Erfolge con- 
statiren konnte. 

Weniger ermunternd waren indess die subjectiven und objectiven Beigaben des 
Verfahrens: Grosse, fast unerträgliche Schmerzhaftigkeit, sowie Reiz- und Entzündungs¬ 
erscheinungen im subconjunctivalen Gewebe mit Hinterlassung fester Adhäsionen zwischen 
Conjunctiva und Sclera und Obliteration des subconjunctivalen Raumes. Thierversuche mit 
Injectionen einer ganzen Pravazspritze, statt der üblichen Spritze, hatten sogar 
Schrumpfung des Conjunctivalsackes mit Entropium zur Folge, während zahlreich applicirte 
Injectionen einer Lösung von 1 :4000 keine Reiz- und Entzündungserscheinungen im 
Gefolge hatten. Bei entsprechenden Erkrankungen des menschlichen Auges dagegen 
zeigten diese schwachen Lösungen die nämlichen Resultate der frühem starken Lösungen. 
— Es musste in Folge dessen zweifelhaft werden, ob so noch das Sublimat als Des- 
inficiens das wirksame Agens sei, oder ob nicht etwa die Einwirkung der injicirten Flüssig¬ 
keit an sich auf die Lymphcirculation in Betracht falle. 

Von diesem Gedanken geleitet, schritt man zur Injection vorerst von physiologischer 
Kochsalzlösung, erhöhte sodann die Concentration bis zu 2 und 4°/o, von der Annahme 
ausgehend, dass ein stärkerer Salzgehalt der Lösung auch eine grössere Alteration des 
Lymphstromes zur Folge haben dürfte. Seit December 1898 werden nun in Basel 
systematisch subconjunctivale Kochsalzinjectionen besonders bei destructiven Hornhaut- 
processen in Anwendung gebracht. 

Die Resultate sind mindestens so gute als die früher mit Sublimatinjectionen er¬ 
zielten, ohne eine Spur der unangenehmen subjectiven und objectiven Begleiterscheinungen 
der Letztem. Eine vorläufige Casuistik umfasst 3 Fälle von Infiltrationskeratitis, 8 Fälle 
von Ulcus corne®, 5 Fälle von Ulcus corne® mit Hypopyon complicirt und 9 Fälle von 
sog. Hypopyonkeratitis oder Ulcus serpens Sämisch . Ein grosser Theil der Fälle wurde 
bloss ambulatorisch behandelt, sogar l /z aller Fälle von Hypopyonkeratitis. Allerdings 
wurde die bisher hier in Basel in solchen Fällen übliche Therapie beibehalten: Mydriatica, 
feuchte Wärme abwechselnd mit Contentivverband. Die Erfolge waren überraschend, und 


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selbst bei Hypopyonkeratitis verschwanden sogar grosse Hypopya bei ambulanter Behand¬ 
lung und schlechten äussern Verhältnissen mit einer Raschheit, die man hier bis anhin 
zu beobachten nicht gewohnt war. — Nie kam es zu einem Staphylom, ein einziges Mal 
zu einem Leukoma adhaerens mit übrigens gut erhaltenen peripheren Hornhautpartien, 
während die übrigen Fälle, sowie die von Jnfiltrations- und Ulcerationskeratitiden meist 
mit spiegelnder Facette, kleiner Macula oder ohne jegliche optische Störung ausheilten. 
— Eine Panacee für alle Fälle von schwerer Hypopyonkeratitis wird indessen auch diese 
Behandlungsmethode nicht sein. — Was aber für die practische Verwerthbarkeit der 
Methode von grosser Bedeutung ist, liegt in der leichten Anwendbarkeit derselben selbst 
in der ambulatorischen Praxis. — Durch Experimente und die klinische Erfahrung hatte 
man sich von der Bedeutungslosigkeit der desinficirenden Eigenschaften der injicirten 
Flüssigkeit überzeugt, die günstige Wirkung der Kochsalzlösung aber findet in 
den Resultaten der physiologischen Forschungen von Ragowits und Heidenhain 1 ) eine 
Stütze und annehmbare physiologische Erklärung. Unter den schon von Ragotoüz so be¬ 
nannten Lymphagogis zeichnet sich nach Heidenhain 's Versuchen unter jener Olasse von 
lymphtreibenden Mitteln, die durch Ueberführung von Wasser aus den Gewebselementen 
in die Lymphspalten eine Steigerung der Lymphbildung bewirken, besonders das Koch¬ 
salz durch das grösste Wasseranziehungsvermögen aus. 0,6—0,79 Kochsalz pro Kilo 
Körpergewicht ins Blut injicirt, ist im Stande, den Lymphstrom auf das 5—6fache zu 
steigern. 

Die directe Einbringung von Kochsalzlösung um und in die Lymphränme des 
erkrankten Hornhautgewebes oder dessen Circulationsgebietes muss daher auch eine 
eventuell noch stärkere Wirkung auf den dortigen Lymphstrom haben, womit aber 
eben sowohl gesteigerte Abfuhr von Zerfallsproducten und infectiösen Stoffen, als 
vermehrte Zufuhr von Ernährungsflüssigkeit Hand in Hand geht. — Damit sind aber 
auch die nothwendigen Bedingungen rascher Rückbildung und Heilung destructiver 
Processe gegeben. 

Das Resumö des Referates liegt in folgenden Sätzen: 

1) SubconjunctivaJo Sublimatinjectionen beeinflussen destructive Hornhautprocesse 
günstig, führen jedoch zu adhäsiver Entzündung und Obliteration des subconjunctivalen 
Raumes. 

2) Subconjunctivale Kochsalzinjectionen leisten uns wenigstens die gleichen Dienste 
ohne die Nachtheile der Sublimatinjectionen. 

3) Die günstigen Erfolge der subconjunctivalen Injectionen beruhen überhaupt nicht 
auf der desinficirenden Wirkung der angewandten Lösungen, sondern auf der anregenden 
und beschleunigenden Wirkung auf die Lymphcirculation. 

4) Die Anregung und Beschleunigung der Lymphcirculation hat nothwendigerweise 
eine rasche Resorption und Elimination schädlicher Stoffe zur Folge, wodurch der Heilungs- 
process gefördert wird. 

5) Nach den Versuchen Heidenhain 's gehört die Kochsalzlösung zu den kräftigsten 
lymphtreibenden Mitteln und haben wir für ihre von uns klinisch constatirte günstige 
Wirkung eine annehmbare physiologische Erklärung. 

Dr. Hoffmmn: Eis Fall von LöfBer’scher Diphtherie mit Heilserum behan¬ 
delt. Der Fall ist hauptsächlich dadurch bemerkenswerth, dass am ersten Tag in 
der entnommenen Membran keine Löffler'scheu Bacillen gefunden wurden, während 
am 4. Tage viele solcher Bacillen nachweisbar waren. Der schwere Fall verlief 
nach der Injection gut; an der Injectionsstelle trat am 6. Tage eine circumscripta Ur¬ 
ticaria auf. 


l ) Heidenhain : „Versuche und Fragen zur Lehre von der Lymphbildung.* Bonn 1891. 


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Zürcher Gesellschaft für wissenschaftliche Gesundheitspflege. 

Deo 25. Juli 1894 1 ) (Gemeinschaftlich mit der Gesellschaft der Aerzte.) 

Besichtigung der gewerbehygienischen Sammlung des Polytechnikums in der Zürcher 
tiewerbeaossteiliiDg unter Führung des Actuars. 

Die Sammlung enthält gegen 330 Gegenstände zum Theil aus dem Gebiete der 
Hygiene, zum Theil aus demjenigen der Unfallverhütung. Unter den erstem sind nament¬ 
lich die zahlreichen Modelle betreffend Ventilation von Wohnungen und Fabrikräumen 
hervorzuheben, welche uns die einfachen und complicirteren Mittel zur Lufterneuerung 
vor Augen führen von den Klappfenstern und Glasjalousien bis zu den Centrifugal- 
und Schraubenventilatoren in Verbindung mit Vorrichtungen zur Befeuchtung, Reini¬ 
gung, Abkühlung oder Erwärmung der eintretenden Luft. Von besonderm luteresse 
sind auch die verschiedenen Staubabsaugungen an Haderntischen, Drehbänken und Scbmir- 
gelscheiben. 

Ausserdem finden wir aus dem Gebiete der Lufthygiene Kohlensäurebestimmungs- 
Apparate, ferner solche zur Bestimmung der Luftfeuchtigkeit, Anemometer etc. 

Eine Collection von Respiratoren und Staubmasken, ferner die verschiedensten 
Schutzbrillen aus Glas, Glimmer und Drahtgeflecht, Schutzmittel gegen Verbrennung aus 
Asbestgewebe und eine Arbeiterschutzkleidung sind die erwähnensworthesten Gegenstände 
für die persönliche Ausrüstung der Arbeiter. Unter den maschinellen Schutzvorrichtungen 
sind namentlich diejenigen zur Verhütung von Unfällen an Transmissionen zu erwähnen, 
wie Verdecke, Riemenaufleger der verschiedensten Systeme, Auskehrungen etc. 

Von allgemeinem Interesse sind die verschiedenen Systeme von Aufzügen, welche 
namentlich Unglücksfalle durch Reissen des Fahrstuhlseils und das Hinabstürzen von 
Arbeitern durch den offenen Schacht unmöglich machen sollen. Wie wir Verletzungen 
durch das Zerspringen der Wasserstandsgläser Vorbeugen können, zeigen uns die ver¬ 
schiedenen, zum Theil sehr rationellen Schutzgläser. Immer mehr haben sich in letzter 
Zeit gewisse Schutzvorrichtungen in der Holzbearbeitungsindustrie eingebürgert, nament¬ 
lich bewähren sich die auch in unserer Sammlung befindlichen Frareenverdecke und Spalt¬ 
klingen. An Schutzvorrichtungen der Textilindustrie sind eine grosse Zahl von Schützen¬ 
fängern, ferner Battemverschlüsse, Schienenräumer etc. vorhanden. Andere Branchen, 
wie die chemische und Metall-Industrie und das Baugewerbe sind vorderhand nur durch 
eine kleine Zahl von Modellen vertreten; doch steht eine Ausdehnung der Sammlung 
auch in dieser Richtung für die nächste Zeit in Aussicht. Roth. 

SltiuBg vom 14. November 1894 im Caft Safran.’) 

Präsident: Prof. 0. Wyss . — Actuar: Prof. 0. Roth. 

1) An Stelle des verstorbenen Herrn Nationalrath Biirkli-Ziegler wird Herr Prof. 
K. Egli in den Vorstand gewählt. 

2) Prof. Dr. Oscar TVyss (Antoreferat) berichtet über Versuche, die er im Aufträge der 
Zürcher Sanitätsdirection über eine neue Art von Särgen, Tachyphag genannt, angestellt hat. 
Dieselben werden in Chaux-de-Fonds hergestellt und bestehen aus einer durch ein Holz¬ 
gerippe verstärkten Gypsmasse. Es sind in München bereits Versuche mit diesem Sarge 
in Vergleichung mit dem Holzsarge angestellt worden, die ergeben haben, dass ein Thier- 
cadaver, der im Tachyphag beerdigt war, sich rascher zersetzte, als ein solcher im Holz¬ 
sarge, und Aehnliches lehrte ein von Stadtarzt Dr. Leuch in Zürich vorgenommener 
Versuch. 

Vortragender hat im März 1894 fünf Thierleichen, Kaninchen und Meerschweinchen, 
am 29. Mai 8 solche, am 25. Juli 16 solche theils in Holzsärgen, theils in Tachyphagen 
an einer noch nie benutzten Stelle des jetzigen Spitalfriedhofes in gewohnter Gräbertiefe 
in 4 Gräbern beerdigen lassen. Die Minimaldistanz der kleinen Särge betrug 10 cm. 

*) Eingegangen 11. März 1895. Red. 


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Am 17. Oct. fand die Exhumation säraratlicher Leichen statt. Evident wiesen die im 
Tachyphag bestattet gewesenen Cadaver weiter vorgeschrittene Zersetzung auf, als die¬ 
jenigen im Holzsarge. In einigen Särgen befand sich von aussen eingedrungenes Wasser, 
da das Terrain sehr nass war; dieses hemmte begreiflicherweise die Zersetzung. Die 
stärkere Zersetzung in den Tachyphagen gegenüber den Holzsärgen war namentlich um 
so deutlicher, je längere Zeit von der Bestattung bis zur Exhumirung